Spurgeon, Charles Haddon - Die Mitbewerbung der Liebe

«Da sie aber nicht hatten zu bezahlen, schenkte Er es beiden. Sage an, der unter denen wird Ihn am meisten lieben? Simon antwortete und sprach: Ich achte, dem Er am meisten geschenkt hat. Er aber sprach zu ihm: du hast recht gerichtet.»
Luk. 7, 42.43

Ich erinnere mich, daß ich irgendwo auf dem Schilde eines Gasthauses die Worte gesehen habe: «Das Erste und das Letzte.» Ich weiß nicht, was das bei Menschen sein mag, aber bei Gott ist die Liebe das Erste und das Letzte. Seine Barmherzigkeit fängt damit an, daß wir Ihn lieben, weil Er uns zuerst geliebt hat. Seine Liebe entspringt zuerst wie eine Quelle in der Wüste und fließt durch die Wildnis zu den unwürdigen Menschenkindern. Letztendlich bewirkt diese Liebe, daß die Menschen Ihn lieben;: sie können es ebenso wenig lassen, wie der Fels den Widerhall zurückdrängen kann, wenn die Stimme gegen ihn fällt. Die Liebe ist keine Frucht des Gesetzes und kommt nicht auf Befehl. Sie muß frei sein oder sie ist überhaupt nicht da. Es hat seine Gründe, weshalb sie sich in unserem Herzen offenbart, aber sie ist keine Kaufmannsware, die man für einen bestimmten Preis haben kann. Sie ist keine Sache des Beweises. Sie ist in sich selbst keine Tat, die als Pflicht verrichtet wird. Gewiß ist die Liebe eine Pflicht, aber sie kommt nicht als solche zu uns. Sie kommt zu uns wie ein Reh oder ein junger Hirsch über Berg und Hügel hüpfend und springend, und nicht wie eine schwere Last auf einem steilen Wege gezogen. Wenn jemand alle seine Habe für die Liebe geben würde, so würde das doch für nichts geachtet.

Die Menschen erfahren die Liebe nicht durch lange Berechnung, sondern sie werden von der Liebe überwunden und von deren Kraft getragen. Wenn gottselige Menschen über die große Liebe Gottes gegen sie nachdenken und sich derselben freuen, so fangen sie an, Gott wieder zu lieben, gerade wie eine Knospe, wenn sie den Sonnenschein fühlt, sich demselben selbst öffnet. Die Liebe zu Gott ist eine natürliche Folge der Erkenntnis und des Bewußtseins der Liebe Gottes zu uns. Ich glaube, es ist Aristoteles, der sagt, es sei unmöglich, daß jemand ohne ein Gefühl der Gegenliebe bleibe, wenn er weiß, daß er geliebt wird. Ich weiß nicht, wie das sein mag, denn ich bin kein Philosoph, aber so viel weiß ich, daß es mit denen, die die Liebe Gottes geschmeckt haben, so ist. Wie die Liebe die erste Segnung ist, die von Gott zu uns kommt, so ist sie letztendlich unsere Erwiderung gegenüber Gott. Gott kommt liebend zu uns und wir gehen liebend zu Ihm heim.

I.

Ich denke den Text richtig zu verstehen, indem wir zuerst bemerken, daß es feststeht, daß begnadigte Sünder lieben werden. «Sage an, der unter denen wird ihn am meisten lieben?» Es schließt ein, daß die beiden Schuldner, denen so freigebig vergeben wurde, ihren Wohltäter lieben werden, denn die Frage lautete nicht: «Wer wird ihn lieben?», sondern: «Welcher unter diesen wird ihn am meisten lieben?» Und darum sage ich, daß es dem Text nach feststeht, daß diejenigen, die Vergebung empfangen haben, denjenigen lieben werden, der ihnen vergeben hat.

Und dies zuerst, weil es natürlich zu sein scheint, daß dort, wo Güte empfangen wird, Dankbarkeit gefühlt werden sollte. Es wird allgemein zugegeben, daß die Dankbarkeit selbst unter den niedrigsten und schlechtesten Menschen gefunden wird. «Und so ihr liebet, die euch lieben, dien Dank habt ihr davon? Denn die Sünder lieben auch ihre Liebhaber.» Es ist menschlich, Gutes mit Gutem zu vergelten, und die Undankbarkeit wird ganz richtig für eine der verachtungswürdigsten Sünden angesehen. Man findet die Dankbarkeit ja nicht nur bei den Menschen, den intelligenten Geschöpfen, sondern auch bei den Tieren. «Ein Ochse kennt seinen Herrn, und ein Esel die Krippe seines Herrn.» Wie fühlt sich ein Hund, dem du eine Wohltat erwiesen hast, zu dir hingezogen, und wie zeigt er in jeder möglichen Weise seine Dankbarkeit! Aus dem Altertum werden viele Geschichten von der Dankbarkeit wilder Tiere erzählt. Ihr erinnert euch an Androklus und den Löwen. Der Mann war verurteilt worden, von wilden Tieren zerrissen zu werden, aber ein Löwe, dem er vorgeworfen wurde, zerriß ihn nicht, sondern leckte ihm dankbar die Füße, weil Androklus ihm früher einen Dorn aus dem Fuße gezogen hatte. Wir haben von einem Adler gehört, der einen Knaben, mit dem er gespielt hatte, so liebte, daß er auch krank war, wenn das Kind krank war, daß er schlief, wenn das Kind schlief und auch nur dann, und als das Kind starb, dieser große Vogel auch starb. Ihr kennt vielleicht das Bild, das Napoleon darstellt, wie er über das Schlachtfeld reitet und das Pferd anhält, als er einen Gefallenen sieht, auf dem sein Hund liegt, um die Leiche seines Herrn zu beschützen. Selbst der große Schlachtenführer hält inne bei diesem Anblick. Es gibt Dankbarkeit unter den Tieren des Feldes und den Vögeln des Himmels. Und wahrlich, wenn wir von Gott Gunstbezeugungen empfangen und keine Liebe für Ihn fühlen, so sind wir schlechter als die unvernünftigen Tiere, und der Herr spricht seinen Tadel gegen uns aus in dem Verse Jesaja 1,3: «Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt es nicht, und mein Volk vernimmt es nicht.» Wenn wir von Gott Gunstbezeugungen empfangen, so ist es nur natürlich, daß wir Ihn lieben. Ach, daß viele so unnatürlich, so ohne jedes edle Gefühl, so tot für die Dankbarkeit sind, die die Güte verdient!

Aber die Dankbarkeit sollte sich gewiß zeigen, wenn die Wohltat so unendlich groß ist. Wenn die Gunstbezeugungen weit über das Maß der gewöhnlichen Segnungen gehen, wenn diese Begünstigungen solche sind, die nicht auf das Zeitliche und auf den Körper beschränkt sind, sondern wenn sie die Ewigkeit erreichen und die Seele segnen; wenn die Begünstigungen von solchem Gewicht sind, wie die Vergebung der Sünden, die Errettung der Seele vom zukünftigen Zorn, so sollte die Liebe mit der größten Macht und Freimütigkeit zu Tage treten! Ich möchte stehen und von Herzen von dem Brunnen singen wie Israel in der Wüste tat: «Das ist der Brunnen, den die Fürsten gegraben haben; die Edlen im Volk haben ihn gegraben.» Und hat nicht unser großer Fürst, der von einem Backenstreich entehrt worden ist, diesen Brunnen gegraben, da Er uns durch seine freie Gnade und sterbende Liebe eine volle Erlösung und Vergebung unserer Schuld hat schmecken lassen? Werden wir nicht, müssen wir nicht den Erlöser lieben? Vergebung der Sünden haben und Gott nicht lieben! Ich nenne die gewöhnliche Undankbarkeit schlechter als tierisch, aber wo soll ich hierfür ein Wort finden? Ich muß sie teuflisch nennen. Es ist schlechter als höllisch, eine Befreiung von einer so großen Schuld und von einer so schrecklichen Strafe zu erlangen und den Herrn nicht zu lieben, durch den sie uns zuteil geworden ist. O, liebe den Herrn, dessen Gnade ewig währt! Wenn du wirklich die Gnade geschmeckt hast, wirst du Ihn lieben. Es kann nicht anders sein, du bist Gott durch die Bande der Liebe verbunden und diese ziehen dich durch eine geheime, aber unwiderstehliche Macht, den Herrn zu lieben.

Ferner ist dieses nicht nur natürlich und notwendig wegen der Größe der Gnade, sondern die Gnade Gottes sorgt immer dafür, daß da, wo Vergebung ist, auch die Liebe offenbar wird, denn der Heilige Geist wirkt mit dem Werke Christi, und wenn wir von den Flecken durch das Blut Christi gereinigt sind, werden wir erneuert und verändert im Geiste unseres Gemüts durch den Heiligen Geist. Er nimmt unsere Sünden nicht weg und läßt uns dann das alte steinerne, unempfindliche und undankbare Herz, sondern wie Er das Kleid der Gerechtigkeit gibt, so gibt er auch ein fleischernes Herz. Der Heilige Geist wirkt den Anfang der Liebe zur selben Zeit, wenn Er den ersten Blick des Glaubens schafft. So wie unser Glaube zunimmt, durch den wir Vergebung erhalten, wirkt Er auch mehr und mehr in uns die Liebe zu Christus, durch welche wir Ihm anhangen. Diese Liebe wirkt in uns Haß gegen die Sünde und einen Geist des Gehorsams, durch welchen wir uns dem Dienste Dessen ergeben, der uns mit seinem kostbaren Blute erkauft hat. Ihr wißt, daß es so ist, Brüder, wo Vergebung geschieht, kommt damit auch die Freude am Herrn. Ihr wißt, daß Gott seine Gaben nicht teilt und dem einen Gerechtigkeit und dem anderen Heiligung gibt. Nein, der Bund ist da, und die Bundessegnungen sind durch die unendliche Weisheit Gottes verbunden so daß da, wo das Waschen mit seinem Blute stattfindet, auch das Reinigen mit Wasser durch das Wort geschieht. Der Heilige Geist wäscht uns von der Macht der Sünde wie das Blut Christi uns von der Schuld der Sünde reinigt. wo die Sünde vergeben ist, da muß Liebe gegenüber Gott sein, der sie vergeben hat, weil der Heilige Geist sicher im Herzen der Gläubigen arbeitet und eins seiner ersten Werke die Liebe ist.

Ich habe nicht nötig, dieses weiter zu begründen, weil es allen Christen als Tatsache bekannt ist, daß da, wo keine Liebe ist, auch die Vergebung fehlt. Du kannst nicht begnadigt sein und doch Gott nicht lieben als Folge seiner liebenden Vergebung. Was war die erste Gemütsbewegung, die wir fühlten, als uns die Schuldvergebung gewiß war? Wir freuten uns unseretwegen, aber sogleich oder sehr bald darauf fühlten wir eine so tiefe Dankbarkeit gegen Gott, daß wir nicht ausdrücken konnten, wie sehr wir Ihn liebten. Wir haben dann und wann schon gefühlt, daß wir Gott nicht mehr so lieben, wie es in diesem Augenblick geschah, obwohl ich glaube, daß die Furcht grundlos ist. Aber in dem Augenblick war uns nichts zu heiß oder zu schwer für Den, der uns die Last von der Schulter genommen hatte. Wir würden in diesem Augenblick gesagt haben: «Hier bin ich, sende mich,» wenn es auch in das Gefängnis oder in den Tod gegangen wäre. O, die Freude in diesen Tagen! Sie werden mit Recht die Tage unserer Verlobung genannt. Und wie war unsere Liebe! Wir waren bereit, alles um Christi willen zu verlassen. wir konnten uns auf seinen Befehl von geliebten Bindungen trennen. wir würden wie Israel mit Gott in die Wüste gegangen sein, ja, mit unserem Erlöser ins Grab. Nichts hätte uns zurückhalten oder uns dahin bringen können, Ihn wieder zu verlassen. Kannst du dich nicht erinnern, das Verlangen du nach dem Sonntag hattest, um von Jesus zu hören und Ihn gemeinschaftlich mit seinem Volke anzubeten? War an einem Wochenabend Gottesdienst, so warst du gegenwärtig, obwohl dich niemand dazu überredete. Irgend ein Platz im Versammlungssaal war dir gut genug. Jetzt verlangst du vielleicht ein weiches Polster. Du saßest damals vielleicht ganz hinten und merktest das gar nicht. Nun verlangst du eine zarte Behandlung, und der Prediger muß sich mühe geben, dich mit Geschichten und poetischen Versen zu interessieren. Wie einfältig damals der Prediger auch war, du warst begierig, etwas von Jesus zu hören und seine Liebe kennen zu lernen, und du hörtest gern den geringsten Evangelisten. Nicht die Weisheit hatte nötig, dich einzuladen, sondern du standest ernst wartend vor der Tür, mit Freuden die Fußtritte der Ein- und Ausgehenden zu hören. O, das waren edle Tage! Ich hoffe, daß wir jetzt edlere Tage haben, aber so viel ist sicher, so gewiß wir wußten, daß wir Vergebung hatten, fühlten wir auch, daß wir den Herrn von ganzem Herzen lieben.

Aus dem praktischen Teil dieses Textes folgern wir, daß die begnadigten Seelen ihren gnädigen Gott lieben, was eine große Wahrheit ist und eine sehr ernste wegen ihrer Beziehung auf uns in dieser Zeit, denn es sind Leute in diesem Bethause, die noch keine Vergebung haben. Wir sind dessen gewiß, weil sie Gott nicht lieben. Sie müssen ihre Sünden noch haben, denn sie haben nicht das Zeichen Der Vergebung, insoweit sie die Liebe zu Christus, unserem Herrn, nicht haben.

O, hört auf mich, die ihr Gott nicht liebt und doch vielleicht träumt, daß ihr errettet seid. Sind nicht viele hier, die selten an Gott denken, die unbesorgt sind, wenn auch Tage, Wochen, Monate, ja, eine Jahr vergeht, ohne daß sie an den gerechten Richter der ganzen Welt denken? Sie empfangen seine Gnadengaben, aber sie danken Ihm nicht. Sie fühlen seine Macht, aber sie fürchten Ihn nicht. Gott ist nicht in allen ihren Gedanken. O, mein lieber Zuhörer, wenn es so mit dir steht, dann liebst du Ihn nicht, denn wenn wir jemanden lieben, so denken wir an ihn. Die Gedanken fliegen zu demselben Ort, wohin sich das Herz bewegt. Ich sage nicht, daß wir fortwährend an diejenigen denken, die wir lieben, aber ich sage, daß unsere Gedanken dahin fliegen, wenn sie können. Bei Sonnenuntergang weißt du, wo die Krähen wohnen. Während des Tages kannst du es vielleicht nicht sagen, denn sie fliegen von einem gepflügten Felde zum anderen, ihre Nahrung zu suchen. Aber beachte sie, wenn die Nacht kommt und sie von anderen Beschäftigungen frei sind und Ruhe suchen. Dann fliegen sie zu den großen Bäumen, in denen sich ihre Nester befinden. Ein Mensch hat im Geschäfte des Tages an fünfzig Sachen zu denken, aber wenn er frei ist von der dringenden Arbeit und den Sorgen, kehrt er zu seiner Liebe zurück, wie die Vögel des Abends zu ihren Nestern fliegen. Seine Gedanken fliegen zu Jesus, weil Jesus das Heim seines Herzens ist. Wenn eure Herzen Gott lieben, werden eure Gedanken zu Ihm eilen, wie die Flüsse zum Meer. Ja, oft inmitten des Geschäfts spricht der Mensch, der Gott liebt, mit Ihm. Er unterbricht wohl nicht die Unterhaltung, und die Leute im Laden oder in der Werkstatt mögen nicht wissen, was in seinem Geiste ist, aber sein Herz ist auf den Bergen, wo die Engel wohnen und hat Gemeinschaft mit dem Vater des Lichts. Wo aber kein Gedanke an Gott besteht, gibt es auch keine Liebe zu Ihm.

Gibt es nicht viele, die nichts für Gott tun? Er hat sie gemacht und Er erhält sie, und doch vergelten sie es Ihm nie durch eine freiwillige Tat, die bestimmt ist, Ihm Freude zu bereiten. Ich kann einige von euch fragen: Habt ihr je in eurem Leben irgend etwas Bestimmtes für Gott getan? Was! Nicht ein einziges Mal? Erstaunlich! Ein Mensch, der so künstlich von Gott bereitet ist; jedes Blutgefäß, jeder Nerv, jeder Muskel ist da zum Leben und Bewegen, hat doch nie an seinen Schöpfer, der diese wunderbare Maschine in Bewegung gesetzt hat und darin erhält, gedacht! Nur durch Gott zu leben und doch ohne Ihn! Sonderbar! Kann es einen Menschen geben, der nie etwas für Gott tut, da Gott doch fortwährend so viel für ihn tut? Wenn das so ist, dann muß ich einem solchen sagen: du hast noch keine Vergebung, denn du liebst Gott nicht, da du nie an Ihn denkst und nichts für Ihn tust.

Einige Menschen lieben Gott augenscheinlich nicht, denn sie kümmern sich um nichts, was Ihn betrifft. sie enthalten sich der Sünde nicht, obwohl sie Gott betrübt. Der Gedanke, Gott betrübt zu haben, ist noch nie in ihren Geist gekommen, und sie betrüben den Heiligen Geist gedankenlos. Aber wenn du jemand liebst, willst du ihm ungern Kummer bereiten; du wirst das nicht tun, was er haßt. Derjenige, der Gott liebt, wird oft einen Antrieb fühlen, daß er nicht so übel tun kann und wider seinen Gott sündigen. Gegen Gott zu sündigen, ist die größte Sünde und das Wesen der Sünde. Hier liegt das Gift der Sünde. Das macht die Sünde überaus sündig, daß sie wider den Gott der Liebe ist. Wenn du das aber nie gefühlt hast, dann liebst du Ihn nicht, und darum hast du keine Vergebung.

Blicke auf andere. Sie lieben Gott nicht, denn sie sorgen nicht für sein Haus, wo dein Volk sich versammelt. Sie kommen selten zum Gottesdienst und wenn sie kommen, so haben sie irgend einen anderen Grund als ihrem Gott zu begegnen. Sie kümmern sich nicht um den Tag des Herrn. Die Sonntage nennen sie sehr langweilig und trübselig. Der Tag des Herrn hat kein Interesse für sie, denn sie haben kein Interesse für den allmächtigen Vater oder für Seinen ins Fleisch gekommenen Sohn. Sie wollen nichts von Ihm hören, noch Ihn preisen und anbeten. Sie kümmern sich nicht um sein Buch, obwohl es eine Welt von Freude und Trost enthält. Die Bibel ist von der Liebe Gottes durchzogen, aber sie bemerken die Wohlgerüche nicht. Das Angesicht des Erlösers spiegelt sich fast auf jeder Seite, und doch denken manche, daß die Bibel einfältiger ist als ein alter Kalender. Und obwohl sie dieselbe im Hause haben müssen, denn es gehört mit zum guten Ton, eine Bibel zu haben, so kommt es ihnen doch nie in den Sinn, sie zu lesen, sie mit Vergnügen zu lesen und es wird nicht so sein, bis sie erneuert werden.

Sie kümmern sich auch nicht um Gottes Volk. Tatsächlich haben sie wenig Verbindung mit dem christlichen Volk und zumal, wenn sie Fehler an demselben finden können - und ach, wie leicht können sie das - breiten sie dieselben mit Übertreibung aus und freuen sich, die Fehler des Volkes Gottes zu essen wie Brot. Mangel an Liebe zu den Kindern beweist Mangel an Liebe zu dem Vater. «Wer da liebt den, der Ihn geboren hat, der liebt auch den, der von Ihm geboren ist.» Und wir wissen, daß wir Gott lieben, wenn wir seine Kinder lieben. Aber wenn in deinem Herzen keine Liebe zu seinen Kindern, zu seinem Buche, zu seinem Tage, zu seinem Hause oder zu seinem Dienst ist, so kannst du es als gewiß annehmen, mein Freund, daß deine Schuld noch auf dir ruht. Du hast noch keine Vergebung, und Gott wird das Seine verlangen und dich vor Gericht stellen. Für jede geheime Tat wird Er dich vor Gericht bringen, und über jedes unnütze Wort, das du gesprochen hast, wirst du Rechenschaft geben müssen. Ach wie traurig ist es, daß ich, da ich ein Verlangen habe, freudig von der Liebe, die aus der Vergebung der Sünde fließt, zu reden, des Mitleids wegen genötigt bin, manchen eine Warnung zu geben, die keine Liebe zu Gott haben und dadurch beweisen, daß ihre Sünden noch nicht vergeben sind.

Ich verlasse den ersten Punkt. Im Text können wir die Voraussetzung erkennen, daß alle begnadigten Sünder den lieben werden, der sie begnadigt hat.

II.

Zweitens wird im Text gezeigt, daß es Unterschiede im Grade der Liebe gegen Gott gibt. «Sage an, der unter denen wird Ihn am meisten lieben?» Diese Worte zeigen augenscheinlich, daß einige Menschen Gott mehr lieben als andere, und daß, obwohl eine aufrichtige Liebe gegenüber Gott bei allen begnadigten Sündern vorhanden sein muß, doch nicht mit demselben Grad der Liebe. Die Liebe ist augenscheinlich eine Gnade, die nicht in eine Form gegossen ist, so daß sie jederzeit und in allen Fällen gleich ist. Die Liebe ist eine Lebensaufgabe und daher eine Sache des Wachsens. Gewiß ist es so bei uns selbst. Es gab eine Zeit, wo wir Gott nicht so liebten, wie jetzt, und es betrübt mich, daß es selbst jetzt Zeiten gibt, wo wir Gott nicht so lieben wie früher, denn wir werden kalt und abtrünnig. Die Liebe ist nicht wie ein Stück Gußstahl fix und fertig, sondern sie wächst und hat ihre Knospen- Blüten- und Herbstzeit. Sie ist wie ein Feuer, das zuweilen sehr schwach und zu anderen Zeiten mit großer Hitze brennen kann. Die Liebe ist schwankend, einmal mehr, einmal weniger. Ich spreche nicht von Gottes Liebe zu uns, sondern von unserer Liebe zu Gott. Sie hat ihren Sommer und ihren Winter, ihre Flut und ihre Ebbe. Wenn wir feststellen, daß die Liebe in einem Herzen wechselt, so wird es uns nicht überraschen, daß sie in mehreren Herzen wechselt.

Außerdem wissen wir , daß es Verschiedenheiten in der Liebe gibt, weil es Verschiedenheiten in allen Gnadengaben gibt. Nehmen wir den Glauben. Einige Menschen haben viel Glauben. Gott sei Dank, daß es noch Männer mit starkem Glauben auf Erden gibt! Aber es gibt auch andere, deren Glaube, obwohl er der wahre Glaube ist, doch sehr schwach ist. Es ist ein zitternder Glaube. Er kann nicht mit Petrus auf dem Meere wandeln, aber er kann mit ihm sinken und um Hilfe rufen. Der Glaube scheint bei einigen Christen eine sehr schwache Angelegenheit zu sein. Wie ich vor einigen Tagen sagte, wissen sie selbst kaum, ob es Glaube oder Unglaube ist. Ihr Ruf ist: «Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben», als hätten sie einen Irrtum gemacht, es Glauben zu nennen, da er so mit Unglauben vermischt war. (Er ist nicht immer solche Kindesgnade?), denn es gibt starke Gläubige, die die Heere der Feinde in die Flucht gejagt haben - Männer, die ihr Kreuz geduldig getragen und ohne Feigheit ihr Zeugnis abgelegt haben - Männer, die die Sünde besiegt, in Heiligkeit gelebt und Gott verherrlicht haben. Der Glaube hat wie eine Leiter seine hohen und seine niedrigen Stufen. Der Glaube hat seine Morgendämmerung, seinen Mittag und seinen Abend. Wir sind gewiß, daß es so ist, denn wir haben es an uns selbst erfahren und bei anderen beobachtet. Manchmal war er groß und manchmal klein.

Der praktische Punkt, den ich erreichen will, ist dieser: Laßt uns zuerst auf unsere Liebe blicken in ihrer Aufrichtigkeit. Was macht es, wenn meine Liebe nicht mit der deinigen verglichen werden kann, was den Grad betrifft? Doch der Herr gebe, daß ich Ihn wahrhaft liebe. Petrus konnte nicht sagen, daß er den Herrn mehr liebe als die anderen, aber er sagte: «»Herr, du weißt alle Dinge; du weißt, daß ich dich liebe.» Eine kleine Perle ist sowohl eine Perle wie eine große, obwohl jeder von uns die größere vorziehen würde. Das Bild des Kaisers ist sowohl auf einem Zweimarkstück wie auf einem Zwanzigmarkstück, obwohl wir die Goldmünze doch vorziehen würden. Das Gottesbewußtsein findet sich im Glauben und der Liebe eines jeden Gotteskindes, ob der Glaube groß oder klein ist. Die Hauptsache bei der Münze ist, daß das Metall echt ist, genauso wie die Hauptsache, daß die Liebe wirkliche Liebe ist. Liebst du den Herrn von ganzem Herzen? Wenn dem so ist, so strebe danach, mehr Liebe zu haben, aber wirf nicht weg, was du hast, denn du würdest dadurch verachten, was der Geist Gottes in dir gewirkt hat.

Seid auch bestrebt, liebe Freunde, eine wachsende Liebe zu haben. Seid nicht damit zufrieden, heute zu sein wie ihr vor zwölf Monaten wart. Ich fürchte, daß einige Christen nicht sehr wachsen. Ich freue mich, wenn sie wachsen, wenn sie in Demut gewurzelt sind, wenn sie eine tiefere Erkenntnis von sich selbst haben wie nie zuvor und eine tiefere Überzeugung Ihrer Schuld gegenüber Gott. Das ist gutes Wachsen. Versucht jedoch eine Liebe zu haben, die wächst, so daß ihr den Herrn Jesus Christus inniger lieben könnt als in den vergangenen Tagen. Sage dir: «Wenn ich auch nur eine kleine Liebe habe, so soll es doch eine praktische Liebe sein. Ich will sie zeigen. Ich will etwas für meinen Herrn tun.» Die Frau, die die Erzählung dieses Gleichnisses veranlaßte, liebte Christus so, daß sie ihre köstliche Salbe brachte und seine Füße salbte, sie mit ihren Tränen wusch und mit den Haaren ihres Hauptes trocknete. Eine der besten Weisen, die Liebe wachsen zu lassen, ist, alle Liebe, die du hast, weiter zu geben. Ist es nicht so bei den Kaufleuten mit ihrem Geld? Wenn sie ihr Kapital vergrößern wollen, handeln sie damit. Wenn du deine Liebe gegen Jesus vergrößern willst, so gib sie weiter. Sprich nicht darüber, sondern diene Ihm wirklich unter ihrem angenehmen Zwang. Es ist ein sehr armseliges Christentum, das still sitzt und träumt und nie einen Versuch macht, für Jesus, unseren Herrn, tätig zu sein. Derjenige, der denkt, daß er sich ganz allein seiner Religion erfreuen will, wird bald erkennen, daß er sehr wenig hat, sich daran zu erfreuen, denn die Zweifel werden in diesem unbewegten Luftkreis in Schwärmen erscheinen. Wo nicht der gesegnete Wind der Tätigkeit ist, werden bald Nebel und Dünste sein, vielleicht schädliche Gase und Fieber.

Und wenn du gegenwärtig nur wenig Liebe besitzt, so bitte Gott, dir eine größere Liebe zu geben, und obwohl ich dir gesagt habe, daß deine Liebe weiter zu geben eine gute Weise ist, sie zu vergrößern, so gibt es doch eine noch bessere Weise, und die ist, mehr von der Liebe Christi für dich zu wissen und zu fühlen. Wenn du Turnübungen machst, wirst du warm werden, aber viel sicherer würde es sein, dorthin zu gehen, wo die Sonne mit Äquatorialhitze scheint. Es sind alle Mittel gut, aber Jesus nahe zu kommen, ist das beste von allen. Im Verhältnis wie nahe du der herrlichen Zentralsonne der Liebe Christi wohnst, wirst du warm werden. Ich möchte das Herz des Herrn mit einem Vulkan vergleichen, der fortwährend brennende Lava der Liebe ausströmt. O, daß dieser Feuerstrom in meine Seele fließen möchte, um meine ganze Natur in Feuer zu setzen und mich hinnehme in dem Flammenstrom der Liebe!

Ihr seht, daß im Text gezeigt wird, daß es Unterschiede im Grade der Liebe gibt, und damit wollen wir es bewenden lassen, denn wir müssen zum dritten Punkt kommen.

III.

Drittens legt uns der Text die Frage vor: «Wer wird Ihn am meisten lieben?» Ich möchte euch diese Frage als eine sehr interessante vor Augen malen. Nach dem, was der Herr für uns getan hat, ist es interessant, zu sehen, was dadurch geschehen wird. Man liebt es, an die Ernte zu denken. Was wird nach all dem Pflügen und Säen kommen? Es ist interessant, die Ernte zu berechnen und den Jubel derselben vor zu empfinden. Nun, was wird von der unendlichen Liebe, von der größten Tat des Herzens Gottes gegen die Menschen kommen? Was wird aus der Gabe Seines eingeborenen Sohnes und durch die Wegnahme der Sünde durch Seinen Tod werden? Was werden die Menschen nach diesem für Gott tun? Wie werden sie Ihn lieben? Es ist eine interessante Frage. Was hast du darauf zu antworten?

Und es ist eine persönliche Frage, die der Herr jedem von uns vorlegt. Ihr wißt, Er legte sie Simon vor: «Sage an, der unter denen wird ihn am meisten lieben?» Und Er legt sie uns vor, um darüber nachzudenken, um unser eigenes Urteil zu bilden, weil vielleicht noch einige Fehler in unserem Herzen sind, die durch diese Frage berichtigt werden können, und weil die Gedanken, die die Untersuchung in unserem Geiste erregt, bestimmt sind, unser Urteil zu berichtigen. Lege sie darum nicht an die Seite, sondern suche sie zu beantworten, wie der Herr sie stellt.

Es ist eine praktische Frage: «Welcher unter denen wird ihn am meisten lieben?», denn im Betragen hängt alles von der Liebe ab. Wo viel Liebe ist, da ist auch gewiß viel Dienst im Verhältnis zur Kraft. In einer Gemeinde, die Jesus Christus sehr liebt, werden wir köstliche Gebetsstunden, eine heilige Mitgliedschaft, Freigebigkeit für das Werk Christi, Preis Seines Namens, einen sorgfältigen Wandel vor der Welt und ein ernstes Bestreben, Sünder zu bekehren, haben. Äußere und innere Mission wird blühen, wenn die Liebe eifrig ist. Wenn das Herz richtig ist, wird alles andere auch richtig sein, aber wenn das Herz verkehrt ist, so sieht es böse aus. Eine Herzkrankheit wird als das Schlimmste angesehen, was einen Menschen treffen kann. Ein alter, mir bekannter Arzt pflegte zu sagen: «Mit dem Herzen können wir nichts anfangen.» Gott möge uns vor einem kranken Herzen bewahren; vor der Verfettung oder der Verhärtung des Herzens gegen den Herrn Christus!

Die Frage in unserem Text ist jedoch eine etwas eingeschränkte, nämlich insofern, daß nicht gefragt wird, wer in der ganzen Welt Christus am meisten lieben wird, sondern wer von zwei Personen, die im Charakter nicht besonders verschieden waren, sondern nur dadurch verschieden, daß der eine fünfzig und der andere fünfhundert Pfund schuldig war und der letztere Ihn am meisten lieben werde. Wir wollen annehmen, daß sie beide gleich zartfühlend und gleich erneuert wurden, und daß jeder von ihnen wußte, daß seine Schuld getilgt worden ist. Der einzige Unterschied unter ihnen war, daß der eine ein größerer Sünder gewesen ist als der andere, und die Frage lautet: «Welcher von diesen beiden wird Ihn am meisten lieben?»

Es ist übrigens eine sehr einfache Frage und durchaus nicht schwer zu beantworten, denn selbst Simon, der Pharisäer, der wie alle Pharisäer sehr schlecht hierin unterrichtet war, konnte sie richtig beantworten. Er antwortete: «Ich achte, dem Er am meisten geschenkt hat.» Und der Herr sprach zu ihm: «Du hast recht gerichtet.» Nun habe ich euch die Frage vorgelegt.

IV.

Zuletzt wird nun eine Antwort erwartet, und ich wünsche mir und euch, daß ein jeder sagen möge: «Ich bin derjenige, der den Herrn Jesus am meisten lieben sollte, und durch seine Gnade will ich es tun.»

Die am meisten verpflichtet sind, sollten am meisten lieben. Haben wir hier nicht viele Fünfhundert-Pfund-Schuldner? Einige von meinen hier gegenwärtigen Brüdern haben zu den größten Sündern gehört. Sie sind Trinker, Spieler, Lügner und Flucher gewesen und Anführer in allem Schlechten. Gott sei Dank, daß solche hier zu Jesus geführt worden sind. Wir hörten kürzlich, wie uns ein Bruder erzählte, was er gewesen sei. Mit Scham und Bescheidenheit erzählte er uns, wie groß seine Sünden gewesen waren, aber seine Sünden wurden hinweg genommen, er hatte Vergebung und er wußte es und freue sich dessen. So einer muß sagen: «Ich will Ihn am meisten lieben.» Wo die Sünde offenbar, handgreiflich und nicht zu leugnen gewesen ist, wo der Charakter offensichtlich damit befleckt worden ist, schließt die Vergebung eine tiefe Liebe ein. Du darfst in der ersten Reihe stehen und Jesus am meisten lieben.

Aber ich will euch nicht zu dieser Höhe der Verbindlichkeit erheben oder vielmehr zur tiefen Verpflichtung sinken lassen, ohne für mich selbst darum zu kämpfen. Einige von uns beanspruchen den Platz der besonderen Verbindlichkeit aus einem anderen Grunde, denn während einige von uns nie offensichtliche Gottlose oder Trunkenbolde gewesen sind oder unmoralisch gelebt haben, so haben sie doch die gleiche Größe ihrer Sünde zu bekennen im Licht der Erkenntnis gegenüber früheren Überzeugungen. Gott schenkte ihnen eine geheiligte Erziehung, ein zartes Gewissen, besondere Begünstigungen, und darum nehmen wir mit Scham den niedrigsten Platz ein, indem wir die größte Verpflichtung zum dankbaren Preise Gottes anerkennen. Einmal sagte ich in einer Predigt, und ich meinte es auch so, daß ich der größte Schuldner der göttlichen Gnade sei von allen, die in die Herrlichkeit eingehen, und darum auch am lautesten singen würde. Es war in einem Dorfe, und als ich von der Kanzel herunter kam, reichten mir viele die Hand, und eine alte Dame sagte: «Sie haben einen großen Fehler in Ihrer Predigt gemacht.» Ich sagte: «Meine liebe Schwester, ich habe wohl mehr als ein Dutzend gemacht, denn ich bin ein unbesonnener Mensch.» «Nein», sagte sie, «aber Sie sagten, daß Sie im Himmel am lautesten singen würden, aber das wird nicht geschehen, denn ich schulde der göttlichen Gnade mehr als Sie. Ich war eine große Sünderin und mir ist viel vergeben worden, und darum werde ich Gott noch mehr preisen als Sie.» Ich gab es nicht zu, aber ich schwieg still. Ich konnte ihr den ersten Platz lassen und denselben auch für mich beanspruchen. Manche Freunde erklärten mir noch, daß sie mir den Platz nicht lassen würden, denn sie schuldeten Gott mehr Lob und Preis. Es war ein gesegneter Streit. Er erinnerte mich an Ralph Erskines Wettstreit unter den Paradiesvögeln, durch welchen er die Heiligen in der Herrlichkeit darstellt, wo jeder sagte, er wolle den niedrigsten Platz haben und am meisten die unendliche Liebe besingen. Ich glaube, es gibt Gründe für einige Anwesende, obwohl sie vor offensichtlichen Sünden bewahrt geblieben sind, die ihnen das Gefühl geben, daß sie innerlich fünfhundert-Pfund-Schuldner sind, so daß sie auf die Frage, wer Ihn am meisten lieben werde, sagen: «Nun ich. Ich war nicht so ehrlich wie einige der bösen Buben. Ich durfte nicht alles sagen, was sie sagten, noch war ich nach außen hin so lasterhaft wie sie, aber ich war im Herzen ebenso schlecht, und wenn ich hätte tun können, was ich wollte, so wäre ich niederträchtiger gewesen als sie.» Aber ich glaube nicht, daß der Sinn des Gleichnisses durch diese Fälle erschöpft ist, denn ich denke, daß es mehr in sich schließt. Es gibt einige, denen augenscheinlich nicht mehr vergeben worden ist als anderen, was die offensichtliche Sünde betrifft. Im Gegenteil, sie sind von Kindheit an anständig erzogen worden, sie sind schon jahrelang eifrig im Dienste und haben den Herrn geliebt. Obwohl keineswegs große Sünder in ihrem unbekehrten Zustande, sind sie jetzt wirklich «große» Heilige, kräftig in ihrem Dienst, fest in ihrem Charakter, warm in ihrer Liebe. Woher kommt es, daß einige, die rühmen, daß sie wie ein Brand aus dem Feuer gerissen wurden und nach ihren eigenen Worten die größten Sünder sind und viel Aufhebens aus ihrer Bekehrung machen, den Herrn Jesus nicht halb so viel lieben, wie diese lieben, stillen Seelen, die nie in offenbaren Sünden gelebt haben? Ich denke, die Ursache ist folgende: Eigentlich ist es unsere Beurteilung der Sünde, die unsere Liebe bewirkt und anfacht, denn wenn jemand die Sünde überaus sündig ansieht und dieses fühlt, so hat er einen tieferen Eindruck seiner Verpflichtung als derjenige, der wohl gröbere Laster begangen hat, die Sünde aber nie in ihrer wahren Gestalt erkannt hat wie sie im Lichte des Angesichtes Gottes erscheint. Zu viele Gläubige wissen wenig davon, was es ist, bestürzt und zerknirscht zu sein über die Abscheulichkeit ihrer Übertretungen. Es gab eine Zeit und es ist noch so, wo es mir mehr Schmerzen verursachte, wenn ich aus Versehen ein Wort, das nicht vollkommen der Wahrheit gemäß war, gesprochen hatte, als es manchen Leuten macht, ihr Fluchen und Schwören zu bereuen. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber ich glaube, es gibt manche, die einen Ruhm aus ihrer Schande machen und es wagen, mit dem, was sie gewesen sind, zu prahlen. Sie stehen auf und legen ein Bekenntnis ab ohne Tränen und ohne Erröten. Ein solches Zeugnis sollte nie gehört werden, denn es erzeugt Böses in den Gedanken derjenigen, die es hören. Es tut mir leid, es sagen zu müssen, aber ich weiß, daß es so ist. Es werden Zeugnisse abgelegt, die Anreizungen zu Lastern sind und vielmehr dazu beitragen, die Menschen unmoralisch zu machen, als sie zu Gott zu bringen. In gewissen Kreisen wird derjenige als ein Held behandelt, der beweisen kann, daß er ein Schurke gewesen ist. In dieser Weise wurde der verlorene Sohn nicht von seinem Vater aufgenommen; er hing seine alten Lumpen nie als ein Siegeszeichen auf. O Brüder, wenn wir von dem sprechen, was wir gewesen sind, so sollten wir unser Angesicht bedecken. Unsere früheren Torheiten sind Sachen, die Gott im stillen bekannt werden sollten, und wenn wir öffentlich zum Preise Gottes darüber zu sprechen haben, so darf kein Stolz daraus zu erkennen sein, denn es ist eine Schande, von dem zu sprechen, was sie im geheimen getan haben. Wo eine wahre, tiefe Erkenntnis der Sünde ist, da ist auch eine heilige, zarte Weise, darüber zu sprechen. Von alten Sünden soll nicht so gesprochen werden wie ein alter Soldat seine Krücken schultert und zeigt, wie Feinde überwunden werden. Die Schamröte ist die beste Farbe, wenn wir von unserem verlorenen Zustand sprechen. Lächelnd von Ungerechtigkeiten gegen die Ermahnungen unseres eigenen Gewissens, oder von groben Sünden, durch ein böses Beispiel gegen andere begangen, zu sprechen, dient nicht zur Ehre Gottes, sondern dazu, das Laster auf den Thron zu setzen.

Und, meine lieben Freunde, ich glaube, daß einige, die Gott in Seiner Gnade vor groben Sünden bewahrt hat, Ihn am meisten lieben, weil sie klarer als andere erkennen, was es gekostet hat, die Vergebung möglich zu machen. Glücklich sind diejenigen, die sich an den Seelenkampf unseres Herrn in Gethsemane erinnern. O, wenn dein Herz auf Golgatha weilt, wo Christi kostbares Blut floß, wenn du eifrig auf die Wunden Jesus blickst, bis du den Tod des Gekreuzigten stirbst, dann liebst du am meisten. Es ist gut, wenn deine Seele sich geängstigt hat, da es Ihn viel gekostet hat, unsere Seele zu erlösen, denn im Verhältnis, wie du das Opfer schätzt, wirst du Ihn lieben, der sich selbst als Opfer für die Sünden hingab. Brüder, ich hoffe, daß ihr alle Jesus Christus mehr liebt als ich, denn ich wünsche Ihm die höchste Liebe eines jeden menschlichen Herzens, und doch will auch ich freiwillig von niemand von euch übertroffen werden in einer Mitbewerbung der Liebe zu Jesus. Ich will das Beste tun, daß niemand meine Krone raube.

Aber angenommen, liebe Freunde, irgend jemand von euch liebt Ihn am meisten, dann zeige es, wie jene Frau es tat, die ihre köstliche Salbe brachte. Liebt ihr Ihn am meisten, so tut am meisten. Tue alles mögliche zum Besten der Menschheit, gestärkt durch den Geist Gottes. Hast du viel getan, so tue zehnmal mehr. Sprich nicht von dem, was du getan hast, sondern tue mehr. Ein Offizier schrieb an seinen General: «Wir haben dem Feinde zwei Kanonen genommen.» «Es ist gut», sagte der General, «nehmt noch zwei mehr.»

Hast du am meisten Liebe zu Jesus, so tue am meisten für das geistliche Wohl der Menschen. Tue etwas Besonderes für Jesus. Es ist ein recht gutes Zeichen, wenn unser Werk unter den Menschen nicht so sehr um des Sünders willen als aus Liebe zu Jesus getan wird. Wenn wir die Brüder lieben, so sollte es sein, weil sie Jesus gehören. Es ist wohltuend, dem Herrn Jesus selbst zu dienen. Siehe, wie die heilige Frau ihrem Herrn ihre Huldigung darbringt: Tränen, seine bestäubten Füße zu waschen, Haare, seine Füße zu trocknen, Salbe, seinen Körper zu salben. Tue das Vorzüglichste und arbeite für Jesus, für Jesus persönlich.

Versuche, es recht demütig zu tun. Stelle dich hinter Ihn. Rufe niemand herbei, dich zu sehen. Tue es sehr ruhig. Tue es mit dem Gefühl, daß es eine große Ehr ist, Jesus den geringsten Dienst zu leisten. Laß dir nie einfallen, zu sagen: «Ich bin etwas. Ich tue etwas Großes. Ich tue mehr als Simon, der Pharisäer. Komm mit mir und siehe meinen Eifer für den Herrn.» Jehu sprach in dieser Weise, aber er taugte nichts. Tue deinen persönlichen Teil ohne den Wunsch, von Menschen gesehen zu werden.

Tue es mit Selbstverleugnung. Bringe deine beste Salbe. Schränke dich um Jesus willen ein. Bringe ein Opfer. Entbehre dies und jenes, damit du etwas hast, womit du Ihn ehren kannst.

Tue es sehr bußfertig. Wenn du Ihm auch mit allen Kräften dienst, so laß deine Tränen mit der köstlichen Salbe vermischt auf seine Füße fallen. Die Tränen und die Salbe passen gut zusammen. Trauere über deine Schuld, während du dich Seiner Gnade erfreust. Tue es fortgesetzt. «Nachdem ich herein gekommen bin», sagt Jesus, «hat dieses Weib nicht abgelassen, meine Füße zu küssen.» Höre nie auf, Ihn zu lieben und Ihm zu dienen. Halte an damit, und wenn das Fleisch sich auch nach Ruhe von dem Dienste sehnt.

Tue es mit Begeisterung. Sieh´, wie sie Seine Füße küßt. Nichts Geringeres als dieses kann ihre Liebe ausdrücken. Bücke dich und küsse immer wieder diese heiligen Füße, die aus Liebe zu dir umher wanderten. Wirf deine ganze Seele in deine Liebestat. «Seht», wird man sagen, «Frau So-und so ist begeistert. Sie ist ganz von ihrem Eifer hingenommen.» Laß es wahr sein. Kümmere dich nicht darum, was die kalten Herzen denken, denn sie können dich nicht verstehen. Man wird sagen: «Diese junge Person ist bei weitem zu schnell.» Kümmere dich nicht darum, sei noch schneller. Die klugen Leute werden sagen: «Er hat zu viel Eisen im Feuer.» Aber ich sage dir: Fache das Feuer an, daß alles Eisen rot wird und dann hämmere mit aller Macht darauf los. Mit ganzer Macht und Energie gib dich in den Dienst deines Herrn. Wenn du deinen Herrn liebst, kannst du die Liebe am besten durch eifrigen Dienst zeigen. Der Herr segne euch mit dem äußersten Grad der Liebe um Jesus Christi willen. Amen.

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