Spurgeon, Charles Haddon - Liebe zu Jesus, der grosse Prüfstein

Gehalten am Sonntag, den 3. Oktober 1875

Jesus sprach zu ihnen: Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich, denn ich bin ausgegangen und komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selbst gekommen, sondern er hat mich gesandt.
Joh. 8,42

Die Heilsordnung ist, daß wir zuerst an den Herrn Jesus Christus glauben und als seine Gabe eine Änderung unseres Herzens erhalten, und dann liebt dieses erneuerte Herz den Jesus, an den es geglaubt hat. Der Glaube führt die Reihe der Gnadengaben an, nicht die Liebe. Es hieße nicht das Evangelium predigen, wenn man den Menschen sagte: „Liebt Christus“; die Liebe zu Jesus kommt erst nachher; das Evangelium predigen heißt ausrufen: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig!“ Der seligmachende Glaube ist allerdings kein bloßes Fürwahrhalten von Tatsachen, an denen man keinen Anteil hat; es ist ein herzliches Vertrauen auf Jesus, daß er uns die Segnungen geben wird, deren Notwendigkeit wir empfinden; und in allen Fällen ist es ein wirksamer Glaube, ein Glaube, der wirkt und durch Liebe wirkt. Wenn du in der Tat an den Herrn Jesus Christus geglaubt hast, so daß deine Seele errettet ist, dann bist du ein Kind Gottes, denn „wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Wenn du ein Kind Gottes bist, so liebst du deinen Vater, und es ist eine Regel: „Wer da liebet den, der ihn geboren hat, der liebet auch den, der von ihm geboren ist“; so daß wahrer Glaube der Beweis unserer Kindschaft ist, und die Kindschaft ist mit der Liebe verbunden und die Liebe zum Vater führt uns zu der Liebe seines Sohnes, Jesus Christus. Hiernach also sollt ihr heute euren Glauben beurteilen, ob es der Glaube der Erwählten Gottes ist oder nicht; wenn er eine kalte Zustimmung des Verstandes ist, so wird er dich nicht selig machen, aber wenn er ein warmes Verlöbnis des Herzens ist, dann ist er in der Tat der Glaube, der das Werk des göttlichen Geistes ist.

Ich habe heute Morgen vor, über unsere Liebe zu Christus zu sprechen, und es wird euch vielleicht helfen, wenn ich euch erst den Umriß gebe von dem, was ich zu sagen habe. Liebe zu Christus ist in sich selber wesentlich; zweitens, Liebe zu Christus ist der Prüfstein für die Kindschaft, wie der Text uns lehrt; und deshalb, drittens, ist es wichtig für uns, uns an diesem Prüfstein zu prüfen.

I.

Liebe zu Christus ist in sich selber wesentlich. Es gibt einige Gnadengaben, die bei jemandem mangelhaft sein können, und obwohl er unter diesem Mangel leidet, kann er doch noch ein Christ sein; aber Liebe zu Jesus ist etwas Wesentliches, eine Gnade im Herzen, die den wesentlichen Organen der Frömmigkeit nahe liegt, so daß ihr Fehlen tödlich ist. Ihr müßt Jesus Christus lieben, wenn ihr wirklich das göttliche Leben habt.

Nun bemerkt zuerst, daß das Fehlen der Liebe zu Christus der Verlust einer der größten geistlichen Freuden ist. Wir sollten den, der Jesus Christus nicht liebt, eben so wohl bemitleiden wie tadeln. Ach, arme Seele, in welchen Zustand ist sie geraten, daß sie nicht fähig ist, ihn zu lieben, der „ganz lieblich“ ist, und ihn zu bewundern, der „auserkoren unter vielen Tausenden“ ist. Ich traf vor einiger Zeit mit einer Dame zusammen, die ihren Geschmack und Geruch verloren hatte - ein eigentümliches Leiden. Die schönste Rose der Welt kann sie mit ihrem lieblichen Geruch nicht erfreuen; das ausgesuchteste Gericht, das je eines Menschen Zunge ergötzte, hat für sie keinen Reiz; sie ist für diese Freuden tot, und ich kann nicht umhin, Teilnahme für ihren Verlust zu empfinden. Doch ist am Ende dieser Verlust angenehmer Eindrücke eine Kleinigkeit, er wird nur wenige Jahre dauern, und wenn das kurze Leben vorüber ist, wird sie jede wünschenswerte Fähigkeit besitzen. Aber was für eine schreckliche Sache, wenn man unfähig ist, den lieblichen Duft des Namens Jesu wahrzunehmen, der wie eine ausgeschüttete Salbe ist; unfähig, die Süßigkeit des Himmelsbrotes zu schmecken oder die Fülle des Weines, „darin keine Hefen sind“, der die Heiligen Gottes so froh macht. Ich wollte lieber blind und taub und stumm sein und meinen Geschmack und Geruch verlieren, als Christus nicht zu lieben. Unfähig zu sein, ihn zu schätzen, ist die schlimmste aller Unfähigkeiten, das schwerste Unglück von allen. Es ist nicht der Verlust einer einzigen geistigen Fähigkeit, sondern beweist den Tod der Seele. Es zeigt, daß alles fehlt, weshalb es der Mühe wert ist, zu existieren, denn wer den Sohn nicht hat, der hat nicht das Leben, und der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Das Fehlen der Liebe zu Christus ist auch ein Zeichen sehr trauriger Erniedrigung. Es ist das Merkmal eines Tieres, daß es keiner geistigen Arbeit fähig ist; ihr könnt ihm die angenehmsten Studien vorlegen; das Schwein kann nie ein geistiges Vergnügen empfinden - dieses Unvermögen würde seine Erniedrigung sein, wenn es ursprünglich für solche Arbeit bestimmt gewesen wäre. Der Mensch war für den höchsten und erhabensten Genuß geschaffen, den Genuß der Gegenwart Gottes und der Bewunderung seiner unendlichen Vollkommenheiten; und wenn er das Vergnügen verliert, seinen Gott zu schätzen, zu bewundern und zu lieben, so sinkt er von seinem hohen Beruf auf eine Stufe mit den Tieren herab. Wenn ein Engel zu einem Hund erniedrigt würde und doch Gott noch verehren und Christus lieben könnte, so würde er überhaupt kaum gefallen sein, verglichen mit dem verhängnisvollen Gesunkensein eines Menschen, der in eine solche Sündenerstarrung geraten ist, daß er die Lieblichkeit des Herrn Jesus Christus nicht wahrnehmen kann. Wir bedauern sehr jene armen Geschöpfe unserer Rasse, die des Verstandes beraubt sind, aber was sollen wir von denen denken, die nicht lieben können oder vielmehr da nicht lieben können, wo alle Liebe ihren Mittelpunkt finden sollte. Dem armen Idioten könnt ihr die schönsten Werke von Milton vorlesen, er kann nicht zu einer Empfindung des Erhabenen aufsteigen; ihr könnt ihm nachher vor seinen Ohren die gefälligen, lieblichen Zeilen von Wordsworth ertönen lassen oder die fesselnden Allegorien Bunyans, er lächelt euch stier an, und ihr bemerkt, daß sein stumpfer Geist des Begreifens nicht fähig ist. Traurig ist es, daß ein menschliches Wesen so niedrig sinken kann, und dennoch: den Herrn Jesus nicht lieben, das enthüllt eine sittliche und geistliche Stumpfheit, weit schlimmer als die geistige Unfähigkeit, weil sie vorsätzlich ist und ein Verbrechen des Herzens in sich schließt. Gewöhnlich ist das Nichtschätzen des Guten von einem Verlangen nach dem Schlechten begleitet und so wird das Übel verdoppelt. Es war eine tiefe Erniedrigung für den König von Babylon, als er die Kost des königlichen Tisches verließ, um bei den Tieren auf dem Felde zu bleiben und Gras wie ein Ochse zu essen. Sein Wahnsinn trieb ihn nicht bloß von den Menschen hinweg, sondern er vergesellschaftete ihn mit den Tieren; er nahm ihm nicht bloß seinen Geschmack am Brot, sondern ließ ihn Gefallen am Gras finden. Es war ein sonderbarer Wahnsinn, der einen König trieb, mit den Tieren zu grasen, aber nicht sonderbarer als der, welcher bewirkt, daß Menschen sich von der Asche der sündigen Vergnügungen dieser Welt nähren und sich von dem abwenden, was wirklich Brot ist. O, es ist eine schlimmere Geisteskrankheit als die, welche dort innerhalb der Mauern Bedlams eingeschlossen ist, dieser Wahnwitz, der in dem geschmückten Jesabel-Antlitz der Sünde Schönheit finden kann und nicht hingerissen wird von seiner Schöne, deren Glanz das Licht des Himmels ist. Doch erinnert euch, ihr Heiligen Gottes, ihr wart so vor nicht langer Zeit. „Er kam in sein Eigentum, und die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ „Er war so verachtet, daß man das Angesicht vor ihm verbarg, darum haben wir ihn nicht geachtet.“ Unser törichtes Herz war verfinstert, und wir sahen Jesus, die Sonne der Gerechtigkeit, nicht. Gepriesen sei die Gnade, die uns in die Lage gesetzt hat, unseren Heiland zu schätzen, möge sie mehr und mehr wachsen. Laßt uns diejenigen sowohl bemitleiden als auch tadeln, deren Augen so fest geschlossen sind, daß sie den Herrn nicht sehen können, deren Ohren so verstopft sind, daß sie die Musik seiner Stimme nicht hören und deren Herz so erstorben ist, daß sie die Schönheit seiner Liebe nicht wahrnehmen können. Ach, welche Erniedrigung offenbart sich in der Unfähigkeit, Jesus zu lieben!

„Von Liebe nur durchdrungen
Hast du so viel getan,
Und doch bist du verklungen,
Und keiner denkt daran.“

Ohne Liebe für Jesus zu sein, ist ein klarer Beweis, daß unser ganzer Mensch in Unordnung ist. Es wäre uns unmöglich, gegen die Vorzüge Jesu gleichgültig zu sein, wenn wir wären, wie Gott uns geschaffen hat, und daß wir ihn nicht lieben, bis die Gnade uns erneuert hat, beweist, wie gänzlich krank die menschliche Natur geworden ist. Der Verstand würde, wenn er sich im rechten Gleichgewicht befände, urteilen, daß Christus über allem und vor Allem ist, und so würde er ihm den Vorrang in Allem geben; aber abgelenkt und aus der richtigen Bahn gebracht, weist die Urteilskraft Christus den niedrigsten Platz an und huldigt der Welt, dem Fleisch und dem Teufel lieber als dem König aller Könige. Der Geist muß ganz herabgewürdigt und seines Adels beraubt sein, wenn er den nicht liebt, dessen selbstverleugnendes Wohlwollen die bewundernde Dankbarkeit jedes erneuerten Gemütes erzeugt. Kam unser Herr vom Himmel auf die Erde nieder, um seine Freunde zu retten? Ertrug er, „an Gebärden als ein Mensch erfunden“, jeden Schimpf und jedes Elend in der einzigen Absicht, andere zu segnen, und erduldete er zuletzt niemals zu beschreibende Qualen, und all dies um unwürdiger Menschen willen? Dann zeugt es von kleinlichem Geist und schlechtem Herzen, ein solches Muster großmütiger Zuneigung nicht zu lieben. Dankbarkeit ist keine staunenswerte Tugend, aber sie ist notwendig, wenn wir nicht des verächtlichsten aller Laster schuldig sein wollen, denn Undankbarkeit ist mit Recht so genannt worden. Der Mensch, der Christus verachtet, der für die Menschen starb, ist ein Anblick, der Engel traurig machen könnte; ja, der Seraphim könnte weinen und staunen, daß ein einst so schönes Geschöpf wie der Mensch so verderbten Herzens geworden ist. Gott vergebe dem Geiste, der so ungerecht, so verkehrt, so verzaubert, so töricht sein kann, Jesus mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

Die Neigungen des Menschen müssen ebensosehr wie seine Geisteskräfte furchtbar verdorben sein, sonst würde er Jesus sofort lieben. Wenn das Herz so wäre, wie es sein sollte, so würde es das Gute, das Rechte, das Wahre, das Schöne lieben. Nichts ist besser, richtiger, wahrer und schöner als Jesus Christus, der menschgewordene Gott, und daß das Herz ihn nicht instinktmäßig liebt, sobald es ihn nur wahrnimmt, ist ein klarer Beweis, daß es in seiner Quelle vergiftet ist. Es ist seinen Götzen ergeben, und deshalb will es den wahren Gott nicht lieben. Wenn ihr jetzt des Menschen gefallenen Zustand beweisen solltet, könntet ihr das durch tausend Gründe tun, aber einer würde nur nötig sein. Es hat vielleicht niemals eine kräftigere Beweisführung gegeben als die im ersten Kapitel des Briefes Pauli an die Römer, das wir nicht in öffentlicher Versammlung lesen dürfen, ein Kapitel, das die schrecklichsten Anklagen gegen die Natur des Menschen enthält, und jedes Wort darin ist wahr. Aber, ihr Menschen, ich halte dafür, daß alle unnatürlichen Lüste, in die Menschen gefallen sind (obwohl es Taten sind, welche die Wange der Schamhaftigkeit mit Erröten bedecken), doch nicht so gründlich die Verdorbenheit der menschlichen Natur beweisen wie das, daß der Mensch Christus nicht liebt. Ein gewisser Geistlicher, der bei einer Gelegenheit seine Rhetorik zu entfalten und sich die Bewunderung seiner Hörer zu erringen wünschte, rief aus: „O Tugend, du bist so lieblich und schön, daß alle dich lieben würden, wenn du auf die Erde herabstiegst!“ Wie grob irrte er! Denn die Tugend kam auf die Erde herab, in die anziehendste Form, die Form der reinen Wohltätigkeit, gekleidet, und die Menschen nahmen sie nicht auf. Die Tugend kam in der Person unseres Herrn Jesus, nicht mit der Rüstung der Gerechtigkeit angetan, sondern mit den seidenen Kleidern des Heils, geschmückt mit Erbarmen und Zartheit; aber die Menschen verweigerten ihr eine Wohnstätte, versagten ihr die gewöhnlichen Annehmlichkeiten des Lebens und verurteilten sie zuletzt zum Tode. Als der Mensch Jesus kreuzigte, zerstörte er, so viel an ihm war, alle Güte, Wahrheit und Heiligkeit. Da spie er sein ärgstes Gift auf alles, was lieblich ist und „wohl lautet“, denn er wählte sich das lieblichste und geehrteste aller Wesen aus, um es durch seine Bosheit zu morden. Jesus nicht lieben, das ist, was immer dein äußerer Charakter sein mag, lieber Freund, für Engel und für alle vernunftbegabten und geläuterten Wesen, die ein Urteil haben, das schrecklichste Symptom einer bösartigen, geistlichen Krankheit, an der du leidest, die alle deine Kräfte tyrannisiert und dich zum Gegner deines besten Freundes macht.

Jesus Christus nicht lieben, ist ein sicheres Zeichen, das wir keinen Teil noch Anteil an seinem Heil haben, denn die erste Wirkung des empfangenen Heils ist Liebe zu ihm. Ihr erinnert euch des Gleichnisses unseres Herrn von den zwei Schuldnern. Der eine war fünfhundert Groschen schuldig, der andere fünfzig, beiden wurde ihre Schuld erlassen, weil sie nicht bezahlen konnten. Die Frage, die an ihrem Beispiel gestellt wurde, war: „Welcher von beiden wird ihn am meisten lieben?“, denn das wird am selbstverständlich angenommen, und wer möchte es leugnen, daß, ob ihnen fünfzig oder fünfhundert Groschen geschenkt waren, sie den lieben mußten, der sie ihnen erließ. Es ist unvermeidlich, daß ihr, wenn eure Sünde auch vergeben ist, Jesus Christus liebt, und wenn ihr ihn nicht liebt, so seid versichert, daß ihr an seinem kostbaren Blut keinen Anteil habt und seine Gerechtigkeit euch nicht bedeckt. Ernste Erwägung! Wie wesentlich ist diese vorzügliche Gnadengabe der Liebe.

Ohne Liebe zu Christus ist es klar, daß ihr nicht errettet seid, denn euch mangelt der Hauptquell des geistlichen Lebens. Es wird uns oft vorgeworfen, daß wir den Leuten sagen, sie sollen glauben und leben, und daß wir, indem wir dies tun, ein heiliges Leben und einen tugendhaften Wandel in den Schatten stellen. Wenn unsere Tadler redlich wären, so würden sie untersuchen, ob ihre Anklage wahr sei, und das Resultat der Untersuchung würde sein, daß sie uns frei sprechen. Entweder Unwissenheit, Mißverständnis oder Böswilligkeit muß die ganz grundlose Beschuldigung veranlaßt haben, denn wir haben unzählige Male erklärt, daß wir, wenn wir sagen: „Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig werden!“, nicht meinen, daß der Glaube an eine abstrakte Behauptung die Menschen von der Hölle errettet; wir meinen, daß das Vertrauen auf Jesus das Herz ändert und so das Leben von der Sünde befreit. Unter Errettung verstehen wir Errettung von der Sünde, Errettung von dem alten selbstsüchtigen Leben, Errettung zu einem heiligen Leben. Das ist die Errettung, die wir predigen, Errettung vom Bösen, und dies sagen wir, ist die Folge von dem Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Wenn dies sich so verhält, so ist es ersichtlich, daß der, der Christus nicht liebt, nicht in diesem Sinne errettet ist, denn der heilige Geist macht die Liebe zu Christus zum Hauptquell und zur treibenden Kraft, wodurch ein heiliges Leben erzeugt und erhalten wird: „Die Liebe Christi dringet uns.“ Dies ist die große Macht, die uns vom Bösen zurückhält und uns zur Heiligkeit anspornt: In dem Verhältnis, wie ihr Jesus liebt, werdet ihr heilig sein, und in dem Verhältnis, wie eure Liebe zu Jesus schwach wird, wird die Macht der Sünde stark, und wenn gar keine Liebe zu Jesu da ist, dann sind keine von den Bestandteilen in euch, die einen Christen ausmachen.

Vergeblich, ach, ist all' dein Wissen,
Vergeblich deine Furcht und Pein.
Du wirst der Sünde dienen müssen,
Bis Liebe kommt in's Herz hinein.

Christum nicht lieb haben ist etwas so Furchtbares, daß die, die ihn lieben, euch kaum sagen können, wie sie bei der bloßen Vorstellung zittern, daß sie in einen solchen Zustand kommen könnten. Tod in der schrecklichsten Form würde dem vorzuziehen sein. Manches Mal haben wir gesungen, und ich bin unter denen, die es in der Tiefe des Herzens gefühlt haben:

Wie elend wär' ich und wie klein,
Wenn ich dich, Herr, nicht lieben wollte.
O, lieber hört' ich auf zu sein,
Als daß ich dich verlassen sollte.

Es wäre viel besser, nie geboren zu sein, als den Heiland nicht zu lieben; besser, vernichtet zu werden, wenn dies der Fall sein könnte, als einen Augenblick lang zu existieren ohne Liebe für den Herrn. Zuweilen sind die Heiligen Gottes so warm geworden in Betreff dessen, was Jesu, ihren Herrn, gebührt, und haben einen solchen Abscheu gefühlt vor der Sünde, ihn nicht zu lieben, daß sie im Namen Gottes einen Fluch ausgesprochen haben über die, die Christus nicht lieben. Vielleicht sind die furchtbarsten Worte in der Heiligen Schrift diese: „So jemand den Herrn Jesus Christus nicht lieb hat, der sei Anathema Maharam Motha.“ (Anathema Maran-atha, das ist: Verflucht, wenn der Herr kommt). Das ist der große Bann der Kirche; es ist die feierlichste Drohung, die aus Apostolischer Feder fließen konnte, und doch fühlte Paulus, er müsse sie schreiben, derselbe Paulus, der nicht ohne Weinen von den Feinden des Kreuzes Christi sprechen konnte. Mein lieber Hörer, wenn du auch der sittlich vortrefflichste Mensch in der Welt bist, und wenn du auch der orthodoxeste Mann in der Kirche bist, dennoch, wenn du den Herrn Jesus Christ nicht lieb hast, so muß das „Anathema Maran-atha“ dir in die Ohren tönen, denn es ist in dem Wort Gottes über dich ausgesprochen.

Wer möchte wünschen, ohne Liebe zu Jesus in seiner Seele zu leben? Es ist der schrecklichste aller Zustände, denn es beraubt unser Leben auf der Erde seiner höchsten Schönheit und macht den Himmel unmöglich. Gott selber kann dir den Himmel nicht geben, bis er dir Liebe zu Christus gibt. Ihr mögt meine Worte in dem weitesten Sinne nehmen, denn ich meine sie gerade so, wie sie da stehen. Ich sage, bis Gott selber euch dahin bringt, daß ihr Christus liebt, kann er euch nicht des Himmels Seligkeit geben, denn das eigentliche Wesen des Himmels liegt in der Liebe zu dem, was wahr und gut ist, und das Wesen aller Wahrheit und Güte ist in Jesus. Könntet ihr nach dem Ort, der Himmel genannt wird, gebracht werden und keine Liebe zu Christus haben, so würdet ihr ganz aus eurem Element sein; die nähere Gegenwart Christi, in die ihr dadurch gekommen seid, würde euch Schrecken anstatt Wonne verursachen, und die Seligkeit, die ihr auf den Angesichtern von zehntausend mal zehntausend sehen würdet, die ihn lieben, würde euch nur zu stärkerem Hasse und noch bittere Verzweiflung reizen. O, mein Freund, du kannst kein Glück kennen, ehe du Christus kennst; bis euer Herz in Liebe zu ihm schlägt, kann das wahre Leben nie euer sein, sondern ihr seid in der Finsternis und im Tode bis jetzt und müßt darin bleiben. Es ist unvermeidlich so. Nun verlasse ich den ersten gewichtigen Punkt mit dem Gebet, daß Gott der Heilige Geist dies allen Herzen einprägen möchte, die keine Liebe für den Heiland haben. Es ist wesentlich, ihn zu lieben.

II.

Liebe zu Christus ist der Prüfstein der Kindschaft. Gewisse neue Lehrer haben behauptet, daß Gott der Vater der ganzen Menschheit ist, und die Lehre von der allgemeinen Vaterschaft ist, wie mir gesagt ist, sehr vorherrschend an gewissen Stellen. Daß Gott der Schöpfer aller Menschen ist und daß in diesem Sinne der Mensch von Gott entsprungen ist, das ist unzweifelhaft wahr, aber daß unwiedergeborene Menschen Kinder Gottes sind, ist ebenso unzweifelhaft falsch. Worauf sich diese dem Fleisch gefallende Lehre gründet, weiß ich nicht, denn sicherlich gibt mein Text ihr keinerlei Stütze, sondern versetzt ihr eher einen tödlichen Schlag. „Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich“; folglich ist Gott nicht der Vater derer, die Christus nicht lieben. Was machen diese Lehrer aus dem Vorrecht der empfangenen Kindschaft? Warum empfangen Menschen die Kindschaft, wenn sie von Natur Kinder sind? Wie kommt es, daß es eine besondere Verheißung ist: Ich will euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein? Wozu tut eine Verheißung dessen nötig, was sie schon haben? „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben.“ Was soll das heißen, wenn ein Jeder schon ein Kind Gottes ist? Wie verstehen sie das, daß Gott uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten? Waren wir schon Kinder? Wie konnten wir dann Erben des Zornes sein, wie die Anderen, wenn alle Menschen in der „Familie“ (Eph. 3,15, engl. Übersetzung) Gottes sind? Sie brauchen einen Ausdruck, der eine zweifache Deutung zuläßt, um eine Lehre aufzustellen, die das Evangelium zerstört. Ich überlasse es denen, denen daran liegt, diese Behauptung zu verteidigen; ich glaube, daß sie ganz unhaltbar ist, wenn wir bei dem Wort Gottes bleiben. Die Vaterschaft Gottes ist für ein besonderes Volk, erwählt, ehe denn der Welt Grund gelegt wurde, und als Kinder angenommen und wiedergeboren zu seiner Zeit durch die Gnade.

Es erhellt aus unserem Text, daß Liebe zu Christus der einzige unfehlbare Prüfstein unserer Gotteskindschaft ist. Die, mit denen Christus redete, waren von Natur und Abstammung, wenn irgend welche in der Welt es waren, die Kinder Gottes. Wenn irgend welche Menschen, die Christus nicht liebten, Kinder Gottes sein konnten, so waren es die Juden, die vor ihm standen, denn sie waren von dem Samen Abrahams, den Gott auserwählt hatte, sie waren von ihrer ersten Kindheit an erzogen in der Beobachtung aller Zeremonien, die Gott verordnet hatte, und sie trugen an ihrem Fleische das Zeichen des Bundes. Sie waren überdies das einzige Volk unter dem Himmel, das einen Gott verehrte. Die Römer, die Griechen und alle anderen waren Götzendiener; diese Juden waren Verehrer des einen unsichtbaren Jehova und sie hielten sehr fest daran, denn nach der babylonischen Gefangenschaft konnte nichts einen Juden dahin bringen, einen Götzen zu verehren. Was für Fehler sie auch haben mochten, so waren sie nicht vom Glauben an die Einheit Gottes abgeirrt. Daran hielten sie und hielten sie sehr fest. Und noch dazu hatten sie ohne Zweifel, viele Schmähungen und Schande erlitten, weil sie den einen unsichtbaren Gott anbeteten. Sie wurden von ihren römischen Herren verachtet und die gebildeten Griechen mit ihrer poetischen Mythologie sahen verächtlich auf ihre sonderbare Gottesverehrung herab, die sie als bloßen Atheismus betrachteten, da sie kein Götterbild aufgestellt sahen. Der Jude stand daher als ein Kind Gottes vor allen anderen da, wenn irgend ein Unwiedergeborener dies sein konnte, und doch, da er Christus nicht liebte, war Gott nicht sein Vater. Unser Meister sagt ihnen: „Wäre Gott euer Vater, so liebtet ihr mich.“ und wirft so alle Ansprüche nieder, die auf ihrem Stammbaum, ihrer Beschneidung, ihren Riten und Zeremonien, ihren breiten Denkzetteln und gesäumten Kleidern und allem Übrigen fußten. Liebe zu Christus ist der große Prüfstein der Gotteskindschaft. Mein lieber Hörer, wenn du Christus nicht liebst, so bist du kein Kind Gottes, denn wenn du das wärst, so würdest du lieben, was dein Vater liebt; deine von Gott stammende Natur würde seinem Weg folgen und da er Christus zuerst und vor allen anderen Dingen liebt, so würdest du Christus von ganzem Herzen, mehr als die ganze Welt lieben. Wenn du ein Kind Gottes wärest, so würdest du Jesus lieben, denn du würdest Gott in Jesus sehen. Er spricht: „Glaubet, daß der Vater in mir ist und ich im Vater“; und wenn du ein Kind Gottes wärest, so würdest du deinen Vater kennen und ihn in dem Sohn wahrnehmen, in dem die Fülle der Gottheit leibhaftig wohnt. Er ist das Ebenbild seines Wesens und der Glanz seiner Herrlichkeit, und wie das Kind den Vater liebt, so würdest du die Gottheit in Jesus Christus lieben; es würde dir unmöglich sein, anders zu handeln. Nein, nicht nur die Gottheit, auch selbst die Menschheit unseres Herrn würde deine Liebe gewinnen, denn Gott liebt Heiligkeit im Menschen und besonders in dem Menschen Jesus Christus, und das müssen wir auch. Alle Eigenschaften seiner menschlichen Natur glänzten von seiner göttlichen Heiligkeit und werden euch deshalb sicher Liebe einflößen, wenn ihr den Vater liebt.

Jeder Mensch liebt das, was ihm gleich ist. Wenn ihr von Gott geboren wäret, so würdet ihr Gott lieben; Jesus Christus ist aber Gott und deshalb würdet ihr ihn lieben. Wenn ihr von Gott geboren wäret, so würdet ihr heilig und wahr und liebend und sanft sein, denn Jesus ist das alles, und so würdet ihr ihn lieben. Es ist sehr merkwürdig, welche Lehren zuweilen in der Sprache liegen. Ihr wißt, wir haben das Wort „like“. Wir sagen, daß wie ein Ding „like“, d.h. gern mögen, lieben. Aber das Wort hat eine andere Bedeutung, wir können einem Ding „like“, d.h. gleich sein. Nun liebt ein Mensch immer das, dem er gleicht, und wenn ihr Gott gleich seid, so liebt ihr Christus, dem ihr gleicht, denn Gleiches liebt das Gleiche. Es muß Liebe zu Christus in der Seele sein, wenn ihr Christus gleich seid, und dies seid ihr, wenn ihr Gottes Kinder seid.

Wenn du ein Kind Gottes bist, mußt du Christus lieben um seiner wesentlichen Gottheit willen; denn bemerkt in dem Text: „Ich bin ausgegangen und komme von Gott.“. Ich verstehe den Ausdruck nicht; Niemand tut es. Ihr habt von Dr. Döllinger und einer Anzahl gelehrter Männer gehört, die zusammengekommen sind, um dogmatische Erklärungen festzuhalten über den zweifachen Ausgang des heiligen Geistes. Was für ein törichtes Unternehmen! Sie beschäftigten sich damit, einen Gegenstand zu definieren, von dem es nicht möglich war, daß sie ihn verstehen konnten; Ameisen, die zusammenkamen, um die Sonne zu messen; Eintagsfliegen, die über die Ewigkeit debattieren. Wir können in die Quellen des Meeres nicht eindringen, und ebensowenig können wir in das Wesen der Gottheit eindringen oder in das Verhältnis der Personen der heiligen Dreieinigkeit zueinander; und niemand unternimmt je, dies zu tun, ohne fehlzugehen, von seiner eigenen Anmaßung irregeführt. Wenn jemand unternähme, den ganzen Tag lang der Sonne in's Angesicht zu blicken, so würde er bald blind werden, das Licht ist so stark und sterbliche Augen sind so trübe, daß Blindheit folgen muß. Jesus Christus ist der Sohn Gottes durch das, was wir gewohnt sind, die ewige Zeugung zu nennen, oder was der Text „von ihm ausgegangen“ nennt; und deshalb, weil er göttlich ist und von dem göttlichen Vater in einem geheimnisvollen Sinn ausgeht, muß er demütig angebetet werden, und wenn wir Gottes Kinder sind, müssen wir den Herrn Jesus lieben.

Der Text fügt hinzu, daß wir ihn auch um seiner Sendung willen lieben sollen. „Ich komme von Gott; denn ich bin nicht von mir selbst ausgegangen, sondern er hat mich gesandt.“ Wenn wir Gott lieben, müssen wir das lieben, was von Gott kommt. Ich weiß, als ich das Dorf verließ, wo ich zuerst Pastor war und wo ich die Leute sehr lieb hatte und sie mich lieb hatten, pflegte ich zu sagen, wenn ich nur einen Hund sähe, der aus der Gemeinde käme, würde ich mich freuen, denn ich fühlte Liebe für jedes Ding und jeden Menschen aus dem Ort. Es macht nichts aus, wie gering die Kleinigkeit ist, eine kleine Blume oder ein Blatt aus dem Garten, du schätzt es, denn es kommt von jemandem, der dir wertvoll ist. Ah, jener kleine Schuh deines Kindchens, das nun im Himmel ist, oder ein kleines Blättchen, von der Hand deiner teuren Mutter, die nun bei Gott ist: wie teuer ist dir das! Wie viel mehr sollten wir Christus lieben, weil er von Gott kommt! Und kommt, nicht als eine bloße Reliquie oder Erinnerung, sondern als seine lebende, liebende Stimme. Wenn ein Sohn weit weg wäre, in Indien, und seid einiger Zeit nichts von zu Hause gehört hätte und dann endlich einen Brief erhielte, wie süß würde dieser sein. Er kommt vom Vater. Wie froh ist er, ihn zu erhalten. Aber nehmt an, ein Bote käme und sagte: „Ich komme von deinem Vater.“ Er würde sofort das tiefste Interesse für ihn empfinden. Würdest du deine Tür vor deines Vaters Boten verschließen? Nein, du würdest sagen: „Komm herein; wenn es auch mitten in der Nacht ist, ich habe immer ein Ohr für dich.“ Sollen wir Jesus nicht so begrüßen?

Und dann, erinnert euch, als Jesus als Botschafter unseres Vaters kam, welch eine Botschaft brachte er - Vergebung der Sünde, Wiederherstellung von dem Fall, Annahme in dem Geliebten und ewiges Leben und Seligkeit. O, wenn er von dem Vater kommt, für den Vater kommt und mit einer Botschaft kommt, die uns zum Vater führen soll, wir, die wir Kinder Gottes sind, müssen ihn um aller dieser Ursachen willen lieben. Es ist nicht möglich, daß du ein Kind Gottes sein kannst und nicht den Christus lieben, den der Vater gesalbt hat, den Messias, den der Vater gesandt hat, den Jesus, den der Vater zum Heiland gemacht hat, den Immanuel, den Gott mit uns, des Vaters Selbst, offenbart in der Fülle der Gnade und Wahrheit.

Das er nicht von sich selbst kam, ist ein anderer Grund zur Liebe. Wenn ein Mensch nur lebt, um sich selber zu dienen, so beginnt unsere Liebe zu vertrocknen aus Mangel an verborgenen Quellen, aber wenn wir wahrnehmen, daß Jesus Christus nicht von sich selber kam, sondern von dem Vater gesandt, daß seine Zwecke und Absichten in keiner Weise egoistisch waren, sondern ganz für den Vater und für uns, so muß unser Herz sich zu ihm hingezogen fühlen.

III.

Ich könnte so fortfahren, aber es ist nicht nötig, euch zu zeigen, daß ihr Jesus lieben müßt. Und so schließe ich mit der Anwendung. Leiht mir euer Ohr und Herz auf einige Minuten.

Wenn es so ist, daß Liebe zu Christus etwas Wesentliches ist und es ist der Hauptprüfstein der Kindschaft, kommt, Brüder, lieben wir ihn oder nicht? Nun, laßt die Frage rundgehen. Ich weiß, einige werden sagen: „Ihn lieben? Ja, das tue ich!“ Ja, aber ich will euch doch noch fragen, denn mein Herr fragte Petrus dreimal, wie ihr wißt: „Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?“ Und ich nehme nicht an, daß ihr besser seid als Petrus, und muß darum die Frage wiederholen, wenn ihr sie auch eben so rasch beantwortet wie er, denn es wird euch keinen Schaden tun, dreimal richtig zu antworten, aber es würde euch schaden, einmal falsch zu antworten. So laßt uns uns selber die Frage vorlegen: Lieben wir Jesus?

Wenn ich ihn liebe, so vertraue ich auf ihn und stütze mich auf ihn mit meinem ganzen Gewicht. „Ah, ich tue das, gepriesen sei sein Name, ich weiß, ich tue es.“ Kannst du nicht mit Sicherheit in diesem Punkt sprechen? Sage mir denn, hast du irgend eine andere Hoffnung außer der, die aus seinem teurem Kreuz und seiner verwundeten Seite entspringt? Wenn du das hast, so liebst du ihn nicht, aber wenn deine Hoffnung ganz und alleine auf ihm ruht, dann sind die Anfänge der Liebe in dir: die Wurzel der Sache ist da.

Wenn ihr ihn liebt, werdet ihr sein Wort halten. Das ist der nächste Punkt. Er spricht: „Wer mich liebet, der wird mein Wort halten“, das heißt, er wird verehren, was Jesus sagt, und sich bemühen, seine Lehre zu lernen; ihr werdet glauben, was er spricht und wünschen, dessen Bedeutung zu wissen. Nun, seid ihr ganz gewiß, daß ihr Ehrfurcht vor Christi Worten habt? Wie steht's um eure vernachlässigte Bibel? Wie um die Teile der Schrift, die ihr niemals zu verstehen gewünscht habt, weil euch bange war, sie seien ein wenig verschieden von den Glaubensartikeln eurer Kirche oder dem Bekenntnis eurer Familie? Das sieht nicht aus wie Ehrfurcht vor Christi Wort. Mein lieber Freund, laß mich die Frage recht zuspitzen. Wünscht du zu wissen, was Christus lehrte? Bist du willig, alles zu glauben, was er offenbart? Bittest du den Heiligen Geist, dich in Christi Lehre hinein zu leiten? Denn bedenke, „wer eins von den kleinen Geboten bricht und lehret die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich“ (Mat. 5,19, engl. Übersetzung); und würdest du wünschen, das zu sein?

Ein anderer Prüfstein der Liebe zu Christus ist dies: „Liebet ihr mich, so haltet meine Gebote.“ Es ist nicht bloß das Hören seiner Worte, denn das tat der Mann, der sein Haus auf den Sand baute, aber der Herr sprach: „Wer diese meine Rede höret und tut sie, den vergleiche ich einem klugen Mann, der sein Haus auf einen Felsen bauete.“ „Tut sie!“ „Tut sie!“ Gehorchst du Christus? Wenn du es nicht tust, so liebst du ihn nicht. Wenn du die Gebote als Sachen von geringem Belang behandelst, dann ist dein Herz nicht mit ihm. Das Kind soll seinen Vater lieben, aber das Gebot, woran seine Liebe geprüft wird, ist: „Ihr Kinder, gehorchet euren Eltern in allen Dingen.“ So mit Jesus. Wenn ihr ihn liebt, werdet ihr ihm gehorchen. Nun erforscht euer Herz und seht in euer Leben hinein, sind da nicht einige Punkte, die euch zweifelhaft machen könnten? Jedenfalls, meine ich, ist vieles da, das uns Anlaß geben sollte, zu beten: „Herr, du weißt alle Dinge, und deshalb weißt du, daß ich dich lieb habe; befreie mich von der Sünde und laß mich dich nicht mehr betrüben.“

Nun wendet den Text in einer anderen Form auf euer Herz an. Wenn ihr Christus liebt, werdet ihr ihn nachahmen. Es ist der Liebe Natur, nachahmend zu sein: die aufrichtigste Form der Bewunderung ist Nachahmung. Wenn ihr Jesus liebt, werdet ihr euch bemühen, ihm gleich zu sein; ich bin gewiß, ihr werdet das. Versucht, Christus zu gleichen! Ihr nehmt in euch vieles wahr, das nicht in Christus ist; sehnt ihr euch, von diesen Dingen frei zu werden? Und ihr seht in Jesus Christus manche Vorzüge, die ihr noch nicht erreicht habt. Strebt ihr danach? Dann weiß ich, ihr liebt ihn; aber wenn keine Nachahmung da ist, so ist keine Liebe da.

Die Liebe zu Christus kann auch nach der Liebe zu den Seinen beurteilt werden. Wer Jesus liebt, der liebt sicherlich alle Anderen, deren Herz von derselben Flamme brennt. Wie ist es mit dir? „Wohl,“ sagst du, „ich liebe einige von den Brüdern.“ Ja, die Zöllner und Sünder lieben auch einige derselben. Manche von dem Volk Gottes sind so sanften Charakters und von so vortrefflicher natürlicher Gemütsart, daß ich meine, der gottloseste Mensch in der Welt müßte sie lieben; aber der Prüfstein ist, sie um Jesu willen zu lieben, obwohl du nicht umhin kannst, ihre Irrtümer und Fehler zu sehen.

„Ich liebe die Heiligen,“ sagt der eine, „wenigstens liebe ich alle, die zu meiner Kirche gehören.“ Auch das ist sehr leicht, denn die Sadduzäer liebten die Sadduzäer, und die Pharisäer liebten die Pharisäer, aber die Sache ist, Gottes Volk zu lieben, obwohl du fürchtest, daß sie in manchen Punkten in Irrtum sind und obwohl du mit einigen ihrer Ansichten nicht übereinstimmen kannst und glaubst, daß sie Gott durch einige Fehltritte Unehre machen. Der Christ liebt alle, die in Christus sind, nicht wegen der Festigkeit ihres Glaubens, sondern wegen ihrer Vereinigung mit Christus. Komm denn, liebst du das Volk des Herrn, weil sie gleich sind? „Wir wissen, daß wir aus dem Tode in das Leben gekommen sind, denn wir lieben die Brüder.“

Und, lieber Freund, du kannst ferner beurteilen, ob du Christus liebst: Hast du Teilnahme für seine Zwecke? Wenn wir einen anderen lieben, so beginnen wir die Dinge zu lieben, die er liebt. Christus wünscht, diese Welt zu seinen Füßen gebracht zu sehen. Wünscht du, ihn als König über die Völker zu sehen? Suchst du, seine Verirrten heimzubringen? Es ist seine Freude, die Menschenkinder selig zu machen. Wünscht du, sie selig zu sehen? Laufen deine Gedanken, Wünsche und Verlangen in derselben Linie, wie die deines Herrn? Wenn das, so liebst zu ihn.

Wiederum, dienst du seiner Sache? Denn die Liebe, die nie zur Tat antreibt, ist eine armselige Liebe. Ist es überhaupt Liebe? Die Zuneigung, die zufrieden sein kann, ohne irgend etwas für den geliebten Gegenstand zu tun, ist etwas so Niedriges, daß es eine Schande wäre, den goldenen Namen der Liebe zu entwürdigen, indem man ihn solcher elenden Nachahmung beilegt. Jesus lieben! Und doch hast du nie ein kleines Kind seinen Namen gelehrt? Jesus lieben! Und du, bist ein Redner und trittst doch nie hervor, um sein Evangelium zu verkünden? Jesus lieben! Und dein Geld liegt da verrostend, und dein Silber verliert den Glanz, und du gibst nichts davon zu seinem Werk? Jesus lieben! Und es kostete dir nie eine unruhige Nacht oder eine Stunde Traurigkeit deiner Seele, daß sein Reich nicht kommt? Ich danke Gott, daß ich deine Liebe nicht verstehe, und ich hoffe, ich werde es nie. Möge Gott dir eine bessere Liebe als diese geben, die Liebe, die wirkt und sich in Taten zeigt.

Wenn ihr Jesus liebt, so wünscht ihr, bei ihm zu sein, und freut euch jeder Gelegenheit, besondere Gemeinschaft mit ihm zu haben. Ich weiß, wenn ihr ihn liebt, so werdet ihr nicht glücklich sein, wenn ihr einen Tag ohne ihn lebt; euch wird nicht wohl zu Mut sein, wenn er nur auf eine Stunde von euch geht. Wenn ihr Jesus liebt, o, wie schmachtet ihr nach der Zeit, da ihr ihn von Angesicht zu Angesicht sehen werdet. Wenn ihr ihn liebt, so gibt es Zeiten, wo ihr krank vor Liebe nach ihm sein werdet, wo ihr fühlt, als wenn Sterben ein Mückenstich oder ein Nichts wäre, wenn ihr nur sein Antlitz schauen könntet. Wie oft, wenn ihr im Gotteshaus gewesen seid und eine Predigt gehört habt, die euch nahe zu Jesus trug, seid ihr bereit gewesen, mit Simeon zu sprechen: „Herr, nun lässest du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“ Wenn ihr in die Welt zurück gehen mußtet, habt ihr euch fast unglücklich gefühlt, daß ihr gezwungen wart, noch länger in diesem fernen Land zu weilen, und ihr konntet nur zufrieden werden, indem ihr spracht: „Seelensonne, bleib' bei mir, denn diese Welt ist traurig und finster ohne dich.“

Ich lasse die Frage wiederum rund gehen. Ist hier irgend jemand, der nicht zu sagen wagt: „Ich liebe den Heiland“, dann, mein lieber Freund, bitte ich dich, sieh der Sache in's Angesicht, denn wenn du nicht Christus herzlich und aufrichtig liebst, dann bist du keiner von den Seinen und bist kein Kind Gottes, sondern bist ein Kind des Satans. „Wohl,“ sagt einer, „es würde mir keinen Trost verleihen, dies zu wissen.“ Nein, und ich möchte nicht, daß du irgend welchen Trost fändest, denn jetzt würde dir Trost tödlich sein. Ein guter Arzt sucht nicht immer die augenblickliche Erleichterung des Kranken, er hat die Heilung im Auge. Ich will euch ohne Trost haben, bis Jesus euch tröstet. Ich möchte, ihr schämtet euch, Christus nicht zu lieben, bis euch dies unglücklich machte. Ich bitte euch, an dem Fuß des Kreuzes auf Golgatha zu stehen und aufzublicken und Jesus bluten und sterben zu sehen und dann zu sagen: „Er hat all dieses getan, und doch liebe ich ihn nicht.“ Ich wünschte, ihr ginget in den Garten Gethsemane und sähet die blutigen Schweißtropfen auf den kalten Boden fallen und hörtet sein Geschrei und sein Seufzen für Sünder und sprächet dann „und doch liebe ich ihn nicht.“ Ich bitte euch, blickt auf ihn, wie er vom Kreuz herab genommen und in's Grab gelegt wird mit dem Stempel des Todes auf dem herrlichen Antlitz, einen Tod, den er aus reiner Liebe zu seinen Feinden erduldete, und dann möchte ich sehen, ob ihr schändlich genug wäret, zu sagen: „Und doch liebe ich ihn nicht.“ Ich bitte euch, ihm im Geiste bei seiner Auferstehung zu folgen, zu sehen, wie er Frieden über seine Jünger hinhaucht, und dann sehen, ob ihr zu sagen wagt: „Ich liebe ihn nicht.“ Ich wollte, ihr sähet ihn im Glauben sich erheben, als er hinauf in die Herrlichkeit geht und eine Wolke ihn aufnimmt, und dann möchte ich, ihr legtet eure Hand an eure Stirn und fühltet, als ob euer Herz zerspringen müßte, wenn ihr sagt: „Dennoch liebe ich ihn nicht.“ Ich wollte, ihr sähet ihn auf seinem Thron in all seiner Herrlichkeit sitzen, angebetet von den Myriaden der Seligen, wo jede Saite der Himmelsharfen zu seinem Preis ertönten, wenn er zur Rechten des Vaters sitzt und der Vater sich seiner freut. In diesem Glanz möchte ich, daß ihr stündet und anfinget, an eure Brust zu schlagen und zu sprechen: „Und dennoch, ach, liebt dieses harte Herz ihn nicht.“ Wie wünschte ich, daß ihr in euer Kämmerlein gehen könntet und eure Seele in einer Flut von Tränen ausströmen in dem Gedanken, daß er bald kommen wird, die Welt in Gerechtigkeit zu richten und von denen, die an ihn glauben, bewundert zu werden und ihr, wenn nicht euer Herz erneuert wird, in jener großen Menge stehen werdet, die den großen weißen Thron umgeben wird und dann weinen und heulen werdet und wünschen, daß ihr nie geboren wäret, während der schreckliche Gedanke euch durchzucken wird: „Ich liebe ihn nicht, aber er ist gekommen, mich zu richten, und ich bin fern von ihm, nicht errettet, nicht gereinigt in seinem Blut!“ Ich flehe euch, jetzt daran zu denken, daß es nicht künftig so in der Wirklichkeit mit euch sein möge. Glaube an den Herrn Jesus Christus, o du liebloses Herz, und du wirst von deiner Lieblosigkeit errettet werden und gelehrt, ihn zu schätzen, den zu lieben, der das beste Unterpfand des ewigen Lebens ist. Amen.

autoren/s/spurgeon/l/spurgeon-liebe_zu_jesus_-_der_grosse_pruefstein.txt · Zuletzt geändert: von aj