Spurgeon, Charles Haddon - Der Seelengewinner.

Gehalten am Donnerstag Abend, den 20. Januar 1876.

„Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens und ein Weiser nimmt sich der Leute herzlich an!“ Sprüche Sal. 11,30. Engl. Ueb.: „Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens, und wer Seelen gewinnet, ist weise.“

Ich hatte gestern Abend sehr große Freude – Viele von euch wissen, weshalb, aber Einige wissen es nicht. Wir hatten unsre jährliche Gemeindeversammlung und es war ein sehr erfreulicher Anblick, so viele Brüder und Schwestern in herzlicher Liebe verbunden zu sehen, in Eine Masse zusammengeschmiedet durch gemeinsame Sympathien und festhaltend an „an Einem Herrn, Einem Glauben und Einer Taufe.“ Denkt an eine Gemeinde von 4900 Mitgliedern! Eine solche Gemeinschaft ist in jedem Zeitalter selten zusammengebracht, und im gegenwärtigen Jahrhundert ist sie ohne Parallele. „O Herr, du hast des Volkes viel gemacht und die Freude ist groß. Sie freuen sich vor dir, wie man sich freuet in der Ernte.“ Es bringt Einem Thränen in’s Auge, auf so Viele zu blicken, die sich als Glieder am Leibe Christi bekennen. Die Hoffnung, daß so Viele als Brände aus dem Feuer gerissen und von dem zukünftigen Zorn errettet sind, ist in sich selber außerordentlich tröstlich, und ich fühlte die Freude darüber, während ich mit den Brüdern und Schwestern in Christo Jesu zusammen war. Indeß, als ich nachher daran dachte, schien mir, daß es eine höhere Freude in dem Hinblick auf eine Gemeinschaft Gläubiger gäbe, als die, welche nur daraus entspringt, daß man sie als errettet betrachtet. Nicht, als wenn nicht eine große Freude in der Errettung wäre, eine Freude, werth, die Harfen der Engel in Bewegung zu setzen. Denkt an des Heilandes Todesschmerz bei dem Lösegeld für Jeden seiner Erlösten, denkt an das Werk des Heiligen Geistes in jedem erneuerten Herzen, denkt an die Liebe des Vaters, die auf Jedem der Wiedergebornen ruht; ich könnte nicht, wenn ich einen Monat lang darüber redete, all’ die Fülle der Freude darlegen, die in einer großen Anzahl Gläubiger gesehen wird, wenn wir nur auf das blicken, was Gott für sie gethan, an sie verheißen hat und ihnen erfüllen wird. Aber es ist noch ein weiteres Feld des Gedankens und meine Seele ist diesen Tag darüber hingegangen, – der Gedanke an die Fähigkeiten für Dienste, die in einer zahlreichen Schaar Gläubiger enthalten sind, die Möglichkeiten, Andern zum Segen zu werden, die in dem Busen der Wiedergebornen liegen. Wir müssen nicht so sehr an das denken, was wir schon sind, daß wir darüber vergessen, was der Herr durch uns an Andere wirken kann. Hier sind die Feuerkohlen, aber wer kann den Brand beschreiben, den sie verursachen könnten?

Wir sollten die christliche Kirche nicht sowohl als ein elegantes Hotel ansehen, in dem christliche Rentiers nach ihrer Bequemlichkeit jeder für sich in seinen eignen Gemächern leben könnten, sondern als Baracken, in denen Soldaten zusammen sind, um für den Krieg eingeübt und tüchtig gemacht zu werden. Wir sollten die christliche Kirche nicht als eine Gesellschaft für gegenseitige Bewunderung und Tröstung ansehen, sondern als eine Armee mit Bannern, die zum Kampfe marschiert, um Siege für Christum zu gewinnen, die Festungen des Feindes zu erstürmen und eine Provinz nach der andern dem Reiche des Erlösers hinzuzufügen. Wir können Bekehrte, wenn sie in kirchlicher Gemeinschaft vereint sind, als eben so viel Weizen in der Kornkammer ansehen. Gott sei gedankt, daß er da ist, und daß so weit die Ernte den Säemann belohnt hat; aber viel mehr die Seele begeisternd ist der Anblick, wenn wir jeden dieser Gläubigen als Einen betrachten, der zu einem lebendigen Mittelpunkt für die Ausbreitung des Reiches Jesu gemacht werden kann, denn dann sehen wir sie, wie sie die fruchtbaren Thäler unsers Landes besäen und versprechen binnen Kurzem Frucht zu bringen, Einige dreißig-, Einige vierzig-, Einige fünfzig- und Einige hundertfältig. Die Fähigkeiten des Lebens sind ungemein groß, Eins wird Hundert in einem wunderbar kurzen Zeitraum. Innerhalb einer kurzen Zeit würden ein paar Weizenkörner hinreichen, die ganze Welt zu besäen, und einige wenige wahre Heilige möchten hinreichen zur Bekehrung aller Völker. Nehmt nur das, was aus einer Aehre kommt, verwahrt es wohl, säet es Alles, verwahrt es wieder das nächste Jahr und dann säet es wieder Alles und die Vervielfältigung übersteigt beinahe die Kraft der Berechnung. O, daß jeder Christ so Jahr auf Jahr des Herrn Saatkorn wäre! Wenn aller Weizen der Welt bis auf ein einziges Korn verdorben wäre, so würde man nicht viele Jahre brauchen, um die ganze Erde wieder zu erfüllen und all’ ihre Felder und Ebenen zu besäen; aber in einer viel kürzern Zeit könnte Ein Paulus oder Ein Petrus in der Kraft des Heiligen Geistes alle Lande evangelisiren. Betrachtet euch selbst als Weizenkörner, bestimmt, die Welt zu besäen. Derjenige lebt groß, der es so ernst nimmt, als wenn das ganze Dasein des Christenthums von ihm abhinge und entschlossen ist, daß Allen, die in seinem Bereich sind, die unerforschlichen Reichthümer Christi kund gemacht werden sollen.

Wenn wir, die von Christo als sein Saatkorn gebraucht werden, nur alle umhergestreut und gesäet wären, wie wir es sein sollten, und alle aufsprössen und den grünen Halm und das Korn in der Aehre hervorbrächten, welche Ernte würde es geben! Wiederum würde es erfüllt werden: „Auf Erden, oben auf den Bergen wird das Getreide dick stehen“ – eine sehr schlechte Stelle dafür – „seine Frucht wird beben wie Libanon, und wird grünen in den Städten, wie Gras auf Erden.“ Möge Gott uns verleihen, heute Abend etwas von des heiligen Geistes lebendigmachender Kraft zu fühlen, während wir miteinander reden, nicht so sehr von dem, was Gott für uns gethan hat, als was Gott durch uns thun könnte und wie weit wir uns selbst in den rechten Zustand bringen könnten, um von ihm gebraucht zu werden.

Es sind zwei Dinge in dem Texte und diese sind mit großer Bestimmtheit in zwei Sätzen dargelegt. Das erste ist: das Leben des Gläubigen ist oder sollte sein voll von Segen für Seelen – „die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens.“ Zweitens: das Streben des Gläubigen sollte immer das Gewinnen von Seelen sein. Das zweite ist dem ersten sehr gleich, nur stellt das erste unsern unbewußten Einfluß dar und das Zweite die Anstrengungen, die wir machen mit dem ausgesprochenen Zwecke, Seelen für Christum zu gewinnen.

1.

Laßt uns beim Anfang anfangen, weil das Zweite nicht ohne das Erste ausgeführt werden kann; ohne Fülle des Lebens in uns, kann kein Ueberfließen des Lebens zu Andern sein. Es ist vergeblich für Einen von euch, zu versuchen, Seelengewinner zu sein, wenn ihr in eurem eigenen Leben keine Frucht traget. Wie könnt ihr dem Herrn mit euren Lippen dienen, wenn ihr ihm nicht mit eurem Leben dient? Wie könnt ihr mit euren Zungen sein Evangelium predigen, wenn ihr mit Händen, Füßen und Herzen des Teufels Evangelium predigt und den Antichrist durch euren unheiligen Wandel aufstellt? Wir müssen erst Leben haben und der göttlichen Ehre persönliche Furcht bringen, dann wird die Bekehrung Anderer aus unserm Beispiel entspringen. Laßt uns zu dem Urquell gehen und sehen, wie wesentlich das eigene Leben des Menschen ist, wenn er Andern nützlich sein soll. Das Leben des Gläubigen ist voll Segen für Seelen: diese Thatsache wollen wir betrachten in ein paar Bemerkungen, die aus unserm Text entspringen; laßt uns zuerst bemerken, daß des Gläubigen äußeres Leben als eine Frucht von ihm kommt. Dies ist wichtig für unsre Beobachtung. Die Frucht des Gerechten – das will sagen, sein Leben – ist nicht etwas, das auf ihm befestigt ist, sondern es wächst aus ihm heraus. Es ist nicht ein Kleid, das er an- und auszieht, sondern es ist unzertrennlich von ihm. Des aufrichtigen Menschen Religion ist der Mensch selber und nicht ein Mantel, der ihn verbirgt. Wahre Gottseligkeit ist das natürliche Gewächs einer erneuerten Natur, nicht das erzwungene Gewächs frommer Treibhausaufregung. Ist es nicht natürlich für einen Weinstock, Trauben zu tragen? natürlich für eine Palme, Datteln zu tragen? Gewiß, eben so natürlich als es für die Sodomsäpfel ist, auf Sodomsbäumen zu wachsen und für schädliche Pflanzen, giftige Beeren hervorzubringen. Wenn Gott den Seinen eine neue Natur giebt, so entspringt das Leben, welches aus derselben kommt, freiwillig aus ihr. Der Mensch, der eine Religion hat, die nicht ein Theil und Stück von ihm selber ist, wird bald entdecken, daß sie schlimmer als nutzlos für ihn ist. Der Mensch, der seine Frömmigkeit wie eine Maske beim Carneval trägt, so daß er, wenn er zu Hause kommt, sich aus einem Heiligen in einen Barbaren wandelt, aus einem Engel in einen Teufel, aus Johannes in Judas, als einem Mildthätigen in einen Zanksüchtigen, – solch’ ein Mensch, sage ich, weiß sehr wohl, was äußeres Werk und Heuchelei für ihn thun können, aber er hat keine Spur von wahrer Religion. Feigenbäume tragen nicht Feigen an gewissen Tagen und Dornen zu andern Zeiten, sondern sie sind ihrer Natur zu allen Zeiten treu. Die, welche meinen, daß Gottseligkeit eine Sache der Kleidung ist und in naher Verbindung mit Blau und Scharlach und feiner Leinwand steht, handeln folgerichtig, wenn sie ihre Religion sparen für die passende Zeit zum Tragen ihren heiligen Pompes, aber wer gefunden hat, was das Christenthum ist, weiß, daß es weit mehr ein Leben ist, als ein Akt, eine Form oder ein Bekenntniß. So sehr ich auch das Glaubensbekenntniß der Christenheit liebe, so bin ich doch bereit, zu sagen, daß wahres Christenthum weit mehr ein Leben als ein Glaubensbekenntniß ist. Es ist ein Bekenntniß, und es hat seine Ceremonien, aber es ist hauptsächlich ein Leben; es ist ein göttlicher Funke von des Himmels Flamme, der in den menschlichen Busen fällt und darin brennt, vieles verzehrt, das in der Seele verborgen liegt und dann zuletzt als ein himmlisches Leben aufflammt, so daß die, welche umher stehen, es sehen und fühlen. Unter der einwohnenden Macht des heiligen Geistes wird ein Wiedergeborner jenem Busch in Horeb gleich, der ganz von der Gottheit glühte. Der Gott in ihm macht ihn so scheinen, daß der Platz um ihn der heiliger Grund wird und die, welche auf ihn blicken, die Macht seines geheiligten Lebens fühlen. Lieben Brüder, wir müssen Sorge tragen, daß unsere Religion immer mehr und mehr etwas wird, das aus unserer Seele herauswächst. Manche Bekenner sind eingehegt mit „du musst dies oder das nicht thun,“ und werden vorwärts getrieben mit: „du musst dies und du musst das thun.“ Aber es giebt eine nur zu oft verkehrte Lehre, die aber nichts destoweniger eine selige Wahrheit ist und in unsern Herzen wohnen sollte: „Ihr seid nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade:“ deshalb gehorcht ihr nicht dem Willen Gottes, weil ihr dadurch den Himmel zu gewinnen hofft, oder dem göttlichen Zorn durch euer eigenes Thun zu entrinnen wähnt, sondern, weil ein Leben in euch ist, das nach demjenigen strebt, was heilig, rein, recht und wahr ist und das nicht ertragen kann, was böse ist. Ihr trag Sorge, gute Werke zu vollbringen, nicht aus gesetzlicher Hoffnung oder gesetzlicher Furcht, sondern weil etwas Heiliges in euch ist, von Gott geboren, das seiner Natur nach zu thun sucht, was Gott gefällt. Sehet mehr und mehr zu, daß eure Religion wirklich, wahr natürlich, lebendig sei – nicht künstlich gezwungen, oberflächlich, eine Sache der Zeiten, Tage, Orte, ein Pilz, von Aufregung erzeugt, eine Gährung, durch Versammlungen hervorgerufen und durch Redekunst in Bewegung gebracht. Wir haben Alle eine Religion nöthig, die ebenso wohl in der Wüste als im Menschgedränge leben kann; eine Religion, die sich in jedem Verkehr des Lebens und in jeder Gesellschaft zeigt. Gebt mir die Gottseligkeit, die zu Hause gesehen wird, am eignen Herde, denn sie ist nie schöner als dort; die Gottseligkeit, die im Kampf und im Geräusch der gewöhnlichen Geschäfte gesehen wird, unter Spöttern und Widersprechern sowohl als unter christliche Männern. Zeigt mir den Glauben, der den Luchsaugen der Welt trotzen kann und furchtlos wandeln, wo Alle scheel sehen mit dem grimmen Auge des Hasses , wo Beobachter sind, die Mitgefühl haben und Freunde, die nachsichtig urtheilen. Möget ihr mit dem Leben des Geistes erfüllt werden und euer ganzer Wandel und Betragen aus dieses Geistes Einwohnen natürlich und segensvoll hervorwachsen!

Bemerkt darnach, daß die Furcht, die von einem Christen kommt, eine Furcht ist, die seines Standes würdig ist. – „Die Frucht des Gerechten ist ein Baum des Lebens.“ Jeder Baum trägt seine eigene Frucht, und wird daran erkannt. Der gerechte Mann trägt gerechte Frucht; und lasst uns uns nicht täuschen, Brüder, oder in einen Irrthum fallen in Betreff dieses: „Wer recht thut, der ist gerecht,“ und „Wer nicht recht thut, der ist nicht von Gott und wer nicht seinen Bruder lieb hat.“ Wir sind bereit, hoffe ich, für die Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben zu sterben, und vor allen Gegnern zu behaupten, daß die Seligkeit nicht durch die Werke kommt; aber wir bekennen auch, daß wir durch einen Glauben gerechtfertigt werden, der Werke hervorbringt, und wenn Jemand einen Glauben hat, der keine guten Werke hervorbringt, so ist es der Glaube der Teufel. Der seligmachende Glaube eignet sich das vollendete Werk des Herrn Jesus an, und so macht er allein selig, denn wir werden gerecht durch den Glauben ohne Werke; aber der Glaube, der ohne Werke ist, kann Niemandem Seligkeit bringen. Wir werden selig durch den Glauben ohne Werke, aber nicht durch einen Glauben, der ohne Werke ist, denn der wirkliche Glaube, der die Seele selig macht, wirkt durch Liebe und reinigt den Charakter. Wenn du auch so schön beten kannst, wie nur Einer, und Handlungen äußerer Frömmigkeit so sowohl vollbringen, wie irgend ein anderer Heuchler, so bist du doch in Täuschung befangen, wenn du erwartest, daß alles am Ende richtig sein werde. Wenn du als ein Diener träge, lügenhaft und umherschlendern bist, oder als ein Herr hart, tyrannisch und unchristlich gegen deine Leute, so zeigt deine Frucht, daß du ein Baum aus Satans eignem Obstgarten bist und Aepfel trägst, die seinen Geschmacke zusagen. Wenn du Kunst griffe im Handel anwenden kannst und wenn du lügen kannst – und wie Viele lügen jeden Tag in Betreff ihrer Nachbaren oder ihrer Waaren – du magst schwatzen so viel du willst vom Gerechtfertigtsein durch den Glauben, aber alle Lügner werden ihr Theil haben in dem Pfuhl, der mit Feuer und Schwefel brennt, und du wirst unter den größten Lügnern sein, denn du bist der Lüge schuldig, daß du sagst: „Ich bin ein Christ,“ während du es nicht bist. Ein falsche Bekennen Christi ist eine der schlimmsten Lügen, weil es Christo und den Seinen die äußere Unehre bringt. Die Frucht des Gerechten ist Gerechtigkeit; der Feigenbaum bringt keine Dornen hervor, und ebenso wenig kann man Trauben von den Disteln lesen. Den Baum erkennt man an seiner Frucht und wenn wir nicht die Herzen der Menschen richten können und nicht versuchen dürfen, dies zu thun, so können wir ihr Leben richten und ich bitte Gott, wir Alle möchten bereit sein, unser eignes Leben zu richten und zu sehen, ob wir gerechte Frucht tragen, denn wenn nicht, so sind wir nicht Gerecht. Laßt es indessen niemals vergessen werden, daß die Frucht des Gerechten, obgleich sie auf natürliche Weise von ihm kommt, denn seine neugeborne Natur trägt die süße Frucht des Gehorsams, doch immer das Resultat der Gnade und die Gabe Gottes ist. Keine Wahrheit sollte mehr im Gedächtniß behalten werden, als diese: „An mir soll man deine Frucht finden.“ Wir können keine Frucht bringen, wenn wir nicht in Christo bleiben. Der Gerecht soll grünen wie ein Zweig und nur als ein Zweig. Wie grünet ein Zweig? Durch seine Verbindung mit dem Stamm und dem daraus folgenden Einfließen des Saftes; ebenso, obwohl des gerechten Mannes gerecht Handlungen sein eigen sind, sind sie doch immer durch die Gnade hervorgebracht, die ihm mitgetheilt ist und er wagt nie, sich das Verdienst davon beizulegen, sondern singt: „Nicht uns, sondern deinem Namen gieb Ehre.“ Wenn es ihm fehlschlägt, so tadelt er sich selber; wenn es ihm gelingt, so giebt er Gott die Ehre. Ahmt sein Beispiel nach. Legt jeden Fehler, jede Schwachheit, jedes Gebrechen euch zur Last, und wenn ihr in einer Hinsicht von Vollkommenheit fern bleibt – und ich bin gewiß, ihr thut das – nehmt das alles auf euch selber, und entschuldigt euch nicht; aber wenn irgend eine Tugend da ist, ein Ruhm, ein wahres Verlangen und aufrichtiges Gebet, irgend etwas, das gut ist, schreibt das alles Gott zu. Bedenkt, der Gerechte würde nicht gerecht sein, wenn Gott ihn nicht gerecht machte, und die Frucht der Gerechtigkeit würde nie von ihm kommen, wenn nicht der göttliche Lebenssaft in ihm diese gute frucht hervorgebracht hätte. Gott allein sei alle Ehre und aller Ruhm.

Die Hauptlehre dieser Stelle ist, daß dieses, was so aus dem Leben des Christen hervorbricht, diese Folge des Lebens in ihm, diese Frucht seiner Seele ein Segen für Andere wird. Gleich einem Baume giebt es Schatten und Nahrung Allen umher. Es ist ein Baum des Lebens, ein Ausdruck, den ich nicht völlig heute Abend auslegen kann, wie ich es wünschte, denn es ist eine Fülle von Belehrung in diesem Gleichnisse zusammengedrängt. Das, was für den Gläubigen selber Frucht ist, wird für Andere ein Baum; es ist ein eigenthümliches Gleichniß, aber keineswegs ein lahmes. Von dem Kinde Gottes fällt die Frucht des heiligen Lebens, wie eine Eichel von der Eiche fällt; dieses heilige Leben wird einflußreich und bringt die besten Resultate in Andern hervor, gerade wie die Eichel selber eine Eiche wird und den Vögeln der Luft ihren Schatten leiht. Des Christen Heiligkeit wird ein Baum des Lebens. Ich denke, das will sagen, ein lebendiger Baum, ein Baum, der darauf berechnet ist, Leben zu geben und es in Andern zu erhalten. Ein Frucht wir ein Baum! Ein Baum des Lebens! Wunderbares Resultat! Christus erzeugt in dem Christen einen Charakter, der ein Baum des Lebens wird. Der äußere Charakter ist die Frucht des innern Lebens; dieses äußere Leben selber wächst von einer Frucht zu einem Baum heran, und als ein Baum trägt es Frucht in Andern, zu Gottes Ruhm und Preise. Lieben Brüder und Schwestern, ich kenne einige Heilige Gottes, die sehr in seiner Nähe leben und augenscheinlich Bäume des Lebens sind, den schon ihr Schatten ist tröstend, kühlend und erfrischend für viele müde Seelen. Ich habe die Jungen, die Leidenden, die Niederschlagenen zu ihnen gehen, unter ihren Schatten sitzen und ihre Noth vor ihnen ausschütten sehen, und sie haben es als einen reichen Segen empfunden, ihre Theilnahme zu erlangen, sich von der Treue des Herrn erzählen zu lassen und auf den Weg der Weisheit geführt zu werden. Es giebt einige wenige gute Männer in dieser Welt, die zu kennen, reich sein heißt. Solche Männer sind Bibliotheken von evangelistischer Wahrheit, aber sie sind besser als Bücher, denn die Wahrheit in ihnen ist auf lebendige Seiten geschrieben. Ihr Charakter ist ein wahrer und lebendiger Baum; er ist nicht ein bloßer Wegweiser vom todten Holz der Lehre, der eine Inschrift trägt und dabei verfault, sondern er ist ein lebendiges, organisirtes, Frucht tragendes Ding, eine Pflanze, von der rechten Hand des Herrn gepflanzt.

Nicht nur geben einige Heilige Anderen Trost, sonder sie gewähren ihnen auch geistliche Nahrung. Weit geförderte Christen werden Nährväter und Nährmütter, die die Schwachen stärken und die Wunden der zerbrochnen Herzen verbinden. So sind auch die starken, kühnen, edelmüthigen Thaten, hochherziger Christen von großem Nutzen für ihre Mitchristen und helfen, sie auf eine höhere Stufe zu erheben. Ihr fühlt euch erfrischt, indem ihre beobachtet, wie sie handeln; ihre Geduld im Leiden, ihr Muth in Gefahr, ihr heiliger Glaube an Gott, ihre fröhlichen Gesichter in der Trübsal, alles dieses stählt euch für eure eignen Kämpfe. Auf tausenderlei Art wirkt das Beispiel des geheiligten Gläubigen in heilender und tröstender Weise auf seine Brüder, und steht ihnen bei, sich über Furcht und Unglauben zu erheben. Wie die Blätter von dem Holze des Lebens zur Gesundheit der Heiden dienen, so sind die Worte und Thaten der Heiligen Arznei für tausend Krankheiten.

Und dann, welch’ eine Frucht tragen geförderte Gläubige, wie süß für den Geschmack der Gottseligen. Wir können niemals auf Menschen trauen, wie wir auf den Herrn trauen, aber der Herr kann geben, daß die Glieder uns in ihrem Maße segnen, so wie das Haupt immer bereit ist, es zu thun. Jesus allein ist der eigentliche Lebensbaum, aber er lässt uns einige seiner Diener als kleine Lebensbäume dienen, durch die er uns Frucht gibt von der selben Art, wie er selber sie trägt, denn er giebt sie und er selber ist es, in seinen Heiligen, der sie goldene Aepfel hervorbringen lässt, an denen unsere Seele sich erfreut. Möchte Jeder von uns seinem Herrn gleich gemacht werden, und möchte seine Frucht auf unsere Zweigen gefunden werden.

Wir haben im letzten Jahre viele der entschlafenen Heiligen in’s Grab gelegt und unter ihnen waren Einige, von denen ich in diesem Augenblicke nicht besonders sprechen will, deren Leben, wenn ich darauf zurück blicke, noch immer ein Baum des Lebens für mich ist. Ich bitte Gott, daß ich ihnen gleichen möge. Viele von euch haben sie gekannt, und wenn ihr euch nur ihr heiliges, frommes Leben wieder zurückrufen wollt, so wird der Einfluß, den sie zurück gelassen, noch ein Baum des Lebens für euch sein. Obwohl sie gestorben sind, reden sie noch, hört auf ihre beredten Ermahnungen! Laßt selbst in ihrer Asche ihr gewohntes Feuer leben. Zündet eure Seelen bei ihrer Wärme an. Ihr edles Beispiel ist das Besitzthum der Kirche, ihre Kinder werden edler und reicher, wenn sie an ihren Wandel im Glauben und an ihrer Arbeit der Liebe gedenken. Geliebte, möge ein Jeder von uns ein wahrer Segen für die Kirche werden, in deren Gärten wir gepflanzt sind. „O,“ sagt Einer, „ich fürchte, ich gleiche nicht sehr einem Baume, denn ich fühle mich so schwach und unbedeutend.“ Wenn du Glauben hast wie ein Senfkorn, so hast du den Anfang des Baumes, unter dessen Zweigen die Vögel des Himmels noch eine Wohnung finden werden. Dieselben Vögel, die den winzigen Samen hätten aufessen können, kommen und finden eine Wohnung i9n dem Baum, der daraus hervorwächst; und die Leute, die dich verachten und verlachen nun, da du ein junger Anfänger bist, werden eines Tages, wenn Gott dich segnet, froh sein, aus deinem Beispiel und deiner Erfahrung Trost zu schöpfen.

Aber ein anderer Gedanke über diesen Punkt. Gedenkt daran, daß die Vollständigkeit und die Entwicklung des heiligen Lebens droben gesehen werden wird. Es giebt eine Stadt von der geschrieben steht: „Mitten auf ihrer Gasse und auf beiden Seiten des Stromes stand Holz des Lebens.“ Das Holz des Lebens ist eine himmlische Pflanze und so ist die Frucht des Christen ein himmlisches Ding; obgleich noch nicht in’s Land der Herrlichkeit verpflanz, wird sie für ihren künftigen Aufenthalt bereitet. Was ist Heiligkeit anders, als der Himmel auf Erden? Was ist das Leben für Gott anders, als das Wesen des Himmels? Was sind Aufrichtigkeit, Lauterkeit, Aehnlichkeit mit Christo? Haben diese nicht noch mehr mit dem Himmel zu thun, als Harfen und Palmen und Straßen vom reinsten Gold? Heiligkeit, Reinheit, Lieblichkeit des Charakters, diese schaffen einen Himmel in des Menschen eigner Brust, und selbst wenn es keinen Ort gäbe, der Himmel genannt würde, so würde das Herz eine himmlische Glückseligkeit haben, das frei gemacht ist von der Sünde und gleich dem Herrn Jesus. Seht also, lieben Brüder, was für eine wichtige Sache es für uns ist, in der That vor Gott gerecht zu sein, denn die Folge dieser Gerechtigkeit wird Frucht sein, die für Andere ein Baum des Lebens sein wird und ein Baum des Lebens droben im Himmel, von Ewigkeit zu Ewigkeit. O, heiliger Geist, mache es so und du sollst allen Preis haben.

II.

Dies führt uns zu unserm zweiten Theil. Das Streben des Gläubigen sollte immer das Gewinnen von Seelen sein. Denn „wer Seelen gewinnt, der ist weise.“ Die zwei Dinge sind verbunden – das Leben zuerst, das Streben dann; was Gott vereinigt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.

Es liegt in unserm Text, daß es Seelen giebt, die nöthig haben, gewonnen zu werden. Ach, alle Seelen der Menschen sind von Natur verloren. Ihr könnt durch die Straßen Londons gehen und von den Mengen, die ihr auf diesen vollen Gassen findet, mit Seufzern und Thränen sagen: „Verloren, verloren, verloren!“ Wo man nicht auf Christum traut und der Geist nicht ein neues Herz geschaffen hat und die Seele nicht zu dem großen Vater gekommen ist, da ist eine verlorne Seele. Aber hier ist die Barmherzigkeit – diese verlornen Seelen können gewonnen werden. Sie sind nicht hoffnungslos verloren; noch hat Gott nicht beschlossen, daß sie für immer bleiben sollen, was sie sind. Es ist noch nicht gesprochen: „Wer unrein ist, der sein immerhin unrein,“ sondern sie sind in dem Lande der Hoffnung, wo die Gnade sie erreich kann, denn es wird von ihnen geredet wie von Solchen, die gewonnen werden können. Sie können noch befreit werden, aber der Ausdruck deutet an, daß es all’ unserer Anstrengung bedürfen wird. „Wer Seelen gewinnet.“ Was verstehen wir unter dem Worte gewinnen? Wir brauchen es von der Liebe. Wir reden von einem Bräutigam, der die Braut gewinnt, und manchmal thut viel Liebe Noth, manch’ bittendes Wort und manche werbende Handlung, ehe das werthgehaltene Herz des Werbers eigen wird. Ich gebrauche diese Erklärung, weil sie in mancher Hinsicht die allerbeste ist, denn Seelen müssen auf diese Weise für Christum gewonnen werden, damit sie ihm vermählt werden. Wir müssen um den Sünder für Christum werben; das ist die Art, wie Herzen für ihn gewonnen werden. Jesus ist der Bräutigam und wir müssen für ihn sprechen, und von seiner Schönheit erzählen, wie Abraham’s Diener, als er ging, um ein Weib für Isaak zu suchen, an seiner Statt als Werber handelte. Habt ihr nie die Geschichte gelesen? Dann schlagt sie auf, wenn ihr zu Hause kommt, und seht, wie er von seinem Herrn sprach, was für Besitzungen er hätte und wie Isaak Erbe deß Allen sein sollte u.s.w., und dann endete er seine Rede, indem er in Rebekka drang, mit ihm zu gehen. Die Frage ward ihr vorgelegt: „Willst du mit diesem Manne ziehen?“ So ist es des Predigers Aufgabe, seinen Herrn und seines Herrn Reichthümer zu loben, und dann zu dem Seelen zu sagen: „Wollt ihr mit Christo vermählt werden?“ Wem diese sehr harte Aufgabe gelingt, der ist ein weiser Mann.

Wir brauchen auch diesen Ausdruck mit Bezug auf den Krieg. Wir sprechen davon, eine Stadt, eine Burg oder eine Schlacht zu gewinnen. Wir gewinnen keine Siege dadurch, daß wir schlafen gehen. Glaubt mir, Burgen werden nicht eingenommen von Männern, die nur halb wach sind. Um eine Schlacht zu gewinnen, braucht es das beste Geschick, die größte Ausdauer und den äußersten Muth. Um Festungen zu stürmen, die als beinahe uneinnehmbar gelten, muß man das Mitternachtsöl brennen und wohl die Kunst des Angriffs studiren, und wenn die Zeit für den Sturm kommt, muß kein Soldat ein Zauderer sein, sondern alle Kraft der Artillerie und der Menschen muß auf den angegriffenen Punkt gerichtet werden. Um das Menschenherz durch die Kraft der Gnade zu erobern, es einzunehmen, die ehernen Schranken niederzureißen und die eisernen Thore in Stücke zu brechen, wird die Ausübung einer Geschicklichkeit erfordert, die nur Christus geben kann. Die großen Sturmböcke herbeizubringen und jeden Stein in des Sünders Gewissen zu erschüttern, sein Herz in ihm schwanken und taumeln zu machen aus Furcht vor dem zukünftigen Zorn, mit Einem Wort, eine Seele mit der ganzen Artillerie des Evangeliums anzugreifen, das erfordert einen weisen Mann und einen, der ganz bei der Sache ist. Die weiße Flagge der Barmherzigkeit aufzustrecken und, wenn die verachtet wird, den Sturmbock der Drohung zu brauchen, bis eine Bresche gemacht ist, und dann mit dem Schwert des Geistes in der Hand die Stadt einzunehmen, die schwarze Fahne der Sünde herunter zu reißen und das Banner des Kreuzes aufzupflanzen, dazu gehört alle Kraft, die dem besten Prediger zu Gebote steht und ein gut Theil mehr. Diejenigen, deren Seelen so kalt sind wie die Polarregionen und deren Energie zu einem verschwindend kleinen Punkt zusammengeschrumpft ist, werden aller Wahrscheinlichkeit nach nicht „die Stadt Menschenseele“ für den Fürsten Emanuel gewinnen. Wenn ihr denkt, daß ihr ausgeht, Seelen zu gewinnen, so müßt ihr eure Seelen in die Arbeit hinein legen, gerade wie der Krieger seine Seele in die Schlacht hinein legen muß, sonst wird der Sieg nie euer sein.

Wir brauchen das Worten „gewinnen“ von dem Erwerben eine Vermögens, und wir wissen Alle, daß der, welcher ein Millionär werden will, früh ausstehen und spät aufsitzen muß und das Brod der Sorge essen, und es bedarf vieler Arbeit und vieler Sparsamkeit und ich weiß nicht, was sonst noch, um unermeßlichen Reichthum aufzuhäufen. Wir haben uns auf das Gewinnen der Seelen mit demselben Feuer der Zusammendrängung aller Fähigkeiten zu legen, wie der alte Astor von Newyork sich darauf legte, das Vermögen von so vielen Millionen aufzubauen, was er nun zurück gelassen hat. Es ist in der That ein Wettlauf, und ihr wißt, daß in einem Wettlauf Keiner gewinnt, der nicht jede Muskel und Sehne anstrengt. Die, so in den Schranken laufen, die laufen alle, aber Einer erlangt das Kleinod; und dieser Ein ist gewöhnlich der, welcher mehr Stärke hat, als die Uebrigen; gewiß aber ob er mehr Stärke besaß oder nicht, strengte er alle an, die er besaß, und wir werden keine Seelen gewinnen, wenn wir ihn darin nicht nachahmen.

Salomon erklärt in dem Text: „Wer Seelen gewinnet, der ist weise,“ und solche Erklärung ist um so werthvoller, da sie von einem so weisen Manne kommt. Laßt mich euch zeigen, warum ein wahrer Seelen-Gewinner weise ist. Zuerst, er muß von Gott gelehret sein, ehe er dies versucht. Derjenige, welcher nicht weiß, daß er einst blind war und nun siehet, thäte besser, an seine eigne Blindheit zu denken, ehe er versucht, seine Freunde auf den richtigen Weg zu leiten. Wenn ihr selbst nicht errettet seid, könnt ihr nicht das Mittel werden, Andere zu erretten. Wer Seelen gewinnen will, muß erst für sich selber weise zur Seligkeit sein. Wenn dies feststeht, so ist er ein weiser Mann, ein solche Streben zu wählen. Junger Mann, wählst du einen Zweck, der es würdig ist, das große Ziel deines Lebens zu sein? Ich hoffe, du wirst weise urtheilen und einen edlen Ehrgeiz wählen. Wenn Gott dir große Gaben gegeben, so hoffe ich, werden sie nicht an irgend eine niedrige, gemeine oder selbsüchtige Absicht gewandt werden. Gesetzt, ich spräche jetzt zu Einem, der große Talente hat und die Gelegenheit zu sein, was ihm gefällt, in’s Parlament zu gehen und helfen, weise Maßregeln durchzubringen, oder in’s Geschäft zu gehen und sich zu einem Manne von Bedeutung zu machen; ich hoffe, er wird die Anrechte Jesu und unsterblicher Seelen wägen, so gut wie ander Anrechte. Soll ich mich dem Studium widmen? Soll ich mich in’s Geschäft begeben? Soll ich reisen? Soll ich meine Zeit mit Vergnügungen zubringen? Soll ich der erste Fuchsjäger des Landes werden? Soll ich meine Zeit der Förderung politischer und socialer Reformen widmen? Ueberdenke sie alle, aber wenn du ein christlicher Mann bist, mein lieber Freund, nichts wird so viele Gunst, Nutzen Ehre und dauernden Lohn dir bringen, als wenn du dich dem Gewinnen der Seelen weihest. O, es ist eine großartige Jagd, das kann ich dir sagen übertrifft alle Fuchsjagden der Welt an Aufregung und Fröhlichkeit. Bin ich nicht manchmal mit einem Schrei über Hecke und Graben einem armen Sünder nachgesetzt und habe Schritt mit ihm gehalten in jeder Wendung und Krümmung, die er nahm, bis ich ihn durch Gottes Gnade einholte und große Freude hatte, wenn ich ihn von meinem Herrn überwunden sahe. Unser Herr Jesus nennt sein Prediger Fischer, und keine anderen Fischer habe solche Arbeit, solchen Schmerz und solche Freude, wie wir haben. Was für eine selige Sache ist es, daß ihr Seelen für Jesum gewinnen könnt und dies thun könnt, wenn ihr auch in eurem weltliche Berufe bleibt. Einige von euch würden niemals Seelen gewinnen auf der Kanzel, es wäre sehr Schade, wenn ihr das versuchtet, aber ihr könnt Seelen gewinnen in der Werkstatt und im Waschhause, in der Kinderstube und im Salon. Unser Jagdgrund ist überall: am Wege, am Herde, im Winkel und im Hausen. Unter dem niedern Volk ist Jesus unser Thema und unter den Großen haben wir kein anderes. Du wirst weise sein, mein Bruder, wenn für dich der Eine, alles verzehrende Wunsch der ist, die Ungöttlichen von dem Irrthum ihres Weges zu kehren. Für dich wird eine Krone da sein, die von vielen Sternen glänzt, die du zu Jesu Füßen niederwerfen wirst am Tage seiner Erscheinung.

Ferner, es ist nicht nur weise, dies zu eurem Ziel zu machen, sondern ihr müßt auch sehr weise sein, wenn es euch damit gelingen soll, weil die Seelen, welche gewonnen müssen, so verschieden sind in ihrer Beschaffenheit, ihren Gefühlen und Zuständen, und ihr habt euch ihnen allen anzubequemen. Die „Trappers“ in Nordamerika müssen die Gewohnheit der Thiere ausfindig machen, die sie zu fangen wünschen und so werdet ihr zu lernen haben, wie jede Klasse von Fällen zu behandeln ist. Einige sind sehr niedergedrückt, ihr werdet sie zu trösten haben. Vielleicht wirst du sie zu sehr trösten und sie ungläubig machen; und deshalb wirst du vielleicht manchmal anstatt sie zu trösten, ein scharfes Wort sprechen müssen, um das mürrische Wesen zu heilen, in das sie gerathen sind. Ein Anderer mag leichtsinnig sein und wenn du eine ernste Miene annimmst, wirst du deinen Vogel hinweg scheuchen; du wirst heiter sein müssen und wie zufällig ein Wort der Ermahnung fallen lassen. Einige Leute wiederum wollen dich nicht sprechen lassen, sondern wollen zu dir reden; du mußt die Kunst verstehen, ein Wort einzuschieben. Ihr müsset sehr weise sein und Allen Alles werden und euer Erfolg wird eure Weisheit beweisen. Theorien über die Behandlung der Seelen mögen sehr weise aussehen, aber sie erweisen sich oft nutzlos, wenn man sie wirklich anwendet; wer durch Gottes Gnade das Werk vollbringt, ist ein weiser Mann, o er auch vielleicht gar keine Theorie kennt. Diese Arbeit wird all‘ euren Verstand erfordern und weit mehr, und ihr werdet zu dem großen Seelen-Gewinner droben schreien müssen, euch von seinem Heiligen Geiste zu geben.

Aber, merkt euch, wer Seelen gewinnt, ist weise, weil er in einem Werke begriffen ist, das die Menschen weiser macht, indem sie darin fortschreiten. Ihr werdet zuerst stümpern und wahrscheinlich Sünder von Christo wegtreiben, durch eure Versuche, sie zu ihm zu ziehen. Ich habe versucht, auf einige Seelen mit all‘ meiner Macht zu wirken durch eine gewisse Schriftstelle, aber sie haben dieselbe in einer ganz entgegengesetzten Weise genommen und sind in der verkehrten Richtung gegangen. Es ist sehr schwierig, zu wissen, wie man verstörte Suchende zu behandeln hat. Einige Leute müßt ihr rückwärts ziehen, wenn ihr wollt, daß sie vorwärts gehen sollen; wenn ihr wollt, daß sie rechts gehen sollen, so müßt ihr darauf bestehen, daß sie links gehen, dann gehen sie sogleich rechts. Ihr müßt auf diese Thorheiten der armen menschlichen Natur gefaßt sein. Ich kannte eine arme, alte, christliche Frau, die fünfzig Jahre lang ein Kind Gottes gewesen war, aber sie war in einem Zustande von Trübsinn und Verzagtheit, aus dem Niemand sie herausreißen konnte. Ich besuchte sie mehrere Male und versuchte, sie aufzuheitern, aber gewöhnlich war sie schlimmer, wenn ich sie verließ, als zuvor. Deshalb sagte ich das nächste Mal, als ich sie besuchte, nichts von Christo oder Religion. Sie brachte bald selbst die Rede darauf, und ich sagte darauf, ich hätte nicht die Absicht, mit ihr über solche heilige Dinge zu sprechen, denn sie wisse nichts davon, da sie nicht an Jesum glaube und ohne Zweifel viele Jahre lang eine Heuchlerin gewesen wäre. Sie konnte das nicht aushalten und behauptete in Selbstvertheidigung, daß der Herr droben sie besser kenne als ich und daß er ihre Zeuge wäre, daß sie Jesum Christum liebe. Sie vergab sich nachher kaum diese Einräumung, aber sie konnte niemals wieder mit mir ganz so verzweifelnd sprechen. Wahre Liebhaber der Menschenseelen lernen die Kunst, sie zu behandeln, du der heilige Geist macht sie zu geschickten Seelenärzten für Jesum. Es ist nicht, weil ein Mann mehr Fähigkeiten hat, und auch nicht gerade, weil er mehr Gnade hat, sonder der Herr gibt ihm eine inbrünstige Liebe zu den Seelen der Menschen, und dies verleiht eine geheime Geschicklichkeit, da meistentheils die Art, Sünder zu Christo zu bringen, die ist, sie zu Christo zu lieben.

Geliebte Brüder, ich will noch einmal mehr sagen, wer wirklich Seelen für Christum gewinnt, wie immer er sie gewinnt, ist ein weiser Mann. Einige von euch geben dies nur zögernd zu. Ihr sagt: Wohl, So-und-So, das kann ich wohl sagen, hat viel Nutzen gestiftet, aber er ist sehr unfein. Was schadet seine Unfeinheit, wenn er Seelen gewinnt? Ah, sagt ein Andrer, ich kann mich unter ihm nicht erbauen. Warum gehst du zu ihm, um erbaut zu werden? Wenn der Herr ihn gesandt hat, um niederzureißen, laß ihn niederreißen, und gehe du anderswohin zur Erbauung; aber bekrittle nicht einen Mann, der Ein Werk thut, weil er nicht ein anderes thun kann. Wir sind auch zu geneigt, einem Prediger dem anderen gegenüberzustellen und zu sagen: du solltest meinen Prediger hören. Vielleicht sollten wir es, aber es würde besser für dich sein, den Mann zu hören, der dich erbaut, und Andere gehen zu lassen, wo sie auch Unterweisung erhalten. „Wer Seelen gewinnet, der ist weise.“ Ich frage euch nicht, wie er es that. Er sang das Evangelium, und ihr mochtet das nicht, aber wenn er Seelen gewann, so war er weise. Seelen-Gewinner haben alle ihre eigne Weise, und wenn sie nur Seelen gewinnen, sind sie weise. Ich will euch sagen, was nicht weise ist und am letzten Ende nicht darf gehalten werden wird, nämlich , in den Kirchen umhergehen, selbst nicht thun und über alle nützlichen Knechte des Herrn spötteln. Hier liegt ein lieber Bruder auf seinem Sterbebett, er hat den süßen Gedanken, daß der Herr ihn fähig machte, viele Seelen zu Jesu zu bringen, und die Hoffnung, daß wenn er an die Thore kommt, viele Geister kommen werden, ihn zu begrüßen. Sie werden den Aufgang zum neuen Jerusalem füllen und den Mann willkommen heißen, der sie zu Jesu führte. Sie sind unsterbliche Denkmale seiner Arbeiten. Er ist weise. Hier ist ein Anderer, der all‘ seine Zeit darauf verwandt hat, die Weissagungen zu deuten, so daß er alles, was er in den Zeitungen las, im Daniel oder in der Offenbarung Johannes sehen konnte. Er ist weise, so sagen Einige, aber ich will lieber meine Zeit mit Gewinnen von Seelen zubringen. Ich wollte lieber Einen Sünder zu Jesus Christus bringen, als alle Geheimnisse des göttlichen Wortes enträthseln, denn Seelenrettung ist das, wofür wir leben sollten. Ich wollte zu Gott, daß ich alle Geheimnisse verstände, doch als das Erste von Allem wollte ich das Geheimniß der Errettung der Seelen durch den Glauben an das Blut des Lammes verkünden. Es ist eine vergleichungsweise geringe Sache für einen Prediger, sein Lebenlang ein standhafter Verfechter der Orthodoxie gewesen zu sein und sich aufgeopfert zu habe, um die Hecken seiner Kirche aufrecht zu halten; Seelen gewinnen ist die Hauptangelegenheit. Es ist ein sehr gutes Ding, für „den Glauben zu kämpfen, der einmal den Heiligen vorgegeben ist;“ aber ich meine nicht, daß ich in meiner letzten Rechnungsablage sagen möchte: „Herr, ich habe gelebt, um gegen die Romanisten und die Staatskirche zu kämpfen, und die verschiedenen irrenden Sekten zu bekriegen, aber ich habe niemals einen Sünder zum Kreuze geführt.“ Nein, wir wollen den guten Kampf des Glaubens kämpfen, aber das Gewinnen der Seelen ist die größere Sache, und werde diese betreibt, ist weise. Ein anderer Bruder hat die Wahrheit gepredigt, aber er polirte seine Predigten so, daß das Evangelium verborgen ward. Niemals war eine Predigt zum Halten geeignet nach seiner Meinung, ehe er sie ein Dutzend Male niedergeschrieben, um zu sehen, ob jeder Satz dem Canon des Cicero und Quintillian gemäß sei, und dann ging er hin und predigte das Evangelium als ein großes Stück Beredtsamkeit. Ist das weise? Wohl, es erfordert einen weisen Mann, um ein vollkommener Redner zu sein; aber es ist besser, kein Redner zu sein, wenn schöne Reden das Verständniß hindern. Laßt die Beredtsamkeit lieber für die Hunde gehen, als daß Seelen verloren werden. Was uns Noth tut, das ist Seelen gewinnen und diese werden nicht durch blumenreiche Reden gewonnen. Uns muß das Gewinnen der Seelen am Herzen liegen und wir müssen glühendroth vor Eifer um ihre Seligkeit sein, und dann, wie viel wir auch, den Kritikern zufolge, versehen, werden wir unter diejenigen gezählt werden, die der Herr weise hält.

Nun, christliche Männer und Frauen, ich wollte, ihr brächtet diese Sache in Ausübung und beschlösset, daß ihr noch heute Abend versuchen wolltet, eine Seele zu gewinnen. Versucht es mit der, welche neben euch in dem Stuhle sitzt, wenn ihr Niemand anders wißt. Versucht es auf dem Heimwege, versucht es mit euren eignen Kindern. Hab‘ ich euch nicht erzählt, was vor sechs Monaten an einem Sonntag geschah. In meiner Predigt sagte ich: „Nun, ihr Mütter, habt ihr je mit jedem von euren Kindern einzeln gebetet und es ermahnt, Christum zu ergreifen? Vielleicht ist die kleine Hanne nun im Bett und du hast nie mit ihr über die Dinge der Ewigkeit gesprochen. Geh‘ heim, heute Abend, wecke sie auf und sprich: „Hanne, mit thut es leid, daß ich nie selbst mit dir von dem Heiland gesprochen und mit dir gebetet habe, aber ich will es jetzt thun.“ Wecke sie auf und lege deinen Arm um ihren Nacken und schütte dein Herz mit ihr vor Gott aus.“ Wohl, es war eine gute Schwester hier, die eine Tochter hatte, die Hanne hieß. Was meint ihr? Sie kam am Montag und brachte ihr Tochter Hanne zu mir in die Sakristei, denn als sie dieselbe aufweckte und begann: „Ich habe nicht mit ihr von Jesus gesprochen,“ oder deß etwas, sagte Hanne: „O, liebe Mutter, ich habe den Heiland schon sechs Monate lieb gehabt und wunderte mich, daß du nicht von ihm mit mir sprachst;“ und dann war da Küssen und Sich-freuen. Vielleicht findet ihr es ebenso mit einem lieben Kinde zu Hause, und wenn nicht, so ist um so mehr Grund da, sogleich anzufangen, zu sprechen. Hast du nie eine Seele für Jesum gewonnen? Du wirst eine Krone im Himmel haben, aber keine Edelsteine darin. Du wirst kinderlos zum Himmel gehen; und du weißt, wie es in alten Zeiten war, wie die Frauen es fürchteten, kinderlos zu sein. Wir müssen die Schreie Derer hören, die Gott uns gegeben hat, daß sie durch unsere Vermittlung ihm geboren werden. Wir müssen sie hören oder sonst in Angst aufschreien: „Schaffe mir Bekehrte, wo nicht, so sterbe ich.“ Junge Männer und alte Männer, und Schwestern jedes Alters, wenn ihr den Herrn liebt, faßt eine Leidenschaft für Seelen. Seht ihr sie? Sie gehen zu Tausenden hinab in die Hölle; so oft der Zeiger auf dem Ziffernblatt seine Runde vollendet, verschlingt die Hölle eine Menge, Einige, die von Christo nichts wissen, und Andere, die ihn eigenwillig verworfen haben. Die Welt lieget in Finsterniß; diese große Stadt schmachtet noch nach dem Licht; eure eignen Freunde und Verwandte sind noch nicht errettet, und sie können todt sein, ehe die Woche zu Ende ist. O, wenn ihr irgend welche Menschlichkeit, geschweige Christlichkeit habt, wenn ihr das Heilmittel gefunden, erzählt den Kranken davon. Wenn ihr Freiheit gefunden, macht es den Gefangenen bekannt; wenn ihr Christum gefunden, sagt Andern von ihm. Meine Brüder, in dem „College“, laßt dies euer bestes Werk sein, während ihr von uns ausgehet. Seid nicht damit zufrieden, daß ihr eine Zuhörerzahl bekommt, sondern arbeitet, Seelen zu gewinnen, und wenn ihr dies thut, wird Gott euch segnen. Was uns betrifft, so hoffen wir, in unserm noch übrigen Leben ihm zu folgen, welcher der große Seelengewinner ist und uns in seine Hand zu geben, der uns zu Seelengewinnern macht, so daß unser Leben nicht eine lange Thorheit sein möge, sondern durch Resultate als eins erweisen werde, das von der Weisheit geleitet worden ist.

O, ihr Seelen, die ihr noch nicht für Jesus gewonnen seid, bedenkt, daß Glaube an Christum euch selig macht. Traut auf ihn. Möget ihr dahin geführt werden, ihm zu trauen um seines Namens willen. Amen.

autoren/s/spurgeon/s/spurgeon-der_seelengewinner.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)