Spurgeon, Charles Haddon - Die Rechtfertigung durch den Glauben — vorgebildet durch Abrahams Gerechtigkeit.

„Abraham glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.„
1 Mose 15, 6.

Ihr werdet euch erinnern, daß wir am letzten Sonntagmorgen über die Berufung Abrahams sprachen und über den Glauben, durch den er fähig ward, auf das Geheiß des Höchsten das abgesonderte Leben zu beginnen. Wir werden heute von der Betrachtung seines Berufes, zu der seiner Rechtfertigung übergehen, da diese im Verlauf seiner Geschichte das nächste Bemerkenswerte bildet, wie sie es auch in der Lehre des Neuen Testaments ist, denn: „welche Er aber berufen hat, die hat Er auch gerecht gemacht.“

Indem wir das vorhergehende Kapitel als eine Vorrede zu unsrem Thema ansehen, bemerken wir, daß nach Abrahams Berufung sein Glaube sich als einer von sehr praktischer Art erwies. Berufen, sich von seinen Freunden und seinem Vaterlande zu trennen, ward er darum doch kein Einsiedler, kein Mann von asketischen Gewohnheiten, kein Sentimentaler, unfähig für die Kämpfe des gewöhnlichen Lebens — nein; in der edelsten Weise wahrer Männlichkeit zeigte er sich im stande, die häuslichen Unannehmlichkeiten und die allgemeinen Leiden, die seiner warteten, zu ertragen. Die Hirten Lots zankten mit den Knechten Abrahams, und mit großer Uneigennützigkeit ließ er seinen Jüngern und weit unter ihm stehenden Verwandten die Wahl der Weide, und gab die wasserreiche Ebene Sodoms auf, die beste Gegend des Landes. Kurze Zeit nachher zeigte der großartige, alte Mann, der seinem Gott vertraute, daß er ein Krieger sein und ruhmvoll gegen furchtbare Übermacht kämpfen könnte. Er wappnete die Knechte seines Hauses, nahm die Hilfe seiner Nachbarn an, verfolgte die siegreichen Heere der verbündeten Könige und schlug sie mit einer so schweren Hand, als wäre er von Jugend auf ein Kriegsmann gewesen. Brüder, dieser Glaube des Alltagslebens ist der Glaube der Erwählten Gottes. Es gibt Leute, welche sich vorstellen, der seligmachende Glaube sei eine unfruchtbare Überzeugung von der Wahrheit gewisser abstrakter Lehrsätze, die nur zu einer ruhigen Betrachtung gewisser angenehmer Gegenstände führe, oder zu einem Aufgeben alles Mitgefühls für unsre Nebenmenschen; aber es ist nicht so. Der Glaube, der sich nur auf religiöse Übungen beschränkt, ist nicht der christliche Glaube, dieser muß sich in allem zeigen. Einen bloß religiösen Glauben mögen Männer erwählen, deren Hirn mehr erweicht ist, als ihr Herz, die besser für das Kloster, als für den Markt passen; aber der christliche Glaube, den wir nach Gottes Willen üben sollen, ist ein großes praktisches Prinzip, das sich für jeden Tag in der Woche eignet, uns hilft, unsrem Hause in der Furcht Gottes vorzustehen und die rauhen Kämpfe des Lebens auf dem Warenlager, dem Landgut oder der Börse zu beginnen. Ich erwähne dies am Anfang der Rede, denn, wie dies der Glaube ist, der aus Abrahams Berufung hervorging, so leuchtet er auch in seiner Rechtfertigung und ist in Wahrheit der, welchen Gott ihm zur Gerechtigkeit rechnete.

Doch zeigt uns der erste Vers, daß selbst ein solcher Gläubiger, wie Abraham, des Trostes bedurfte. Der Herr sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht.„ Warum fürchtete sich Abraham? Teils war es die Reaktion, die stets eintritt, wenn eine Aufregung vorüber ist. Er hatte kühn gefochten und ruhmvoll gesiegt, und nun fürchtete er sich. Feiglinge zittern vor dem Kampf, und tapfere Männer nach dem Sieg. Elias schlachtete die Baalspriester ohne Furcht, aber nachdem alles vorüber war, sank sein Mut, und er floh vor dem Antlitz Isebels. Abrahams Furcht hatte außerdem ihren Ursprung in einem überwältigenden Gefühl der Ehrfurcht in der Gegenwart Gottes. Das Wort Jehovahs kam mit Macht zu ihm, und er fühlte dieselbe Erschlaffung der Kräfte, wie Johannes, als er auf der Insel Patmos zu den Füßen seines Herrn niederfiel, und wie Daniel, als er am Ufer des Hiddekel empfand, daß keine Kraft mehr in ihm sei. „Fürchte dich nicht,“ sprach der Herr zu dem Patriarchen. Sein Geist war zu tief gebeugt. Gott wollte seinen Knecht emporheben zu der Kraft, eine heilige Vertraulichkeit mit Ihm zu empfinden. Ah, Brüder, dies ist eine gesegnete Furcht, — laßt uns sie hegen; denn bis sie durch vollkommene Liebe, die noch besser ist, ausgetrieben wird, mögen wir es zufrieden sein, unser Herz von ihr beherrschen zu lassen. Sollte nicht ein Mensch, der sich großer Schwachheiten bewußt ist, in seiner eignen Schätzung sinken in demselben Maße, in welchem er durch Gemeinschaft mit dem erhabenen Herrn geehrt wird?

Als er getröstet war, empfing Abraham eine offene Erklärung seiner Rechtfertigung. Ich bin der Meinung, geliebten Freunde, daß unser Text uns nicht lehren will, Abraham sei vor dieser Zeit nicht gerechtfertigt gewesen. Der Glaube rechtfertigt immer, wo er auch existiert, und sobald er geübt wird; sein Resultat folgt augenblicklich, und ist kein Nachwuchs, der Monate des Wartens erfordert. In dem Augenblick, wo ein Mensch wirklich seinem Gott vertraut, ist er gerechtfertigt. Doch sind viele gerechtfertigt, welche noch nicht ihren glücklichen Zustand kennen; für deren Verständnis der Segen der Rechtfertigung noch nicht in seiner Herrlichkeit und seinem Reichtum an Vorrechten erschlossen ist. Es mögen heute einige hier sein, die durch die Gnade von der Finsternis zu dem wunderbaren Licht berufen sind; ihr seid dahin gebracht, auf Jesum zu blicken, und ihr glaubt, daß ihr Vergebung der Sünden empfangen habt, und dennoch wißt ihr aus Mangel an Erkenntnis wenig von der lieblichen Bedeutung solcher Worte, wie „Angenommen in dem Geliebten.„ (Epheser 1,6.) „Vollkommen in Christo Jesu.“ Ihr seid ohne Zweifel gerechtfertigt, obgleich ihr kaum versteht, was Rechtfertigung bedeutet; und ihr seid angenommen, obgleich ihr eure Annahme noch nicht empfunden habt; und ihr seid vollkommen in Jesu Christo, obgleich ihr heute ein viel tieferes Gefühl von eurer persönlichen Unvollkommenheit, als von der Allgenugsamkeit Jesu habt. Ein Mann kann Anrecht auf ein Besitztum haben, obgleich er die Urkunden nicht zu lesen vermag oder von ihrem Dasein noch nichts gehört hat; das Gesetz erkennt Rechte und Thatsachen an, nicht unsre Begriffe davon. Aber es wird eine Zeit kommen, Geliebte, wo ihr, die ihr berufen seid, klar eure Rechtfertigung fühlen und euch darüber freuen werdet; ihr werdet ein deutliches Verständnis derselben haben und hohe Wonne darüber empfinden, sie wird euch zu einer höheren Stufe der Erfahrung hinaufheben, und euch fähig machen, mit festerem Schritt zu wandeln, mit fröhlicherer Stimme zu singen und mit vollerem Herzen zu triumphieren.

Ich will jetzt mit Hilfe Gottes zuerst die Mittel der Rechtfertigung Abrahams betrachten, dann zweitens den Gegenstand des Glaubens, der ihn rechtfertigte, und dann drittens das, was mit seiner Rechtfertigung verbunden war.

I.

Zuerst Brüder, wie ward Abraham gerecht? Wir sehen in dem Text die große Wahrheit, die Paulus im vierten Kapitel seines Römerbriefes so klar auseinandersetzt, daß Abraham nicht durch seine Werke gerecht wurde. Der guten Werke Abrahams waren viel gewesen. Es war ein gutes Werk, sein Vaterland und seines Vaters Haus auf Gottes Geheiß zu verlassen; es war ein gutes Werk, sich in edler Weise von Lot zu trennen; es war ein gutes Werk, die räuberischen Könige mit unerschrockenem Mute zu verfolgen; es war ein großartiges Werk, sich zu weigern, die Beute Sodoms anzunehmen, und seine Hände zu Gott aufzuheben, daß er nicht einen Faden noch Schuhriemen nehmen wolle; es war ein heiliges Werk, Melchisedek den Zehnten von allem, was er besaß, zu geben, und den höchsten Gott zu verehren: doch nichts von diesem allen wird im Text erwähnt, und ebensowenig wird auf andre heilige Pflichten als Grund oder Ursache oder teilweise Ursache seiner Rechtfertigung vor Gott hingewiesen. Nein, es wird gesagt: „Er glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.„ Gewiß, Freunde, wenn Abraham nach Jahren heiligen Lebens nicht durch seine Werke gerecht ist, sondern vor Gott um seines Glaubens willen angenommen wird, so muß dies viel mehr der Fall sein bei dem ungöttlichen Sünder, der, nachdem er in Ungerechtigkeit gelebt, doch an Jesum glaubt und gerettet wird. Wenn eine Seligkeit da ist für den sterbenden Schächer und andre, die ihm gleichen, so kann sie nicht aus Verdienst, sondern nur aus Gnaden sein, da solche keine guten Werke haben. Wenn Abraham, voll guter Werke, nicht durch diese gerecht wird, sondern durch seinen Glauben, wieviel mehr müssen wir, die wir voller Unvollkommenheiten sind, zum Throne der himmlischen Gnade kommen und bitten, daß wir durch den Glauben, der in Christo Jesu ist, gerechtfertigt und durch das freie Erbarmen Gottes errettet werden mögen! Ferner, diese Rechtfertigung wurde Abraham ebensowenig durch Gehorsam gegen das Zeremonialgesetz zu teil, als durch Erfüllung des sittlichen Gesetzes. Wie der Apostel es so klar ausführt, Abraham war gerecht, ehe er beschnitten war. Der Schritt, der in den äußeren und sichtbaren Bund, so weit er zeremoniell war, einweihte, war noch nicht gethan, und doch war der Mann vollkommen gerechtfertigt. Alles, was nachher folgt, kann nicht zu etwas beitragen, was schon vollkommen ist. Abraham, der schon gerecht ist, kann diese Rechtfertigung nicht seiner nachfolgenden Beschneidung verdanken — das ist klar genug; und so, Geliebte, sind in diesem Augenblick, wenn ihr und ich gerechtfertigt werden sollen, diese zwei Dinge gewiß: es kann nicht sein durch die Werke des Moralgesetzes; es kann nicht sein durch Gehorsam gegen irgend ein Zeremonialgesetz, sei es, was es wolle — das heilige Ritual, das Aaron gegeben ward oder das abergläubische Ritual, das behauptet, durch allmähliche Überlieferung in der christlichen Kirche verordnet zu sein. Wenn wir in Wahrheit die Kinder des gläubigen Abraham sind, und auf Abrahams Weise gerechtfertigt werden sollen, so kann es nicht durch Unterwerfung unter Riten oder Zeremonien irgend welcher Art sein. Merket sorgfältig hierauf, ihr, die ihr vor Gott gerecht werden wollt: die Taufe ist an sich eine treffliche, von Gott verordnete Handlung, aber sie kann nicht rechtfertigen und nicht dazu helfen, uns zu rechtfertigen; die Konfirmation ist eine bloß menschliche Einrichtung und könnte, selbst wenn sie von Gott befohlen war, bei der Rechtfertigung keinen Beistand leisten; und des Herrn Abendmahl, obwohl es eine göttliche Stiftung ist, kann in keiner Weise zu unsrer Annahme oder Rechtfertigung dienen. Abraham hatte kein Zeremoniell, auf das er bauen konnte; er war durch seinen Glauben gerecht, und nur durch seinen Glauben; und das müssen wir, ihr und ich, auch sein, wenn wir überhaupt je vor Gott gerecht dastehen wollen. Der Glaube war bei Abraham die einzige und alleinige Ursache, daß er für gerecht erklärt wurde, denn, beachtet, obwohl in andren Fällen Abrahams Glaube Werke hervorgebracht hatte, und obgleich der Glaube überall, wo er echt ist, gute Werke erzeugt, so war doch das besondere Beispiel von Glauben, das in diesem Kapitel erzählt wird, nicht von Werken begleitet. Denn Gott ließ ihn hinausgehen unter den Sternenhimmel und hieß ihn hinaufblicken. „Also soll dein Same werden,“ sagte die heilige Stimme. Abraham that was? Glaubte der Verheißung — das war alles. Ehe er noch Opfer dargebracht, ehe er ein heiliges Wort gesprochen oder eine einzige Handlung irgend einer Art vollzogen hatte, ging schon augenblicklich und sogleich das Wort aus: „Er glaubte dem Herrn, und das rechnete Er ihm zur Gerechtigkeit.„ Unterscheidet stets zwischen der Wahrheit, daß der lebendige Glaube immer Werke hervorbringt, und der Lüge, daß Glaube und Werke zusammenwirken, um die Seele zu rechtfertigen. Wir werden gerecht gemacht einzig durch einen Akt des Glaubens an das Werk Jesu Christi. Dieser Glaube, wenn er wahrhaft ist, bringt immer Heiligkeit des Lebens hervor, aber vor Gott sind wir in keinem Maße und in keiner Hinsicht wegen unsrer Heiligkeit im Leben, sondern allein wegen unsres Glaubens an die göttliche Verheißung gerechtfertigt; so spricht der inspirierte Apostel: „Sein Glaube ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ Das ist aber nicht geschrieben allein um seinetwillen, daß es ihm zugerechnet ist, sondern auch um unsertwillen, welchen es soll zugerechnet werden, so wir glauben an Den, der unsren Herrn Jesum auferwecket hat von den Toten; welcher ist um unsrer Sünde willen dahingegeben, und um unsrer Gerechtigkeit willen auferwecket.„

Ich möchte euch auch darauf hinweisen, daß der Glaube, der Abraham rechtfertigte, noch ein unvollkommener Glaube war, obgleich er ihn vollkommen rechtfertigte. Es war vorher ein unvollkommener, denn er hatte sich gescheut, in betreff seines Weibes die Wahrheit zu sagen und Sarai geheißen: „Sage, du seiest meine Schwester.“ Es war ein unvollkommener, nachdem er ihn gerechtfertigt hatte, denn im nächsten Kapitel finden wir, daß er Hagar, die Magd seines Weibes, nimmt, um den göttlichen Ratschluß auszuführen, und so einen Mangel an Vertrauen auf das Wirken des Herrn zeigt. Es ist ein Segen für euch und mich, daß wir nicht vollkommenen Glauben brauchen, um errettet zu. werden. So ihr Glauben habt als ein Senfkorn, so möget ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin; so wird er sich heben.„ Wenn du nur den Glauben eines kleinen Kindes hast, so wird Er dich erretten. Ob auch dein Glaube nicht immer auf derselben Höhe ist, wie der des Patriarchen, als er „nicht schwach ward im Glauben“ an die Verheißung, dennoch, wenn er einfach und wahrhaft ist, wenn er allein auf die Verheißung Gottes traut, — es ist traurig, daß er nicht stärker ist, und du solltest täglich beten: „Herr, stärke meinen Glauben„ — aber dennoch wird Er dich durch Jesum Christum rechtfertigen. Eine zitternde Hand kann den Becher ergreifen, welcher den heilenden Trank an die Lippen führt, die Schwäche der Hand wird die Kraft der Arznei nicht verringern.

So weit denn ist alles klar, Abraham ward weder durch Werke gerechtfertigt, noch durch Zeremonien, noch teilweise durch Werke und teilweise durch Glauben, noch durch die Vollkommenheit seines Glaubens — er wird für gerecht erklärt einfach um seines Glaubens willen an die göttliche Verheißung.

Ich muß bekennen, daß dieser Text, wenn ich genauer in ihn hineinblicke, nur zu tief ist, und deshalb will ich mich in den Streit, der um ihn herumtobt, für jetzt nicht einlassen; aber eins ist mir klar: wenn der Glaube, wie uns gesagt wird, uns zur Gerechtigkeit gerechnet wird, so ist dies nicht, weil der Glaube an sich ein Verdienst hat, das ihn zu einem passenden Ersatz für einen vollkommenen Gehorsam gegen das Gesetz Gottes macht, oder weil er als Ersatz für solchen Gehorsam betrachtet werden kann. Denn, Brüder, alle guten Handlungen sind eine Pflicht: Gott zu vertrauen ist unsre Pflicht, und der, welcher bis zum Äußersten glaubt, hat nicht mehr gethan, als seine Pflicht. Wer ohne irgendwelche Unvollkommenheit glaubte, wenn dies möglich wäre, der hätte selbst dann Gott nur einen Teil des schuldigen Gehorsams erwiesen; und wenn es ihm an Liebe, Ehrfurcht oder irgend etwas andrem gefehlt hätte, so könnte sein Glaube als eine Tugend oder ein Werk nicht dafür an die Stelle treten. In der That, nach dem großen Grundsatz des Neuen Testaments rechtfertigt selbst der Glaube, als ein Werk, nicht die Seele. Wir werden gar nicht und in keinem Sinne durch Werke errettet, sondern allein durch Gnade, und die Weise, in welcher der Glaube uns errettet, ist nicht durch sich selbst als ein Werk, sondern eine andre, diesem gerade entgegengesetzte Weise.

Der Glaube kann nicht seine eigne Gerechtigkeit sein, denn es ist eben die Natur des Glaubens, von sich weg auf Christum zu blicken. Wenn jemand sagte: „Mein Glaube ist meine Gerechtigkeit,“ so wäre es klar, daß er auf seinen Glauben vertraute; aber dies ist gerade das, was vor allem andren gefährlich sein würde, denn wir müssen ganz und gar von uns selber hinweg blicken auf Jesum allein, sonst haben wir überhaupt keinen wahren Glauben. Der Glaube muß auf die Versöhnung und das Werk Jesu blicken, sonst ist er nicht der Glaube der Schrift. Sagen, daß der Glaube an und für sich unsre Gerechtigkeit wird, heißt deshalb, wie mir scheint, die Eingeweide aus dem Evangelium herausreißen und den Glauben leugnen, der „einst den Heiligen überliefert ist.„ (Judä 3.) Paulus erklärt im Gegensatz zu gewissen Sektierern, welche die zugerechnete Gerechtigkeit schmähen, daß wir gerechtfertigt und gerecht gemacht werden durch die Gerechtigkeit Christi; in diesem Punkt ist er deutlich und bestimmt. Er sagt uns, Röm. 5, 19: „Gleichwie durch eines Menschen Ungehorsam viele Sünder geworden sind, also auch durch eines Gehorsam werden viele Gerechte.“ Der alttestamentliche Vers, der heute morgen unser Text ist, gibt uns nur, sozusagen, die äußere Seite der Rechtfertigung; sie wird uns durch Glauben gebracht, und die Thatsache, daß ein Mann Glauben hat, gibt ihm Anspruch darauf, für einen Gerechten erklärt zu werden; in diesem Sinne rechnet Gott einem Menschen den Glauben zur Gerechtigkeit, aber die zu Grunde liegende und verborgene Wahrheit, welche das Alte Testament uns nicht so klar gibt, findet sich in der Erklärung des Neuen Testaments, daß wir in „dem Geliebten angenommen sind,„ und gerechtfertigt um des Gehorsams Christi willen. Der Glaube rechtfertigt, aber nicht in und durch sich selber, sondern weil er den Gehorsam Christi ergreift. „Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.“ Das Gleiche spricht jener Vers im zweiten Briefe Petri aus (Kap. 1, 1), welcher in unsrer Übersetzung lautet: „Simon Petrus, ein Knecht und Apostel Jesu Christi, denen, die mit uns eben denselben teuren Glauben überkommen haben in der Gerechtigkeit, die unser Gott gibt und der Heiland Jesus Christus.„ Nun, jeder, der überall mit dem Originaltext bekannt ist, weiß, daß die richtige Übersetzung lautet: „durch die Gerechtigkeit unsres Gottes und Heilandes Jesu Christi.“ Die Gerechtigkeit, welche dem Christen gehört, ist die Gerechtigkeit unsres Gottes und Heilandes, der uns von „Gott gemacht ist zur Gerechtigkeit.„ Daher die Schönheit des alten prophetischen Namens für den Messias: „Der Herr unsre Gerechtigkeit.“ Ich will nicht heute morgen in die Streitfrage über zugerechnete Gerechtigkeit eingehen, wir können diese Lehre ein andermal verhandeln; aber wir sind sicher, daß dieser Text nicht bedeuten kann, daß der Glaube an sich, als eine Gnadengabe oder eine Tugend, die Gerechtigkeit irgend eines Menschen wird. Die Wahrheit ist, daß der Glaube uns zur Gerechtigkeit gerechnet wird, weil er Christum in seiner Hand hat; er kommt zu Gott im Vertrauen auf das, was Christus gethan hat, und verläßt sich auf das Sühnopfer, das Gott verordnet hat; und Gott erklärt deshalb jeden Gläubigen für einen Gerechten, nicht um deswillen, was er in sich selber, sondern was er in Christo ist. Er mag tausend Sünden haben, doch soll er gerecht sein, wenn er Glauben hat. Er mag traurig übertreten, wie Simson, er mag so sehr im Dunkeln sein, wie Jephtha, er mag fallen wie David, er mag fehlen wie Noah; aber dennoch, wenn er einen wahren und lebendigen Glauben hat, so steht er unter den Gerechtfertigten angeschrieben, und Gott nimmt ihn an. Während manche das Ange nur auf die Fehler der Gläubigen heften, ersieht Gott den reinen Edelstein des Glaubens, der an ihrer Brust schimmert; Er nimmt sie für das, was sie zu sein wünschen, für das, was sie im Herzen sind, für das, was sie sein würden, wenn sie könnten, und, indem Er ihre Sünden mit dem versöhnenden Blute bedeckt und ihre Person mit der Gerechtigkeit seines Sohnes schmückt, nimmt Er sie an, da Er in ihnen den Glauben sieht, welcher immer und überall das Merkmal des Gerechten ist.

II.

Laßt uns weiter gehen und die Verheißung betrachten, auf die sein Glaube sich verließ, als er gerechtfertigt ward.

Abrahams Glaube beruhte wie der unsrige auf einer Verheißung, die er direkt von Gott empfangen. „Er soll nicht dein Erbe sein; sondern der von deinem Leibe kommen wird, der soll dein Erbe sein. Und Er ließ ihn hinausgehen und sprach: Siehe gen Himmel und zähle die Sterne, kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: Also soll dein Same werden.„ Wäre diese Verheißung von irgend einem andren gesprochen, so hätte der Patriarch darüber gespottet, aber da er sie von den Lippen Gottes erhält, so nimmt er sie an und verläßt sich darauf. Nun, Brüder, wenn ihr und ich wahren Glauben haben, so nehmen wir die Verheißung: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden,“ als ganz und gar göttlich an. Wenn eine solche Erklärung uns von den römischen Priestern oder irgend eitlem menschlichen Wesen auf eigne Autorität hin gegeben würde, so könnten wir sie nicht für wahr halten; aber da sie in dem heiligen Wort zu uns kommt, als von Jesu Christo selber gesprochen, so verlassen wir uns darauf, nicht als auf Menschenwort, sondern Gotteswort. Geliebte, es mag eine sehr einfache Bemerkung sein, aber im Grunde ist sie doch nötig, wir müssen Sorge tragen, daß unser Glaube an die Wahrheit sich auf die Thatsache gründet, daß Gott sie für wahr erklärt hat, und nicht auf die Beredsamkeit oder Überredung irgend eines unsrer angesehensten Prediger oder geachtetsten Bekannten. Wenn unser Glaube auf der Weisheit der Menschen ruht, so ist es wahrscheinlich ein Glaube an Menschen; nur der Glaube, welcher der Verheißung glaubt, weil Gott sie gesprochen, ist wirklicher Glaube an Gott. Beachtet das und prüft euren Glauben danach.

Ferner war Abrahams Glaube ein Glaube an eine Verheißung, die sich auf den Samen bezog. Es war ihm schon früher gesagt, daß er einen Samen haben sollte, durch den alle Völker der Erde gesegnet werden sollten. Er erkannte hierin dieselbe Verheißung, die Eva an den Pforten des Paradieses gegeben war. „Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und dem Weibe, und zwischen deinem Samen und ihrem Samen.„ „Abraham sah meinen Tag,“ sagt unser Herr, „er sah ihn und freute sich.„ In dieser Verheißung sah Abraham den einen Samen, wie der Apostel Gal. 3, 16 sagte: „Er spricht nicht durch die Samen als durch viele, sondern als durch einen, durch deinen Samen, welcher ist Christus.“ Er sah Christum mit dem Glaubensauge, und dann sah er die Menge, welche an Ihn glauben sollte, den Samen des Vaters der Gläubigen. Der Glaube, welcher die Seele rechtfertigt, hat es mit Christo zu thun, und nicht mit bloßen abstrakten Wahrheiten. Wenn euer Glaube nur dieses und jenes Dogma glaubt, so errettet er euch nicht, aber wenn er glaubt, daß Gott in Christo war und die Welt mit Ihm selber versöhnte und ihnen ihre Sünde nicht zurechnete; wenn euer Glaube sich zu Gott im menschlichen Fleische wendet und sich mit ganzer Zuversicht auf Ihn verläßt, dann rechtfertigt er euch, denn es ist der Glaube Abrahams. Lieber Hörer, hast du einen solchen Glauben? Ist es Glaube an die Verheißung Gottes? Ist es Glaube, der es mit Christo zu thun hat und allein auf Ihn blickt?

Abraham hatte Glauben an eine Verheißung, von der es unmöglich schien, daß sie je erfüllt werden könnte: Ein Sohn sollte von seinem Leibe kommen, aber er war fast hundert Jahre alt, und Sarai galt auch schon seit Jahren für unfruchtbar. Sein eigner Leib war, sozusagen, erstorben, und Sarai war es, so weit Kindergebären in Betracht kam, auch. Die Geburt eines Sohnes konnte nicht stattfinden, wenn nicht die Gesetze der Natur aufgehoben wurden; aber er sah dieses alles nicht an, er setzte alles beiseite; er sah Tod geschrieben auf dem Geschöpf, aber er nahm die Kraft des Lebens in dem Schöpfer an, und glaubte ohne Schwanken. Nun, Geliebte, der Glaube, der uns rechtfertigt, muß von derselben Art sein. Es scheint unmöglich, daß ich jemals errettet werden könne; ich kann mich nicht selbst erretten; ich sehe unbedingten Tod auf den besten Hoffnungen geschrieben, die aus meinen heiligsten Vorsätzen entspringen. „In mir, das ist, in meinem Fleische, wohnet nichts Gutes;„ ich kann nichts thun; ich bin erschlagen unter dem Gesetz, ich bin erstorben durch mein natürliches Verderben, aber trotz alledem glaube ich, daß ich durch das Leben Jesu leben und den verheißenen Segen ererben werde. Es ist ein kleiner Glaube, zu glauben, daß Gott dich erretten will, wenn die Gnaden in deinem Herzen kräftig sind, und die Beweise deiner Errettung reichlich vorhanden, aber es ist ein großer Glaube, Jesu zu vertrauen im Angesichte aller deiner Sünden und ungeachtet der Anklagen deines Gewissens. An Ihn zu glauben, der nicht nur die Gottesfürchtigen, sondern die Gottlosen gerecht macht. (Röm. 4,5.) zu glauben, nicht an den Heiland der Heiligen, sondern an den Heiland der Sünder; und zu glauben, daß, ob jemand sündigt, wir einen Fürsprecher bei dem Vater haben, Jesum Christum, der gerecht ist; dies ist köstlich und wird uns zur Gerechtigkeit gerechnet.

Dieser rechtfertigende Glaube war Glaube an eine wunderbare, große und erhabene Verheißung. Ich stelle mir den Patriarchen vor, wie er unter dem Sternenhimmel steht und zu den zahllosen Welten aufschaut. Er kann sie nicht zählen. Seinem äußeren Auge, das im Lande Chaldäa lange an mitternächtliche Beobachtungen gewöhnt war, erschienen die Sterne noch zahlreicher als einem gewöhnlichen Beobachter. Er schaute und schaute wiederum mit gehobenem Blicke, und die Stimme sprach: „Also soll dein Same werden.“ Nun wohl, er sagte nicht: „Herr, wenn ich der Ahnherr eines Geschlechtes, der Vater eines Stammes sein darf, so bin ich wohl zufrieden; aber es ist nicht glaubhaft, daß unzählige Heere je aus meinem unfruchtbaren Leibe kommen werden.„ Nein, er glaubte der Verheißung; er glaubte ihr gerade so, wie sie gegeben war. Ich höre ihn nicht sagen: „Es ist zu gut, um wahr zu sein.“ Nein; Gott hat es gesagt, und nichts ist zu gut, so daß Gott es nicht thun könnte. Je größer die Gnade der Verheißung, desto mehr ist sie Gott gleich, denn gute und vollkommene Gaben kommen von dem Vater des Lichts. Geliebte, nimmt euer Glaube die Verheißung, wie sie da steht, in ihrer Ausdehnung an, in ihrer Höhe und Tiefe und Länge und Breite? Kannst du glauben, daß du, ein Sünder, dennoch ein Kind, ein Sohn, ein Erbe, ein Erbe Gottes, ein Miterbe Jesu Christi bist? Kannst du glauben, daß der Himmel dein ist, mit allen seinen Entzückungen der Freude, die Ewigkeit mit ihrer endlosen Seligkeit, Gott mit all seinen Eigenschaften der Herrlichkeit? O, dies ist der Glaube, der gerecht macht, weitreichender, viel umfassender Glaube, der nicht das Wort der Verheißung verkleinert, sondern es annimmt, wie es da steht. Mögen wir mehr und mehr von diesem Glauben mit der großen Hand besitzen!

Noch einmal, Abraham zeigte Glauben an eine Verheißung, die ihm selber gegeben war. Aus seinem eignen Leibe sollte ein Samen kommen, und in ihm und seinem Samen sollte die ganze Welt gesegnet werden. Ich kann alle Verheißungen in Beziehung auf andre Leute glauben. Ich finde das Glauben in Beziehung auf meinen lieben Freund eine sehr leichte Sache, aber o! wenn man selber angefaßt wird, und selber feststehen soll, das ist die Schwierigkeit. Ich könnte meinen Freund in zehn Nöten sehen, und glauben, daß der Herr ihn nicht verlassen werde. Ich könnte die Lebensbeschreibung eines Heiligen lesen, und mich nicht wundern, wenn ich fände, daß der Herr den stillen Knecht im Stich gelassen, wenn er durch Feuer und durch Wasser ging; aber, wenn es an uns selber kommt, dann fängt die Verwunderung an. Unser Herz ruft: „Wie kommt mir dieses? Was bin ich und meines Vaters Haus, daß solche Gnade mein sein sollte?„ Ich im Blute gewaschen, und weißer als Schnee. Ist es so? Kann es sein? Ich gerecht gemacht durch meinen Glauben an Jesum Christum, vollkommen gerecht! O, kann es sein? Was? Für mich die ewige Liebe Gottes, die von dem immerwährenden Quell ausströmt? Für mich der Schutz einer besonderen Vorsehung in diesem Leben und ein bereiteter Himmel im künftigen Leben? Für mich eine Harfe, eine Krone, ein Palmenzweig, ein Thron? Für mich die Seligkeit, allezeit das Angesicht Jesu zu schauen, Ihm gleich gemacht zu werden und mit Ihm zu regieren! Es scheint unmöglich. Und doch ist dies der Glaube, den wir haben müssen, der Glaube, der für sich selber Christum Jesum ergreift und mit dem Apostel spricht: „Er hat mich geliebt und sich selbst für mich dargegeben.“ Dies ist der Glaube, welcher rechtfertigt; laßt uns mehr und immer mehr davon suchen, und es wird zur Ehre Gottes gereichen.

III.

Drittens wollen wir das betrachten, was mit Abrahams Rechtfertigung verbunden war.

Die aufgeschlagene Bibel vor euch, beachtet freundlich, daß, nachdem geschrieben steht: „sein Glaube ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet,„ berichtet wird, daß der Herr zu ihm sprach: „Ich bin Jehovah, der dich von Ur aus Chaldäa geführt hat, daß ich dir dies Land zu besitzen gebe.“ Wenn die Seele durch die Gnade befähigt ist, ihre vollständige Rechtfertigung durch den Glauben wahrzunehmen, dann erkennt sie deutlicher ihre Berufung. Nun nimmt der Gläubige seine bevorzugte Aussonderung wahr und erkennt, warum er von der Sünde überführt ward, warum er von Selbstgerechtigkeit und von den Vergnügungen dieser Welt hinweg geleitet wurde, um das Leben des Glaubens zu führen; nun sieht er seinen hohen Beruf und den Wert desselben, und von dem einen Segen der Rechtfertigung schließt er auf die Seligkeit des ganzen Erbes, zu dem er berufen ist. Je klarer ein Mensch über seine Rechtfertigung ist, desto mehr wird er seine Berufung schätzen und desto ernster wird er suchen, sie gewiß zu machen, indem er seine Trennung von der Welt und seine Gleichförmigkeit mit dem Herrn vervollständigt. Bin ich ein Gerechtfertigter? Dann will ich nicht zurückgehen zu der Knechtschaft, in der ich einst gehalten ward. Bin ich nun von Gott durch den Glauben angenommen? Dann will ich nicht mehr im Sichtbaren leben, wie ich es einst als fleischlicher Mensch that, als ich nicht die Macht des Vertrauens auf den unsichtbaren Gott verstand. Eine christliche Gnade hilft der andren und eine That der göttlichen Gnade wirft einen Glanz auf eine andre. Die Berufung strahlt mit doppelter Herrlichkeit an der Seite des Zwillingsterns der Rechtfertigung.

Der rechtfertigende Glaube nimmt noch lebhafter die Verheißungen an. „Ich habe dich in dieses Land geführt,„ spricht der Herr, „daß du es erben sollst.“ Er wurde wiederum an die Verheißung erinnert, die Gott ihm Jahre zuvor gegeben hatte, Geliebte, niemand liest die Verheißungen Gottes mit so viel Freude und mit so klarem Verständnis, wie derjenige, der durch den Glauben an Christum Jesum gerecht gemacht ist: „Denn jetzt,„ sagt er, „ist diese Verheißung mein und mir gegeben. Ich habe das Pfand ihrer Erfüllung darin, daß ich bei Gott in Gnaden bin. Ich bin nicht mehr seinem Zorne preisgegeben; niemand kann mich beschuldigen, denn ich bin durch Jesum Christum freigesprochen; und deshalb, wenn Er mich, als ich ein Sünder war, gerecht machte, so wird Er jetzt, da ich gerecht bin, noch weit mehr mir seine Verheißung halten. Wenn Er mich, da ich ein verurteilter Empörer war, dennoch in seiner ewigen Barmherzigkeit berief und mich als sein Kind annahm, so wird Er noch weit mehr mich vor allen meinen Feinden behüten und mir das Erbteil geben, das Er in seinem Gnadenbund verheißen hat.“ Eine klare Ansicht von der Rechtfertigung hilft euch sehr, die Verheißung zu ergreifen, deshalb sticht sie ernstlich zum Tröste eurer Seele.

Nachdem Abraham durch den Glauben gerechtfertigt war, wurde er dahin geführt, die Macht des Opfers deutlicher zu sehen. Auf Gottes Befehl schlachtete er eine dreijährige Kuh, eine dreijährige Ziege, einen dreijährigen Widder und eine Turteltaube und eine junge Taube, alles Tiere, die zum Opfer verordnet waren. Des Patriarchen Hände sind mit Blut befleckt, er schwingt das Messer des Fleischers, er zerteilt die Tiere, er schlachtet die Vögel, er legt sie in eine Ordnung, die ihm der Geist Gottes zu der Zeit offenbart; da sind sie. Abraham lernt, daß es kein Kommen zu Gott gibt, außer durch Opfer. Gott hat jede Thür verschlossen, ausgenommen die, über welche das Blut gesprengt ist. Alles Nahen zu Gott muß durch ein Versöhnungsopfer sein, und Abraham sieht dies. Während die Verheißung noch in seinen Ohren tönt, während die Tinte noch in der Feder des Heiligen Geistes ist, der ihn als gerecht angeschrieben hat, muß er ein Opfer sehen, und es dazu in Sinnbildern sehen, welche alle Offenbarung vom Opfer einbegreifen, die Aaron gegeben wurde. So, Brüder, ist es ein Seliges, wenn der Glaube, der euch rechtfertigt, euch hilft, einen vollständigen und lebendigen Einblick in das Versöhnungsopfer Jesu Christi zu gewinnen. Die reinste und stärkendste Luft, die der Glaube atmen kann, ist auf Golgatha. Ich wundere mich nicht, daß euer Glaube schwach wird, wenn ihr es unterlaßt, das fürchterliche Opfer, das Jesus für sein Volk darbrachte, wohl zu erwägen. Leset die Berichte von den Leiden des Erlösers, die uns in den Evangelien gegeben werden; beugt euch im Gebet vor dem Lamm Gottes, errötet, daß ihr seinen Tod vergessen habt, welcher der Mittelpunkt aller Geschichte ist; betrachtet die wunderbare That der Stellvertretung noch einmal, und ihr werdet euren Glauben wieder belebt finden. Es ist nicht das Studieren der Theologie, nicht das Lesen von Büchern über Streitpunkte, nicht das Forschen in geheimnisvollen Weissagungen, was eurer Seele Segen bringen wird, es ist das Blicken auf Jesum, den Gekreuzigten. Das ist die wesentliche Nahrung für das Glaubensleben, und achtet darauf, daß ihr euch daran haltet. Als ein schon Gerechtfertigter sah Abraham das Opfer an, den ganzen Tag lang, bis die Sonne unterging, und scheuchte die Raubvögel davon, wie ihr alle störenden Gedanken wegtreiben müßt. So müßt ihr auch in den Herrn Jesum euch versenken und Ihn in allen seinen Ämtern und Eigenschaften betrachten, seid nicht zufrieden, wenn ihr nicht in der Erkenntnis und der Gnade unsres Herrn und Heilandes Jesu Christi wachset.

Vielleicht noch wichtiger war die nächste Lehre, welche Abraham zu lernen hatte. Er ward dahin geführt, den Bund zu sehen. Ich nehme an, daß die Stücke der Kuh, des Widders und der Ziege so gelegt waren, daß Abraham in der Mitte stand und einen Teil an dieser Seite und einen an jener hatte. So stand er als Anbeter den ganzen Tag, und beim Einbruch der Nacht, als ein Schrecken der großen Finsternis ihn überfiel, sank er in einen tiefen Schlaf. Wer würde nicht einen Schrecken über sich kommen fühlen, wenn er das große Opfer für die Sünde sieht und sich selbst darin mit einbeschlossen? Dort in der Mitte des Opfers sah er, sich feierlich bewegend, einen rauchenden Ofen und eine brennende Lampe (engl. Üb.), die der Wolken- und Feuer-Säule entsprachen, welche in spätern Tagen die Gegenwart Gottes für Israel in der Wüste offenbarte. In diesen Sinnbildern ging der Herr zwischen den Stücken des Opfers, seinem Knechte entgegen, um einen Bund mit ihm zu machen. Dies ist immer die feierlichste Art, einen Bund zu schließen, gewesen; sie ist sogar von heidnischen Völkern bei Gelegenheiten von ungewöhnlicher Feierlichkeit beobachtet worden. Das Opfer ward geteilt, und die einen Bund Schließenden trafen zwischen den geteilten Stücken zusammen. Die profane Deutung war, daß sie aufeinander den Fluch herabriefen, daß sie, wenn sie den Bund brächen, in Stücke gehauen werden möchten, wie diese Tiere es waren; aber das ist nicht die Deutung, an der unsre Herzen sich freuen, Es ist diese. Nur in der Mitte des Opfers kann Gott einen Bund mit dem sündigen Menschen eingehen. Gott kommt in seiner Herrlichkeit wie eine Feuerflamme, aber gedämpft und gemildert für uns, wie in einer Rauchwolke in der Person Jesu Christi, und Er kommt durch das blutige Opfer, das ein für allemal von Jesu Christo am Kreuz dargebracht ward. Der Mensch kommt mit Gott zusammen in der Mitte des Opfers Christi. Nun, Geliebte, ihr, die ihr gerechtfertigt seid, versucht heute das Vorrecht zu erlangen, das euch besonders an diesem Punkte eurer geistlichen Geschichte gehört. Wißt und versteht, daß Gott in Banden des Bundes mit euch ist. Er hat einen Gnadenbund mit euch gemacht, der niemals gebrochen werden kann. „Die gewissen Gnaden Davids„ sind euer Teil. Der Bund lautet so: „Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben. Sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Dieser Bund ist mit euch geschlossen über dem getöteten Leibe des Sohnes Gottes. Gott und ihr reicht euch die Hände über Ihm, der große Blutstropfen schwitzte, die zur Erde fielen. Der Herr nimmt uns an, und wir treten in das heilige Bündnis und die Freundschaft mit Ihm ein, über dem Opfer, dessen Wunden und Tod den Vertrag bekräftigen. Kann Gott einen Bund mit solcher Bestätigung vergessen? Kann ein so feierlich besiegeltes Bündnis je gebrochen werden? Unmöglich. Der Mensch ist nur zuweilen seinem Eide treu, aber Gott ist es immer; und wenn dieser Eid zur Stärkung unsres Glaubens durch das Blut des Eingebornen bestätigt ist, so ist Zweifel daran Verrat und Lästerung. Gott helfe uns, nachdem wir gerechtfertigt sind, Glauben an den Bund zu haben, der mit Blut besiegelt und bekräftigt ist.

Unmittelbar nachher machte Gott dem Abraham (und auch hier trifft die Analogie zu) eine Enthüllung, daß all der verheißene Segen, obgleich er ihm sicher war, doch nicht ohne eine Zwischenzeit der Not kommen würde. „Dein Same wird fremd sein in einem fremden Lande, das nicht sein ist; und da wird man sie zu dienen zwingen und plagen vierhundert Jahre.„ Wenn ein Mensch zu Christo gebracht wird, so ist er zuerst oft so unwissend, daß er denkt: „Nun ist alle meine Not vorüber; ich bin zu Christo gekommen und ich bin errettet: von diesem Tage an werde ich nichts mehr zu thun haben, als Gott zu lobsingen.“ Ach, ein Kampf bleibt noch. Wir müssen ganz sicher wissen, daß die Schlacht jetzt beginnt. Wie oft geschieht es, daß der Herr, um sein Kind für künftiges Leiden zu erziehen, die Zeit wählt, wo ihm seine Rechtfertigung am klarsten ist, und ihm da zeigt, daß es Leiden zu erwarten hat! Mir fiel dieses auf, als ich neulich abends zu meinem eignen Trost das fünfte Kapitel im Römerbrief las; es heißt da: „Nun wir denn sind gerecht worden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott, durch unsren Herrn Jesum Christ, durch welchen wir auch einen Zugang haben im Glauben zu dieser Gnade, darinnen wir stehen; und rühmen uns der Hoffnung der zukünftigen Herrlichkeit, die Gott geben soll.„ Seht, wie sanft es scheint, die Rechtfertigung gießt das Öl der Freude auf des Gläubigen Haupt. Aber wie lautet der nächste Vers? — „Nicht allein aber das, sondern wir rühmen uns auch der Trübsale; dieweil wir wissen, daß Trübsal Geduld bringt,“ rc. rc. Rechtfertigung sichert uns Trübsal. O ja! der Bund ist euer, ihr sollt das gute Land und den Libanon besitzen, aber, gleich allem Samen Abrahams, müßt ihr nach Ägypten ziehen und unter der Last dort seufzen. Alle Heiligen müssen leiden, ehe sie lobsingen; sie müssen das Kreuz tragen, ehe sie die Krone tragen. Du bist ein Gerechtfertigter, aber du bist nicht vom Leiden befreit. Deine Sünden waren auf Christum gelegt, aber du hast immer noch Christi Kreuz zu tragen. Der Herr hat dich von dein Fluche freigesprochen, aber nicht von der Züchtigung. Lerne, daß du der Zucht der Kinder unterworfen wirst an demselben Tage, da du in die Kindschaft eintrittst.

Um das Ganze zu schließen, der Herr gab dem Abraham eine Zusicherung endlichen Erfolges. Er wollte seinen Samen in das verheißene Land bringen und wollte das Volk richten, das sie geplagt hatte. So möge es als eine liebliche Offenbarung zu jedem Gläubigen heute morgen kommen, daß er am Ende triumphieren soll, und daß die Übel, die ihn jetzt bedrücken, unter seine Füße geworfen werden sollen. „Der Herr wird in kurzem den Satan unter eure Füße treten.„ Wir mögen eine Zeitlang in Ägypten Sklaven sein, aber wir sollen ausziehen mit Überfluß an wahren Reichtümern, besser als Silber und Gold. Wir sollen beglückt werden durch unsre Trübsal und bereichert durch unsre Leiden. Deshalb laßt uns guten Mutes sein. Wenn die Sünde vergeben ist, so können wir wohl Trübsal ertragen. „Schlage, Herr,“ sagte Luther, „wenn meine Sünden hinweggenommen sind, schlage so hart Du willst, wenn die Übertretung nur zugedeckt ist.„ Unsre leichten Trübsale, die nur für eine Zeitlang sind, sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbart werden. Wir wollen es zum Hauptpunkt unsrer Sorge machen, mit Abrahams Samen gerechtfertigt zu sein, und ob wir dann in Ägypten als Fremdlinge weilen oder den Frieden Kanaans genießen, macht wenig aus: wir sind alle sicher, wenn wir nur gerechtfertigt sind durch den Glauben, der in Christo Jesu ist.

Lieben Freunde, dieses letzte Wort, und ich sende euch heim. Habt ihr an Gott geglaubt? Habt ihr Christo vertraut? O, daß ihr es heute thun möchtet! Zu glauben, daß Gott Wahrheit spricht, sollte nicht schwer sein! und wenn wir nicht sehr böse wären, so würde man uns nicht dazu anzutreiben brauchen, wir sollten es von Natur thun. Glauben, daß Christus im stande ist, uns zu erretten, scheint mir leicht genug, und es würde so sein, wenn unsre Herzen nicht so hart wären. Glaube deinem Gott, Mann, und halte es für nichts Geringes, diesen thun. Möge der Heilige Geist dich zu einem wahren Vertrauen leiten. Dies ist das Werk Gottes, daß ihr an Jesum Christum glaubt, den Er gesandt hat. Glaube, daß der Sohn Gottes erretten kann, und vertraue dich Ihm allein an, und Er wird dich erretten. Er verlangt nichts, als Glauben, und sogar diesen gibt Er dir; und wenn du ihn hast, so sollen alle deine Zweifel und Sünden, deine Leiden und Trübsale, zusammengenommen, dich nicht vom Himmel ausschließen. Gott wird seine Verheißung erfüllen, und dich sicher in das Land bringen, in dem Milch und Honig fließt.

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