Spurgeon, Charles Haddon - Das Siegel des Geistes

„Durch welchen auch ihr gehöret habt das Wort der Wahrheit, nämlich das Evangelium von eurer Seligkeit, durch welches ihr auch, da ihr glaubtet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung, welcher ist das Pfand unseres Erbes zu unsrer Erlösung, daß wir sein Eigentum werden zum Lobe seiner Herrlichkeit.“
Eph. 1,13.14

Ich habe die ganze Stelle genommen, um den Sinn vollständig zu geben, aber ich habe durchaus nicht die Absicht, über dies alles zu predigen. Eigentlich brauche ich nur für mein Thema heute morgen die folgenden Worte: „Durch welchen ihr auch, da ihr glaubtet, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung.“ Die Versiegelung des Heiligen Geistes soll der Gegenstand unsrer Betrachtung sein. Es gibt viele, die an den Herrn Jesum Christum geglaubt haben und sehr danach verlangen, ein günstiges Zeichen zu erhalten, irgend ein Zeugnis von Gott, das sie ihrer Errettung ganz gewiß macht. Sie haben noch nicht die volle Glaubenszuversicht erlangt und fühlen sich unruhig, bis sie dieselbe erhalten. Sie fühlen, daß diese Dinge zu wichtig sind, um ungewiß zu bleiben, und sie schmachten daher nach irgend welch sicherem Zeugnis oder Siegel. Menschen setzen ihr Besitztum nicht aufs Spiel, und kein geistlich vernünftiger Mensch wird es ertragen, seine Seele und ihre ewigen Angelegenheiten eine Stunde lang in Gefahr zu sehen; daher kommt diese Angst. Es ist wahr, daß nur durch den Glauben die vollste und beste Zuversicht erreicht werden kann, aber vielen, die wirklich an den Herrn Jesum Christum glauben, ist dieses noch nicht klar, und ihre zitternden Herzen verlangen nach einem Zeugnis von dem unfehlbaren Gott, um sie zu vergewissern, daß sie wirklich errettet sind. Ja, und ich vermute, daß selbst weiter geförderte Heilige, die es völliger wissen, wo sie stehen, und bekennen, daß sie nur im Glauben wandeln können, doch oft mit sehnlichem Verlangen singen:

„Ach, könnt' ich Deine Stimme hören,
Die zu mir spräche: Du bist mein,
Wie sollte mein Gesang Dich ehren,
Ich würde wie im Himmel sein.“

Obgleich wir glauben können, und es auch tun, und das Vorrecht derer in Anspruch nehmen dürfen, die nicht sehen und doch glauben, so würden wir doch froh sein, manchmal zu schauen. Wir wünschen zuweilen, an einem sichern Merkmal Zeugnis und Zeichen zu wissen, daß unsre Erfahrung Wirklichkeit ist, und daß wir in der Tat von Gott geboren sind.

„O, sag' mir, daß mein Name steht
Gezeichnet, Herr, in Deiner Hand,
Und laß mich die Verheißung seh'n
Von meinem Erb' im sel'gen Land.“

Nun, dieses Siegel, das wir suchen, im besten Sinne des Worts, ist zu haben; nein, es wird klar von vielen Kindern Gottes gesehen. Es macht den Glauben nicht unmutig, sondern es belohnt und stärkt ihn. Es gibt eine Art, auf welche Gott zu den Seinen redet und sie versichert, daß sie sein Eigentum sind; es gibt ein Pfand und ein Angeld, und dies wird dem Volke Gottes gegeben. Möge Gottes Geist mich fähig machen, in rechter Weise von diesem gewichtigen Gegenstand zu sprechen.

Der Text sagt: „Durch welchen wir auch, nachdem (engl. Üb.) ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geist der Verheißung;“ und deshalb will ich zuerst eure Aufmerksamkeit lenken auf die Stellung dieser Versiegelung; zweitens, auf die Güter, die daraus fließen; und drittens, auf die Versiegelung selber, welche ich in Wahrheit die ganze Predigt hindurch zu erklären suchen werde.

I.

Zuerst laßt uns reden von der Stellung dieser Versiegelung. Wir wünschen, ein bestätigendes, von Gott auf unsre Seelen gesetztes Siegel zu erhalten, ein gewisses Zeichen, daß wir in der Tat sein Volk sind. Diese Versiegelung können wir haben, Gott verleiht sie; aber laßt uns sorgfältig darauf achten, damit wir nicht in Irrtum geraten, wann dieses Versiegeln geschieht. Es kommt nicht vor dem Glauben. Unserm Text zufolge ist es „nachdem ihr geglaubt habt, seid ihr versiegelt worden.“ Nun gibt es Hunderte, die verlangen, etwas zu sehen oder zu fühlen, ehe sie an Jesum Christum glauben; dies ist Gottlosigkeit und die Folgen eines Unglaubens, der in den Augen Gottes sehr böse ist. Wenn ihr ein Zeichen verlangt, ehe ihr glaubt, so sagt ihr in Wahrheit, daß ihr Gottes bloßes Wort nicht euch zum Troste dienen lassen könnt, daß das gewisse Wort des Zeugnisses, das uns in der Bibel aufbehalten ist, euch nicht genügt, daß die feierliche Erklärung Gottes doch am Ende falsch sein könnte; jedenfalls, daß ihr es unmöglich findet, eure Zuversicht darauf allein zu setzen und etwas daneben schauen müßt. Wenn nicht Wunder, so verlangt ihr vielleicht einen Traum oder eine sonderbare Empfindung oder eine geheimnisvolle Wirkung; jedenfalls, wenn ihr nicht Zeichen und Wunder sehet, so erklärt ihr, daß ihr nicht glauben wollt. Ihr sagt tatsächlich zu Gott: „Wenn Du nicht von Deinem Wege abgehen willst, um mir zu geben, was ich verlange und für mich zu tun, was ich fordere, so will ich Dich ins Angesicht einen Lügner heißen, indem ich mich weigere, Dir zu glauben.“ Ah, mein Hörer, dies geht nicht; dies heißt, den Herrn zum Zorn reizen, und wer das tut, wird kein Zeichen erhalten, es sei denn das Zeichen der Ungläubigen in Chorazin, für die der Tag des Gerichts unerträglicher sein wird, als für Sodom und Gomorrha.

Merkt auch darauf, daß diese Versiegelung nicht notwendig zugleich mit dem Glauben kommt. Sie wächst aus dem Glauben heraus und kommt „,nachdem ihr geglaubt habt.“ Wir werden nicht allemal versiegelt in dem Augenblick, da wir zuerst auf Jesum trauen. Ich bin überzeugt, daß viele, die an Jesum glauben, fortan Frieden erlangen und diese selige Versicherung empfinden, die mit dem Besitz des Heiligen Geistes verbunden ist; aber vielen andern ist es nicht so. Mir ist oft die Frage getan: „Was soll jemand tun, der an Jesum glaubt, aber doch nicht Frieden und Freude empfindet, sondern von solchem inneren Kampfe erfüllt ist, daß das Äußerste, was er tun kann, nur ist, mit zitternder Hoffnung an Jesu zu hängen?“ Ich habe erwidert: „Wenn du an Jesum Christum glaubst, so bist du errettet; der beste Beweis, daß du errettet bist, liegt in der Versicherung des Wortes Gottes, daß jeder Gläubige ewiges Leben hat.“ Ob du fühlst, daß du gerechtfertigt bist oder nicht, darauf kommt es nicht an, du sollst das Wort Gottes annehmen, das dich versichert, daß jeder, der glaubt, gerechtfertigt ist: du bist verbunden, das Zeugnis Gottes zu glauben, unabhängig von der unterstützenden Beweiskraft der inneren Erfahrung, und wenn es dir möglich wäre, jahrelang gläubig zu sein und doch keinen Frieden zu finden, so würdest du dennoch kein Recht haben, zu bezweifeln, was Gott sagt, weil du keinen Frieden fühlst, sondern du bist verbunden, dich an Gottes Verheißung zu halten, ob du Frieden genießt oder nicht. Mein fester Glaube ist, daß, wo ein wirklicher Glaube an die Verheißung Gottes ist, Friede und die andern Früchte des Geistes als notwendige letzte Folgen kommen, aber selbst dann sind sie nicht der Grund des Glaubens: Das Wort des Herrn ist die einzige Grundlage, auf welcher der Glaube baut.

Einige Leute haben eine Art von Vertrauen auf Gott, aber sie sehen auch nach bestätigenden Zeichen aus, und sie verderben die Einfalt ihres Glaubens, indem sie ein Auge auf Christum wenden und ein andres auf den Frieden ihres Gemütes. Nun, mein Freund, dies wird niemals gehen. Du bist verpflichtet, an Gott zu glauben, wie Er in Christo Jesu zur Seligkeit geoffenbart ist, ganz abgesehen von Friede, Freude oder irgend etwas anderem. Das inwendige Zeugnis des Geistes ist nicht der Grund noch die Ursache unseres Glaubens: der Glaube kommt durchs Hören, und Hören durch das Wort Gottes. Ich, ein Sünder, glaube, daß Jesus Christus in die Welt kam, die Sünder selig zu machen, und meine Seele ruht in Ihm, in dem Glauben, daß Er mich selig machen will; dies muß mein Standpunkt sein, Siegel oder kein Siegel, Zeichen oder kein Zeichen. Meine Zuversicht ruht nicht auf dem Siegel des Geistes, sondern auf dem Blut des Sohnes. Der Geist Gottes nimmt nie die Stelle des Erlösers ein, Er übt sein eignes besonderes Amt aus, welches ist, von dem zu nehmen, was Christi ist und es uns zu verkünden, und nicht das Seine an Jesu Stelle zu setzen. Der Grund unsrer Hoffnung ist in Christo gelegt von Anfang bis zu Ende, und wenn wir darauf ruhen, sind wir errettet. Das Siegel kommt nicht immer mit dem Glauben, aber es folgt hernach. Ich habe dies gesagt, weil ich fürchte, daß ihr in irgend einer Weise den einfachen, klaren und sichern Grund der Zuversicht auf das vollbrachte Werk Jesu Christi, und darauf allein, verlassen könntet. Gedenkt daran, daß ein Mensch, der an Jesum Christum glaubt, ebenso gewiß errettet ist, wenn er es nicht weiß, als wenn er es weiß; er ist ebenso wahrhaft des Herrn, wenn er im Tale der Demütigung trauert, als wenn er auf dem Berggipfel der Freude und Gemeinschaft singt. Der Grund unseres Vertrauens soll nicht in unsrer Erfahrung gefunden werden, sondern in der Person und dem Werke unseres Herrn Jesu.

„Ich darf dem lieblichsten Gefühl nicht trau'n,
Ich muß allein auf Jesu Namen bau'n,
Auf Christ. den festen Felsen, nehm' ich Stand,
Denn jeder andre Grund ist weicher Sand.“

Beachtet auch bei dem Zeitpunkt dieses Versiegelns, daß, wie auch nicht das Erste, so ist es nicht das Letzte im göttlichen Leben. Es kommt nach dem Glauben, aber wenn ihr es erhaltet, so soll noch etwas mehr folgen. Vielleicht hast du die Vorstellung gehabt, daß, wenn der Mund Gottes selber dir einmal sagte, du seiest errettet, könntest du dich niederlegen und der Kampf des Lebens würde aufhören. Es ist darum klar, daß eine solche Versicherung ein böses Ding für dich sein würde, denn ein Christ ist nie mehr am unrechten Ort, als wenn er wähnt, daß der Streit für ihn vorüber ist. Die natürliche, geeignete und geziemende Stellung für einen Streiter. Jesu Christi ist, Krieg mit der Sünde zu führen. Wir sind Fechter und unser normaler Zustand ist der, zu ringen „nach der Wirkung Des, der in uns kräftiglich wirket.“ Wenn es auf dieser Seite des Himmels einen Platz zum Nestbauen und bequemen Leben gibt, so ist dies kein Platz für dich, du bist ein Pilger, und eines Pilgers Aufgabe ist es, auf dem Wege zu sein, und vorwärts zu wandern nach der Heimat jenseits. Erinnere dich des, wenn es Ruhesitze gibt, und ohne Zweifel tut es das, so sie sind nicht für dich, denn du bist ein Läufer in einem großen Wettlaufe, der Himmel und Erde zu Zeugen hat. Das Aufhören der Wachsamkeit bedeutet das Verderben deiner Seele; das Abschließen dieses Kampfes würde zeigen, daß du nie den Sieg gewinnen könntest; und vollkommene Ruhe auf Erden würde zeigen, daß keine für dich im Himmel vorhanden wäre. Selbst wenn der Geist Gottes dich versiegelte, worauf würde das hinauslaufen? Auf das Erbteil selber, so daß du sagen könntest: „Ich habe Vollkommenheit erreicht?“ Gewiß nicht. Nein, Brüder, die Schrift sagt: „Welcher ist das Pfand unseres Erbes bis zur Erlösung des erkauften Eigentums.“ (Engl. Üb.) Diesseits des Himmels ist alles, was ihr erlangen könnt, ein Pfand der Vollkommenheit, aus welcher der Himmel besteht.

„Hier ist Kämpfen und Ringen,
Dort ein Siegen und Singen.“

Hier müssen wir arbeiten, wachen, laufen, streiten, ringen, Angst haben; all unsre Kräfte, gestärkt von dem ewigen Geiste, müssen in diesem Unternehmen angestrengt werden, bei dem Ringen, durch die enge Pforte einzugehen; wenn wir die Versiegelung erhalten haben, ist unser Krieg nicht beendet, wir haben dann nur einen Vorgeschmack des Sieges erhalten, um den wir stets noch kämpfen müssen.

Dies ist die wahre Stellung der Versiegelung. Sie steht zwischen der Gnade, die uns zum Glauben befähigt, und der Herrlichkeit, die unser verheißenes Erbteil ist.

II.

Wir wollen zweitens betrachten, welche Güter uns diese Versiegelung gewährt, und während wir das tun, werden wir genötigt sein, darzutun, was wir unter diesem Versiegeln verstehen, obgleich dies der dritte Teil sein sollte. Das Versiegeln, von dem im Text die Rede ist, macht nicht die Verheißungen Gottes wahr. Bitte, beachtet dies. Es ist über diesen Text gepredigt worden, als wenn er ausspräche, daß der Geist Gottes sein Siegel auf das Evangelium und die Verheißungen Gottes drückte. Wohl, lieben Freunde, es ist wahr, daß der Geist Gottes von der Wahrheit zeugt und von der Gewißheit der Verheißungen, aber das ist augenscheinlich hier nicht gemeint, denn der Text sagt nicht, daß die Verheißungen versiegelt sind, sondern daß „ihr versiegelt seid.“ Ihr seid die Schrift, welcher der Stempel aufgedrückt ist; ihr selber seid versiegelt. Es ist nicht einmal gesagt, daß der Geist Gottes die Bundessegnungen versiegelt, wie Gold in einem Beutel versiegelt wird, und sie für den auserwählten Samen aufbehält; der Text sagt uns, daß die Gläubigen selber so bewahrt werden und gezeichnet als des Herrn besonderer Schatz, und es sind die Gläubigen selber, auf welche dies Siegel des Heiligen Geistes gesetzt wird. Nein, Brüder, der Heilige Geist macht nicht die Verheißungen gewiß, sie sind in sich selber gewiß; Gott, der nicht lügen kann, hat sie ausgesprochen und deshalb können sie nicht täuschen. Ebensowenig, meine Brüder, macht der Heilige Geist unsern Anteil an diesen Verheißungen gewiß; dieser Anteil an den Verheißungen war in dem göttlichen Ratschluß sicher, ehe noch die Erde war, und ist eine Tatsache, die nicht geändert werden kann. Die Verheißungen sind schon dem ganzen Samen sicher. Der Heilige Geist macht uns sicher, daß das Wort wahr ist, und daß es uns auch angeht; aber die Verheißung war schon vorher sicher, und unser Anteil an der Verheißung war auch sicher, von dem Augenblick an, da er uns durch die freie Tat Gottes verliehen wurde. Um den Text zu verstehen, müssen wir beachten, daß zwei Worte nahe dabei stehen „in welchem,“ (engl. Übers.) welche zwei Worte zweimal in diesem Verse stehen. „In welchem ihr, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid.“ Was wird mit „in welchem“ gemeint? Die Worte bedeuten: „in Christo.“ In Christo ist das Volk Gottes versiegelt. Wir müssen deshalb dieses Siegeln so verstehen, wie es sich auf Christum bezieht, da es so weit, und so weit nur, sich auf uns beziehen kann. War unser Herr versiegelt? Schlagt Joh. 6, 27 auf und da habt ihr diese Ermahnung: „Wirket Speise, die nicht vergänglich ist, sondern die da bleibet in das ewige Leben, welche euch des Menschen Sohn geben wird; denn denselben hat Gott der Vater versiegelt.“ Da ist der Leitfaden zu unsrem Text. „Denselben hat Gott der Vater versiegelt;“ denn da unsre Versiegelung in Ihm ist, so muß es dieselbe Versiegelung sein.

Merkt denn zuerst darauf, daß der hochgelobte Sohn von seiten des Vaters versiegelt wurde, dadurch, daß Gott Ihm ein Zeugnis gab, daß Er in der Tat sein eigner Sohn sei und der Gesandte des Herrn. Wie wenn ein König eine Proklamation erläßt und sein Handsiegel darunter setzt, um zu sagen: „Dies ist mein;“ so gab der Vater, als Er seinen Sohn in die Welt sandte, Ihm dieses Zeugnis: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.“ Er sprach dies in Worten, aber wie gab Er Ihm ein beständiges Zeugnis, durch ein Siegel, das sein Leben lang bei Ihm blieb? Dadurch, daß Er Ihn mit dem Heiligen Geiste salbte. Das Siegel dafür, daß Jesus der Messias sei, war, daß der Geist Gottes ohne Maß auf Ihm ruhte. Deshalb lesen wir Aussprüche, wie diese: „Er war gerechtfertigt im Geist;“ „Und kräftiglich erwiesen ein Sohn nach dem Geist, der da heiliget, seit der Zeit Er auferstanden ist von den Toten;“ „Der Geist ist's, der da zeuget, daß Geist Wahrheit ist.“ Nun, der Geist Gottes, wo immer Er auf einem Menschen bleibet, ist das Zeichen, daß dieser Mensch von Gott angenommen ist. Wir sagen nicht, daß, wo der Geist nur zuzeiten sich reget, ein Zeichen göttlicher Gunst ist, aber wo Er bleibet, da ist Er es sicherlich. Eben diese Tatsache, daß wir den Geist Gottes besitzen, ist Gottes Zeugnis und Siegel in uns, daß wir sein eigen sind und daß, gleichwie Er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, so Er auch uns in die Welt sendet.

Zweitens, für unsern Herrn Jesum Christum war der Heilige Geist ein Siegel zu seiner eignen Ermutigung. Unser Herr ließ sich herab, die Macht seiner Gottheit zurückzuhalten, und als ein Knecht war Er von des Vaters Beistand abhängig. Als Er sein Amt begann, ermutigte Er sich so: „Der Geist des Herrn ist bei mir, deshalb Er mich gesandt hat, zu heilen die zerstoßenen Herzen.“ Er fand seinen Ansporn zum Dienste, Er fand seine Bevollmächtigung für seinen Dienst, Er fand seinen Trost und seine Stärke in dem Dienste, in der Tatsache, daß Gott Ihm den Heiligen Geist gegeben hatte. Dies war seine Freude. Nun, Brüder und Schwestern, wenn wir zum heiligen Dienst ermutigt zu werden wünschen dadurch, daß wir uns unsrer Seligkeit ganz gewiß fühlen, woher müssen wir diese Ermutigung haben? Lest in der ersten Epistel Johannis in dritten Kapitel den vierundzwanzigsten Vers, da ist das Siegel Gottes beschrieben: „Daran erkennen wir, daß Er in uns bleibet, an dem Geist, den Er uns gegeben hat.“ Lest auch im vierten Kapitel, Vers 13: „Daran erkennen wir, daß wir in Ihm bleiben und Er in uns, daß Er uns von seinem Geist gegeben hat.“ So wie nun das Siegel, das unsern Herrn tröstete und Ihn in Zeiten der Niedergeschlagenheit fühlen ließ, daß Er in Wahrheit vom Vater geliebt wurde, dieses war, daß Er den Geist Gottes hatte, so ist für euch und mich, Brüder, der Besitz des Geistes Gottes unsre fortdauernde Ermutigung, denn hieran erkennen wir, daß wir in Gott bleiben und Gott in uns bleibet. Das Siegel entspricht einem zwiefachen Zwecke: es ist von Gottes Seite ein Zeugnis und für uns eine Ermutigung.

Aber das Siegel soll ein Zeugnis für andre sein.. Der Vater setzte sein Siegel auf seinen Sohn, daß andre wahrnehmen möchten, daß Er in der Tat von Gott gesandt sei. Johannes sagt: „Ich kannte Ihn nicht, aber der mich sandte zu taufen mit Wasser, derselbige sprach zu mir: Über welchen du sehen wirst den Geist herabfahren, und auf Ihm bleiben, derselbige ist's, der mit dem Heiligen Geist taufet. Und ich sah es, und zeugte, daß dieser ist Gottes Sohn.“ Der Geist war also auf unserm Herrn als Erkennungszeichen; und so, Geliebte, muß es mit uns sein. Unsre Mitchristen können uns an nichts andrem erkennen, als daran, daß wir den Geist Gottes besitzen. Habt ihr es je beachtet, wie Petrus für die Heiden das Recht der Mitgliedschaft in der Gemeinde in Anspruch nahm im fünfzehnten Kapitel der Apostelgeschichte, im achten und neunten Verse? Er sagt: „Gott, der Herzenskündiger, zeugete über sie, und gab ihnen den Heiligen Geist, gleichwie auch uns. Und machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, und reinigte ihre Herzen durch den Glauben.“ So war für Petrus der Besitz des Heiligen Geistes das große Himmelssiegel, das der Herr niemals auf ein Herz setzt, in dem kein Glaube ist. Denselben Beweis fühlte er in seiner ganzen Kraft, als er sprach: „Mag auch jemand das Wasser wehren, daß diese nicht getauft werden, die den Heiligen Geist empfangen haben, gleichwie auch wir?“ Paulus gebrauchte es als seinen Prüfstein für die Menschenkinder; denn Röm. 8, 9 sagt er: „Ihr aber seid nicht fleischlich, sondern geistlich, so anders Gottes Geist in euch wohnt. Wer aber Christi Geist nicht hat, der ist nicht sein,“ und spricht damit deutlich aus, daß das Fehlen des Geistes verhängnisvoll ist, denn die göttliche Unterschrift ist nicht unter dem Dokument; aber wenn der Geist Gottes da ist, dann ist alles richtig, denn der Herr setzt nie sein Siegel auf etwas, was nicht wahr und echt ist. Seid ganz gewiß, daß da, wo der Geist Gottes bleibet, das Evangelium Jesu Christi auf das Herz geschrieben ist und der Mensch errettet ist.

Ferner, die vierte Wirkung des Siegels auf Christum war, daß es ein Zeugnis für die Welt war. Der Geist Gottes, der auf Jesu Christo war, wurde von der gottlosen Welt nicht als wirklich göttlich erkannt, aber sie bemerkten und staunten über etwas an Ihm, das sie nicht verstanden. Er redete gewaltig und nicht wie die Schriftgelehrten, und sie bekannten: „Es hat nie ein Mensch geredet, wie dieser “ Sie wußten nicht, welches Geistes Er war, aber sie wußten, daß sie denselben haßten, und begannen sogleich, sich Ihm zu widersetzen. Nun, Brüder und Schwestern, wenn ihr dasselbe Siegel habt, wie unser Herr, das in unserm Text als „der Geist der Verheißung“ beschrieben ist, so wird dasselbe Resultat erfolgen: die Menschen werden sich über euch wundern, euch mißverstehen und sich euch entgegenstellen. Und was ist der Grund? Niemals erschien in dieser Welt der Geist der Verheißung ohne Widerstand von seiten des Geistes der Knechtschaft. Isaak war der Sohn der Verheißung, und verfolgte Ismael, der nach dem Fleische Geborene, ihn nicht? Der zwiefache Same, des Fleisches und der Verheißung, steht schlagfertig einander gegenüber. Wenn der Herr sein Siegel auf euch setzt, indem Er euch den Geist der Verheißung gibt, so daß ihr nicht unter dem Gesetz, sondern unter Christo seid, so wird die Welt es wissen; sie wird euch nicht bewundern, sondern sie wird wider euch streiten, um euch zu verderben.

Noch einmal, das Siegel auf unserm Herrn Jesu Christo bedeutete noch ein fünftes, nämlich - sein Beharren bis ans Ende. Ein Siegel wird auf einen Schatz gedrückt, den wir zu bewahren gedenken; und so war unser teurer Erlöser versiegelt. Nun werdet ihr mir sagen: „Aber dürfen wir von Jesu Christo sprechen, als bewahrt durch den Geist Gottes?“ Meine lieben Brüder, wir dürfen nie die wunderbare Selbstverleugnung Christi vergessen, daß Er seine göttliche Macht beiseite legte und sagte, während Er in dieser Welt war, der Vater sei größer als Er, und daß Er ein Mensch wurde, so daß Er betete, glaubte und dem Vater traute. Jesus Christus trat in einen solchen Zustand ein, daß Er, solange Er hienieden war, von dem Geiste Gottes aufrecht erhalten wurde. Zweifelt ihr daran? Schlagt das zweiundvierzigste Kapitel des Jesajas auf, da habt ihr es in ausdrücklichem Wort: „Siehe, das ist mein Knecht, ich erhalte Ihn.“ Seht, wie Er sich zu einem Knecht macht, der vom Herrn erhalten wird. „Mein Auserwählter, an welchem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe Ihm meinen Geist gegeben, Er wird das Recht unter die Heiden bringen; Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen; das zerstoßene Rohr wird Er nicht zerbrechen und das glimmende Docht wird Er nicht auslöschen. Er wird das Recht wahrhaftiglich halten lehren.“ Es kann kein Zweifel obwalten, daß dies Christus ist, denn diese selben Worte werden in Beziehung auf Ihn angeführt

Nun, was kommt von dem Erhalten des Aufrechthalten des Heiligen Geistes? „Er wird nicht matt noch verzagt werden, bis daß Er auf Erden das Recht anrichte, und die Inseln werden auf sein Gesetz warten.“ (Vers 4 engl. Übers.) So erhielt der Geist Gottes Christum, und unterstützte Ihn, und bewahrte Ihn, bis sein Lebenswerk getan war, ohne daß Er matt und verzagt war. Meine Brüder, so müssen auch wir bewahrt bleiben; dies ist das Siegel, welches wir nötig haben, welches uns als die Geweihten Gottes behüten soll, so daß Er, wenn Er kommt, uns unterm Siegel und sicher finden wird..

Laßt mich nun wieder aufzählen. Für unsern Herrn Jesus war der Geist Gottes ein Siegel, nämlich als Gottes Zeugnis, daß Er sein Sohn sei, als eine Ermutigung für sein eignes Herz, als ein Zeugnis für andre, als ein Zeugnis für die Welt und als eine Hilfe zum Beharren bis ans Ende. Die gleichen Güter wird das Versiegeln mit dem Geiste auch uns verleihen: „in Christo Jesu wurdet ihr, nachdem ihr gläubig geworden, mit dem Heiligen Geist der Verheißung versiegelt.“

III.

Drittens, laßt uns die Versiegelung selber betrachten. Sehr viel ist über diesen Punkt gesagt worden, was dazu gedient hat, den Aberglauben zu nähren. Einige haben angenommen, es gäbe einen besonderen Akt des Geistes Gottes, in welchem Er die Gläubigen versiegelt. Es mag so sein, ich will die Frage nicht aufwerfen, aber es würde mir sehr leid tun, wenn irgend jemand hier, der in Sünden lebt, nichtsdestoweniger auf irgend eine Zeit religiöser Erregung oder Freude zurückblicken und sagen sollte: „Ich bin geborgen, denn bei jener Gelegenheit wurde ich versiegelt;“ und es würde mir sehr leid tun, wenn irgend ein Bruder als den sichern Grund, weshalb er errettet sei, irgend eine merkwürdige Erfahrung nehmen sollte, die er an einem längst vergangenen Tage machte. Ein Siegel ist für die Gegenwart und ist keine bloße Erinnerung, sondern ein Gegenstand, der jetzt wahrnehmbar und vor Augen ist. Mir ist bange, viele sind zur Sorglosigkeit verleitet worden durch die Vorstellung von einem Siegel, das sie vor langer Zeit erhalten. Laßt uns die Wahrheit aufsuchen. Nach dem Text, so weit ich ihn lesen kann, ist hier ein Mann, der an Jesum glaubt und ein Siegel wünscht, daß Gott ihn liebt: Gott gibt ihm den Geist, und das ist alle Versiegelung, die er wünschen oder erwarten kann. Nichts mehr ist nötig, nichts andres würde so gut sein. Die Tatsache, daß Gottes' Geist in euch das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirket, ist euer Siegel; ihr braucht nichts darüber hinaus. Ich sage nicht, daß irgend eine Wirkung des Heiligen Geistes als das Siegel betrachtet werden soll, sondern sie alle zusammen, wie sie beweisen, daß Er in uns ist, machen dies Siegel aus. Es ist besser indessen, sich an die Lehre zu halten, daß der Geist Gottes selber in dem Gläubigen das Siegel ist.

„Du bist die Gabe seiner Huld,
Das Pfand der künft'gen Freud',
Und deine Flügel, Himmelstaub',
Ein sicheres Geleit.“

Nun laßt uns sehen, was andre Verse des Kapitels uns darüber sagen. Wenn ihr weiter lest, findet ihr, daß der Apostel sagt: Weisheit und Offenbarung in der Erkenntnis Gottes seien ein Teil des Siegels. Seid so gut, das Kapitel aufzuschlagen und des Apostels Beweisführung zu folgen. Er sagt (V. 15): „Darum auch ich, nachdem ich gehöret habe von dem Glauben bei euch, höre ich nicht auf zu denken für euch und gedenke eurer in meinem Gebet: daß der Gott unsres Herrn Jesu Christi, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung zu seiner selbst Erkenntnis.“ Seht denn, wenn ihr an Jesum Christum geglaubt habt, so kommt der Geist Gottes auf euch und Er gibt euch Weisheit und Offenbarung. Lehren in dem Worte, die ihr nie vorher verstandet, werden euch klar werden - „erleuchtete Augen eures Verständnisses;“ die verheißenen Segnungen werdet ihr deutlicher erkennen „,welches da sei die Hoffnung eures Berufs und welcher da sei der Reichtum seines herrlichen Erbes an seinen Heiligen.“ Die tieferen Wahrheiten, welche euch zuerst stutzig und verwirrt machten, eröffnen sich euch nach und nach, ihr erkennt und schätzt sie. Ihr werdet mehr von der Herrlichkeit Christi inne und seht die überschwengliche Größe der Kraft, mit welcher der Herr in den Heiligen wirkt nach der Wirkung seiner mächtigen Stärke, welche Er gewirkt hat in Christo, da Er Ihn von den Toten auferweckt hat und gesetzt zu seiner Rechten im Himmel, über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was genannt mag werden, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.„ Ihr sanget tief den seligen Gedanken ein, daß Jesus das Haupt der Gemeinde ist über alles, und ihr erhaltet einige Einblicke in die geheimnisvolle Lehre, daß die Gemeinde seine Fülle ist “,nämlich die Fülle des, der alles in allem erfüllet.„ Nun, Brüder, wenn wir diese Dinge richtig erkennen, so hat der Geist uns gelehrt, und die Folge davon ist, daß wir uns sagen: „Gewiß, ich muß ein Kind Gottes sein, denn ich verstand diese Dinge nie zuvor. Wie hätte ich sie lernen können, wenn ich nicht von Gott gelehrt wäre.“ Der Meister scheint an unsrer Seite zu stehen und zu sagen: „Selig bist du, Simon, Jonas Sohn, denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Wenn ihr die überschwengliche Gnade Gottes gesehen habt, die Hoheit des Heilsplanes und die auserlesene Schönheit der Person unsres Heilandes Jesu Christi, so habt ihr ein sicheres Siegel auf eurer Seele, denn gleich dem Blinden im Evangelium könnt ihr sagen: „Eins weiß ich wohl, daß ich blind war und bin nun sehend.“

Wenn ihr weiter geht zum folgenden Kapitel, so werdet ihr sehen, daß der Geist Gottes in jedem Menschen, der Ihn besitzt, Leben wirkt, und dies Leben wird eine andre Form des Siegels. „Da wir tot waren in den Sünden, hat Er uns lebendig gemacht.“ Dieses Leben ist von einer neuen Art und hat eine erneuernde Kraft, so daß die Menschen den Lauf dieser Welt verlassen und nicht länger den Willen des Fleisches und der Vernunft tun. Dieses neue Leben führen sie allein auf Gott zurück, der reich ist an Barmherzigkeit, der in seiner großen Liebe, damit Er sie geliebt hat, als sie tot in Sünden waren, sie samt Christo lebendig gemacht hat. Sie führen dies Leben ganz auf die Gnade Gottes zurück, - „aus Gnaden seid ihr selig geworden;“ und sie sehen, daß dieses Leben in ihnen gute Werke hervorbringt “,denn wir sind sein Werk, geschaffen in Jesu Christo zu guten Werken.„ Ich brauche nicht zu erklären, wie dieses Leben uns erhebt und uns in das himmlische Wesen setzt in Christo Jesu, denn die meisten unter euch wissen davon; ihr habt ein Leben von oben empfangen, ein lebendiger und unvergänglicher Same ist in euch, ihr seid in eine neue Welt eingetreten, ihr habt Gefühle, Wünsche, Befürchtungen,. Hoffnungen, die ihr früher nie kanntet, und so ist auch euer äußeres Leben verändert, daß ihr nun dem nachjagt, was dem Willen Gottes gemäß ist. Nun, Brüder, was kann euch ein besseres Siegel sein, daß ihr in der Tat errettet seid, als dieses Leben, was ihr in euch fühlt. Dies ist die Art, in welcher der Geist Gottes euch versiegelt, indem Er euch des himmlischen Lebens teilhaftig macht, das noch niemals in einem Ungläubigen wohnte und niemals ohne den Glauben sein kann. „Wie viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.“ „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohne nicht glaubt, der wird das Leben nicht haben, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm!“ So sind Weisheit und Leben, welche beide sichere Resultate des inwohnenden Geistes sind, uns ein Siegel, daß wir wirklich errettet sind.

Geht ein wenig weiter, und ihr werdet auf dem einen Siegel noch ein ferneres Zeichen bemerken, nämlich - Gemeinschaft. „Ihr waret zu dieser Zeit ohne Christum, Fremde und außer der Bürgerschaft Israels, und Fremde von den Testamenten der Verheißung, daher ihr keine Hoffnung hattet und waret ohne Gott in der Welt; nun aber, die ihr in Christo Jesu seid, und weiland ferne gewesen, seid nun nahe geworden durch das Blut Christi. Denn Er ist unser Friede, der aus beiden eins hat gemacht und hat abgebrochen den Zaun, der dazwischen war.“ Die, welche an Jesum Christum glauben, werden von dem Geist Gottes dahin geleitet, ihre Mitchristen zu lieben, und so wissen wir “,daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder.„ Einst hielten wir die Gottesfürchtigen für langweilige und trübe Leute, jedenfalls ließen wir sie ihre Wege gehen, und waren froh, ihnen fern zu bleiben; aber nun lieben wir ihre Gesellschaft, nehmen teil an ihrem Streben und sind willig, ihre Verfolgungen mit ihnen zu erdulden. Wir halten die Heiligen Gottes für die beste Gesellschaft der Welt; wir wollten lieber niedersitzen und eine halbe Stunde mit einer armen, kranken Frau reden, als an den Höfen der Fürsten uns befinden. Diese brüderliche Liebe wird ein Siegel der Gnade in unsern Herzen, denn Johannes sagt uns in seiner ersten Epistel: „Wer lieb hat, der ist von Gott geboren und kennet Gott.“ „So wir uns untereinander lieben, so bleibet Gott in uns, und seine Liebe ist völlig in uns.“ 1 Joh. 4, 7. 12.

Noch wunderbarer ist das, was folgt, nämlich, daß wir Gemeinschaft mit Gott haben. Der Apostel spricht von uns, als versöhnt mit Gott durch das Kreuz, durch welches die Feindschaft getötet ist, und er sagt von unserm Herrn: „durch Ihn haben wir den Zugang alle beide in einem Geist zum Vater.“ Ich folge dem Gange des Kapitels. Wenn wir fühlen, daß wir mit Gott Gemeinschaft haben, daß kein Streit zwischen Ihm und uns ist, daß wir Ihn lieben, wie Er uns geliebt hat, daß wir uns Ihm nahen können im Gebet und mit Ihm reden, daß Er uns hört und uns gnädiger Friedensantworten würdigt; dies sind gesegnete Siegel unsrer Errettung. Einige von uns können auf Zeiten der Gemeinschaft mit Gott zurückblicken, auf Zeiten vielvermögenden Gebets und auf unzählige Erhörungen unsrer Bitten, alle diese werden uns zu unfehlbaren Zeichen seiner Liebe.

Ich werde euch nicht ermüden, wenn ich euch auf einen Augenblick beachten heiße, daß der Apostel dann zunächst vom Auferbauen spricht: „Erbauet auf den Grund der Apostel und Propheten, da Jesus Christus der Eckstein ist; auf welchem der ganze Bau ineinander gefüget, wächset zu einem heiligen Tempel in dem Herrn.“ Seid ihr euch nicht bewußt, Gläubige, daß ihr zu einer göttlichen Gestalt erbaut werdet, nach einem hohen und edlen Vorbild? Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden, aber ihr müßt euch bewußt sein, daß Reihe auf Reihe von köstlichen Steinen auf die Grundlage eures Glaubens an Christus gelegt ist. Seit ihr den Herrn kennt, habt ihr einen deutlichen Fortschritt gemacht. Zuzeiten fürchtet ihr, daß ihr nur abwärts gewachsen seid, aber ihr seid gewachsen; es ist ein etwas an euch jetzt, was zehn Jahre vorher nicht da war. Ich bin mir irgendwie doch deutlich bewußt, daß ich vor zwanzig Jahren nicht war, was ich jetzt bin. Ich fühle mich manchmal wie ein Vogel in der Eierschale! Ich picke ein Stückchen nach dem andern weg, ich glaube, sie wird eines Tages brechen und der Vogel wird herauskommen; aber ich fühle oft meine Flügel gedrückt und eingezwängt durch die Schale; ich möchte das Leben in mir entwickelt und in Freiheit gesetzt sehen. Fühlt ihr nicht dasselbe? Habt ihr nicht gefühlt, als wenn in euch eine weit herrlichere Natur verborgen läge und sich sehnte nach Befreiung von Fleisch und Schwachheit? Dieses Seufzen, Streben, Hoffen und Wünschen ist alles ein Siegel der Errettung; ihr findet niemals die Gottlosen in dieser Weise bewegt. Diese Schmerzen sind nur dem Leben eigen. Ihr seid kein fertiges Gebäude, sondern nur ein Hans, das erst errichtet wird, und ihr könnt sicher sein, daß eines Tages der Schlußstein gelegt wird, unter dem jauchzenden Rufe, daß es „Gnade, Gnade“ ist, die ihn legt. Aber dieses Auferbauen durch den Geist Gottes ist das Siegel des Geistes; es ist für euch das Zeugnis, daß Gott ein gutes Werk in euch begonnen hat und es vollführt.

Zuletzt noch, das zweite Kapitel schließt damit, daß es sagt: „Auf welchem auch ihr mit erbauet werdet zu einer Behausung Gottes im Geist;“ und dies scheint mir alles zusammen zu fassen, was ich vorhin gesagt. Das In wohnen des Geistes in den Heiligen, in ihnen als einem Ganzen und in jedem einzelnen besonders, ist ein köstliches Siegel.

„Wohnst Du in allen Heil'gen nicht.
Versiegelst sie als Himmelserben?“

Ja, das ist die Art des Versiegelns nach dem Gebet in einem unsrer Gesänge:

„Birg unter Deiner Gnade Flügel.
O Jesus, meine Seele Du,
Und sei Du selbst das heil'ge Siegel,
Daß ich in Dir hab' Fried' und Ruh'!“

Wenn des Herrn Geist in euch wohnt, so müßt ihr des Herrn sein. Wird der Geist Gottes in einem andren Tempel wohnen, als in einem, den Gott geweiht hat? Er mag über die Menschen kommen, um sie eine Zeitlang zu ziehen, aber Er wird niemals wohnen in einem Herzen, das nicht mit dem Blute Jesu gereinigt ist, und er kann unmöglich dauernd in einer Seele weilen, die mit Selbstgerechtigkeit und Sündenliebe befleckt ist. Nein, Geliebte, wenn der Geist Gottes in euch wohnt, so braucht ihr keine Träume, kein Flüstern eines Engels oder Geräusch in der Luft. Der inwohnende Geist ist das einzige Siegel, das ihr nötig habt. Ich lege euch die Frage vor, Brüder und Schwestern, was wollt ihr mehr? Gesetzt, du träfest auf deinem Heimwege einen Engel an, der auf dem Schnee stände, in glänzendes Weiß gekleidet und zu dir spräche: „Ich habe eine Botschaft Gottes an dich“ - dann deinen Namen nannte und hinzufügte: „Du bist einer der Auserwählten Gottes.“ Diese Erscheinung würde dich eine halbe Stunde lang trösten, das bezweifle ich nicht, aber viele verzagte Seelen würden sich nicht viel länger damit trösten, denn der Teufel würde sagen: „Es schneite? Ohne Zweifel wurden die Flocken dir ins Auge getrieben, oder sonst hast du eine hübsche Einbildungskraft.“ „O, aber,“ würdest du sagen: „ich hörte ihn sprechen.“ „Ah, du hörtest ein Geräusch in deinem Kopfe, du wirst bald reif fürs Irrenhaus sein.“ Ich bekenne, wenn du mir die Geschichte erzähltest, so würde ich nicht viel Federlesens davon machen, sondern sagen: „Du bist doch wohl nicht solch ein Narr, das zu glauben?“ und du würdest viele Leute derselben Meinung finden. Aber es kann kein Zweifel in betreff des Siegels in unsrem Texte sein. Gott hat dich gelehrt, was niemand als der Geist Gottes dich lehren konnte; du hast ein Leben in dir, was niemand als der Geist Gottes dir geben konnte; dieser Erkenntnis und dieses Lebens bist du dir vollkommen bewußt; du brauchst niemand anders danach zu fragen. Jemand mag mich fragen, ob ich den So-und-so kenne, aber ich bin der beste Zeuge, ob ich es tue oder nicht. Wenn man mich fragt: „Wie weißt du, daß du lebendig bist?“ Wohl, ich gehe umher, das ist alles; aber ich bin dessen ganz gewiß und brauche keines weiteren Beweises.

Das beste Siegel für eines Menschen Herz muß das sein, dessen er sich bewußt ist und in betreff welches er sich nicht auf andre zu berufen braucht. Gebt mir ein Siegel, das so gewiß ist, wie mein eignes Dasein; ich kann nicht einsehen, wie Gott selber mir etwas Gewisseres geben könnte, als die Gabe seines Geistes, die Erkenntnis und Leben in mir wirkt. „O,“ sagt einer “,aber wenn ich eine Stimme hören könnte.„ Gesetzt, du tätest es. Dann würde die Furchtsamkeit geltend machen, daß es unzählige Stimmen gibt und daß man irriger Weise die eine für die andre nehmen kann. Du warst auf der Straße, als du sie hörtest; vielleicht war es ein Papagei oder ein Star, in einem oberen Fenster. Wer weiß? Es ist so leicht für das Ohr, sich zu täuschen. Manches Mal hast du gesagt: „ich weiß, ich hörte das und das,“ wenn du es nicht gehört hattest, sondern etwas sehr Ähnliches. Ich wollte nicht halb so leicht meinen eignen Ohren glauben, wenn ihr Zeugnis meine Seele beträfe, als ich meinem eignen Bewußtsein glaube. Da Erkenntnis und Leben und andre Dinge, die ich jetzt eben genannt, alle Sachen des Bewußtseins sind, so sind sie weit bessere Siegel, als etwas, das sich wie eine Engelserscheinung an das Auge wendete, oder wie eine geheimnisvolle Stimme an das Ohr. Hier habt ihr etwas Gewisses und Beständiges. Wenn der Geist Gottes in euch wohnt, so seid ihr sein, und wenn Er nicht in euch wohnt, so seid ihr nicht sein.

Nehmt dies als Schlußwort: „Betrübet nicht den Heiligen Geist, damit ihr versiegelt seid auf den Tag der Erlösung,“ sondern liebt Ihn, ehrt Ihn und gehorcht Ihm; so wird das Siegel immer hell vor euren Augen sein. Für euch, die ihr noch nicht geglaubt habt, schließe ich mit diesem Wort: Begehrt kein Siegel; ihr habt nichts mit Siegeln zu tun, sondern mit Jesus. „Diese böse und ehebrecherische Art sucht ein Zeichen.“ Glaubt an Christus Jesus, und wenn ihr auf Ihn traut, dann werden Zeichen, Siegel, Merkmale folgen. Gott segne euch, um Christi willen. Amen.

Komm hernieder. Geist der Liebe,
Und entzünde mein Gemüt,
Wecke in mir heil'ge Triebe,
Laß mich schmecken Deine Güt';
Geist des Herrn, kehr' Dich zu mir
Und beleb' mich für und für.

Ach, wo soll ich Frieden finden;
Du bist ja nur friedensvoll;
Und die Welt liegt tief in Sünden,
Darum ich sie fliehen soll:
Nur auf Deinen lichten Höh'n
Wird der Frieden mich umweh'n.

Dunkel wär's in meiner Seele,
Furcht erfüllte meinen Sinn,
Und in düst'rer Sündenhöhle
Sänke ich verzweifelnd hin;
Wenn in mir nicht Deine Kraft,
Geist des Höchsten, Leben schafft'.

Finster wär' des Lichtes Quelle,
Die aus Jesu Herzen fließt,
Machtest Du sie mir nicht helle;
Doch wer sie durch Dich genießt,
Den umstrahlt der Himmel schon;
Er erblickt der Wahrheit Thron.

Was kann mich auf Erden drücken,
Wohnst Du, Geist des Herrn! in mir.
Deine Kraft wird mich erquicken,
Und mich trösten, duld' ich hier.
Was ist, das mir schaden kann,
Geh' ich Deine lichte Bahn.

Arm bin ich, ich kann nichts schaffen;
Du tust, was ich Gutes tu'.
Meine Kräfte bald erschlaffen,
Müde schließt das Herz sich zu:
Kräfte kannst Du, Geist, verleih'n,
Meinem Tun gibst Du Gedeih'n.

Wandle ich des Todes Straßen,
Seufze ich in Todesnot,
Wirst Du, Geist, mich nicht verlassen,
und versüßen meinen Tod.
Zu der Engel Lobgesang
Führst Du mich - dort tönt Dir Dank.

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