Spurgeon, Charles Haddon - Die Kinder Gottes

„Derselbige Geist gibt Zeugnis unserm Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Sind wir denn Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi; so wir anders mitleiden, auf daß wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Röm. 8,16.17

Meine Brüder, welch ein Unterschied ist zwischen dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Stande des Kindes Gottes! Der Gläubige ist hienieden der Bruder des Wurms; im Himmel soll er der nächste Anverwandte der Engel sein. Hier ist er bedeckt mit dem Schweiß und Staub, der durch Adams Fall erworben ist; dort wird seine Stirn glänzen von der Unsterblichkeit, die durch Christi Auferstehung ihm zu teil geworden ist. Hier ist der Himmelserbe unbekannt; er ist verhüllt, oft in die Gewänder. der Armut gekleidet, aber dort wird sein fürstlicher Rang wahrgenommen und anerkannt werden, Engel werden ihm dienen, und er soll teilhaben an der Bewunderung, die das Weltall dem verherrlichten Erlöser zollen wird. Gut sagte unser Dichter vorhin:

„Es ist noch nicht erschienen,
Wie groß wir sollen sein.“

Ich denke, ich brauche euch nicht zu erinnern an euren Zustand hienieden; ihr seid zu bekannt damit, da ihr stündlich von Nöten beunruhigt werdet und geärgert durch eure eignen Schwachheiten, die Versuchungen des Satans und die Verlockungen dieser Welt. Ihr seid euch ganz bewußt, daß dies nicht eure Ruhe ist. Es sind zu viele Dornen in eurem Nest, um euch auf eine bleibende Stadt unter dem Himmel hoffen zu lassen. Ich sage, es ist ganz unnötig für mich, eure Erinnerungen an eure jetzige Lage aufzufrischen; aber ich fühle, es wird ein gutes und nützliches Werk sein, wenn ich euch daran erinnere, daß es hohe Vorrechte gibt, die ihr schon jetzt besitzt; es gibt göttliche Freuden, die ihr schon diesen Tag schmecken könnt. Die Wüste hat ihr Manna; die Wildnis wird fröhlich gemacht durch das Wasser aus dem Felsen. Gott hat uns nicht verlassen; die Zeichen seiner Güte sind bei uns, und wir mögen uns freuen an mancher gnädigen Gabe, die schon heute unser ist. Ich werde eure freudige Aufmerksamkeit auf ein köstliches Kleinod in eurem Schatz lenken, nämlich, eure Aufnahme unter die Kinder Gottes. Es sind vier Dinge, von denen ich heute morgen sprechen will. Zuerst, ein besonderes Vorrecht; zweitens, ein besonderer Beweis desselben, da der Geist unserm Geiste Zeugnis gibt; dann drittens, ein edles Vorrecht, das Erbrecht; und viertens, soll der praktische Teil der Predigt und der Schluß sein eine besondere Lebensweise, die von solchen verlangt wird.

I.

Zuerst also, meine Brüder, ist es ein besonderes Vorrecht, was in dem Text erwähnt wird. „Wir sind Kinder Gottes.“ Und hier begegnet mir schon an der Schwelle der Widerstand gewisser neuerer Theologen, die dafür halten, daß die Kindschaft nicht das besondere und eigentümliche Vorrecht der Gläubigen sei. Die kürzlich entdeckte verneinende Theologie, welche, wie ich fürchte, auch unsrer Konfession einigen Schaden getan und einen sehr großen Schaden den Independenten - die neue Ketzerei ist in großem Maße auf die Fiktion der allgemeinen Vaterschaft Gottes gegründet. Die alten Gottesgelehrten, die Puritaner, die Reformatoren, sollen nun in diesen letzten Tagen ersetzt werden durch Männer, deren Lehre geradezu allem widerspricht, was wir von unsern Vorvätern empfangen haben. Unsre alten Prediger haben alle Gott dargestellt als einen Vater für sein Volk, einen Richter für die übrige Welt. Dies wird von unsern neuen Philosophen ein altes, schwerfälliges System der Theologie genannt, und sie schlagen vor, es hinwegzufegen - ein Vorschlag, der niemals ausgeführt werden wird, so lange die Erde stehet oder so lange Gott ist. Aber jedenfalls haben sich einige fahrende Ritter vorgenommen, mit Windmühlen zu kämpfen, und glauben wirklich, das von der Erde vertilgen zu können, was einen dauernden und fundamentalen Unterschied bildet, ohne den die Schrift nicht verstanden werden kann. Uns wird von den neueren, falschen Propheten gesagt, daß Gott in allen Dingen gegen alle Menschen als Vater handelt, selbst wenn Er sie in den feurigen Pfuhl wirft und alle Plagen, die in diesem Buch geschrieben sind, über sie sendet. Alle „schrecklichen Dinge in Gerechtigkeit“ (Ps. 65, 6), die furchtbaren Beweise heiliger Rache von dem Richter der ganzen Erde, werden in ihrer erweckenden Wirkung vernichtet, indem sie ruhig unter die liebevollen Taten und Worte des allgemeinen Vaters verzeichnet werden. Man wähnt, dies sei ein Zeitalter, wo die Menschen es nicht nötig hätten, daß man gegen sie donnerte; wo jedermann so zarten Herzens sei, daß es nicht notwendig wäre, das Schwert „in terrorum“ über Sterbliche zu halten; sondern daß alles jetzt in einer neuen und verfeinerten Manier geleitet werden müsse; Gott, der allgemeine Vater, und alle Menschen Kinder. Nun, ich muß gestehen, daß etwas sehr Hübsches an dieser Theorie ist, etwas so Bezauberndes, daß es mich nicht wundert, daß einige der bedeutendsten Geister dadurch angezogen und gewonnen sind. Ich meinesteils habe nur einen Einwand dagegen, nämlich den, daß sie vollkommen unwahr und ganz unbegründet ist, da sie nicht den geringsten Schatten eines Vorwandes hat, daß sie durch das Wort Gottes bewiesen wäre. Die Schrift stellt überall das erwählte Volk des Herrn, die Gläubigen, Bußfertigen und Geistlichgesinnten, als „Kinder Gottes“ dar, und keinen andern wird dieser heilige Titel gegeben. Sie spricht von den Wiedergeborenen, als von einer besonderen Klasse von Menschen, die ein Anrecht darauf haben, Gottes Kinder zu sein. Nun, da nichts der Schrift gleichkommt, so laßt mich euch ein paar Sprüche vorlesen, Röm. 8, 14: „Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ Gewiß, niemand ist so kühn zu sagen, daß alle Menschen von dem Geiste Gottes getrieben sind; doch kann man leicht genug aus diesem Spruch schließen, daß die, welche nicht vom Geiste Gottes getrieben werden, nicht Gottes Kinder sind, sondern daß die, und die allein, die von dem Heiligen Geist geleitet, geführt und begeistert werden, Kinder Gottes sind. Die Stelle Gal. 3, 26: „Denn ihr seid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Christum Jesum,“ erklärt, wie mir scheint, ganz richtig, daß alle Gläubige, alle, die Glauben an Christum haben, Kinder Gottes sind, und daß sie dieses tatsächlich und offenbar durch den Glauben an Christum Jesum werden, und es scheint mir darin zu liegen, daß die, welche keinen Glauben an Christum Jesum haben, nicht Gottes Kinder sind, und daß jeder Anspruch, den sie auf dieses Verhältnis machten, nur Anmaßung und Vermessenheit sein würde. Und hört dieses (Joh. 1, 12): „Wie viele Ihn aber aufnahmen, denen gab Er Macht, Gottes Kinder zu werden.“ Wie hätten sie vorher Kinder Gottes sein können, denn „Er gab ihnen Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben, welche nicht von dem Geblüt“ - dann waren sie nicht durch die bloße Schöpfung zu Kindern Gottes gemacht - noch von dem Willen des Fleisches„, d. h. nicht durch irgend welche eigne Anstrengungen, „sondern von Gott geboren sind.“ Ich muß gestehen, daß ich keinen Spruch kenne, der entscheidender als dieser gegen die allgemeine Kindschaft sein kann, und falls diese Worte nicht ganz und gar ohne Sinn sind, so müssen sie eben diesen Sinn haben, daß die Gläubigen Kinder Gottes sind, und keine andern. Aber hört ein andres Wort des Herrn (1 Joh. 3, 10): „Daran wird es offenbar, welche die Kinder Gottes und welche die Kinder des Teufels sind. Wer nicht recht tut, der ist nicht von Gott, und wer nicht seinen Bruder lieb hat.“ Hier sind zwei Arten von Kindern, deshalb sind nicht alle Kinder Gottes. Kann es angenommen werden, daß die, welche die Kinder des Teufels sind, nichtsdestoweniger die Kinder Gottes sind? Ich muß bekennen, meine Vernunft empört sich gegen eine solche Annahme, und obwohl ich denke, daß ich ein wenig Einbildungskraft gebrauchen darf, so kann ich meine Phantasie doch nicht zu einer solchen Seiltänzerin machen, daß sie sich vorstellte, ein Mensch sei zu gleicher Zeit ein Kind des Teufels und auch ein wirkliches Kind Gottes. Hört einen andern, 2 Kor. 6, 17: „Gehet aus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt kein Unreines an; so will ich euch annehmen, und euer Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der allmächtige Herr.“ Ist nicht das „Ausgehen“ nötig zur Kindschaft, und waren sie seine Söhne, waren sie seine Töchter, hatten sie irgend einen Anspruch oder Recht, Ihn Vater zu nennen, bis sie aus der Mitte einer gottlosen Welt ausgegangen waren und sich abgesondert hatten? Wenn das, warum verheißt Gott ihnen das, was sie schon hatten? Aber wiederum, Mt. 5, 9: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“ Ein schöner Titel in der Tat, wenn er jedem Menschen zukommt! Wo ist die Seligkeit des Titels, denn sie mögen Liebhaber des Streites sein und doch nach den neueren Theologen immer noch die Kinder Gottes. Laßt uns eine noch bestimmtere Stelle beachten, Röm. 9, 8: „Nicht sind das Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind.“ Was soll man hierzu sagen: „Nicht sind das Gottes Kinder.“ Wenn jemand dem geradezu widersprechen will, - wohl, sei es so. Ich habe keinen Beweisgrund, womit ich einen Menschen überzeugen könnte, der ein so starkes und klares Zeugnis leugnet. Hört auf den göttlichen Apostel Johannes, wo er in einer seiner Episteln in einer Rhapsodie. andächtiger Bewunderung fortgerissen wird: „Sehet, welch eine Liebe hat uns der Vater erzeigt, daß wir sollen Gottes Kinder heißen!“ Und dann geht er weiter und gibt eine Beschreibung von denen, die Gottes Kinder sind, nach welcher keine andern darunter verstanden werden können, als die, welche durch einen lebendigen Glauben an Jesum ihre Seelen ein für allemal auf Ihn geworfen haben. So weit wie ich vermuten kann, ist der Hauptspruch, auf den diese Leute die Lehre von der allgemeinen Vaterschaft gründen, das Zitat, welches der Apostel Paulus von einem heidnischen Dichter nahm: „Als auch etliche Poeten bei euch gesagt haben: Wir sind seines Geschlechts.“ Der Apostel bestätigt diese Meinung, indem er sie anführt, und gegen diese Bestätigung können wir natürlich nicht streiten; aber das Wort, das hier für „Geschlecht“ gebraucht wird, drückt nicht die Idee der Vaterschaft in dem majestätischen Sinne des. Wortes aus, es ist ein Wort, was ebensowohl für die Jungen der Tiere, die Jungen irgend eines andern Geschöpfes gebraucht werden könnte, es ist nichts von dem menschlichen Mitgefühl darin, das zwischen einem Vater und Sohn ist. Ich weiß außer diesem gar nichts, was diese neue Theorie unterstützen könnte. Möglicherweise bilden sie sich ein, daß die Schöpfung eine väterliche Tat sei, daß alle geschaffene Dinge Kinder sind. Dies ist zu abgeschmackt, um einer Antwort zu bedürfen, denn wenn das der Fall ist, dann sind Pferde und Kühe, Ratten und Mäuse, Schlangen und Fliegen Kinder Gottes, denn sie sind sicherlich Geschöpfe so gut wie wir. Wenn wir diesen Eckstein hinwegnehmen, so fällt diese phantastische Theologie zu Boden, und die Lehre, welche so hoch wie Babel schien und ebensoviel Verwirrung zu machen drohte, kann bald niedergerissen werden, wenn ihr das Geschütz des Wortes Gottes auf sie richten wollt. Die Tatsache ist, Brüder, daß das Kindesverhältnis zu Gott nur denen zukommt, die „verordnet sind zur Kindschaft gegen Ihn selbst, durch Jesum Christum, nach dem Wohlgefallen seines Willens.“ Eph. 1, 5. Je mehr ihr in der Bibel forscht, desto sicherer werdet ihr sein, daß die Kindschaft das besondere Vorrecht des erwählten Volkes Gottes ist, und nur dessen. Nachdem ich, so weit ich dazu imstande bin, diesen Punkt festgestellt habe, daß das Vorrecht unseres Textes ein besonderes ist, laßt mich einen Augenblick dabei verweilen und bemerken, daß es als ein besonderes, eine Tat reiner, unverkennbarer Gnade ist. Niemand hat irgend ein Recht, ein Kind Gottes zu sein. Wenn wir in Gottes Familie hinein geboren werden, so ist das ein Wunder der Barmherzigkeit. Es ist eine der gesegneten Bezeugungen der unendlichen Liebe Gottes, die ohne irgend eine Ursache. in uns, sich auf uns herabgesenkt hat. Wenn du heute ein Himmelserbe bist, gedenke, Mensch, daß du einst ein Sklave der Hölle warst. Einst wälztest du dich im Schlamme, und wenn du ein Schwein als dein Kind annehmen solltest, so könntest du keine größere Tat der Barmherzigkeit vollbracht haben, als da Gott dich an Kindesstatt annahm. Und wenn ein Engel eine Mücke zu gleicher Würde mit sich selbst erheben könnte, so würde doch das Gut kein so großes sein, als das, was Gott dir hat zu teil werden lassen. Er hat dich von dem Düngerhaufen genommen und hat dich unter die Fürsten gesetzt. Du hast unter den Scherben gelegen, aber Er hat dich wie eine Taube gemacht, deren Flügel wie Silber und Gold schimmern. Gedenke daran, das dies Gnade ist, und nichts als Gnade. Wenn du an deine Kindschaft denkst, so denke an das Haus deiner natürlichen Herkunft, - siehe zurück auf des Brunnens Gruft, daraus du gegraben bist, und auf die grausame Grube, aus der du gezogen bist. Rühme dich nicht, wenn du in dem guten Ölbaum bist. Du bist nicht da wegen deines Ursprungs, du bist nur eingepfropft; du bist ein Zweig von einem schlechten Baum, und der göttliche Geist hat deine Natur verändert, denn du warst einst nichts als eine Rebe von dem Weinstock Gomorrhas. Laß Demut dich stets bis zur Erde niederbeugen, während deine Kindschaft dich hinauf bis in den dritten Himmel bebt. Ich bitte dich, ferner zu erwägen, was für eine Würde Gott dir erteilt hat - ja, dir, indem Er dich zu seinem Kinde machte. Der große Erzengel vor dem Throne wird nicht Gottes Sohn genannt, er ist einer der bevorzugtesten seiner Diener, aber nicht sein Kind. Ich sage dir, du armer Bruder in Christo, es ist eine Würde an dir, die sogar Engel beneiden könnten. Du bist in deiner Armut wie ein funkelnder Edelstein in der Finsternis des Bergwerks. Du bist mitten in deiner Krankheit und Schwachheit mit Gewändern der Herrlichkeit umgürtet, welche machen, daß die Geister im Himmel mit Ehrfurcht auf die Erde blicken. Du gehst in dieser Welt umher wie ein Fürst unter der Menge. Das Blut des Himmels fließt in deinen Adern; du bist einer von dem königlichen Blute der Ewigkeit - ein Kind Gottes, Abkömmling des Königs der Könige. Sprecht vom Stammbaum, dem Ruhm der Wappen - du hast mehr, als Wappen dir je geben könnten, oder all der Pomp der Vorfahren dir zu verleihen vermöchte.

II.

Und nun eile ich weiter, um zu bemerken, daß mein Text uns mit einem besonderen Beweise versieht, aus welchem hervorgeht und uns zur Kenntnis gebracht wird, daß wir einer hohen Verwandtschaft teilhaftig geworden und in das Verhältnis von Kindern zu Gott getreten sind. - „Derselbige Geist gibt Zeugnis unserm Geiste, daß wir Gottes Kinder sind.“ - Ihr werdet beachten, meine Geliebten, daß hier zwei Zeugen sind, zwei, die bereit sind, unser Kindesverhältnis zu dem ewigen Gott zu bezeugen. Der erste Zeuge ist unser Geist; der zweite Zeuge ist der Geist, der ewige Geist Gottes'. der unserm Geiste Zeugnis gibt. Es ist, als wenn ein armer Mann vor Gericht gefordert würde, sein Recht auf ein ihm bestrittenes Stück Land zu beweisen. Er tritt vor und legt sein eignes treues Zeugnis ab; aber ein Großer des Landes - ein Edelmann, der in der Nähe lebt - tritt vor und bestätigt sein Zeugnis. So ist es mit unserm Text. Der schlichte, einfache Geist des demütigen Christen ruft: „Ich bin Gottes Kind.“ Der glorreiche Geist, eins mit Gott, bezeugt die Wahrheit des Zeugnisses und gibt unserm Geiste Zeugnis, daß wir Kinder Gottes sind. Laßt uns zuerst betrachten, wie es ist, daß unser Geist imstande ist, Zeugnis zu geben; und da dieses eine Sache der Erfahrung ist, so kann ich mich nur an die wenden, welche wahre Kinder Gottes sind; denn keine andren sind befähigt, Zeugnis zu geben. Unser Geist bezeugt, daß wir Kinder Gottes sind, wenn er eine kindliche Liebe zu Gott fühlt. Wenn wir vor seinem Thron uns beugen und kühn sagen können: „Abba, Vater.“ - „Du bist mein Vater,“ dann schließt unser Geist daraus, daß wir Kinder sind, denn er folgert so: „Ich habe das Gefühl gegen Dich, das ein Kind gegen seinen Vater hat, und es könnte nicht sein, daß ich das Gefühl eines Kindes hätte, wenn ich nicht die Rechte eines Kindes hätte - wenn ich nicht ein Kind wäre, würdest Du mir nie die kindliche Liebe gegeben haben, die jetzt wagt, Dich „Vater“ zu nennen. Zuweilen fühlt der Geist auch, daß Gott sein Vater ist, nicht an der Liebe nur, sondern an dem Vertrauen. Die Rute ist auf unsern Rücken gefallen und hat uns sehr weh getan, aber in der dunkelsten Stunde sind wir imstande gewesen, zu sagen: „Die Zeit ist in meines Vaters Händen; ich kann nicht murren; ich kann nicht unzufrieden sein; ich fühle, daß es nur recht ist, daß ich leide, sonst würde mein Vater mich nie leiden lassen.“ Er plagt und betrübt nicht von Herzen die Menschen; und wenn wir in diesen dunklen, trüben Zeiten in das Angesicht eines Vaters hinaufgeschaut haben und gesprochen: „Ob Du mich auch tötetest, will ich Dir doch trauen; Deine Schläge sollen mich nicht von Dir treiben; sie sollen nur machen, daß ich sage: Zeige mir, weshalb Du mit mir haderst und reinige mich von meiner Sünde;“ dann bezeugt unser Geist, daß wir Gottes Kinder sind. Und gibt es nicht Zeiten bei euch, liebe Freunde, wo unsre Herzen fühlen, daß sie leer und öde sein würden, wenn nicht Gott in ihnen wäre? Ihr habt vielleicht einen Zuwachs zu eurem Reichtum gehabt, und nach dem ersten Anflug von Vergnügen, der nur natürlich war, habt ihr gesagt: „Eitelkeit der Eitelkeiten, es ist alles Eitelkeit, dies ist nicht meine Freude.“ Ihr habt viele Freuden in eurer Familie gehabt, aber ihr habt gefühlt, daß in ihnen allen ein Mangel an etwas war, was euer Herz befriedigen konnte, und ihr habt gefühlt, daß dieses etwas „Gott“ war. Mein Gott, Du bist mein alles in allem - der Kreis, worin meine Neigungen sich bewegen, der Mittelpunkt meiner Seele. Nun dieses Sehnen und dieses Verlangen nach etwas mehr, als diese Welt dir geben kann - warum nur die Beweise eines kindlichen Geistes, der nach seines Vaters Gegenwart verlangte. Du fühlst, du mußt deinen Vater haben, sonst sind die Gaben seiner Vorsehung nichts für dich. Das heißt, dein Geist gibt Zeugnis, daß du das Kind Gottes bist. Aber es gibt Zeiten, wo der Himmelserbe so gewiß ist, daß er ein Kind Gottes ist, als daß er seines eignen Vaters Kind ist. Kein Zweifel läßt ihn das in Frage stellen. Der Böse mag flüstern: „Wenn Du Gottes Sohn bist,“ aber Er spricht: „Hebe dich hinweg, Satan, ich weiß, daß ich Gottes Sohn bin.“ Man kann ebensowohl versuchen, ihm sein Dasein abzustreiten, als die ebenso gewisse Tatsache, daß er wiedergeboren ist, und daß er durch eine gnädige Annahme unter die Kinder Gottes aufgenommen ist. Dies ist unser Zeugnis, daß wir von Gott geboren sind. Aber der Text gibt uns, wie ihr seht, noch ein höheres Zeugnis als dies. Gott, der nicht lügen kann, läßt sich in der Person des Heiligen Geistes gnädig herab “,Amen“ zu dem Zeugnis unseres Gewissens zu sagen. Und während unsre Erfahrung unsern Geist zuweilen den Schluß ziehen läßt, daß wir von Gott geboren sind, so gibt es auch glückliche Zeiten, wo der ewige Geist von dem Throne herabsteigt und unsre Herzen erfüllt, und dann haben wir zwei Zeugen, welche zugleich bezeugen, daß wir Gottes Kinder sind. Vielleicht fragt ihr mich: wie geht das zu. Ich las neulich eine Stelle von Dr. Chalmers, worin er sagt, daß seine eigne Erfahrung ihn nicht dahin leite, zu glauben, daß der Heilige Geist uns je ein Zeugnis gäbe, daß wir Gottes Kinder seien, anders, als durch das geschriebene Wort Gottes und durch das gewöhnliche Wirken in unsern Herzen. Nun glaube ich nicht, daß der Doktor vollkommen recht hat. So weit seine eigne Erfahrung ging, wird er wohl recht gehabt haben, aber es mag einige geben, die an Genie weit unter dem Doktor stehen, aber über ihm an Nähe der Gemeinschaft mit Gott, und die deshalb ein wenig weiter gehen könnten, als der beredte Gottesgelehrte. Nun glaube ich mit ihm, daß das Hauptzeugnis Gottes des Heiligen Geistes hierin liegt - der Heilige Geist hat dieses Buch geschrieben, welches einen Bericht über das enthält, was ein Christ sein sollte, und über die Gefühle, welche die Gläubigen haben müssen. Ich habe gewisse Erfahrungen und Gefühle; und wenn ich mich zu dem Worte Gottes wende, so finde ich ähnliche Erfahrungen und Gefühle dort berichtet; und so habe ich den Beweis, daß ich recht habe, und der Geist gibt Zeugnis meinem Geiste, daß ich von Gott geboren bin. Gesetzt, du seist fähig gemacht worden, an Jesum Christum zu glauben; dieser Glaube hat Liebe erzeugt; diese Liebe zu Christo hat dich getrieben, für Christum zu arbeiten; du kommst zur Bibel und findest, daß dies gerade dasselbe ist, was die ersten Gläubigen fühlten; und dann sprichst du: „Guter Herr, ich bin Dein Kind, denn was ich fühle, ist das, wovon Du durch den Mund Deiner Diener gesagt hast, daß es gefühlt werden muß von Deinen Kindern.“ So bestätigt der Geist das Zeugnis meines Geistes, daß ich von Gott geboren bin. Aber wiederum, ihr wißt, daß alles Gute in einem Christen das Werk des Heiligen Geistes ist. Wenn zu irgend einer Zeit der Heilige Geist euch tröstet - eine süße Stille über euren beunruhigten Geist breitet; wenn Er euch unterweist, euch ein Geheimnis eröffnet, das ihr vorher nicht verstandet; wenn Er euch zuweilen eine außerordentliche Liebe, einen ungewöhnlichen Glauben an Christum einflößt; wenn ihr einen Haß gegen die Sünde, einen Glauben an Jesum, einen Tod für die Welt und ein Leben für Gott verspürt; so sind dies Werke des Geistes. Nun wirkt der Geist niemals kräftig in andern, als den Kindern Gottes; und da der Geist in euch wirkt, so gibt Er eben durch dieses Wirken sein eignes unfehlbares Zeugnis dafür, daß ihr Gottes Kinder seid. Wärest du kein Kind Gottes gewesen, so wärest du geblieben wo du warst: in deinem natürlichen Zustande; aber da Er in dir alles Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen gewirkt hat, so hat Er dir seinen Stempel aufgedrückt, zum Zeichen, daß du der Familie des Höchsten angehörst. Aber ich denke, ich muß ein wenig weiter gehen. Ich glaube, daß es einen übernatürlichen Weg gibt, in dem, abgesehen von Mitteln, der Heilige mit dem Geist des Menschen verkehrt. Meine eigne geringe Erfahrung läßt mich glauben, daß, abgesehen vom Worte Gottes, unmittelbarer Verkehr des Heiligen Geistes mit dem Gewissen und der Seele des Menschen stattfindet, ohne irgend welche Werkzeuge. Ich glaube, daß der Geist Gottes zuweilen in eine geheimnisvolle und wunderbare Berührung mit dem Menschengeist kommt, und daß zuzeiten der Geist in dem Herzen des Menschen spricht mit einer Stimme, die nicht hörbar für das Ohr ist, aber vollkommen hörbar für den Geist, an den sie sich richtet. Er tröstet und ermutigt direkt, indem Er in unmittelbare Berührung mit dem Herzen kommt. Es ist also unsre Sache, des Geistes Zeugnis durch sein Wort und durch seine Werke anzunehmen, aber ich möchte unmittelbare, wirkliche, ununterbrochene Gemeinschaft mit dem Heiligen Geiste suchen, damit Er in meinem Geiste wirken und mich überzeugen könne, daß ich ein Kind Gottes bin. Nun laßt mich meine Hörer fragen, weiß jemand unter euch, daß ihr Gottes Kinder seid? Sagt nicht: „In meiner Taufe, in der ich zu einem Glied Christi und zu einem Kinde Gottes gemacht wurde.“*) Es gibt nicht viele in England, denke ich, welche diese Worte glauben. Es mag einige wenige geben, die es tun, aber ich bin nie so unglücklich gewesen, sie anzutreffen. Jedermann weiß, daß es eine Schmach für ein unvergleichliches Gebetbuch ist, daß solche Worte darin gelassen werden - Worte, so schändlich unwahr, daß sie durch ihre grobe Unwahrheit aufhören, die zerstörende Wirkung zu haben, die eine schlauere Sprache erzeugt haben könnte, weil das Gewissen des Menschen sich gegen die Vorstellung empört, daß durch das Besprengen der Stirn eines Kindes mit etlichen Wassertropfen, dasselbe sollte dadurch zu einem Glied am Leibe Christi, zu einem Kinde Gottes gemacht werden. Aber ich frage euch, sagt euer Geist heute: „Ich bin Gottes Kind.“ Fühlt ihr das Sehnen, die Liebe, die Zuversicht eines Kindes? Wenn nicht, so zittert, denn es sind nur zwei große Familien in dieser Welt: die Familie Gottes und die Familie Satans - ihr Charakter, wie verschieden - ihr Ende, wie seltsam getrennt! Aber laß mich dir wiederum sagen, hast du je gefühlt, daß der Heilige Geist deinem Geiste Zeugnis gegeben hat in seinem Worte und in seinem Werke in dir, und hat Er in diesem geheimen Flüstern je zu dir gesprochen: „Du bist mein Sohn, Heute habe ich dich gezeugt.“ Ich beschwöre dich, gib deinen Augen keinen Schlaf, deinen Augenlidern keinen Schlummer, bis du durch dieses göttliche, geheimnisvolle Wirken neu gemacht, neu geboren und neu gezeugt bist, und so nicht bloß dem Namen nach, sondern wirklich, in die lebendige Familie des lebendigen Gottes aufgenommen bist.

III.

Ich werde nun zu meinem dritten Punkte übergehen. Wenn es in unsern Seelen festgestellt ist durch das wahre Zeugnis - den Geist in uns und den Geist Gottes - daß wir Gottes Kinder sind, so sehen wir welch ein edles Vorrecht sich dann vor unserm Blicke erhebt. „Erben Gottes und Miterben Christi.“ Es folgt nicht immer nach menschlichen Schlüssen „,wenn Kinder, dann Erben,“ weil in unsern Familien nur einer der Erbe ist. Es ist nur einer, der das Recht des Erben und den Titel des Erben beanspruchen kann. Es ist nicht so in der Familie Gottes. Der Mensch mag als ein notwendiges Stück politischer Klugheit dem Erben das geben, worauf er in Gottes Augen sicher nicht mehr Anspruch haben kann, als die übrigen Glieder der Familie - mag ihm das ganze Erbe geben, während seine Brüder, ebenso echt geboren, nichts erhalten; aber es ist nicht so in der Familie Gottes. Alle Kinder Gottes sind Erben, wie zahlreich auch die Familie, und der, welcher zuletzt aus Gott geboren ist, soll ebenso viel Recht haben als der, welcher zuerst geboren war. Abel, der erste Märtyrer, der allein in den Himmel einging, soll kein sichereres Recht auf das Erbe haben, als der zuletzt vom Weibe Geborene, der Christo vertraut und dann in seine Herrlichkeit hinaufgeht. In der Logik des Himmels ist es wahr: „Wenn Kinder, dann Erben.“ Und seht, was es ist, das wir erben sollen. Der Apostel nennt zuerst den großartigsten Teil des Erbes - Erben Gottes - Erben, nicht der Gaben Gottes und der Werke Gottes, sondern Gottes selber. Es wird von dem König Cyrus erzählt, daß er ein Fürst von so liebenswürdigem Gemüte war, daß er, wenn er beim Mahle saß, und etwas fand, was seinem Geschmack sehr gefiel, befahl, es hinwegzunehmen und seinen Freunden zu geben mit der Botschaft „,König Cyrus fand, daß diese Speise seinem Gaumen zusagte, und dachte, sein Freund sollte dasselbe genießen, dessen er sich erfreut hat.“ Dies ward für ein besonderes Beispiel seiner Leutseligkeit und seiner Freundlichkeit gegen seine Höflinge gehalten. Aber unser Gott tut mehr als dieses, Er sendet nicht nur Brot von seinem Tisch, wie an den Tagen, wo Menschen Engelspeise aßen; Er gibt uns nicht nur den reinen Wein, darinnen keine Hefen sind - die reichen Weine des Himmels, sondern Er gibt sich selber, sich selber uns. Und der Gläubige soll der Erbe sein, ich sage, nicht allein der Werke Gottes, nicht nur der Gaben Gottes, sondern Gottes selber. Reden wir von seiner Allmacht? - seine Allmacht ist unser. Sprechen wir von seiner Allwissenheit? - all seine Weisheit wird zu unserm Besten gebraucht. Sagen wir, daß Er die Liebe ist? - diese Liebe gehört uns. Können wir rühmen, daß Er unwandelbar ist und sich nicht ändert? - diese ewige Unveränderlichkeit dient zur Verteidigung des Volkes Gottes. Alle Eigenschaften der Gottheit sind das Eigentum der Kinder Gottes - das ihnen vermachte Erbe. Ja, Er selber ist unser. O, was für ein Reichtum! Wenn wir heute morgen sagen könnten, daß alle Sterne uns gehörten; wenn wir das Fernrohr auf den entferntesten der Fixsterne richten und dann mit dem Stolz des Besitzers, der den Menschen so natürlich ist, sagen könnten: „Jener Stern, tausendmal größer als die Sonne, ist mein. Ich bin der König dieses Erbes und ohne mich rührt kein Hund seine Zunge.“ Wenn wir dann mit dem Teleskop über die Milchstraße dahinführen und die Millionen auf Millionen Sterne sähen, die da zusammengedrängt liegen und ausrufen könnten: „All diese gehören mir!“ so wären dennoch all diese Besitztümer nur ein Fleckchen, verglichen mit dem, was in unserm Text ist. Erbe Gottes! Er, vor dem alle Dinge wie nichts sind, gibt sich selbst dahin, um das Erbteil seines Volkes zu sein. Bemerkt ferner bei dem besonderen Vorrecht der Erbschaft - wir sind Miterben Christi. Das heißt, was immer Christus als Erbe aller Dinge besitzt, das gehört uns. Herrlich muß das Erbe Jesu Christi sein. Ist Er nicht wahrer Gott vom wahren Gott, Jehovahs eingeborener Sohn, sehr hoch und glorreich, obwohl Er sich bis in das Grab hinabbeugte und der Knecht der Knechte ward, dennoch Gott über alles, hochgelobt in Ewigkeit. Amen. O, welche Engelzunge soll seinen Ruhm besingen? Welche feurigen Lippen sollen je von seinen Besitzungen, seinen Reichtümern sprechen - dem unerforschlichen Reichtum in Christo Jesu. Aber, Geliebte, alles, was Christo gehört, das gehört Christi Volk. Es ist wie bei der Heirat eines Mannes. Seine Besitzungen sollen von seinem Weibe geteilt werden; und als Christus seine Gemeinde zu sich nahm, begabte Er sie mit all seinen Gütern, zeitlichen wie ewigen. Er gibt uns seine Kleider, und so stehen wir geschmückt. Seine Gerechtigkeit wird unsre Schönheit. Er gab uns seine Person, sie ist unsre Speise und unser Trank geworden; wir essen sein Fleisch und trinken sein Blut. Er gab uns sein innerstes Herz; Er liebte uns bis zum Tode. Er gab uns seine Krone, Er gab uns seinen Thron; denn „Wer überwindet, dem will ich geben mit mir auf meinem Thron zu sitzen; wie ich überwunden habe und bin gesessen mit meinem Vater auf seinem Thron.“ Er gab uns seinen Himmel, denn „Wo ich bin, da soll mein Diener auch sein.“ Er gab uns die Fülle seiner Freude; „auf daß meine Freude in euch bleibe und eure Freude vollkommen werde.“ Ich wiederhole es, es ist nichts in dem höchsten Himmel, was Christus für sich zurückbehalten hat, denn „Alles ist euer; ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes.“ Ich kann nicht länger bei diesem Punkt verweilen, ausgenommen um zu bemerken, daß wir niemals mit dieser göttlichen Anordnung hadern müssen. „O,“ sagt ihr „,wir werden das nie tun.“ Halt, Bruder, halt; ich weiß, daß du das schon getan hast, denn wenn alles, was Christi ist, dir gehört, vergißt du, daß Christus einst ein Kreuz hatte, und daß dieses dir gehört? Christus trug eine Dornenkrone, und wenn du alles haben sollst, was Er hat, so mußt du auch die Dornenkrone tragen. Hast du vergessen, daß Er Schande und Verspeien, Schmach und Tadel der Menschen hatte, und daß Er alles dies für größeren Reichtum hielt, als alle Schätze dieser Welt? Komm ich weiß, wenn du das Verzeichnis überblickst, so siehst du dies Kreuz etwas schief an und denkst: „Wohl, die Krone ist herrlich, aber ich liebe nicht das Verspeien, ich mag nicht gern verachtet und verworfen werden von den Menschen.“ O, du haderst mit dieser göttlichen Anordnung, du beginnst zu streiten mit dieser erhabenen Weisheit Gottes. Nun, man hätte denken sollen, du hättest dich gefreut, deinem Meister im Guten wie im Schlimmen gleich zu sein, und mit Ihm teil zu. haben, nicht nur an seiner Herrlichkeit, sondern auch an seinen Leiden. So muß es sein, denn: „Dulden wir, so werden wir mit herrschen.“ Ist irgend ein Ort da, an den euer Herr ging und den ihr euch schämen würdet, zu betreten? Wenn das, so dünkt mich, ist euer Herz nicht in der rechten Verfassung. Wolltet ihr euch weigern, mit Ihm in den Garten seines Todeskampfes zu gehen? Gläubiger, würdest du dich schämen, angeklagt zu werden, wie Er es ward und falsches Zeugnis gegen dich ablegen zu hören? Und würdest du erröten, an seiner Seite zu sitzen und verachtet zu werden, wie Er es ward? O, wenn du erschrickst bei einer spöttischen Bemerkung, laß dein Gewissen sich regen und sprechen: „Bin ich nicht ein Miterbe Christi und soll ich mit dem Vermächtnis hadern?“ Sprach Er nicht: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Und o, würdest du dich schämen, für Christum zu sterben? Mich dünkt, wenn du bist, was du sein solltest, so wirst du dich der Trübsal rühmen, und es als etwas Annehmbares ansehen, um Christi willen zu leiden. Ich weiß, die Welt verdreht dies ins Lächerliche und sagt, daß der Heuchler Verfolgung liebe; nein, nicht der Heuchler, aber der wahre Gläubige; der fühlt, daß, obgleich das Leiden immer schmerzlich sein muß, es doch um Christi willen so glorreich wird, daß der Schmerz ganz vergessen ist. Komm, Gläubiger, willst du heute mit Christo an dem Kampfe teilnehmen und dann die Beute mit Ihm teilen? Komm, willst du mit Ihm durch die tiefen Wasser waten und dann zuletzt die gipfellosen Berge mit Ihm hinanklimmen? Bist du bereit, jetzt verachtet und verworfen von den Menschen zu werden, damit du zuletzt zum Himmel aufsteigen und das Gefängnis gefangen führen kannst? Das Erbe kann nicht geteilt werden; wenn du die Ehre haben willst, so mußt du auch die Schande haben. Alle, die gottselig leben wollen in Christo Jesu, müssen Verfolgung leiden. Komm, Mann, setze dein Angesicht jedem Wetter entgegen; sei bereit, bergan zu steigen, wenn der Schnee dir ins Gesicht weht, sei bereit, weiter zu gehen, wenn der Sturm heult, und die Blitze über deinem Haupte zucken und der Schnee knietief wird; ja, sei bereit, in die Felsenspalte mit Ihm zu gehen und, wenn's sein muß, umzukommen. Wer hadert mit dieser heiligen Regel? Gewiß kein wahres Kind Gottes; ein solches würde sie nicht geändert haben wollen, auch wenn es sein könnte.

IV.

Und nun komme ich zu meinem letzten Punkt, über den ich kurz reden will, nämlich über das besondere Verhalten, welches natürlicherweise von denen erwartet wird, die an dem eigentümlichen Vorrecht teilhaben, Kinder Gottes zu sein. In dem goldenen Zeitalter Roms stand ein Mann, wenn er zur Unredlichkeit versucht ward, auf, blickte dem Versucher ins Gesicht und sagte: „Ich bin ein Römer.“ Er hielt dies für eine genügende Ursache, warum er weder lügen noch betrügen sollte. Es sollte eine zehnmal genügendere Antwort auf jede Versuchung sein, wenn ein Mensch imstande ist, zu sprechen: „Ich bin ein Kind Gottes, soll ein solcher Mann wie ich der Sünde nachgeben?“ Ich bin erstaunt gewesen, als ich die alte römische Geschichte durchging, über die Wunder von Rechtschaffenheit und Tapferkeit, welche durch den Götzendienst erzeugt wurden, oder vielmehr, welche durch den Patriotismus erzeugt wurden, und durch das Prinzip, welches die Römer beherrschte, nämlich die Liebe zum Ruhm. Und ich sage es heute morgen, es ist schmachvoll, daß je der Götzendienst imstande gewesen, bessere Männer zu erzeugen, als einige es sind, die sich zum Christentum bekennen. Und ich denke, ich kann mit Festigkeit behaupten, daß, wenn ein Römer, der ein Verehrer von Jupiter und Saturn war, groß und glorreich wurde, ein Kind Gottes weit edler sein sollte. Blickt hin auf Brutus; er hat eine Republik errichtet, er hat die Tyrannei abgetan; er sitzt auf dem Richterstuhl; seine zwei Söhne werden vor ihn gebracht, sie sind Verräter am Staat gewesen. Was wird der Vater tun? Er ist ein Mann mit einem liebevollen Herzen, und er liebt seine Söhne, aber da stehen sie. Wird er die Gerechtigkeit als Richter vollstrecken, oder wird er seine Familie seinem Vaterland vorziehen? Er bedeckt sein Gesicht mit seinen Händen, dann blickt er auf seine Söhne nieder, und da er die Beweise gegen sie vollständig findet, spricht er: „Liktoren, tut euer Werk.“ Ihr Rücken wird entblößt und sie werden gegeißelt. „Vollzieht das Urteil, Liktoren,“ und ihre Köpfe werden abgehauen in des Vaters Gegenwart. Strenge Gerechtigkeit beherrschte seine Seele, und kein andres Gefühl konnte ihn auch nur auf einen Augenblick davon abwendig machen. Christliche Männer, fühlt ihr so betreffs eurer Sünden? Wenn ihr auf dem Richterstuhl saßet, ward irgend eine Lieblingssünde vorgeführt, und ihr, o laßt mich erröten, es zu sagen, ihr wünschtet sie zu schonen, sie war eurem Herzen so nahe, ihr wünschtet, sie leben zu lassen, während ihr als Kinder Gottes hättet sagen müssen: „Wenn mein Auge mich ärgert, so will ich es ausreißen und von mir werfen, wenn meine rechte Hand mich ärgert, will ich sie abhauen, lieber als in irgend etwas gegen Gott sündigen.“ Brutus erschlägt seine Söhne; aber einige Christen möchten ihre Sünden schonen. Blickt wiederum auf jenen edlen Jüngling, Mutius Skävola. Er geht in das Zelt des Königs Pyrrhus, mit der Absicht, ihn zu töten, weil er der Feind seines Landes ist; er erschlägt den Unrechten; Pyrrhus läßt ihn gefangen nehmen. Eine Pfanne mit glühenden Kohlen lodert in dem Zelt; Skävola streckt seine rechte Hand aus und hält sie in dieselbe; sie zischt in dem Feuer; der junge Mann bleibt standhaft, obgleich seine Finger versengt werden. „Es sind vierhundert Jünglinge,“ spricht er „,in Rom, so tapfer wie ich bin, und die das Feuer ebensowohl ertragen werden; und Tyrann,“ fügt er hinzu „,du wirst sicherlich sterben.“ Doch hier sind christliche Männer, die, wenn sie ein wenig verlacht oder angefahren oder kalt behandelt werden um Christi willen, sich halb ihres Bekenntnisses schämen und hingehen möchten und es verbergen. Und wenn sie nicht wie Petrus sind - in Versuchung zu fluchen und schwören, um der gesegneten Anklage zu entgehen - so geben sie dem Gespräch eine andre Wendung, damit sie nicht um Christi willen zu leiden haben. O, daß wir vierhundert Skävolas hätten, vierhundert Männer, die um Christi willen verbrennen könnten, nicht ihre rechte Hand, sondern ihren Leib, wenn in Wahrheit Christi Name dadurch geehrt und der Sünde ein Stoß ins Herz versetzt würde. Oder laset ihr jene alte römische Legende von Curtius, dem römischen Ritter. Ein großer Abgrund hatte sich im Forum aufgetan, vielleicht durch ein Erdbeben verursacht, und die Wahrsager hatten gesagt, der Schlund würde sich nicht schließen, wenn nicht das Kostbarste, was Rom hätte, hinein geworfen würde. Curtius setzt seinen Helm auf, legt die Rüstung an, besteigt sein Roß und stürzt sich in den Abgrund, der, wie gesagt wird, sich sofort schloß, weil Mut, Tapferkeit und Patriotismus das beste war, das Rom besaß. Ich möchte wissen, wie viele Christen es gibt, die sich so in den Abgrund stürzen würden. Wie? ich sehe euch, ihr Herren, wenn ein neues und gefährliches Werk für Christum zu tun ist, so liebt ihr es, für diesmal in den Hinterreihen zu sein; wenn es etwas Ehrenvolles wäre, wo ihr mit euren wohl aufgeputzten Rossen inmitten auserwählter Reihen reiten könntet, so würdet ihr es. tun, aber in eine Art von Vernichtung euch hinein zu stürzen um Christi willen - o Heldenmut, wohin bist du geflohen, wo bist du geblieben? Du Gemeinde Gottes, sicherlich, er muß in dir noch übrig sein, denn wem sollte es mehr gebühren, zu sterben und alles zu opfern, als denen, welche Kinder Gottes sind! Blickt wiederum auf Camillus. Camillus war auf falsche Anklage hin aus Rom verbannt. Er war schlecht behandelt, gescholten und verleumdet und war fortgegangen in die Zurückgezogenheit. Plötzlich greifen die Goten, die alten Feinde Roms, die Stadt an. Sie umgaben sie; sie waren im Begriff, sie zu plündern, und Camillus war der einzige Mann, der sie retten konnte. Einige würden bei sich gesprochen haben: „Laß das niederträchtige Volk vernichtet werden. Die Stadt hat mich ausgestoßen; laß sie den Tag bereuen, wo sie das getan.“ Aber nein, Camillus sammelt seine Anhänger, überfällt die Goten, schlägt sie und zieht triumphierend in Rom ein, obgleich er ein Verbannter ist. O Christ, dies sollte stets deine Sinnesweise sein, nur in einem noch höheren Grade. Wenn die Gemeinde dich verwirft, dich ausstößt, dich ärgert, dich verachtet, sei immer noch bereit, sie zu verteidigen, und wenn du einen schlechten Namen hast, selbst in dem Munde des Volkes Gottes, erhebe dich immer noch für die allgemeine Sache Zions, der Stadt unsrer feierlichen Gottesdienste. Oder blickt auf Cineinnatus. Er wird zum Diktator gewählt, aber sobald seine Diktatur vorüber und seine Aufgabe gelöst ist, geht er zurück zu seinem kleinen Landgut von drei Acker, und als man ihn zum absoluten Monarchen von Rom machen will, findet man ihn an seinem Pflug bei seinen drei Acker Landes und seiner kleinen Hütte. Er diente seinem Vaterland, nicht um seiner selbst willen, sondern um seines Vaterlandes willen; und kann es sein, daß du um Christi willen nicht arm, aber ehrlich sein willst! Willst du dich herablassen zu den Kniffen des Handels, um Geld zu gewinnen? Ah, dann verdunkelt der Römer den Christen.. Willst du es nicht zufrieden sein, Gott zu dienen, obgleich du dadurch verlierst? für einen notorischen Narren gehalten zu werden, weil du nicht die Weisheit dieser Welt lernen willst; für einen wahnsinnigen Fanatiker zu gelten, weil du nicht mit dem Strom zu schwimmen vermagst. Kannst du das nicht? Kannst du das nicht? Dann sage ich wiederum zu dir: „Sagt es nicht an zu Gath, verkündigt es nicht auf der Gasse zu Asklon, denn ein Heide hat einen Christen verdunkelt.“ Mögen die Söhne Gottes größer sein, als die Söhne des Romulus. Ein andres Beispiel laßt mich euch noch geben. Ihr habt von Regulus, dem römischen General, gehört; er wurde von den Karthagern gefangen genommen, die sehr den Frieden wünschten. Sie sagten ihm, er möchte heimgehen nach Rom und sehen, ob er nicht Frieden machen könne. Aber seine Antwort war: „Nein, ich hoffe, es wird immer Krieg mit euch führen, denn Karthago muß zerstört werden, wenn Rom blühen soll.“ Sie zwangen ihn indes, zu gehen und verlangten das Versprechen von ihm, daß er, wenn die Römer nicht Frieden machten, zurück kommen wolle, und wenn er zurück käme, wollten sie ihn töten in der schauderhaftesten Art, welche Grausamkeit je erfinden konnte. Regulus kehrt nach Rom zurück; er steht auf im Senat und beschwört ihn, niemals Frieden mit Karthago zu machen, sondern die Stadt zu verbrennen und gänzlich zu zerstören. Sobald seine Rede geendet ist, sagt er Weib und Kindern Lebewohl und sagt ihnen, daß er zurück nach Karthago ginge, und natürlich sagen sie ihm, daß er den Feinden sein Wort nicht zu halten brauche. Ich denke mir, er sagte: „Ich versprach, zurück zu kommen, und obwohl es zu unbeschreiblichen Schmerzen ist, will ich zurückkehren.“ Sein Weib hängt sich an ihn, seine Kinder suchen ihn zu überreden; sie begleiten ihn bis ans Ufer; er segelt nach Karthago; sein Tod war zu schrecklich, um beschrieben zu werden. Niemals litt ein Märtyrer mehr für Christum, als dieser Mann um seines Wortes willen litt. Und soll ein Christ sein Wort brechen? Soll ein Kind Gottes weniger wahr sein als ein Römer oder ein Heide? Soll es sein, sage ich, daß Lauterkeit in heidnischen Ländern gefunden wird und nicht hier? Nein, möget ihr heilige, unschuldige, tadellose Kinder Gottes sein inmitten einer verkehrten und bösen Art. Ich gebrauchte diese Beweisführung; ich dachte, sie möchte eine neue sein, ich bin gewiß, daß sie eine kräftige ist. Ihr könnt euch doch nicht vorstellen, daß Gott Heiden gestatten wird, seine Kinder zu verdunkeln. O! laßt es niemals so sein. Lebt so, handelt so, ihr Kinder Gottes, daß die Welt von euch sagt: „Ja, diese Menschen bringen die Früchte Gottes hervor; sie sind gleich ihrem Vater; sie ehren seinen Namen; sie sind in der Tat voll seiner Gnade, denn jedes ihrer Worte ist so gut wie ein Eid; jede ihrer Handlungen ist gerade und aufrichtig; ihr Herz ist freundlich, ihr Geist ist sanft; sie sind fest, aber doch sind sie großmütig; sie sind . streng in ihrer Lauterkeit, aber liebevollen Gemütes; sie sind Männer, die wie Gott voll Liebe sind; aber gleich Ihm sind sie streng gerecht. Sie sind heilig; sie sind gleich Ihm bereit zum Vergeben, aber sie können keineswegs die Übertretung dulden, noch hören, daß die Sünde in ihrer Gegenwart lebt.“ Gott segne euch, ihr Kinder Gottes, und mögen diejenigen unter euch, die Ihm fremd sind, durch diese Predigt überzeugt und bekehrt werden.

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