Spurgeon, Charles Haddon - Lehren aus der Natur

„Daselbst nisten die Vögel. und die Störche wohnen auf den Tannen. Die hohen Berge sind der Gemsen Zuflucht und die Steinklüfte der Kaninchen.“
Ps. 104,17,18

Dieser Psalm ist seiner ganzen Länge nach ein Lied der Natur, die Anbetung Gottes in dem großen äußeren Tempel des Weltalls. Manche haben es in diesen modernen Zeiten für ein Zeichen hohen geistlichen Sinnes gehalten, nie die Natur zu beachten; und ich erinnere mich, mit Schmerz die Äußerungen eines gottesfürchtigen Mannes gelesen zu haben, der, als er einen der berühmtesten Ströme der Welt hinuntersegelte, seine Augen schloß, damit die malerischen Schönheiten der Gegend seine Seele nicht von biblischen Gegen- ständen abziehen sollten. Das mag von einigen als tief geistliche Gesinnung betrachtet werden, mir scheint es nach Absurdität zu schmecken. Es mag Leute geben, die meinen, in der Gnade gewachsen zu sein, wenn sie es soweit gebracht haben; mir scheint es, daß sie aus ihren Sinnen herauswachsen. Das Schöpfungswerk Gottes zu verachten, was ist dies anderes, als in gewissem Maße Gott selbst verachten? „Wer den Armen verspottet, der verachtet seinen Schöpfer.“ Den Schöpfer verachten ist offensichtlich eine Sünde; gering von Gott als Schöpfer denken ist ein Verbrechen. Niemand von uns würde es für eine große Ehre halten, wenn unsere Freunde unsere Werke der Bewunderung unwürdig oder für mehr schädlich als nützlich hielten. Wenn sie beim Vorübergehen an unseren Werken die Augen abwendeten, um nicht durch den Anblick Schaden zu leiden, würden wir das nicht als sehr achtungsvoll gegen uns betrachten; sicher, die Verachtung dessen, was gemacht ist, hat Verwandtschaft mit der Verachtung des Machenden selber. David sagt uns: „Der Herr freut sich über seine Werke.“ Wenn Er sich an dem freut, was Er gemacht hat, sollen nicht die, die Gemeinschaft mit Ihm haben, sich auch an seinen Werken freuen? „Groß sind die Werke des Herrn; wer ihrer achtet, der hat eitel Lust daran.“ Verachte nicht das Werk, damit du nicht den Wirkenden verachtest.

Dieses Vorurteil gegen die Schönheiten des materiellen Weltalls erinnert mich an die zurückgebliebene Liebe zum Judentum, die wie ein Bann auf Petrus lag. Als das Tuch, an vier Zipfeln gebunden, vor ihm niedergelassen wurde und die Stimme sprach: „Stehe auf, Petrus, schlachte und iß,“ antwortete er, daß er noch nie etwas Gemeines oder Unreines gegessen hätte. Die Stimme mußte wieder und wieder vom Himmel zu ihm sprechen, ehe er völlig die Lehre lernte: „Was Gott gereinigt hat, das mache du nicht unrein.“ Der Jude hält dies und jenes für unrein, obwohl Christus es gereinigt hat; und gewisse Christen scheinen die Natur für unrein zu halten. Die Vögel der Luft und die Fische des Meeres, den herrlichen Sonnenauf- und Untergang, die schneebedeckten Alpen, die uralten Wälder, die geheimnisvollen Gletscher, den grenzenlosen Ozean, Gott hat sie gereinigt; nenne du sie nicht unrein. Hier auf dieser Erde ist Golgatha, wo der Heiland starb, und durch sein Opfer, das nicht innerhalb von Mauern und Dächern dargebracht wurde, hat Er diese äußere Welt zu einem Tempel gemacht, in dem alles von der Herrlichkeit Gottes spricht. Wenn du unrein bist, wird dir alles unrein sein; aber wenn du dein Kleid gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht hast und der Heilige Geist dich überschattet hat, dann ist dir diese Welt nur ein niedriger Himmel; sie ist nur das untere Zimmer, dessen oberes Stockwerk von dem vollen Glanz Gottes glüht, wo Engel Ihn von Angesicht zu Angesicht sehen; und dieses untere Stockwerk ist nicht ohne Herrlichkeit, denn in der Person Jesu Christi haben wir Gott gesehen und haben selbst jetzt Gemeinschaft und Verkehr mit Ihm.

Es scheint mir, daß die, die das Studium der Natur verbieten möchten oder die Beobachtung ihrer Schönheiten scheuen, sich der Schwäche ihrer geistlichen Gesinnung bewußt sind. Als die Einsiedler und Mönche sich von den Versuchungen des Lebens abschlossen, sagten törichte Leute: „Diese Menschen sind stark in der Gnade.“ Aber nein, sie waren zu schwach in der Gnade, so daß sie vor einer Prüfung ihrer Gnade Angst hatten. Sie liefen vor der Schlacht davon wie Feiglinge, die sie waren, und schlossen sich ein, weil sie wußten, daß ihre Schwerter nicht von dem echten Jerusalemer Metall waren; sie waren keine Männer, die tapferen Widerstand leisten konnten. Das Mönchstum war das Bekenntnis einer Schwäche, die sich mit dem edlen Schein der Demut und dem Vorgeben höherer Heiligkeit zu bedecken suchte. Wenn meine Gnaden stark sind, so kann ich auf die äußere Welt blicken und ihr Gutes herausziehen, ohne ihr Böses zu fühlen, wenn Böses da ist; aber wenn meine Religion hauptsächlich erdichtet ist, dann diktiert die Heuchelei mir das Annehmen einer ungewöhnlichen Geistlichkeit, oder jedenfalls habe ich nicht Gnade genug, um von einer Betrachtung der Werke Gottes zu einer näheren Gemeinschaft mit Gott selbst aufzusteigen. Es kann nicht sein, daß die Natur an sich mich erniedrigt oder mich von Gott abzieht; ich sollte etwas Fehlerhaftes in mir selber vermuten, wenn ich sehe, daß des Schöpfers Werke keine gute Wirkung auf meine Seele haben.

Darüber hinaus seid gewiß, Brüder, daß der, der die Bibel schrieb, die weite und klarste Offenbarung seines göttlichen Geistes, auch das erste Buch schrieb, das Buch der Natur; und wer sind wir, daß wir den Wert des ersten herabsetzen sollten, weil wir das zweite schätzen. Miltons „wiedergewonnenes Paradies“ ist sicher geringer an Wert, als sein „Verlorenes Paradies“, aber der ewige Gott hat keine geringeren Erzeugnisse, alle seine Werke sind Meisterwerke. Es ist kein Streit zwischen der Natur und der Offenbarung, nur Toren meinen das: für die Weisen erklärt und bestätigt die eine die andere. Wenn ich abends auf den Feldern gehe, wie es Isaak tat, sehe ich in der reifenden Ernte denselben Gott, von dem ich in dem Wort lese, daß Er den Bund machte, Saat und Ernte sollen nicht aufhören. Wenn ich den mitternächtlichen Himmel betrachte, denke ich an Ihn, der, während Er die Sterne bei Namen ruft, auch die zerbrochenen Herzen verbindet. Wer will, mag das Buch der Schöpfung vernachlässigen oder das der Offenbarung, ich werde meine Freude an beiden haben, so lange ich lebe.

Laßt uns also David heute morgen folgen, denn als er unseren Text schrieb, wanderte er unter den Werken Gottes bewundernd und anbetend umher. Laßt uns mit ihm gehen und sehen, ob nicht etwas zu lernen ist unter den Vögeln und Störchen, den Gemsen und Kaninchen.

I.

Unsere erste Bemerkung über unsern Text soll diese sein: Für jeden Ort hat Gott eine passende Form des Lebens bereitet. Für die Tannen den Storch, und für die hohen Berge die Gemse; für die Felsen die Kaninchen. Fast jeder Teil von Gottes Welt war bestimmt, die Wohnstätte des einen oder anderen Geschöpfes zu sein. Auf der Erde wartet eine zahllose Menge auf den Herrn, der ihnen Speise gibt; und im Meer, da „wimmelt es ohne Zahl, beide, große und kleine Tiere.“ In den Bäumen, die die Bäche beschatten, singen die Vögel; in den hohen dunklen Tannen bauen die beschwingten Störche ihr Nest; auf den hohen Klippen, vom Menschenfuß noch unberührt, springen die Gemsen von Spitze zu Spitze; und weit weg, wo Menschenstimmen nie gehört werden, findet das Murmeltier, die Maus oder das Kaninchen (welches Tier auch durch das hebräische Wort bezeichnet werden mag) Zuflucht in den Steinklüften. Die Lehre, die in dieser Tatsache liegt, ist klar. Wir werden finden, daß Gott für alle Teile des Weltalls passende Formen des göttlichen Lebens bereitet hat. Denkt über diesem Gedanken einen Augenblick nach.

Jedes Zeitalter hat seine Heiligen. Das erste Zeitalter hatte seine heiligen Männer, die mit Gott wandelten; und als das goldene Zeitalter verschwunden war und die Menschen sich überall befleckt hatten, da hatte Gott seinen Noah. In späteren Tagen, als die Menschen sich wieder auf der Erde vermehrt hatten und die Sünde wieder überhand nahm, war Hiob da im Land Uz, und Abraham, Isaak und Jakob, die in Zelten wohnten in dem Land, das ihnen verheißen war. Auf welche Periode in der Weltgeschichte ihr euren Finger auch legen mögt, könnt ihr sicher sein, daß - so wie Gott dort ist, auch noch irgendeine Form göttlichen Lebens vorhanden ist; einige von Gottes zweimal geborenen Geschöpfen sind selbst in den unfruchtbarsten Zeiten zu finden. Wenn ihr zu einer Periode wie der des Ahab kommt, wo ein einsamer Elias bitterlich klagt: „Ich bin allein übergeblieben, und sie stehen danach, daß sie mir das Leben nehmen,“ so wird man eine stille, leise Stimme vernehmen, die sagt: ,Ich habe mir lassen überbleiben siebentausend Mann, die nicht haben ihre Knie gebeugt vor dem Baal.„ Gott hat immer noch in den schlechtesten Zeiten seine Übriggebliebenen, denen Er das Panier der Wahrheit gegeben.

Als das Licht fast aus Israel verschwunden war und der Formalismus die Sonne des Judaismus verfinstert hatte, waren noch ein Simeon und eine Hanna da, die auf das Kommen des Messias warteten. Zeiten furchtbarer Verfolgung, wenn die Nennung des Namens Christi das Todesurteil bedeutete, sind nicht ohne Heilige gewesen, vielmehr hat Gott in den heißesten Zeiten Helden erweckt, die den Umständen gewachsen waren. Je grimmiger die Prüfung war, desto stärker waren die Männer. Die Kirche Gottes hat wie der fabelhafte Salamander in den Flammen gelebt und geblüht, und es schien, als wenn sie sich von den Flammen nährte, die sie zu verschlingen drohten. Wie Gott auf den Klippen, wo es unmöglich scheint, daß Leben existieren könne, Gemsen hinstellt, so hält Er auf den Klippen der Verfolgung Männer aufrecht, deren Füße wie die der Hindin sind und die sich freuen, auf ihre hohen Plätze zu treten. Bedrückung bringt die vom Himmel stammende Männlichkeit der Heiligen zum Vorschein und läßt die Teufel sehen, welche Kraft Gott in die Schwachheit der Menschen legen kann. Es hat auch Zeiten der Ketzerei gegeben wie das Jahrhundert des wuchernden Arianismus, aber Heilige haben dieses überlebt. Gott hat für solche Zeit der Not tapfere Glaubensverteidiger. Was für ein Mann war Athanasius, der aufrecht und allein dastand und sagte: „Ich weiß, daß Jesus Christus wahrer Gott ist, und wenn die ganze Welt das Gegenteil glaubt, so stehe ich, Athanasius, der Welt gegenüber.“ Sarden mag einen Namen haben, daß es lebt, und dennoch tot sein, aber der Herr spricht: „Du hast auch einige Namen zu Sarden, die nicht ihre Kleider besudelt haben; und sie werden mit mir wandeln in weißen Kleidern, denn sie sind es wert.“ Ist dies nicht eine ermutigende Wahrheit, denn wie es in der Vergangenheit gewesen ist, so ist es in der Gegenwart und wird es in der Zukunft sein. Gebt euch nicht trüben Ahnungen über den künftigen Zustand der Kirche hin.

Wimmert nicht mit denen, die über diese bösen Tage klagen und zu Grunde richtende Übel vorhersagen. Man sagt uns, daß wir durch eine Krise hindurchgehen, aber ich erinnere mich, daß vor zwanzig Jahren eine Krise war, und unsere Großväter könnten uns von einer Krise jedes Jahr in den letzten fünfzig erzählen. Die Wahrheit ist, daß es keine solche Krise gibt wie die, von der man redet. Die Krise ist vorüber, denn Christus sprach: „Jetzt ist die Krise dieser Welt, nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden.“ (Joh. 12, 31 nach dem Griechischen). Als Jesus nach Golgatha ging und blutete und starb, war die Krise der Kirche und der Welt vorüber; der Sieg der Wahrheit und Christi war über alle Gefahr hinaus gesichert. Selbst wenn die Zeiten dunkler und die Nacht dichter und dichter werden sollte, seid dessen gewiß, daß Er die Kaninchen für die Felsen hat und Gemsen für die hohen Berge und Wälder für die Störche, für jedes Zeitalter eine passende Form des christlichen Lebens, die seinem Namen Ehre bringt, finden wird.

Wie in jedem Zeitalter, so ist es auch in jeder Stellung, in der Menschen gefunden werden. Geht in alle Klassen der Gesellschaft, und ihr werdet finden, daß die christliche Religion, wenn sie in Wahrheit angenommen wird, für alle Stellungen gleich gut paßt. Hier und da sind auf dem Thron Menschen gefunden worden, die Gott gefürchtet haben und von einer Krone auf Erden zu einer Krone im Himmel gegangen sind. Es kann keine bessere Eignung zum Beherrschen eines Reichs geben als Gehorsam gegen den König aller Könige. Geht hinab vom Palast zum Armenhaus, wenig genug an Annehmlichkeit gibt es dort, aber der reiche Trost, der dem geringsten Armen gebracht werden kann, wird von der Hand sein, die an das Holz genagelt war. Er ist es, der die Schmerzen der Armut lindern und die Gefahren des Reichtums heiligen kann. Geht, wohin ihr wollt, unter die Geschäftigen, deren Sorgen um sie herum summen, und ihr werdet keine bessere Erleichterung für schmerzende Köpfe finden, als eine Betrachtung der Liebe Christi: oder geht zu denen, die Muße haben und sie in der Einsamkeit verbringen, kein Nachdenken kann so lieblich sein und ihnen die Zeit so vertreiben, wie das Nachdenken, das aus dem Evangelium Jesu Christi entspringt. Ehre sei Gott, und niemand braucht zu sagen: „Mein Geschäft gestattet mir nicht, ein Christ zu sein;“ wenn es so ist, so hast du kein Recht, dieses Geschäft zu betreiben, denn kein erlaubter Beruf ist ohne seinen Heiligen. Droben unter den Abgründen findet die Gemse sicheren Halt für ihre Füße, und so können Heilige unter Würden und Ehren sich erhalten, und in den dunklen Felsenklüften dieser sündenvollen Stadt können Christen nützlich und glücklich sein, wie Kaninchen unter den Felsen leben. Wo der Gläubige auf allen Seiten verfolgt ist, soll er nicht verlassen sein, und wo sein Herz trauert über den Wandel der Gottlosen, soll er bewahrt bleiben gleich dem gerechten Lot. Wie Gott Leben in jeder Region erhält, so erhält Er geistliches Leben in jeder Stellung und in jedem Beruf. Tröstet euch hiermit, ihr, die ihr in Umstände gesetzt seid, die der Gnade nicht günstig sind.

Aber ihr werdet geistliches Leben auch in jeder Kirche finden. Ich weiß, es ist die Vorstellung des Bigotten, daß alle wahrhaft Gottesfürchtigen zu der Denomination gehören, deren Zierde er selbst ist. Orthodoxie ist meine Doxie ; Heterodoxie ist die Doxie jedes anderen, der nicht mit mir übereinstimmt. Alle guten Leute gehen zum kleinen Bethel, und nirgendwo anders hin; alle beten an in Zoar und singen aus der und der Auswahl, und was die betrifft, die nicht Schiboleth sagen und die richtige Betonung auf das „ch“ legen, sondern Siboleth aussprechen, laß sie ergriffen und an der Furt des Jordans erschlagen werden. Es ist wirklich nicht Mode, sie lebendig zu verbrennen, aber wir wollen ihre Seelen zu ewigem Verderben verdammen, was das nächstbeste Ding ist und nicht ganz so lieblos erscheinen mag. Viele setzen voraus, weil in der Kirche wegen einer verordneten Handlung oder einer Lehre ein schwerer Irrtum ist, so seien keine lebendigen Kinder Gottes da. Ah, liebe Brüder, diese strenge Meinung entsteht daher, daß man es nicht besser weiß. Eine Maus hatte ihr ganzes Leben lang in einer Kiste gelebt und kroch eines Tages auf ihren Rand und sah sich um, soweit sie sehen konnte. Nun stand die Kiste aber nur in einer Polterkammer, aber die Maus war über ihre Größe erstaunt und rief aus: „Wie groß ist die Welt!“ Wenn einige Bigotte aus ihrer Kiste herauskommen und sich ein wenig umsehen wollten, würden sie das Gnadenreich weit größer finden, als sie träumen. Es ist wahr, daß diese Weiden ein sehr geeigneter Platz für Schafe sind, aber oben auf jenen Bergspitzen werden Gemsen von dem großen Hirten geweidet. Es ist wahr, daß jene mit Grün bedeckten Ebenen am besten für die Rinder sind, aber der Herr von allem hat seine Tiere in den Wäldern und seine Kaninchen in den Felsen. Ihr mögt lange umherzusehen haben, ehe ihr diese lebendigen Geschöpfe findet, aber Er sieht sie, wenn ihr es nicht tut, und es ist für ein Kaninchen sehr viel wichtiger, daß Gott es sieht, als daß Menschen es sehen; und so ist es eine unendlich wichtigere Sache für ein Kind Gottes, daß sein Vater weiß, es sei sein, als daß sein Bruder es weiß. Wenn mein Bruder nicht glauben will, daß ich ein Christ bin, so kann er es doch nicht ändern, daß er mein Bruder ist; er mag in seiner Unfreundlichkeit tun, was er will; aber wenn ich eins von Gottes Kindern bin und er auch eins, so kann das Band der Brüderschaft nicht zwischen uns zerbrochen werden.

Ich liebe es, zu denken, daß der Herr seine Verborgenen hat, - selbst in Gemeinschaften, die traurig vom Glauben abgewichen sind; und obwohl es eure und meine Pflicht ist, den Irrtum schonungslos aufzudecken und mit dem ikonoklastischen Hammer durch das Land zu gehen und die Götzen aller Gemeinden in Stücke zu brechen, wenn Gott uns Kraft gibt, so ist doch nicht ein Lamm in der Herde Christi, das wir nicht gern weiden möchten - es ist nicht der Geringste da, wie irrig auch in seinem Urteil, den unsere Seele nicht in warmer Liebe umfassen wollte. Gott hat in der Natur lebendige Geschöpfe an seltsame Plätze gestellt, und ebenso hat Er geistliches Leben an wunderlich abgelegenen Stellen erweckt, und hat seine Erwählten, wo man sie am wenigsten sucht.

Noch eins: Gottes Kinder sind in jeder Stadt zu finden. Manche von euch gehen fort, vielleicht bis an die Enden der Erde, und dieses Wort mag euch tröstlich sein. Der Herr hat überall sein erwähltes Volk. Die Gemsen sind auf den Felsen und die Kaninchen zwischen den Steinen und die Störche in den Bäumen. Geht, wohin ihr wollt, ihr werdet finden, daß Gott ein lebendiges Volk hat; oder wenn ihr in ein Land gesendet werden solltet, wo bis jetzt noch keine bekehrten Männer und Frauen sind, laßt euch dadurch nicht entmutigen, sondern sagt lieber: „Ich bin zu dem Zweck gesandt, Gottes Erwählte herauszufinden, die bis jetzt noch in Sünden verborgen sind. Ich soll das Werkzeug sein, des Herrn mit Blut Erkaufte, aber noch Verborgene, zu finden.“ Wenn du in eine Stadt gehst, die dem Götzendienst ergeben ist, so sollst du ihn zu dir sagen hören: „Ich habe ein großes Volk in dieser Stadt;“ geh deshalb hin und finde das große Volk heraus. Verkündige das Evangelium, sprich von der Liebe Jesu, und du wirst bald finden, daß deine Anstrengungen belohnt werden durch die Entdeckung derjenigen, die deinen Heiland lieben sollen und sich derselben Wahrheit freuen, die dein Herz fröhlich macht. Glaube nicht, daß es einen Felsen gibt ohne seine Gemse; glaube nicht, daß es einen Tannenwald gibt ohne seinen Storch; oder daß man Bäume am Bache finden kann ohne ihre Vögel. Erwarte zu finden, daß da, wo Gott weilt, einige sind, die seine Pilger sind, wie alle ihre Väter es waren.

Ich verlasse den ersten Punkt, indem ich das Wort wiederhole: Für jeden Ort ist eine Form des Lebens da.

II.

Zweitens: Der Text lehrt uns deutlich, daß jedes Geschöpf seinen geeigneten Platz hat. Vögel mit ihren Nestern für die Zedern des Libanon, Störche für die Tannenbäume, Gemsen für die hohen Berge und Kaninchen für die Steinklüfte. Jedes dieser Tiere nimmt sich am besten daheim aus. Geht in den zoologischen Garten und seht die armen Tiere da unter künstlichen Bedingungen, und ihr könnt kaum ahnen, was sie daheim sind. Ein Löwe im Käfig ist etwas sehr Verschiedenes von einem Löwen in der Wüste. Der Storch sieht kümmerlich aus in seinem Drahtkäfig, und man würde ihn kaum als dasselbe Geschöpf wieder erkennen, wenn man ihn auf dem Hausgiebel oder dem Tannenbaum sähe. Jedes Geschöpf sieht am besten an seinem eigenen Platze aus.

Nehmt jetzt diese Wahrheit und braucht sie für euch selbst. Jeder Mensch hat eine ihm von Gott bestimmte Stellung angewiesen, und die für jeden Christen verordnete Stellung ist die, in der er sich am besten ausnimmt; es ist die beste für ihn, und er ist der beste für sie; und wenn er seine Stellung ändern könnte und sie mit einer anderen vertauschen, so würde er nicht halb so glücklich, nicht halb so nützlich und nicht halb so sehr er selbst sein. Setzt den Storch auf die hohen Berge, setzt die Gemse auf die Tannenbäume - welche Ungeheuerlichkeiten! Nehmt meinen lieben Bruder, der zwanzig Jahre ein Arbeitsmann und stets ein geistlich gesinnter Mann war, und macht ihn zum Bürgermeister von London, und ihr verderbt ihn ganz und gar. Nehmt einen guten Hörer und laßt ihn predigen, und er würde eine traurige Figur spielen. Ein Mann am unrechten Platz wird nicht zu seinem Vorteil gesehen, ihr seht die verkehrte Seite, die rechte ist verborgen. Die Stellung, in die Gott mich gesetzt hat, ist die beste für mich. Möge ich daran denken, wenn ich murre und klage. Es mag sein, daß ich über die törichte Unzufriedenheit, die ganz und gar selbstsüchtig ist, hinaus bin, aber vielleicht bin ich mißvergnügt, weil ich meine, in einer anderen Lage Gott mehr verherrlichen zu können. Diese Art Unzufriedenheit schleicht sich leicht unbemerkt ein, aber laßt uns davor auf unserer Hut sein. Es ist töricht, zu rufen: „Wenn ich in eine andere Lage gesetzt wäre, könnte ich soviel mehr für Gott tun!“ Du könntest nicht soviel tun, wie du jetzt tun kannst. Ich bin gewiß, die Gemse würde die Weisheit Gottes nicht so gut in einem Tannenbaum zeigen, wie oben auf den hohen Bergen; und du würdest die Gnade Gottes anderswo nicht so gut zeigen, wie du es kannst, wo du bist.

„Ach,“ sagt der junge Christ “,ich bin nur ein Lehrling, wenn ich ein Meister wäre, könnte ich, wie ich glaube, Gott verherrlichen.„ Wenn du es nicht in deiner Lehrlingszeit tun kannst, so wirst du es nicht tun, wenn du Geselle wirst. „O, aber mein Laden ist so klein, mein Handel bringt mir so geringen Gewinn, ich kann nur wenig geben, und ich habe so wenig Gelegenheit, Gutes zu tun.“ Zögere, deinen Beruf aufzugeben, bis du deutliche Fingerzeige der Vorsehung hast, daß du es tun sollst, denn mancher, der seinen Platz verließ, ist wie ein Vogel gewesen, der von seinem Nest wegzog. Gott weiß besser, als du, was für dich das beste ist; beuge deine Seele vor seinem unumschränkten Willen. Gott bestimmt unseren Platz unendlich viel besser, als wir ihn bestimmen könnten, selbst wenn wir die Wahl hätten.

Meine geliebten Freunde, nicht nur jede Form des Lebens hat die für sie beste Stellung den äußeren Umständen nach, sondern auch in der inneren Erfahrung. Gott hat nicht zwei Geschöpfe ganz und gar gleich gemacht. Ihr könnt Blätter von einem Baum pflücken, aber ihr werdet nicht zwei finden, die genau gleich geadert sind. In der christlichen Erfahrung ist es ebenso. Wo nur lebendige christliche Erfahrung ist, da ist sie in einiger Hinsicht verschieden von der Erfahrung jedes anderen. In einer Familie mag jedes Kind dem Vater gleichen, und doch wird jedes Kind von dem anderen verschieden sein; und die Kinder Gottes, obwohl sie alle in einem Maße Christus gleich sind, sind doch nicht genau eins dem anderen gleich. Du hast neulich das Leben John Bunyans gelesen und sagtest: „O, wenn ich eine Erfahrung wie John Bunyan hätte, dann würde ich wissen, daß ich ein Kind Gottes sei.“ Das war töricht. Die Lebensbeschreibungen, die in unseren Blättern veröffentlicht werden, tun in vielen Fällen etwas Gutes, aber mehr Schaden, denn es gibt Christen, die sogleich anfangen, zu sagen: „Habe ich genau so gefühlt? Habe ich ganz dasselbe empfunden? Wenn nicht, dann bin ich verloren.“ Hast du gefühlt, daß du ein Sünder bist und Christus ein Heiland? Hast du nichts Eigenes mehr und blickst du allein auf Christus? Und wenn keine andere Seele denselben Pfad gegangen ist wie du, so bist du doch auf dem rechten Pfad; und wenn auch in deinem Pfade Seltsamkeiten sind, die ihn von allen anderen Pfaden unterscheiden, so ist es recht, wie es ist. Gott hat nicht die Gemse wie das Kaninchen gemacht, und hat auch nicht den Storch wie alle anderen Vögel gemacht, sondern Er hat jeden für den Platz geeignet gemacht, den er einnehmen sollte, und Er macht deine Erfahrung geeignet, einen Punkt seiner Herrlichkeit hervortreten zu lassen, der es auf andere Weise nicht könnte. Manche sind voller Freude, andere oft niedergedrückt; einige halten die glückliche Mitte; viele schwingen sich hoch empor und tauchen dann wieder in die Tiefe hinab; laßt uns diese unterschiedlichen Erfahrungen, da sie alle gleich klare Formen der göttlichen Freundlichkeit sind, annehmen und uns darüber freuen.

Das gleiche gilt von der Eigenart des Charakters. Jedes Geschöpf hat seinen angemessenen Platz, und ich glaube, daß jede Gemütsbeschaffenheit bestimmt ist, sich unter der Macht der Gnade für die Stellung des Menschen zu eignen. Ich möchte wünschen, ein anderes Temperament zu haben, als ich besitze - ich denke mitunter so - aber in anderen Augenblicken könnte ich nicht wünschen, irgend etwas in mir zu ändern, als das, was sündig ist. Martin Luther hätte wünschen können, so sanft wie Melanchthon zu sein, aber dann hätten wir keine Reformation gehabt: Melanchthon hätte sicher manchmal wünschen können, so energisch wie Martin Luther zu sein, aber Luther hätte es an seinem zärtlichsten Tröster gefehlt, wenn Melanchthon ebenso ungestüm gewesen wäre wie er selbst. Petrus wäre vielleicht besser gewesen, wenn er nicht solches Ungestüm besessen hätte, und möglicherweise wäre Johannes besser gewesen mit etwas mehr Festigkeit; aber doch, wenn Gott den Petrus macht, so ist er am besten als Petrus, und wenn Er Johannes macht, ist er am besten als Johannes, und es ist sehr töricht, wenn Petrus Johannes sein will, und wenn Johannes danach seufzt, Petrus zu sein. Lieber Bruder, die praktische Sache ist, sei du selbst in deiner Religion. Versuche nie, die Tugenden eines anderen nachzuäffen, oder deine Erfahrung den Gefühlen eines anderen anzupassen, oder deinen Charakter so zu formen, daß du aussiehst wie ein anderer frommer Mann, den du bewunderst. Nein, bitte den Herrn, der einen neuen Menschen aus dir machte, diesen zu bilden, wie Er ihn wollte, und welche Gnade Er hervorragend haben will, laß die hervorragend sein. Wenn du bestimmt bist, ein Held zu sein und dich ins Schlachtgewühl zu stürzen, so laß Mut entwickelt werden; oder wenn Er dich dazu bestimmte, im Hospital zu liegen und zu leiden, dann laß die Geduld ihr vollkommenes Werk haben; aber bitte den Herrn, dich nach seinem Willen zu bilden, damit Er, wie Er einen Storch schafft für eine Tanne und eine Tanne für einen Storch, einen Berg für eine Gemse und eine Gemse für einen Berg, so auch einen Platz für dich, den Menschen, findet, und für dich, den Menschen, den Platz, den Er für dich erschaffen hat. Da wird sein Name am meisten verherrlicht werden, und du wirst am sichersten sein. Schlage nicht wider den Stachel aus, sondern nimm das Joch freundlich an, und diene deiner Zeit und deinem Geschlecht, bis dein Meister dich heimruft.

III.

Nun kurz einen dritten Punkt. Es erhellt aus dem Text, daß jedes Geschöpf, das Gott gemacht hat, mit einer Zufluchtsstätte versorgt ist. Vögel fliegen zu den Bäumen und der Storch zu der Tanne, die Gemse flieht zu den Bergen und die Kaninchen zu den Felsen. Es ist eine Zufluchtsstätte für jedes dieser Geschöpfe, groß und klein, da. Denkt einen Augenblick daran, wenn Gott jedes Geschöpf glücklich gemacht hat und jedem Geschöpfe eine Zuflucht gab, so könnt ihr sicher sein, daß Er die Seele des Menschen nicht ohne Zuflucht gelassen. Und hier ist eine wichtige Wahrheit, denn gewiß, jeder Mensch ist in Gefahr, und jeder denkende Mensch weiß das. Mein Gott, schützest und schirmst Du das Kaninchen in dem Felsen, und ist kein Felsen da, in dem ich mich bergen könnte? Gewiß, Du hast nicht den Menschen gemacht und ihn ohne Zuflucht gelassen; wenn Du dem Kaninchen die Felsenkluft gibst, in der es sich verbergen kann, so muß eine Zuflucht für den Menschen da sein. Das muß sicher wahr sein, weil ihr und ich, wenn wir unser inneres Leben beobachtet haben, uns bewußt geworden sind, daß nichts auf Erden eine unsterbliche Seele ausfüllen kann. Ihr habt Glück im Geschäft gehabt und eine gute Gesundheit genossen; aber dennoch fühlt ihr in ruhigen Augenblicken des Nachdenkens ein Sehnen nach etwas, das nicht unter der Sonne gefunden werden kann. Habt ihr nicht Verlangen nach dem Unendlichen gefühlt - Hunger, den Brot nicht stillen kann; Durst, den ein Strom nicht löschen könnte? Und fühlt ihr nie - ich weiß, ich tue es als Mensch, ich spreche jetzt nicht als Christ - kalte Schauer der Furcht, die euer Wesen erbeben machen? Die Seele schaut vorwärts und erwägt: „Und soll ich ewig leben? Wenn mein Leib verwest, werde ich fortdauern? Bin ich ein Schiff, vom Stapel gelaufen, in den Strom des Daseins hinein, und soll ich weiter getragen werden in ein uferloses und geheimnisvolles Meer? Und was für ein Meer wird es sein, wird es ruhig oder von Stürmen bewegt sein?“ Oder um das Bild zu verändern: „Ich werde schlafen, aber in diesem Todesschlaf, was für Träume werden da kommen?“ Habt ihr nie all das gefühlt und in euren Herzen gesagt: „O, daß es einen Platz gäbe, wo ich mich verbergen könnte und nie mehr zittern! O, daß ich etwas ergreifen könnte, das meine unersättliche Sehnsucht befriedigte! O, daß ich meinen Fuß auf einen Felsen stellen könnte und nicht länger fühlen müßte, daß Treibsand unter mir ist! O, daß ich eine sichere und unbestreitbare Wahrheit kennen würde und einen Schatz besäße, der mich auf ewig bereicherte!“ Wohl denn, wenn ihr solches Sehnen habt, so muß es sicherlich etwas geben, womit es gestillt werden kann. Der Storch hat einen Instinkt, wonach er ein Nest von einer gewissen Art baut; es ist ein zu großes Nest, um auf einen Busch gestellt zu werden, er braucht einen Baum; es ist also irgendein Baum da, denn Gott machte nie einen Storch für einen Baum, ohne daß Er auch einen Baum für einen Storch machte. Hier ist eine Gemse; ihr setzt sie auf einer flachen Wiese nieder, und sie ist nicht glücklich. Gebt ihr die grünste Weide, sie blickt hinauf und sehnt sich. Seid gewiß, da diese kleinen Füße bestimmt sind, über Felsen und Klippen zu klettern, so sind auch Felsen und Klippen da, welche dazu bestimmt sind, daß die Füße darauf springen. Eine Gemse beweist das Dasein eines Berges, und der Schluß wird durch die Tatsache bestätigt. Jenes kleine Kaninchen kann nirgendwo anders leben als zwischen Steinen; es mag sich gern in den Spalten der Felsen verbergen; seid also gewiß, daß Felsen da sind, bestimmt für Kaninchen. So für mich, mit meinem Dürsten, meinem Sehnen, meinem Schmachten, meinen geheimnisvollen Instinkten - ist irgendwo ein Gott, ist irgendwo ein Himmel, ist irgendwo eine Versöhnung, ist irgendwo eine Fülle, die meine Leere füllt. Der Mensch braucht eine Zuflucht, es muß eine Zuflucht da sein; laßt uns zeigen, wo sie ist.

Geliebte, es ist eine Zuflucht da für den Menschen vor dem Gefühl der Schuld. Weil wir schuldig sind, darum sind wir voller Furcht: wir haben unseres Schöpfers Gesetz gebrochen, und deshalb haben wir Angst. Aber unser Schöpfer kam vom Himmel auf die Erde; Jesus, der Sohn Gottes, kam hierher, wurde Mensch und trug seines Vaters gerechten Zorn, damit wir ihn nie zu tragen hätten, und wer an Jesus glaubt, soll vollkommene Ruhe in seinen teuren Wunden finden. Da Christus für mich litt, ist meine Schuld getilgt, meine Strafe wurde von meinem Stellvertreter erduldet, deshalb höre ich die Stimme, die spricht: „Tröstet, tröstet mein Volk! Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, daß ihre Ritterschaft ein Ende hat, denn ihre Missetat ist vergeben; denn sie hat Zwiefältiges empfangen von der Hand des Herrn, um alle ihre Sünde.“ Und was die Furcht vor der Zukunft anlangt, so findet der, welcher an Jesus glaubt, eine Zuflucht davor in der Vaterschaft Gottes. Wer Christus vertraut, der spricht: ,Nun habe ich keine Furcht vor der Gegenwart, noch vor der Zukunft. Laß Katastrophe auf Katastrophe folgen, laß die Welt zusammenstürzen und das ganze Universum in Trümmer gehen; unter den Flügeln des ewigen Gottes muß ich sicher sein. Alles muß mir zum Besten dienen, denn ich liebe Gott und bin nach seinem Ratschluß berufen worden.“

Was für eine gesegnete Zukunft ist dies! Die kleinen Kaninchen in ihren Felsklüften sind vollkommen ruhig; so sind wir, wenn wir völlig in der Wahrheit unserer Gotteskindschaft eingehen, voll unaussprechlichen Friedens. Und was die Gegenwart betrifft, mit ihren Sorgen und Schmerzen und Herzpochen, so wohnt der Heilige Geist in uns, der Tröster, und wir fliehen zu Ihm und empfangen so reiche und mächtige Tröstungen, daß wir heute Frieden fühlen in der Mitte von Unannehmlichkeiten, und wenn auch in Verlegenheit, sind wir doch nicht in Verzweiflung. Brüder, es ist eine Zuflucht da in der Versöhnung Christi, in der Vaterschaft Gottes, in der steten Gegenwart des Trösters - es ist eine Zuflucht für den Menschen da - wollte Gott, wir alle hätten sie gefunden!

IV.

Und nun brauchen wir noch einen Augenblick eure Aufmerksamkeit für die vierte Bemerkung, daß für jedes Geschöpf die Zuflucht eine passende ist. Der Baum für den Vogel; die Tanne, ein besonderer und eigentümlicher Baum, für den Storch; ein hoher Berg für den Steinbock oder Ibex und die Felsen für das Kaninchen oder Hyrax. Was für ein Geschöpf es auch sein mag, jedes muß seine angemessene Zufluchtsstätte haben. Aber ihr werdet mir entgegnen: Ist denn eine Zufluchtsstätte da für jeden einzelnen Menschen? Sagtest du nicht, daß es nur eine Zuflucht für die Menschheit gäbe? Wenn ich es nicht sagte, so will ich es gewiß jetzt sagen. Es gibt nur eine Zuflucht unter dem Himmel oder im Himmel für jeden Menschen, der vom Weibe geboren ist, aber doch gibt es eine Zuflucht, die für jeden geeignet ist. Christus Jesus eignet sich für alle Arten von Sündern, alle Arten von Leidenden. Er ist ein Heiland, der sich so für mich eignet, als wenn Er gekommen wäre, mich zu retten und sonst niemanden; aber Er ist ein Erlöser, der ebenso merkwürdig angemessen für jeden anderen seiner Erlösten ist. Bemerkt also, daß in Christus Jesus eine Zuflucht ist für jene einfachen, vertrauenden Naturen, die das Evangelium sogleich annehmen und es glauben. Diese sind wie die kleinen Vögel, die zu den Bäumen fliegen, ihre Nester bauen und anfangen zu singen. Jesus Christus ist gerade für sie geeignet, Er ist eine Zuflucht für diese auserwählten Vögel der Luft, die euer himmlischer Vater täglich ernährt.

Aber es gibt andere von größerer Geisteskraft, die ungewöhnliche Unterstützung brauchen, ehe sie ihr Nest bauen und zufrieden sein können. Diese bedürfen wie der Storch eine besondere Stütze, und sie finden sie im Evangelium. Da sie schwerer an Zweifeln und Schwierigkeiten wiegen, so brauchen sie kräftige Wahrheiten, um darauf zu ruhen; diese finden große Tannen-Lehren und zedernartige Grundsätze in der Bibel, und sie ruhen darin. Viele von uns finden ihre Ruhe heute in den „Stücken, die nicht wanken, denn es ist unmöglich, daß Gott lüge.“ Wir finden unsere Ruhe in der Stellvertretung und verlassen uns auf die Vollständigkeit des Sühnopfers.

Einige ergreifen den einen großen Grundsatz und andere einen anderen in Verbindung mit der Gnade Gottes, und es hat Gott gefallen, starke, unbewegliche, ewige, unveränderliche Grundsätze in seinem Wort zu offenbaren, in denen nachdenkende und beunruhigte Gemüter Ruhe finden können. Ferner haben wir in der Kirche Gottes Männer von großer logischer Denkkraft: diese lieben die steilen Pfade des Denkens, aber wenn sie zu Christus kommen und Ihm vertrauen, so finden sie, ob sie auch der Gemse gleichen und die hohen Plätze lieben, doch in der Schrift guten Boden für sich. Die Lehre von der Erwählung und alle Geheimnisse der Vorherbestimmung, die tiefen und wundervollen Lehren, von denen der Apostel Paulus spricht; wo ist der denkende Mann, der sich da nicht heimisch fühlen wird, wenn er Erhabenheit liebt? Wenn ihr die Geistesrichtung habt, der es Freude macht, sich mit den hohen Dingen Gottes zu beschäftigen, die das Staunen der Menschen und Engel sind, so werdet ihr euch in dem Evangelium heimisch, und was besser ist, sicher fühlen. Wenn ihr in Christus seid, sollt ihr guten, soliden, sicheren Stoff für die tiefsten Betrachtungen haben. Vielleicht, weit entfernt, kühn, verwegen und gedankenvoll zu sein, seid ihr der Gemse nicht vergleichbar, sondern seid sehr schüchterne, zitternde, kleine Geschöpfe wie das Kaninchen. Wenn jemand in die Hände klatscht, fort läuft das Kaninchen; es fürchtet sich immer.

Aber es ist eine Zuflucht da für das Kaninchen; und ebenso ist in der Gnade Gottes für sehr schüchterne, zitternde Leute eine geeignete Zuflucht da. Hier ist ein hervorragender Schutz für einige von euch, unter den ihr euch flüchten könnt. „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir, weiche nicht, denn ich bin dein Gott.“ Hier ist ein anderer: ,Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen.„ Mancher arme Zitternde hat sich unter diesem herablassenden Worte geborgen. Wenn ich nicht Schutz unter dem einen Spruch finden kann, was für ein Segen ist es dann, daß die ganze Bibel voll Verheißungen ist, und es sind Verheißungen in der Bibel, die für eine gewisse Art von Gemütern gemacht scheinen, als wenn der Heilige Geist seine Gedanken und Worte in alle Formen gegossen hätte, um sie allen Gedanken und Gemütern anzupassen, die Er segnen wollte. O zitternde Seele, obwohl du dich fürchtest, zu sagen, daß du Jesus angehörst, komme doch und ruhe in Ihm, verbirg dich in seiner gespaltenen Seite, und du bist sicher.

V.

Nun müssen wir schließen, und wir tun es mit dieser Bemerkung, daß jedes Geschöpf seine Zufluchtsstätte benutzt, denn die Störche machen ihre Nester in den Tannen, und die Gemsen klettern auf die hohen Berge, und die Kaninchen verbergen sich in den Felsklüften. Ich hörte nie von einem dieser Geschöpfe, daß es seine Zuflucht vernachlässige - sie lieben ihre natürliche Wohnstätte: aber ich habe von Männern gehört, die ihren Gott vernachlässigt haben, ich kenne Frauen, die Christus vergessen haben. Wir sprechen von „dummen Schafen.“ Ach, wenn die Schafe es wüßten, wie wir wären, so würden sie sich wundern, daß wir sie dumm nennen. Das Kaninchen, das in Gefahr nicht seinen Felsen sucht, ist töricht; aber die Seele, die in Gefahr nicht ihren Heiland sucht, ist unsinnig - unsinnig? nein, wenn es einen Wahnsinn geben kann, der so weit über den Wahnsinn hinausgeht wie der Wahnsinn über den gesunden Verstand, dann ist dies der rasende Irrsinn eines Menschen, der den Heiland vernachlässigt. Ich habe von keinem dieser Geschöpfe gehört, daß es die bereitete Zuflucht verachtet. Die Vögel sind zufrieden mit den Bäumen, und der Storch mit der Tanne, und selbst das Kaninchen mit seinem Felsenloch, aber, ach! es gibt Menschen, die Christus achten. Gott selbst wird die Zuflucht der Sünder, und doch verachten Sünder ihren Gott. Der Sohn Gottes öffnet seine Seite und legt sein Herz bloß, damit eine Seele komme und in der blutroten Kluft Schutz suche, und doch weigert sich diese Seele manchen Tag lang, den Schutz anzunehmen. O, wo sind Tränen? Wer wird uns geeignete Ausdrücke geben für unsern Schmerz, daß Menschen solche Ungeheuer gegen sich selber und gegen ihren Gott sind? Der Ochse kennt seinen Herrn und der Esel die Krippe seines Herrn; aber Menschen kennen Gott nicht. Der Storch kennt seine Tanne, die Gemse ihre Klippe und das Kaninchen seine Kluft, aber der Mensch kennt nicht seinen Christus. Ach, Menschheit, was hat dich befallen? Welch seltsamen Wein von Gomorrha hast du getrunken, der dich so berauscht hat!

Noch ein anderes, ich habe nie von einem Storch gehört, der, wenn er eine Tanne antraf, sein Recht bezweifelte, ein Nest da zu bauen, und ich hörte nie von einem Kaninchen, das es in Frage stellte, ob es ihm erlaubt sei, in die Felsspalte hineinzulaufen. Wie? diese Geschöpfe würden bald umkommen, wenn sie beständig zweifelten und fürchteten, ob sie auch ein Recht hätten, die Veranstaltungen der Vorsehung zu benutzen. Der Storch sagt zu sich: „Ah, hier ist eine Tanne;“ er berät mit seiner Störchin: „Ist diese passend zu einem Nest, worin wir unsere Jungen aufziehen können?“ „Ja,“ sagt sie, und sie sammeln das Material und ordnen es. Da ist nie irgendeine Überlegung: „Dürfen wir hier bauen?“ sondern sie bringen ihre Zweige und machen ihr Nest. So sagt auch die Gemse auf der Klippe nicht: „Hab ich ein Recht, hier zu sein?“ Nein, sie muß irgendwo sein, und hier ist eine Klippe, die ihr gerade paßt; und sie springt hinauf. Aber obwohl diese vernunftlosen Tiere die Veranstaltungen ihres Gottes kennen, so kennt der Sünder doch nicht die Veranstaltungen seines Heilandes. Er spielt mit Worten und fragt: ,Darf ich?“ und: „Ich fürchte, es ist nicht für mich,“ und: „Ich denke, es kann nicht für mich gemeint sein; und ich bin bange, es ist zu gut, um wahr zu sein.“ Und doch sprach niemals jemand zum Storch: „Wer auf dieser Tanne baut, dessen Nest soll nie herunter gerissen werden.“ Kein inspiriertes Wort hat je zum Kaninchen gesagt: „Wer in diese Felsspalte hineinflieht, soll nimmermehr herausgetrieben werden;“ wenn es so gewesen wäre, würde es die Gewißheit doppelt gewiß gemacht haben. Und doch ist hier Christus für die Sünder gerade die Art von Heiland, den Sünder nötig haben, und die Ermutigung ist hinzugefügt: „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen;“ „Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ O, liebe Brüder und Schwestern, widersteht nicht der Großmut eines Sünden vergebenden Gottes, der die Sünder kommen und willkommen heißt. Kommt, glaubt an Jesus und findet die Errettung jetzt. O, daß ihr kämet, es ist das, was Gott für eure Bedürfnisse bereitet hat. Kommt, nehmt es, denn Er heißt euch kommen. „Der Geist und die Braut sprechen: Komm, und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Glauben heißt Jesus vertrauen, seinem Leiden vertrauen, seiner Versöhnung vertrauen, und seine Seligkeit allein auf Ihn bauen. Möge Gott euch fähig machen, dies zu tun um Christi willen. Amen. 

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