Spurgeon, Charles Haddon - Eine Lehre aus dem Leben des Assa

Hierin hast du thörlich gethan, darum wirst du auch von nun an Kriege haben.
2 Chron. 16, 9.

Unser Text führt uns dazu, von geschichtlichen Dingen zu sprechen, und hierfür mache ich durchaus keine Entschuldigung, obwohl ich zuweilen sehr thörichte Christen von dem geschichtlichen Teil der Bibel geringschätzig habe sprechen hören. Gedenkt daran, daß die historischen Bücher fast die einzigen heiligen Schriften waren, welche die alten Heiligen besaßen; und aus diesen lernten sie den Willen Gottes. David sang von der Glückseligkeit des Mannes, der seine Freude an dem Gesetz des Herrn hat, doch hatte er nur die ersten fünf Bücher und vielleicht Josua, Richter und Ruth, alles geschichtliche Bücher, über die er Tag und Nacht nachdachte. Der Psalmist selbst sprach mit großer Liebe von diesen Büchern, welche für ihn die einzigen Gesetze und Zeugnisse des Herrn waren mit Hinzufügung des Buches Hiob vielleicht. Andre Heilige hatten ihre Freude an den Geschichten des Wortes Gottes, ehe die mehr geistlichen Bücher ihnen überhaupt in die Hände kamen. Wenn sie richtig betrachtet werden, so sind die Geschichten des Alten Testaments voller Unterweisung. Sie liefern uns sowohl Warnungen als Vorbilder in dem Gebiete praktischer Moral; und in ihren Buchstaben verborgen liegen gleich Perlen in Muschelschalen große, in Bilder und Allegorien gekleidete geistliche Wahrheiten. Ich kann von dem am wenigsten wichtigen all dieser Bücher sagen, was unser Herr von den Kindern sagte: „Sehet zu, daß ihr nicht jemand von diesen Kleinen verachtet.“ Von der Heiligen Schrift etwas abthun, ruft einen Fluch auf die verwegene That herab: mögen wir uns niemals die Strafe zuziehen! Alle Schrift ist durch Inspiration gegeben und ist nützlich; laßt uns Nutzen daraus ziehen. Wir wollen sehen, ob wir nicht eine Lehre aus dem Leben des Königs Assa entnehmen können.

Wir wollen damit anfangen, daß wir beachten, wer er war und was er in seinen besseren Tagen gethan hatte, denn dies wird uns helfen, den Fehler klarer zu verstehen, in den er fiel. Er war ein Mann, von dem es heißt, daß sein Herz rechtschaffen vor dem Herrn war sein lebenlang. Es ist etwas Großes, wenn dies von jemand gesagt wird; in der That, es ist das größte Lob, das über einen sterblichen Menschen ausgesprochen werden kann. Wenn das Herz, die Absicht, die herrschende Neigung recht ist, so wird der Mensch für einen guten Menschen vor dem Herrn gerechnet, ungeachtet tausend Dinge da sein mögen, die nicht lobenswert sind — ja, und einige Dinge in seinem äußeren Wandel, die tadelnswert sind. Assa war in dem früheren Abschnitt seines Lebens dadurch bemerkenswert, daß er den Gottesdienst wieder einrichtete und mit großem Fleiß durchführte, obgleich seine Mutter götzendienerisch war und sein Vater Abia wenig besser. Er hatte in seiner Jugend keine Erziehung genossen, die ihn richtig leiten konnte, sondern eine ganz entgegengesetzte; doch war er sehr entschieden, selbst in den ersten Tagen seiner Regierung, für den Herrn, seinen Gott, und handelte in allen Dingen mit dem ernsten Wunsche, Jehovah zu ehren und sein Volk von allen Götzen hinweg zur Anbetung des wahren Gottes zu führen. Nun, ein Leben kann gut beginnen und doch vor seinem Schlüsse getrübt sein; das Grün der ersten Frömmigkeit mag zum dürren und gelben Blatt der Rückfälligkeit verwelken. Wir mögen die Gnade Gottes in unsren jungen Tagen besitzen, aber falls wir nicht Tag für Tag Hilfe von oben haben, so können tote Fliegen die Salbe verunreinigen und den süßen Duft unsres Lebens verderben. Wir werden es nötig haben, gegen die Versuchung zu wachen, so lange wir in dieser Wüste der Sünde sind. Im Himmel erst sind wir außer Schußweite des Teufels. Obgleich wir auf den Wegen des Herrn erhalten sein mögen, wie Assa es war, fünfzig oder sechzig Jahre lang, so werden wir doch, wenn der Herr uns einen einzigen Augenblick verläßt, seinem heiligen Namen Unehre machen.

In der Mitte seiner Regierung ward Assa durch eine sehr ernste Gefahr auf die Probe gestellt. Er wurde von den Äthiopiern angegriffen, die in mächtigen Scharen gegen ihn heranzogen. Was für ein Heer, das gegen das arme, kleine Juda aufgestellt ward — eine Armee von einer Million Fußvolk und dreihundert Wagen! Das ganze Heer, was Assa aufbieten konnte, — und er that sein Bestes — war nur klein im Vergleich zu dieser mächtigen Armee; und es schien, als wenn das ganze Land aufgefressen werden sollte, denn es waren genug Menschen da, um Judäa handvollweise wegzutragen. Aber Assa glaubte an Gott und befahl deshalb, nachdem er seine kleine Schar gemustert hatte, die Schlacht dem Herrn, seinem Gott. Leset aufmerksam das ernste, gläubige Gebet, das er darbrachte. „Und Assa rief an den Herrn, seinen Gott, und sprach: Herr, es ist bei Dir kein Unterschied, helfen unter vielen, oder da keine Kraft ist, hilf uns Herr, unser Gott, denn wir verlassen uns auf Dich, und in Deinem Namen sind wir gekommen, wider diese Menge. Herr, unser Gott, wider Dich vermag kein Mensch etwas.„ Wie großartig warf er seine ganze Bürde auf den Herrn! Er erklärte, daß er auf den Höchsten baute, und glaubte, daß Gott den Sieg ebensowohl durch wenige und schwache Leute, als durch eine ungeheure Armee geben könne; nach diesem Gebet zog er mit heiliger Zuversicht in die Schlacht, und Gott gab ihm den Sieg. Die Macht Äthiopias ward vor ihm gebrochen, und Judas Heere kehrten mit Beute beladen zurück. Ihr hättet nicht gedacht, daß ein Mann, der diese große That vollenden konnte, ein wenig später voll Unglauben werden würde; aber der größte Glaube von gestern wird uns nicht für heute Vertrauen geben, wenn nicht die frischen Quellen, die in Gott sind, aufs Neue überfluten. Sogar Abraham, der zu einer Zeit „nicht zweifelte an der Verheißung Gottes durch Unglauben,“ zweifelte eine Weile nachher in einer weit weniger schwierigen Sache. Die größten Knechte Gottes sinken bald, wenn der Herr sein Angesicht verbirgt, sogar unter die geringsten hinab; alle Stärke des Stärksten liegt in Ihm.

Nachdem Assa so durch göttliche Kraft einen großen Sieg errungen hatte, wurde er nicht stolz, wie manche es werden, sondern begann, einer prophetischen Warnung gehorsam, sein Land durch eine gründliche Reformation zu reinigen; er that es, und that es gut. Er zeigte keine Parteilichkeit für die Reichen und Großen seines Landes, die der Anbetung falscher Götter schuldig waren, denn die Königin-Mutter war eine große Beförderin der Abgötterei, und hatte einen eignen Hain mit einem Tempel darin, in dem ihr eignes, besonderes Götzenbild war; aber der König setzte sie von ihrem Amte ab, nahm ihren Götzen, und zerbrach ihn nicht nur, sondern zerstieß und verbrannte ihn mit allen Zeichen der Verachtung am Bach Kidron, in den die Abzugskanäle des Tempels flössen, um das Volk wissen zu lassen, daß weder an hohen Stätten noch bei den Armen im ganzen Lande etwas übrig bleiben sollte, das den Herrn erzürnen könnte. Dies war gut gethan. O, daß eine solche Reformation in diesem Lande stattfände, denn das Land fängt an, mit Götzen und Messe-Häusern bedeckt zu werden! Überall errichten sie die Altäre ihrer Brotgottheit, Schreine für die Königin des Himmels, das Kruzifix und die Heiligen, während die geistliche Verehrung Gottes beiseite gesetzt wird, um Platz zu machen für eitle Schaustellungen und geistliche Maskeraden. Der Gott der Reformation — wie sehr ist er heutzutage vergessen. O, daß die Tage des John Knox und seiner Covenanter zurückkehrte! Assa war für eine radikale Reform und führte sie tapfer durch. Ihr hättet nicht gedacht, daß ein so gründlicher Mann — ein Mann, der, wie vorzeiten Levi, seine eigne Mutter nicht kannte, wenn es den Dienst Gottes betraf, sondern gerade durchging, wie man es nennt — ihr hättet nicht vorausgesetzt, daß er der Mann sein würde, der, als er in eine andre Not geriet, hinter einem Götzendiener herlief, vor ihm sich krümmte, und ihn um seine Hilfe bat. Ach, die besten Menschen sind im besten Falle Menschen. Gott allein ist unveränderlich. Er allein ist immer gut oder überhaupt gut. „Es ist niemand gut, denn der einige Gott.„ Wir sind nur gut, soweit Er uns gut macht, und wenn seine Hand auch nur auf einen Augenblick zurückgezogen wird, so weichen wir seitwärts wie ein trügerischer Bogen oder ein gebrochener Knochen, der schlecht eingerenkt ist. Ach, wie bald sind die Mächtigen gefallen, und die Kriegswaffen zerbrochen, wenn der Herr nicht aufrecht hält!- Assa, der staunenswerte Dinge thun konnte, und der so gut und richtig vor seinem Gott wandelte, kam desungeachtet dahin, thöricht zu handeln, und sich lebenslange Züchtigung zuzuziehen.

Ich habe euch so seinen Charakter dargestellt, weil es sich gebührte, damit anzufangen; wir waren es seinem Andenken und uns selber schuldig, denn wir müssen daran gedenken, daß er, was wir auch gegen ihn zu sagen haben werden, doch sicherlich ein Kind Gottes war. Sein Herz war recht; er war ein aufrichtiger, echter, begnadigter Gläubiger. Wenn jemand einwirft, daß er große Fehler hatte, und deshalb kein Kind Gottes sein konnte, so bin ich gezwungen, zu antworten, daß man zu allererst ein fehlerloses Kind Gottes auf dieser Seite des Himmels vorzeigen müsse, ehe man hinreichenden Grund zu einem solchen Einwurf hat. Ich finde, daß die heiligsten Männer in der Schrift ihre Unvollkommenheiten hatten, mit alleiniger Ausnahme unsres Herrn, des „Apostels und Hohenpriesters, den wir bekennen,“ in dem keine Sünde war. Seine Kleider waren weißer, als ein Färber sie machen kann, aber alle seine Diener haben ihre Flecken. Er ist Licht, und in Ihm ist keine Finsternis, aber wir mit aller Helligkeit, die seine Gnade uns gegeben hat, sind im besten Falle nur armselige, trübe Lampen. Ich mache nicht einmal eine Ausnahme mit denen, die Vollkommenheit beanspruchen, denn ich habe nicht mehr Glauben an ihre Vollkommenheit, als an des Papstes Unfehlbarkeit. Es ist genug von dem irdenen Gefäß an den besten Knechten Gottes übrig, um zu zeigen, daß sie irden sind und daß die Herrlichkeit des himmlischen Schatzes göttlicher Gnade, die in sie gelegt ist, von Gott ist und nicht von ihnen selbst.

So wollen wir uns wenden zu dem schweren Irrtum, in den Assa fiel, der Thorheit, die der Prophet an ihm rügte. Er ward von Baesa, dem König des angrenzenden Landes Israel, bedroht; es ward ihm nicht direkt der Krieg erklärt, aber Baesa begann eine Festung zu bauen, welche die Pässe zwischen den beiden Ländern beherrschen und das Volk Israel hindern sollte, sich in dem Land Juda niederzulassen oder seine jährlichen Pilgerfahrten nach Jerusalem zu machen. Nun hätte man natürlich nach Assas früherem Verhalten erwarten sollen, daß er entweder sehr wenig sich um Baesa gekümmert oder sonst die Sache vor Gott gebracht hätte, wie er es in der Sache der Äthiopier that. Aber dies war eine sehr viel kleinere Not, und ich denke, eben weil es eine kleine Not war, so meinte Assa, daß er sich sehr gut selbst durch den Beistand eines Armes von Fleisch heraushelfen könne. Damals beim Einbruch zahlloser Horden Äthiopier muß Assa gefühlt haben, daß es nichts nützen würde. Ben Hadad, den König von Syrien, herbei zu rufen oder eins der andren Völker um Beistand zu bitten, denn mit all ihrer Hilfe wäre er nicht dem furchtbaren Kampfe gewachsen gewesen. Deshalb wurde er zu Gott getrieben. Aber da dies eine kleinere Prüfung war, scheint er nicht so ganz das Vertrauen auf Menschen aufgegeben zu haben; sondern schaute umher und dachte, daß Ben Hadad, der heidnische König von Syrien, dahin gebracht werden könnte, den König von Israel anzugreifen; und dadurch würde er ihn hindern, die neue Festung zu bauen, würde seine Aufmerksamkeit teilen, seine Hilfsquellen verringern und Juda eine schöne Gelegenheit geben, ihn zu bekriegen. Gläubige handeln oft schlechter in kleinen Prüfungen als in großen. Ich habe einige Kinder Gottes gekannt, die mit Gleichmut den Verlust von fast allem, was sie besaßen, getragen hatten, aber beunruhigt und außer sich waren, und zu aller Art von Zweifel und Mißtrauen gebracht wurden durch Leiden, die kaum des Nennens wert waren. Wie kommt es, daß Schiffe, die einen Orkan aushalten, nichtsdestoweniger auf eine Sandbank getrieben werden können, wenn nur eine Handvoll Wind da ist, daß Schiffe, die den breiten Ozean durchsegelt haben, doch in einem schmalen Strom untergegangen sind? Es beweist nur, daß nicht die Stärke der Prüfung die Hauptsache ist, sondern das Haben oder Nichthaben der Nähe Gottes; denn in der großen Prüfung durch die Äthiopier gab Gottes Gnade dem Assa Glauben, aber in der kleinen Prüfung durch Baesa, König von Israel, hatte Assa kleinen Glauben und begann sich nach Menschenhilfe umzusehen.

Beachtet, daß Assa an Ben Hadad, den König der Syrer, sich wandte, der ein Verehrer eines falschen Gottes war, mit dem er durchaus keine Verbindung und kein Bündnis hätte haben sollen; und was noch schlimmer war, er verleitete Ben Hadad dazu, seinen Bund mit Baesa zu brechen. Hier war ein Kind Gottes, das die Ungöttlichen lehrte, unwahr zu sein, ein Mann Gottes, der ein Lehrer für Satan ward und einen Heiden lehrte, seinem Versprechen untreu zu werden. Dies war Politik. Es ist die Art, wie die Könige der Erde gegeneinander handeln; sie sind stets bereit, Verträge zu brechen, obgleich durch die feierlichsten Versicherungen gebunden. Sie nehmen es leicht mit Bündnissen. Die größte Aufgabe für Gesandte ist selbst heutzutage, zu sehen, wer den andren in Verwicklungen bringen kann, denn wie ein Staatsmann einmal sagte: „Ein Gesandter ist ein Mann, der in fremde Länder gesandt wird, um zum Besten seines Landes zu lügen.„ O, die Kniffe, Komplotte, Trügereien, Zweideutigkeiten und Intriguen der Diplomatie! Kein Kapitel in der menschlichen Geschichte zeigt unsre gefallene Natur in traurigeren Farben. Assa dachte ohne Zweifel, daß im Kriege alles erlaubt sei. Er nahm die allgemeine Regel, den allgemeinen Maßstab der Menschen und richtete sich danach; während er als ein Kind Gottes alles hätte verschmähen sollen, was unehrenhaft oder unwahr war; und zu einem heidnischen König sagen: „Brich deinen Bund mit Baesa und mache einen Bund mit mir“ — nun, wenn sein Herz in richtigen Zustande gewesen wäre, so hätte er lieber seine Zunge verloren, als solche schmähliche Worte geäußert. Aber, Kind Gottes, wie er es war, als er einmal von dem schlichten, einfachen Wege, Gott zu glauben, abgewichen war, da war nicht zu sagen, wie weit er gehen würde. Wenn ihr den Helm des Schiffes auf den Punkt richtet, nach dem ihr zu steuern gedenkt, und geradeaus steuert, was euch auch in den Weg kommt, dann wird euer Kurs richtig genug sein, wenn ihr eine Triebkraft in euch habt, die von Wind und Flut unabhängig ist; aber wenn ihr anfangt, nach der einen Seite hin zu lavieren, so müßt ihr später nach der andren Seite hin steuern; und wenn die Politik euch dahin führt, dies Unrecht zu thun, so wird sie euch dahin führen, ein andres Unrecht zu begehen und so weiter bis zu einem bejammernswerten Grabe. Wenn unser Wandel mit dem Herrn ist, so ist es ein sicherer, heiliger, ehrenvoller Wandel, aber der Weg des Fleisches ist böse und endet in Schande.. Wenn ihr dem Weg der Welt folgt, so wird er sich, obwohl stets ein sehr voller Weg, doch in kurzem als ein elender, krummer, knechtischer, demütigender, armseliger Weg erweisen, der für den echten Himmelserben entehrend ist. Staub soll der Schlange Speise sein, und wenn wir die kriechenden, sich windenden, schleimigen Künste der Schlange üben, so werden wir auch Staub zu essen haben. Sollte ein Kind Gottes sich in dieser Art erniedrigen? Wenn ein Christ handelt, wie er handeln sollte, so handelt er wie ein Edelmann, nein, wie ein Prinz von dem königlichen Blute des Himmels, denn ist er nicht ein Sohn Gottes, einer von echtem Adel des Himmels? Aber wenn er dazu herabsinkt, zu handeln, wie Weltlinge es thun, so befleckt er seine Kleider mit Schmutz. Ich beschwöre euch, meine lieben Brüder und Schwestern, achtet wohl hierauf. Vielleicht spreche ich als Gottes Mund zu euer einigen, die eben jetzt in eine Prüfungszeit eintreten, ein Leid in der Familie, ein Unglück im Geschäft oder eine Schwierigkeit hinsichtlich einer beabsichtigten Heirat, ihr fragt: „welchen Weg soll ich einschlagen?„ Ihr wißt, was ein Weltmensch thun würde, und es ist euch vorgehalten, daß dies für euch der rechte Weg sein würde. Mein lieber Bruder, erinnere dich, daß du nicht von der Welt bist, gleichwie Christus nicht von der Welt ist; sieh' zu, daß du demgemäß handelst. Wenn du ein weltlicher Mann bist und thust, wie Weltmenschen thun, so habe ich nichts zu sagen, denn die, welche draußen sind, wird Gott richten; aber wenn du ein Mann Gottes bist, und ein Erbe des Himmels, so beschwöre ich dich, folge nicht der Gewohnheit, thue nicht ein Unrecht, weil andre es thun würden, und thue nicht ein kleines Böse um eines großen Guten willen, sondern fasse deine Seele in Vertrauen und bleibe dem Gewissen und dem ewigen Gesetz der Rechtlichkeit treu. Laßt andre thun, wie sie wollen, aber ihr selber habt den Herrn immer vor Augen und laßt Lauterkeit und Aufrichtigkeit euch bewahren. Bittet den Herrn, euch zu helfen. Steht nicht geschrieben, daß Er die Versuchung ein solches Ende gewinnen läßt, daß ihr es könnt ertragen? „Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Der wird dich versorgen, und wird den Gerechten nicht ewiglich in Unruhe lassen.“ Strecke nicht deine Hand aus zum Unrecht. Du magst, um dir selbst zu helfen, in fünf Minuten thun, was du in fünfzig Jahren nicht auslöschen kannst; und du magst dir eine lebenslängliche Reihe von Leiden durch eine einzige ungläubige Handlung zuziehen. Hüte dich davor, dich auf Ägypten zu stützen und nach Assyrien um Hilfe zu senden, denn diese werden dich unglücklich machen, aber dir nicht helfen. Rufe: „Herr, stärke nur den Glauben!„ Das ist's, was dir sehr not thut in der Prüfungsstunde, damit du nicht wie Assa zuerst dich vom Vertrauen auf Gott abwendest und dann beim Hinsehen auf einen Arm von Fleisch versucht wirst, unerlaubte Mittel zu gebrauchen, um den Beistand von Menschen zu gewinnen.

Assa that, nachdem er so weit auf dem unrechten Pfade vorwärts geschritten war, noch Schlimmeres, wenn es etwas Schlimmeres geben kann; denn er nahm das Gold und Silber, das zum Hause des Herrn gehörte, um damit das Bündnis des syrischen Monarchen zu erkaufen. Ich will nichts von dem sagen, was zu seinem eignen Hause gehörte. Er konnte damit thun, was er wollte, so lange er es nicht zu sündlichen Zwecken verwandte, aber er nahm von dem Schatze, der zum Hause des Herrn gehörte, und gab es Ben Hadad, um ihn zu bestechen, daß er seinen Bund mit Baesa bräche und mit ihm ein Bündnis mache. So ward Gott beraubt, damit der ungläubige König Hilfe in einem Arm von Fleisch fände. „Will ein Mensch Gott berauben?“ Doch zweifelt ein Christ nie an Gott und vertraut nie auf das Geschöpf, ohne Gott zu berauben. Wenn ihr Gott nichts andres raubt, so raubt ihr Ihm seine Ehre. Soll ein Vater finden, daß sein Kind einem Fremden mehr vertraut als ihm? Soll der Gatte sehen, daß seine Gattin Vertrauen auf seinen Feind setzt? Wird das ihm nicht etwas rauben, was köstlicher ist denn Gold? Ist es nicht ein Bruch jener ungeteilten Zuneigung und jenes vollständigen Vertrauens, das in der Ehe stattfinden sollte? Und soll ich meinem himmlischen Vater, meinem allmächtigen Helfer mißtrauen und auf ein armes, zerbrochenes Rohr Vertrauen setzen? Soll ich meine Last auf einen armen Mitsünder werfen und vergessen, auf meinen Heiland zu bauen? Soll der Freund meiner Seele nur mein Zutrauen bei schönem Wetter haben, und soll ich eine so schlechte Meinung von Ihm hegen, daß ich, sobald ein kleiner Sturm sich erhebt, zu einem andren laufe und ihn bitte, mein Schutz zu sein? Geliebte, laßt es nicht so mit uns sein, sonst werden wir sicherlich den Herrn betrüben und uns in Not bringen. Sind wir dessen nicht schon genug schuldig gewesen? Sollen wir den Herrn zur Eifersucht reizen? Sind wir darauf erpicht, seinen Heiligen Geist zu betrüben? Können wir nicht Assa uns zur Warnung dienen lassen? Brauchen wir auf diesen Felsen zu rennen, wenn wir rund umher den Schiffbruch andrer sehe? Der Herr gebe, daß wir uns hüten mögen seinem Wort gemäß.

So fiel dieser fromme Mann durch seinen Mangel an Glauben in viele Sünden, denn ich bin gezwungen, hinzuzusetzen, daß er die Schuld für die Folgen seines Verhaltens zu tragen hatte; als Ben Hadad, der König von Syrien, hinaufzog und Israel angriff, begnügte er sich nicht mit ein oder zwei Schlachten, sondern fing an, die Israeliten zu plündern und sie massenweise zu morden, so daß großes Leid über das Volk Israel gebracht wurde. Und wer anders war daran schuld, als der König von Juda, der die Syrer gerade zu diesem Zwecke gedungen hatte? Er, der der Israeliten ein Bruder hätte sein sollen, ward ihr Verderber, und jedesmal, wenn das grausame Schwert der Syrer die Weiber und die Kinder Israels schlug, hatte das arme, unglückliche Volk dieses Assa zu danken. Der Anfang der Sünde gleicht dem Auslassen der Wasser; niemand kann vorhersehen, welche Zerstörungen die Fluten verrichten werden. Brüder, wir können niemals sagen, was die Folgen einer einzigen unrechtlichen Handlung sein werden; wir mögen ein Feuer in dem Walde anzünden, bloß um unsre Hände zu wärmen, aber wohin die Funken fliegen und über wie viele Meilen der Brand sich verbreiten mag, kann ein Engel nicht vorhersagen. Laßt uns ängstlich uns von jeder zweifelhaften That fernhalten, damit wir keine bösen Folgen auf uns und andre bringen. Wenn wir keine Zündhölzer bei uns tragen, so werden wir keine Explosionen verursachen. O, daß wir heilige Ängstlichkeit, tiefe Gewissenhaftigkeit hätten und vor allem ernste Gewissenhaftigkeit im Punkt des Glaubens! Auf den Herrn vertrauen — das ist unser Geschäft; uns nur auf Ihn verlassen — das ist unsre einzige Sorge. „Meine Seele harret nur auf Gott, denn Er ist meine Hoffnung.„ Unglaube ist an sich selbst Abgötterei; Unglaube führt uns dahin, auf das Geschöpf zu trauen, was Thorheit ist; auf das Geschöpf trauen heißt in Wahrheit, das Geschöpf anbeten, es an Gottes Stelle setzen und so Gott betrüben und einen Nebenbuhler an dem heiligen Ort aufrichten.

Ich wünsche, daß ihr noch eine kleine Weile dieser Geschichte von Assa zuhörtet. Es geschah, daß Assas Dingen des Ben Hadad sich als eine schöne Sache für ihn erwies, und nach dem Urteil eines jeden, der zuschaute, war es gewiß ein glücklicher Griff von ihm. Nach Gottes Urteil war des Königs Verfahren böse, aber politisch erwies es sich nicht schlecht für ihn. Nun, viele Leute in der Welt beurteilen Handlungen nach ihren unmittelbaren Folgen. Wenn ein Christ etwas Unrechtes thut, und dabei Erfolg hat, so schließen sie sofort, daß sein Thun gerechtfertigt sei; aber ach, Brüder, dies ist eine armselige, blinde Art, die Handlungen der Menschen und die Vorsehung Gottes zu beurteilen. Wißt ihr nicht, daß es Fügungen des Teufels gibt, ebensowohl wie Fügungen Gottes? Ich meine dies so: Jona wollte nach Tarsis gehen, um vor Gott zu fliehen, und ging nach Japho; und was nun? Wohl, er fand ein Schiff, das gerade nach Tarsis ging. Was für eine Fügung! Was für eine Fügung! Seid ihr so thöricht, es in diesem Lichte anzusehen? Ich glaube nicht, daß Jona der Meinung war, als er zu Gott aus der Tiefe schrie. Als die Hohenpriester und Pharisäer Jesum gefangen nehmen wollten, fanden sie Judas bereit, Ihn zu verraten. War dies auch eine Fügung! Mag nicht Satan eine Hand dabei im Spiel haben, wenn die Waffe der Hand des Mörders so nahe gelegt oder Raub und Betrug so leicht gemacht wird? Haltet ihr es für ein Beispiel der göttlichen Güte, daß das Unkraut oft reichlich wächst, wenn der Weizen von der Dürre leidet? Oft haben wir Leute beobachtet, die etwas Unrechtes zu thun wünschten, und die Sachen fügten sich gerade so, daß ihnen dabei geholfen ward; und sie sprachen deshalb: „Was für eine Fügung!“ Ja, aber eine Fügung, die prüfen und auf die Probe stellen, nicht eine, die beim Begehen eines Unrechts helfen und Vorschub leisten sollte, eine Fügung, deren wir uns nicht zu freuen haben, sondern betreffs welcher uns gelehrt ist, zu beten: „Führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns vom Übel.„ Ein Unrecht ist ein Unrecht, was auch danach kommt. Wenn du durch eine Lüge auf immer ein reicher Mann werden könntest, so würde das die Natur der Lüge nicht ändern. Wenn du durch eine unredliche Handlung dich von allen geschäftlichen Verbindlichkeiten frei machen und fortan in wohlhabenden Umständen sein könntest, so würde das vor Gott nichts von der Schärfe des Bösen hinwegnehmen, nein, nicht ein einziges Jota. Es gefiel Gott aus weisen Gründen, die Politik seines Knechtes Assa gelingen zu lassen, aber jetzt werden wir sehen, daß Assa in eine schlimmere Lage denn je dadurch versetzt ward.

Die Prüfung seines Sinnes, die Probe seiner unwandelbaren Treue, ob er vor Gott wandeln wolle oder nicht, wurde strenger als zuvor, denn Gott sandte seinen Knecht, den Propheten, zu ihm, der zu ihm sprach: „Waren nicht der Mohren und Libyer eine große Menge? Doch gab sie der Herr in deine Hand, da du dich auf Ihn verließest. Und nun du von deinem Glauben abgewichen bist, hast du dadurch einen großen Segen verloren; denn wenn du Gott vertraut hättest, wärst du in den Krieg gezogen gegen Baesa und Ben Haded, und hättest sie beide geschlagen, und dein eignes Königreich wäre stark geworden durch das Niederwerfen dieser Nebenbuhler. Aber du hast das verloren; du hast sehr thöricht gehandelt, und Gott will dich dafür züchtigen, denn von diesem Tage an wirst du keinen Frieden mehr haben, sondern Krieg, so lange du König bist.“ Nun beachtet, wenn König Assa in Not gekommen wäre, als er in einer nicht zu rechtfertigenden Weise handelte, so wäre er ohne Zweifel demütig gewesen. Dann hätte er gesehen, wie unrecht er gethan, und hätte es bereut; aber da sein Thun kein Unglück mit sich brachte, und Gott ihn nicht dafür züchtigte, so wurde des Königs Herz stolz, und er sagte: „Wer ist dieser Mensch, daß er kommt und seinem König seine Pflicht vorhält? Denkt er, daß ich nicht ebensowohl wie er weiß, was recht und was unrecht ist? Legt den anmaßenden Eindringling ins Gefängnis.„ Als ein Prophet zu Rehabeam, der ein schlechter König war, kam, warf Rehabeam ihn nicht ins Gefängnis; er achtete und ehrte das Wort des Herrn. Ein schlechter Mensch mag bei einer besonderen Gelegenheit besser handeln, als ein guter; so handelte Rehabeam in dieser Sache besser, als Assa es that. Aber Assa war nun ganz auf verkehrtem Weg, er war hochfahrenden, trotzigen Sinnes; und dies ist nur, was wir erwarten konnten, denn wenn ein Mensch vor seinen Mitmenschen kriecht, so könnt ihr gewiß sein, daß er beginnt, vor Gott stolz zu wandeln. In dem Hochmut seines Herzens legte er den Propheten ins Gefängnis. Statt zu weinen und sich zu demütigen um deswillen, was er gethan, kerkerte er seinen Warner ein; und darauf begann er in seiner gereizten Stimmung und herrschsüchtigen Laune, etliche seines Volks zu unterdrücken. Ich weiß nicht, wer diese waren, aber wahrscheinlich waren es gottesfürchtige Leute, die mit dem Propheten fühlten und sagten: „Es wird sicher ein furchtbares Gericht über uns kommen, weil wir so gegen den Knecht Gottes handeln.“ Vielleicht sprachen sie sich frei darüber aus, und deshalb legte er auch sie ins Gefängnis. So wurde ein Kind Gottes der Verfolger eines Knechtes Gottes und andrer Gläubigen. O, es war sehr traurig, sehr traurig! Wohl mochte Gott da beschließen, daß der Zornige sehr schwer für seine Fehler leiden, und daß die Rute sein eignes Fleisch und Bein treffen sollte, und seine noch übrigen Tage voll Schmerzen machen. O geliebte Freunde, unter euren ernstlichen Gebeten laßt dies sein, daß Gott nie euren Sünden Gedeihen geben möge; denn sonst werden sie einen kalten Brand in eurem Herzen erzeugen, der zu noch gefährlicheren Krankheiten der Seele führen, und euch unvermeidlich ein trauriges Erbe von Trübsalen übermitteln wird. Gott schlägt nicht immer seine Kinder in der nächsten Minute, nachdem sie Unrecht gethan; zuweilen sagt Er ihnen, daß die Rute kommen wird, und läßt sie so durch die Furcht davor leiden, noch ehe sie es in Wirklichkeit thun, denn sie denken daran, was wohl kommen werde, und das mag ein größeres Leid für sie sein, als das Leiden selbst. Aber so gewiß sie sein eignes, erwähltes Volk sind, müssen sie gelehrt werden, daß die Sünde ein überaus großes Übel ist, und sie sollen keine Freude an ihrem Liebäugeln mit ihr haben.

So habe ich euch gezeigt, wer Assa war, in welche Fehler er geriet, und wie diese ihn zu andren Fehlern leiteten; und nun haben wir zu zeigen, was Gott mit ihm that, als Er ihn zur strengen Rechenschaft zog. „Nun,„ scheint Er zu sagen, „will ich ihn selbst in die Hand nehmen,“ und Er sandte ihm eine Krankheit in seine Füße — eine sehr schmerzhafte Krankheit dazu.. Er hatte Tag und Nacht zu leiden; er ward davon gequält, und hatte keine Ruhe. Gottes eigne Hand war schwer auf ihm; manche von uns wissen aus Erfahrung, daß Krankheit an den Füßen ein sehr schweres Leiden werden kann, so schwer wie nur irgend eins, es sei denn Krankheit des Gehirns. Nun lernte der König, daß gestickte Pantoffeln gichtischen Füßen keine Erleichterung geben können, und daß der Schlaf flieht, wenn Krankheit die Herrschaft hat. Dies hätte Assa zur Buße treiben sollen, aber Trübsale an sich bringen den Menschen nicht zurecht, und Assa war in einen so ungläubigen Gemütszustand geraten, daß er, anstatt Gott um Hilfe zu bitten, und um Erleichterung Ihn anzurufen, der die Krankheit gesandt, nach den Ärzten schickte. Es ist nicht unrecht, die Ärzte kommen zu lassen, es ist durchaus recht; aber es ist sehr unrecht, nach den Ärzten zu senden anstatt Gott zu rufen, und so der menschlichen Kraft den Vorzug vor der göttlichen zu geben; außerdem ist es sehr wahrscheinlich, daß diese Ärzte nur heidnische Beschwörer, Geisterbanner und vorgebliche Zauberer waren, und nicht zu Rat gezogen werden konnten, ohne den Patienten in ihre bösen Künste zu verwickeln. Obwohl Assa mit ihrem Heidentum nicht übereinstimmen konnte, so mochte er doch denken: „Wohl, sie sind berühmt wegen ihrer Kuren, und es kümmert mich nicht soviel, wer sie sind; ich will das übersehen; wenn sie mich heilen können, mögen sie kommen.„ So brachte ihn sein Unglaube um die Heilung, die Gott ihm schnell genug gewährt haben könnte, er hatte seine Ärzte und ihre Arzneien, aber sie waren ihm leidige Tröster, gaben ihm keine Erleichterung, und verursachten ihm wahrscheinlich mehr Leiden, als er ohne sie gehabt haben würde. Sie waren unnütze Ärzte, und ihre Medizin eine Betrügerei. Wie oft ist es so, wenn wir beharrlich von Gott hinwegsehen. Wer Gott hat, hat alles, aber wer alles außer Gott hat, hat in Wirklichkeit gar nichts.

Assas Leben war nach dieser Periode ein Leben voll Krieg und Schmerz. Sein Abend war umwölkt und seine Sonne ging im Unwetter unter. Habt ihr nie den Lebenslauf Davids beachtet? Was für ein glückliches Leben war dasjenige Davids bis zu einem Punkte hin! In seiner Jugend wurde er auf den Bergen gejagt wie ein Rebhuhn, aber er war sehr fröhlich. Was für freudige Psalmen pflegte er zu singen, als er ein niederer Hirtenknabe war! Und da er später als Verbannter in den Höhlen von Engedi weilte, wie herrlich strömte er da Worte der Dankbarkeit und Freude aus! Er war zu dieser Zeit und noch Jahre nachher einer der glücklichsten Menschen. Aber jene Stunde, wo er auf dem Dach seines Hauses ging und Bathseba sah und seinen unheiligen Wünschen nachgab, machte seinen glücklichen Tagen ein Ende; und obgleich er ein Kind Gottes war und Gott ihn nie verstieß, so hörte doch sein himmlischer Vater nie auf, ihn zu züchtigen. Von diesem Tage an ist sein Leben voller Leiden, Leiden durch seine eignen Kinder, eins nach dem andren, Undankbarkeit von seinen Unterthanen und Beunruhigung von seinen Feinden. Trübsale sproßten aus für ihn so reichlich wie Schierling in den Furchen. Er wurde ein weinender Monarch statt eines fröhlichen. Der ganze Ton seines Lebens ist verändert: ein düsterer Schatten ist über sein ganzes Bild geworfen. Ihr erkennt ihn als denselben Mann, aber seine Stimme ist gebrochen; sein Gesang ist tiefer Baß, er kann die hohen Noten der Tonleiter nicht erreichen. Von der Stunde an, in der er sündigte, begann er mehr und mehr zu leiden. So wird es mit uns sein, wenn wir nicht wachsam sind. Wir mögen ein sehr glückliches Leben in Christo bis zu diesem Augenblick geführt haben, und wir wissen, daß der Herr uns nicht verwerfen wird, denn Er verwirft nicht sein Volk, das Er zuvor versehen hat; aber wenn wir beginnen, mit Mißtrauen zu wandeln, unrechte Handlungen zu begehen und seinem Namen Unehre zu bringen, so mag Er von diesem Augenblicke an sprechen: „Aus allen Geschlechtern aus Erden habe ich allein euch erkannt; darum will ich auch euch heimsuchen in aller eurer Missethat. Weil ich euch lieb habe, will ich euch züchtigen, denn ich züchtige jeden Sohn, den ich lieb habe. Und nun, weil ihr so irre gegangen seid, sollt ihr eures eignen Abweichens satt werden. Eure Eitelkeiten sollen eure Bekümmernis in allen euren noch übrigen Tagen eures Lebens werden.“ Assa scheint keinen Frieden gehabt zu haben, bis er zuletzt entschlief, und dann, denke ich, war sein Sterbebett ebenso lieblich von Buße und Vergebung durchduftet, wie sein Lager beim Begräbnis von wohlriechenden Spezereien. Die liebliche Würze der vergebenden Liebe und des wieder belebten Glaubens war da, und er starb, sich in seinem Gotte freuend durch das große Opfer; zurückgebracht nach einer Zeit des Wanderns, endete sein umwölkter Tag zuletzt mit einer ruhigen, hellen Scheidestunde. Aber wer wünscht, so weit abzuirren, selbst wenn er zuletzt wiedergebracht wird? O Brüder, wir wünschen nicht bloß zum Himmel zu gehen, sondern wir möchten einen Himmel hier auf dem Wege zum Himmel genießen. Wir möchten nicht nur „von der Wüste herauffahren,„ sondern „von der Wüste herauffahren und uns auf unsren Freund lehnen.“ Wir wünschen nicht, selig zu werden, „so doch, als durchs Feuer,„ sondern einen weiten Eingang ins Reich unsres Herrn und Heilandes Jesu Christi aufgethan zu haben.

Assas Charakter war dem Volke wohl bekannt, und es liebte und achtete ihn. Der Fehler, den er begangen, betrübte ohne Zweifel viele der Gottesfürchtigen; aber trotz dessen fühlten sie, daß ein Fehler nicht die Erinnerung an vierzig Jahre eifrigen Dienstes des Herrn auslöschen dürfe; deshalb liebten sie ihn und ehrten ihn mit einem Begräbnis, das eines Königs würdig war, einem Begräbnis, durch das sie sowohl ihren Schmerz als ihre Achtung ausdrückten. Aber möge es nie von dir und mir gesagt werden: „Er führte ein gutes Leben; er zeichnete sich aus im Dienste Gottes und that viel; aber es kam ein unglücklicher Tag, an dem die Schwachheit des Fleisches das innere Leben überwältigte.“ O liebe Schwester, wenn du deine Kinder erzogen und deine Familie um dich her gesehen hast, und sie Beweise vor der ganzen Welt gewesen sind von der Art, wie du vor Gott gewandelt hast und von deiner Sorgfalt in Erfüllung deiner Pflichten, laß nicht in deinem Alter Unzufriedenheit, Murren und Klagen die Oberhand gewinnen, so daß deine Freunde sagen: „Zuletzt war sie nicht mehr die fröhliche Christin, die sie zu sein pflegte.„ Mein lieber Bruder, du bist ein Kaufmann und hast einer großen Menge Versuchungen widerstanden, und bist als ein Mann ehrenhaften Charakters bekannt, beginne nicht jetzt in einem Augenblick äußerster Versuchung, an deinem Gott zu zweifeln. Möge der Heilige Geist dich vor einem so großen Übel bewahren. In der Zeit deiner Not wirst du finden, daß der Herr Jehovah-Jireh (1 Mos. 22, 14) „der Herr stehet,“ ist. Er ist kein Schön-Wetter-Freund, sondern ein Schirm im Sturm, eine Zuflucht im Ungewitter. Stehe fest im Glauben an Ihn. Zweifle nicht an deinem Gott und thue nicht zweifelhafte Dinge infolgedessen, denn wenn du sie thust, so werden die, welche die lieben, sagen: „Er war ein guter Mann, aber er hatte eine traurige Periode von Schwäche und Unbeständigkeit, und obwohl er dies tief bereute, so ging er doch von diesem unglücklichen Tage an lahm zu seinem Grabe.„

Was für einen unschätzbaren Heiland haben wir, der solche Sünder, wie wir es sind, errettet! Was für einen teuren und hochgelobten Herrn haben wir, der uns nicht verwirft trotz all unsres Gleitens und Fallens und schmachvollen Irregehens. Geliebte, laßt uns nicht so niedrig sein, Ihn leichtfertig zu betrüben:

„Laßt mich nicht fallen, nicht verzagen,
Bin ich dem Netz der Sünde nah'!
Laß Deinen Geist dem meinen sagen:
Sei stark, ich bin zur Hilfe dal“

Mit solcher Warnung wie diese von Assa vor unsren Augen, laßt uns nicht in der Wachsamkeit nachlassen und uns gefühllos zur Seite wenden. „Der Gerechten Pfad glänzet wie ein Licht, das da fortgeht und leuchtet bis auf den vollen Tag.„ Das ist euer Vorbild, das ist die Verheißung, welche die Schrift euch vorhält. Haltet sie dem Herrn vor, und strebt sie zu verwirklichen. Laßt uns von Kraft zu Kraft gehen. Laßt uns beten, daß wir in der Gnade und Erkenntnis unsres Herrn und Heilandes Jesu Christi wachsen mögen. Wenn wir bisher der Stützen bedurft haben, äußerer und sichtbarer Stützen, und nicht im stande gewesen sind, ganz und gar uns auf Gott zu verlassen, möge der Herr uns helfen, stärker zu werden, so daß wir keine Krücken mehr brauchen. Mögen wir aufrichtig vor dem Herrn wandeln, weil wir auf Ihn hoffen, auf seine sichere Treue vertrauen und auf die Macht, welche verbürgt, daß seine Verheißung erfüllt werden wird.

Ich weiß nicht, zu wem ich ein nötiges Wort sprechen mag, ausgenommen daß ich weiß, es ist mir selber nötig. Vielleicht sind hier einige, für die es gerade das Wort ist, das sie brauchen. Lieber Bruder, das Leben des Glaubens ist ein gesegnetes; eines Gläubigen Laufbahn ist eine prüfungsvolle, sie ist ein Krieg; aber dennoch, alle Leiden des Glaubens zusammengenommen, gleichen nicht an Bitterkeit einem Tropfen des Leidens der Sünde oder einem Körnlein von dem Elend des Unglaubens. Des Königs Hochweg mag rauh sein, aber die „Nebenpfadswiese“ ist auf die Länge doch der rauhere Weg von den beiden. Es sieht sehr angenehm aus, auf dem grünen Rasen zu gehen, aber gedenkt daran, nur dem Scheine nach ist der Nebenpfad eben. Die Wege Christi sind liebliche Wege und alle seine Pfade sind Friede, verglichen mit andren Pfaden in der Welt; und wenn sie es nicht wären — wenn dem Herrn dienen uns nur in Not und Leid führte — ich hoffe, die treuen Herzen hier, die jungfräulichen Seelen, die Christus erwählt hat, würden entschlossen sein, durch Flut und Flammen zu folgen, wenn Jesus voran geht.. O Geliebte, möget ihr mit einfachem Glauben den Herrn empfangen! Möget ihr bezeugen, daß Er das lebendige Wort hat und keiner auf Erden außer Ihm! Weil eure Herzen schwach und wankelmütig sind, bittet Ihn, die Seile seiner Liebe um euch zu werfen und die Seile eines Menschen (Hos. 11, 4), euch fest an seinen Altar zu binden, daß ihr nicht von demselben weggehet; denn, wenn Er euch nicht festhält, so müßt und werdet ihr sinken und am Ende Abtrünnige werden. Aber Er wird euch halten, Er wird die Füße seiner Heiligen bewahren. Nur vertraut nicht auf euch selber. „Wer sich auf sein Herz verläßt, ist ein Narr.„ Wenn jemand sagt: „ich stehe,“ so sehe er zu, daß er nicht falle. Hütet euch vor jenem Selbstvertrauen und geistlichen Prahlen, das unter Christen gewöhnlich zu werden anfängt, ja, und unter einigen der besseren Art, die selbst mit ihren erreichten Vorzügen prahlen können; während sie, wenn sie sich selbst kennten, bekennen würden, daß sie nichts Besseres sind, selbst im besten Falle, als arme, nackte und elende Sünder und es nötig haben, auf Jesum zu hoffen, denn sie sind nichts als leere Prahler ohne Ihn, da wir nur in Christo etwas sind. „Wenn ich schwach bin, so bin ich stark,„ aber zu keiner andren Zeit. Wenn ich meine, etwas zu haben, des ich mich rühmen könnte, so bin ich in der That verächtlich; ich kenne mich selbst nicht und bin stockblind geworden, so daß ich nur sehe, wovon mein eigner Stolz mich glauben macht, daß ich es sehe. Möge der Heilige Geist uns demütig erhalten — uns am Fuß des Kreuzes halten — uns dicht bei der Verheißung halten, auf dem ewigen Felsen fußend und ausrufend: „Nichts bin ich, o Herr, nichts; aber Du bist alles in allem. Ich bin ganz und gar leer; komm und fülle mich. Ich bin ganz nackend; komm und kleide mich. Ich bin ganz schwach; komm und verherrliche Deine Macht, indem Du mich gebrauchst!“

Gott segne euch, lieben Freunde, und wenn einige unter euch sind, die keinen Gott haben, auf den sie trauen und keinen Heiland, den sie lieben können, mögt ihr jetzt Jesum suchen! Wenn ihr Ihn suchet, so will Er sich von euch finden lassen; denn wer an Ihn glaubt, der ist errettet, wer Christo vertraut, ist errettet. Vergebung und Errettung werden jeder Seele zu teil, die ihre Hoffnung an das Kreuz hängt. Möge Gott euch reichlich segnen um Christi willen. Amen.

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