Spurgeon, Charles Haddon - Josephs Gebeine.

„Durch den Glauben redete Joseph von dem Auszug der Kinder Israels, da er starb, und that Befehl von seinen Gebeinen.“
Hebr. 11, 22.

Wir können nicht leicht sagen, welcher Handlung in einem frommen Leben Gott am meisten Wert beimißt. Der Heilige Geist wählt in diesem Kapitel aus dem Leben frommer Männer die glänzendsten Beispiele ihres Glaubens aus. Ich hätte kaum erwartet, daß Er die Sterbeszene von Josephs Leben als den erhabensten Beweis seines Glaubens an Gott genannt hätte. Jenes ereignisreiche Leben — vielleicht mit Ausnahme eines das interessanteste in der Heiligen Schrift — ist reich an Vorfällen, von denen der Heilige Geist durch seinen Diener Paulus hätte sagen können: „Durch den Glauben that Joseph dies und das,“ aber nichts wird genannt, als die Schlußszene. Besonders der Sieg seiner Kenschheit unter wohlbekannter und außerordentlich schwerer Versuchung hätte sehr passend der Kraft seines Glaubens zugeschrieben werden können, aber er wird übergangen, und die Thatsache, daß er von seinen Gebeinen Befehl that, wird als der höchste Beweis seines Glaubens hervorgehoben. Sagt dies uns nicht, lieben Brüder und Schwestern, daß unser Urteil über das, woran Gott am meisten Freude haben wird, ein sehr ungenügendes ist? Wahrscheinlich gefallen wir Gott am besten, wenn wir uns selber am wenigsten gefallen. In jenem Gebet, über das wir seufzten und es für gar kein Gebet hielten, mag mehr wahrhaftes Flehen gewesen sein, als in einer andren Fürbitte, von der wir weit höher dachten. Jene Predigt, über die wir in der Bitterkeit unsrer Seele jammerten, weil wir glaubten, daß sie so schwach gewesen, mag vor Gottes Augen köstlicher gewesen sein, als manche geläufige Rede, um deretwillen wir uns Glück wünschen. Jenes Leiden, das wir, wie wir meinten, mit so viel Ungeduld ertrugen, mag vor Gott ein Beweis wahrer Geduld gewesen sein, als Er tief in unsre Seele hineinblickte. Die Prüfsteine, an denen wir uns prüfen, sind sehr ungenau. Es mag sein, daß wir, wenn wir unsre Lebensbeschreibung im Lichte der Ewigkeit lesen, überrascht sein werden, zu bemerken, daß Gott das hoch gelobt hat, worüber wir weinten, während vieles, dessen wir uns rühmten, weggeworfen wird wie schlechtes Silber. Der Herr siehet nicht, wie ein Mensch siehet, denn der Mensch blickt auf die äußere Erscheinung, aber Gott auf das Herz, und sein Blick dringt bis ins Innerste. Der Herr wäget die Geister: Er schätzt nicht nach Farbe, Form und Schimmer, sondern nach wirklichem Gewicht, und Er gab deshalb, als Er den Charakter Josephs wog, das größte Gewicht einem Vorfall, in dem der Glaube sich wirklich in großer Kraft zeigt, aber nicht dem oberflächlichen Beobachter. Es mag überraschend scheinen, daß der Auftrag Josephs in betreff seines Leichnams als ein bemerkenswerter Akt des Glaubens genannt wird, und nicht der ähnliche Auftrag, den Jakob gab; denn that nicht auch Jakob Befehl von seinen Gebeinen? „Und er gebot ihnen, und sprach zu ihnen: Ich werde versammelt zu meinem Volk, begrabet mich bei meinen Vätern in der Höhle aus dem Acker Ephrons, des Hethiters, in der zwiefachen Höhle, die gegen Mamre liegt, im Lande Kanaan, die Abraham kaufte samt dem Acker von Ephron, dem Hethiter, zum Erbbegräbnis. Daselbst haben sie Abraham begraben, und Sara, sein Weib. Daselbst haben sie auch Isaak begraben, und Rebekka, sein Weib. Daselbst habe ich auch Lea begraben.“ Er befahl ihnen, seinen Leib nach jenem teuern Mausoleum der Familie in Machpelah zu bringen, wo seine Väter ruhten. Warum war dies nicht eine Handlung des Glaubens von Jakob eben so sehr als von Joseph? Wir können nicht immer mit Bestimmtheit von diesen Sachen sprechen, aber wir meinen, daß ein sehr ausgesprochener Unterschied zwischen beiden ist. Ihr werdet bemerken, daß Jakobs Wunsch, in Machpelah zu liegen, nach seiner eignen Beschreibung hauptsächlich auf dem Grunde natürlicher Zuneigung beruhte. Er spricht von seiner Verwandtschaft mit Abraham, Isaak, Lea usw., und mit jenem natürlichen Gefühl, das außerordentlich lobenswert, aber kein Werk der Gnade ist, wünscht er, bei seinen eignen Blutsverwandten begraben zu werden. Wenn seine Seele zu seinem Volke versammelt wäre, wollte er, daß sein Leib an der Seite seiner Angehörigen ruhen sollte. Dieser Wunsch war wahrscheinlich eben so sehr aus der Natur wie aus der Gnade hervorgegangen. Selbstverständlich hätte die natürliche Zuneigung Joseph dahin geführt, ein Gleiches zu wünschen, aber er gibt diesen Grund nicht an. Überdies bemerkt ihr, daß Jakob seinen Söhnen befiehlt, mit seinen Gebeinen zu thun, was sie leicht thun konnten; sie sollten ihn nach Machpelah bringen und ihn da sogleich begraben. Er wußte, daß sein Sohn Joseph Macht in Ägypten hatte, und daß deshalb alles, was für sein Begräbnis nötig war, beschafft werden würde: der ägyptische Hof war, wie es sich zeigte, bereit genug, ihm das prachtvollste Begräbnis zu gewähren. Sie trugen sogar siebzig Tage Leid um ihn und thaten dadurch kund, daß er ein Mann war, der in hohen Ehren von ihnen gehalten wurde. Jakob befahl deshalb nichts, als was leicht gethan werden konnte; es war kein bemerkenswertes Zeichen von Glauben, wenn er ein sofortiges Begräbnis befahl, was Josephs kindliche Liebe ihm leicht sichern konnte. Er nimmt sofort Besitz von seinem Grabe in Kanaan und verlangt aus sehr guten Gründen nicht unbegraben zu bleiben, bis seine Nachkommen im Besitz Kanaans sind. Jakob sucht sofortiges Begräbnis, aber Joseph schiebt seine Beerdigung auf, bis die Bundesverheißung erfüllt ist. Joseph wünscht nicht nur, in Machpelah begraben zu werden, was Natur war, sondern er wollte nicht begraben werden, bis sie das Land in Besitz genommen hatten, was ein Zeichen der Gnade des Glaubens war. Er wünschte, daß sein unbegrabener Leib mit dem Volke Gottes die Gefangenschaft und die Rückkehr teilen sollte. Er war so gewiß, daß sie aus der Gefangenschaft herauskommen würden, daß er sein Begräbnis bis zu diesem frohen Ereignis verschob, und so das, was sonst nur ein natürlicher Wunsch gewesen wäre, zum Ausdruck eines heiligen, frommen Vertrauens auf die göttliche Verheißung machte. Es war Glaube bei Jakob, aber es war bemerkenswerter Glaube bei Joseph; und Gott, der nicht nur auf die Handlung sieht, sondern auf die Beweggründe derselben, hat es nicht gefallen, Jakob als ein Beispiel des Glaubens in dieser Sache, die seine Gebeine betraf, zu nennen, sondern Joseph das Lob zu erteilen, daß er im Tode einen denkwürdigen Grad von Zuversicht auf die Verheißung bewiesen. Wahrscheinlich übertraf Jakobs Glaube, den er in andren Dingen auf dem Sterbebette bewies, seinen Glauben bei der Anordnung seines Begräbnisses, während in seinem Lieblingssohne diese Sache der Hauptbeweis seines Glaubens war.

Wir werden nun etwas auf die Einzelheiten bei diesem Vorfall eingehen, und darin wertvolle Lehren finden. Möge der Heilige Geist sie in unsre Herzen schreiben.

Ich meine, ich sehe zuerst in diesem Worte Josephs auf dem Sterbebette die Macht des Glaubens; ich sehe zweitens das Wirken des Glaubens, die Formen, in welchen diese köstliche Gnade sich verkörpert; und drittens sehe ich darin ein Beispiel für unsren Glauben, wenn es mit uns zum Sterben kommt.

I.

Ich beobachte in dem Text ein Beispiel der Macht des Glaubens; die Ausdauer wahren Glaubens unter drei merkwürdigen Arten von Prüfungen. Zuerst, die Macht des Glaubens über weltliches Wohlergehen. „Nicht viele Große nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige sind erwählt“ — wahr genug ist dies Wort. Aber es ward niemals gesagt: „Keine Großen, keine Gewaltigen sind erwählt.“ Gott hat einige, die Reichtum, Macht und Einfluß besaßen, erwählt, die Glauben im Herzen hatten, und das in außerordentlichem Grade. Unser Herr sagte uns: „Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher in das Reich Gottes komme,“ aber Er fügte hinzu: „Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich.“ Beachtet also die Schwierigkeiten, welche Joseph umgaben, und bedenkt dann, wie groß der Glaube gewesen sein muß, der über sie alle triumphierte! Josephs Stellung war, nachdem er durch seine ersten Leiden in Ägypten hindurchgegangen, eine sehr hervorragende. Er besaß ungemessene Reichtümer; er war der Vizekönig des ganzen Landes, und Pharao hatte zu ihm gesprochen: „Allein des königlichen Stuhls will ich höher sein, denn du.“ Er war in jeder Hinsicht, ausgenommen dem Namen nach, der absolute Herr jenes großen Volkes; er konnte gerade thun, was er wollte, er war von allem königlichen Pomp umgeben; und wenn er in seinem Wagen durch die Straßen fuhr, riefen die Herolde vor ihm aus: „Beugt das Knie!“ Doch hinderte an dieses nicht, daß Joseph Glauben an Gott besaß, und einen Glauben, der bis aus Ende beharrete. Meine lieben Brüder, die Prüfungen des Glaubens sind gewöhnlich die der Armut, und herrlich bewährt sich der Glaube, wenn er auf den Herrn vertraut und Gutes thut und ernährt wird, selbst im Lande der Hungersnot; aber es ist möglich, daß die Probe des Glückes weit schwerer ist, und daß es daher ein größerer Triumph des Glaubens ist, wenn der Reiche nicht sein Herz an die Ungewissen Reichtümer hängt, und nicht den dicken Lehm dieser Welt seine Pilgerschaft zum Himmel hindern läßt. Es ist schwer, einen vollen Becher in fester Hand zu tragen, gewöhnlich gießt man etwas über, aber wo die Gnade bewirkt, daß reiche Männer und Männer in hoher Stellung, von Macht und Ansehen, geziemend und fromm handeln, da wird die Gnade Gottes sehr verherrlicht. Ihr, die ihr reich seid, solltet eure Gefahr sehen: aber laßt Joseph euch zur Ermutigung dienen. Gott wird euch helfen, sucht seinen gnädigen Beistand. Es ist nicht notwendig, daß ihr weltlich seid; es ist nicht notwendig, daß ihr den Israeliten in dem Ägypter untergehen laßt. Gott kann euch aufrecht halten, wie Er Hiob aufrecht hielt, so daß ihr aufrichtig und vollkommen seid und doch ungemein reich an Besitztümern. Wie Joseph könnt ihr zu gleicher Zeit reicher und besser als eure Brüder sein. Es wird sehr schwer halten, und ihr werdet sehr, sehr viel Gnade nötig haben, aber der Herr, euer Gott, wird euch helfen, und ihr werdet wie Paulus lernen, übrig zu haben; und wie Joseph von Arimathia werdet ihr beides sein, ein reicher Mann und ein frommer Jünger.

Denken wir auch daran, daß Joseph nicht nur durch Reichtümer geprüft wurde, sondern, daß diese Prüfung durch ein langes Leben andauerte, fast von seinen jungen Tagen bis zum Schlüsse seiner Laufbahn. Ich nehme an, daß er wenigstens sechzig oder siebzig Jahre lang in der hohen Stellung eines Vizekönigs von Ägypten stand, mit allem Reichtum dieses großen Volkes zu seinen Füßen, und dennoch blieb er die ganze Zeit über im Herzen dem Gott seiner Väter treu. Möge Gott euch, die ihr an hohen Plätzen steht, die gleiche Treue geben. Möget ihr unerschüttert bleiben unter noch so lang anhaltender Versuchung. Gedenkt überdies daran, daß die Gesellschaft, in welche Joseph durch seine Stellung in Ägypten gebracht ward, von der allerschlimmsten Art war, so weit es geistliche Religion anlangt, denn die Ägypter waren allesamt Götzendiener und verehrten alle Arten lebender Tiere und kriechender Wesen. Ein Satyriker sagt von ihnen: „O, glückliche Leute, die ihre Götter in ihren eignen Gärten ziehen,“ denn sie verehrten sogar Lauch und Zwiebeln: sie waren ein sehr abgöttisches Volk; und obgleich in Zivilisation ihren Nachbarn weit voraus, standen sie in der Religion auf einer sehr niedrigen Stufe. Wir meinen hier und da Spuren in Joseph davon zu sehen, daß er durch ägyptische Sitten und Gewohnheiten etwas Schaden genommen, aber doch nicht so viel, wie man hätte erwarten können, und durchaus nicht so, daß wir seine Treue gegen den einen Gott in Verdacht ziehen könnten. Es muß eine große, echte Tiefe der Heiligkeit in dem jungen Mann gewesen sein, sonst wäre er nimmer imstande gewesen, am Hofe zu leben, und an einem götzendienerischen Hofe dazu, und doch seine Lauterkeit und seinen Glauben an Jehovah, den Gott Israels, zu bewahren. Vergeßt nicht, daß während eines großen Teils dieser Zeit Joseph keinen einzigen hatte, mit dein er verkehren konnte, der seines eignen Glaubens war. Denkt daran, was für eine Prüfung dies für ihn gewesen sein muß! Ich habe Leute gekannt, die ein sehr warmes Herz für die Religion hatten, so lange sie mit eifrigen Christen zusammen lebten, und sehr thätig waren, so lange sie lebendiger Predigt zuhörten, die aber, wenn sie aus der christlichen Gesellschaft hinweg versetzt oder gezwungen wurden, unter kalter Predigt zu sitzen, geistlich Schiffbruch erlitten. Ach! ich traure über einige, die, als sie in härteren Boden verpflanzt wurden, so ausarteten, daß es schwer zu sagen wäre, ob sie Bäume sind, welche die rechte Hand des Herrn gepflanzt hat oder nicht. Joseph war an einen Ort gebracht, wo kein Gebet im Hause war, kein Freund, kein gottesfürchtiger Lehrer, mit dem er ein Wort sprechen konnte, keiner, der etwas von Jehovah wußte, oder von dem Bund, den Er mit Israel gemacht; er war ganz allein, allein, allein, in der Mitte eines götzendienerischen Volkes, mit allen Versuchungen Ägyptens vor sich, im Besitz seiner Reichtümer und Schätze, und in Versuchung, zu leben, wie die andren lebten, in aller Art von Heidentum, und dennoch hielt er sich an Den, den er nicht sah, als sähe er Ihn, und starb zuletzt voll zuversichtlichen, freudigen und gottseligen Glaubens an den Gott seiner Väter. Ah! dies ist ein großer Triumph des Glaubens, und ich möchte alle meine lieben Brüder hier, die wirklich den Herrn lieben, drängen, dahin zu streben, daß das Werk der Gnade in ihnen so tief, so wahr, so gründlich sein möge, daß, wenn Gott Könige aus ihnen machte, sie nicht stolz würden; wenn Gott sie ganz weg von allen christlichen Verbindungen senden sollte, sie Ihn doch nicht vergessen würden; und wenn sie allen Versuchungen der Welt auf einmal ausgesetzt wären, sie ihnen allen widerstehen würden. Die Macht von Josephs Glauben bewies sich, wie ihr seht, reichlich in ihrem Triumph über seine weltlichen Verhältnisse.

Zweitens, ihr seht hier die Macht seines Glaubens in ihrem Triumph über den Tod. Er sagt, wie ihr im letzten Kapitel des ersten Buches Mose leset: „Ich sterbe, und Gott wird euch heimsuchen;“ oder wie unser Text es gibt: „Er redete vom Auszug der Kinder Israels.“ Der Tod ist ein großer Prüfstein für die Aufrichtigkeit eines Menschen, und ein großer Niederbrecher wankender Mauern und schwankender Umzäunungen. Manche haben geglaubt, es stünde alles gut mit ihnen, aber wenn der Jordan um sie anschwoll, so haben sie es ganz anders gefunden. Hier sehen wir Joseph so gelassen, so ruhig, daß er des Bundes gedenkt, sich darauf verläßt und sich darüber freut. Er spricht vom Sterben, als wenn es nur ein Teil vom Leben wäre, und vergleichungsweise etwas Geringes für ihn. Er gibt kein Zeichen irgend welcher Zaghaftigkeit, keine Furcht peinigt ihn; sondern er legt sein letztes Zeugnis von der Treue Gottes und der Unfehlbarkeit seiner Verheißung ab vor den Brüdern, die sich um sein Bett versammeln.

Überdies, wenn ich aus dem Text entnehmen soll, daß der Heilige Geist das glänzendste Beispiel von Glauben in dem ganzen Leben Josephs ausgewählt hat, so ist es schön zu beachten, daß der großartige, alte Mann in seiner letzten Stunde am herrlichsten wird. Der Tod trübte nicht das Gold in seinem Charakter, sondern machte es eher noch strahlender. Auf seinem Sterbebett, noch mehr als in seinem ganzen übrigen Leben, vergoldet sein Glaube gleich der untergehenden Sonne alles rings umher mit seinem Glanze; nun, da Herz und Fleisch ihm versagen, wird Gott mehr als je die Kraft seines Lebens, wie er bald sein Teil auf ewig werden soll. Ist es nicht ein Großes, wenn ein Christ seine allerbeste Handlung zuletzt thut und am stärksten in der göttlichen Kraft ist, wenn seine eigne Schwachheit am höchsten ist? Wir sollten wünschen, Gott in der Jugend, in Gesundheit und Kraft zu dienen, mit aller Macht, die wir haben, aber es mag uns geschehen, wie Simson, daß unsre letzte That die größte ist. Mancher gute Mann seufzt über sein Leben, daß es, nachdem er alles gethan hat, was er kann, noch unbefriedigend ist; aber vielleicht beabsichtigt der Herr, ihm bei seinem Ende eine Gnade zu geben, die alles krönt, und den Ort seines Abscheidens zum Schauplatz seines herrlichsten Sieges zu machen, so daß er in den Himmel eingeht mit den Lorbeeren des Glaubens, um sie dort zu des Heilandes Füßen niederzuwerfen. Joseph ist jedenfalls ein edles Beispiel von dem Sieg des Glaubens über den Tod.

Noch eins, hier ist ein Beweis von der Macht des Glaubens, der der Unmöglichkeiten spottet. Wenn man darüber nachdachte, so schien es etwas höchst Unwahrscheinliches, daß die Kinder Israel aus Ägypten herauf ziehen würden. Vielleicht schien zu der Zeit, als Joseph starb, keine Ursache da zu sein, weshalb sie es thun sollten. Sie hatten sich in Gosen niedergelassen, man hatte ihnen diesen Teil des Landes gegeben; die Weisheit Josephs hatte den fruchtbarsten Teil des Nil-Delta als Weide für ihre Herden ausgesucht. Warum sollten sie zu gehen wünschen? Sie hatten alle Annehmlichkeiten, welche die Erde ihnen gewähren konnte, warum sollten sie wünschen, Ägypten zu verlassen, um nach Kanaan zu ziehen, wo die Kananiter ihnen jeden Zoll des Bodens streitig machen würden, wo wenige, wenn überhaupt einige Vorteile im Vergleich mit Ägypten waren, und viele Nachteile? Gesetzt, Joseph hätte, wie er es vielleicht that, mit prophetischem Vorausblick gesehen, daß eine andre Dynastie auf die des Pharao, der ihn geehrt hatte, folgen und daß Israel unterdrückt werden würde, so muß er gefühlt haben, wenn er die Wahrscheinlichkeiten abwog, daß es im äußersten Grade unwahrscheinlich war, daß die Kinder Israel, wenn zu Sklaverei herabgesunken, je imstande sein würden, sich ihren Weg durch Ägypten zu bahnen, um das verheißene Land zu erreichen. Jeder Urteilsfähige hätte, wenn er nach dem wahrscheinlichen Ausgang eines Konfliktes zwischen den zwölf Stämmen und den Heeren der Ägypter gefragt worden wäre, geantwortet: Israel würde sofort niedergetreten werden wie Stroh für den Dunghaufen und in beständiger Knechtschaft bleiben. Aber Josephs Auge war auf die mächtige Verheißung gerichtet: „Sie aber sollen nach vier Mannesleben wieder hierher kommen.“ Er wußte, daß, wenn die vierhundert Jahre um waren, Abrahams Gesicht von dem rauchenden Ofen und der brennenden Lampe erfüllt werden würde und das Wort bestätigt: „Aber ich will richten das Volk, dem sie dienen müssen. Danach sollen sie ausziehen mit großem Gut.“ Obgleich er noch nicht wissen konnte, daß Mose sagen würde: „So spricht der Herr: Laß mein Volk ziehen,“ obgleich er noch nicht die Wunder am Roten Meer vorhergesehen haben mag, und wie Pharao und seine Wagen da verschlungen wurden; und obgleich er nicht die Wüste und die feurige Wolkensäule und das Tröpfeln des Manna vom Himmel vorher verkündete, so war sein Glaube doch fest, daß durch irgend welche Mittel der Bund erfüllt werden würde: Unwahrscheinlichkeiten waren ihm nichts und Unmöglichkeiten galten ihm eben so wenig. Gott hat es gesagt, und Joseph glaubt es. Auf dem Sterbebett, wo Einbildung verschwindet, der eiserne Griff starker Täuschung erschlafft, da erhebt sich der wahre, sichere Glaube des Mannes Gottes zu seiner Höhe und wirft gleich dem Abendstern einen sanften Glanz über die Szene. Mögen wir, meine Brüder, den Glauben besitzen, der über alle Verhältnisse triumphiert, über die Schmerzen des Todes und über jede Unwahrscheinlichkeit, die mit dem Worte Gottes verbunden ist.

II.

In unsrem zweiten Teil wollen wir versuchen, das Wirken des Glaubens euch zu zeigen.

Joseph thut hier Befehl von seinen Gebeinen. Die erste Frucht des Glaubens in Joseph war dies — er wollte nicht ein Ägypter sein. Er war nicht gebeten worden, ein Ägypter unter dem Joche zu sein, jeder hätte das abschlagen können; er war nicht gebeten worden, ein Ägypter der Mittelklasse zu sein, das hätte von einem weltlichen Standpunkt aus wünschenswert sein können; er hatte die Gelegenheit, ein Ägypter des höchsten Standes zu sein. Er war thatsächlich zu fast königlichem Rang erhoben und hätte ein eingebürgerter Ägypter werden können und seine Kinder auch. In der Vorsehung Gottes ward er berufen, die Ehren und Einkünfte eines Amtes von hoher Würde anzunehmen, aber dennoch wollte er kein Ägypter sein, auch nicht unter den besten Bedingungen. Sein Sterbebett gewährte ihm einen Wendepunkt, eine Gelegenheit, zu bezeugen, daß er ein Israelite war und keineswegs ein Ägypter. Er zauderte nicht, seine Wahl hatte nie geschwankt. Ohne Zweifel würde er ein sehr prachtvolles Grab in Ägypten gehabt haben; aber, nein, er will nicht da begraben werden, denn er ist kein Ägypter. In Sakhara, nahe bei der großen Pyramide des Pharao Apophis, steht noch heute das Grab eines Fürsten, dessen Name und Titel in Hieroglyphen geschrieben sind. Der Name ist „Eitsuph,“ und von seinen vielen Titeln wählen wir zwei: „Verwalter der Kornhäuser des Königs,“ und den andren, einen ägyptischen Titel: „brood.“ Nun, dieses letzte Wort findet sich in der Schrift, und ist das, was übersetzt ist: „Der ist des Landes Vater.“ Es ist mehr als wahrscheinlich, daß dies Monument für Joseph bereitet war, aber er lehnte die Ehre ab. Obgleich seine Ruhstätte an der Seite eines der größten Monarchen Mizraims gewesen wäre, so wollte er nicht die Ehre annehmen, er wollte kein Ägypter sein. Dies ist eine der sichersten Wirkungen des Glaubens in einem Manne von Reichtum und Rang; wenn Gott ihn in Verhältnisse setzt, wo er ein Weltling ersten Ranges sein könnte, so sagt er, wenn sein Glaube echt ist: „Nein, ich will nicht einmal um diesen Preis zur Welt gezählt werden.“ Er fürchtet über alle Dinge, daß er sein Teil in diesem Leben haben könne. Wenn ihr einen Christen auf den Thron setzen könntet, so würde die erste Furcht, die er hätte, diese sein: soll ich mit einer irdischen Krone abgefunden werden und des himmlischen Diadems verlustig gehen? Stellt ihn am Hofe an, seine große Frage wird sein: Wie soll ich zeigen, daß ich nicht einer der Bürger dieser Welt bin? Umgebt ihn mit weiten Ackern, einem schönen Hause und großen Besitztümern, so sagt er doch: „Ich nehme dies dankbar von Gott an, aber, o, ich wollte es nicht haben, wenn es unter der Bedingung wäre, daß ich zu den Nachfolgern des Mammon gezählt würde; und nun ich Reichtum erlangt habe, soll mein tägliches Gebet zu Gott sein: „Herr, hilf mir, meinen Besitz so zu gebrauchen, daß ich nicht dieser bösen Welt damit diene, sondern Deinem armen Israel ein Vater sein möge. Wenn es zu einer Wahl zwischen der Schmach Christi und den Schätzen Ägyptens kommt, so will ich die Schmach Christi auf mich nehmen und den Schätzen entsagen; ich kann nicht ein Ägypter sein.“ O, ihr Reichen macht dies zu einem Hauptpunkt eurer Sorge, beweiset, daß ihr nicht Weltlinge seid. Ihr habt auf die Börse zu gehen, die Bank zu besuchen, über große Summen Geldes zu verfügen, aber wählt nicht nach Geld, scharrt nicht Gold zusammen; seid nicht geizig oder gierig. Beweiset, daß, obgleich in Ägypten, ihr doch keine Ägypter seid. Laßt dies euer Gebet sein: „Möge Gott geben, daß ich nie so lebe, daß man mich für einen Mann dieser Welt hält, der sein Teil in diesem Leben hat. Mein Teil ist droben. Was ich auch hienieden genieße, der Himmel ist mein Erbteil.“

Bemerkt ferner, daß sein Glaube ihn zwang, Gemeinschaft mit dem Volke Gottes zu haben. Nicht nur weigert er sich, ein Weltling zu sein, sondern er bekennt sich als Israeliten. Ihr sagt mir vielleicht, daß er nur Gemeinschaft mit ihnen hatte, als er tot war. Doch denkt hierüber nicht zu leicht. Er gab das Begräbnis auf, das Ägypten ihm gewährt haben würde, um lange Jahre zu warten, bis sein Leichenbegräbnis von seinem eignen Volke gefeiert werden konnte. Aber ich möchte euch daran erinnern, daß es nicht das erste Mal war, daß Joseph Gemeinschaft mit seinen Brüdern gezeigt hatte; es war nur der Schluß eines ganzen Lebens der Gemeinschaft mit ihnen. Zwar stieg er nicht herab zu ihrer Armut, es war keine Notwendigkeit dafür da, aber er ließ sie an seinem Reichtum teilnehmen. Gott hatte es in seiner Vorsehung so verordnet, daß Joseph ein Mann von Reichtum, Rang und Stand sein sollte, und er zeigte seine Gemeinschaft mit Israel, indem er seinen Vater und seine Brüder nach Gosen brachte, dort für sie sorgte und stets bereit war, für sie zu sprechen und sein Bestes zu thun, um ihre Interessen zu fördern. Nun, ein Zeichen des Glaubens in einem Christen ist dies: wenn er arm ist, so nimmt er freudig seinen Platz unter dem armen Volke Gottes an, aber wenn er reich ist, so hält er dafür, daß er in eine hohe Stellung versetzt ist, um seinen Brüdern besser zu helfen, und hat Gemeinschaft mit ihnen durch seine beständige Freundlichkeit gegen sie. Wenn es je nötig wäre, um seine wahre Gemeinschaft zu beweisen, daß er seine Stellung ganz und gar aufgäbe, so würde er es freudig thun, auf daß er unter das verachtete Volk Gottes gezählt würde. Joseph, scheint mir, schämte sich nie, seinen Stamm anzuerkennen, und verfehlte nie, zu allen geeigneten Zeiten den Ägyptern zu sagen: „Ich bin nicht einer von euch; dort in Gosen ist meine Familie.“ Da er wußte, daß später die Seinen verachtet und verfolgt werden würden, so sprach er zu ihnen: „Bewahret meine Gebeine, so daß, wenn sie euch herabwürdigen, sie auch mich herabwürdigen — ich will bei euch bleiben in an euren künftigen Leiden, denn ich bin einer von euch.“ Wahrer Glaube läßt ein Kind Gottes sagen: „Ich bin einer von dem Volke Gottes, meine Seele ist mit demselben verbunden in an seinen Zustanden.“ „Wohin du gehst, dahin will ich gehen; wo du wohnest, will ich wohnen; dein Volk soll mein Volk sein, und dein Gott mein Gott; wo du stirbst, da will ich sterben, und da will ich begraben werden.“

Josephs Glaube führte ihn zu einem offnen Bekenntnis seiner Zuversicht auf die Verheißung Gottes. aus seinem Totenbett sagte er: „Ich sterbe, aber Gott wird euch heimsuchen und aus diesem Lande führen.“ Er sagte auch: „Er wird euch in das Land bringen, das Er Abraham, Isaak und Jakob geschworen hat.“ Der Glaube kann nicht stumm sein. Ich habe zuweilen seine Zunge aus Schüchternheit schweigen sehen, aber zuletzt war sie gezwungen, zu reden; und, meine Brüder, warum sollte nicht euer Glaube öfter sprechen, denn seine Stimme ist süß und sein Antlitz lieblich? Keine Zunge ist süßer vor dem Ohre Christi oder mächtiger über die Herzen der Menschen, als die Zunge des wahren Glaubens. Wenn euer Glaube wirklich ist, ob ihr auch eine Weile euer Licht unter einen Scheffel verbergt, so werdet ihr doch nicht imstande sein, es lange zu thun, sondern euch gezwungen fühlen, zu sagen: „Ich glaube an das Evangelium Christi; ich glaube an die Verheißung Gottes; Er wird seinen Bund halten, und ich bekenne mich als einen, der an seine Wahrheit glaubt.“ Joseph, nachdem er so seinen Glauben bekannt hatte, zeigte praktisch, daß sein Bekenntnis ihm Ernst war, daß es keine Sache der Form, sondern Sache des Herzens war. Ich weiß nicht, auf welche Art er besser seinen Glauben, daß Gott das Volk aus Ägypten herausführen werde, hätte zeigen können, als dadurch, daß er sagte: „Behaltet meine Gebeine hier, begrabt sie niemals, ehe ihr selbst nach Kanaan geht, nachdem ihr Ägypten auf immer verlassen und das Bundesland in Besitz genommen habt.“ Wer an Gott glaubt, wird praktische Wege finden, seinen Glauben zu beweisen; er wird ihn durch offnes Bekenntnis erklären, aber er wird ihn auch dadurch zeigen, daß er eine Form des Dienstes wählt, in der sein Glaube auf die Probe gestellt wird; oder wenn Gott ihm Trübsal auferlegt, so wird er sie freudig annehmen, in der Hoffnung, daß Gott ihm Kraft geben wird, die der Last gleichkommt, und so wird sein Glaube in dem Leiden triumphieren. Der Glaube, der sich nie durch Werke beweist, ist ein Glaube, der zu fürchten ist. Wenn dein Glaube niemals dich veranlaßt, für Gott zu sprechen oder Ihm zu dienen, so ist es ein Bastard-Glaube, eine Anmaßung von niedriger Herkunft, der deine Seele ruinieren wird; er kam nie von Gott, und wird dich nicht zu Gott führen. Aber Joseph ist sehr praktisch, so praktisch, wie die Umstände es nur verstatteten.

Überdies beachtet, da er selbst Glauben hatte, so wollte er den Glauben andrer ermutigen. Von keinem Menschen kann gesagt werden, daß er wirklichen Glauben besitzt, dem nicht daran liegt, daß dieser Glaube in den Herzen seiner Nebenmenschen gefunden werden möge. „Aber,“ sagt ihr, „was that Joseph, um den Glauben andrer zu ermutigen?“ Nun, er hinterließ seine Gebeine als eine stehende Predigt für die Kinder Israel. Wir lesen, daß sie einbalsamiert und in einen Sarg gelegt wurde, in Ägypten, und so blieben sie in der Aufbewahrung der Stämme. Was sagte dieses? Jedesmal, wenn ein Israelit an die Gebeine Josephs dachte, so dachte er: „Wir werden eines Tages aus diesem Lande fortziehen.“ Vielleicht war er ein Mann, dem es in seinem Geschäft glückte, der sich etwas zurücklegte in Ägypten; aber er sprach zu sich selbst: „Ich werde mich davon zu trennen haben; Josephs Gebeine müssen hinauf getragen werden; ich soll hier nicht für immer bleiben.“ Und während er als Warnung wirkte, diente sein Leichnam auch zur Ermutigung, denn als die Frohnvögte das Volk zu drücken begannen, und die Zahl ihrer Ziegel vermehrt ward, sagte der verzagte Israelit: „Ich werde nie aus Ägypten heraufkommen.“ O, aber die andren sprachen: „Joseph glaubte, daß wir es würden; da sind seine Gebeine, immer noch unbegraben. Er hat uns die Versicherung seines Vertrauens hinterlassen, daß Gott zu seiner Zeit sein Volk aus diesem Hause der Knechtschaft herausbringen würde.“ Mir scheint es, daß Joseph an diesen Plan gedacht hatte, als an das beste, was er thun könnte, um bei den Israeliten beständig die Erinnerung daran wach zu halten, daß sie Fremdlinge und Pilger seien, und sie in dem Glauben zu ermutigen, daß sie zu seiner Zeit aus dem Hause der Knechtschaft befreit und in das Land, da Milch und Honig floß, gebracht werden würden. Der wahre Glaube sucht sich in den Herzen andrer fortzupflanzen. Er ist ernst, eifrig, darauf erpicht, durch irgendwelche Mittel eine Handvoll heiligen Samens auszustreuen, der in guten Boden fallen und Gott Ehre bringen möge. Es ist ein guter Beweis eures eignen Glaubens, wenn ihr euch anstrengt, den Glauben andrer zu fördern.

Bemerkt auch, daß Josephs Glaube machte, daß er ein Auge für die geistlichen Güter des Bundes hatte. Joseph hatte nichts Irdisches dabei zu gewinnen, daß er seine Gebeine lieber in Kanaan, als in Ägypten begraben haben wollte, das kann einem Sterbenden wenig ausmachen. Natürlich möchten wir gern bei unsren Verwandten begraben werden, aber wir würden dann vorziehen, daß es bald nach unsrem Tode geschähe. Niemand von uns würde aus freien Stücken wünschen, seine Gebeine ein paar hundert Jahre über der Erde zu lassen, damit sie endlich ins Familienbegräbnis kämen. Ich glaube, er blickte nicht auf die äußerlichen Segnungen des Bundes, sondern auf die geistlichen, die in Jesu, dem großen Samen Abrahams, geoffenbart sind. Dies ließ ihn sagen: „Ich bin kein Ägypter, ich bin einer von dem Samen, den der Herr erwählt hat; ich suche den kommenden Messias. Ich habe Teil und Anteil unter dem erwählten Volke Gottes; ich will den beanspruchen, nicht für mich selbst, sondern für meine Söhne und meinen Haushalt.“ Er war nach Gottes Vorsehung, ohne seine eigne Schuld mit einem ägyptischen Weibe verheiratet worden. Manasse und Ephraim waren darum halb ägyptisch, und wenn der Vater in Ägypten begraben worden wäre, so hätten die Söhne an Ägypten hängen und sich von Israel trennen können. Er scheint zu sagen: „Nein, meine Kinder, ihr seid keine Ägypter, ihr seid, gleich eurem Vater, Israeliten; begrabt nicht meine Gebeine in Ägypten, ich beschwöre euch, begrabt sie gar nicht, bis ihr sie in dem alten Grabe unsres Geschlechts niederlegen könnt. Seid Israeliten bis ins Mark, durch und durch, denn das beste Besitztum ist nicht, was ich euch in Ägypten hinterlassen kann, das vergängliche, sondern das Erbe, auf das ich euch hinweise, das geistliche Erbe, von dem ich wünsche, daß ihr es besitzen möget. Meine Gebeine sollen euch beschwören, Manasse und Ephraim, euch nicht zu Ägyptern zu machen, euch nicht der Welt gleichzustellen oder eure Ruhe hier zu suchen, sondern laßt eures Vaters Gebeine euren Sinn nach Kanaan lenken, ruht nie, bis ihr fühlt, daß ihr Anteil an den geistlichen Segnungen des Bundes habt.

Noch eins, mir scheint, daß Josephs Glaube in Bezug auf seine unbegrabenen Gebeine sich darin zeigte, daß er willig war, Gottes Zeit für den verheißenen Segen zu erwarten. Er spricht: „Ich glaube, daß ich in Mamre begraben werde und daß mein Volk aus Ägypten heraufziehen wird. Ich glaube, und ich bin willig zu warten.“ Jeder Mensch wünscht, wenn er stirbt, bald anständig begraben zu werden. Wer wünscht, daß seine Gebeine umhergeschleppt werden? Aber dieser Mann will warten, auf sein Begräbnis warten — warten, wie lang auch die Zeit der Gefangenheit Israels sein mag. Es ist etwas Großes, wartenden Glauben zu haben. „Stehet still und seht das Heil Gottes,“ ist leichter gesagt, als gethan. „Wer glaubet, der wird nicht eilen.“ (Jes. 28, 16, engl. Üb.) Wir sind meistens in einer kindischen Hast. Wir möchten gern morgen im Himmel sein; wenn wir weise wären, so würden wir froh sein, daraus wegzubleiben, bis Gott uns herein läßt. Wir würden gern morgen die Auferstehung haben, und viele sind bekümmert, weil das Kommen Christi nicht sogleich stattfindet. Warte auf des Herrn bestimmte Zeit, o du ungeduldig Murrender; sei ruhig im Geiste und gelassen im Herzen, die Weissagung wird nicht verziehen. Sei willig, zu warten. Sei willig, deine Gebeine im Staube schlummern zu lassen, bis die Posaune der Auferstehung ertönt, und falls du die Wahl haben könntest, so gib die Wahl deinem Herrn im Himmel wieder zurück, denn Er weiß, was recht und am besten für dich ist. Ich liebe den Gedanken an einen Mann, der nicht im Leben warten konnte, denn er mußte sterben, aber der den wartenden Sinn seines Geistes dadurch beweist, daß er seine Gebeine warten läßt, bis sie in Kanaan eingesenkt werden konnten. Ihr werdet beachten, daß Josephs Wunsch erfüllt ward, denn als Israel aus Ägypten heraufzog, findet ihr im fünfzehnten Kapitel des zweiten Buches Mose, daß Mose Sorge trug, die Gebeine Josephs mit sich zu nehmen; und was sonderbar ist, diese Gebeine wurden nicht begraben, sobald sie nach Kanaan kamen, sie wurden nicht begraben während der langen Kriege Josuas mit den verschiedenen Stämmen; sondern in den letzten Versen des Buches Josua, als fast das ganze Land erobert und unter die zwölf Stämme verteilt war und sie es in Besitz genommen hatten, lesen wir, daß sie die Gebeine Josephs in dem Feld zu Sichem begruben; als wenn Josephs Gebeine nicht begraben werden durften, bis sie das Land gewonnen, bis alles in Ordnung und der Bund erfüllt war; dann mußte er begraben werden, aber nicht eher. Wie gesegnet ist der wartende Glaube, der Gott seine Zeit lassen kann, und warten, an Ihn glauben, habe er auch noch so lange zu warten.

III.

Ich muß mit dem dritten Punkt schließen. Ich denke, wir haben in unsrem Text, geliebte Freunde, ein Beispiel für unsren Glauben, um danach zu handeln, wenn auch für uns die Zeit des Todes kommt.

Wir wollen sie uns als sehr nahe vorstellen, und diese Annahme wird buchstäblich wahr für einige, und in einem bestimmten Grade für uns alle wahr sein. Woher soll ich meinen Trost nehmen, wenn es mit mir zum Sterben geht? Komm, laß mich meine letzte Rede vorbereiten. Nun denkt darüber nach. Zuerst möchte ich Joseph nachahmen, indem ich Trost aus dem Bunde entnehme, denn das that er. Der Befehl von seinen Gebeinen wurde nur gegeben, weil er glaubte, daß Gott seinen Bund dem Volke halten und sie aus Ägypten bringen würde. Mögen ihr und ich mit David sprechen können: „Obwohl mein Haus nicht so mit Gott ist, hat Er mir doch einen Bund gesetzt, der ewig, und alles wohl geordnet und erhalten wird.“ Ah! meine Seele, dies ist nicht sterben, sondern nur von der Erde zum Himmel übergehen. Jesus, der selber der Bund ist, macht das Sterbebett seinen Heiligen leicht. Ein Neger, der eine Nacht bei seinem Prediger gewacht, um ihn zu pflegen, ward gefragt: „Wie geht es deinem Herrn?“ Er sagte: „Er stirbt voller Leben.“ Es ist ein Großes, wenn man den Bund hat und daran denken kann. Dann könnt ihr voller Leben sterben, ihr könnt aus diesem niedrigen Leben weggehen und mit dein ewigen Leben erfüllt sein, ehe das zeitliche Leben noch ganz vergangen ist, so daß ihr niemals ganz ohne Leben seid, sondern das Leben der Gnade in das Leben der Herrlichkeit übergeht, wie der Fluß in den Ozean.

Joseph kann uns darin ein Beispiel sein, daß er seinen Trost aus der Zukunft seines Volkes entnahm. „Gott wird euch heimsuchen und euch aus diesem Lande führen.“ Sehr oft beunruhigt sich der sterbende Christ mit Gedanken über den Zustand der Gemeinde Christi. Er fürchtet, daß dunkle Tage für sie kommen. Ist er ein Prediger, so fragt er ängstlich: „Was wird meine Gemeinde thun, nun ich sie nicht länger führen und weiden kann? Wird sie nicht wie eine Herde ohne Hirt sein?“ Aber hier wird der Trost kommen; es sind bessere Tage für die Gemeinde Gottes da. Obgleich die Väter schlafen —

„Alle Worte Gottes weisen
Auf die künft'ge Gnadenzeit.“

Ob wir gleich einer nach dem andren dahin gehen werden, so sind doch keine dunklen Tage für unsre Nachkommen zu fürchten, sondern Tage des Glanzes sind im Anzuge. „Zeige Deinen Knechten Deine Werke und Deine Ehre ihren Kindern.“ Er muß aber herrschen, bis daß Er alle seine Feinde unter seine Füße lege. Die Könige der Inseln sollen noch seine Herrschaft anerkennen und die Wanderer der Wüste sollen sich vor Ihm beugen. Jesus, der Christ Gottes, muß König über die ganze Erde sein, denn Gott hat es geschworen und gesprochen: „Alles Fleisch wird den Heiland Gottes sehen.“ „Die Herrlichkeit des Herrn soll geoffenbaret werden; und alles Fleisch miteinander wird sehen, daß des Herrn Mund redet.“ Mit solchen Gedanken wie diese in unsrem Herzen mögen wir wohl unsre Augen im Tode schließen mit einem Gesang auf den Lippen.

Und dann, meine Brüder, haben wir eine andre und glänzendere Hoffnung, mit der wir sterben, wenn wir, ehe sie erfüllt ist, sterben müssen, und das ist diese, Christus Jesus, der Sohn Gottes, wird sein Volk heimsuchen. Brüder, die frohe Hoffnung auf die zweite Zukunft unsres Herrn Jesu Christi kann das Sterbezimmer erhellen. Wie Joseph sagte: „Gott wird euch heimsuchen.“ Die Zeit kommt, wo der Herr mit einem Feldgeschrei und Stimme des Erzengels und Posaune Gottes hernieder kommen wird vom Himmel. Laßt unser Zeugnis im Sterben dies sein, daß Er bald kommt und sein Lohn mit Ihm. Wir haben nicht so in die Zukunft zu blicken, wie der Jude es that; er erwartete die erste Zukunft, und wir sehen nach der zweiten aus. Dies wird uns selbst beim Abscheiden erheitern, denn wenn wir sterben, ehe Er kommt, sollen wir doch an der Herrlichkeit teilnehmen, weil die Toten in Christo auferstehen sollen.

Wir mögen zu all diesem eine Hoffnung betreffs unsrer Gebeine hinzufügen. Wir können unsre weinenden Verwandten, wenn sie sich um unser Bett versammeln, bitten, unsren Gebeinen ein anständiges Grab zu geben; sie brauchen nicht unsren Namen auszuposaunen oder unsre eingebildeten Tugenden auf Stein zu schreiben; aber wir wollen ihnen sagen, daß wir wiederum auferstehen werden und daß wir uns in die Hände unsres Vaters und unsres Gottes befehlen, mit der vollen Überzeugung, daß unser Staub neu belebt werden wird.

„Dieser meiner Augen Licht
Wird Ihn, meinen Heiland, kennen;
Ich, ich selbst, kein Fremder nicht,
Werd' in seiner Liebe brennen;
Nur die Schwachheit um und an
Wird von mir sein abgethan.“

Ich weiß nicht, wann ein Zeugnis von der Auferstehung süßer klingt, als von den Lippen eines Heiligen, der gerade im Begriff ist, diesen sterblichen Leib zu verlassen und in die Freude seines Herrn einzugehen. Es ist gut zu sagen, wenn ihr von diesen Händen und Füßen und Augen und allen Gliedern dieser sterblichen Hülle Abschied nehmt: „Leb' wohl, armer Leib, ich werde zu dir zurückkehren; du wirst in Schwachheit gesäet werden, aber du wirst auferstehen in Kraft; du bist der treue Freund und Diener meiner Seele gewesen, aber du wirst noch geeigneter für meinen Geist sein, wenn die Posaunen ertönen und die Toten auferstehen werden.“ Mögen wir Sorge tragen, daß unsre letzte Handlung ein Triumph des Glaubens sei, die That, die unsrem Leben die Krone aufsetzt. Gott helfe uns, daß es so sein möge!

Geliebte, es ist eine traurige Betrachtung da, nämlich, daß wir nicht hoffen können, triumphierend zu sterben, wenn wir nicht gehorsam leben. Wir können nicht erwarten, Glauben in den Augenblicken des Todes zu zeigen, wenn wir jetzt keinen Glauben haben. Gott gebe dir Glauben, o Ungläubiger. Suchender, ruhe nicht, bis du ihn gefunden hast, und möge der Geist Gottes dir den Glauben der Erwählten Gottes geben, daß du im Leben Gott dienen und im Sterben Ihn ehren mögest, wie Joseph es that. Der Herr segne euch, lieben Freunde, um seinetwillen. Amen.

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