Spurgeon, Charles Haddon - Die Kämpfer Jesu

Und Melchisedek, König von Salem, brachte Brot und Wein heraus; und er war Priester Gottes, des Höchsten. Und er segnete ihn und sprach: Gesegnet sei Abram von Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt! Und gepriesen sei Gott, der Höchste, der deine Feinde in deine Hand geliefert hat! Und Abram gab ihm den Zehnten von allem.
1. Mose 14,18-20

Welch ein glänzendes Vorbild von unserem Herrn Jesus Christus ist Abraham in der vor uns liegenden Geschichte. Laßt uns die Geschichte Abrahams in Verbindung mit unserm Heiland lesen und sehen, wie tiefsinnig sie ist.

Unser Herr Jesus hat uns in der Fülle seiner Liebe als seine Brüder angenommen, aber wir haben uns durch unsere Sünde in das Land Sodom begeben, und Jesus Christus lebte in seiner Sicherheit und Glückseligkeit allein und freute sich der Gegenwart Gottes. Die Schar unserer Feinde führte uns mit schrecklicher Gewalt und grausamer Wut als ihre Gefangenen davon. Christus, welcher dadurch keinen Verlust hatte, zeigte sich als Bruder in der Not und verfolgte unsere hochmütigen Feinde. Er ereilte sie, schlug sie mit seiner allmächtigen Hand, nahm ihnen den Raub weg und führte die Gefangenschaft gefangen. Es ist mir, als sehe ich Abram aus der Schlacht mit den vier Königen zurückkehren, und ich sehe in ihm einen Größeren als Abram, nämlich den, der von Edom kommt, von Bozra in grellroten Kleidern „der einherzieht in der Größe seiner Kraft?“ Wer antwortet auf meine Frage, wer er sei? „Ich bin es, der Gerechtigkeit redet, der mächtig ist zu helfen.“

Abram war der im Morgenland erweckte Gerechte, dem Gott seine Feinde gab, daß sie wie Stoppeln vor ihm wurden, und so hat Jesus unsere Feinde wie Spreu zerstreut und durch die Tapferkeit des Lammes sind sie auf ewig völlig vernichtet worden. Nehmt diesen Gedanken in euch auf, er kann euch Stoff zur Betrachtung in stillen Stunden liefern.

Wir wollen aber Abram heute als das Vorbild aller Gläubigen betrachten. Er war der Vater aller Gläubigen, und in seiner Geschichte habt ihr, wie ich denke, die Geschichte aller Gläubigen zusammengefaßt. Ihr werdet kaum eine Prüfung finden, die euch überkommt, welche nicht in mancher Hinsicht über Abram kam. Ich sage nicht, daß er in allen Bereichen versucht wurde, wie wir, aber er wurde in so vielen Punkten versucht, daß er es wohl verdient, der Vater der Gläubigen genannt zu werden. Er war des Fleisches und Blutes teilhaftig, wie alle Kinder, welche der Familie des Glaubens angehören.

Lernt aus dieser Geschichte, daß Gläubige oft in Kämpfe verflochten werden. Beachtet zweitens, daß sie in solchen Fällen erwarten dürfen, daß ihr Herr, der große Melchisedek, ihnen entgegen kommt, und drittens, daß sie, wenn sie mit seinem Besuch begünstigt und mit Brot und Wein von ihm erquickt worden sind, wie Abram sich von neuem ihm weihen und ihm den Zehnten von allem geben.

Gläubige werden oft in Kämpfe verwickelt

Dieser Kampf ist ein innerlicher und äußerlicher. Ein innerlicher mit der gebliebenen Verdorbenheit, mit den Versuchungen Satans, mit den Zuflüsterungen des eigenen bösen Herzens. Nach außen hin hat der Christ oft zu kämpfen ­ nicht mit Fleisch und Blut ­ sondern mit Fürsten und Gewaltigen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel.

Der besondere Fall Abrams veranlaßt mich, zu bemerken, daß der Christ manchmal nicht so sehr um seinetwillen, sondern um irrender Brüder willen in Kämpfe verwickelt wird, welche, nachdem sie in schlechte Gesellschaft geraten sind, nach und nach gefangen weggeführt werden. In dieser Sache handelt es sich nicht um Abram, sondern um Lot, der nach Sodom gegangen war. Anstatt auf dem abgesonderten Pfad des wahren Gläubigen zu stehen, hatte er sich mit der Welt verbunden, und als böse Tage kamen, wurde er mit den übrigen gefangengenommen. Abram hätte für alle, die in Adama oder Zeboim wohnten, kein Schwert gezückt, aber er tat es um Lots willen, den er in schlechter Gesellschaft und in Gefahr sah.

Wenn wir zuweilen sehen, wie solche, die Gottes Knechte sind, sich mit bösen Systemen befreunden und gefangen weggeführt werden, wohin ihre Herzen niemals gehen sollten, fühlen wir uns genötigt, das Schwert gegen den Feind Christi und seines Volkes zu zücken; wir können nicht schweigen, wo das Gewissen und Gott uns auffordern, zu kämpfen. Das kommt jedoch seltener vor, denn zum größten Teil richtet der Christ die Spitze seines Schwertes gegen seine eigenen geistlichen Feinde, und wahrlich, wir haben ihrer genug. Gegen den Stolz, die Trägheit, die Lust, gegen den Erzfeind der Seele und seine Zuflüsterungen und Lästerungen, gegen Augenlust, Fleischeslust und Hochmut des Lebens. Deswegen müssen wir unser Schwert stets in Händen haben, und wir sollten vor allem den Schild des Glaubens und die Waffe des sieghaften Gebetes tragen. Solange der Christ diesseits des Jordans ist, darf er sich nie sicher fühlen. Dies ist des Feindes Land. Erwarte hinter jedem Busch einen Feind und preise an jedem Abend die allmächtige Gnade dafür, daß du deinem grausamen Feind nicht zum Raub geworden bist. Der Christ ist während seines ganzen Lebens ein Soldat, und wenn ihr euch die Mühe geben wollt, die Stellen der Heiligen Schrift niederzuschreiben, in denen der Christ als ein Streiter beschrieben wird, in denen Fürsorge für seine Ausrüstung getroffen, in denen ihm Anweisungen für seinen Kampf gegeben werden, so werdet ihr staunen, daß ihr mehr findet als hinsichtlich irgendeines anderen Bildes, unter welchem der Christ im Wort Gottes beschrieben wird. Seine höchste und wichtigste Aufgabe scheint die seines Meisters zu sein: von der Wahrheit zu zeugen, und obwohl er an und für sich ein Kind des Friedens ist, kann er doch mit seinem Meister sagen: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert“, denn wohin er auch gehen mag ­ er stellt fest, daß seine Gegenwart das Signal zum Krieg ist ­ Krieg innen und außen. Er ist ein Mann des Friedens und gerade deswegen ein Kriegsmann.

Beachtet, daß dieser Kampf gegen gewaltige Feinde geführt wird. Die vier in diesem Kapitel erwähnten Könige scheinen sehr mächtige Monarchen gewesen zu sein, und sie müssen sehr tapfere Armeen gehabt haben, die die Riesen töten konnten, deren Namen uns genannt werden. Sie scheinen die fünf Könige der Ebene mit großer Leichtigkeit weggeführt zu haben; doch hier ist Abram, der wenig mehr als dreihundert bewaffnete Knechte zur Verfügung hatte, und doch wagt er den Kampf gegen die streitbaren Tausende der Könige der Nationen. So ist der Kampf des Christen. Er hat gegen Feinde zu kämpfen, die viel zu mächtig für ihn sind. Er ist klein und verachtet, und wenn er seine Kraft mißt, stellt er fest, daß sie vollkommene Schwachheit ist, und trotzdem sieht er den Sieg voraus und eilt wie Abram in den heiligen Krieg.

Gebt sorgfältig darauf acht, daß es ebenso ein Kampf ist, der im Glauben geführt wird. Abram wagte sich nicht im Vertrauen auf seine eigene Kraft oder auf seinen Bogen in den Kampf, sondern er tat es im Namen des Herrn Zebaoth. Der Glaube war Abrams beständiger Trost. Der Christ muß seinen Kampf im Glauben führen. Ihr werdet überwunden werden, wenn ihr es mit einer anderen Methode versucht. Brüder, es gibt keine Sünde in eurem Herzen, welche euch nicht beherrschen wird, wenn ihr sie durch eigene Entschlossenheit zu bekämpfen versucht. Der Glaube an das teure Blut Christi muß euch den Sieg erringen, und die Welt verspottet euch, wenn ihr sie mit anderen Waffen angreift, als Golgatha sie euch liefert. „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet“, und wenn ihr den Glauben fragt, welche Waffe er gebraucht, so ist seine Antwort: „Sie haben überwunden durch des Lammes Blut.“ Verlaßt euch auf die Kraft des Versöhnungsopfers Christi und auf die Macht seiner Fürbitte, und dann kämpft gegen jeden äußeren und inneren Feind, und ihr werdet weit überwinden.

In diesem großen Kampf, der im Glauben geführt wird, hatte Abram ein von Gott gegebenes Recht und mit diesem Recht hatte er die Verheißung der Gegenwart Gottes. Was hatte Kedor-Laomer in Kanaan zu tun? Hatte Gott nicht zu Abram gesagt: „Dir will ich dieses Land geben?“ Es ist wahr, die verbündeten Könige mochten über die Idee lachen, daß Abram das ganze Land für sich beanspruchte, aber dieser Anspruch wurde im Himmel als rechtmäßig anerkannt, und der Patriarch wurde durch göttliches Recht Erbe des ganzen Landes. Christ, du hast Kraft eines Bundes, der mit dir gemacht wurde, jede Sünde als einen Eindringling auszutreiben. Denn die Sünde wird nicht über euch herrschen, denn ihr seid nicht unter Gesetz, sondern unter Gnade. Du hast jeden Irrtum auszutreiben ­ denn du bist ein Diener der Wahrheit, und die Wahrheit allein hat ein Recht, zu leben und zu existieren. In der Führung dieses gerechten Krieges kannst du erwarten, daß der Arm des Allerhöchsten ­ des Eigentümers des Himmels und der Erde ­ sich stark erweisen wird für alle, welche tapfer für seine Wahrheit und für seinen Namen eintreten. Fürchte nichts, es ist nicht dein, sondern Gottes Kampf. Sprich: „Im Namen Gottes will ich sie zerhauen“, und dann gehe voran und siege.

Noch mehr: der Christ steht in einem Kampf, in welchem er im Glauben wandelt und sich auf Gott verläßt. Trotzdem ist es ein Kampf, in welchem er alle legalen Mittel gebraucht, allen erlaubten Beistand annimmt und sich aller Anstrengung befleißigt. Abram saß nicht still und sagte: „Gott wird Lot schon erretten, denn Er hat verheißen, seine Knechte wie einen Augapfel zu behüten“ ­ o nein, das wäre nicht Glaube, sondern Vermessenheit gewesen. Abram nahm sich nicht Zeit und marschierte gemächlich dem Feind entgegen und ging auch nicht ohne den Beistand seiner Freunde Eskol und Aner. So gebraucht der Christ Weisheit und Vorsicht, wenn er sieht, daß sie ihm in der Überwindung der Sünde oder in der Förderung der Wahrheit behilflich sein können. Er vertraut Gott, als ob er selbst nichts täte, und tut doch alles, als ob alles von ihm abhinge. Er weiß, daß gute Werke ihn nicht retten können, und doch weiß er, daß er nicht gerettet wird, wenn nicht einige Früchte guter Werke den vorhandenen Glauben zeigen. Er versteht, daß die Gnadenmittel an und für sich keine Gnade gewähren können, und doch verachtet er sie nicht, sondern erwartet, einen Segen in ihrem Gebrauch zu finden. Er versteht, daß die Predigt und das Gebet im Kämmerlein und das Forschen in der Schrift ihn nicht selig machen können; aber er versteht auch, daß er ­ während er die ihm von Gott gegebenen Hilfsmittel gebraucht ­ fleißig vorwärts strebt und dem Feind kühn entgegentritt ­ auf dem Weg der göttlichen Vorschriften ist und Gottes Hilfe erwarten darf.

Und beachtet weiter, liebe Freunde, daß Abram, der tätig losging und doch Vorsicht zeigte, indem er die Feinde anstatt bei Tag, lieber in der Nacht angriff, nicht ruhte, bis er einen vollständigen Sieg über sie errungen hatte. Es war nicht genug, sie von einer Seite anzugreifen und nur Lot zu befreien, sondern er wollte sie sicher und völlig überwinden. Geliebte, wir dürfen nie still sitzen und sagen: Es ist genug. Habe ich meine Trunksucht getötet? Habe ich meine häßliche Gewohnheit, zu lästern, überwunden? Bin ich ehrlich und keusch geworden? Doch hier darf ich nicht halt machen. Habe ich versucht, meinen Selbstbetrug, meinen Stolz, meine Trägheit zu unterwerfen? Das ist gut, aber laßt uns mit nichts Erreichtem zufrieden sein, bis wir vollkommen sind. Wir glauben nicht, daß wir in diesem Leben vollkommen sein werden, aber wir wollen das größtmögliche Maß erreichen. „Vorwärts!“ lautet die Losung des Christen. Solange noch eine Sünde nicht beseitigt ist, wollen wir kämpfen; solange noch eine Seele in dieser Welt nicht gerettet ist, wollen wir mit dem Mächtigen Jakobs um sie ringen, und solange noch ein Irrtum auf Erden ist und wir noch eine Zunge zum sprechen haben und Gott uns Gnade gibt, wollen wir unser Zeugnis dagegen ablegen. Wir wollen weit überwinden durch den, der uns geliebt hat. O Brüder, mir ist es, als würde ich die Sieger mit Christus an der Spitze im Triumphzug auffahren sehen. Er, der sie liebt, geht voran; die Tore öffnen sich ihm, dem großen Überwinder, der das Gefängnis gefangen führt. Mir ist es, als sehe ich die freudigen Angesichter aller Soldaten des Kreuzes, wie sie in die Portale des ewigen Friedens eintreten.

Der Gläubige darf in seinen geistlichen Kämpfen die Gegenwart seines Herrn erwarten

Als Sadrach, Mesach und Abednego sich im feurigen Ofen befanden, erschien ihnen der Engel des Herrn. Wie sie bei dem Wiederaufbau Jerusalems in trüber Zeit in der einen Hand das Schwert und in der andern die Kelle hatten, so trägt unser Herr Jesus Christus, während er uns das Schwert zu gebrauchen lehrt, dafür Sorge, daß wir zugleich im Glauben erbaut werden. Er weiß, daß Krieger der stärkenden Speise bedürfen und daß sie besonders dann, wenn sie in ernsten Kämpfen stehen, außerordentliche Tröstungen nötig haben, wodurch ihre Seelen wieder erfrischt werden.

Warum erscheint Jesus Christus, wie Er hier durch Melchisedek vorgebildet wird, seinen Kindern in Zeiten des Kampfes? Er kommt zunächst zu ihnen, weil sie müde werden können. In jedem Kampf, welchen das Kind Gottes zu führen hat, ist es ein Glied des Leibes Christi, das zu Ehren des Hauptes gegen Christi Feinde arbeitet. Christus, das Haupt, empfindet die innigste Sympathie für jedes Glied, wie bescheiden es auch sein mag. Wenn du für den Glauben kämpfst, bis du müde wirst, wird dir Jesus Christus gewiß irgendeinen Beweis von seiner innigen Gemeinschaft mit dir geben.

Die Märtyrer behaupten, daß sie nirgends solche Gemeinschaft mit Gott hatten, wie in den Höhlen der Erde, in welche sie um Christi willen verbannt wurden, und daß die köstliche Gegenwart Christi selbst am Schandpfahl unter den Torturen oder selbst auf dem Scheiterhaufen in der Hitze des Feuers ihnen so überwältigend gewesen ist, daß sie fast das Schmerzgefühl verloren haben. Verwende deine Kraft für Gott, Bruder, denn wenn die Ohnmacht unabwendbar erscheint, wird deine Kraft so erneuert werden, daß du gleich dem Adler deine Schwingen ausbreitest und aufschwebst, um mit Gott Gemeinschaft zu haben. Christus, dein Melchisedek, kommt in deinen Kämpfen zu dir, wenn er nicht bereits vorher gekommen ist.

Der König des Friedens begegnete dem zurückkehrenden Kämpfer aus einem weiteren Grund. Abram war möglicherweise vom Sieg aufgebläht und das ist für jedes Kind Gottes ein sehr gefährlicher Zustand. Als die Siebzig zu Christus zurückkehrten, sagten sie mit offensichtlichem Selbstbewußtsein: „Herr, es sind uns auch die Dämonen untertan“, aber Jesus wies sie sanft und mild zurecht, indem Er sagte: „Doch darüber freut euch nicht, freut euch aber, daß eure Namen im Himmel angeschrieben sind.“

Das wahre Geheimnis der Freude eines Christen darf nicht sein Sieg über die Sünde oder den Irrtum, sondern muß die Person seines Herrn Jesus Christus sein. Der Herr weiß, daß sein Volk bei seinen Siegen leicht dazu neigt, vom Stolz berauscht zu werden, und darum sendet er ihnen entweder einen Dorn ins Fleisch, oder aber, was noch besser ist, er kommt selber. Die beste Kur gegen den Stolz ist ein Blick von Christus. O, wenn unsere Augen ihn sehen, wird uns unsere eigene Ekelhaftigkeit, Schwärze und Entstellung offenbar. Ich halte mich selbst für rein, bis ich Ihn sehe, weißer als alles, und dann falle ich nieder und rufe: „Unrein, unrein, unrein!“ „Mein Auge hat dich gesehen“, sagte Hiob, „darum verabscheue ich mich und bereue in Staub und Asche.“ Die Gegenwart Christi ist eine gründliche Kur. Wenn Melchisedek kommt, flieht jede geistliche Krankheit vor ihm. Mit der Gemeinde in Laodicäa war es sehr weit gekommen, aber wie beabsichtigte der Herr, sie zu heilen? „Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen und er mit mir.“ Herr, wendest du deiner kranken Gemeinde solch freundliche Behandlung zu? „Ja, meine Gemeinschaft mit dir, du armes, laues Laodicäa, wird dich wieder beleben.“

Wahrlich, es ist ein höchst anregendes Bild, wie Johannes das Angesicht Jesu beschreibt. Er sagt: „Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne in ihrer Kraft.“ So kommt es denn nicht darauf an, Herr, wie dunkel ich bin. In dem Augenblick, wo du dein Angesicht leuchten läßt, muß alles Licht werden. Das, so denke ich, war der Grund, aus welchem der König der Gerechtigkeit Abram begegnete: um seine Gedanken von den aufblähenden Freuden des Sieges weg und auf sein sicheres Teil in dem höchsten Gott hinzulenken ­ auf den Gott, der Himmel und Erde besitzt.

Doch wurde Abram dieser Besuch nicht auch gewährt, weil er in einer noch feineren Weise geprüft werden sollte, als es vorher geschehen war? Es ist leichter, Kedor-Laomer zu bekämpfen, als dem König von Sodom zu widerstehen. Josua wurde nicht müde, als er die Amalekiter in der Ebene bekämpfte, aber Mose auf dem Berg fühlte, daß seine Hände schwer wurden. Warum? Je geistlicher die Übung ist, um so schneller neigen wir dazu, müde zu werden. Je geistlicher die Versuchung ist, desto wahrscheinlicher ist es, daß wir ihr zur Beute werden, und um so mehr benötigen wir Kraft, sie zu überwinden.

Abram hat die Gefangenen zurückgebracht; er hat ein Recht auf die Beute und kann sie deshalb nehmen. Wenn er es getan hätte, würde ihn nach der bestehenden Regel niemand beschuldigt haben; aber für Gläubige gibt es eine höhere Regel als für andere Leute. Brüder, ich bestreite, daß die gewöhnlichen Moral-Regeln für alle bindend sind, sondern behaupte, daß eine übernatürlich hohe Moral den Christen beherrschen sollte. Es ist einem Christen nicht gestattet ist, etwas Böses zu übersehen, sondern so zu Handeln, daß nach dem gewöhnlichen Urteil eines unparteiischen Beobachters nichts Unrechtes in seiner Handlungsweise liegt. Ich sage euch aus Erfahrung, daß je näher ihr Christus kommt und je mehr Gemeinschaft ihr mit Ihm habt, ihr desto mehr auf euer Tun achten müßt, sonst werdet ihr der Rute nicht entgehen, wer ihr auch sonst entrinnen mag.

Geliebte, es ist gut, Gemeinschaft mit Christus zu haben, damit wir auf raffiniertere Versuchungen vorbereitet werden, denn von Melchisedeks Brot und Wein genießen, bedeutet, uns gegen den König von Sodom zu wappnen. O Jesus! Wenn ich Dein Angesicht gesehen habe, sieht meine Seele die blendenden Schönheiten der irdischen Herrlichkeiten nicht mehr. Bruder, wenn du jemals Christi Angesicht gesehen hast, wird die geschminkte Hure, die Welt, deine Liebe nie wieder gewinnen. Wenn du gegen die feinsten weltlichen Versuchungen gestärkt werden willst, so bete: „Deine Liebe ist lieblicher als Wein“, und du kannst zu Kämpfen jeder Art ausziehen und du überwindest weit um deswillen, der dich geliebt hat.

So habe ich über die Tatsache gesprochen, daß Melchisedek Abram begegnete und über die Gründe, warum er es tat. Nun laßt uns ein wenig näher auf das eingehen, was er tat. In welcher Eigenschaft ging er Abram entgegen? Die Antwort ist leicht: Er ging ihm entgegen als einer, der ein königliches Priestertum besaß.

Christus begegnet uns in allen unseren Kämpfen als ein Priester und als ein König. Welche Gnade ist es, das Christus uns als ein Priester besucht, denn wir kämpfen nie wider die Sünde, ohne von ihr irgendwie beschmutzt zu werden. Ich glaube nicht, daß es jemals einen Streit für die Wahrheit gab, auf welchen selbst ein frommer Mann, der auf seiten des Rechts stand, ohne Reue und ohne Tränen zurückgeblickt hätte. Ich glaube sehr, daß selbst Martin Luther oder John Knox auf ihren Sterbebetten fühlten, daß sie im Fleisch waren und daß sich mit allem, was sie taten, etwas vom Fleisch vermischte, obwohl sie nie bereuten, daß sie ernstlich um den Glauben gekämpft hatten. So wird es bis zum Ende sein, und selbst wenn wir gegen unsere eigenen Sünden und Lüste kämpfen, wird doch in unserer Reue etwas sein, das bereut werden muß. O Jesus, wie sehr habe ich es nötig, daß du mir als Priester begegnest!

Aber Melchisedek war auch ein König, und wahrlich, so müssen wir unseren Herrn ansehen, wenn wir seine Kriege führen. „Der Herr ist König“, ist für den kämpfenden Christen vielleicht einer der trostvollsten Texte im Wort Gottes. „O“, sagt die arme Seele, „ich werde vom Fuß Satans getreten; aber freue dich nicht, mein Feind, daß ich darniederliege; ich werde wieder aufstehen, denn der Herr ist König.“ Ja, das ist unser Trost, wenn wir zu irgendeiner Zeit denken, daß wir geschlagen sind, wenn wir unsere Gemeinde verzagt und unser Banner in den Schmutz getreten sehen, dann denken wir an unseren Herrn, „denn der Vater hat ihn erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Sei gegrüßt, du König der Gerechtigkeit und des Friedens! Der Himmel verherrlicht Dich, die Erde gehorcht Dir, die Hölle zittert vor Dir, die ehernen Pfosten bersten bei deiner Berührung und eiserne Riegel öffnen sich auf Dein Wort!

Aber wir müssen Christus sehen. Durch eine Beschreibung könnt ihr ihn nicht sehen. Melchisedek ging Abram entgegen, und Jesus muß euch begegnen, wenn ihr es am wenigsten erwartet, und sich euch offenbaren, wie Er es der Welt gegenüber nicht tut. Dem Jakob begegneten vor seinem Ringen die Heere der Engel zu Mahanaim; aber was sind sie im Vergleich zu dem Herrn selbst? Es ist ein großer Segen, eine Begegnung mit Engeln zu erfahren ­ mißversteht mich hier nicht ­ aber dem Engel des Bundes begegnen zu dürfen, welch ein Trost ist das! „Meine Augen haben den König in seiner Schönheit gesehen“ können viele von uns sagen, und unsere Seelen sind überschwenglich getröstet worden, weil wir ihn als Priester und König kennengelernt haben.

Die nächste Frage ist: Was tat Melchisedek für ihn? Er brachte ihm Brot und Wein und symbolisierte damit, was Jesus tut, der uns sein Fleisch und sein Blut bringt. Fleischliche Leute sagen, daß, wenn ihr an dem Tisch des Herrn Brot eßt und Wein trinkt, ihr in dem Brot sein Fleisch eßt, oder daß das Brot in Fleisch und der Wein in Blut verwandelt wird. Aber der geistlich Gesinnte versteht, daß diese Symbole die geistlichen Kräfte wecken, und daß dann die geistlichen Kräfte sich wirklich und geistlicherweise an dem Fleisch und Blut Jesu Christi nähren, und daß so das Wort erfüllt wird: „Wenn ihr nicht das Fleisch des Sohnes des Menschen eßt und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst.“

Ich glaube, daß es in Zeiten des Kampfes keine andere Nahrung gibt, welche die unsterbliche Seele erhält, als der Meister selbst, die Gemeinschaft mit ihm, ein Hineinlegen der Finger in seine Nägelmale, das Hineinlegen der Hand in seine Seite ­ das ist das souveräne Heilmittel gegen den Unglauben und die beste Nahrung des Glaubens. Seine geoffenbarte Gegenwart ist unsere edelste Nahrung. Wenn Christus sich selbst offenbart, wird alles ruhig und still; aber so lange wir ihm nicht begegnen, bleiben wir in Finsternis und sehen kein Licht.

Der Anbeter, welcher zum Tempel hinaufkam, konnte nicht leben von dem ehernen Becken, noch von den goldenen Schnäuzen, auch nicht einmal von den Emblemen der Cherubim; er mußte mit den Priestern teilnehmen an dem Lamm, das geopfert wurde. So ist Jesus Christus selbst die wahre Nahrung des Kindes Gottes ­ nicht so sehr Vorschriften und Lehren, welche nur die Utensilien und die Kleider sind; sondern Christus selbst, der wahre Christus ­ der um unseretwillen Fleisch wurde ­ mit Freuden in unsere Seele aufgenommen und genossen, bis wir, wie Abram, unsere Straße fröhlich ziehen. Das ist es, was der königliche Priester für den Patriarchen tat.

Habt Geduld mit mir, während ich erwähne, was Melchisedek zu ihm sagte. Zuerst segnete er ihn und dann lobte er Gott, und das ist genau, was wir bedürfen. Wir wünschen, daß unser Herr Jesus Christus zunächst uns segnet. Gesegnet sei Abram von Gott dem Höchsten, der Himmel und Erde besitzt! Wir haben den Segen Gottes über uns und über unsere Werke nötig. Was sind unsere Werke, wenn wir sie alle getan haben, als nichtige Eitelkeiten, bis Gott kommt, uns zu stärken?

Geliebte, ihr und ich, wir können für Christus kämpfen, bis wir stumm werden; aber nicht eine Seele wird das Licht sehen oder durch unser Zeugnis die Wahrheit erkennen, wenn Gott unsere Arbeit nicht segnet. Wir mögen es versuchen, schwache Herzen und Sünder zu dem Kreuz Christi zu bringen; aber wir werden nie einen Sünder dahin führen, wenn Gottes Arm nicht geoffenbart wird. Wir werden wie der Prophet zurückkehren und sagen: „Wer hat unserer Predigt geglaubt“ und fühlen, daß der Arm Gottes ihnen nicht geoffenbart worden ist. Aber wenn uns andererseits der gesegnet hat, der Himmel und Erde besitzt, dann ist auch unsere irdische Habe gesegnet und dann sind unsere irdischen Worte gesegnet, und dann erhalten wir einen himmlischen Segen. Dann ruht der Friede und die Allmacht des Himmels auf uns und in der Herrlichkeit einer vom Himmel gegebenen Stärke ziehen wir voll Vertrauen zum Sieg aus. Wir benötigen den Segen unseres Herrn. Erbittet ihn jetzt, Geliebte, die ihr von den Kämpfen der letzten Woche ermüdet seid und es wegen eurer Leiden und Trübsale kaum länger ertragen könnt, sprecht jetzt zu Ihm: Herr Jesus, segne mich jetzt. Der du Himmel und Erde besitzest, vergiß keinen deiner Geliebten, sondern gib uns einen Segen!

Geliebte Brüder, Melchisedek blieb nicht dabei stehen, sondern erfüllte noch einen anderen Teil seines priesterlichen Amtes: Er lobte Gott. Wenn wir hier miteinander singen und ich mich in der rechten Stimmung befinde, bekommt meine Seele Flügel und möchte zum Himmel fliegen. Wenn wir alle kräftig singen, dann liegt eine Lieblichkeit und Erhabenheit in unserm Gesang, wie wir es nicht oft antreffen. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß wir Gott nicht preisen, wie er es verdient, und hierin preise ich den großen Melchisedek, weil, obwohl wir Gott nicht loben, wie er gelobt werden sollte, er es doch kann. Jesus Christus bringt sowohl das Lob wie die Gebete seiner Heiligen vor Gott. Er ist der Fürbitter und Vertreter und während er die Schalen voll Räucherwerk darzubringen hat, bringt Er auch die Musik uns Brüder, hat Gott euch in dieser Woche einen Erfolg gegeben? Liebe Schwester, hast du einige Seelen für Christus gewonnen? Lieber Bruder, hat Gott dich in deinem Zeugnisablegen gesegnet? Hast du erlebt, daß Gott mit dir gewesen ist? Dann kommt und legt eure Ehre zu seinen Füßen nieder. Was es auch sein mag, legt es dort nieder und bittet den großen Melchisedek, jedes Teilchen eigener Ehre und jedes Atom der Selbsterhebung aus eurem Herzen herauszunehmen und bittet ihn, für euch in einem höheren Sinn zu sagen, als ihr es jemals sagen könnt: „Gesegnet seist du von Gott, dem Höchsten, der Himmel und Erde geschaffen hat. Und gepriesen sei Gott der Höchste, der deine Bedränger in deine Hand ausgeliefert hat.“ So wirst du dich freuen, daß dir der große Melchisedek begegnet ist.

So habe ich gesprochen, aber ich bin gewiß: ein Wort von den Lippen Christi wiegt zehntausend meiner Worte auf. Wenn ihr ihn je gesehen habt, werdet ihr mich, wenn ich versuche, Ihn zu malen, für einen Tüncher halten. Wenn ihr heute nur zehn Minuten lang wirkliche Gemeinschaft mit Jesus habt, werdet ihr euch darüber wundern, daß ich in dieser kalten Weise sprechen konnte. Geht, Brüder, und bittet Melchisedek, daß Er euch begegnet.

Die Begegnung mit Melchisedek bewirkt neue Hingabe

Ihr seht, Abram scheint keinen Augenblick zu zögern, sondern er gibt Melchisedek den Zehnten von allem, womit er zu sagen scheint: „Ich anerkenne die Autorität meines höchsten Herrn in allem, was ich bin und in allem, was ich habe.“

Wahrlich, unser König und Priester Melchisedek verdient, daß wir ihm alles geben. Ich möchte jedoch, daß manche Christen die Regel annähmen, den Zehnten ihres Einkommens für die Sache des Herrn zu geben. Wenn ihr dann etwas zu geben hättet, würdet ihr nicht fühlen, daß ihr von dem Euren gebt. Eure linke Hand würde nicht wissen, was die rechte tut, denn ihr nehmt nur von des Herrn Vorrat, was ihr bereits der Sache des Herrn geweiht habt. Geringer als der Zehnte sollte der Teil des Herrn nicht sein, besonders bei denen, welche ihr Auskommen haben. Und mehr als der Zehnte sollte von denen erwartet werden können, welche Reichtum haben. Aber es gibt hier keine Regel, die euch mit eiserner Gewalt bindet, denn ihr seid in der Gemeinde Christi nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade, und Gnade wird euch bewegen mehr zu tun, als das Gesetz erwartet. Aber der Christ sollte sich nicht als sein Eigentum ansehen. Wenn ich einen Tropfen Blut in meinem Körper habe, welches nicht Gott gehört, so bitte ich ihn, daß er ihn sich verbluten lasse. Wenn ein Haar auf meinem Haupt ist, das ihm nicht geweiht ist, so möchte ich es ausgerissen haben, denn es würde des Teufels Blutstropfen und des Teufels Haar sein. Es gehört dem einen oder dem andern, und wenn nicht Gott, so gehört es dem Teufel.

Nein, Brüder, wir dürfen uns nicht teilen und nicht dieser Welt und zugleich Gott leben wollen. Markus Antonius jochte zwei Löwen zusammen und trieb sie durch die Straßen Roms. In Rom tut man seltsame Dinge, und es gibt viele Leute, die zwei Löwen zusammenjochen und nach Rom hintreiben können, aber ihr werdet nie im Stande sein, den Löwen aus dem Stamme Juda und den Löwen aus der Hölle unter ein Joch zu bringen. Sie sind Todfeinde, und Christus will euch nicht zu Knechten haben, wenn ihr zwei Herren dienen wollt.

Ich weiß, daß mein Gerede vergeblich ist, aber wenn ihr, Geliebte, mit Christus Gemeinschaft habt, wird sich eure Hingabe an ihn von selbst ergeben.

Ich nehme an, daß an diesem Nachmittag einer von euch in seinem Armstuhl sitzen und bei sich denken wird: „Wie wenig habe ich in letzter Zeit für die Sache Christi gegeben. Wie selten habe ich meinen Mund für ihn aufgetan!“ Nimm an, der Herr Jesus Christus käme mit seinen durchgrabenen Händen und blutenden Füßen ins Zimmer. Nimm an, er würde dich an das erinnern, was er für dich getan, wie er dich in deinem Zustand besucht hat, als dein Herz unter deinem Schuldbewußtsein zusammenbrach. Würdest du ihm dann sagen, daß du für seine Sache nicht mehr tun kannst?

Nimm an, unser Herr Jesus Christus würde dich anblicken und zu dir sagen: „Dies alles habe ich für dich getan. Was willst du für mich tun?“ Wie würde deine Antwort lauten? Nun, du würdest sagen: „Nimm alles, mein Meister; nimm alles. Was ich bin und was ich habe, soll auf ewig dein sein.“ Wie Abram vor Melchisedek tat, so tue du vor Christi Angesicht. Erkenne an, daß du sein bist, und gib dich Ihm hin.

Meine lieben Brüder, ich bitte Gott, daß dies euch anregen möge, einen hohen Grad der Hingabe zu suchen und in täglicher Gemeinschaft mit einem lebendigen Heiland zu leben, und Er wird euch segnen und bewahren.

Aber da sind einige unter euch, die dem Abram nicht gleichen. Einige unter euch sind fern und fremd. Ich könnte euch mehr mit den Männern von Sodom vergleichen. Wie Abram für Sodom, so hat Christus etwas für euch getan. Ihr wißt, es geschah nur um Lots willen, daß er sie zurückbrachte. Aber er brachte sie alle zurück und gab allen um Lots willen eine Frist, obwohl sie wenige Jahre später so gottlos geworden waren, daß sie alle vernichtet wurden. Mein Meister hat eine Frist gegeben, euch alle zu befreien. Während sein großes Werk das Heil seiner Auserwählten war, hat er euch alle doch in dem Land der Lebendigen gelassen. Hütet euch, daß ihr es nicht macht wie die Männer Sodoms, denn dann muß eine viel schrecklichere Vernichtung über euch kommen, weil ihr euch nicht bekehrt von euren bösen Wegen, noch sein Angesicht sucht. Vertraut Christus, und ihr seid gerettet. Glaubt an ihn, und eure Sünden sind vergeben. Aber wenn ihr euch weigert, hütet euch, daß nicht über euch kommt, was in den Propheten geschrieben steht: „Schaut ihr Verächter, und erschreckt und werdet zunichte!“

Der Meister begleite euch mit seinem Segen! Amen.

autoren/s/spurgeon/k/spurgeon-die_kaempfer_jesu.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)