Spurgeon, Charles Haddon - Liebeszucht.

„Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich.“ Offenb. 3, 19.

Die Führungen Gottes mit den Menschenkindern haben die Weisen dieser Welt, welche sich unterfangen wollten, dieselben zu begreifen, stets unbefriedigt gelassen. Ohne die göttliche Offenbarung bleibt das Verfahren Jehova's gegen seine Geschöpfe auf dieser Erde immer sehr dunkel und unerklärlich. Wer mag es begreifen, daß die Gottlosen gedeihen und strotzen in ihrer Macht? Der Gottlose blühet, wie ein Baum am Wasser; siehe, er breitet seine Wurzeln aus bis an den klaren Bach; Fehljahre kennet er nicht; seine Blätter verwelken nicht (vgl. Ps. 1) und seine Früchte fallen nicht ab zur Unzeit. Siehe, also sind die Gottlosen, denen es wohl ergehet auf Erden; sie werden gesättigt mit Reichthümern; sie häufen Geld auf wie Staub; sie hinterlassen das Uebrige ihres Vermögens ihren Kindern; sie erwerben Feld an Feld und ziehen einen Acker zum andern (Jes. S, 8.), und werden Fürsten auf Erden. Hinwiederum, siehe, wie die Frommen darniederliegen. Wie oft geht die Tugend einher, gekleidet in die dürftige Hülle der Armuth! Wie oft muß der Frömmste Hunger leiden und Durst und Blöße! Wir haben Christen bei Betrachtung dieser Dinge oft sagen hören: „Wahrlich, ich habe Gott umsonst gedient; es ist vergeblich, daß ich mich täglich gedemüthigt habe und habe meine Seele mit Fasten gequält; denn siehe, Gott hat mich niedergebeugt und hat den Sünder erhoben. Wie kommt das?“ Die heidnischen Weisen vermochten hierauf keine Antwort zu geben, und darum griffen sie zu dem Auskunftsmittel, den gordischen Knoten durchzuhauen. „Wir wissen nicht, wie das kommt,“ mochten sie sagen; darum zweifelten sie an der Sache selbst und leugneten sie. „Der Mensch, dem es wohl gehet, ist von den Göttern geliebt; der aber, dem nichts geräth, ist dem Höchsten verhaßt.“ Also sprachen die Heiden, und wußten es nicht besser. Jene besser erleuchteten Freunde Hiobs, die ihn in den Tagen seiner Trübsal trösteten, gingen kaum weiter; denn sie glaubten, daß Alle, die Gott dienten, einer besondern Bewahrung genößen; Gott pflege ihren Wohlstand zu mehren und ihr Glück zu fördern; während sie in Hiobs Leiden nach ihren Begriffen einen gewissen Beweis seiner Heuchelei erblickten, um deretwillen Gott seinen Leuchter hinweggestoßen und sein Licht in Finsterniß verkehrt hätte. Und ach! sogar Christen sind diesem Irrthum verfallen. Sie sind im Stande, zu glauben, daß, wenn Gott einen Menschen erhebt, etwas Vorzügliches an ihm sein müsse; wenn er aber züchtiget und heimsucht, so veranlaßt sie dies zu der Meinung, das sei seines Zornes Offenbarung. Nun höret auf unser Textwort, und das Räthsel ist noch ungelöst; achtet auf die Worte, die Christus zu seinem Knechte Johannes spricht, und das Geheimniß ist noch nicht enthüllt: „Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich; so sei nun fleißig und thue Buße.“ (V. 19.)

Denn diese Welt ist nicht der Ort der Strafe. Hin und wieder mögen außerordentliche Gerichte stattfinden; aber in der Regel straft Gott einen Menschen nicht völlig in dieser Zeit für seine Sünden. Er gestattet den Gottlosen, in ihrer Gottlosigkeit dahinzuwandeln; er läßt ihnen die Zügel schießen; er läßt sie ungehindert in ihren Leidenschaften und Begierden sich wälzen; Gewissensbisse mögen wohl damit verbunden sein, aber sie sind eher eine bloße Mahnung, denn eine Strafe. Und auf der andern Seite wirft er die Christen darnieder; über die Frömmsten verhängt er die schwersten Heimsuchungen; vielleicht läßt er mehr Trübsalswellen über das Leben der geheiligtsten Christen dahinströmen, als über das Herz irgend eines andern Sterblichen. Darum müssen wir bedenken, daß diese Welt nicht der Ort der Strafe ist; Strafe und Lohn haben wir erst in der zukünftigen zu erwarten; und wir müssen gläubig bekennen, daß der einzige Grund, warum Gott die Seinen betrübt, der ist:

„Ich zücht'ge dich voll Lieb-, dein Gold zu läutern.
Dich endlich zu verklären in mein Bild.“

Ich will nun heute zuerst zu zeigen suchen, was Gott an seinen Kindern rügt; zweitens, warum er sie züchtigt, und drittens, was unser Trost sei, wenn wir unter den Strafen und Züchtigungen unseres Gottes seufzen. Das muß unser Trost sein, daß er uns auch dann noch lieb hat. „Welche ich lieb habe, die strafe und züchtige ich.“

l. Was rügt Gott an den Christen?

Der neunte Artikel der englischen Kirche sagt, daß „der Mensch von seiner ursprünglichen Gerechtigkeit tief gefallen und von Natur geneigt ist zum Bösen, so daß das Fleisch allezeit gelüstet wider den Geist (Gal. 5, 17.); weßhalb das Fleisch in jedem Menschen, der in diese Welt geboren wird, Gottes Zorn und Verdammniß auf sich ladet. Und diese Verderbniß der Menschennatur bleibet auch in denen, die da wiedergeboren sind; darum die sündliche Begierde - auf griechisch genannt phronema sarkos, welches von Etlichen verdeutscht wird List, von Etlichen Lustreiz, von Etlichen Neigung, von Etlichen Begierde des Fleisches - dem Gesetz Gottes nicht unterthan ist. Und obgleich nun nichts Verdammliches ist an denen (Röm. 8, 1,), die da glauben und getauft sind. (Mark. 16, 16,), so bekennet doch der Apostel, daß des Herzens Lust und Begehr von Natur sündlich ist (vgl. Rom. 1,24.).“ Und weil auch in den Wiedergeborenen das Böse noch vorhanden bleibt, so ist's nöthig, daß dieses Böse im Zaum gehalten werde. Ja, und wenn dies Zügeln der Begierden nicht genügt, so muß Gott noch zu strengern Maßregeln greifen; und wenn seine Rüge nichts hilft, so greift er zur Züchtigung. „Ich strafe und züchtige.“ Darum hat Gott Mittel der Züchtigung zuvorversehen, und Mittel, die Seinen zu strafen. Manchmal straft Gott die Seinen durch seine Diener. Die Prediger des Evangeliums sind nicht immer Verkündiger des Trostes. Derselbe Geist, welcher der Tröster ist, hält der Welt auch die Sünde vor und die Gerechtigkeit und das Gericht; und derselbe Diener des Worts, der ein Bote Gottes ist an unsere Seelen, indem er liebliche Worte voller Süßigkeit darbringt, ist manchmal eine Ruthe Gottes, der Stab in der Hand des Allmächtigen, womit er uns über unsern Uebertretungen zerschmeißt. Und ach, meine Geliebten, wie oft waren uns Schläge zugedacht, die uns nicht trafen? Des Predigers Worte waren vielleicht sehr eindringlich und wurden mit Ernst und Eifer gesprochen und paßten auf uns; aber siehe, wir verschlossen ihnen unser Ohr und bezogen sie auf unserer Mitbrüder einen, statt auf uns. Ich habe mich oft verwundern müssen ob meinen Predigten. Ich hatte gemeint, eines meiner hervorragendsten Gemeindeglieder auf's Korn gefaßt zu haben. Ich hatte mancherlei Sünden bei ihm bemerkt, und als Christi treuer Seelenhirte habe ich mich nicht gescheut, seinen Zustand auf der Kanzel zu schildern, damit er eine wohlverdiente Zurechtweisung empfinge; aber wenn ich nachher mit Solchen zu sprechen kam mußte ich mich verwundern, wie sie mir für meine Predigt dankten in der Meinung, ich hätte einen andern Bruder der Gemeinde im Auge gehabt, während ich's doch ganz nur auf sie selber abgesehen, und nach meiner Meinung sie so genau geschildert und alle Einzelheiten so gründlich erörtert hatte, daß es nothwendig bei ihnen hätte verfangen sollen. Aber ach, meine theuren Freunde, ihr wißt, wie oft wir unter dem Schall des Wortes Gottes sitzen, und so selten denken wir daran, wie sehr es uns angeht, besonders wenn wir ein Amt in der Gemeinde verwalten. O, meine Freunde, wenn wir mehr auf die Strafworte Gottes hörten, wenn wir mehr auf sein Wort achteten, das uns jeden Sonntag vorgehalten wird, so könnte uns manche Züchtigung erspart werden, denn wir werden erst dann gerügt, wenn wir die Zurechtweisung verachten; und verwerfen wir auch die Rüge, so kommt dann die Züchtigung über uns.

Wiederum straft Gott manchmal seine Kinder im Gewissen, ohne irgend welche sichtbare Mittel. Ihr, die ihr zum Volke Gottes gehört, werdet bekennen müssen, daß es Zeiten gibt, wo auch ohne irgend eine äußere Veranlassung euch eure Sünden schwer auf's Herz fallen; eure Seele ist niedergebeugt und euer Geist schwer geängstet. Gott der h. Geist selbst untersucht eure Sünden; er durchsucht Jerusalem mit Leuchten (Zephanja 1, 12.); er straft euch um deßwillen so, weil ihr euch dem Wehen des Geistes entzogen habt. Schauet um euch her, nichts ist da, was euren Geist gedämpft hätte. Die Euren sind nicht krank; euer Geschäft blüht; euer Leib ist wohl auf; warum nun diese Niedergeschlagenheit des Geistes? Ihr seid euch gerade jetzt vielleicht keiner groben Versündigung bewußt; dennoch dauert diese düstre Schwermuth fort, und endlich entdeckt ihr, daß ihr in einer Sünde lebtet, die ihr nicht gekannt hattet, - in irgend einer verborgenen und unerkannten Sünde, und darum hatte euch Gott das freudige Bewußtsein seiner Erlösung entzogen, bis daß ihr euer Herz erforschtet und entdecktet, worin das Uebel verborgen lag. Wir haben große Ursache zum Dank gegen Gott, daß er manchmal auf solche Weise uns straft, ehe er uns züchtiget.

Zu andern Zeiten ist die Strafe keine unmittelbare. Wie oft habe ich Vorwürfe gemacht, die nie in meiner Absicht lagen! Aber Gott leitete die Umstände zum Besten. Seid ihr noch nie von einem Kinde beschämt worden? Der unschuldige kleine Schwätzer äußerte ganz unbewußt und unbefangen etwas, was euch durch's Herz schnitt und euch eure Sünde offenbarte. Vielleicht ginget ihr über die Straße, und ihr hörtet einen Menschen fluchen; und da fuhr euch der Gedanke durch den Sinn: „Wie wenig thätig bin ich für das Seelenheil derer, die Gott ferne stehen!“ Und so ward der bloße Anblick der Sünde euch zur Anklage der Nachläßigkeit, und das bloße Hören des Bösen gebrauchte Gott als ein Mittel, um euch ein anderes Uebel aufzudecken. Ach! daß wir unsre Augen offen hielten, so wäre kein Rind auf der Waide und kein Vogel auf dem Baum, der nicht manchmal die Stimme der Zurechtweisung in uns wach riefe. Es ist kein Stern am nächtlichen Himmel, noch ein Lichtstrahl am Tage, der nicht auch hineinleuchten könnte auf das verborgene Uebel in unserem Herzen, und unsre inwendigen Menschen zurechtzuweisen vermochte, wenn wir nur aufmerksam wären auf die sanfte Stimme der Erinnerung Jehova's. Ihr wißt, wie unser Heiland uns lehrte, vom Kleinen zu lernen. Er sprach: „Schauet die Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen“ (Matth. 6, 28.); „sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht“ (Matth. 6, 26.). So ließ er die Lilien und Raben zu seinen Jüngern reden, um ihre Unzufriedenheit zu strafen. Die Erde ist voller Mahnzeichen: wir bedürfen nur Ohren, zu hören. Wenn aber all' diese Erinnerungszeichen nichts nützen, so greift Gott zum Verweis. Er schilt nicht immer; wenn aber seine Erinnerungen nichts nützen, dann ergreift er die Ruthe und braucht sie. Ich brauche euch nicht zu sagen, wie Gott die Zuchtruthe braucht. Meine lieben Brüder, ihr habt sie schon Alle fühlen müssen. Manchmal hat er euch selbst gezüchtigt, manchmal an den Euren, oft an eurem Eigenthum, oft an euren Aussichten. Er hat euch geschlagen in eurem nächsten und theuersten Freunde; oder, schlimmer noch, er hat euch vielleicht einen „Pfahl in's Fleisch“ gegeben, „Satans Engel, der euch mit Fäusten schlägt.“ Aber ihr Alle begreift, wenn ihr vom Leben eines Christen etwas verstehet, was die Zuchtruthe, der Hirtenstab und der Gnadenbund sei, und was es heißt, von Gott auf den rechten Pfad gewiesen werden durch sein strafendes Wort. Und nun möchte ich euch in wenigen Worten noch nachweisen, was Gott an uns rügt.

Sehr oft sucht Gott eine übertriebene Liebe heim. Es ist recht, wenn wir unsre Angehörigen lieb haben - es ist unrecht, wenn wir sie mehr lieben als Gott. Vielleicht seid ihr heute dieser Sünde schuldig. Jedenfalls, Geliebte, dürfen gar Viele von uns sich darüber prüfen. Haben wir nicht etwa einen Liebling - vielleicht ein liebes Weib, vielleicht unser verjüngtes Ebenbild - der uns theurer ist als unser Leben? Habe ich nie von einem Menschen gehört, dessen Leben ganz in dem Leben seines Kindes aufgeht? - von einer Mutter, deren ganze Seele an der Seele ihres Säuglings hängt? - von einem Weibe, von einem Manne, dem der Verlust seines Lebensgefährten das eigne Leben kosten würde? Ach, es sind Viele unter uns, die einer ungehörigen Liebe gegen ihre Angehörigen sich schuldig machen. Merket wohl, dafür wird uns Gott finden. Er sucht uns heim; zuweilen durch ein Strafwort seines Dieners; wenn das nicht hilft, so läßt er Seuche und Krankheit kommen über eben die, an denen unser Herz zu sehr hängt, und wenn uns das nicht zurechtbringt und wir nicht fleißig sind zur Buße, so züchtiget er uns: Die Krankheit wird gar zum Tode sein. Die Seuche bricht mit schrecklicher Macht hervor, und der Gegenstand unsrer abgöttischen Liebe wird dahingerafft und eine Speise der Würmer. Noch nie hat Gott einen Götzen neben sich geduldet, sondern hat ihn vertilgt von seinem Ort. „Ich, der Herr, dein Gott, bin ein eifriger Gott“ (2 Mos. 20, 5.); und wenn wir Jemand, der noch so gut und vorzüglich sei und noch so sehr unsre ganze Liebe verdiente, auf Gottes Thron setzen, so ruft Gott sein: „Weg mit ihm!“ und wir müssen viele Thränen vergießen; hätten wir aber nicht so gehandelt, so hätte uns Gott unser Kleinod bewahrt, und wir hätten uns seiner um so mehr gefreut, ohne seinen Verlust beklagen zu müssen.

Aber es gibt andere Menschen, die sind von niedrigerer Gesinnung. Man kann am Ende es noch übersehen, wenn Einer aus Weib, Kind oder Freund zu viel Wesens macht, ob's schon vor Gottes Augen ein schweres Unrecht ist; aber ach! es gibt solche, die zu stumpfsinnig sind, um Fleisch und Blut zu lieben; sie hängen ihr Herz an Koth, an bloßen Erdenkoth, an gelbes Gold. Darauf geht ihr ganzes Dichten und Trachten. Ihre Börse, von der sie reden und träumen, ist geschwellt von Gold; kommen wir aber um irgend eine kleine Gabe zu wohlthätigen und christlichen Zwecken an sie, so thun sie, als ob's gar nicht so wäre. „O,“ sagte einst ein Mensch zu mir, „wenn ich bei Ihnen einen Beitrag unterzeichnen soll, so brauchen Sie nur mein Herz dafür zu gewinnen, so werden sie auch meinen Geldbeutel haben.“ „O ja,“ erwiederte ich, „daran zweifle ich gar nicht, denn ich glaube, wo Ihr Beutel ist, da ist auch Ihr Herz.“ Und wie Viele nennen sich Christen, die den Reichthum zu ihrem Gott machen; ihre Güter, ihre Häuser, ihr Aufwand, ihre Warenlager, ihre dickleibigen Hauptbücher, ihre vielen Schreiber, ihr ausgedehntes Geschäft; oder, wenn das nicht, ihr Einkommen, ihre Gülten und Gelder an Zinsen, mit denen sie sich zur Ruhe zu setzen gedenken. Das sind ihre Götzen und Abgötter; und solche kommen in unsere Versammlung, und die Welt findet kein Unrecht an ihnen. Es sind kluge Leute. Ihr kennet manchen solchen; es sind gar ehrbare Leute, stehen in hohen Ehren und Aemtern und haben großen Verstand; aber Eins fehlt ihnen, daß die Liebe zum Geld, die eine Wurzel alles Uebels ist, an ihrem Herzen nagt - und sie können's nicht ab sein. Jedermann ist solches offenbar, ob sie es schon selber nicht sehen. „Geiz, welcher ist Abgötterei“ (Col. 3, 5.), herrscht mannigfaltig in der Kirche des lebendigen Gottes. Sehet und merket, darüber will euch Gott strafen. Welcher den Mammon liebt unter dem Volke Gottes, soll zuerst darob zurechtgewiesen werden, wie er jetzt durch mich ermahnt wird; und wird diese Ermahnung nicht angenommen, dann soll er gezüchtiget werden. Vielleicht vergehet euer Geld, wie die Schneeflocken vergehen im Sonnenstrahl; oder wenn es euch bleibt, so wird's heißen: „Euer Gold und Silber ist verrostet; euer Reichthum ist verfaulet, eure Kleider sind mottenfräßig geworden“ (Jak. 5, 3. 2.). Oder, aber der Herr wird ihre Seelen dürftig und elend machen, und machen, daß sie mit Schande in die Grube hinunterfahren und mit geringem Trost im Herzen, weil sie ihr Gold mehr geliebt haben, denn ihren Gott, und den irdischen Reichthum höher geachtet, denn den himmlischen. Vor dem bewahre uns der Herr, sonst wird er uns züchtigen.

Aber dies ist nicht der einzige Sinn: wir sind Alle einer andern Sünde unterworfen, welche Gott über Alles haßt. Es ist die Sünde des Stolzes. Wenn es uns der Herr ein wenig gut gehen läßt, so blähen wir uns auf, daß mir kaum wissen, wie wir uns geberden wollen, wie vor Zeiten Jeschurun, von welchem es heißt: „Da aber Jeschurun satt ward, schlug er aus“ (5 Mose 32, 15.). Wir brauchen nur uns ein wenig der völligen Glaubenszuversicht zu erfreuen, so ist sogleich das Selbstvertrauen mit der Einflüsterung bereit: „Dieser erquickende Gnadenstand wird dich all' dein Lebtag nicht verlassen;“ und nicht nur diese Einflüsterung, sondern noch eine ärgere Verführung berückt dich: „Du hast nun nicht mehr die Leitung des h. Geistes nöthig. Siehe, was für ein tüchtiger Mensch du nun geworden bist. Du bist einer der Angesehensten in des Herrn Augen; du bist wie Simson; du darfst die Pforten der Hölle stürmen und wirst nicht erzittern. Du brauchst nicht mehr zu seufzen und zu schreien: Herr, sei mir gnädig und barmherzig!“ Oder die Sache nimmt eine etwas andere Wendung. Er verleiht uns zeitliches Glück, und dann sagen wir im Vorwitz: „Mein Berg stehet fest; ich werde nimmermehr wanken“ (Ps. 30, 7. 8.). Wir kommen mit armen Heiligen zusammen und fangen an, uns über sie zu erheben, als ob wir etwas wären, sie aber nichts. Wir finden schwer Heimgesuchte; wir haben kein Mitleid mit ihnen; wir sind stumm und stumpf gegen sie, wenn wir mit ihnen über ihre Trübsale zu sprechen kommen; ja wir können sogar unartig und grausam gegen sie sein. Wir begegnen etwa Schwermüthigen und Tiefbetrübten; wir haben unsre eigene vergangene Trübsal vergessen, und weil sie nicht so fest und zuversichtlich wandeln wie wir, so eilen wir unsre Wege voraus und schauen dann zurück, und sehen uns nach ihnen um, und nennen sie Schleicher und sagen, sie seien träg und läßig. O, sehet zu, noch nie hat je ein Heiliger sich über seine schönen Federn stolz aufzublähen begonnen, dem sie der Herr nicht nach und nach alle ausgerupft hätte. Nie hat je ein Engel in seinem Herzen Stolz genährt, der seine Flügel nicht verloren hätte und hinabgestürzt wäre zur Gehenna, wie Satan und seine gefallenen Engel; und nie wird es einen Heiligen geben, der Selbstzufriedenheit in sich aufkommen läßt, welchem der Herr nicht seine Herrlichkeit rauben und seine Ehre in den Koth treten wird, bis daß er ihn wieder zu dem Hülferuf treibt: „Herr, sei mir gnädig, der ich weniger bin als der Geringste unter allen Heiligen und Sündigen, als der Vornehmste unter den Sündern.“

Eine andere Sünde, die der Herr straft, ist Trägheit. Nun, das brauche ich euch nicht vor die Augen zu malen. Wie Viele unter euch sind nicht die unvergleichlichsten Beispiele der Trägheit, die man nur finden kann? Ich meine nicht in Beziehung auf eure Geschäfte; denn ihr seid „nicht träge, wo es Fleiß gilt“ (Röm. 12,11); sondern in Sachen göttlicher Dinge und der ewigen Wahrheit; ja, ich wage die Behauptung, daß neun Zehntel nicht nur der Namenchristen, sondern der gläubigen Bekenner so voller Trägheit sind, als sie nur sein können. Nehmet nur alle religiösen Gemeinschaften ringsum, alle Gemeinschaften auf dem ganzen Erdboden, wie verkehrt sie auch seien, so werdet ihr in denselben weniger Trägheit treffen, als in der Kirche der lebendigen Glieder Christi. Es gibt ohne Zweifel viele Gesellschaften und Anstalten in der Welt, welche strengen Tadel verdienen, weil sie kein Auge haben für das, was ihrem Zwecke frommt; aber es kommt mir vor, die Gemein Gottes lasse sich darin am allermeisten zu Schulden kommen. Sie spricht, sie predige den Armen das Evangelium; thut sie das? Ja, hie und da; dann und wann nimmt sie einen kraftlosen Anlauf; aber wie Viele gibt es, welche Zungen haben, zu reden, und Gaben, Gottes Wort zu verkündigen - und sie lassen sich die stumme Ruhe wohl sein! Die Gemeine Gottes bekennt, sie erziehe die Unwissenden, und in gewissem Maße thut sie das; Viele von euch hätten heute Anderes zu thun, als hier zuzuhören: ihr solltet in der Sonntagsschule lehren, oder Kinder unterrichten und Andere unterweisen zur Seligkeit. Ihr habt gerade jetzt keinen Prediger nöthig; die Wahrheit habt ihr gelernt, und solltet sie nun auch Andere lehren. Die Gemeine Christi bekennt, daß sie immer noch ein Leuchter sei, welcher das Licht des Evangeliums hinausstrahlen soll in die Welt. Sie macht ein wenig Geschäfte in Mission; aber ach! wie wenig! wie wenig! wie wenig im Vergleich mit dem, was ihr Herr und Meister für sie selber that; wie wenig gegen das, was der Herr Jesus von ihr fordert! Wir sind ein läßiges Geschlecht. Schaut rings umher, wir sind so unnütze Knechte, als wir nur sein können; und wir haben's nöthig, daß eine Zeit der Verfolgung über uns komme, die uns wieder etwas aufrüttelt, die uns ansporne zu Ernst und Eifer. Gott Lob, es ist schon jetzt nicht mehr so schlimm wie nur noch vor einem Jahre. Hoffen wir, daß die Kirche in ihrem Eifer wachse; denn sonst wird sie als Ganzes und jedes von uns als einzelnes Glied zurechtgewiesen; und so wir das nicht verstehen wollen, siehe, so ist die Züchtigung vor der Thür.

Ich kann nicht auch noch auf alle die andern Gründe eingehen, um welcher willen Gott uns strafen und züchtigen könnte. Genug, daß jede Sünde ihr besonderes Reis in Gottes Zuchtruthe findet, das sie zu treffen im Stande ist. Genug, daß in Gottes Hand Strafen für jede besondere Uebertretung dräuen; und es ist merkwürdig, zu sehen, wie in der biblischen Geschichte fast jeder Heilige für seine Sünde gezüchtigt ward dadurch, daß die Sünde auf sein eigenes Haupt zurückfiel. Erst war die Uebertretung eine Lust, nachher ist sie zum Wust geworden. „Ein loses Herz wird seiner Wege genießen“ (Spr. 14, 14.); und das ist die strengste Strafe, die es gibt.

II. Gott straft und züchtiget.

Warum straft und züchtiget Gott? „Ja,“ spricht Einer, „Gott straft seine Kinder, weil es seine Kinder sind; und er züchtiget sie auch, weil sie seine Kinder sind.“ Gut, ich will jedoch nicht geradezu sagen, daß dies falsch sei; aber daß es nicht wahr sei, behaupte ich fest. Wenn Jemand zu einem Vater, der sein Kind eben gezüchtigt hat, sagen würde: „Warum hast du dein Kind gezüchtigt?“ so würde er nicht antworten, weil ich sein Vater bin. In einem gewissen Sinne ist das richtig; doch würde er antworten: „Ich züchtigte das Kind, weil es Unrecht that, weil ich es damit bessern will, auf daß es nicht wieder sich verfehle.“ Wenn also Gott seine Kinder züchtiget, so thut er's nicht gerade deßhalb, weil er der Vater ist; sondern er thut es in weiser Absicht. Er hat noch einen andern Grund als nur seine väterliche Gewalt. Zugleich aber ist der Grund, warum Gott gerade seine Kinder züchtiget, und nicht etwa die Andern, weil er ihr Vater ist. Wenn ihr heute auf eurem Heimwegs ein Dutzend Knaben anträfet, die Steine werfen und Fensterscheiben zertrümmern, so würdet ihr sie Alle schelten; und wenn einer von ihnen einen sanften Schlag um die Ohren erhielte, so wär's eben euer eigen Kind, und ihr würdet zu ihm sagen: „Was machst du da, Hänschen? was thust du hier?“ Ihr würdet euch wahrscheinlich nicht berechtigt fühlen, euch ebenso um die Uebrigen zu kümmern - ihre eigenen Väter mögen nach ihnen sehen; weil ihr aber sein Vater seid, so möchtet ihr ihm gern einen Denkzettel geben. Ganz besondere Züchtigungen treffen die Kinder Gottes, weil sie eben seine Kinder sind; aber nicht um der Kindschaft willen straft er sie dann, sondern weil sie etwas Unrechtes gethan haben. Wenn ihr nun die Zuchtruthe empfindet, so haltet euch diese Wahrheit vor Augen. Hast du wenig göttlichen Trost? Drückt dich irgend etwas Geheimes? Wirst du in deinem Beruf gezüchtigt? dann bedenke, worin du dich versündiget hast. Bist du geistig niedergeschlagen? dann prüfe, welche Uebertretungen dir solches zugezogen haben. Bedenke, daß es übel lautet, wenn du sprichst: „Er züchtiget Mich, weil ich sein Kind bin“ das Rechte ist, daß du sprichst: „Ich bin sein Kind; und wenn er mich nun züchtiget, so hat er seinen guten Grund dazu.“ Nun, was für einen Grund? Ich will dir darauf helfen.

Manchmal züchtiget und betrübt uns Gott, um uns vor Sünde zu bewahren. Er siehet den Keim der bösen Lust in unsern Herzen; er sieht, daß dieser kleine Stachel anfängt, die Sünde zu wecken, darum kommt er und vernichtet ihn auf einmal - erstickt die Sünde im Keim. Ach, wir können gar nicht sagen, von wie großer und vieler Schuld Christen durch Heimsuchung schon erlöst worden sind. Wir rennen dem Verderben zu; da kommt plötzlich eine dunkle Erscheinung der Trübsal und legt sich quer über den Weg, und wir fliehen erschreckt in großer Angst zurück. Wir fragen: Warum diese Trübsal? Ach! wenn wir die Gefahr kenneten, welcher wir entgegeneilten, so würden wir nur sagen: „Herr, Herr, ich danke dir, daß du mich durch diese schwere Heimsuchung von einer Sünde errettet hast, die viel ärger und unendlich gefährlicher für mich gewesen wäre.“

Zu andern Zeiten züchtiget uns Gott für Sünden, welche wir schon begangen haben. Wir haben sie vielleicht vergessen; aber Gott nicht. Ja manchmal verstreichen Jahre zwischen einer Sünde und ihrer Züchtigung. Die Sünden unsrer Jugend können im grauen Alter an uns gezüchtigt werden; Uebertretungen, die ihr euch vor zwanzig Jahren ließet zu Schulden kommen, können euch Alten heute noch die Gebeine zerschlagen. Gott züchtiget wohl seine Kinder, aber zuweilen legt er die Ruthe lange bei Seite. Vielleicht wäre der Zeitpunkt nicht geeignet; sie sind nicht stark genug, um's zu ertragen: dann legt er die Zuchtruthe hin und spricht: So gewiß er mein Kind ist, soll er mir dafür herhalten, ob ich's jetzt schon verschiebe, auf daß ich ihn zuletzt von seiner Sünde frei und ihn mir ähnlich mache. Aber sehet, ihr Kinder Gottes, in all' diesen Züchtigungen liegt keine Strafe. Wenn euch Gott züchtiget, so straft er euch nicht wie ein Richter, sondern er züchtiget als ein Vater. Wenn er die Ruthe gibt, mit vielen Streichen und Schlägen, so ist auch nicht der leiseste Zorngedanke in seinem Herzen, nicht ein Blick des Mißfallens in seinem Auge; er meint es ganz nur zu eurem Besten; seine schwersten Schläge sind eben so sichere Zeichen seiner Liebe, wie seine süßesten Liebkosungen. Ihn treibt kein andrer Beweggrundes euer Wohl und seine Verherrlichung. Darum seid gutes Muths, weil dies der Grund ist. Aber sorget, daß ihr dem Gebot nachkommet: „So sei nun fleißig, und thue Buße.“

Beim Lesen eines alten christlichen Schriftstellers begegnete mir letzthin ein sehr liebliches Bild. Er sagt: „Der volle Wind, der ein Schiff geradezu vorwärts treibt, ist für dasselbe nicht so günstig wie der Seitenwind. Es ist merkwürdig,“ sagt er, „daß, wenn der Wind ein Schiff gerade in der Richtung seines Curses nach dem Hafen trifft, es nicht so gut einlaufen kann, wie wenn der Wind es quer von der Seite trifft.“ Und er erklärt es so: „Die Seeleute sagen, wenn der Wind das Schiff genau in der Richtung seines Laufes faßt, so vermag er nur die hintersten Segel zu füllen, weil die vordern von diesen verdeckt werden. Wenn er aber von der Seite kommt, so kann er auf alle Segel ungehindert und mit voller Kraft wirken. O,“ fügt der alte Gottesmann hinzu, „es kommt nichts dem Seitenwind gleich, der die Kinder Gottes gen Himmel treibt. Der gerade Wind schwellet nur ein paar Segel; das heißt, er füllt ihre Freude, füllt ihre Wonne; aber,“ sagt er, „der Seitenwind schwellt alle: die Vorsicht, den Gebetstrieb, jedes Vermögen des geistlichen Menschen; und so fliegt das Schiff aufwärts, dem himmlischen Hafen zu.“ In dieser Absicht sendet uns Gott Trübsal, um uns zu züchtigen ob unsern Uebertretungen und Sünden.

III. Und was ist nun unser Trost, wenn Gott uns straft und züchtigt?

Unser großer Trost ist das, daß er uns dennoch liebt. Ach! Was ist der Glaube doch für ein köstlich Ding, wenn wir im Stande sind, unserm Gott zu vertrauen; und wie leicht ist es dann, alle Trübsal zu ertragen und zu überwinden! Höre den armen Alten in seiner Dachkammer, der nichts als eine trockene Brodrinde und einen Becher kalten Wassers hat. Krankheit hat ihn Jahre lang in diesen engen Raum gebannt. Er ist zu arm, um einen Wärter bezahlen zu können. Eine Stundenlöhnerin kommt Morgens und Abends, um nachzusehen; und so sitzt er da, in der tiefsten Armuth. Und ihr denkt vielleicht, er sitze und seufze. Nein, liebe Brüder; manchmal mag er wohl seufzen, wenn er so schwach ist; aber gewöhnlich lobt und dankt er und singt; und wenn der Stadtmissionar die knarrende Treppe jenes alten Hauses erklimmt, wo man keine menschlichen Wesen sollte wohnen lassen, und wenn er in jenes zerfallene, enge Oberstübchen eintritt, das eher einem Schweinstalle, als einem menschlichen Aufenthalt gleich sieht, dann setzt er sich nieder auf die würmerzernagte Kiste, und wenn er, so gut es gehen mag, sich auf ihren rohen, unebenen Brettern zurechtgefunden hat, so fängt er mit dem Alten zu reden an, und findet ihn erfüllt von Seligkeit. „O, mein guter Herr!“ sagt er, „mein Gott ist recht liebevoll gegen mich.“ Er kann sich kaum vom Kissen erheben, und jedes Glied seines Leibes schmerzt ihn; aber er spricht: „Gelobt sei sein Name, er hat mich nicht verlassen. O, mein guter Herr, ich habe mehr Glück und Frieden in dieser Kammer gefunden und erfahren, - und ich habe doch Jahre lang keinen Schritt vor die Thüre setzen können“ (es ist das eine wirkliche und wahre Thatsache, was ich hier erzähle), ich habe hier mehr Glück erlebt, als sonst in meinem ganzen Leben. Meine Leiden sind groß, aber es währt nicht lang; bald werde ich heimgehen.„ Ja, und wäre er noch schwerer heimgesucht und hätte solchen köstlichen Trost in seinem Herzen, so würde er es doch mit Lächeln tragen und im Feuerofen singen. Nun, du Kind Gottes, so sollst auch du es machen. Bedenke, daß Alles, was du zu dulden hast, aus der Liebe fließt. Es ist schwer für ein Kind, wenn's der Vater gezüchtigt hat, die Ruthe als ein Sinnbild der Liebe zu betrachten. Euern Kindern könnt ihr das nicht zumuthen; wenn sie aber aufwachsen zu Männern und Frauen, wie danken sie euch dann! „O Vater,“ spricht der Sohn, „ich weiß nun, warum ich so oft gezüchtiget ward; ich hatte ein stolzes, auffahrendes Herz; es wäre mein Untergang gewesen, wenn du es mir nicht mit der Ruthe ausgetrieben hättest. Nun danke ich dir von ganzem Herzen dafür, mein Vater.“

Gerade so sind wir, so lange wir hienieden wallen, nur Kindlein; wir können die Zuchtruthe nicht loben: wenn wir aber alt werden und in unsre himmlischen Wohnungen einkommen, so werden wir auf die Zuchtruthe des Bundes zurückblicken und sie besser achten, denn Aarons Stab, denn sie trägt Gnadenblüthen. Wir werden zu ihr sagen; „Du bist der wunderbarste von allen meinen Schätzen. Herr, Herr, ich danke dir, daß du mich nicht unbetrübt gelassen hast, sonst wäre ich nie hingekommen, wo ich jetzt bin, und nie geworden, was ich bin, ein Kind Gottes im Paradies.“ „Ich habe diese Woche,“ sagt Einer, „in meinem Geschäft einen so schweren Verlust erlitten, daß ich fürchte, es wird mich ganz aufreiben.“ Darin ist Liebe. „Ich komm heute hierher,“ sagt ein Anderer, „und ließ zu Hause ein theures Kind als Leiche zurück; - ach, wie war es mir an's Herz gewachsen!“ Darin ist Liebe. Dieser Sarg und dieses Grab sind voller Liebe, und wenn nun euer Kind hinweggenommen ward, so ist das ein Schlag des göttlichen Liebesraths. „Ach!“ jammert ein Andrer, „ich bin sehr schwer krank gewesen, und fühle jetzt, daß ich mich nicht hätte hinauswagen sollen; ich muß wieder heim und zu Bette gehen.“ O, aus deiner Trübsal macht er dir das rechte Ruhelager. Liebe ist in jedem Leiden, in jedem Nervenzucken; in jedem Schauer, der durch die Glieder fährt, ist Liebe. „Ach!“ sagt Einer, „nicht ich selber, aber mein Liebling ist krank.“ Darin ist wiederum Liebe. Mag Gott auch thun, was er will, so kann er gegen die Seinen nicht lieblos handeln. O Herr! Du bist allmächtig; Du vermagst Alles; aber Du kannst nicht lügen, und Du kannst gegen Deine Auserwählten nicht lieblos sein. Nun, und wenn die Allmacht tausend Welten baute und füllete sie mit Gütern; die Allmacht kann Gebirge zu Staub zermalmen, und das Meer verbrennen, und den Himmel verzehren; aber die Allmacht kann nicht lieblos sein gegen einen Gläubigen. O! sei doch ganz versichert, lieber Christ, etwas Hartes, etwas Liebloses kann Gott gegen eines der Seinen unmöglich vollbringen. Er ist voll Liebe gegen dich, wenn er dich in den Kerker wirst, wie wenn er dich in den Pallast führt; er ist gütig, wenn er Hunger und Mangel in deine Hütte sendet, wie wenn er deine Scheunen mit reichem Segen füllt. Es handelt sich einzig darum: Bist du sein Kind? Wenn dem also ist, so hat er dich liebevoll gestraft, und Liebe ist seine Züchtigung.

Und nun noch Eins. Ich wende mich von den Kindern Gottes jetzt an euch Andern. O! meine theuren Zuhörer, Etliche unter euch haben keinen Gott; ihr habt keinen Heiland, auf den ihr eure Trübsal werft. Ich sehe Manche von euch in Trauerkleidern; ich muß annehmen, daß ihr irgend einen lieben Angehörigen verloren habt. O ihr, die ihr schwarz gekleidet seid, ist Gott euer Gott? Oder trauert ihr nun, ohne daß Gott die Thränen abwischt von euren Augen? Ich weiß, daß Manche von euch gegenwärtig in ihren Geschäften schwere Erfahrungen durchmachen müssen. Könnt ihr eure Sorgen Jesu anvertrauen, oder müßt ihr Alles allein tragen? - ohne Freund, ohne Hülfe? Manche Menschen sind schon wahnsinnig geworden, weil sie Niemand hatten, dem sie ihren Kummer anvertrauen konnten; und wie viele Andere sind zu noch Schlimmerem getrieben worden, weil die, denen sie vertrauten, sie hintergingen und verriethen. O du arme, trauernde Seele, hättest du ihm, wie du ja wohl gekonnt hättest, all' dein Weh und Ach anvertraut, er hätte dich nicht verhöhnt, und er hätte dir's nicht wieder aufgebracht. O, ich erinnere mich noch wohl, wie ich einst als Knabe mein junges Herz in Kummer wiegte, da ich in der ersten Heilandsliebe stand. Ich war fern von Vater und Mutter und all' meinen Lieben, und meinte, das Herz wollte mir zerspringen; denn ich war an einer Schule, wo ich Niemand hatte, der mir mit Mitleid und Theilnahme entgegengekommen wäre. Nun, da ging ich in mein Kämmerlein und erzählte meinem Heiland meine kleinen Leiden. Damals waren es für mich schwere Leiden, obgleich sie mir jetzt klein vorkommen. Und als ich sie auf den Knieen Dem anvertraut hatte, der mich geliebt hat mit einer ewigen Liebe, o wie war das so unsäglich lieblich. Hätte ich sie Jemand anders anvertraut, so hätte der's wieder weiter erzählt; aber er, mein geliebter Freund, er kennt meine Geheimnisse und erzählt sie nicht wieder weiter. Ach! wem dürft ihr euren Kummer anvertrauen, die ihr keinen Heiland habt? Und das Schlimmste dabei ist, daß euch noch größere Trübsale erwarten. Die Zeiten mögen jetzt schwer sein, aber einst werden sie noch schwerer sein - schwerer, wenn's zum Ende geht. Man sagt, es ist schwer zu leben, aber es ist sehr schwer, zu sterben. Wenn Einer sterben muß und hat Jesum der sich, auch dann ist das Sterben schwer; aber sterben ohne Heiland! Ach, theure Freunde, wollt ihr's darauf ankommen lassen? Wollt ihr dem König der Schrecken in's Angesicht schauen - und kein Heiland bei euch? Bedenke, daß du sterben mußt, daß du bald sterben mußt! Bald wird dem Sterbebett von erwartungsvollem Schweigen umgeben sein; kein Laut ertönt, als die leisen Schläge der Uhr, die die rasche Flucht der Stunden messen. Der Arzt flüstert: „Stille!“ und erhebt den Finger und spricht in gedämpftem Tone: „Er wird nur noch wenige Minuten zu leben haben.“ Und Weib und Kinder, oder Vater und Mutter werden um euer Bett stehen und euch ansehen, wie auch ich Einen ansah mit tief, tief betrübtem Herzen. Sie schauen euch eine kleine Weile an, bis zuletzt der Todesausdruck über euer Angesicht zieht. „Er ist verschieden!“ wird's heißen, und die emporgehobene Hand sinkt schwer und leblos wieder, auf's Bett nieder, und das Auge starrt in gläsernem, ausdruckslosem Glanz, und die Mutter wendet sich ab und sagt: „O mein Kind, ich könnte das Alles noch tragen, wenn ich nur in deinem Ende noch hätte hoffen dürfen!“ Und wenn der Seelsorger hereintritt, die Familie zu trösten, so wird er den Vater fragen: „Glaubet ihr, daß euer Sohn Verlangen hatte nach dem Blute Jesu Christi?“ Da wird es dann heißen: „O, mein guter Herr, wir dürfen kein Urtheil fällen, aber ich nahm nie so etwas an ihm wahr; ich hatte nie Grund zur Hoffnung; das ist mein größter Kummer.“ Hier, hier! Ich könnte ohne eine Thräne jeden meiner Freunde, die glaubten, zu Grabe tragen, aber nie einen gottlosen Freund. Ach, was ist's doch etwas Schreckliches um den Gedanken, Jemand zu haben, der mit Banden des Bluts mit uns verbunden ist, ihn todt zu wissen - und in der Hölle!

Wir reden gewöhnlich sehr behutsam über die Todten. Wir sagen: „Ja, wir hoffen.“ Manchmal ist's eine große Lüge; denn wir wissen, daß wir gar nicht hoffen. Wir wünschen, es möchte so sein, aber wir können es nicht hoffen; wir nahmen nie etwas wahr, das uns eine genügende Hoffnung gegeben hätte. Aber wäre es nicht schrecklich, wenn wir aufrichtig genug wären, der furchtbaren Wahrheit in's Angesicht zu blicken, - wenn der Gatte offen die Wahrheit bekennen würde und spräche: „Das war mein Weib; sie war gottlos, unbekümmert um ihr ewiges Heil. Ich weiß wenigstens, daß sie nie eine Silbe von Vergebung, Reue und Glauben äußerte; und wenn sie so starb - und ich habe leider Grund genug zu dieser Befürchtung - dann ist sie von Gott verworfen.“ Es wäre lieblos, das zu sagen; aber es ist nur aufrichtig von uns, wenn wir es wissen, daß wir der schrecklichen Wahrheit in's Gesicht schauen. Ach, liebe Mitmenschen und Brüder, o ihr, die ihr mit mir theilhaftig seid des ewigen Lebens! wir werden uns einst vor Gottes Thron wieder begegnen; aber ehe es dazu kommt, werden wir von einander getrennt und gehen unsre verschiedenen Wege hinab zu den düstern Ufern des Todesstroms. Mein Mitmensch, bist du vorbereitet darauf, allein zu sterben? Ich frage dich abermals: bist du vorbereitet, aufzustehen zum Gericht am jüngsten Tag ohne einen Heiland? Willst du Alles wagen und deinem Schöpfer entgegentreten, wenn er kommt, dich zu richten, ohne einen Fürsprecher, der dich vertritt? Bist du darauf vorbereitet, sein Urtheil zu hören: „Gehet hin, ihr Verfluchten!“ Seid ihr bereit, den ewigen Zorn dessen zu ertragen, der einmal zerscheitert auf immer? O, wenn ihr euch in die Hölle betten wollt, wenn ihr bereit seid zur Verdammniß, wenn ihr verdammt sein wollt, dann lebet in Sünden und schwelget in euren Lüsten; - ihr werdet euren Wunsch erreichen. Wollt ihr aber das nicht; wollt ihr zum Himmel eingehen, und wollt ihr selig werden: „Bekehre dich, bekehre dich; warum wollt ihr sterben, o du Haus Israel?“ (Ezech. 33, 11.) Möge euch Gott, der h.Geist, tüchtig machen, eure Sünde zu bereuen und zu glauben an Jesum: so werdet ihr euer Erbtheil haben mit denen, die da geheiligt werden. So ihr aber weder Buße thut, noch glaubet, und also sterbet, so müsset ihr fliehen von seinem Angesicht und werdet in Ewigkeit nicht besitzen Leben und Freude und Frieden. Davor bewahre uns der Herr, um Jesu willen! Amen.

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