Spurgeon, Charles Haddon - Der Kampf in Gethsemane.

„Und es kam, daß er mit dem Tode rang und betete heftiger. Es ward aber sein Schweiß wie Blutstropfen, die fielen auf die Erde.“
Lucas 22, 44.

Nachdem unser Herr mit seinen Jüngern das Passahlamm gegessen und das Abendmahl gefeiert, ging er mit ihnen an den Oelberg und trat in den Garten Gethsemane ein. Was bewog ihn, diesen Ort zum Schauplatz seines furchtbaren Todeskampfes zu wählen? Warum wollte er lieber hier als irgendwo anders von seinen Feinden gefangen genommen werden? Dürfen wir uns nicht vorstellen, daß wie in einem Garten Adams Selbstsucht Verderben über uns brachte, so in einem andern Garten das Todesringen des zweiten Adams uns wieder herstellen sollte? Gethsemane reicht uns die Arzenei für die Uebel, welche die Folge der verbotenen Frucht in Eden sind. Keine Blumen, die an den Ufern des vierfältigen Flusses blühten, waren für unser Geschlecht je so köstlich wie die bittern Kräuter, die nahe am schwarzen, trüben Bach Kidron wuchsen.

Sollte nicht unser Herr auch an David gedacht haben, wie er bei jener denkwürdigen Gelegenheit von seinem aufrührerischen Sohne aus der Stadt floh, wovon geschrieben steht: „Und der König ging über den Bach Kidron,“ und er und sein Volk gingen hinan barfuß, mit verhülltem Haupt und weinten? Sehet, der größere David verläßt den Tempel, der wüste werden soll, verläßt die Stadt, die seine Mahnungen verworfen und geht mit trauervollem Herzen über den schmutzigen Bach, um in der Einsamkeit Linderung für sein Wehe zu finden. Auch wollte Jesus, daß wir sehen sollten, wie unsre Sünde Alles für ihn in Schmerz verkehrte; sie verwandelte seine Reichthümer in Armuth, seinen Frieden in heiße Arbeit, seinen Ruhm in Schande und machte den Ort seiner friedlichen Zurückgezogenheit, wo er in heiliger Andacht und Gemeinschaft mit Gott dem Himmel am nächsten gewesen war, zu dem Brennpunkt seines Schmerzes, dem Centrum seines Wehes. Wo er am meisten Freude genossen, da ward er berufen, am meisten zu leiden. Unser Herr mag auch den Garten gewählt haben, weil er jeder Erinnerung bedurfte, die ihn in seinem Kampfe aufrecht halten konnte und sich durch das Andenken an die frühern Stunden, die hier so ruhig vergangen waren, erfrischt fühlte. Er hatte hier gebetet und Stärke und Trost gewonnen. Jene knorrigen und verschlungenen Olivenbäume kannten ihn gut; es war kaum ein Grashalm in dem Garten, auf dem er nicht gekniet hatte; er hatte den Ort der Gemeinschaft mit Gott geweiht. Wie könnten wir uns da wundern, daß er diesen bevorzugten Platz jetzt wählte! Gerade wie Jemand in Krankheit es vorziehen würde, in seinem eignen Bette zu liegen, so wollte Jesus seine Todesangst in seiner eignen Betkammer erdulden, wo die Erinnerungen an frühere Gemeinschaft mit dem Vater lebhaft vor ihn traten.

Wahrscheinlich aber war sein Hauptgrund der, daß es sein wohlbekannter Aufenthalt war. Johannes sagt: „Judas wußte den Ort auch.“ Unser Herr wollte sich nicht verbergen, er brauchte nicht verfolgt zu werden, wie ein Dieb, nicht aufgespürt durch Spione. Er ging kühn nach dem Ort, wo seine Feinde wußten, daß er gewohnt war, zu beten, denn er war Willens, zum Leiden und Tode geführt zu werden. Sie schleppten ihn nicht gegen seinen Willen in das Richthaus des Pilatus, er ging freiwillig mit ihnen. Als die Stunde für ihn gekommen war, verrathen zu werden, war er an einem Ort, wo der Verräther ihn leicht finden konnte und da Judas ihn mit einem Kuß verrathen wollte, war seine Wange bereit, den verrätherischen Gruß zu empfangen. Des Heilands Freude war es, des Herrn Willen zu thun, obgleich der Gehorsam bis zum Tode darin einbegriffen war.

So sind wir bis an die Pforte des Gartens von Gethsemane gekommen, laßt uns nun eintreten; aber zuerst laßt uns die Schuhe von unsern Füßen ausziehen, wie Moses that, als er den Busch sah, der mit Feuer brannte und doch nicht verzehrt ward. Wir können sicherlich mit Jacob sagen: „Wie heilig ist diese Stätte!“ Ich zittre vor der Aufgabe, die vor mir liegt, denn wie soll mein schwaches Wort diese Todeskämpfe beschreiben, für die „starkes Geschrei und Thränen“ kaum ein angemessener Ausdruck ist? Ich wünsche mit euch die Leiden unsers Erlösers zu betrachten, aber, o, möge der Geist Gottes unsern Geist bewahren, daß wir nicht irgend etwas Falsches denken und unsre Zunge, daß sie auch nicht ein einziges Wort sage, das seiner unbefleckten Menschheit oder seiner glorreichen Gottheit zu nahe tritt. Es ist nicht leicht, wenn man von Einem spricht, der beides ist, Gott und Mensch, die genaue Linie des correcten Ausdrucks inne zu halten; es ist so leicht, die göttliche Seite so zu beschreiben, daß die menschliche beeinträchtigt wird oder die menschliche auf Kosten der göttlichen auszumalen. Rechnet mir ein Wort nicht als Verbrechen an, wenn ich fehlen sollte. Ein Mann hätte nöthig, selbst inspirirt zu sein oder sich genau auf die Worte der Inspiration zu beschränken, um allezeit geziemend über dieses große „Geheimniß der Gottseligkeit“ zu reden, „Gott geoffenbart im Fleische,“ und besonders, wenn er zu reden hat über Gott, so geoffenbart im leidenden Fleische, daß die schwächsten Züge der Menschheit am sichtbarsten werden. O Herr, öffne Du meine Lippen, daß meine Zunge rechte Worte spreche!

Wenn wir über den angstvollen Auftritt in Gethsemane nachdenken, so müssen wir gewahr werden, wie unser Heiland da einen Schmerz erduldete, der ihm in jeder frühern Periode seines Lebens unbekannt war und deshalb wollen wir unsre Rede beginnen, indem wir die Frage aufwerfen:

„Was war die Ursache dieses eigenthümlichen Leidens in Gethsemane?“ Unser Herr war „der Mann der Schmerzen und bekannt mit Leiden“ während seines ganzen Lebens und doch, ob es gleich paradox klingt, glaub' ich kaum, daß auf der Erde ein glücklicherer Mensch gelebt hat, als Jesus von Nazareth, denn die Leiden, welche er erduldete, wurden aufgewogen durch den Frieden der Reinheit, die Ruhe der Gemeinschaft mit Gott und die Freude des Wohlthuns. Jeder gute Mensch weiß, daß dieses letzte sehr süß ist und um so süßer, je größer der Schmerz, der freiwillig erduldet wird, um eine menschenfreundliche Absicht auszuführen. Es ist immer eine Freude, Gutes zu thun, koste es, was es wolle. Ueberdies war Christus allezeit in vollkommenem Frieden mit Gott; wir wissen, daß er dies war, denn er betrachtete diesen Frieden als ein köstliches Vermächtniß, das er seinen Jüngern hinterlassen konnte und eh' er starb, sprach er zu ihnen: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch.“ Er war sanftmüthig und von Herzen demüthig und deshalb hatte seine Seele Ruhe; er war einer von den Sanftmüthigen, welche das Erdreich besitzen, einer von den Friedfertigen, die da selig sind und sein müssen. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich sage, daß unser Herr weit davon entfernt war, ein Unglücklicher zu sein. Aber in Gethsemane scheint Alles verändert, sein Friede ist gewichen, seine Ruhe in Sturm verwandelt. Nach dem Abendmahl hatte unser Herr einen Lobgesang gesungen, aber kein Singen war in Gethsemane. Im Hinabgehen des steilen Weges, der von Jerusalem zum Kidron führte, redete er freudig: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“, und jenes bewundernswürdige Gebet, das er mit seinen Jüngern nach dieser Rede betete, ist voller Majestät. „Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die du mir gegeben hast“, ist ein sehr verschiedenes Gebet von dem innerhalb Gethsemane's Mauern, wo er ruft: „Ist's möglich, so laß diesen Kelch von mir gehen.“ Beachtet, daß in seinem ganzen Leben ihr kaum eine Aeußerung des Schmerzes von ihm hört und doch sagt er hier, nicht blos durch seine Seufzer und seinen blutigen Schweiß, sondern mit Worten: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“ Im Garten konnte der Leidende seinen Schmerz nicht verhehlen und scheint es auch nicht gewünscht zu haben. Dreimal ging er hin und zurück zu seinen Jüngern, er ließ sie seine Trauer sehen und beanspruchte ihr Mitgefühl; seine Ausrufe waren sehr klagend und sein Seufzen und Stöhnen ohne Zweifel schrecklich anzuhören. Der Schmerz that sich vor Allem in dem blutigen Schweiß kund, der eine sehr ungewöhnliche Erscheinung ist, obgleich ich meine, daß wir jenen Schriftstellern Glauben schenken müssen, die ähnliche Fälle berichten. Der alte Arzt Galen führt einen Fall an, wo durch ein Uebermaß des Schreckens ein farbiger Schweiß bei Jemanden hervorgetrieben ward, der wenigstens sehr röthlich war, daß er wie Blut erschien. Andre Beispiele noch werden von medicinischen Autoritäten erzählt. Wir bemerken indeß bei keiner frühern Gelegenheit deß etwas in dem Leben des Herrn; es war nur in dem letzten furchtbaren Ringen unter den Oelbäumen, wo unser Vorkämpfer bis auf's Blut widerstand im Streit gegen die Sünde. Was fehlte dir, o Herr, daß Du gerade da so heftig littest?

Wir sehen klar, daß sein tiefer Schmerz und sein Elend nicht durch körperliche Pein verursacht waren. Unser Heiland hatte gewiß Schwachheit und leiblichen Schmerz gut gekannt, denn er „nahm unsre Krankheit auf sich,“ aber er hatte niemals vorher über physisches Leiden geklagt. Ebenso wenig war er zu dieser Zeit durch einen Verlust betrübt worden. Wir wissen, warum „ihm die Augen übergingen,“ es war, weil sein Freund Lazarus gestorben war; aber hier war kein Begräbniß, kein Krankenbett, noch irgend welch' derartige Ursache zur Trauer. Noch waren es die erneuten Erinnerungen an vergangene Schmach, die schlummernd in seinem Herzen gelegen. Lange vorher schon hatte „die Schmach ihm das Herz gebrochen“ und er kannte vollständig die Stacheln des Schimpfes und Hohnes. Sie hatten ihn „einen Fresser und Weinsäufer“ genannt, hatten ihn beschuldigt, die Teufel durch der Teufel Obersten auszutreiben; sie konnten nichts Aergeres sagen und doch hatte er dem kühn gegenüber gestanden, es war nicht möglich, daß er jetzt um solcher Ursache willen betrübt bis zum Tode war. Es muß etwas gewesen sein, schärfer als Körperschmerz, schneidender als Hohn, furchtbarer als Verlust, mit dem der Heiland jetzt rang und was ihn „trauern und zagen“ machte.

Glaubt ihr, es sei die Furcht vor der nahen Verhöhnung oder das Grauen vor der Kreuzigung gewesen? War es Schrecken bei dem Gedanken an den Tod? Ist diese Voraussetzung nicht unmöglich? Jedem Menschen graut vor dem Tode und als Mensch mußte Jesus davor zurückbeben. Als wir ursprünglich gemacht wurden, waren wir für die Unsterblichkeit geschaffen und deshalb ist's für uns ein Fremdartiges, unsrer Natur nicht Gemäßes, zu sterben und der Instinkt der Selbsterhaltung läßt uns davor zurückschrecken; aber bei unserm Herrn würde diese natürliche Ursache nicht so schmerzhafte Folgen gehabt haben. Sie macht nicht einmal solche arme Memmen, wie wir sind, große Tropfen Blut schwitzen, wie hätte sie denn solches Grauen in ihm bewirkt? Es ist entehrend für unsern Herrn, wenn wir ihn uns weniger muthig als seine Jünger denken, und wir haben doch Einige der Allerschwächsten unter seinen Heiligen triumphirend im Hinblick auf ihr nahes Abscheiden gesehen. Leset die Geschichten der Märtyrer und ihr werdet sie oft frohlockend finden in der Erwartung der grausamsten Leiden. Die Freude des Herrn hatte ihnen solche Stärke gegeben, daß kein feiger Gedanke sie einen Augenblick lang beunruhigte; sie gingen mit Siegespsalmen auf den Lippen zum Scheiterhaufen oder auf's Schaffot. Wir können von unserm Meister nicht geringer als von seinen muthigsten Dienern denken; es kann nicht sein, daß er zitterte, wo sie kühn sind. O nein, der erhabenste Geist unter jener Märtyrerschaar ist der Führer selber, der im Leiden und Heroismus sie Alle übertraf; Keiner konnte so den Todesqualen trotzen, der „um der Freude willen, die ihm bevorstand, das Kreuz erduldete und die Schmach verachtete.“ (Hebr. 12, 2 engl. Uebers.) Ich kann mir nicht denken, daß die Qualen in Gethsemane von irgend einem außergewöhnlichen Angriff des Satans herrührten. Es ist möglich, daß der Satan da war und daß seine Gegenwart den Schatten noch dunkler gemacht, aber er war nicht die Hauptursache dieser Stunde der Finsterniß. So viel ist ganz klar, daß unser Herr beim Beginn seines Wirkens einen sehr harten Kampf mit dem Fürsten der Finsterniß bestand und doch lesen wir in Betreff der Versuchung auch nicht Eine Sylbe davon, daß seine Seele betrübt gewesen, oder daß er gezittert und gezagt hätte, und ebensowenig wird auch nur hingedeutet auf etwas, das blutigem Schweiße gleichgekommen wäre. Als der Herr der Engel sich herabließ, Mann gegen Mann zu stehen gegen den Fürsten, „der in der Luft herrschet,“ da hatte er nicht solche Furcht vor ihm, daß er „starkes Geschrei und Thränen opferte,“ und auf die Erde fiel mit dreimaligem Flehen zu dem großen Vater. Seinen Fuß auf die alte Schlange zu setzen, war vergleichungsweise zu sprechen, eine leichte Aufgabe für Christus und kostete ihn nur eine verwundete Ferse, aber die Todesangst von Gethsemane verwundete seine Seele bis zum Tode.

Was ist es denn, denkt ihr, daß so besonders Gethsemane und seine Leiden auszeichnet? Wir glauben, daß der Vater ihn nur um unsertwillen zerschlug. Nun war es, wo der Herr einen gewissen Kelch von des Vaters Hand zu nehmen hatte. Nicht von den Juden, nicht von dem Verräther Judas, nicht von den schlafenden Jüngern, nicht von dem Teufel kam die Prüfung jetzt, sondern es war ein Kelch, gefüllt von Einem, den er als seinen Vater kannte, der ihm aber deßungeachtet einen sehr bittern Trank bestimmt hatte, einen Kelch, der nicht von seinem Körper getrunken werden und seine Galle über sein Fleisch ausgießen sollte, sondern ein Kelch, der besonders seine Seele verzagen machte und sein Innerstes quälte. Er schauderte davor und deshalb seid gewiß, es war etwas Furchtbareres als physischer Schmerz, denn vor diesem schauderte er nicht. Es war ein Trank, der furchtbarer war, als Schmach, denn vor dieser war er nicht zurückgewichen; furchtbarer als Satanische Versuchung – diese hatte er überwunden; es war etwas unbegreiflich Schreckliches, Entsetzenvolles, das von des Vaters Hand kam. Dies benimmt uns allen Zweifel über das, was es war, denn wir lesen: „Der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit; wenn er sein Leben zum Schuldopfer gegeben hat.“ „Der Herr warf unser Aller Sünde auf ihn.“ „Er hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zur Sünde gemacht.“ Dies war es also, was die außergewöhnliche Niedergeschlagenheit des Heilandes bewirkte. Er war nun daran, „den Tod für Alle zu schmecken,“ den Fluch der Sünde zu tragen, weil er an des Sünders Stelle stand und an des Sünders Statt leiden mußte. Hier ist das Geheimniß jener Todeskämpfe, die ich nicht im Stande bin, euch zu schildern, so wahr ist es:

„Nur Gott und Gott alleine weiß,
Wie tief der Schmerz war und wie heiß!“

Doch wollte ich euch ermahnen, diese Schmerzen eine Weile zu betrachten, damit ihr den liebt, der sie erlitt. Er empfand nun, vielleicht zum ersten Mal, was es sei, ein Träger der Sünde zu sein. Als Gott war er vollkommen heilig und der Sünde unfähig und als Mensch war er ohne angeborenes Verderben und fleckenlos rein, doch hatte er die Sünde zu tragen und wie der Bock am Versöhnungstage, auf dessen Haupt alle Missethat Israels gelegt ward, sollte er zum Sündopfer gemacht werden, und wie ein Unreines (denn nichts war unreiner als das Sündopfer) mußte er hinausgeführt werden vor das Lager und gänzlich von dem Feuer des göttlichen Zornes verzehret werden. Wundert ihr euch, daß seine makellose Reinheit davor zurückschreckte? Wäre er gewesen, was er war, wenn es nicht ein furchtbar Ernstes für ihn gewesen wäre, vor Gott in der Stellung eines Sünders zu stehen? Ja, und wie Luther gesagt haben würde, von Gott angesehen zu werden, als wenn er alle Sünder in der Welt wäre und alle Sünde begangen hätte, die jemals von seinem Volke begangen ist, denn auf ihn war sie alle gelegt und auf ihn mußte die Rache ausgegossen werden, die ihr gebührte; er mußte der Mittelpunkt der Rache sein und selber hinwegtragen, was auf die schuldigen Menschenkinder hätte fallen sollen. In solcher Stellung zu stehen und dies zu fühlen, mußte sehr schrecklich für die heilige Seele des Erlösers sein. Seine ganze Seele war jetzt auf das furchtbare Wesen der Sünde gerichtet. Er hatte sie immer verabscheut, aber jetzt hatte sie all' seine Gedanken auf sich gezogen, er sah ihre mehr als tödtliche Natur, ihren verabscheuenswerthen Charakter und ihr fürchterliches Ziel. Wahrscheinlich hatte er da, als Mensch, mehr wie in jeder frühern Periode, einen Blick in den weiten Umfang und das alldurchdringende Uebel der Sünde und ein Gefühl von der Schwärze ihrer Finsterniß und der Vermessenheit ihrer Schuld, die ein direkter Angriff auf den Thron, ja selbst auf das Wesen Gottes ist. Er sah an sich selber, wie weit die Sünder gingen, wie sie ihren Herrn gleich Judas verkauften und gleich den Juden ihn zu tödten suchten. Die grausame und schändliche Behandlung, die er erfahren, enthüllte ihm den Haß des Menschen gegen Gott und wie er ihn sah, erfaßte ihn Grausen und seine Seele zitterte bei dem Gedanken, daß er solche Schuld tragen müßte und unter solche Uebelthäter gerechnet werden, „um ihrer Missethat willen verwundet und um ihrer Sünde willen zerschlagen.“ Das Verwundet- und Zerschlagenwerden machte ihn nicht so elend, als die Sünde selbst, diese übermannte ihn gänzlich.

Dann, ohne Zweifel, begann auch die Strafe der Sünde ihm fühlbar zu werden im Garten – zuerst die Sünde, welche ihm in die Lage eines leidenden Stellvertreters gebracht hatte und dann die Strafe, die getragen werden mußte, weil er in dieser Lage war. Ich scheue im äußersten Grade jene Art der Theologie, welche heutzutage so allgemein ist, die unsre Schätzung der Leiden unsers Herrn Jesu Christi herabzudrücken und zu verringern sucht. Brüder, es war kein kleines Leiden, das der Gerechtigkeit Gottes für die Sünden der Menschen Genüge that. Ich fürchte niemals zu übertreiben, wenn ich von dem spreche, was mein Herr erduldete. Die ganze Hölle war hineingeträufelt in den Kelch, aus dem unser Gott und Heiland Jesus Christus trinken mußte. Es war kein ewiges Leiden, aber da er göttlich war, konnte er in einem kurzen Zeitraum Gottes Gerechtigkeit eine Genugthuung geben, wie alle Sünder in der Hölle sie nicht hätten darbieten können, durch immerwährendes Leiden. Das Wehe, das über unsers Heilandes Geist hereinbrach, der große und unergründliche Ocean unaussprechlicher Angst, der über unsers Heilandes Seele daherrauschte, als er starb, ist so unbegreiflich, daß ich mich nicht weit wagen darf, damit ich nicht eines vergeblichen Versuches, das Unaussprechliche auszudrücken, beschuldigt werde; aber dies will ich sagen, daß selbst der Schaum aus jener großen stürmischen Tiefe, wie er auf Christum spritzte, ihn in blutigen Schweiß taufte. Er war noch nicht zu den wüthenden Wogen der Strafe selber gekommen, aber schon da er am Ufer stand und die furchtbare Brandung zu seinen Füßen rauschen hörte, ward seine Seele voll Trauern und Zagen. Es war der Schatten des kommenden Sturmes, es war das Vorspiel zu dem furchtbaren Verlassenwerden, das er zu tragen hatte, als er stand, wo wir hätten stehen sollen und seines Vaters Gerechtigkeit die Schuld zahlte, die wir hätten zahlen sollen; dies war es, was ihn darnieder beugte. Als ein Sünder behandelt, als ein Sünder geschlagen zu werden, obgleich keine Sünde in ihm war – das kostete ihn die Todesangst, von der unser Text spricht.

Nachdem wir so von der Ursache dieses eigenthümlichen Leidens geredet haben, werden wir, denke ich, fähig sein, unsre Ansicht von der Sache zu begründen, wenn wir euch zu der Betrachtung führen, was die Eigenthümlichkeit des Leidens selbst war. Ich werde euch so wenig, wie möglich mit den griechischen Wörtern, welche die Evangelisten brauchen, behelligen; ich habe jedes einzelne studirt, und versucht, die Schattirungen der Bedeutung herauszufinden, aber es wird genügen, wenn ich euch die Ergebnisse meiner sorgfältigen Nachforschung mittheile. Was war das Leiden selber? Wie ist es beschrieben? Dieser große Schmerz überfiel unsern Herrn ungefähr vier Tage vor seinem Leiden. Joh. 12, 27 findet ihr die merkwürdige Aeußerung: „Jetzt ist meine Seele betrübt.“ Wir hören ihn das nie vorher sagen. Es war ein Vorschmack der tiefen Traurigkeit, die ihn so bald nachher in Gethsemane auf die Erde niederwarf. „Jetzt ist meine Seele betrübt und was soll ich sagen? Vater, hilf mir aus dieser Stunde: doch darum bin ich in diese Stunde gekommen.“ Darnach lesen wir von ihm Matth. 26, 37, daß er anfing, „zu trauern und zu zagen.“ Die Niedergeschlagenheit war wieder über ihn gekommen. Es war nicht Körperpein, es war kein Herzklopfen oder Schmerz des Hauptes, es war schlimmer als dies. Schwermuth der Seele ist schlimmer als leiblicher Schmerz; dieser mag uns trübe stimmen und so die zufällige Ursache des Seelenschmerzes sein, aber wenn das Innere vollkommen ruhig ist, wie gut kann ein Mensch dann leibliche Pein ertragen und wenn die Seele erheitert ist und erhoben in innerlicher Freude, so ist der Körperschmerz beinahe vergessen, der Geist besiegt den Körper. Auf der andern Seite wird geistiger Schmerz den leiblichen verursachen, die niedre Natur wird mit der höhern sympathisiren. Unsers Herrn Hauptleiden war in seiner Seele – sein Seelenleiden war die Seele seiner Leiden. „Wer kann's ertragen, wenn die Seele wund?“ – Seelenpein ist die schlimmste Pein, Schmerz des Herzens ist die höchste Stufe des Leidens. Laßt die, welche je Niedergedrücktheit, Verzagtheit und Trübsinn gekannt haben, die Wahrheit dessen bezeugen, was ich sage!

Dieser Schmerz in seinem Herzen scheint zu einer tiefen Niedergeschlagenheit seines Geistes geführt zu haben. Im 37. Verse des 26. Capitels des Matthäus lesen wir, daß er anfing „zu zagen,“ und dieser Ausdruck ist bedeutungsvoll, mehr, in der That, als leicht erklärt werden kann. Das Wort im Original ist sehr schwer zu übersetzen. Es kann die Abgezogenheit des Geistes bedeuten, seine vollständige Versunkenheit in den Schmerz, so daß jeder Gedanke ausgeschlossen war, der das Elend hätte mildern können. Ein brennender Gedanke verzehrte seine ganze Seele und verbrannte alles, was Trost hätte geben können. Für eine Zeitlang konnte seine Seele nicht bei den Folgen seines Todes verweilen, die sonst „die Freude waren, die ihm bevorstand.“ Seine Stellung als Sündenträger und das Verlassensein vom Vater, das dadurch nothwendig ward, nahm sein ganzes Denken ein und jagte seine Seele hinweg von allem Andern. Einige haben in dem Wort etwas wie Zerrüttung des Geistes gesehen und obgleich ich nicht weit in dieser Richtung gehen will, so scheint es doch, als wenn unsers Heilandes Seele Verwirrungen und Convulsionen unterlag, die sehr von seiner gewöhnlichen Ruhe und Fassung abstachen. Er ward hin und her geworfen, wie auf einem gewaltigen Meer der Trübsal, das, vom Sturme aufgewühlt, ihn in seiner Wuth dahinriß. „Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.“ Wie der Psalmist sagt, es hatten ihn umgeben Leiden ohne Zahl und sein Herz hatte ihn verlassen. Sein Herz war in seinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs vor Furcht. „Er fing an zu zagen.“ Einige meinen, das Wort, der Wurzel nach, bedeute: „abgesondert vom Volke,“ als wenn er andern Menschen ungleich geworden sei, wie Jemand, dessen Seele von einem plötzlichen Schlag getroffen, hin und her wankt oder von einem schrecklichen Unglück niedergeworfen, nicht mehr so ist, wie gewöhnliche Menschen sind. Bloße Zuschauer würden unsern Herrn für Einen gehalten haben, dessen Gleichgewicht gestört, der über menschliches Maß hinaus beladen und niedergedrückt wäre durch einen Schmerz, der unter den Menschen seines Gleichen nicht hätte. Der gelehrte Goodwin sagt: „Das Wort bezeichnet eine Mattigkeit, Kraftlosigkeit und ein Sinken des Geistes, wie es in Krankheiten und Ohnmachten stattfindet.“ Die Krankheit des Epaphroditus, durch die er dem Tode nahe gebracht wurde, ist mit demselben Wort benannt; so sehen wir, daß Christi Seele krank und ermattet war. Ward nicht sein Schweiß durch Erschöpfung hervorgebracht? Der kalte, klebrige Schweiß Sterbender rührt von der Schwäche des Körpers her, aber Jesu blutiger Schweiß kam von gänzlicher Schwäche und Niedergeschlagenheit des Gemüths. Er war in einer furchtbaren Seelen-Ohnmacht und erlitt einen innerlichen Tod, in dessen Begleitung nicht wässrige Thränen des Auges sich fanden, sondern ein blutiges Weinen des ganzen Menschen. Viele von euch, indessen, wissen in ihrem Maße, was es heißt, trüb und schwergestimmt sein, ohne daß ich mehr erklärende Worte hinzufüge, und wenn ihr es nicht aus persönlicher Erfahrung wißt, sind alle Erklärungen vergeblich. Wenn tiefe Schwermuth über euch kommt, wenn ihr alles vergeßt, daß euch aufrichten könnte, und euer Geist hinabsinkt, hinab, hinab, – dann könnt ihr mit unserm Herrn fühlen. Andre halten euch für thöricht, nennen euch nervös, und sagen, daß ihr euch zusammennehmen müßt, aber sie kennen euren Zustand nicht. Verstünden sie ihn, sie würden eurer nicht spotten mit solchen Mahnungen, unmöglich für die, welche unter innerm Weh darnieder sinken. Unserm Herrn war schwer zu Muthe, er war sehr niedergedrückt, sehr zagend, übermannt vom Schmerz.

Marcus berichtet uns ferner im vierzehnten Capitel im 33. Verse, daß unser Herr anfing zu zittern. Das griechische Wort bezeichnet den äußersten Grad des Entsetzens, bei welchem das Haar zu Berge steht und das Fleisch zittert. Wie die Mittheilung des Gesetzes Moses erschrecken und zittern machte und wie David sprach: „Mir schaudert die Haut und entsetze mich vor deinen Rechten,“ (Ps. 119, 120) so ward unser Herr mit Grauen erfaßt bei dem Anblick der Sünde, die auf ihn gelegt war und der Strafe, die sie verschuldet. Der Heiland war erst betrübt, dann gedrückt und zagend und zuletzt mit Zittern und Entsetzen erfüllt; denn selbst er kann als Mensch kaum gewußt haben, was es sei, das er zu tragen unternommen. Er hatte ruhig und still darauf geblickt und gefühlt, daß, was immer es sei, er es um unsertwillen auf sich nehmen wolle; aber als es wirklich zum Tragen der Sünde kam, war er erschreckt und schauderte zurück vor der furchtbaren Stellung, an des Sünders Statt vor Gott zu stehen, den heiligen Vater auf sich als des Sünders Repräsentanten blicken zu sehen und von ihm, mit welchem er von Ewigkeit her in Liebe und Freude verbunden, verlassen zu werden. Es erschreckte seine heilige, zarte, liebende Natur und er „zitterte“ und „zagte.“

Uns wird ferner gesagt, daß ein Ocean von Schmerz ihn umgab, einschloß und überwältigte, denn der 38. Vers des 26. Capitels im Matthäus enthält das Wort perilupos,welches rund umher einschließen mit Schmerzen bedeutet. Bei jedem gewöhnlichen Elende ist meist irgend eine Oeffnung zur Flucht, ein Hoffnungsstrahl. Wir können meistens unsre Freunde in ihrer Noth daran erinnern, daß ihre Lage noch schlimmer sein könnte, aber bei den Leiden unsers Herrn, da konnte nichts Schlimmeres gedacht werden; denn er konnte mit David sagen: „Angst der Hölle hatte mich getroffen.“ Alle Gottes Wasserwogen und Wellen gingen über ihn. Ueber ihm, unter ihm, um ihn, außer ihm und in ihm war Alles, Alles Angst und keine Milderung oder Trostesquelle war da. Seine Jünger konnten ihm nicht helfen, sie schliefen alle bis auf Einen und er, der wachte, war auf dem Wege, ihn zu verrathen. Seine Seele schrie auf in der Gegenwart des allmächtigen Gottes unter der zermalmenden Bürde und der unerträglichen Last seines Elendes. Keine Leiden konnten weiter gehen als die Christi, und er selber sagte: „Meine Seele ist betrübt“ oder mit Schmerz umgeben „bis zum Tode.“ Er starb nicht in dem Garten, aber er litt eben so viel, als wenn er gestorben wäre. Er erduldete den Tod innerlich, obwohl nicht äußerlich. Der Tod dehnte sich nicht so weit aus, daß er seinen Körper zum Leichnam machte, aber er ging so weit im Schmerz, als wenn er dies gethan. Seine Qualen und Beängstigungen stiegen bis zur Todesangst und blieben nur an der Schwelle des Todes stehen.

Lucas fügt als Letztes noch hinzu in unserm Text, daß unser Herr „mit dem Tode rang,“ nach dem Griechischen: in „Agonie“ war. Agonie bedeutet einen Kampf, einen Streit, ein Ringen. Mit wem? Mit wem rang er? Ich glaube, es war mit sich selber; der hier bezeichnete Kampf war nicht mit Gott; nein, „nicht, wie ich will, sondern wie du willst,“ das sieht nicht wie ein Ringen mit Gott aus; es war kein Kampf mit Satan, denn wie wir schon gesehen haben, er hätte in diesem nicht gezittert, – sondern es war ein furchtbarer Conflict in seinem Innern, ein Todeskampf in seiner eignen Seele. Denkt daran, daß er all' diesem Leiden hätte entgehen können mit einem einzigen Entschluß seines Willens, und die Menschheit in ihm sprach naturgemäß: „Trage es nicht!“ und die Reinheit seines Herzens sprach: „O, trage es nicht, stehe nicht an der Sünder Stelle;“ und die zarte Empfindlichkeit seiner geheimnißvollen Natur schrak vor jeder Art der Berührung mit der Sünde zurück; doch die grenzenlose Liebe sagte: „Trag' es, beuge dich unter die Last!“ und so war der Kampf zwischen den Eigenschaften seiner Natur, ein furchtbarer Streit auf der Wahlstatt seiner Seele. Die Reinheit, die es nicht ertragen kann, in Berührung mit der Sünde zu kommen, muß sehr stark in Christo gewesen sein, während die Liebe, die sein Volk nicht verderben lassen wollte, auch stark war. Es war ein Titanischer Kampf, als wenn Herkules einem andern Herkules begegnete; zwei gewaltige Mächte stritten und fochten und kämpften auf den Tod in dem blutenden Herzen Jesu. Nichts verursacht einem Menschen mehr Folterqual, als hin und her gezogen zu werden von streitenden Gefühlen; wie der Bürgerkrieg die schlimmste und grausamste Art des Krieges ist, so verursacht ein Krieg in einer Seele, wo zwei große Leidenschaften, und beides edle dazu, um die Herrschaft ringen, ein Leiden und Elend, das Niemand, als der es selbst gefühlt, verstehen kann. Ich staune nicht, daß unsers Herrn Schweiß wie große Blutstropfen war, wenn solch' inneres Ringen ihn gleich der Traube machte, die in der Kelter getreten wird. Ich hoffe, ich habe nicht in vermessener Weise in die Bundeslade hineingeblickt oder in das verhüllte Allerheiligste geschaut; Gott verhüte, daß Neugier oder Stolz mich treibe, da einzudringen, wo Gott eine Schranke gesetzt hat. Ich habe euch so weit gebracht, wie ich kann, und muß den Vorhang wiederum fallen lassen mit den Worten, die ich vorhin brauchte:

„Nur Gott und Gott alleine weiß,
Wie tief der Schmerz war und wie heiß!“

Unsre dritte Frage soll sein: Was war unsers Herrn Stärkung bei all' Diesem? Er suchte Hülfe in menschlicher Gesellschaft und es war sehr natürlich, daß er es that. Gott hat in unsre menschliche Natur ein Verlangen nach Sympathie hineingelegt. Wir thun nicht Unrecht, wenn wir erwarten, daß unsre Brüder in einer Stunde der Versuchung mit uns wachen; aber unser Herr fand, daß Menschen nicht im Stande seien, ihm beizustehen; wie willig ihr Geist sein mochte, ihr Fleisch war schwach. Was that er denn? Er nahm seine Zuflucht zum Gebete, und besonders zu Gott in seiner Eigenschaft als Vater. Ich habe aus Erfahrung gelernt, daß wir niemals die Süßigkeit der Vaterschaft Gottes so sehr empfinden, als wenn wir in recht bitterer Pein sind; ich kann es verstehen, warum der Heiland sagte: „Abba, Vater,“ es war die Pein, die ihn dahin brachte, daß er wie ein gezüchtigtes Kind sich klagend auf des Vaters Liebe berief. In der Bitterkeit meiner Seele habe ich gerufen: „Wenn du wirklich mein Vater bist, bei Deinem Vaterherzen habe Mitleid mit Deinem Kinde!“ und hier bittet Jesus seinen Vater, wie wir es gethan und findet Trost in diesem Flehen. Gebet war der Weg, auf welchem dem Erlöser Trost kam, ernstes, dringendes, ehrfurchtvolles, wiederholtes Gebet und nach jedem scheint er ruhiger geworden und zu seinen Jüngern mit einem einigermaßen wiedererlangten Seelenfrieden gegangen zu sein. Der Anblick ihres Schlafes half dazu seinen Kummer zu erneuern und deshalb kehrte er zurück, um wieder zu beten und jedesmal ward er getröstet, so daß er nach dem dritten Male bereit war, dem Judas mit den Kriegsknechten entgegen zu gehen und mit schweigender Geduld zum Gericht und zum Tode sich führen zu lassen. Sein großer Trost war das Gebet und die Unterwerfung unter den göttlichen Willen, denn als er seinen eignen Willen zu seines Vaters Füßen niedergelegt hatte, sprach die Schwäche seines Fleisches keine Klage mehr aus, sondern in süßem Schweigen, „wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer,“ bewahrte er seine Seele in Geduld und Ruhe. Lieben Brüder und Schwestern, wenn ihr euer Gethsemane habt und eure schweren Leiden, ahmt eurem Meister nach, indem ihr euch ins Gebet flüchtet, indem ihr zu eurem Vater ruft und Unterwerfung unter seinen Willen lernt.

Ich werde schließen, indem ich zwei oder drei Lehren aus dem Ganzen entnehme. Möge der heilige Geist uns unterweisen! Die erste ist diese – Lernt, lieben Brüder, die wirkliche Menschheit unsers Herrn Jesu Christi: Denkt ihn nicht allein als Gott, obgleich er unzweifelhaft göttlich ist, sondern fühlt, daß er euch nahe verwandt ist, Bein von eurem Bein und Fleisch von eurem Fleisch. Wie völlig kann er mit euch fühlen! Er ist belastet gewesen mit all' euren Lasten und bekümmert mit all' eurem Kummer! Sind die Wasser sehr tief, durch welche ihr gehet? Doch sind sie nicht tief, verglichen mit den Strömen, von denen er gepeitscht ward. Niemals durchdringt ein Schmerz eure Seele, der eurem Bundeshaupte fremd geblieben. Jesus kann mit euch fühlen in all eurer Traurigkeit, denn er hat viel mehr gelitten, als ihr je leidet und ist deßhalb im Stande, euch in euren Versuchungen beizustehen. Ergreifet Jesum als euren vertrauten Freund, euren Bruder in der Noth und ihr habt einen Beistand, der euch durch die größten Tiefen hindurch tragen wird. Dann seht hier das unerträgliche Uebel der Sünde, du bist ein Sünder, was Jesus niemals war, doch selbst das Stehen an des Sünders Stelle war so furchtbar für ihn, daß er betrübt bis in den Tod war. Was wird die Sünde eines Tages für dich sein, wenn du zuletzt schuldig erfunden wirst? O, könnten wir die Abscheulichkeit der Sünde recht sehen, es wäre Keiner unter uns, der noch einen einzigen Augenblick in ihr verharren möchte; ich glaube, es würde heute Morgen von diesem Hause des Gebets ein Weinen und Jammern aufgehen, das selbst auf der Straße gehört würde, wenn die Männer und Frauen hier, welche in Sünden leben, wirklich wüßten, was Sünde ist und was der Zorn Gottes ist, der über ihnen bleibet und was die Gerichte Gottes sind, die sie in Kurzem umgeben und verderben werden. O Seele, die Sünde muß etwas Furchtbares sein, wenn sie unsern Herrn so zermalmte. Wenn sie dem reinen und heiligen Heiland blutigen Schweiß auspreßte, als sie nur auf ihn gelegt ward, was muß sie selber sein? Vermeide sie, übersehe sie nicht, fliehe selbst den Schein derselben, wandle demüthigund sorgfältig mit deinem Gott, damit die Sünde dich nicht verletze, denn sie ist eine außerordentliche Plage, eine furchtbare Pest.

Lernt darnach, aber o, wie wenige Minuten habe ich, um von solch' einer Lehre zu sprechen, die unvergleichliche Liebe Jesu kennen, die um euret- und um meinetwillen nicht allein körperlich leiden wollte, sondern selbst einwilligte, dies Grausen zu ertragen, als Sünder angesehen zu werden und unter den Zorn Gottes unsrer Sünden halber zu kommen: obgleich es ihn Todesschmerz und Zittern kostete, doch litt er lieber als unser Bürge, als daß er uns umkommen ließ. Können wir nicht freudig um seinetwillen Verfolgung ertragen? Können wir nicht mit Eifer für ihn arbeiten? Sind wir so wenig freigebig, daß seine Sache Mangel leiden soll, während wir die Mittel besitzen, ihr zu helfen? Sind wir so niedrig gesinnt, daß sein Werk darnieder liegen muß, wenn wir die Kraft haben, es fortzuführen? Ich beschwöre euch bei Gethsemane, meine Brüder, liebt ihn recht, der euch so unermeßlich liebte und „leget dar und werdet dargelegt“ für ihn.

Wenn wir noch einmal auf Jesum in dem Garten blicken, so lernen wir die Größe und Vollständigkeit der Versöhnung. Wie schwarz ich bin, wie schmutzig, wie ekelhaft in den Augen Gottes, – ich fühle mich nur werth, in die unterste Hölle geworfen zu werden und mich wundert, daß Gott mich nicht schon lange dahin verstoßen; aber ich gehe nach Gethsemane und blicke unter diese knorrigen Oelbäume und ich sehe meinen Heiland. Ich sehe ihn auf der Erde sich winden im Schmerz und höre solches Stöhnen, wie es nie zuvor aufs einer menschlichen Brust gekommen. Ich blicke auf die Erde und sehe sie roth von seinem Blut, während sein Antlitz mit röthlichem Schweiß bedeckt ist und ich sage zu mir: „Mein Gott, mein Heiland, was fehlet dir?“ Ich höre ihn erwidern: „Ich leide für deine Sünde,“ und dann fasse ich Muth, denn obgleich ich gern meinen Heiland mit solchem Schmerz verschont hätte, nun, da der Schmerz vorüber, kann ich verstehen, warum Jehova mich verschonen kann, weil er seinen Sohn anstatt meiner geschlagen. Nun habe ich Hoffnung auf Rechtfertigung, denn ich bringe vor Gottes Gerechtigkeit und vor mein eignes Gewissen die Erinnerung an meinen blutenden Heiland und sage: Kannst du zweimal Zahlung verlangen, zuerst von der Hand deines mit dem Tode ringenden Sohnes und dann wieder von meiner? Sünder, der ich bin, ich stehe vor dem brennenden Throne der Strenge Gottes und fürchte mich nicht. Kannst du mich sengen, o verzehrendes Feuer, wenn du meinen Stellvertreter nicht blos versengt, sondern gänzlich verzehrt hast? Nein, durch den Glauben sieht meine Seele die Gerechtigkeit befriedigt, das Gesetz geehrt, das sittliche Regiment Gottes befestigt und doch meine einst schuldige Seele absolvirt und in Freiheit gesetzt. Das Feuer der göttlichen Rache ist ausgebrannt und des Gesetzes strengsten Forderungen ist genug gethan an der Person dessen, der für uns ein Fluch ward, „auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt.“ O Süßigkeit des Trostes, der von dem Versöhnungsblute fließt! Erfaßt diesen Trost, Brüder, und gebt ihn nie auf! Bleibt bei eures Herrn blutendem Herzen und trinkt reiche Tröstungen ein.

Zuletzt noch, was müssen die Schrecken der Strafe sein, welche auf Die fallen wird, welche das Versöhnungsblut verwerfen, und welche vor Gott zu stehen haben werden, um in eigner Person für ihre Sünde zu büßen! Ich will euch sagen, meine Herren, mit Schmerz in meinem Herzen, während ich's sage, wie es denen ergehen wird, die meinen Meister verwerfen. Jesus Christus, mein Herr und Meister, ist ein Zeichen und eine Weissagung für euch von dem, was euch begegnen wird. Nicht in einem Garten, sondern auf jenem eurem Bette, wo ihr oft Ruhe und Erfrischung gefunden, werdet ihr überrascht und ereilt werden und die Schmerzen des Todes werden euch ergreifen. Ihr werdet zagen vor großer Betrübniß und Vorwürfen über ein vergeudetes Leben. Dann wird eure Schooßsünde, eure Lieblingslust,euch wie ein anderer Judas mit einem Kusse verrathen. Während eure Seele noch auf euren Lippen zaudert, werdet ihr ergriffen und festgenommen werden von einer Schaar der Bösen und hinweg geführt vor die Schranken Gottes, gerade wie Jesus vor den Richterstuhl des Caiphas geführt ward. Da wird ein schnelles, persönliches und einigermaßen privates Gericht sein, durch das ihr dem Gefängniß überwiesen werdet wo ihr in Finsterniß und Weinen und Heulen die Nacht vor der großen Sitzung am Morgen des Gerichtes zubringen werdet. Dann wird der Tag anbrechen und der Auferstehungsmorgen kommen und wie unser Herr da vor Pilatus erschien, so werdet ihr vor das höchste Tribunal erscheinen, nicht das des Pilatus, sondern vor den furchtbaren Richterstuhl des Sohnes Gottes, den ihr verachtet und verworfen habt. Dann werden Zeugen wider euch auftreten, nicht falsche Zeugen, sondern wahre, und ihr werdet sprachlos dastehen, eben wie Jesus kein Wort vor seinen Anklägern sprach. Dann werden das Gewissen und die Verzweiflung euch schlagen, bis ihr ein solches Monument des Elendes, ein solches Schauspiel der Verachtung werdet, daß wohl auf euch mit einem andern: Ecce homo! hingewiesen werden kann, und die Menschen werden euch anschauen und sagen: „Sehet den Mann und die Leiden, die über ihn gekommen sind, weil er seinen Gott verachtete und Freude in der Sünde fand.“ Dann werdet ihr verdammt werden. „Gehet von mir, ihr Verfluchten,“ wird euer Richterspruch lauten, wie das „Kreuzige ihn!“ Jesu Urtheil war. Ihr werdet von den Dienern der Gerechtigkeit hinweg geführt werden, euer Urtheil zu erleiden. Dann werdet ihr, wie des Sünders Stellvertreter, ausrufen: „Mich dürstet,“ aber nicht ein Tropfen Wasser wird euch gegeben, ihr werdet nichts als die Galle der Bitterkeit schmecken. Das Urtheil wird öffentlich vollzogen werden und eure Verbrechen über eurem Haupte geschrieben sein, damit Alle sie lesen und wissen mögen, daß ihr mit Recht verdammt seid; und dann werdet ihr verspottet werden, wie Jesus es ward, besonders, wenn ihr euch einen Christen genannt habt und ein falscher gewesen seid; Alle, die vorüber gehen, werden sagen: „Er hat Andern geholfen, er predigte Andern, aber sich selber kann er nicht helfen.“ Gott selber wird eurer spotten. Nein, denket nicht, ich träume, hat er es nicht gesagt: „So will ich auch lachen in eurem Unfall und euer spotten, wenn da kommt, das ihr fürchtet?“ (Spr. Sal. 1, 26.) Rufet eure Götter an, denen ihr einst vertrautet! Schöpfet Trost aus den Lüsten, die einst eure Freude waren. O, ihr, die ihr auf ewig verworfen seid! Zu eurer Schande und zur Beschämung eurer Blöße sollt ihr, die ihr den Heiland verachtet habt, ein Schauspiel der Gerechtigkeit Gottes auf ewig werden. Es ist Recht so, die Gerechtigkeit verlangt es. Die Sünde ließ den Heiland Todesangst erleiden, soll sie euch nicht leiden lassen? Ueberdies habt ihr noch zu eurer Sünde die Verwerfung des Heilandes hinzugefügt; ihr habt gesagt: „Er soll nicht mein Vertrauen und meine Zuversicht sein.“ Freiwillig, vermessen und gegen euer eignes Gewissen habt ihr das ewige Leben ausgeschlagen; und wenn ihr sterbt und die Gnade verschmäht habt, was kann darnach kommen, als daß erstens eure Sünde und zweitens euer Unglaube euch zu einem Elend ohne Grenzen und ohne Ende verdammt. Laßt Gethsemane euch warnen, laßt seine Seufzer, seine Thränen und sein blutiger Schweiß euch ermahnen! Thut Buße und glaubt an Jesum. Möge sein Geist euch dazu fähig machen um Jesu willen. Amen.

Die Botschaft des Heils in Predigten von C. H. Spurgeon, Prediger in London. 1875. No. 9. Verlag von Ludwig Koch in Hamburg. Druck von Gebrüder Koch.

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