Spurgeon, Charles Haddon - Psalm 91

  1. Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
  2. der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.
  3. Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz.
  4. Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
  5. daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
  6. vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittag verderbt.
  7. Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen.
  8. Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.
  9. Denn der Herr ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht.
  10. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen,
  11. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, •
  12. daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.
  13. Auf Löwen und. Ottern wirst du gehen und treten auf junge Löwen und Drachen,
  14. „Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.
  15. Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.
  16. Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil.“

Dieser Psalm hat keine Überschrift. Wir können den Namen des Verfassers nicht feststellen und wissen auch nicht, wann der Psalm geschrieben wurde. Jüdische Gelehrte nehmen an, daß ein Psalm ohne Verfasserangabe von dem Dichter geschrieben worden ist, der den vorhergehenden Psalm verfaßt hat. Wenn das der Fall ist, hat Mose den vorliegenden Psalm geschrieben. Viele Ausdrücke, die hier gebraucht werden, finden sich auch im 5. Buch Mose. Verschiedene Redewendungen weisen auch auf Mose als Verfasser hin. Wir wollen uns aber nicht festlegen.

Es gibt kaum einen tröstlicheren Psalm als diesen. Starker Glaube und unerschütterliche Zuversicht spricht aus allen Worten. Wer im Geist dieses Psalms lebt, kann furchtlos leben.

Einteilung

  • Die Stellung der Gläubigen (Verse 1-2);
  • ihre Sicherheit (Verse 5-8);
  • ihre Wohnstätte (Verse 9-10);
  • ihre Diener (Verse 11-15);
  • ihr Freund (Verse 14-16).

Auslegung

V. 1 „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt.“ Die Segnungen, die in diesem Psalm verheißen sind, gelten nicht allen Gläubigen, sondern nur denen, die in enger Gemeinschaft mit Gott leben. Jedes Kind Gottes schaut zum Allerheiligsten und auf den Gnadenthron, aber nicht alle wohnen dort. Viele gehen nur von Zeit zu Zeit hinein, um sich Trost und Hilfe zu holen, leben aber nicht beständig in der wunderbaren Gegenwart Gottes. Wer durch die reiche Gnade Gottes in besondere und beständige Gemeinschaft mit Gott gekommen ist, so daß Christus in ihm bleibt und er in Christus, erfährt besondere Segnungen. Wer nur von weitem dem Herrn nachfolgt, betrübt den Heiligen Geist und kennt solche Segnungen nicht. Nur die kommen in das Allerheiligste, die die Liebe Gottes in Christus erfahren haben; aber nur die wohnen dort, die Christus zum Inhalt ihres Lebens gemacht haben. Für sie ist der Vorhang zerrissen; ihnen steht der Zugang zum Gnadenthron immer offen; sie können die schützenden Cherubim und die Herrlichkeit des Höchsten schauen. Sie haben wie Simeon den Heiligen Geist in sich und gehen wie Hanna nicht vom Tempel fort (Luk. 2). Sie sind die Hofleute des großen Königs. Sie sind die Jungfrauen, die dem Lamm nachfolgen, wohin es geht (Off. 14, 4). Sie wissen, was es bedeutet, mit Christus auferstanden und mit ihm in das himmlische Wesen gesetzt zu sein. Von ihnen kann wirklich gesagt werden, daß ihr Wandel im Himmel ist. Besondere Gnade sichert ihnen besonderen Schutz. Anbeter, die im Vorhof bleiben, wissen wenig vom inneren Heiligtum, sonst würden sie weitergehen, um ganz in die Nähe Gottes und in die vertraute Gemeinschaft mit ihm zu kommen. „Und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt.“ Der allmächtige Herr beschützt alle, die bei ihm wohnen. Sie bleiben unter seinem Schutz wie Gäste unter dem Schutz der Gastfreundschaft des Gastgebers. Der Psalmist dachte sicher an die Flügel der Cherubim im Allerheiligsten, als er diesen Satz schrieb. Wer Gemeinschaft mit Gott hat, ist beschützt und sicher. Nichts Böses kann ihn überfallen, weil die ausgestreckten Flügel der Macht und Liebe Gottes ihn decken. Dieser Schutz ist beständig und ausreichend, weil es der Schatten des Allmächtigen ist. Seine Allmacht schützt vor jedem Oberfall. Es gibt keine andere Zuflucht, die man mit dem Schatten des Allmächtigen vergleichen könnte. Wo der Schatten des Allmächtigen ist, da ist der Allmächtige selber. Je enger unsere Gemeinschaft mit ihm ist, desto Zuversichtlicher können wir sein.

V. 2 „Der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg.“ (Elberfelder Übersetzung: „Ich sage von dem Herrn: Meine Zuflucht und meine Burg.“) Man ist sehr weise, wenn man sich eine allgemeine Wahrheit durch persönlichen Glauben aneignet. Wenn man sagt: „Der Herr ist eine Zuflucht“, so ist das ein armseliger Trost. Wer sagen kann: „Der Herr ist meine Zuflucht“, der ist wirklich getröstet. Wir sollen unseren Glauben bekennen: „Der spricht zu dem Herrn.“ Klare Bekenntnisse ehren Gott und ermutigen andere zum Glauben. Die Menschen sind schnell dabei, ihre Zweifel zu proklamieren und sich noch damit zu rühmen. Desto mehr ist es die Pflicht aller wahren Gläubigen, ihr Vertrauen auf den Herrn deutlich und mutig zu bekennen. Mögen die anderen sagen, was sie wollen; wir bekennen: „Der Herr ist unsere Zuflucht.“ Was wir sagen, müssen wir auch durch unsere Handlungsweise bestätigen. Wir müssen unsere Zuflucht wirklich bei dem Herrn suchen und uns nicht auf menschliche Hilfe verlassen. Der Vogel fliegt ins Dickicht und der Fuchs rennt in seine Höhle; jedes Geschöpf sucht in Gefahr seinen Zufluchtsort auf. So wollen wir in aller Gefahr und Furcht zu dem Herrn fliehen, dem ewigen Schutzherm der Seinen. Wenn wir im Herrn sicher sind, wollen wir uns darüber freuen, daß unsere Stellung uneinnehmbar ist. Er ist unsere Zuflucht und unsere Burg. In dieser Burg sind wir sicher vor allen Angriffen der Hölle. Menschliche und übermenschliche Feinde können ihre Beute nicht erlangen, weil der Herr der Heerscharen sich zwischen uns und ihre Wut stellt. Alle bösen Mächte müssen vor ihm weichen. Als ob es noch nicht genug wäre, den Herrn Zuflucht und Burg zu nennen, fährt der Dichter fort: „Mein Gott, auf den ich hoffe.“ Mehr kann er nicht sagen. „Mein Gott“ bedeutet alles, mehr als alles, was es an Sicherheit gibt. Auch wir sollen ein solches klares Bekenntnis ablegen. Einem solchen Herrn das volle Vertrauen zu verweigern, wäre mutwillige Bosheit und freche Beleidigung. Wer in einer uneinnehmbaren Festung wohnt, verläßt sich darauf. Sollten wir uns nicht ganz geborgen und sicher fühlen, wenn wir in Gott wohnen? Wir haben bisher Gott vertraut, und wir werden ihm weiterhin vertrauen. Er hat uns niemals im Stich gelassen. Warum sollten wir irgendeinen Verdacht gegen ihn hegen? Für die gefallene Natur ist es selbstverständlich, Menschen zu vertrauen; für den Wiedergeborenen sollte es selbstverständlich sein, Gott zu vertrauen. Wir sollten ohne Zögern und Zagen unser Vertrauen dem Herrn schenken, denn in ihm ist Grund und Bürgschaft genug für unseren Glauben. Lieber Leser, bitte darum, daß du auch sagen kannst: „Mein Gott, auf den ich hoffe.“

V. 3 „Denn er errettet mich vom Strick des Jägers.“ (Elberfelder Übersetzung: „Denn er wird dich erretten von der Schlinge des Vogelstellers.“) Keinem noch so listig angelegten Plan wird es gelingen, einen Gläubigen zu fangen, über den das Auge Gottes schützend wacht. Wir sind hilflos wie kleine Vögel und könnten durch verschlagene Feinde leicht ins Verderben gelockt werden. Wenn wir aber in Gottes Nähe leben, wird er darauf achten, daß uns nichts passiert. '„Und von der schädlichen Pestilenz.“ Gott, der Geist ist, kann uns vor den bösen Geistern schützen. Er, der unsterblich ist, kann uns von allen tödlichen Krankheiten erlösen. Da gibt es die schädliche Pestilenz des Irrtums; wir sind davor sicher, wenn wir Gemeinschaft haben mit dem Gott der Wahrheit. Da ist die verderbenbringende Pestilenz der Sünde; wir können von ihr nicht angesteckt werden, wenn wir in dem heiligen Gott bleiben. Da ist die Pestilenz der Krankheit, vor der uns der Glaube auch schützen kann, wenn wir ganz in Gott bleiben und in ruhigem Vertrauen um der Pflicht willen alles wagen. Fester Glaube hält das Herz frei von der Furcht, die in Zeiten der Seuche mehr Menschen umgebracht hat als die Seuche selbst. Nicht immer wehrt der Glaube Krankheiten ab; aber wer so lebt, wie es der erste Vers dieses Psalms beschreibt, erhält die Unsterblichkeit, wo andere den Tod erleiden. Die große Gnade ist dabei, daß unser Sterben ein seliges Sterben ist, weil wir dann für immer bei dem Herrn sind. Für die Gläubigen ist Pestilenz nichts Schädliches, sondern ein Bote des Himmels.

V. 4 „Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln.“ Welch ein wunderbares Bild! Der Herr selbst hat dem Psalmdichter eingegeben, die Herablassung Gottes so zu beschreiben. Wir können Gott dafür nur bewundern und ihn anbeten. Der Herr spricht hier von seinen Fittichen und vergleicht sich mit einem Vogel; wer sieht darin nicht eine unvergleichliche Liebe, eine göttliche Zärtlichkeit, die unser Vertrauen wecken und gewinnen will? Wie eine Henne ihre Küken beschützt, so beschützt der Herr die Seinen. Wir wollen uns unter ihm bergen, um Sicherheit und Ruhe zu finden. Habichte in der Luft und Schlangen auf dem Feld können uns nichts tun, wenn wir so nahe beim Herrn leben. „Seine Wahrheit ist Schirm und Schild.“ Seine Wahrheit ist die feste Zusage, die unveränderliche Treue, mit der er seine Verheißung hält. Wer dem Herrn vertraut, besitzt doppelten Schutz. Er trägt einen Schild und eine undurchdringliche Rüstung. Die Wahrheit ist ein bewährter Schutz gegen alle Lügenpfeile. Die Rüstung schützt vor jedem scharfen Schwert. Mit dieser Ausrüstung können wir in den Krieg ziehen. Selbst in der heißesten Schlacht sind wir geschützt. So ist es immer gewesen;

so wird es bleiben, bis wir in das Land des Friedens eingehen.

V. 5 „Daß du dich nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht.“ Wir sind so schwache Geschöpfe, daß wir Tag und Nacht in Gefahr sind. Wir sind so sündig, daß die Furcht uns jederzeit leicht überwältigen kann. Die Verheißung in diesem Vers schützt uns sowohl vor der Gefahr als auch vor der Furcht. Die Nacht ist die Stunde des Grauens; Schrecken gehen um wie Raubtiere, wie Gespenster aus den Gräbern. Unsere Furcht verwandelt die Zeit der Ruhe in Stunden der Angst. Wenn auch Engel um uns herum sind, träumen wir doch von Dämonen. Gesegnet ist die Gemeinschaft mit Gott, die uns von all diesen Ängsten frei macht! Es ist ein unermeßlicher Segen, wenn wir uns nicht mehr fürchten. Der Schatten des Allmächtigen nimmt dem Schatten der Nacht alles Grauen. Wenn wir von den Fittichen Gottes beschützt werden, fürchten wir uns nicht mehr vor den geflügelten Schrecken, die die Erde bevölkern. „Vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.“ Listige Feinde liegen im Hinterhalt und zielen mit ihren tödlichen Geschossen auf unser Herz. Aber wir fürchten sie nicht, denn es besteht kein Grund dazu. Noch ist kein Pfeil erfunden, der die Gerechten töten kann, denn der Herr hat gesagt: „Einer jeglichen Waffe, die wider dich zubereitet wird, soll es nicht gelingen“ (Jes. 54, 17). In großer Gefahr wurden alle, die den Herrn zu ihrer Zuflucht machten und auf die Anwendung fleischlicher Waffen verzichteten, wunderbar gerettet. Die Geschichte der Quäker bietet dafür viele Beispiele. Die Gläubigen werden vor allen feigen Angriffen hinterlistiger Bosheit beschützt. Sie werden vor tödlichen Irrlehren bewahrt und aus allen plötzlichen Versuchungen errettet. Der Tag hat seine Gefahren ebenso wie die Nacht. 0 Gläubiger, wohne unter dem Schatten des Herrn, und kein Schütze kann dich töten! Sie schießen auf dich; vielleicht verwunden sie dich, aber sie können dich nicht töten. Du lebst. Wenn der Köcher Satans leer ist, sind seine zerbrochenen Pfeile Siegeszeichen der Wahrheit und Macht des Herrn, deines Gottes.

V. 6 „Vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht.“ Die Pestilenz breitet sich aus und schlägt zu mit verborgenen Waffen wie ein Feind, der im Finstern heimtückisch mordet. Wer in Gott lebt, fürchtet sich nicht. Aber nichts versetzt so in Furcht wie das Wissen um einen heimtückischen Attentäter, der irgendwelche geheimen Mordpläne schmiedet. Jeden Augenblick kann man überfallen und erschlagen werden. So ergeht es den Menschen zur Zeit der Seuche. Niemand kann sich irgendwo oder irgendwann in der verseuchten Stadt vor ihr sicher fühlen. Sie schleicht in ein Haus, und keiner weiß, wie. Ihr Hauch ist tödlich. Aber die Erwählten, die in Gott leben, „erschrecken nicht vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittag verderbt.“ Hungersnot läßt Menschen verhungern, blutiger Krieg verschlingt Tausende, Erdbeben vernichten ganze Städte, und Stürme richten schwere Verwüstungen an - wer Zuflucht beim Gnadenthron sucht und durch die Fittiche des Herrn gedeckt ist, bleibt im inneren Frieden. Für die anderen sind es Schreckenstage und Schauernächte; wer in Gemeinschaft mit Gott lebt, verbringt Tage und Nächte in seiner Gegenwart und trägt deshalb eine heilige Ruhe im Herzen. Der Frieden der Gläubigen ist nicht eine Sache bestimmter Tage und Zeiten; er geht nicht mit der Sonne auf und unter. Er ist nicht von der Reinheit der Luft oder der Sicherheit des Landes abhängig. Die Pestilenz hat keine vernichtende Gewalt über das Herz eines Gotteskindes. Die Pestilenz schleicht im Finstern, der Gläubige aber lebt im Licht. Die Seuche wütet am Mittag, aber über dem Gläubigen ist eine andere Sonne aufgegangen, deren Strahlen Heilung und Rettung bringen. Denke daran, daß es Gott selbst ist der sagt: „Fürchte dich nicht.“ Er gibt sein Wort für die Sicherheit und den Seelenfrieden derer, die unter seinem Schatten bleiben.

V. 7 „Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten.“ Die Seuche kann so furchtbar wüten, daß die Sterbeziffern emporschnellen und das Zehn- und Tausendfache des Normalen erreichen. „So wird es doch dich nicht treffen.“ Die Seuche kann dir so nahe kommen, daß sie unmittelbar an deiner Seite ist; aber sie kann dir nicht so nahe kommen, daß sie dich berührt. Sie kann wie ein Feuer rund herum brennen, aber an dir soll kein Brandgeruch haften. Wie wahr ist dieses Wort von der Seuche der Unmoral, der Irrlehre und des Abfalls! Ganze Völker werden davon verseucht. Wer in Gemeinschaft mit Gott lebt, wird von der Ansteckung nicht ergriffen. Der bleibt bei der Wahrheit, auch wenn die Lüge Mode geworden ist. Viele sogenannte „Fromme“ werden von der Seuche erfaßt; die Kirche ist verwüstet, und das religiöse Leben verfällt. Aber der Gläubige, der lebendige Gemeinschaft mit Gott hat, erneuert mitten in diesem Niedergang seine Kraft. Sein Herz kennt keine Krankheit. In einem gewissen Maß gilt das auch von körperlichen Krankheiten. Immer noch macht der Herr einen Unterschied zwischen Israeliten und Ägyptern, wenn er ein Land mit Plagen heimsucht.

V. 8 „Ja, du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird.“ Dieser Anblick wird beides offenbaren, die Gerechtigkeit und die Barmherzigkeit Gottes. In der Vernichtung der Gottlosen zeigt sich Gottes Strenge, und in der Bewahrung der Gläubigen erweist sich der Reichtum der göttlichen Güte. Josua und Kaleb haben die Wahrheit dieser Verheißung erfahren (4. Mose 14, 50). Jene puritanischen Prediger müssen von der Wahrheit dieses Psalms tief durchdrungen gewesen sein, die während der Pest in London aus ihren Verstecken herauskamen und dem gottlosen Geschlecht Gnade und Gericht verkündigten. Das Anschauen der Gerichte Gottes erweicht das Herz, erweckt heilige Ehrfurcht, wirkt Dankbarkeit und treibt zur Anbetung. Es ist aber ein Anblick, den keiner von uns zu sehen wünscht. Er muß furchtbar sein. Wir würden dadurch aber gewiß zu wahrer Menschlichkeit und Menschenwürde erwachen. Laßt uns auf das Handeln Gottes achten, damit wir viele Beispiele für die göttliche Vergeltung erkennen. Wir dürfen einen einzelnen Fall nicht für sich allein beurteilen, weil wir dadurch leicht zu einem Fehlurteil kommen würden. Wer aufmerksam Menschen und Geschehnisse beobachtet, findet genug Beispiele dafür, daß Gott ein gerechter Vergelter alles Bösen ist. Wenn wir unsere Augen vor offenkundigen Tatsachen nicht verschließen, können wir daraus gewiß manche wichtige Folgerung für unser Leben ziehen. Wir werden schnell erkennen, daß es einen Richter über die Menschen gibt, der früher oder später die Gottlosen bestraft.

V. 9-10 Bevor ich diese Verse im einzelnen auslege, möchte ich aus meinem persönlichen Leben ein Beispiel dafür erzählen, wie sehr die Kraft dieser Worte das Herz beruhigen kann. Im Jahr 1854, als ich kaum ein Jahr in London war, wurde die Gegend, in der ich wirkte, von der asiatischen Cholera heimgesucht. Unsere Gemeinde litt schwer unter der Seuche. Eine Familie nach der anderen rief mich an ein Sterbebett, und fast jeden Tag stand ich am Grab. Mit jugendlichem Eifer gab ich mich den Krankenbesuchen hin. Aus allen Teilen des Stadtbezirkes sandten Leute aus allen Ständen und Religionsgemeinschaften nach mir. Meine Freunde schienen einer nach den anderen dahinzusinken. Ich selber fühlte mich auch bald krank oder bildete mir ein, krank zu werden. Noch ein wenig mehr Arbeit und Leid, und ich hätte mich auch hingestreckt wie die anderen. Ich spürte, wie die Last zu schwer wurde. Ich konnte sie nicht mehr tragen und war nahe daran, ihr zu unterliegen. Da kam ich einmal traurig und niedergeschlagen von einer Beerdigung nach Hause. Mein Blick fiel auf ein Blatt Papier, das im Fenster eines Schuhmacherladens hing. Es sah nicht wie eine Geschäftsanzeige aus, und ich trat näher, um zu lesen. Da stand in fester, deutlicher Handschrift: »Denn der Herr ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen.„ (Elberfelder Übersetzung: „Weil du den Herrn, meine Zuflucht, den Höchsten, gesetzt hast zu deiner Wohnung, so wird dir kein Unglück widerfahren, und keine Plage deinem Zelte nahen.“) Diese Worte sprachen mich unmittelbar an. Durch den Glauben eignete ich sie mir an. Ich fühlte mich plötzlich sicher, erquickt, ja, mit Unsterblichkeit gerüstet. Mit ruhigem und friedevollem Herzen setzte ich meine Krankenbesuche fort. Ich spürte keine Furcht mehr und litt keinen Schaden. Dankbar denke ich an das Walten der göttlichen Vorsehung, die den Schuhmacher veranlaßt hat, dieses Bibelwort in dem Fenster seines Geschäftes anzubringen. Ich lobe den Herrn, meinen Gott, in der Erinnerung daran, welch wunderbare Kraft diese Worte damals für mich hatten. In diesen Versen versichert der Psalmist, daß der Mensch, der seine Zuflucht in Gott gefunden hat, völlig beschützt ist. Der Glaube ist kein Verdienst in sich selbst, aber der Herr belohnt ihn, wo immer er ihn sieht. Wer Gott zu seiner Zuflucht macht, findet Zuflucht in ihm. Wir müssen den Herrn zu unserer Wohnung machen, indem wir ihn zu unserer Wohnung erwählen. Dann ist er unser Schutz. Nichts Böses kann uns anrühren und kein Gericht uns treffen. Die Wohnung, oder die Zuflucht, von der hier gesprochen wird, bedeutet nach dem hebräischen Text nur ein Zelt. Wenn wir den Höchsten zu unserer Zuflucht gemacht haben, ist es gleichgültig, ob wir einem Zelt oder Königspalast wohnen. Birg dich in Gott, dann wohnst du im Guten, und alles Böse ist verbannt. Wir hoffen nicht deswegen auf Schutz, weil wir vollkommene Menschen sind oder bei Menschen in hohem Ansehen stehen. Wir hoffen auf Schutz, weil der ewige Gott selber unsere Zuflucht ist und weil unser Glaube gelernt hat, sich unter den ewigen Flügeln des Allmächtigen zu bergen. Es ist unmöglich, daß irgendein Übel den Menschen treffen kann, der vom Herrn geliebt wird. Selbst die schwersten Schläge können die Lebensfahrt eines solchen Menschen nur abkürzen und ihn rascher ans Ziel bringen. Unglück ist für ihn kein Unglück, sondern nur Gutes in verborgener Gestalt. Verluste bereichern ihn, Krankheit sind wie Medizin für ihn, Schmach ist Ehre, Tod ist Gewinn. All Dinge dienen dem Gläubigen zum Besten (Römer 8, 28).

V. 11 »Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir.“ Hier ist nicht von einem Schutzengel die Rede, von dem manche so gern träumen, sondern von allen Engeln. Sie sind die Leibwache der Fürsten aus königlichem Geschlecht und haben vom Herrn den Befehl empfangen, sorgfältig über das ganze Leben der Gläubigen zu wachen. Wenn man einen besonderen Auftrag bekommt, wendet man auch besondere Sorgfalt an; deshalb wird es hier so dargestellt, daß die Engel einen direkten Auftrag von Gott selbst empfangen. Sie sollen für die sorgfältige Sicherheit der Gläubigen sorgen. In den Dienstanweisungen der himmlischen Heerscharen steht vermerkt, daß sie besonders auf diejenigen Menschen achten sollen, die ihre Zuflucht in Gott suchen. Die Diener des Hausherrn sollen sie in allen Dingen um die Gäste des Hausherrn kümmern. Wir können sicher sein, daß sie ihre Pflicht sorgfältig erfüllen „Daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ Der Gläubige geht auf den Wegen Gottes, und die Engel behüten alle seine Wege. Der zugesicherte Schutz ist sehr umfassend. Er bezieht sich auf alle unsere Wege. Was wollen wir mehr? Auf welche Weise uns die Engel behüten, wissen wir nicht. Vielleicht wehren sie Dämonen ab, vereiteln Verschwörungen unsichtbarer Mächte und schützen uns vor heimtückischen Mächten der Krankheit. Vielleicht werden wir eines Tages über die unzähligen Hilfeleistungen der Engel staunen.

V. 12 „Daß sie dich auf den Händen tragen.“ Die Engel, diese herrlichen Geister, tragen und erhalten jeden einzelnen Gläubigen wie eine Mutter, die ihre kleinen Kinder mit sorgsamer Liebe trägt und behütet. „Und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.“ Sogar kleine Unglücke verhüten sie. Es ist sehr zu wünschen, daß wir nicht stolpern. Wenn der Weg rauh ist, ist der Herr so gnädig, uns seine Diener zu senden, die uns über Steine und Geröll hinwegtragen. Wenn der Weg nicht geebnet werden kann, genügt es völlig, wenn die Engel uns tragen. Gerade darin zeigt sich die Weisheit des Herrn. Er schützt uns vor den kleinen Übeln, weil aus kleinsten Unfällen oft die größten Unglücke entstehen.

V. 15 „Auf Löwen und Ottern wirst du gehen.“ Du sollst siegreich über Gewalt und List hinwegschreiten. Kühne wie hinterlistige Gegner sollen gleicherweise niedergetreten werden. Wenn unsere Schuhe aus Eisen und Erz sind, können wir leicht Löwen und Ottern unter unseren Füßen zermalmen. „Und treten auf junge Löwen und Drachen.“ Der Mann Gottes überwindet die stärksten und listigsten Feinde. Nicht nur vor Steinen, sondern auch vor Schlangen sind wir sicher. Wer seine Zuflucht in Gott gefunden hat, weiß, daß alle bösen Mächte harmlos für ihn sind. Sein Fuß kommt zwar noch mit den schlimmsten Feinden in Berührung; Satan sticht ihm noch in die Ferse, aber in Jesus Christus hat der Gläubige die feste Gewißheit, den Satan in Kürze unter den Füßen zu zertreten.

V. 14 Hier spricht der Herr selbst von seinen Erwählten. „Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen.“ (Nach der englischen Übersetzung: Weil er seine Liebe auf mich gerichtet hat.) Der Erwählte wird nicht deswegen so beschützt und bewahrt, weil er es verdient hat, sondern weil er Gott liebt. Wenn der Gläubige in gefährlichen Lagen ist, kommen ihm nicht nur die Engel zu Hilfe, sondern auch Gott selbst. Wenn das Herz dem Herrn gehört, ganz von ihm erfüllt ist und mit ganzer Liebe am Herrn hängt, wird der Herr diese heilige Flamme erkennen und den retten, der ihn so liebt. Liebe, die ganz auf Gott gerichtet ist, ist das Merkmal aller, die der Herr vor dem Bösen bewahrt. „Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen.“ (Nach der englischen Übersetzung: Ich will ihn erhöhen.) Der Psalmist hat das Wesen Gottes erkannt und schenkt ihm deshalb seine ganze Liebe. Dann kam er durch Erfahrung zu einer noch tieferen Erkenntnis Gottes, und Gott erkennt darin das Wirken seiner Gnade. Deshalb erhöht Gott den Begnadigten über Gefahr und Furcht, damit er in Frieden und Freude leben kann. Niemand bleibt in inniger Gemeinschaft mit Gott, der nicht warme Liebe und festes Vertrauen zu ihm hat. Wie hoch ist doch die Stellung, die der Herr den Gläubigen gibt! Wenn wir eigenmächtig hinaufsteigen, ist es gefährlich; aber wenn Gott uns erhöht, ist es herrlich.

V. 15 „Er ruft mich an, so will ich ihn erhören.“ Er hat es nötig, zu beten. Er wird gelehrt, richtig zu beten. Die Antwort kommt bestimmt. Die Heiligen sind zuerst von Gott gerufen, und dann rufen sie zu ihm. Sie finden immer Antwort. Ohne Gebet erhält auch der Bevorzugteste keinen Segen, aber durch das Gebet wird uns alles Gute geschenkt. „Ich bin bei ihm in der Not.“ Die Erben des Himmels sind sich in schweren Prüfungen immer bewußt, daß Gott bei ihnen ist. Gott ist den Seinen in Liebe und Macht immer nahe, besonders dann, wenn sie geprüft werden. „Ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“ Der Gläubige ehrt Gott, und Gott ehrt den Gläubigen. Sie werden nicht auf eine Art und Weise errettet, die sie irgendwie erniedrigt. Sie sollen sich nicht entwürdigt fühlen. Im Gegenteil, die Errettung durch den Herrn bringt denen Ehre, die errettet werden. Zuerst schenkt Gott uns Gnade zum Überwinden, und dann belohnt er uns noch dafür.

V. 16 „Ich will ihn sättigen mit langem Leben.“ Der in diesem Psalm geschilderte Mensch erfüllt das Maß seines Lebens. Ob er jung stirbt oder alt - er ist gesättigt mit Leben und zufrieden, wenn er sterben muß. Er erhebt sich gesättigt von der Festtafel des Lebens. Er möchte nichts mehr, auch wenn er mehr haben könnte. „Und will ihm zeigen mein Heil.“ Sein letzter Blick richtet sich auf die Gnade Gottes. Vor ihm liegt nicht das Verderben wie finstere Nacht, sondern das Heil wie der helle Mittag. So geht er ein zu seiner Ruhe.

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