Spurgeon, Charles Haddon - Die menschliche Verderbtheit und die göttliche Barmherzigkeit

„Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen, um der Menschen willen; denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“
1 Mose 8,21

Petrus sagt uns, daß Noahs Arche und die Taufe Sinnbilder des Heils sind. Er nimmt die zwei zusammen als Bilder von dem Wege, auf welchen wir errettet werden. Noah wurde nicht dadurch errettet, daß die Welt allmählich verbessert und zu ihrer ursprünglichen Unschuld wieder zurück gebracht wurde, sondern es wurde ein Verdammungsurteil ausgesprochen, und Tod, Begräbnis und Auferstehung folgten darauf. Noah mußte in die Arche gehen und tot sein für die Welt; die Fluten mußten vom Himmel herabströmen und aus ihrem verborgenen Brunnen unter der Erde heraufsteigen, die Arche mußte in viele Wasser getaucht werden - hier war Begräbnis; und dann nach einer Weile mußten Noah und seine Familie in eine ganz neue Welt auferstandenen Lebens hinaustreten. Es ist ebenso in dem Sinnbild der Taufe: Der Täufling, wenn er mit Christo gestorben ist, wird begraben; nicht gereinigt und verbessert, sondern unter der Welle begraben; und wenn er wieder aufsteht, so bekennt er, daß er sich eines neuen Lebens erfreut. Die Taufe stellt gerade das dar, was Noahs Arche darstellt, daß die Errettung durch Tod und Begräbnis ist. Ihr müßt für die Welt tot sein; das Fleisch muß tot mit Christo sein, begraben mit Christo - nicht verbessert, nicht edler gemacht, sondern ganz beiseite getan als unverbesserlich, als wertlos, tot, etwas, was begraben und vergessen werden muß. Wir müssen herauskommen zu einem Leben der Auferstehung und danach empfinden, daß über uns ein neuer Himmel und unter uns eine neue Erde ist, in welcher Gerechtigkeit wohnt, und daß wir neue Kreaturen in Christo sind.

Es würde äußerst lehrreich sein, bei jedem einzelnen Punkte der Ähnlichkeit zwischen Noahs Errettung und der Errettung jeder erwählten Seele zu verweilen. Noah geht in die Arche ein: es gibt eine Zeit, wo wir in Christo eingehen und eins mit Ihm werden. Noah wird in die Arche eingeschlossen, so daß er nicht wieder herauskommen konnte, bis Gott die Tür auftat; es gibt eine Zeit, wo jedes Gotteskind eingeschlossen wird, wo Glaube und volle Heilsgewißheit ihm ein Zeugnis geben, daß er unauflöslich eins mit Christo Jesu ist; ergriffen von Christi Hand, so daß niemand ihn herausreißen kann; verborgen in Christi Leiden, so daß niemand ihn von der Liebe Gottes zu scheiden vermag. Dann kommt die Flut: Es gibt eine Zeit in dem Leben des Christen, wo er seine eigne Verderbtheit gewahr wird; er ist errettet, er ist in der Arche, er ist indes noch ein Sünder, den angeborenen Lüsten ausgesetzt. Auf einmal, so ganz unerwartet erhebt sich das ganze Heer von Verdorbenheiten, sie wälzen sich gegen die Arche, in welcher sich der Christ befindet, greifen seinen Glauben an, und versuchen es, womöglich, seine Seele in der Sünde zu ertränken, aber er kommt doch nicht um, denn durch Gottes Gnade ist er, wo andre Menschen nicht sind, da, wo er nicht ersäuft werden kann; er ist in Christo Jesu. Er steigt um so höher, je tiefer die Fluten werden; je mehr er die Tiefe seiner Verderbtheit fühlt, desto mehr bewundert er die Fülle des Versöhnungsopfers, je schrecklicher die Versuchung, desto fröhlicher ist sein Trost in Christo Jesu; und so erhebt er sich in heiliger Gemeinschaft zu seinem Gott. Dann kommt der Wind: ein Vorbild des Odems des heiligen Gottes, durch den die Fluten der Verderbtheit abnehmen und Friede im Innern herrscht und die Seele singt: „Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so. haben wir Frieden mit Gott, durch unsern Herrn Jesum Christum.“ Dann erscheinen die Spitzen der Berge: Die Heiligung findet bei einem Teile des Menschen statt; es schimmern einige helle Tugenden aus der allgemeinen Flut des Verderbens hervor, es sind einige Punkte seiner angeborenen Natur da, die ihn durch ihre Schönheit erfreuen. Seine Arche hat Grund gefunden und sich nieder gelassen: er schwimmt nicht mehr, sozusagen, von einem kämpfenden Glauben umhergeworfen und mit dem Unglauben streitend, sondern er fühlt, so wie Christus Jesus auf ewig zur Rechten Gottes sitzt, ist er auch in Christo Jesu in die Ruhe eingegangen. Die Arche ließ sich auf dem Gipfel des Ararat nieder: so gewinnt die Erfahrung des Gläubigen festen Grund; er wird nicht mehr von Furcht und Zweifeln bewegt, sondern freut sich in der Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. Er sendet seine Gedanken aus, um Beweise von seiner vollständigen Errettung zu suchen, und wahrscheinlich sendet er einige seiner unwissenden, fleischlichen Erwartungen aus, gerade wie Noah den Raben aussandte. Diese unwissenden Einbildungen von dem, was das Werk des Geistes ist, gehen aus und kehren nie zurück, weil kein unreines Kind des alten Adam die neue Welt entdecken kann. Dann sendet er die Taube aus - heilige Wünsche, ernste Gebete gehen hin und her; endlich kehren sie zurück mit einem guten Zeichen, einer köstlichen Gnade von der Hand Gottes, einem Ölblatt des zugesicherten Friedens, und der Gläubige weiß gewiß, nicht nur, daß er in Christo ist, nicht nur, daß er in Christo gegründet ist, sondern daß all die Wasser besänftigt sind, alle Sünde hinweggenommen, alle Gefahr, aller Tod vernichtet ist. Dann kommt eine Periode, wo Gott die Tür auftut; Christus ist bis dahin eine Art Gefängnis für den Christen gewesen, das Kreuz eine Last, er erfreute sich nicht der Freiheit; aber jetzt kommt Gott der Vater mit dem Heiligen Geist und Tut die Tür auf, und der Gläubige ist völlig frei in der neuen Welt.

Der erretteten Seele erste Handlung ist, wie Noah, Gott einen Altar zu bauen und als Priester ein Opfer zu bringen, welches, wenn es zum Himmel aufsteigt, angenommen wird, weil es ein Gedächtnis Christi ist. Der Herr riecht einen süßen Geruch, und obwohl der Gläubige noch mit Sünden behaftet und das Dichten seines Herzens böse ist von Jugend auf, so hört er doch die Bundesstimme, die spricht: „Ich will nicht mehr verfluchen, ich will nicht mehr schlagen;“ er hört die Verheißung des Bundes, die für immer die Treue Gottes bestätigt, und freut sich, wie ein Noah, eine neue Welt zu ererben, in der Gerechtigkeit wohnet.

Ich lege keinen Nachdruck auf diese Deutungen, aber ich weiß, daß der Apostel von Hagar und Sara sagt: „die Dinge sind eine Allegorie“, (Gal. 4, 24, wo Luther übersetzt hat: „Die Worte bedeuten etwas.“) und ich glaube, das erste Buch Mose ist ein Buch, das Wahrheiten für die ganze Weltzeit enthält. Und wenn es richtig gelesen wird, nicht von dem A u g e der Neugierde, sondern von dem Herzen des Forschers, der weise gemacht worden ist, um die tiefen Dinge Gottes zu sehen, dann ist viel göttliche und heilige Lehre darin zu entdecken. Aber jetzt komme ich zu dem Text selber.

Wir haben hier zuerst eine sehr traurige und schmerzliche Tatsache: „Das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf;“ wir haben zweitens, Gottes höchst außergewöhnliche Schlußfolgerung, „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen, um der Menschen willen: denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf;“ dann drittens, haben wir einige weniger außer gewöhnliche, aber praktische Schlußfolgerungen aus dem Text zu ziehen.

I.

Um also mit dem Text zu beginnen, wir haben hier eine sehr schmerzliche Tatsache, daß die menschliche Natur unheilbar ist, - „das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“

Ihr erinnert euch, daß vor der Flut (Kap. 6, 5) geschrieben steht: „Da aber der Herr sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden, und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar.“ Nach der Flut ist die Sache ganz dieselbe. Die Beschreibung im sechsten Kapitel umfaßt das ganze vorsintflutliche Geschlecht. Man hätte hoffen können, daß nach einem so furchtbaren Gericht, in welchem „nur wenige“, Auserwählte und Besondere, „das ist acht“, erhalten wurden durchs Wasser, daß, als die Menschheit von neuem mit einem bessern Stamm begann, die alten, dürren und verfaulten Zweige abgeschnitten waren, - daß nun die Natur des Menschen besser geworden wäre. Aber das war nicht im geringsten der Fall. Der Gott, der vor der Flut aus. sprach, daß das Dichten des Menschen böse sei, fällt dasselbe Urteil nach der Flut. O Gott! wie hoffnungslos ist die menschliche Natur! Wie unmöglich ist es, daß der fleischliche Sinn mit Gott versöhnt werden kann! Wie nötig ist es, daß Du uns ein neues Herz und einen neuen Geist gibst, da die alte Natur so böse ist, daß selbst die Fluten Deines Gerichtes sie nicht von ihrem bösen Dichten heilen können! Ich möchte, daß ihr genau auf die Worte achtetet, in diesen beiden Stellen - das vorsintflutliche und das nachsintflutliche Urteil Gottes. Seht auf den 5. Vers im 6. Kapitel - Gott sah nicht nur äußere Sünde - die war groß und vielfältig und schrie um Rache zu Ihm; Er sah Sünde in den Menschenkindern, den Nachkommen Kains; noch schlimmer, Er sah Verrat und Abweichen von Gott in den Söhnen des Erwählten; die Kinder Seths waren auch irre gegangen. Die Söhne Gottes sahen nach den Töchtern der Menschen, wie sie schön waren und die zwei Nassen vermischten sich und zeugten Ungeheuer an Gottlosigkeit. Aber, noch schlimmer, Gott sah, daß die Gedanken der Menschenherzen böse waren; der Mensch konnte nicht denken, ohne böse zu sein; ja, noch mehr, das, was den wirklichen Gedanken zu Grunde liegt, der ungeformte, gestaltlose Gedanke, die Eier, die Keime der Gedanken, welche hier „Einbildung der Gedanken (Luther: Dichten und Trachten) genannt werden, die erste Idee, die Anfänge der Bewegungen der Seele, alles dieses fand Er böse. Aber merkt, Er sagt, sie waren „nur böse.“ Nicht eine Spur von Gutem, kein Gold unter den Schlacken, kein Licht in der Finsternis - sie waren „nur böse.“ Und dann fügt Er das Wort „immerdar“ hinzu Was! Niemals Buße? Niemals Sehnsucht nach dem Rechten? Niemals einen reinen Tropfen Heiligkeit? Nein, nie. „Jede Einbildung“ (1 Mos. 6, 5) - beachtet dieses Wort. Der ganze Vers ist sehr klar, ein Besen, der alles Gute, dessen der Mensch sich rühmt, hinausfegt. „Jede Einbildung“ - wenn er am besten war, wenn er vor Gottes Altar stand, wenn er versuchte recht zu tun, selbst dann war Böses in seinen Gedanken. Dr. Dick sagt: „Alle Gedanken eines Menschen, alle seine Wünsche, alle seine Vorsätze sind böse, entweder ausdrücklich oder als notwendige Folgerung; weil der, in dem sie sich finden, eingestandenermaßen sündig ist, oder weil sie nicht von einem heiligen Grundsatz ausgehen und nicht auf ein rechtes Ziel gerichtet sind. Die menschliche Seele ist nicht nur gelegentlich unter dem Einfluß der Verderbnis; sondern dies ist ihre Natur und ihr Zustand. Es scheint unmöglich, einen Satz zu bilden, der deutlicher ihre gänzliche Verdorbenheit ausspricht.“ Seht unsern Text an, ihr werdet wahrnehmen, daß er eine andre Phase desselben Übels beschreibt, aber er mildert nicht ein Jota oder einen Titel davon; - es ist immer noch „die Einbildung“ “,das Dichten des menschlichen Herzens,„ es ist immer noch der innere Charakter, das Mark, der Kern, die Quintessenz des Menschen, wovon Gott hier spricht. Nicht der Strom, der vom Menschen kommt, ist faul, sondern der Quell, der innerste Ursprung des Quells - das Dichten des Herzens ist böse: und uns wird hier gesagt, was in dem andern Spruch nicht steht, daß seine Gedanken böse sind von Jugend auf, d. h. von seiner frühesten Kindheit an; und sie würden nicht in jedem Fall böse sein von seiner Kindheit an, wenn nicht ein gewisser Samen des Bösen schon vorher gesät worden wäre, und deshalb können wir weiter gehen und in den Worten der Heiligen Schrift mit trauriger Wahrheit bekennen: „Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.“ Von der frühesten nur denkbaren Periode an, wo die Natur eines Menschen ihren Anfang nimmt, ist sie etwas Beflecktes, Verunreinigtes und verdient nur den äußersten Abscheu Gottes; und wenn Er nicht den süßen Geruch in dem Opfer Christi röche, so würde Er sprechen, wie Er in dem sechsten Kapitel sprach: „Es reute Ihn, daß Er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte Ihn in seinem Herzen, und sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen, vertilgen von der Erde.“

Ich hoffe, ich habe euch diese schmerzliche Tatsache deutlich vor Augen gestellt. Sie ist wahr, sowohl vor als nach der Flut. Wenn ihr irgend einen Beweis wollt, daß sie gegenwärtig wahr ist, so wendet euch zu den vielen Stellen der Schrift, die sie beweisen. Indes, da unsre Zeit beschränkt ist, so will ich nur das dritte Kapitel im Römerbrief nennen. Ich will vom neunten bis zum neunzehnten Verse lesen: „Was sagen wir denn nun? Haben wir einen Vorteil? Gar keinen. Denn wir haben droben bewiesen, daß beides, Juden und Griechen, alle unter der Sünde sind; wie denn geschrieben steht: Da ist nicht, der gerecht sei, auch nicht einer; da ist nicht, der verständig sei; da ist nicht, der nach Gott frage; sie sind alle abgewichen, und allesamt untüchtig geworden; da ist nicht, der Gutes tue, auch nicht einer; ihr Schlund ist ein offenes Grab, mit ihren Zungen handeln sie trüglich, Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihr Mund ist voll Fluchens und Bitterkeit; ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid, und den Weg des Friedens wissen sie nicht. Es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen. Wir aber wissen, daß, was das Gesetz sagt, das sagt es denen, die unter dem Gesetze sind, auf daß aller Mund verstopft sei, und alle Welt Gott schuldig sei.“ - Jonathan Edwards sagte von dieser Stelle: „Wenn die Worte, die der Apostel hier braucht, nicht völlig und entschieden eine Allgemeinheit der Sünde anzeigen, so sind. keine Worte, die in der Bibel oder anderswo gebraucht werden, je hinreichend, dies zu tun. Ich könnte jeden auffordern, eine Stelle in der Schrift zu zeigen, wo eine Wiederholung und Anhäufung von Worten ist, so stark und nachdrücklich und sorgfältig, die vollkommenste und absoluteste Allgemeinheit auszudrücken, oder auch nur eine Stelle, die damit verglichen werden kann. Welches Beispiel gibt es in der Bibel oder irgend einer andern Schrift, wo diese Wahrheit durch Wiederholung solcher Beziehungen ausgedrückt wird, wie: „Sie sind alle,“ „allesamt,“ „alle Welt;“ und damit verbunden die vielfach verneinenden Ausdrücke, um die Allgemeinheit des Zustandes ohne jede Ausnahme anzuzeigen: „Da ist nicht,“ „da ist nicht,“ „da ist nicht,“ „da ist nicht,“ - viermal nacheinander und außerdem: „auch nicht einer,“ „auch nicht einer.“ So daß, wenn diese Sache (die allgemeine Verderbtheit) hier nicht klar, ausdrücklich und völlig dargestellt wird, es sein muß, weil keine Worte dazu imstande sind; weil die Sprache es nicht vermag, weil keine Worte und Ausdrücke, wie sehr sie auch aufeinander gehäuft sein mögen, dies völlig darstellen können.“ - Ich darf hinzufügen, daß der Apostel, um es noch anschaulicher zu machen, hervorhebt, daß die Befleckung nicht an einem Teile des Menschen ist, sondern die verschiedenen Teile und Kräfte des Körpers aufzählt, um damit die Eigenschaften und Neigungen der Seele anzudeuten. Es werden genannt: „Füße,“ „Mund,“ „Augen,“ „Hände,“ alle verderbt, alle unrein, alle schlecht. Wirklich, wenn wir hier diese Lehre nicht so sehen, so ist es nicht wahrscheinlich, daß wir sie irgendwo anders sehen werden; und wir haben in uns selber, in unsrer eignen Blindheit, einen gewissen Beweis davon, wie wahr sie ist. Solche Stellen, wie diese, helfen, eure Augen zu schärfen, wenn Hiob 14, 4 sagt: „Wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist?“ und wiederum: „Was ist ein Mensch, daß er sollte rein sein, und daß der sollte gerecht sein, der vom Weibe geboren ist?“ Die Quelle, aus der wir entspringen, ist augenscheinlich sündig. Niemand unter uns hat eine vollkommene. Mutter oder einen vollkommenen Vater, und wie können wir erwarten, daß etwas Reines aus etwas Unreinem komme? David sagt in Ps. 14: „Der Herr schaut vom Himmel auf der Menschen Kinder, daß Er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. Aber sie sind alle abgewichen, und allesamt untüchtig; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.“ Ihr kennt seine eigne Beschreibung von sich selber in Ps. 51, und deshalb brauche ich mich kaum darauf zu beziehen. Prediger Salomo sagt von den Menschen in Kap. 9, 3: „Das Herz der Menschen wird voll Arges, und Torheit ist in ihrem Herzen, dieweil sie leben.“ Ihr habt nicht die traurige Beschreibung in Jes. 1 vergessen: „Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt. Von der Fußsohle an bis aufs Haupt ist nichts Gesundes an ihm, sondern Wunden und Striemen und Eiterbeulen.“ Die Stelle im Jeremia ist auch sehr bezeichnend: „Das Herz ist trügerisch über alle Dinge und verzweifelt böse, wer kann es ergründen?“ Und unser Heiland hat in sehr starken Worten seine eigne Ansicht von dem menschlichen Herzen ausgesprochen, Mt. 15, 19: „Aus dem Herzen kommen arge Gedanken, Mord, Ehebruch, Hurerei, Dieberei, falsche Zeugnisse, Lästerungen.“ Einer der stärksten Ausdrücke ist vielleicht der des Paulus, wenn er sagt: „Fleischlich gesinnt sein, ist eine Feindschaft wider Gott, weil es dem Gesetz Gottes nicht untertan ist, denn es vermag es auch nicht.“ Und Jakobus, der praktische Jakobus, sagt: „Den Geist, der in euch wohnt, gelüstet wider den Haß.“ Ich habe nur ein paar Stellen aus der großen Masse herausgesucht.

Wenn jemand entschlossen ist, die Schrift zu verdrehen und die Wahrheit zu verkehren, so kann er der Lehre von der völligen Verderbtheit des menschlichen Geschlechts ausweichen; aber gewiß, wenn wir die Bibel so nehmen, wie sie ist, so können wir kühn sagen, daß, wenn sie nicht lehrt, daß der Mensch böse ist, ganz böse, so lehrt sie überhaupt nichts, dann ist das Buch ohne irgend einen Sinn. Der Mensch ist ganz böse; das Herz ist durch und durch schlecht bis auf den innersten Kern, es ist in seinem Mittelpunkt und seinem Wesen vergiftet durch Sünde und Haß gegen Gott.

Laßt uns der Bekenntnisse der Kinder Gottes gedenken. Ihr habt noch nie einen Heiligen auf seinen Knien dem Herrn erzählen hören, daß seine Natur gut sei, daß sie keiner Erneuerung bedürfe. Die Heiligen fühlen, je mehr sie in der Gnade wachsen, um so schmerzlicher das Böse in ihrer alten Natur. Ihr werdet finden, daß die, welche am meisten Christo ähnlich sind, die tiefste Kenntnis ihres eignen Verderbens haben, und am demütigsten sind, wenn sie ihre Sündhaftigkeit bekennen. Diejenigen, welche ihr eignes Herz nicht kennen, mögen imstande sein zu prahlen, aber das ist einfache Unwissenheit, denn wenn ihr die Lebensbeschreibungen derjenigen lest, die unter uns wegen ihrer Heiligkeit und Erkenntnis der göttlichen Dinge hochgeachtet sind, so werdet ihr finden, daß sie oft unter der Last der Sinnlichkeit und Sünde aufschreien. Wenn ich zur Schrift zurückkehren darf, so kann ich nicht umhin, David anzuführen: „Siehe, ich bin aus sündlichem Samen gezeugt und in Sünden empfangen.“ Es ist ein schändliches Ding, daß manche es versuchen, Davids Mutter zu verleumden und annehmen, daß etwas Unrechtes mit seiner Geburt verknüpft gewesen, was ihn so sprechen ließ, während man nicht die kleinste Anschuldigung gegen diese würdige Frau vorbringen kann. David selbst spricht mit größter Achtung von ihr und sagt: „Errette den Sohn deiner Magd,“ nicht als ob er es als eine Unehre empfände, der Sohn einer solchen Frau zu sein. Sie war ohne Zweifel eine der Trefflichen der Erde, und doch trefflich wie sie war, konnte es nicht anders sein, als daß ihr Sohn in Sünden empfangen war.

Laßt uns nicht versuchen, der Stärke dessen, was David hier sagt, auszuweichen. Er braucht keine übertriebenen Ausdrücke; nicht eine Spur von Übertreibung ist in dem ganzen Psalm zu finden; er, ein zerschlagener Mann, liegt auf seinen Knien; er bekennt seine eigne Sünde mit Bathseba, und es ist gar nicht wahrscheinlich, daß er eine Anklage gegen seine eigne Mutter vorbringt, noch auch, daß er übertriebene Ausdrücke gebraucht. Geliebte, es ist so; wir alle, die besten von uns, haben immer noch das Merkmal der Unreinigkeit an uns, aus der wir entsprungen sind. Nehmt Paulus, gab es je einen Mann, der mehr davon wußte, was Heiligkeit der Natur bedeutet oder der dem Bilde Christi näher gebracht war, und dennoch ruft er aus: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ und findet keine Freude, bis er sprechen kann: „Ich danke Gott durch Jesum Christ, unsern Herrn.“

Doch ich denke, wir haben noch einen andern Beweis, nämlich, unsre eigne Beobachtung. Wir haben lange genug gelebt, um mit unsern eignen Augen und während unseres Lebens wahrzunehmen, daß die Sünde die allgemeine Krankheit der Menschen ist. Entspricht es nicht ganz und gar der Erfahrung, daß das Herz des Menschen böse ist? Man pflegt hübsche Geschichten zu erzählen von der reizenden Unschuld der Menschen, die in den grünen Lauben der Urwälder wohnten, unbefleckt von den Lastern der Zivilisation, nicht verunreinigt durch die Erfindungen des Handels und der Kunst. Die Wälder Amerikas wurden durchforscht, aber keine solche lieblichen Kindlein der Gnade sind entdeckt worden. Die Wildheit und Grausamkeit der Indianer rechtfertigen mich, wenn ich sage, daß sie hassenswert waren und einander haßten. Die blutrote Streitaxt hätte als des roten Mannes Wappenschild gemalt werden können, und seine racheglühenden Augen könnten als das wahre Sinnbild seines Charakters gelten. Reisende sind kürzlich in das Innere Afrikas gedrungen, wo wir erwarten können, die Natur in ihrer ursprünglichen Trefflichkeit zu sehen, und wie lauten die Berichte, die sie bringen? Nun, es ist die Natur in ihrer ursprünglichen Bosheit, das ist alles. Laßt solche Tyrannen, wie sie die Herren Grant und Speke uns beschreiben, uns zeigen, was der Mensch ist in seinem ursprünglichen Zustande, unbefleckt durch Zivilisation: - er ist einfach ein größerer Teufel - er ist nackend und schämt sich nicht; darin allein ist er unsern ungefallenen Eltern ähnlich. Prüft dann die mildern Rassen. Da ist der milde Hindu. Ihr blickt in sein sanftes Gesicht, und ihr könnt ihn nicht der Grausamkeit fähig halten. Traut diesem milden Hindu, der durch britische Waffen so schnell unterworfen wurde und so freudig seinen Hals dem Joche beugte; aber ihr könnt ebensowohl dem glatten und listigen Tiger in seinem Dickicht trauen; laßt die Geschichte von dem Sepoy-Aufstande im Jahre 1857 uns die Sanftmut des milden Hindu zeigen; lebt unter den milden Hindus, und wenn ihr wagt, das erste Kapitel der Epistel Pauli an die Römer zu lesen, so denkt daran, daß es ein anständiger Bericht ist von dem, was im gewöhnlichen Leben von den Hindus getan wird, und nicht klarer beschrieben werden kann, weil der keusche Mund sich weigern würde es auszusprechen und die Ohren der Sittlichkeit gellen würden, wenn sie es hören sollten. Das Leben der achtbarsten Hindus ist von Lastern befleckt, die zu schändlich sind, um genannt zu werden. „Ja, aber doch,“ sagt einer “,wir müssen die Kinder betrachten, weil die Sünde durch die Erziehung in uns hineinkommen kann - laßt uns auf die Kinder blicken.„ Nun wohl, ich bin willig, auf die Kinder zu blicken, und ich möchte nicht, daß jemand ein hartes oder strenges Wort gegen die Natur der Kinder sagte; aber ich will sagen, daß ein Mann, der behauptet, die Kinder seien vollkommen, wenn sie geboren werden, niemals ein Vater war; denn wenn er nur sein eignes Kind beobachten wollte, nicht nur, wenn es seine Spielsachen um sich herum hat und glücklich und vergnügt ist, sondern auch wenn es erregt wird, so würde er bald das Böse wahrnehmen, das in ihm nistet. Dein Kind ohne Böses! - Du ohne Augen, meinst du!! Wenn du nur sehen und hören willst, so wirst du bald, wenn keinen andern Fehler, doch diesen entdecken “,sie gehen irre vom Mutterleibe an und reden Lügen„ - eins der frühesten Laster der Kinder, welchem beständig mit weiser Strenge entgegengetreten werden muß, ist der Hang zur Unwahrheit. Es ist ganz hübsch von den Leuten, von der Unschuld der Kinder zu reden, aber ich wünschte, sie hätten eine der Warteschulen, wie die in Manchester, zu beaufsichtigen, wo die Kinder gelassen werden, während ihre Mütter in den Fabriken arbeiten, sie würden bald entdecken, daß sie, wenn sie sich einander die Haare ausraufen oder in die Augen kratzen, und andere hübsche Vergnügungen und unschuldige Späße mehr machen, nicht ganz und gar die süßen, unschuldigen Kindlein sind, für die man sie hält. „Gut,“ sagt einer “,in der menschlichen Natur mag doch etwas geistlich Gutes sein. Blickt auf die Männer, welche die Blätter der Geschichte zieren, - blickt auf Sokrates z. B. - die Religion tat nichts für Sokrates, aber was für einen trefflichen Charakter besaß er doch.„ Wer sagt dir das? Ich wage zu behaupten, daß der Charakter des Philosophen in einer anständigen Versammlung nicht beschrieben werden dürfte. Wir wissen von unzweifelhaften Autoritäten, daß die reinsten Philosophen sich zuweilen der Bestialität und dem Schmutze hingaben. Solon und Sokrates waren keine Ausnahmen. Wenn die Ungläubigen diese Weisen als Muster von dem hinstellen, was die menschliche Natur werden kann, so haben sie die Geschichte entschieden gegen sich.

„Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt, es ist nichts Gesundes an ihm.“ Und dies ist, daran denke man, ohne eine Ausnahme in der langen Geschichte der Menschheit, sage, seit sechstausend Jahren; es ist nicht einer da, welcher der Ansteckung entgangen ist, nicht einer, der rein in die Welt gekommen ist, nicht einer, der vor seines Schöpfers Gericht zu treten wagt und zu sprechen: „Großer Gott, ich habe niemals gesündigt, sondern Dein Gebot von Jugend auf gehalten.“

II.

Nun möchte ich, daß ihr zweitens etwas sehr Außergewöhnliches beachtetet - als ich es gestern betrachtete, war ich erstaunt und überwältigt von dankbarer Bewunderung - das ist, die außergewöhnliche Schlußfolgerung Gottes.

Eine gute Schlußfolgerung, aber sehr außergewöhnlich. Er sagt: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen, denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Seltsame Logik! Im sechsten Kapitel sagte Gott, daß die Menschen böse seien, und deshalb vertilgte Er sie. Im achten Kapitel sagt Er, daß der Mensch böse ist von Jugend auf, und deshalb will Er ihn nicht vertilgen. Seltsamer Schluß! Seltsamer Schluß! welcher erklärt werden muß durch den kleinen Umstand am Anfang des Verses: „Der Herr roch den lieblichen Geruch.“ Es war ein Opfer daselbst, das macht den ganzen Unterschied. Wenn Gott auf die Sünde ohne Opfer sieht, so spricht die Gerechtigkeit: „Schlage! Schlage! Verfluche! Vertilge!“ Aber wenn ein Opfer da ist, so blickt Gott auf die Sünde mit Erbarmen, und obgleich die Gerechtigkeit spricht: „Schlage!“ so spricht Er doch: „Nein, ich habe meinen lieben Sohn geschlagen; ich habe Ihn geschlagen und will des Sünders schonen!“ Die Barmherzigkeit sieht zu, ob sie nicht irgend ein Mittel finden kann, irgend etwas, das ihr als Entschuldigung dient, die Menschheit zu schonen. Ist denn das natürliche Verderben eine Entschuldigung für die Sünde? Gebraucht Gott es als solche? Nein, Geliebte, daß unser Herz schlecht ist, ist eher eine Vermehrung der Schlechtigkeit unsrer Handlung, als eine Entschuldigung dafür. Doch ist eins da, wir sind als Sünder geboren, und Gott sieht hier, ich will sagen, eine Art Ausweg. Auf Grund der Gerechtigkeit läßt sich kein Grund finden, warum Er mit uns Erbarmen haben sollte, aber die Gnade macht und erfindet einen solchen. O, daß mir geholfen werde, während ich versuche, zu zeigen, wo, wie ich meine, der Grund für die Barmherzigkeit liegt. Die Teufel fielen einzeln; wir haben alle Ursache zu glauben, daß jeder gefallene Engel aus eignem Antriebe sündigte und fiel, und es ist sehr wahrscheinlich, daß eben darum, so weit wir wissen, keine Möglichkeit zu ihrer Wiederherstellung vorhanden ist; jeder einzelne gefallene Geist wurde auf ewig den Ketten der Finsternis und den Feuerflammen übergeben. Aber die Menschen! Die Menschen fielen nicht einzeln und abgesondert. Wir sind in einer etwas andren Lage als die gefallenen Engel. Wir fielen alle ohne unsre eigne Einwilligung, ohne selbst tatsächlich die Hand darin zu haben. Wir fielen alle zusammen in unserm Stammeshaupt; infolge unsres Falles in Adam ist unser Herz böse von Jugend auf. Nun kommt es mir vor, als wenn Gottes Erbarmen dies erfaßte. Er schien zu sprechen: „Diese meine Geschöpfe sind infolge meiner Anordnung, die sie miteinander verknüpfte, in ihrem Vertreter gefallen, deshalb kann ich sie auch durch einen Vertreter erretten. Sie kamen ins Verderben durch einen Adam; ich will sie durch einen andern retten. Sie fielen nicht durch ihre eigne äußerliche Tat, obwohl allerdings ihre eignen äußerlichen Taten hinzugekommen sind, und meinen Zorn verdient haben; aber ihr erster Fall war nicht durch diese; sie sind sündig von ihrer Kindheit an. Deshalb will ich sie durch einen andern befreien, wie sie durch einen andren fielen.“ Ich weiß nicht, ob ich es euch klar machen kann. Ich denke nicht, daß dies vor den Schranken der Gerechtigkeit irgend ein Grund war, weshalb Gott uns hätte erretten sollen, denn ich glaube, daß Er gerechterweise Adams ganzes Geschlecht hätte verdammen können um der Sünde Adams willen und um ihrer eignen Sünde willen, aber ich glaube, dies war ein Ausweg, auf dem die Gnade, sozusagen, der Billigkeit gemäß zu den Menschenkindern kommen konnte. „Ich,“ sagt Er “,habe sie nicht als abgesonderte Individuen geschaffen, sondern als ein Geschlecht; sie fielen als ein Geschlecht, sie sollen als ein auserwähltes Geschlecht wieder erstehen.„ - „Wie in Adam alle sterben, so sollen in Christo alle lebendig werden.“ „Wie nun durch eines Sünde die Verdammnis über alle Menschen gekommen ist, also ist auch durch eines Gerechtigkeit die Rechtfertigung des Lebens über alle Menschen gekommen.“ Ich denke, ihr werdet nun sehen, worauf alles abzielt. Daß der Mensch sündig ist, ist in der Logik der Gerechtigkeit ein Grund zur Strafe; daß der Mensch sündig ist von Jugend auf, als Erbteil seines Bundeshauptes, wurde durch die Barmherzigkeit ein Grund, weshalb die unumschränkte Gnade sich auf die Menschen herabsenkte, während die gefallenen Engel auf ewig dem Verderben überlassen wurden. O! ich danke meinem Gott, daß ich nicht selbst zuerst fiel. Ich segne jetzt den Tag, an dem ich in Adam fiel, denn es mag sein, wenn ich nicht in Adam gefallen wäre, daß ich doch selbst gefallen wäre, und dann hätte ich gleich den gefallenen Engeln auf ewig von dem Angesicht Gottes in die Flammen der Hölle geworfen werden müssen. Einer der alten Theologen pflegte von Adams Sünde zu sagen: „Beata culpa,“ „Glückliche Schuld!“ Ich wage das nicht zu sagen, aber in einem Sinne will ich sprechen, gesegneter Fall, der es mir möglich macht, wieder aufzustehen! Gesegneter Weg des Verderbens, der es möglich macht, daß der gesegnete Weg des Heils zustandekommt, - Heil durch Stellvertretung, Heil durch Opfer, Heil durch ein neues Bundeshaupt, das für uns geopfert ist, auf daß Gott einen lieblichen Geruch riechen und uns befreien möge! Ich hoffe, niemand wird mißdeuten, was ich gesagt habe, und behaupten, ich lehrte, daß die menschliche Verderbtheit eine Entschuldigung für die Sünde sei - Gott bewahre! Nur in den Augen der Gnade wird sie die Tür der Barmherzigkeit. Du weißt, wenn dein Kind gegen dich gefehlt hat, so züchtigst du es nicht gern, und doch fühlst du, daß es die Züchtigung verdient hat. Wie versuchst du, wenn du ein liebevoller Vater bist, einen Grund zu finden, um es frei ausgehen zu lassen. Es ist kein Grund da, das weißt du. Wenn du mit ihm nach Gerechtigkeit verfährst, so ist keine Ursache vorhanden, weshalb es nicht leiden sollte, wenn es gesündigt hat. Aber du siehst dich doch nach einer Entschuldigung um, vielleicht ist es seiner Mutter Geburtstag, und du läßt es deshalb frei; oder sonst war ein andrer kleiner Umstand da, der die Schuld milderte, die du ihm gern verzeihen willst. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wahr ist, aber es wird von der Königin Viktoria erzählt, als sie eben Königin geworden - noch ein junges Mädchen -, sei sie ersucht worden, ein Todesurteil zu unterzeichnen, das vom Kriegsgericht über einen Soldaten gefällt worden war. Sie sagte zum Herzog: „Können Sie nicht eine Ursache finden, warum dieser Mann begnadigt werden sollte?“ Der Herzog antwortete: Nein, es sei ein sehr großes Vergehen, und er müßte bestraft werden. „Aber war er ein guter Soldat?“ Der Herzog erwiderte, er sei ein sehr schlechter Soldat, sei immer als solcher bekannt gewesen. „Nun, können Sie nicht irgend einen Grund für mich finden?“ „Wohl,“ sagte er “,ich habe jeden Grund zu glauben, daß er als Mensch gut war, obwohl schlecht als Soldat.„ „Das genügt,“ erwiderte sie, und schrieb darüber: „Begnadigt“, nicht weil der Mann es verdiente, sondern weil sie einen Grund zur Barmherzigkeit haben wollte. So scheint mein Gott auf den Menschen zu blicken, und nachdem Er ihn ganz durchschaut, und nichts sehen kann, spricht Er zuletzt: „Er ist böse von Jugend auf,“ und schreibt: „Begnadigt.“ Er riecht erst den lieblichen Geruch, und sein Herz wendet sich dem armen Empörer zu; dann kehrt Er sich mit Erbarmen zu ihm und segnet ihn.

III.

Aber nun drittens werde ich euch, mit eurer Erlaubnis und wenn ihr Geduld habt, ein paar notwendige Schlüsse vorführen, die sich aus der Lehre von dem Verderben des Menschen ergeben. Wenn das Herz so schlecht ist, dann ist es unmöglich für uns, in den Himmel einzugehen, so wie wir sind. Wir können nicht annehmen, daß jene heiligen Tore diejenigen einschließen werden, deren Dichten und Denken böse ist, nur böse, immerdar. Nein, wenn dies der Ort ist, in den nichts Unreines eingehen wird, dann kann niemand, der das ist, was er bei seiner ersten Geburt war, je dort sich finden. Ein andrer Schritt; dann ist es ganz klar, daß, wenn ich je in den Himmel eingehen soll, keine äußerliche Besserung genügt, denn wenn ich mein Gesicht wasche, ändert das nicht mein Herz; und wenn ich all meine äußerlichen Sünden aufgebe und äußerlich das werde, was ich sein sollte, so kann doch, wenn es wahr ist, daß mein Herz so schlecht ist, wie die Schrift sagt, meine äußere Besserung dieses nicht berühren, und ich bin dennoch vom Himmel ausgeschlossen; wenn inwendig in diesem Becher und dieser Schüssel all der Schmutz ist, so mag ich die Außenseite reinigen, aber ich habe nicht das berührt, was mich vom Himmel ausschließt. Ich gehe also ein wenig weiter und bemerke, daß ich eine neue Natur haben muß - nicht neue Handlungen nur, sondern eine neue Natur, - nicht neue Gedanken oder neue Worte, sondern eine neue Natur, so daß ich ein ganz neuer Mensch werde. Und wenn ich diesen Schluß ziehe, so habe ich sogleich die Schrift, die mich stützt, denn was sagt Jesus zu Nikodemus? „Ihr müsset von neuem geboren werden.“

Und was heißt das “,von neuem geboren werden?„ Meiner ersten Geburt danke ich alles, was ich von Natur bin; ich muß eine zweite Geburt haben, der ich alles danken muß, was ich bin, wenn ich in den Himmel eingehe. Sehr viele Menschen haben gefragt: „Was ist Wiedergeburt?“ Sie haben Hunderte von Flugschriften geschrieben, und nicht zwei von ihnen stimmen überein in dem, was die Wiedergeburt ist, ausgenommen, daß sie sagen, ein Mensch könne wiedergeboren sein und nicht bekehrt. Hier ist etwas Außerordentliches! Ein Unbekehrter, der zugleich wiedergeboren ist! einer, der ein Feind Gottes ist, und doch eine neue Natur in sich hat! wiedergeboren ist, und doch nicht zu Gott bekehrt. O, was für eine Wiedergeburt, die nicht bekehrt, eine Wiedergeburt, welche die Menschen gerade da läßt, wo sie vorher waren! Aber jedem Kindlein in Christo ist das Wort wiedergeboren so deutlich wie möglich - es braucht keine Erklärung, keine Beschreibung. „Wiedergeboren werden,“ sagt ein solches “,ich begreife, daß das aufs neue gemacht werden heißt, eine neue Kreatur in Christo Jesu. Meine erste Geburt machte mich zu einem Geschöpf, meine zweite Geburt macht mich zu einem neuen Geschöpf, und ich werde, was ich nie zuvor war.„ Ich muß daran gedenken, das, was mir nötig ist, ist nicht, das Gute in mir heraus zu bringen und zu entwickeln, denn nach dem Worte Gottes im 6. Kapitel des 1. Buches Mose ist nichts Gutes in mir, nur Böses. Die Gnade kommt nicht, um die Keime der Heiligkeit in mir auszubilden, denn es ist überhaupt kein guter Keim im Menschen, er ist „böse immerdar“ und alles Dichten und Trachten ist „nur böse.“ Ich muß also der Sünde sterben, meine alte Natur muß getötet werden; sie läßt sich nicht bessern; sie ist zu schlecht, zu verfault, um ausgebessert zu werden, sie muß sterben; durch Jesu Tod muß sie vernichtet werden; sie muß mit Christo begraben werden, und ich muß auferstehen zu einem neuen Leben, gleich meinem Herrn Jesu. Nun denn, um noch einen Schritt weiter zu gehen, es ist klar, wenn ich dies tun muß, ehe ich in den Himmel eingehen kann, so kann ich mir nicht selbst eine neue Natur geben. Ein Holzapfelbaum kann sich nicht selbst in einen Apfelbaum verwandeln; wenn ich ein Wolf bin, so kann ich mich nicht selbst zu einem Schaf machen; das Wasser kann sich zu seiner eignen Höhe erheben, aber es kann ohne Druck nicht darüber hinaus gehen. Es muß also etwas mehr in mir gewirkt werden, als ich in mir selber wirken kann, und das ist in der Tat gute, schriftgemäße Lehre. „Was vom Fleisch geboren wird“ - was ist es? Wenn das Fleisch sein Bestes getan, was ist es? - „Was vom Fleisch geboren wird, das ist Fleisch“ - und es ist unrein vom Anfang, und nur Unreines entsteht daraus - nur „Was vom Geist geboren wird, das ist Geist. - Laß dich's nicht wundern, daß ich dir gesagt habe: Ihr müsset von neuem geboren werden.“

Meine Seele muß unter die Hand des Geistes gestellt werden; gerade wie ein Stück Ton auf des Töpfers Rad gedreht wird, und von den Fingern des Töpfers berührt und geformt, wie er es wünscht, so muß ich still in der Hand des Geistes Gottes liegen, und Er muß in mir wirken das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen, und dann werde ich beginnen, mit Furcht und Zittern zu schaffen, daß ich selig werde, aber niemals, niemals eher. Ich muß mehr haben, als die Natur mir geben kann, mehr als meine Mutter mir gab, mehr als mein Vater gab, mehr als Fleisch und Blut unter den günstigsten Umständen hervorbringen können. Ich muß den Geist Gottes vom Himmel haben. Dann kommt diese Frage: „Habe ich ihn empfangen? Worin besteht der Beweis dafür?“ Der beste Beweis dafür ist dieser: Baue ich meine Seligkeit allein auf Jesum Christum? Ihr findet gewöhnlich auf den Gefäßen des Töpfers ein gewisses Zeichen, woran ihr sehen könnt, wer sie gemacht hat; ich möchte wissen, ob ich ein Gefäß bin, tauglich zum Gebrauch für den Herrn, von seiner Hand geformt und gestaltet von seinem Geist. Nun, auf jedem Gefäß, das aus Gottes Hand kommt, ist ein Kreuz. Hast du das Kreuz an dir? Baust du auf das blutige Sühnopfer, das Christus auf Golgatha darbrachte? Ist Er für deine Seele der einzige Zufluchtsort, die eine, die einzige Hoffnung? Dann, mein Bruder, hast du ein neues Herz und einen neuen Geist, du bist eine neue Kreatur in Christo Jesu, denn einfacher Glaube an Christum ist das, wohin der alte Adam nie gelangen konnte; ein einfacher Glaube an Jesum ist das große, sichere Zeichen eines Werkes des Heiligen Geistes in deiner Seele, wodurch du teil hast an dem Erbteil der Heiligen im Licht. „Wer da glaubt, daß Jesus sei der Christ, der ist von Gott geboren.“ Glaubst du, daß Jesus der Christ ist? Nimmst du Ihn als den Gesalbten Gottes an? Traust du darauf, daß Er für dich betet, für dich wirkt, das Gesetz für dich erfüllt, die Sühne für dich darbringt? Wenn das der Fall ist, wenn Jesus dir der Christ ist, so bist du von Gott geboren. Der Geist, welcher jetzt in dir ist, wird die alte Natur austreiben, sie ganz töten, mit Stumpf und Stiel ausrotten, und du sollst eines Tages das Bild des Himmlischen tragen, wie du das Bild des Irdischen getragen hast. Möge Gott diese meine Worte zum Besten deiner Seele segnen.

O allgemeine Not!
O allgemeiner Tod;
Nach Adams Sündenfalle
Sind seine Kinder alle
In Adams Schuld geboren,
Und von Natur verloren.

Hier ist kein Unterschied;
Gott, der vom Himmel siehtv Auf aller Menschen Wandeln,
Sieht, daß wir töricht handeln.
Die Sinne sind verblendet,
Der Wille abgewendet.

So bin ich Menschenkind,
Wie alle Menschen sind,
Zu allem Guten träge,
Und suche böse Wege.
Die Wurzel aller Sünden
Ist in mir selbst zu finden.

Ich leugne solches nicht.
Allein mein Gott verspricht:
Wie sein Gesetz uns alle
Verdammet nach dem Falle,
So will Er sich der Armen,
Die Sünder sind, erbarmen.

Ein Sünder bin ich zwar,
So groß, wie einer war;
Dach Jesus mußt' auf Erden
Ein Heil für alle werden,
Und uns, die Armen, Schwachen,
Erlösen, selig machen.

So allgemein die Schuld,
So groß ist auch die Huld.
Muß ich mit Adams Erben
Auch nach des Todes sterben,
Der allen Heil erwarben,
Ist auch für mich gestorben.

Nun, so bekenn' ich Dir,
Mein Gott, vergib Du mir!
Du bleibest der Gerechte,
Und wir sind böse Knechte.
Wer mag vor Dir bestehen,
Wenn Du willst richten gehen?

Herr, habe nur Geduld;
Wir haben schwere Schuld,
Kraft der wir müssen sterben;
Doch willst Du Deinen Erben,
Die glauben, Heil und Leben
Durch Christum wiedergeben.

So wahr ich sündhaft bin,
So feste glaubt mein Sinn:
Der andre Mensch in Gnaden
Macht von des ersten Schaden
Mich ewig los und ledig.
Gott, sei mir Sünder gnädig!

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