Spurgeon, Charles Haddon - Jesus, der Stellvertreter seines Volkes.

„Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“
Röm. 8,34.

Der entsetzlichste Schrecken, der einen vernünftigen Menschen quälen kann, ist die Furcht, von dem Richter über alle verdammt zu werden. Wie schrecklich, hier schon von Gott verdammt zu sein! Wie schrecklich, an dem letzten großen Tage von Ihm verdammt zu werden! Wohl mochten Belsazars Lenden zittern, als die Handschrift an der Wand ihn als solchen verdammte, der in der Wage gewogen und zu leicht erfunden worden war, und mit Recht kann man das Gewissen eines überzeugten Sünders mit einer kleinen Hölle vergleichen, wenn von dem unteren Richterstuhl aus das Gesetz ihm wegen seines früheren Lebens das Urteil verkündigt. Ich kenne keine größere Not als die, welche in dem Herzen des Gläubigen durch die Befürchtung der Verdammung herbeigeführt wird. Wir fürchten die Trübsal nicht, aber wir fürchten die Verdammung. Wir schämen uns nicht, wenn wir ungerecht von Menschen verurteilt werden; aber schon die bloße Idee, von Gott verurteilt zu sein, macht, daß wir mit Moses ausrufen: „Ich bin erschrocken und zittere.“ Die bloße Möglichkeit, vor dem Richterstuhl Gottes schuldig erfunden zu werden, ist uns so schrecklich, daß wir nicht ruhig sein können, bis wir sehen, daß sie gar nicht vorhanden ist. Als Paulus liebevoll und dankbar für Onesiphorus betete, konnte er nichts mehr für ihn erbitten, als: „Der Herr gebe ihm, daß er finde Barmherzigkeit bei dem Herrn an jenem Tage.“ Doch wenngleich die Verdammung das schlimmste aller Übel ist, wagt der Apostel es dennoch, in der heiligen Inbrunst seines Glaubens zu sagen: „Wer will verdammen?“ Er fordert die Erde, die Hölle und den Himmel heraus. In einer gerechtfertigten Waghalsigkeit seines Vertrauens auf das Blut und auf die Gerechtigkeit Jesu Christi blickt er auf zu der vortrefflichen Herrlichkeit und zu dem Thron des dreimal heiligen Gottes, und selbst angesichts Dessen, vor dem die Himmel nicht rein sind und der seine Engel der Thorheit bezichtigt, wagt er zu sagen: „Wer will verdammen?“

Auf welche Art und Weise war Paulus, der ein zartes und ein weiches Gewissen hatte, so sollständig von aller Furcht vor der Verdammung befreit worden? Gewiß nicht dadurch, daß er die Sünde nicht für so abscheulich und strafbar hielt. Unter allen Schreibern, die jemals von dem Übel der Sünde gesprochen und geschrieben haben, ist keiner so entschieden gegen sie zu Felde gezogen, hat keiner sie so aufrichtig und von ganzem Herzen beklagt, als der Apostel Paulus. Er bezeichnet sie als überaus sündig. Ihr findet nie auch nur eine Spur davon, daß er sie in Schutz nimmt oder entschuldigt; er schwächt weder die Sünde noch ihre Folgen ab. Er ist sehr klar und bestimmt, wenn er von dem Sold der Sünde und von dem spricht, was der Missethat auf dem Fuße folgt. Er suchte nicht den falschen Frieden, welcher daraus kommen mag, daß man die Sünde als eine Kleinigkeit betrachtet; im Gegenteil, er zerstört eine derartige Lügenzuflucht. Seid versichert, teure Zuhörer, daß ihr durch den Versuch, eure Sünde so unbedeutend als möglich anzusehen, niemals zu einer wohl begründeten Freiheit von der Furcht der Verdammung gelangen werdet. Das ist nicht der rechte Weg; es ist viel besser, die Wucht der Sünde zu fühlen, bis sie die Seele danieder drückt, als der Last durch Vermessenheit und Verhärtung des Herzens ledig zu werden. Eure Sünden sind verdammungswürdig und müssen euch mit verdammen, wenn sie nicht durch das große Sühnopfer abgewaschen werden.

Auch durch das Vertrauen auf irgend etwas, das er etwa gefühlt oder gethan hätte, beseitigte der Apostel seine Befürchtungen nicht. Lies den ganzen Abschnitt durch, und du wirst keine Anspielung auf ihn selbst finden. Wenn er sich dessen sicher ist, daß niemand ihn verdammen kann, so ist es nicht deshalb, weil er gebetet hat, noch weiß er Buße gethan hat, noch weil er der Heiden Apostel ist, noch weil er viele Streiche erlitten hat und um Christi willen vieles erduldet hat. Er gibt nicht die leiseste Andeutung davon, daß er seinen Frieden von diesen Dingen ableitet, sondern in dem demütigen Geist eines wahren Gläubigen baut er seine Hoffnung der Sicherheit auf das Werk seines Heilandes; sein Sicherheitsgrund liegt lediglich in dem Tode, in der Auferstehung, in der Kraft der Fürbitte seines seligen Stellvertreters. Er geht ganz aus sich selbst heraus – denn in sich sieht er tausend Gründe für seine Verdammung – und blickt hin auf Jesum, durch welchen seine Verdammung rein unmöglich gemacht worden ist und in triumphierendem Vertrauen kommt er zu der Herausforderung: „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?“ und er wagt es, Menschen und Engel und Teufel, ja, den großen Richter selbst herauszufordern: „Wer will verdammen?“

Da es nichts Ungewöhnliches ist, daß Christen in einem schwächlichen Gemütszustande von Zweifeln heimgesucht und von Besorgnissen gequält werden, so daß der kalte Schatten der Verdammung ihre Seele erstarren macht, möchte ich gerade zu solchen in der Hoffnung reden, daß der gute Geist Gottes ihre Herzen trösten werde.

Liebes Kind Gottes, du darfst nicht unter der Furcht der Verdammung dahin leben, denn „so ist nun keine Verdammung für die, die in Christo Jesu sind,“ und Gott will nicht, daß du dich vor dem fürchtest, das dir nie geschehen kann. Wenn du kein Christ bist, so zögere nicht, der Verdammnis dadurch zu entrinnen, daß du Jesum Christum ergreifest; wenn du aber von Herzen an den Herrn Jesum glaubst, so bist du nicht unter der Verdammung, und du kannst es nie sein, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt. Laß mich dir dadurch helfen, daß ich dein Gedächtnis erfrische mit jenen köstlichen Wahrheiten von Christo, welche deutlich zeigen, daß Gläubige vor dem Herrn rein sind. Möchte der Heilige Geist sie deiner Seele aneignen und dir Ruhe geben!

I.

Als ein Gläubiger kannst du nicht verdammt werden, weil Christus gestorben ist. Der Gläubige hat in Christo seinen Stellvertreter und seine Sünde ist auf diesen Stellvertreter gelegt worden. Der Herr Jesus ist für sein Volk „zur Sünde gemacht“ worden. „Der Herr warf unser aller Sünde auf Ihn.“ „Er hat vieler Sünden getragen.“ Nun, unser Herr Jesus Christus hat durch seinen Tod die Strafe unsrer Sünden getragen und der göttlichen Gerechtigkeit Genüge geleistet. Beachte dann den Trost, den uns das bringt. Wenn der Herr Jesus für uns verdammt worden ist, wie können wir verdammt werden? So lange im Himmel die Gerechtigkeit herrscht, und auf Erden die Barmherzigkeit regiert, ist es nicht möglich, daß eine Seele, die in Christo bereits verdammt war, auch in sich selbst verdammt werde. Wenn die Strafe ihrem Stellvertreter zugemessen ist, so ist es weder mit der Barmherzigkeit noch mit der Gerechtigkeit vereinbar, daß die Strafe zum zweitenmal gebüßt werde. Der Tod Christi ist für jedermann, der an Jesum glaubt, ein allgenugsamer Grund des Vertrauens; er kann mit Sicherheit wissen, daß seine Missethat vergeben und seine Sünde bedecket ist. Richte deinen Blick fest auf die Thatsache, daß du einen Stellvertreter hast, der den göttlichen Zorn um deinetwillen getragen hat, und du wirst keine Furcht an der Verdammung empfinden.

Beachtet, teure Brüder, wer es war, der gestorben ist, denn dies wird euch nützlich sein. Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist gestorben, der Gerechte für die Ungerechten. Der euer Heiland ist, war kein bloßer Mensch. Die, welche Christi Gottheit leugnen, verwerfen folgerichtig das Sühnopfer. Es ist nicht möglich, an ein richtiges stellvertretendes Sühnopfer für die Sünde festzuhalten, wenn ihr nicht daran festhaltet, daß Christus Gott war. Wenn ein Mensch für einen andren Menschen auch leiden könnte, so würde doch eines Menschen Leiden nicht für tausendmal tausend Menschen von Nutzen sein können. Welche Kraft könnte in dem Tode einer unschuldigen Person liegen, die Übertretungen einer großen Menge zu sühnen? Aber weil Er, der unsre Sünden hinaufgetragen hat auf das Holz, Gott war über alles, hochgelobt in Ewigkeit; weil Er, der seine Füße an das Holz nageln ließ, kein andrer war, als das Wort, das im Anfang bei Gott war und Gott selber war; weil Er, der sein Haupt im Tode beugte, kein andrer war, als der Christus, welcher Unsterblichkeit hat und das Leben ist: darum hat sein Sterben die Kraft in sich, die Sünde aller wegzunehmen, für welche Er gestorben ist. Wenn ich über meine Erlöser nachdenke und mich dessen erinnere, daß Er selber Gott ist, dann fühle ich, daß meine Sünde wirklich weg sein muß, wenn Er meine Natur angenommen hat und damit in den Tod gegangen ist. Darauf kann ich mich verlassen. Ich bin sicher, daß, wenn Er, welcher unendlich und allmächtig ist, Genugthuung für meine Sünde geleistet hat, ich nicht nötig habe, die Hinlänglichkeit des Sühnopfers anzuzweifeln, denn wer wollte es wagen, seine Macht zu begrenzen? Wenn meine Sünden noch größer wären, als sie sind, so könnte sein Blut sie dennoch weißer machen, denn Schnee. Wenn der Fleisch gewordene Gott an meiner Statt gestorben ist, so sind meine Sünden von mir genommen.

Beachtet ferner, wer es war, der gestorben ist und betrachtet Ihn von einem andren Standpunkt aus. Es war Christus, welches meint “der Gesalbte“. Er, der da kam, uns zu retten, kam nicht, ohne dazu gesandt und beauftragt zu sein. Er kam nach seines Vaters Willen und sagte: „ Siehe, ich komme, im Buche steht von mir geschrieben, und Deinen Willen, mein Gott, thue ich gern.“ Er kam in seines Vaters Macht, „welchen Gott hat vorgestellt zu einem Gnadenstuhl durch den Glauben in seinem Blut.“ Er kam mit des Vaters Salbung und konnte sagen: „Der Geist des Herrn ist über mir.“ Er war der Messias von Gott gesandt. Der Christ hat nicht nötig, die Verdammung zu fürchten, wenn er sieht, daß Christus für ihn gestorben ist, weil Gott selbst Christum zu sterben bestimmt hat, und wenn Gott den Plan der Stellvertretung angeordnet und den Stellvertreter bestimmt hat, kann Er das Werk des Stellvertreters nicht zurückweisen. Selbst wenn wir von der herrlichen Person unsres Herrn nicht sprechen könnten, wie wir gethan haben, müßte es doch feststehen, daß, wenn die göttliche Souveränität und Weisheit einen Mann wie Christum erwählte, damit Er unsre Sünden trage, wir wohl damit zufrieden sein könnten. Gottes Wahl anzunehmen und uns an dem genügen zu lassen, daran sich Gott genügen läßt.

Ferner, gläubige Seele, die Sünde kann dich nicht verdammen, weil Christus gestorben ist. Ich zweifle nicht daran, daß seine Leiden stellvertretend waren, ehe Er ans Kreuz ging, aber die eigentliche Strafe der Sünde war doch der Tod, und als Christus starb, da geschah es, daß Er die Übertretung vollendete und der Sünde ein Ende bereitete und ewige Gerechtigkeit herbeiführte. Das Gesetz konnte über sein Haupturteil, den Tod, nicht hinaus gehen; dies war die schauerliche Strafe, die im Garten angekündigt wurde: „welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben.“ Christus starb physisch unter allem Schimpf und unter den Schmerzen, die seinen Tod begleiteten, und sein innerer Tod, welcher der bitterste Teil des Urteils war, war begleitet von dem Verlust des Antlitzes seines Vaters und von unaussprechlichem Weh. Er stieg ins Grab hinab und drei Tage und drei Nächte schlief Er als ein wirklich Toter im Grabe. Hierin liegt unsre Freude; unser Herr erlitt die äußerste Strafe und gab Blut für Blut und Leben für Leben. Er hat alles bezahlt, das rückständig war, denn Er hat sein Leben gezahlt; Er hat sich selbst für uns gegeben und unsre Sünde an seinem Leibe hinaufgetragen auf das Holz, so daß sein Tod der Tod unsrer Sünde ist. „Christus ist hier, der gestorben ist.“

Ich spreche über diese Dinge nicht mit blumenreichen Worten, ich gebe euch nur die nackte Lehre. Möchte der Geist Gottes diese Wahrheiten euren Seelen aneignen und ihr werdet einsehen, daß keine Verdammung für die ist, die in Christo sind.

Es ist ganz gewiß, Geliebte, daß der Tod Christi wirksam gewesen sein muß zur Beseitigung der Sünde, die auf Ihn gelegt waren. Es ist nicht denkbar, daß Christus vergeblich gestorben ist, ich meine, nicht denkbar ohne Lästerung, und ich denke, daß wir uns dazu nicht hergeben werden. Er war von Gott bestimmt, die Sünden vieler zu tragen, und obgleich Er selbst Gott war, kam Er doch in die Welt und nahm Knechtsgestalt an und trug diese Sünden, nicht nur in Trauer, sondern im Tode selbst, und es ist nicht möglich, daß Er mit seiner Absicht zu schanden oder darin enttäuscht werden sollte. Auch nicht um ein Jota oder Tüttelchen wird der Zweck des Todes Christi vereitelt werden. Jesus wird die Arbeit seiner Seele sehen und die Fülle haben. Was Er mit seinem Sterben beabsichtigte, wird erreicht werden. Er wird sein Blut nicht auf der Erde verschwendet haben. Wenn denn Jesus für euch gestorben ist, so steht es fest, daß, wie Er nicht vergeblich gestorben ist, ihr auch nicht verloren gehen könnt. Er hat gelitten und ihr werdet nicht leiden. Er ist verdammt worden und ihr werdet nicht verdammt werden. Er ist für euch gestorben und gibt euch die Versicherung: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

II.

Der Apostel geht zu einem zweiten Beweisgrund über, den er mit dem Wort „ja vielmehr“ verstärkt. „Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferwecket ist. Ich denke, wir legen diesem „vielmehr“ nicht genügendes Gewicht bei. Der Tod Christi ist der Felsengrund alles Trostes, aber wir dürfen den Umstand nicht übersehen, daß der Apostel die Auferstehung Christi als etwas betrachtet, das noch reicheren Trost gibt, als sein Tod: „Ja vielmehr, der auch auferwecket ist.“ Wie können wir denn aus Christi Auferstehung noch mehr Trost schöpfen als aus seinem Tode, wenn uns sein Tod schon hinlänglich Grund zum Troste bietet? Ich antworte, weil unsres Herrn Auferstehung die gänzliche und totale Reinigung von all den Sünden bezeichnet, die auf Ihn gelegt worden waren. Eine alleinstehende Frau ist tief verschuldet; wie kann sie von ihren Verbindlichkeiten frei gemacht werden? Ein Freund gewinnt sie lieb und in seiner großen Liebe zu ihr heiratet er sie. Kaum ist die Trauungszeremonie beendet, da ist sie durch eben diese Handlung von aller Schuld befreit, denn ihre Schuld wird die ihres Mannes, und indem er sie genommen hat, hat er alle ihre Verpflichtungen übernommen. Aus diesem Gedanken kann sie Trost schöpfen; aber sie wird doch viel ruhiger, wenn ihr Geliebter zu ihren Gläubigern geht, alle Rechnungen begleicht und ihr die Quittungen überbringt. Zuerst wird sie getröstet durch die Heirat, durch die sie gesetzlich von ihren Verbindlichkeiten befreit wird, aber sie ist noch viel ruhiger, wenn ihr Mann selbst von den übernommenen Verpflichtungen frei ist. Unser Herr Jesus übernahm unsre Schulden; in seinem Tode bezahlte Er sie und in seiner Auferstehung löschte Er sie aus dem Schuldbuch und empfing die Quittung. In seiner Auferstehung nahm Er von den gegen uns erhobenen Anschuldigungen auch die letzte Spur hinweg, denn die Auferstehung Christi war die Erklärung des Vaters, daß Er mit dem Sühnopfer des Sohnes zufrieden gestellt worden sei.

Wenn die Genugthuung, die Christus leistete, Gott nicht befriedigt hätte, würde der Bürge für unsre Seele bis zu dieser Stunde in seinem Grabgefängnis festgehalten worden sein; aber da sein Werk völlig angenommen wurde, konnte Er von den Banden befreit werden, und dadurch ist sein ganzes Volk gerechtfertigt. „Wer will verdammen? Christus ist auferwecket.“

Beachtet ferner, daß die Auferstehung Christi die Erklärung unsrer Annahme bei Gott ist. Als Gott Ihn von den Toten auferweckte, gab Er dadurch Zeugnis, daß Er Christi Werk angenommen habe; aber die Annahme unsres Repräsentanten ist unsre eigne Annahme. Als der französische Botschafter von dem preußischen Hofe abreiste, meinte das, daß der Krieg erklärt war, und als der Botschafter wieder angenommen wurde, war der Friede geschlossen. Als Jesus von Gott angenommen wurde und Er von den Toten auferstand, wurde zugleich mit Ihm jeder einzelne von uns, der an Ihn glaubt, auch von Gott angenommen, denn was Jesu geschah, das geschah eigentlich allen Gliedern seines geistlichen Leibes. Wir sind mit Ihm gekreuzigt, mit Ihm gestorben und begraben und auferstanden, und in seiner Annehme sind wir angenommen.

Zeigte Christi Auferstehung nicht auch an, daß Er mit der ganzen Bestrafung auch ganz durch, und daß sein Tod hinlänglich war? Nimm für einen Augenblick an, daß eintausend achthundert und mehr Jahre vergangen wären und daß Er noch im Grabe schlummerte. In solchem Falle könnten wir ja im stande sein, zu glauben, daß Gott Christi stellvertretendes Opfer angenommen habe und daß Er Ihn schließlich von den Toten auferwecken werde, aber wir würden doch unsre Besorgnisse haben. Nun aber haben wir vor unsren Augen ein Zeichen, so tröstlich wie den Regenbogen am Regentage, denn Jesus ist auferstanden, und es ist klar, daß das Gesetz nichts mehr von Ihm zu fordern hat. Er lebt nun durch die Kraft eines neuen Lebens, und das Gesetz hat keine Forderung an Ihn. Er, gegen den der Anspruch geltend gemacht wurde, ist gestorben; sein gegenwärtiges Leben ist nicht das, gegen welches das Gesetz etwas vorzubringen hätte. So ist es mit uns; das Gesetz hatte einst Ansprüche an uns, aber wir sind neue Kreaturen in Christo Jesu; wir haben an dem Auferstehungsleben Christi teilgenommen, und das Gesetz hat von unsrem neuen Leben nichts zu fordern. Der unvergängliche Same in uns hat nicht gesündigt, denn er ist von Gott geboren. Das Gesetz kann uns nicht verdammen, denn wir sind ihm in Christo gestorben und stehen nun außerhalb seiner Gerichtsbarkeit.

Ich entlasse euch mit diesem seligen Trost. Euer Bürge hat die Schuld für euch entrichtet, und da Er gerechtfertigt ist im Geist, ist Er aus dem Grabe hervorgegangen. Legt euch durch euren Unglauben nicht selber Lasten auf. Quält euer Gewissen nicht mit toten Werken, sondern wendet euch zu Christi Kreuz und erwartet ein neubelebtes Bewußtsein von der Vergebung durch die Waschung des Blutes.

III.

Ich muß nun zum dritten Punkt übergehen, auf welchen sich der Apostel stützt. “Welcher ist zur Rechten Gottes.“ Behaltet es noch im Auge, daß, was Christus ist, auch sein Volk ist, denn es ist eins mit Ihm. Sein Zustand und seine Stellung ist vorbildlich von unsrem Zustand und unsrer Stellung. „Welcher ist zur Rechten Gottes.“ Das meint Liebe, denn die Rechte ist für die Geliebte. Das meint Annahme. Wer anders ist zur Rechten Gottes, als der, der Ihm teuer ist? Das meint Ehre. Zu welchem Engel hat Er jemals gesagt, daß er sich zu seiner Rechten setzen solle? Auch Macht ist eingeschlossen! Von keinem Cherub oder Seraph kann gesagt werden, daß er zu Gottes Rechten ist. Christus also, welcher einst im Fleische litt, ist in der Liebe und Annahme und Ehre und Macht zu Gottes Rechten. Merkt ihr demnach die Kraft der Frage: „Wer will verdammen?“ Sie zeigt sich in einem zweifachen Sinne. „Wer kann mich verdammen, während ich solchen Freund am Hofe habe? Wie kann ich verdammt werden, so lange mein Repräsentant Gott so nahe ist?“ Dann aber bin ich auch, wo Er ist, denn es steht geschrieben: „Gott hat uns samt Ihm auferweckt und uns mit in die himmlischen Räume versetzt in Christo Jesus.“ Könnt ihr es für möglich halten, daß jemand verdammt wird, der bereits zu Gottes Rechten ist? Die Rechte Gottes ist ein Platz, der Ihm so nahe ist, der so ausgezeichnet ist, daß man nicht annehmen kann, daß ein Widersacher dort eine Anklage gegen uns vorbringen werde. Doch der Gläubige ist dort in seinem Repräsentanten, und wer wagt es, ihn zu beschuldigen? Es wurde dem Haman als sein schlimmstes Verbrechen bezeichnet, daß er den Tod der Königin Esther, die dem Herzen des Königs so teuer war, herbeizuführen suchte, und sollte irgend ein Feind die verdammen oder vernichten können, die Gott teurer sind als die Esther es dem Ahasveros jemals war? Denn sie sind zu seiner Rechten, wesentlich und unauflöslich mit Jesu vereinigt. Nehmt an, ihr wäret thatsächlich zu Gottes Rechten, würdet ihr irgend welche Furcht hegen, verdammt werden zu können? Meint ihr, daß die seligen Geister vor dem Throne irgend welche Furcht haben, verdammt zu werden, obgleich sie einst gleich euch Sünder waren? „Nein,“ sagst du, „wenn ich dort wäre, würde ich vollkommenes Vertrauen haben.“ Aber du bist in deinem Repräsentanten dort. Wenn du denkst, daß du es nicht bist, möchte ich dich fragen: „Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“ Ist Christus zertrennt? Wenn du ein Gläubiger bist, so bist du eins mit Ihm, und die Glieder müssen sein, wo das Haupt ist. Bevor das Haupt nicht verdammt ist, können doch die Glieder nicht verdammt werden. Ist das nicht klar? Wenn du in Christo Jesu zu Gottes Rechten bist, wer will verdammen? Laß die Feinde es versuchen, jene weiß gekleidete Schar zu verdammen, welche auf immer den Thron Gottes umgibt und ihre Kronen zu seinen Füßen niederwerfen; laß sie das zuerst versuchen, sage ich, ehe sie es wagen, den geringsten Gläubigen an Jesum Christum zu beschuldigen.

IV.

Das letzte Wort, welches der Apostel uns gibt, ist dieses: “Der uns vertritt.“ Dies ist ein andrer Grund, aus welchem die Furcht vor der Verdammung uns nie in den Sinn kommen sollte, wenn wir unsre Seelen Christo wirklich anvertraut haben, denn wenn Jesus für uns bittet, so muß der Punkt seiner Fürbitte der sein, daß wir nie verdammt werden möchten. Er würde seine Fürbitte nicht auf untergeordnete Punkte lenken und die wichtigsten unbeachtet lassen. „Vater, ich will, daß wo ich bin, auch die bei mir seien, die Du mir gegeben hast,“ schließt in sich, daß ihnen alle ihre Sünden vergeben sind, denn sie könnten nicht dorthin kommen, wenn ihre Sünden nicht vergeben wären. Seid versichert, daß ein fürbittender Heiland die Freisprechung seines Volkes sicher macht.

Erwäget, daß unsres Herrn Fürbitte obsiegen muß. Es ist nicht anzunehmen, daß Christus vergeblich bittet. Er ist kein niedriger Bettler, der in einer Entfernung steht und unter Klagen und Seufzen um das bettelt, was Er nicht verdient, sondern Er steht da mit dem Brustschildlein, in welchem die Juwelen funkeln, welche die Namen seines Volkes tragen und bringt sein eignes Blut als ein unendlich genügendes Sühnopfer vor den Gnadenstuhl Gottes und bittet mit unbestreitbarer Autorität. Wenn Abels Blut, das von der Erde schrie, im Himmel gehört wurde und Rache herabbrachte, wieviel mehr wird das Blut Christi, welches hinter dem Vorhang redet, die Vergebung und die Seligkeit seines Volkes sichern! Der Rechtsgrund Jesu ist unanfechtbar und kann nicht ohne weiteres beiseite geschoben werden. Er macht dies geltend: „Ich habe an jenes Menschen Statt gelitten.“ Kann die unendliche Gerechtigkeit Gottes diesen Rechtsgrund leugnen? „Nach Deinem Willen, o Gott, habe ich mich als Stellvertreter für dieses mein Volk hingegeben. Willst Du nicht die Sünden derer hinwegnehmen, an deren Stelle ich gestanden habe?“ Ist das nicht gute Fürbitte? Gottes Bund, Gottes Verheißung und Gottes Ehre, die hier eingeschlossen ist, tritt für die Erhörung ein, so daß, wenn Jesus betet, es nicht nur die Würde seiner Person ist, die da Gewicht hat, und die Liebe, welche Gott zu seinem Eingebornen hat, welche gleich gewichtig ist, sondern sein Anspruch ist überwältigend und seine Fürbitte ist allmächtig.

Wie sicher ist der Christ, da Jesus immerdar lebt und für ihn bittet! Habe ich mich seinen liebenden Händen übergeben? Möchte ich dann nie Ihn entehren, indem ich Ihm mißtraue. Vertraue ich Ihm wirklich als dem Gestorbenen, als dem Auferstandenen, als Dem, der zu Gottes Rechten ist und für mich betet? Kann ich mir die Duldung eines einzigen Argwohns gestatten? Dann vergib, mein Vater, diese große Sünde und hilf Deinem Knechte, daß er durch ein größeres gläubiges Vertrauen sich Jesu Christi freue und sage: „So ist nun keine Verdammung.“ Geht hin, ihr, die ihr Christum liebt, mit dem Duft dieser süßen Lehre auf euren Herzen und verlaßt euch auf Ihn! Aber o, ihr, die ihr Christo nicht vertraut, für euch gibt es gegenwärtig schon Verdammung. Ihr seid unter der Verdammung, weil ihr an den Sohn Gottes nicht glaubt; und es wartet eurer eine zukünftige Verdammnis, denn der Tag kommt, der schreckliche Tag, da die Gottlosen in dem Feuer des Zorns Jehovahs wie Stoppeln sein werden. Die Stunde eilt herbei, da der Herr das Recht zur Richtschnur und die Gerechtigkeit zum Gewicht machen und die falsche Zuflucht wegtreiben wird. Komm, arme Seele, komm und vertraue dem Gekreuzigten, und du sollst leben und du wirst dich mit uns darüber freuen, daß dich niemand verdammen kann.

„Dein Geschäft auf dieser Erden
Und Dein Opfer ist vollbracht;
Was vollendet sollte werden,
Das ist gänzlich ausgemacht.
Da Du bist für uns gestorben,
Hast uns Gnad’ und Heil erworben,
Und Dein siegreich Aufersteh’n
Läßt uns in die Freiheit geh’n.

Die Verdienste Deiner Leiden
Stellest Du dem Vater dar
Und vertrittst mit Macht und Freuden
Deine teu’r erlöste Schar;
Bittest, daß Er Kraft und Leben
Deinem Volke wolle geben
Und die Seelen zu Dir zieh’n,
Die noch Deine Freundschaft flieh’n.“ 

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