Spurgeon, Charles Haddon - Ratschläge für Prediger: Das öffentliche Gebet

Die Bischöflichen rühmen sich manchmal, daß man in ihren Kirchen Gott anbete, daß man aber die anderen Kirchen nur besuche, um Predigten zu hören. Dies mag bei manchen bloß äußerlichen Bekennern zutreffen, aber es gilt gewiß nicht von denen, die wirkliche Gotteskinder sind, denn nur sie sind ja die wahren Anbeter. Die Gemeinden versammeln sich, um Gott anzubeten, und ich kann versichern, daß auch in den einfachsten Gottesdiensten ebensoviel wirklich angebetet werden kann wie in den besten und prächtigsten Gottesdiensten der anglikanischen Kirche. Es ist auch eine ganz unrichtige Behauptung, daß das Anhören einer Predigt keine Anbetung sei; wenn man das Evangelium auf die rechte Weise anhört, so ist das eine der edelsten Formen der Gottesanbetung. Es ist eine geistige Arbeit, die, richtig vollbracht, alle Kräfte des geistlichen Menschen zur Andacht herbeizieht. Wenn wir das Wort mit Ehrfurcht hören, so übt es uns in der Demut, unterweist uns im Glauben, durchstrahlt uns mit Freude, entzündet unsere Liebe und unseren Eifer und erhebt uns zum Himmel. Oft war eine Predigt für mich wie Jakobs Leiter, auf der ich die Engel auf- und absteigen und zu oberst den Bundesgott thronen sah; ich fühlte: »Hier ist nichts anderes denn Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels«, und ich pries von ganzem Herzen den Namen des Herrn, der durch seinen Geist zu mir redete. Darum geben wir auch nicht zu, daß zwischen Predigt und Gebet eine so scharfe Scheidelinie besteht, denn ein Teil des Gottesdienstes geht unmerklich in den ändern über, und aus der Predigt entspringt oft das Gebet und das Lied. Die wahre Predigt ist eine dem Herrn wohlgefällige Anbetung, denn sie offenbart seine gnädigen Eigenschaften; das Zeugnis des Evangeliums, durch das er vor allem gepriesen wird, und das gehorsame Anhören der geoffenbarten Wahrheit sind dem Höchsten ein angenehmes Opfer und vielleicht mehr als alles andere eine Anbetung im Geist. Doch der alte römische Dichter rät uns, von unseren Gegnern zu lernen; unsere »liturgischen Gegner« haben auf einen wunden Punkt in unseren öffentlichen Gottesdiensten hingewiesen. Es mag wahr sein, daß die Form unserer öffentlichen Gebete und die Art, wie sie gesprochen werden, manchmal zu wünschen übrig lassen. In manchen unserer Kirchen sind die Gebete wirklich nicht so ernst und andächtig, wie sie sein sollten; in ändern fehlt es nicht an Ernst und Andacht, aber sie sind so schwülstig, daß kein gescheiter Christ sich daran erbauen kann. Das Beten in der Kraft des Heiligen Geistes ist nicht die Regel unter uns, und es beten auch nicht alle mit dem Verstand und mit dem Herzen. Also, es kann und muß besser werden. Darum, meine Brüder, warne ich euch ernstlich: verderbet nicht den Gottesdienst durch euer Gebet; euer ganzer Dienst im Heiligtum sei von der besten Art. fällt. Häufige Ausrufe wie »O« u. dergleichen, die sich besonders junge Redner zuschulden kommen lassen, entbehrt man gern.

Vermeidet es, eurem Gebet die Form und den Ton einer gebieterischen Forderung zu geben. Es ist zwar köstlich, wenn ein Mensch mit Gott ringt und spricht: Ich lasse dich nicht/ du segnest mich denn. Aber es muß sanft gesagt werden, nicht drohend, als ob wir von dem Herrn einen Segen erzwingen und erpressen wollten. Bedenket, es ist doch nur ein Mensch, der ringt, wenn er auch mit dem ewigen »Ich bin« ringen darf. Jakob wurde lahm in der Hüfte nach dem heiligen Kampf jener Nacht. Das sollte ihn lehren, daß Gott ein schrecklicher Gott ist und daß die siegende Kraft nicht in Jakob lag. Wir dürfen freilich sagen Unser Vater, aber es heißt doch Unser Vater in dem Himmel. Vertraulich dürfen wir sein, nur sei es eine heilige Vertraulichkeit; kühn, aber es sei eine aus der Gnade geborene, vom Heiligen Geist gewirkte Kühnheit; nicht die Kühnheit des Rebellen, der mit frecher Stirn vor den beleidigten König tritt, sondern die Kühnheit des Kindes, das fürchtet, weil es liebt, und liebt, weil es fürchtet. Gott soll nicht als ein Gegner angegriffen, sondern als der Herr und Gott angerufen werden. Wir wollen klein und demütig sein, und in solchem Geiste wollen wir beten.

Wenn ihr einmal gesagt habt, ihr wollet beten, so betet auch wirklich. Jedes Ding an seinem Ort, heißt's im Sprichwort. Predige in der Predigt, und bete im Gebet. Betrachtungen über unsere Hilfsbedürftigkeit sind kein Gebet. Anstatt lange zu sagen, was du vorhast, geh doch in Gottes Namen daran und tu es wirklich. Blicke auf den Herrn und bringe deine Bitten vor. Bete um das, was die Kirche fortwährend bedarf, aber bitte auch andächtig und herzlich um das, was für den Augenblick und für die Anwesenden nötig ist. Bete für die Kranken, die Armen, die Sterbenden, die Heiden, die Juden und alle vernachlässigten Schichten des Volkes/wie sie dir gerade auf dem Herzen liegen. Bete für deine Gemeindeglieder als Fromme und als Sünder, nicht als ob es lauter Fromme wären. Erwähne die Jungen und die Alten, die Erweckten und die Leichtfertigen, die Treuen und die Rückfälligen. Wende dich nicht nach rechts oder links, sondern pflüge immer in der Furche des eigentlichen Gebets. Laß dein Sündenbekenntnis und deine Danksagung aufrichtig und sachgemäß sein, und bringe deine Bitten so vor, daß man merkt, du glaubst an Gott und zweifelst nicht an der Wirksamkeit des Gebets. Ich sage dies, weil viele in so äußerlicher Weise beten/ daß man denken könnte, sie halten das Gebet für eine Anstandspflicht, erwarten aber nicht viel Erfolg davon. Bete wie einer, der seinen Gott schon erprobt hat und darum zuversichtlich mit neuen Bitten kommt, und achtet immer darauf, daß ihr während des ganzen Gebets wirklich zu Gott betet und nie in Predigen oder Reden oder gar ins Schelten und Murren geratet.

Wenn ihr zum Predigen aufgefordert werdet, so übernehmet womöglich auch das Gebet, und vermeidet die Unsitte, jemand zum Beten aufzufordern, um ihm damit eine Ehre zu erweisen. Dazu ist das öffentliche Gebet zu gut. Man nennt jetzt manchmal Gesang und Gebet die Einleitung zum Gottesdienst. Hoffentlich geschieht dies bei uns selten. Es wäre eine große Schmach, wenn eine solche Ansicht allgemein würde. Ich bestrebe mich immer, den ganzen Gottesdienst zu halten, um meinetwillen und auch um der Gemeinde willen. Ich glaube nicht, daß jeder Beliebige beten kann. Es ist meine ernste Überzeugung, daß das Gebet einer der wichtigsten, segensreichsten und verantwortungsvollsten Teile des Gottesdienstes ist und daß man es noch wichtiger nehmen sollte als die Predigt. Man darf nicht den unbedeutenden Mann beten und den fähigeren predigen lassen. Es mag ja dem Pfarrer, wenn er sich ausnahmsweise einmal schwach fühlt, eine Erleichterung sein, wenn sich jemand anbietet, das Gebet zu halten, aber wer seinen Beruf wirklich liebt, wird sich nicht oft vertreten lassen. Und wenn du überhaupt einen ändern aufforderst zu beten, so sei es nur ein Mann, von dem du weißt, daß er geistlich gesinnt und tüchtig ist. Einen unbegabten Bruder plötzlich zu überfallen und vorzuschieben, ist schändlich. Der tüchtigste Mann soll beten, und lieber noch werde die Predigt nachlässig gehalten als das Gebet. Dem unendlichen Gott müssen wir unser Bestes geben, und unsere Anrede an die göttliche Majestät muß sorgfältig erwogen und mit allen Kräften eines erweckten Herzens und geistlichen Verständnisses dargebracht werden. Wer sich durch Gemeinschaft mit Gott für die Predigt vorbereitet hat, ist auch am tüchtigsten zum Beten. Wenn man einen ändern Bruder für das Gebet bestimmt, so wird dadurch die Einheit des Gottesdienstes gestört und der Prediger gerade der Übung beraubt, die ihn für die Predigt frisch und kräftig machen kann; außerdem veranlaßt man leicht die Hörer, Vergleiche zwischen den beiden Teilen des Gottesdienstes anzustellen. Ich würde viel lieber einem unvorbereiteten Bruder die Predigt abtreten als das Gebet. Ich sehe gar nicht ein, warum ich mir den heiligsten, liebsten und segensreichsten Teil meines Berufs nehmen lassen soll. Soviel sage ich, um euch ans Herz zu legen, daß ihr das öffentliche Gebet hochhalten und euch von dem Herrn die dazu nötigen Gnadengaben erbitten müßt.

Die Feinde des freien Gebets werden diese Bemerkungen allerdings als einen Beweis gegen dasselbe aufgreifen. Ich kann aber versichern, daß die besprochenen Fehler jetzt sehr selten vorkommen und jedenfalls nie solches Ärgernis geben, wie die Art, in der oft die Liturgie abgelesen wird. Wie oft hört man sie herunterleiern wie das Lied eines Straßensängers. Es hat mich schon aufs tiefste entrüstet, wenn der Geistliche in Gegenwart der Trauernden die herrliche Begräbnisliturgie abschnurrte, als würde er nach dem Stück bezahlt und müßte möglichst viel in kurzer Zeit fertig bringen. Um gerecht zu sein, muß ich übrigens zugeben, und ich tue das sehr gerne, daß diese Art des Ablesens immer seltener wird. Ich habe es überhaupt nur erwähnt, um angesichts der strengen Anklagen, die man gegen unsere Art des Betens erhebt, zu zeigen, daß wir jene Anklagen durch starke Gegenanklagen tot machen können. Viel besser ist's aber, wir legen unsere eigenen Fehler ab, als wir tadeln die andrer Leute.

Die Hauptsache ist, daß unser öffentliches Gebet ein rechtes Herzensgebet sei. Ein wirkliches, ernstes Gebet wird, wie die Liebe, die Menge der Sünden bedecken. Wenn man sieht, daß der Betende aus dem innersten Herzen mit seinem Schöpfer redet, so kann man ihm auch zu vertrauliche und selbst derbe Ausdrücke verzeihen; man weiß in einem solchen Fall, daß die Taktlosigkeiten nur einem Mangel an Bildung, nicht einem Mangel an geistlichem Sinn oder einem Charakterfehler zuzuschreiben sind. Bete mit ganzem Ernst und von ganzer Seele, denn was ist eine schlechtere Einleitung zur Predigt, was kann den Leuten den Kirchenbesuch mehr verleiden als ein schläfriges Gebet? Wenn es irgendwo nötig ist, daß du deine ganze Männlichkeit einsetzest, so ist's hier, wenn du dich öffentlich Gott nahst. Bete so, daß du wie durch göttliche Anziehungskraft die ganze Gemeinde mit dir vor Gottes Thron ziehst. Bete so, daß, während die Kraft des Heiligen Geistes auf dir ruht, du die Wünsche und Gedanken jedes Zuhörers aussprichst und gleichsam nur deine Stimme leihst den Hunderten von klopfenden Herzen, die vor dem Throne Gottes in Andacht glühen.

Das Gebet muß auch. den Verhältnissen angemessen sein. Es braucht nicht auf alle einzelnen Verhältnisse der Gemeinde einzugehen, es braucht keine Chronik der Wochenereignisse, kein Verzeichnis der Geburten, Heiraten und Sterbefälle zu sein, aber was im allgemeinen die Gemeinde bewegt, das muß in des Pfarrers teilnehmendem Herzen aufgezeichnet sein. Er muß die Freuden und Leiden seiner Gemeinde vor dem Thron der Gnade niederlegen, muß Gottes Segen für all ihre Arbeiten und Bestrebungen und Gottes Vergebung für all ihre Schwächen und Sünden erflehen.

Nun noch einige negative Regeln: Betet nicht zu lange. Ich glaube, es war John MacDonald, der sagte: »Wenn du von dem Gebetsgeist erfüllt bist, so bete nicht lange, weil die ändern nicht lange mit dir Schritt halten könnten, und wenn du nicht von dem Geist erfüllt bist, so bete erst recht nicht lange, weil du sonst die Zuhörer ermüdest!« Von Robert Bruce, dem berühmten Zeitgenossen Andrew Melvilles, sagt Livingstone: »Kein Mann seiner Zeit sprach mit so viel Bezeugung des Geistes und der Kraft als er; keines Mannes Zeugnis wurde durch so viele Bekehrungen besiegelt, ja, manche seiner Zuhörer glaubten, es habe überhaupt seit den Aposteln keiner mit solcher Kraft gesprochen. Er betete in Gegenwart andrer sehr kurz, aber jeder Satz war wie ein starker Pfeil nach dem Himmel abgeschossen.« Bei besonderen Veranlassungen, wenn sich der Geistliche besonders gehoben fühlt, mag das Hauptgebet morgens zwanzig Minuten dauern, aber in der Regel sind zehn Minuten genug. Unsere puritanischen Vorväter beteten freilich oft gegen eine Stunde, aber sie wußten ja nicht, wann ihnen der Mund geschlossen werden würde, und so benützten sie die Gelegenheit gründlich, solange sie sie hatten. Außerdem konnten die Zuhörer damals längere Predigten und Gebete ertragen als jetzt. Im stillen Kämmerlein könnt ihr nie zu lange beten; je länger ihr auf den Knien seid, desto besser. Ich spreche jetzt vom öffentlichen Gebet vor und nach der Predigt. Kaum einer unter tausend wird sich beklagen, daß ihr zu früh aufhört, aber viele werden unzufrieden, wenn ihr zu lange betet. »Er betete mich in eine gute Stimmung hinein«, sagt George Whitefield von einem gewissen Prediger, »aber leider hörte er nicht auf, sondern betete fort, bis er mich wieder hinausgebetet hatte.« Es ist die pure Langmut Gottes, daß er einige Geistliche noch verschont, die in diesem Punkt arge Sünder sind. Sie schaden der Frömmigkeit sehr durch ihre langatmigen Reden vor der Gemeinde Gottes, und doch erlaubt ihnen der gnädige Gott, noch im Heiligtum zu dienen. Wehe den Zuhörern, deren Pfarrer 25 Minuten lang betet und dann noch Gott bittet, ihm seine Mängel zu vergeben. Durch zu langes Gebet ermüdet ihr euch selbst und die Gemeinde und macht, daß sie kein Verlangen mehr nach der Predigt hat. Die trockene, langweilige Geschwätzigkeit im Gebet stumpft nur die Aufmerksamkeit ab und verstopft sozusagen das Ohr. Niemand wird ein Tor, das er erstürmen will, vorher mit Erde und Steinen verstopfen. Nein, räumet alles weg, was das Tor versperrt, damit, wenn's gilt, der Sturmbock des Evangeliums wirken kann. Lange Gebete enthalten entweder Wiederholungen oder unnötige Erklärungen, deren Gott nicht bedarf, oder sie arten in eine Predigt aus. Ihr braucht nicht im Gebet den Katechismus aufzusagen oder alle eure und eurer Gemeindeglieder Erfahrungen herzuzählen. Ihr braucht auch nicht eine Auswahl von Sprüchen aneinanderzureihen und David, Daniel, Hiob, Paulus, Petrus und ich weiß nicht wen noch anzuführen mit der Wendung: »Wie dein Diener vor alters sagt.« Es ist notwendig, daß ihr euch im Gebet Gott nähert, aber es ist nicht notwendig, daß ihr so lange fortredet, bis jedermann denkt: »Wenn er doch endlich Amen sagte!« Und noch ein kleiner Wink: Tut nicht, als wäret ihr am Ende, um dann noch weitere fünf Minuten zu beten. Wenn man sich auf den Schluß gefaßt gemacht hat, so kann man sich nicht mit einem Ruck wieder in die andächtige Stimmung versetzen. Ich kenne Leute, die einen mit der Hoffnung quälten, es sei aus, und dann noch mehreremal einen Anlauf nahmen; das ist sehr unklug und sehr unliebenswürdig.

Eine weitere Regel: Braucht keine abgedroschenen Zitate. Schafft diesen Unfug ganz ab, es ist nicht mehr zeitgemäß. Bei manchen dieser landläufigen Zitate läßt sich der Ursprung nicht nachweisen, manche stammen aus den Apokryphen, manche auch aus der Bibel, sind aber im Lauf der Zeit schrecklich verunstaltet worden. Wie sinnlos ist z. B. der folgende Ausdruck: »Wir wollen nicht in deine Gegenwart stürmen, wie das Roß unbedachtsam in die Schlacht stürmt.« Als ob ein Roß überhaupt etwas bedenken könnte und als ob es nicht besser wäre, frisch und mutig zu sein wie das Roß, als trag und dumm wie der Esel. »Dein armer, unwürdiger Staub.« Diesen Titel geben sich meistens die hochmütigsten Leute in der Versammlung, oft auch die reichsten und irdisch gesinntesten, so daß die letzten beiden Worte allerdings nicht ganz unzutreffend sind. Einem guten Mann, der für seine Nachkommenschaft betete, hatte es diese Redensart so angetan, daß er sagte: »O Herr, rette deinen Staub und deines Staubes Staub und den Staub von deines Staubes Staub.« Wenn Abraham sagte: »Ich habe mich unterwunden, mit dem Herrn zu reden, obwohl ich Erde und Asche bin«, so war das Wort kräftig und ausdrucksvoll, aber verdreht und mißbraucht ist es zu einer bloßen Redensart geworden, die je eher je lieber zu Staub und Asche werden soll.

Einem Pfarrer sollte es Ehrensache sein. Schriftworte richtig anzuführen. Ihr, die ihr zu meiner großen Befriedigung unverbrüchlich an die wörtliche Inspiration glaubt, solltet nie eine Stelle anführen, ohne daß ihr genau den Wortlaut geben könnt; denn durch die Änderung eines einzigen Wortes könnte der Sinn, den Gott hineingelegt hat, verloren gehen. Wenn ihr eine Stelle nicht genau anführen könnt, warum tut ihr es dann überhaupt? Besinnt euch doch selbst auf einen Ausdruck, der gewiß ebenso wohlgefällig ist als ein entstelltes oder verstümmeltes Bibelwort. Kämpft kräftig gegen das Zerstückeln und Verdrehen von Bibelstellen, und vermeidet alle abgedroschenen Redensarten, denn dadurch wird das freie Gebet verunstaltet.

Hoffentlich betet keiner von euch mit offenen Augen, wie manche Prediger. Das ist unpassend, unnatürlich und widerwärtig. Manchmal mag es passend sein und Eindruck machen, wenn das Auge zum Himmel erhoben wird, aber umherzusehen, während man tut, als rede man den unsichtbaren Gott an, das ist abscheulich. Handbewegungen sollte man beim Gebet möglichst vermeiden; doch wenn man sich in starker, heiliger Erregung befindet, ist es natürlich, die Arme auszubreiten oder die Hände zu falten. Die Stimme muß mit dem Inhalt übereinstimmen und darf nie schreiend oder gebieterisch klingen. Mit seinem Gott muß der Mensch in demütigem, ehrerbietigem Ton reden. Schon der natürliche Takt sollte euch das lehren. Wenn auch die Gnade es euch nicht lehrt, dann ist euch nicht zu helfen.

Bringt Abwechslung in den Inhalt eurer Gebete. Verschiedene Gegenstände fordern eure Aufmerksamkeit: die Kirche in ihrer Schwäche, ihren Rückfällen, ihren Leiden und Freuden; die Außenwelt, die nächste Umgebung, die unbekehrten Zuhörer, die Jugend, unser Volk. Betet aber nicht jedesmal für all das, sonst wird das Gebet lang und wahrscheinlich auch langweilig. Was euch zunächst am Herzen liegt, das laßt auch im Gebet zuerst kommen. Ihr könnt euer Gebet so einrichten, daß unter der Leitung des Heiligen Geistes der ganze Gottesdienst aus einem Guß ist, daß Gebet, Predigt und Lied zusammenstimmen. Es ist gut, wenn es geht/ diese Einheit des Gottesdienstes festzuhalten, aber nicht sklavisch, sondern verständig, so daß die Wirkung einheitlich ist. Manche Brüder haben nicht einmal Einheit in der Predigt, sondern schweifen von England nach Japan und bringen alle erdenklichen Dinge herein; aber wer einmal gelernt hat, in der Predigt die Einheit festzuhalten, der wende diesen Grundsatz auf den ganzen Gottesdienst an. Nicht zu empfehlen ist die Gewohnheit mancher Pfarrer, im Schlußgebet den Hauptinhalt der Predigt zu wiederholen. Es mag lehrreich sein, aber es gehört nicht ins Gebet.

Hütet euch wie vor einer Schlange davor, euch im öffentlichen Gebet in eine falsche Andacht hineinzusteigern. Bemüht euch nicht, inbrünstig zu scheinen. Betet, wie es euch der Herr eingibt, unter der Leitung des Heiligen Geistes, und wenn ihr euch dürr und matt fühlt, so klagt es dem Herrn. Es ist gar nicht schlimm, wenn ihr eure Leblosigkeit bekennt und beweint und um Belebung fleht; das ist ein rechtes und wohlgefälliges Gebet. Aber erheuchelte Andacht ist eine schändliche Lüge. Ahmt nicht andre, die euch als aufrichtig bekannt sind, nach. Ihr kennt vielleicht einen guten Mann, der seufzt, oder einen, der mit gellender Stimme spricht, wenn er in Eifer gerät, aber ihr braucht nicht zu seufzen und zu schreien, um ebenso eifrig zu scheinen. Bleibt ganz natürlich, und bittet nur Gott um seinen Beistand.

Endlich: Bereitet euch auf euer Gebet vor. In einer Gesellschaft von Pfarrern wurde die Frage, ob man sich aufs Gebet vorbereiten solle, besprochen. Einige sagten nein, und sie hatten recht. Die ändern sagten ja, und sie hatten auch recht. Die einen verstanden unter der Vorbereitung das Suchen nach dem Ausdruck, das Anordnen einer Gedankenreihe/ und sie sagten, das sei keine Anbetung im Geist, denn da müßten wir uns ganz dem Geist Gottes überlassen, daß er uns den Inhalt und die Worte gebe. Damit stimme ich überein. Wer sein Gebet aufschreibt und die Bitten einstudiert, der soll lieber eine Liturgie nehmen. Aber die andre Partei verstand unter Vorbereitung etwas anderes, eine Vorbereitung nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen: eine ernste Betrachtung der Wichtigkeit des Gebets, ein Überdenken dessen/ was die Menschenseelen bedürfen, und eine Erinnerung an die Verheißungen des Herrn, so daß wir vor den Herrn treten mit den Bitten, die in unser Herz geschrieben sind. Dies ist gewiß besser, als aufs Geratewohl vor den Herrn zu kommen ohne bestimmte Anliegen oder Wünsche. »Ich werde des Betens nie müde«, sagte ein Mann, »denn ich habe immer ein bestimmtes Anliegen.« Meine Brüder, sind eure Gebete auch so beschaffen? Strebt ihr nach der rechten Verfassung, um eurer Gemeinde verbeten zu können? Wir müssen uns durch einsames Gebet fürs öffentliche Gebet vorbereiten. Wenn wir immer in Gottes Nähe leben, so bleiben wir in dem Gebetsgeist, und unser mündliches Gebet wird uns nicht mißlingen. Noch eine weitere erlaubte Vorbereitung wäre das Auswendiglernen von Psalmen und solchen Bibelstellen, die Bitten, Verheißungen, Lobpreisungen und Bekenntnisse enthalten, die einem beim Gebete dienlich sind. Chrysostomus soll die ganze Bibel auswendig gekonnt haben - kein Wunder, daß man ihn den Goldmund nannte. In unserem Gespräch mit Gott ist es immer am passendsten, wenn wir die Worte des Heiligen Geistes brauchen. »Tue, wie du gesagt hast«, wird immer ein erhörliches Gebet sein. Ich rate euch deshalb, die Gebete der Bibel auswendig zu lernen, und fleißiges Bibellesen wird euch helfen, daß es euch nie an neuen Bitten fehlt, die sein werden wie eine ausgegossene Salbe, die das ganze Haus Gottes mit ihrem Duft erfüllt, wenn ihr euer Gebet Gott darbringt. Der Same des Gebets, ins Gedächtnis gesät, wird stets eine goldne Ernte hervorbringen, und der Geist wird, wenn ihr in der Gemeinde betet, eure Seelen mit heiligem Feuer entzünden. Wie David Goliaths Schwert für spätere Siege gebrauchte, so können wir manchmal eine schon erhörte Bitte wieder verwenden und mit dem Sohn Isais sagen: »Es ist seinesgleichen nicht«, wenn wir noch einmal die Erhörung erleben.

Euer Gebet sei ernst, feurig, dringend, erhörlich. Ich bitte den Heiligen Geist, er möge alle Schüler dieses Seminars so unterweisen, daß sie im öffentlichen Gebet Gott stets ihr Bestes darbringen. Eure Bitte sei einfach und herzlich, und sollte eure Gemeinde je einmal fühlen, daß eure Predigt nicht ganz auf der Höhe ist, so möge sie auch fühlen, daß dieser Mangel durch das Gebet reichlich ersetzt wird.

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