Spurgeon, Charles Haddon - Riesen und Zwerge

Soll irgend etwas im Dienste Gottes unternommen werden, tut es not, daß es frühe durch den Geist Gottes bewässert wird. Nichts hat einen guten Anfang, wenn nicht der heilige Geist sich darauf niederläßt. Es kann weder Wurzel fassen noch hoffnungsvoll aufwachsen; vielmehr wird es, wenn nicht der himmlische Morgentau darauf fällt, wie das Gras auf den Dächern verwelken. Auch nach jahrelangem Wachstum bedarf es der gleichen Gnade; der Spätregen, der Schauer der Erweckung, in dem das alte Werk erfrischt wurde und der erste Durst zurückkehrt, tut dringend not. Ohne diesen Spätregen wird die Ernte, auf die es abgesehen ist, verfehlt.

Das ist auch wahr in bezug auf einen Wirkungskreis, an dem sich irgend eine Persönlichkeit beteiligt. Ich hoffe, daß jeder Gläubige etwas für seinen Herrn und Meister zu tun gefunden hat. beim Anfang eines christlichen Werkes dient die Neuheit sehr mit zur Begeisterung dafür; es ist sehr natürlich, daß der Anfänger unter diesen Eindrücken leicht Erfolg erzielt. Die Schwierigkeit eines Werkes liegt selten in seinem Anfang; die wirkliche Arbeit liegt in der Ausdauer, durch die allein der Sieg errungen werden kann. Christen, die jetzt seit Jahren in einem von Gott ihnen zugewiesenen Werk tätig sind, möchte ich an den Frühregen ihrer jugendlichen Tätigkeit erinnern, dessen Feuchtigkeit wohl noch nicht ihrem Gedächtnis entschwunden ist, wenn auch diesem Frühregen manches dürre Jahr gefolgt ist. Seid guten Mutes, ein Spätregen ist immer noch möglich. Sucht ihn. Daß ihr seiner so sehr bedürft, mag ja beklagenswert sein. Wenn ihr aber wirklich solches Bedürfnis fühlt, so freut euch, daß der Herr es in euch erweckt hat. Es wäre Grund zur Besorgnis vorhanden, wenn ihr nicht das Verlangen nach mehr Gnade hättet, jedoch das Bewußtsein, daß alles, was Gott in der Vergangenheit getan hat, euch nicht tüchtig machte, jetzt ohne ihn etwas zu tun; das Gefühl, daß ihr jetzt wie von jeher völlig auf seine Kraft angewiesen seid, ist ein solcher Herzenszustand, in dem Gott euch reichlich segnen wird. Bittet ihn, daß er, wie er euch in vergangenen Jahren ein wenig Segen geschenkt her, jetzt wiederkehren und euch zehnmal mehr schenken möge, so daß ihr schließlich, nachdem ihr unter Tränen gesät habt, jetzt kommt mit Freuden und bringet eure Garben.

Die Gefahr eines jeden Arbeiters im Weinberg liegt darin, daß er leider so leicht das Werk gewohnheitsmäßig im Schlendrian, dazu mit Selbstzufriedenheit treibt. Wir sind so geneigt, das zu tun, was wir zu tun gewohnt waren und es halb im Schlafe zu tun. Eine der schwersten Aufgaben in der Welt ist die, den Christen auf dem „bezauberten Boden“ noch zu halten. Die Richtungen der Jetztzeit sind schläfrig. Das Leben, die Kraft unserer öffentlichen Liebestätigkeit, unser Privatgottesdienst verdunkeln bald; wir beten wie im Traum, lobsingen und predigen wie Somnambulisten. Möchte Gott uns doch aufwecken, uns belebe und frischer machen; möge er den Spätregen senden zur Erquickung seines Erbes!

Wir haben in dieser Zeit nur wenig Riesen an Gnade, solche, die Haupt und Schultern über die gewöhnliche Höhe erheben, Männer, die uns zu Heldentaten und Anstrengungen unwandelbaren Glaubens führen. Nach allem geschieht ja das Werk der christlichen Gemeinde, aber obwohl es von allen geschehen sollte, verdankt es solches oft einzelnen Persönlichkeiten mit besonderer Gnade. Wir sind in diesen verderbten Tagen sehr dem Volke Israel zur Zeit der Richter ähnlich, denn es werden Führer unter uns erhoben, die Israel richten und der Schrecken der Feinde sind. o, hätte doch die Gemeinde ein Heldengeschlecht in ihrer Mitte; würde doch unser Missionswerk begleitet von der heiligen Ritterschaft, durch die in früheren Tagen Gemeinden sich auszeichneten! Wenn wir wieder Apostel und Märtyrer oder solche wie Carey und Judson haben könnten - welche Wunder würden geschehen! Wir sind zu einem Zwergengeschlecht verfallen und sind im großen und ganzen damit befriedigt.

Wir sind so sanft und ruhig, wir bedienen uns keiner starken Sprache über anderer Leute Ansichten, sondern lassen vielmehr aus lauter Barmherzigkeit die Leute zur Hölle fahren. Wir sind keineswegs somatisch, und in bezug auf das, was wir tun, um den alten Mörder zu stören, hat dieser eine gemütliche Zeit. Wir haben keinen besonderen Wunsch, irgend einen Sünder zu retten, der nicht vorzugsweise gerettet werden möchte. Wir begnügen uns damit, in milder Weise ihm ein Wort zu sagen, reden aber nicht unter Tränen oder ringen mit Gott um seine Seele; ebensowenig möchten wir ihm unsere Ansichten aufdrängen, obwohl wir ganz gut wissen, daß er verloren gehen muß, solange er Jesus den Gekreuzigten nicht erkannte. Möge Gott seiner Gemeinde den Spätregen senden, mir und euch; möchten wir doch anfangen, uns aufzuraffen und nach dem höchsten Ernst für das Himmelreich des Königs Jesu trachten! Möchten doch die Tage kommen, in denen wir nicht länger zu klagen haben, daß wir viel hören und wenig ernten, sondern möchten wir durch die Gnade unseres Herrn einen hundertfältigen Lohn empfangen!

In aller Schwachheit, jedoch mit den ernstesten Absichten, habe ich versucht, ein Streben nach einem höheren Leben und der Aufrichtung eines höheren Standpunktes zu wecken. Sucht euren himmlischen Meister mehr zu lieben, bittet, daß ihr erfüllt werdet mit seinem Geist. Seid nicht nur Geschäftsleute, die christianisiert sind, sondern seid Christen, nicht überführt, sondern echtes Metall. Seid Diener Jesu Christi, ob ihr eßt oder trinkt oder was ihr auch tut. Dient ihm mit euren beiden Händen und einem ganzen Herzen. Laßt eure Männlichkeit bis zur äußerste Spannkraft ausgestreckt und mit aller Macht in des Erlösers Dienst verwendet werden. Lebt, während ihr lebt, vertändelt nicht euer Dasein mit niedrigen Dingen, sondern achtet die Verherrlichung Christi für das einzige Ziel, das unserer Manneskraft wert ist, die Verbreitung der Wahrheit für das einzige Bestreben, das unsere angestrengte Arbeit verdient. Verzehrt euch und laßt euch verzehren im Dienst eures Herrn.

Quelle: Gärtner - Eine Wochenschrift für Gemeinde und Haus 1912

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