Spurgeon, Charles Haddon - Jakob betet an, auf seinen Stab gelehnt.

„Durch den Glauben segnete Jakob, da er starb, beide Sühne Josephs, und neigte sich gegen seines Zepters Spitze.“
Hebr. 11, 21.

(Durch den Glauben segnete Jakob, da er im Sterben war, beide Söhne Josephs, und betete an und lehnte sich auf die Spitze seines Stabes. Engl. Üb.)

„Da er im Sterben war.“ Der Tod ist eine gründliche Probe des Glaubens. Unter der Berührung des Knochenfingers lösen sich Täuschungen in dünne Luft auf, und nur die Wahrheit bleibt, wenn nicht wirklich ein kräftiger Irrtum gegeben worden ist; und alsdann ist der Anblick eines vermessenen Sünders, der in seinen Sünden dahinfährt, ein solcher, über den Engel weinen könnten. Es ist schwer, sehr schwer, in den letzten ernsten Augenblicken eine Lüge aufrecht zu erhalten; das Ende des Lebens ist gewöhnlich der Schluß der Selbsttäuschung. Es gibt einen nachgemachten Glauben, eine falsche Sicherheit, die unter jeder gewöhnlichen Hitze der Prüfung aushalten; aber diese verdunsten, wenn die Feuer des Todes sie umgeben. Manche Menschen haben Ruhe und Frieden in ihrem Gewissen, sie ersticken jede Regung desselben, sie weisen alle Selbstprüfung zurück, sie halten ein redliches Mißtrauen in sich selbst für eine Versuchung des Teufels, rühmen sich ihrer ununterbrochenen Seelenruhe und gehen von Tag zu Tag mit vollkommener Zuversicht dahin; aber wir möchten nicht von ihrer Art sein. Ihre Augen sind geblendet, ihre Ohren sind dick und ihr Herz ist verstockt. Ein Sirenengesang bezaubert sie, aber er lockt sie auch ins Verderben. Entsetzlich wird ihr Erwachen sein, wenn sie im Sterben liegen: wie ein Traum wird ihr falscher Friede schwinden und wirkliche Schrecken werden sie überfallen. Der Ausdruck: „Da er im Sterben war,“ erinnert mich an viele Totenbetten; aber ich werde jetzt nicht von ihnen sprechen, weil ich wünsche, daß ein jeder von euch sich die Szene seines eignen Abscheidens vergegenwärtigt, denn bald wird von jedem eine Geschichte erzählt werden, die beginnt: „Da er im Sterben war…“ Ich möchte, daß jeder von euch seine Gedanken ein wenig in die Zukunft gehen ließe bis auf die Zeit, wo er seine „Füße zusammen thun muß aufs Bette,“ sein letztes Lebewohl sagen und den Geist aufgeben. Vor eurem wirklichen Abscheiden wird euch wahrscheinlich, wenn ihr nicht plötzlich mit einem Schlage dahingerafft werdet, eine kleine Zeit zugemessen werden, von der es heißen wird: „Er war im Sterben.“ Vielleicht ist es etwas Wünschenswertes, einige Wochen lang im Abscheiden zuzubringen, bis die Seele durch die Pforte eingegangen und schon in der Herrlichkeit zu sein scheint, während der Leib hier noch verweilt; aber da wir keine Erfahrung davon gehabt haben, sind wir kaum imstande, uns ein Urteil zu bilden. Vieles läßt sich zugunsten jenes plötzlichen Todes sagen, der plötzliche Herrlichkeit ist; aber dennoch möchte man es vorziehen, Zeit genug und hinreichende Klarheit des Geistes zu haben, um in die Ewigkeit hineinzublicken, und so mit dem Gedanken an das Abscheiden aus dem Körper vertraut zu werden. Es scheint fast wünschenswert, die Furcht und den ersten Schrecken vor dem kalten Strom zu verlieren und völlig ruhig an den Ufern des Jordans zu werden, dort zu sitzen, die Füße bis an die Knöchel im Strom, und dann allmählich in die größeren Tiefen hinabzusteigen und zu singen, singen, singen, singen und auf der Erde schon das ewige Lied zu beginnen, das immerdar auf der andren Seite des geheimnisvollen Stromes gehört wird. Solches Sterben ist ein passendes Ende für ein Leben voll echter Frömmigkeit und zeigt und beweist die Wahrheit derselben. Jakob war im Sterben, und in seinem Sterben sehen wir den Mann.

Der Text sagt uns, daß der Glaube des Patriarchen fest war, während er im Sterben lag, so daß er kein Murren laut werden ließ, sondern reiche Segnungen, als er beide Söhne Josephs segnete. Möge euer Glaube und der meinige auch ein solcher sein, daß er, wenn wir im Sterben liegen, irgend eine herrliche That thut, auf daß die Gnade Gottes in uns bewundert werde. Paulus sagt nichts über Jakobs Leben, sondern erwählt die Sterbeszene. Es waren viele Beispiele von Glauben in Jakobs Leben, aber ihr erinnert euch, daß Paulus in der Epistel an die Hebräer durch die Geschichte geht und hier eine Blume und da eine Blume pflückt und klagt, daß die Zeit ihm sogar dazu zu kurz würde, so fruchtbar ist der Garten des Glaubens. Ich zweifle indessen nicht, daß er aus jeder Lebensgeschichte das Beste entnahm; und vielleicht war das Schönste in dem Leben Jakobs der Schluß desselben. Er war königlicher zwischen den Vorhängen seines Bettes als in der Thür seines Zeltes, größer in der Stunde seiner Schwachheit als am Tage seiner Kraft. Manche Tage sind feucht und neblig vom Morgen bis spät am Nachmittag, aber gerade vor Sonnenuntergang ist eine ruhige, helle Stunde, und die Sonne geht in solcher Herrlichkeit unter, daß man die Trübe des Tages vergessen kann. Wiewohl der frühere Teil desselben gewöhnlich genug war, so ist doch die letzte Stunde mitunter so voller Pracht, daß ihr euch des Tages um seines Sonnenuntergangs willen erinnert und ihn in eurem Tagebuch als einen merkwürdigen bezeichnet. In dem Tode Jakobs war sicher so viel herrlicher Glaube, daß der Apostel wohl daran that, ihn für die besondere Erwähnung auszuwählen.

Der alte Mann von hundert und siebenundvierzig Jahren hätte um der Schwachheiten des Alters willen gern zum Abscheiden bereit sein können, aber doch hatte er vieles, was ihn hienieden festhalten und wünschen lassen konnte, so lange als möglich zu leben. Nach einem sehr unruhigen Leben hatte er siebzehn Jahre außerordentlicher Bequemlichkeit genossen, so viel, daß, wenn wir an seiner Stelle gewesen wären, wir wahrscheinlich begonnen hätten, in dem Boden Gosens einzuwurzeln und den bloßen Gedanken an Weggehen zu fürchten; doch der ehrwürdige Patriarch sitzt da, mit der Hand auf seinem Stabe, zum Gehen bereit, sucht keinen Aufschub, sondern wartet auf das Heil Gottes. Nachdem er so viel hin- und hergeworfen, so lange ein Pilger gewesen war, muß es ihm angenehm vorgekommen sein, sich in einem fetten Lande niederzulassen, mit all seinen Söhnen und Enkeln und Urenkeln um ihn her, alle gut versorgt, und Joseph an der Spitze des ganzen Landes — Premierminister von Ägypten — der seinem alten Vater Ehre verlieh und Sorge trug, daß es keinem in der Familie an etwas fehlte. Der letzte Gang bei dem Festmahl seines Lebens war bei weitem der süßeste, und dem alten Mann hätte es schwer fallen können, sich von einem so ausgesuchten Tische zu entfernen. Die Kinder Israels waren eine Art fremder Aristokratie im Lande und kein Hund wagte es, sie anzubellen, aus Furcht, daß der berühmte Joseph seine Hand ausstrecken möchte. Diese siebzehn Jahre müssen für den alten Mann glänzend und voll Ruhe gewesen sein. Aber Sinnlichkeit hatte seinen Glauben nicht getötet, der Luxus hatte nicht seinen geistlichen Sinn vernichtet; sein Herz ist immer noch in den Zelten, wo er als Pilger Gottes gewohnt hat. Ihr könnt sehen, daß er mit keiner einzigen Faser seiner Seele in Ägypten gewurzelt war. Sein erstes Anliegen ist, Sorge zu tragen, daß nicht einmal seine Gebeine in Gosen liegen sollten. Durch seinen Auftrag, ihn in Mamre zu begraben, lehrte er seine Nachkommen thatsächlich, daß sie nicht zu fest an dem guten Lande, das sie in Gosen besaßen, hangen sollten, denn ihr Erbe lag nicht an den Ufern des Nils, sondern jenseits der Wüste in Kanaan, und sie mußten immer bereit sein, dorthin zu ziehen. Der Segen den er den Söhnen Josephs gab, war nur eine Äußerung des festen Glaubens an den Bund, welcher das Land ihm und seinem Samen gab. Er war ihm eingegeben von diesem seinem Glauben, der das Gegenwärtige fahren ließ und das Zukünftige ergriff, dem Zeitlichen entsagte und das Ewige festhielt, die Schätze Ägyptens zurückwies und sich an den Bund Gottes anklammerte.

Dreierlei führt der Text uns vors Auge. Das erste ist der Segen; das zweite ist das Anbeten; und das dritte ist die Stellung; denn er betete an und „lehnte sich auf die Spitze seines Stabes,“ was eine Bedeutung haben muß, sonst wäre es nicht niedergeschrieben.

I. Zuerst also, sein Anbeten.

Er segnete die zwei Söhne Josephs. Wollt ihr Geduld mit mir haben, während ich versuche, zu zeigen, daß sein Segnen der Söhne Josephs eine Handlung des Glaubens war, zuerst, weil der alte Mann nur durch den Glauben irgend jemand einen Segen geben konnte? Seht ihn an. Er ist zu schwach, sein Bett zu verlassen. Als er, durch Kissen gestützt, aufrecht sitzet auf dem, was das „Haupt“ des Bettes genannt wird, verlangt er seinen zuverlässigen Stab, um sich darauf zu lehnen und imstande zu sein, die Hände auszustrecken und die Stimme zu gebrauchen. Er hat keine Kraft und die Augen sind trübe, so daß er nicht sehen kann, wer Ephraim und wer Manasse ist. Die meisten seiner Fähigkeiten versagen ihm: an allem könnt ihr sehen, daß er ein abgelebter alter Mann ist, der nichts für die Kinder thun kann, die er liebt. Wenn er fähig ist, einen Segen zu verleihen, so kann es nicht durch die Kraft der Natur sein; und dennoch kann er sie segnen und segnet sie, und deshalb sind wir sicher, daß ein innerer Mensch in jenem schwachen, alten Jakob sein muß; es muß ein geistlicher Israel in ihm verborgen sein, ein Israel, der durch das Obsiegen bei Gott als ein Fürst einen Segen erhalten hat und fähig ist, ihn an andre auszuteilen. Und so ist es; und mit einem halben Blick sehen wir es. Er erhebt sich zur Würde eines Königs, eines Propheten und eines Priesters, als er beginnt, einen Segen über seine zwei Enkel auszusprechen. Er glaubte Gott. Er glaubte, daß Gott durch ihn redete; und er glaubte, daß Gott jedes Wort rechtfertigen würde, das er ausspräche. Er glaubte an den Gott, der Gebet hört; sein Segen war ein Gebet; und als er die Segenswünsche über seine Enkel sprach, fühlte er, daß jedes Wort eine Bitte sei, die der Herr erhörte. Sie wurden gesegnet, und sie sollten gesegnet sein, und er nahm dies durch den Glauben wahr. So, sehen wir, legte er seinen Glauben an den Tag, indem er gläubiges Gebet darbrachte und einen zuversichtlichen Segen aussprach. Liebe Freunde, ob wir leben oder ob wir sterben, laßt uns Glauben an Gott haben. Wann immer wir das Evangelium lehren oder predigen, laßt uns Glauben haben; denn ohne Glauben werden wir vergeblich arbeiten. Wenn ihr religiöse Bücher verteilt oder Kranke besucht, thut es im Glauben, denn der Glaube ist das Lebensblut all unsres Dienstes. Wenn ein sterbender Jakob nur durch den Glauben seine Nachkommen segnen kann, so können wir nur durch den Glauben die Menschenkinder segnen. Habt Glauben an Gott, so wird die Lehre, die ihr gebt, wirklich erbauen, die Gebete, die ihr darbringt, werden Ströme der Gnade herniederziehen, und eure Bemühungen um eure Söhne und Töchter werden gedeihen. Gott will segnen, was im Glauben gethan wird; aber wenn wir nicht glauben, wird unser Werk nicht gefördert werden. Glaube ist Mark und Rückgrat in der Kraft des Christen, Gutes zu thun: wir sind schwach wie Wasser, bis wir durch den Glauben mit Gott in Verbindung treten, und dann sind wir allmächtig. Wir können nichts thun, um das geistliche und ewige Wohl unsrer Mitmenschen zu fördern, wenn wir in dem wandeln, was unsre Augen sehen; aber wenn wir in die Kraft Gottes hinein gelangen und seine Verheißung durch kühne Zuversicht ergreifen, dann empfangen wir die Kraft zu segnen.

Ihr werdet auch beachten, daß nicht nur die Kraft zu segnen ihm durch den Glauben ward, sondern daß die Segnungen, die er seinen Enkeln zuerteilte, derselben Art waren. Seine Vermächtnisse waren alles Segnungen, die er nur durch den Glauben besaß. Er gab Ephraim und Manasse jedem ein Teil: aber wo und was? Nahm er einen Beutel aus einer eisernen Kiste und sprach: „Hier, ihr jungen Männer, ich gebe euch dieselbe Summe baren Geldes wie meinen Söhnen!“? Nein, es scheint nicht ein einziger Seckel im Kasten gewesen zu sein. Verlangte er die Karte der Familienbesitztümer und sagte: „Ich gebe euch, meine Kinder, meine Güter in diesem Distrikt und mein Grundeigentum in jenem?“ Nein, nein, er gab ihnen keinen Besitz in Gosen, aber jeder hatte seinen Anteil in Kanaan.

Gehörte ihm dieses? Ja, in einem Sinne, aber in einem andren nicht. Gott hatte es ihm verheißen, aber er hatte noch keinen Fuß breit Boden darin. Es wimmelte von Kananitern im Lande; sie wohnten in Städten, die bis an den Himmel vermauert warm, und hatten das Land nach dem Recht des Besitzes, das neun Zehntel des Eigentumsrechtes ausmacht. Aber der Greis spricht von Kanaan, als wenn es ganz sein eigen wäre, und sieht die Stämme zu Völkern erwachsen, als wenn sie schon im wirklichen Besitz des Landes wären. Er hatte thatsächlich weder Haus noch Land in Palästina, und dennoch rechnet er das Ganze für sein Eigentum, weil ein treuer Gott es seinen Vätern verheißen hat. Gott hatte zu Abraham gesprochen: „Hebe deine Augen auf, und siehe von der Stätte an, da du wohnest, gegen Mitternacht, gegen den Mittag, gegen den Morgen, gegen den Abend. Denn alles Land, das du siehest, will ich dir geben.“ Und Jakob betrachtet diese Gabe Gottes als Freibrief und Besitzurkunde, und handelt danach, indem er sagt: „Dies ist für Ephraim; dies ist für Manasse,“ obwohl ein höhnender Ungläubiger, der dabei gestanden, gesagt haben würde: „Hört, wie der alte Mann faselt und irre redet und weggibt, was er nicht hat!“ Der Glaube ist das Wesen der Dinge, die man hofft (Hebr. 11, 1), und handelt ernsthaft und in geschäftlicher Weise mit dem, was er sich verwirklicht: die blinde Vernunft mag spotten, aber der Glaube wird von an seinen Kindern gerechtfertigt.

Geliebte, in dieser Art segnen wir die Kinder der Menschen, nämlich durch den Glauben. Wir beten für sie, und wir sagen ihnen von dem Guten, das noch zukünftig ist, das von dem Auge nicht gesehen und von den Sinnen nicht wahrgenommen werden kann, aber unbegreiflich gut ist — was Gott denen aufbehalten hat, die Ihn lieben, was das Teil unsrer Kinder und unsrer Freunde sein soll, wenn sie an den lebendigen Gott glauben. Durch den Glauben hoffen wir auf das, was wir noch nicht gesehen haben. Wir bekennen, daß wir wie Abraham, Isaak und Jakob Fremdlinge hienieden sind und nach einem Orte pilgern, von dem Gott zu uns geredet hat: „eine Stadt, die einen Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Wir haben gelernt, von der Krone zu reden, die der Herr für uns aufbewahrt hat, und nicht allein für uns, sondern für alle, die seine Erscheinung lieb haben; und es ist unsre Freude, andren zu sagen, wie sie diese Krone gewinnen können. Wir weisen sie hin auf die enge Pforte und den schmalen Weg, die sie beide nicht sehen können, und auf das Ende des schmalen Pfades, zu den Gipfeln der Berge, auf denen die ewige Stadt stehet, wo die Pilger des Herrn wohnen sollen immerdar und eines ewigen Lohnes genießen. Der Glaube ist nötig, damit wir imstande sind, Menschen auf das Ewige und Unsichtbare hinzuweisen; wenn wir dies nicht thun können, wie vermögen wir sie zu segnen? Wir müssen glauben für die, die wir lieben, und Hoffnung für sie haben; dann werden wir bei Gott für sie obsiegen und sie segnen. O, ihr weltlichen Väter, ihr mögt euren Söhnen geben, welch Erbteil ihr könnt, und unter eure Töchter so viel Reichtümer verteilen, wie es euch gefällt, aber was uns anlangt, unsre Sehnsucht ist's, unsre Kinder und unsrer Kinder Kinder mit den Gaben begabt zu sehen, die von oben kommen. Wenn sie einen Anteil in dem noch ungesehenen Lande jenseit des Jordans gewinnen und jetzt einen Teil in Christo Jesu haben, so wollen wir froh sein — unendlich froher, als wenn sie die Reichsten unter den Menschen wären. Unsre Vermächtnisse an unsre Söhne sind die Segnungen der Gnade und unsre Mitgift an unsre Töchter sind die Verheißungen des Herrn.

Es ist wohl unsrer Beachtung wert, daß der ehrwürdige Patriarch in seinem Segen den Bund besonders erwähnt. Sein Glaube, wie der Glaube der meisten Kinder Gottes machte den Bund zu dem Gezelt, wo er voll Freuden wohnte, zum Turm seiner Schutzwehr und zur Rüstkammer für den Krieg. Kein süßeres Wort war auf seiner Zunge, als der Bund, und kein reicherer Trost erquickte sein Herz. Er sprach zu Joseph: „Der allmächtige Gott erschien mir zu Lus im Lande Kanaan, und segnete mich und sprach zu mir: „Siehe, ich will dich wachsen lassen und mehren.“ Seine Zuversicht ruhte auf der Verheißung des Herrn und auf der göttlichen Treue: das war die Wahrheitsquelle, aus der er die Inspiration schöpfte, die ihn seine Enkel segnen ließ. Und bemerkt auch, wie er bei dem Namen seines Vaters Abraham und seines Vaters Isaak verweilt, mit denen der Bund vormals errichtet war: das Andenken an die Bundesliebe ist kostbar und jedes bestätigende Zeichen ist aufbewahrt und wird genannt. Sterbende schwatzen nicht Unsinn. Sie ergreifen etwas Festes, und der ewige Bund, der mit ihren Vätern gemacht und an ihnen selbst bestätigt worden ist, ist einer von den großen Dingen gewesen, über den sterbende Heilige sich auszusprechen pflegen. Erinnert euch, wie David sagte: „Obwohl mein Haus nicht so mit Gott ist, hat Er mir doch einen Bund gesetzt, der ewig, und alles wohl geordnet und gehalten wird.“ Während wir hier sitzen, können wir die Sache kühl besprechen, aber wenn der Todesschweiß kalt auf der Stirne liegt, und der Puls stockt, und das Atmen immer schwerer wird, so wird es selig sein, das Auge auf den treuen Verheißenden zu richten und einen Frieden in der Seele zu fühlen, den selbst die Todesschmerzen nicht stören können, weil wir dann auszurufen vermögen: „Ich weiß, an welchen ich glaube, und bin gewiß, daß Er kann mir meine Beilage bewahren bis an jenen Tag.“ Meine lieben Hörer, wenn ihr keinen Glauben habt, so könnt ihr euch nicht auf den Bund berufen, und gewiß, wenn ihr ihn nicht selbst geltend machen könnt, so könnt ihr es nicht für eure Söhne und Enkel, wenn ihr Gott um Segen für sie bittet. Durch den Glauben an den Bund segnete der ehrwürdige Jakob die zwei Söhne Josephs, und ohne Glauben können wir niemand segnen, denn wir sind selbst nicht gesegnet. Der Glaube ist der Priester, der den Segen ohne Furcht verkündet.

Ich möchte eure Aufmerksamkeit auf einen Punkt lenken, der, wie ich meine, den Glauben Jakobs ungemein veranschaulicht. Indem er diesen zwei Enkeln seine Segnungen für die Zukunft austeilt, nimmt er sie ganz von Joseph weg und sagt: „Gleichwie Ruben und Simeon sollen sie mein sein.“ Wißt ihr, wer diese beiden jungen Herren waren? Denkt eine Weile nach, und ihr werdet sehen, daß sie an Rang, Stand, Verwandtschaft und Aussichten im Leben sehr verschieden von den Söhnen Jakobs waren. Jakobs Söhne waren als arbeitende Männer, ohne Kenntnis seiner Gesellschaft oder gelehrter Künste erzogen worden. Sie waren Landleute, bloße Beduinen, herumziehende Hirten und weiter nichts; aber diese zwei jungen Herren stammten von einer Fürstin ab und waren ohne Zweifel aufs beste erzogen. Pharao hatte Joseph eine Tochter Potipheras, des Priesters zu On, gegeben, und die Priester Ägyptens waren die höchste Klasse von allen — der Adel des Landes. Joseph selbst war der erste Minister, und diese nahmen an seinem Range teil. Die Söhne Rubens und Simeons galten nichts in den feinen Kreisen Ägyptens — sehr gute, anständige Leute, Ackerbauer und Viehzüchter, aber durchaus nicht von dem hohen Stande des Herrn Barons Manasse und seines Bruders Ephraim. In der That, jeder Hirte war den Ägyptern ein Greuel, und deshalb nicht zulässig zum Adel Ägyptens: aber Manasse und Ephraim waren von höherer Kaste und junge Herren von Rang und Vermögen. Aber Jakob zeigte seinen Glauben dadurch, daß er weltliche Urteile für seine Enkel unbeachtet ließ. Er sagte zu Joseph: „Sie sollen nicht dein sein. Ich kenne sie nicht als Ägypter, ich vergesse ihrer Mutter Rang und Familie ganz. Die jungen Leute haben anziehende Aussichten vor sich; sie können Priester des Götzentempels werden und zu hoher Würde unter den Ägyptern emporsteigen; aber all diesen Flitter weisen wir für sie zurück, und zum Zeichen davon nehme ich sie als meine eignen Söhne an; sie sind mein; wie Simeon und Ruben sollen sie mein sein. Für alles Gold Ägyptens möchtest du nicht, daß sie einem Götzen dienten, denn ich weiß, daß du deines Vaters Gott und deines Vaters Glauben treu bist.“ Und so nimmt er die beiden ganz hinweg, seht ihr, von an ihren glänzenden Aussichten und verleiht ihnen das, was dem fleischlichen Sinn wie ein Besitz in einem Traumland, ein Luftschloß, etwas Unfühlbares und Nicht-Wertvolles scheint. Dies war eine That des Glaubens, und selig sind die, welche sie nachahmen können und lieber die Schmach Christi für ihre Söhne wählen als alle Schätze Ägyptens. Die Freude dabei ist, daß diese jungen Männer den Tausch annahmen und die goldenen Besitztümer Ägyptens fahren ließen, wie Mose später es that. Mögen unsre Erben und Nachfolger derselben Gesinnung sein, und möge der Herr von ihnen sagen: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen;“ und wiederum: „Da Israel jung war, hatte ich ihn lieb, und rief ihn, meinen Sohn, aus Ägypten.“ So ist es, wie der Glaube uns dahin führt, unsre Kinder zu segnen. Wir denken in dieser Sache ebenso wie Jakob. Wir wollten lieber unsre Kleinen begraben, als daß sie leben sollten, um unter die reichsten und berühmtesten Männer gezählt zu werden und doch ihres Vaters Gott nicht kennen, noch Ihm dienen; besser, daß wir sie still in solche Erde legen, wie unsre christlichen Brüder sie uns zu Gräbern für unsre ungetauften Kindlein verstatten; besser, daß sie sicher daheim zur Rechten Gottes geborgen sind, als daß sie aufwachsen, um sich in Ausschweifungen zu stürzen oder falscher Lehre zu folgen und ohne Christum zu verderben. Ja, ja, der fromme, alte Mann war zufrieden, daß seine Familie so arm sein sollte, wie er es in Kanaan gewesen, so lange sie nur einen Besitz in dem verheißenen Lande hatten.

Seht ihr also nicht, wie Jakob durch den Glauben die zwei Söhne Josephs segnete, ihre weltlichen Aussichten beiseite setzte und ihnen den Segen verlieh, der den Kindern der Verheißung gehört?

Wir sind noch nicht fertig, denn wir beachten, daß Jakob seinen Glauben dadurch zeigte, daß er Josephs Söhne in der Ordnung Gottes segnete. Er stellte Ephraim vor Manasse. Es war nicht nach der Regel der Natur, aber er fühlte sich dazu getrieben, und sein Glaube wollte nicht der göttlichen Führung widerstehen: blind, wie er war, wollte er der Vorschrift seines Sohnes nicht nachgeben, sondern kreuzte seine Hände, um der göttlichen Mahnung zu gehorchen. Der Glaube ist entschlossen, das Rechte auf die rechte Weise zu thun. Einiger Leute Glaube bringt sie dahin, das Rechte auf verkehrte Art zu thun, aber reifer Glaube folgt der Ordnung, die Gott vorschreibt. Wenn Gott Ephraim zuerst haben will, hadert der Glaube nicht mit seinem Ratschluß. Wir mögen wünschen, ein Lieblingskind mehr gesegnet zu sehen als ein andres, aber die Natur muß ihre Wahl aufgeben, denn der Herr muß thun, was Ihn gut deucht. Der Glaube zieht die Gnade dem Talent vor und die Frömmigkeit der Klugheit; er legt seine rechte Hand, wo Gott sie hinlegt, und nicht, wo Schönheit der Person oder Schärfe des Verstandes dazu veranlassen könnten. Unser bestes Kind ist das, welches Gott das beste nennt; der Glaube berichtigt die Vernunft und nimmt das göttliche Urteil an.

Bemerkt, daß er seinen Glauben durch deutliche Bezugnahme auf die Erlösung kundgab. Der allein, der Glauben hat, wird um die Erlösung seiner Kinder beten, besonders wenn sie keine Zeichen der Knechtschaft an den Tag legen, sondern hoffnungsvoll und liebenswürdig sind. Der Greis betete: „Der Engel, der mich erlöset hat von allem Übel, der segne die Knaben.“ Laßt euren Glauben auf eure Kinder einen Anteil an den Segnungen der Erlösung bringen, denn sie müssen erlöset werden, eben wie andre. Wenn sie in dem Blute Jesu gewaschen sind, wenn sie mit Gott durch das Blut seines Sohnes versöhnt sind, wenn sie Zugang zu Gott durch das Blut des Sühnopfers haben, dann könnt ihr zufrieden sterben; denn was gibt es, das ihnen schaden kann, wenn einmal der Engel, der euch erlöset hat, sie auch erlöset hat? Von Sünde, vom Satan, vom Tod, von der Hölle, vom Selbst — „von allem Übel“ macht unser Erlöser uns frei; und dies ist der größte aller Segenswünsche, den wir über unsre teuersten Kinder aussprechen können. Geliebte Hörer, so möchte ich für euch bitten — möge der erlösende Engel euch von allem Übel befreien.

Jakob zeigte seinen Glauben durch die Zuversicht, daß Gott mit seinem Samen sein würde. Wie ermutigend ist des alten Mannes Wort im Sterben, das sich nicht nur auf diese Knaben, sondern auf seine ganze Familie bezog. Er sprach: „Siehe, ich sterbe, und Gott wird mit euch sein.“ Das ist sehr viel anders als die Klagen mancher guten, alten Prediger, wenn sie sterben. Sie scheinen zu sagen: „Wenn ich sterbe, so wird das Licht Israels ausgelöscht sein. Ich werde sterben, und die Leute werden von der Wahrheit abweichen. Wenn ich dahin bin, so ist der Bannerträger gefallen und der Wächter auf der Mauer ist tot.“ Viele fürchten im Tode für den Wagen Israels und seine Reiter; und zuweilen reden wir, die wir in guter Gesundheit sind, so ziemlich in derselben Art, als wenn wir ungemein notwendig für den Fortschritt der Sache Gottes wären. Ich habe einige von unsren Gemeindegliedern in dieser Manier sprechen und sie fragen hören: „Was sollten wir thun, wenn Herr So und So stürbe! Wenn unser Pastor dahinschiede, was würde die Gemeinde thun?“ Ich will euch sagen, was ihr ohne uns thun werdet: ich will den Fall setzen, daß ich selbst im Begriff zu sterben wäre: „Nun sterbe ich, aber Gott wird mit euch sein.“ Wer auch hinübergeht, der Herr wird bei seinem Volke bleiben, und die Kirche wird sicher sein. Die große, alte Sache hängt nicht von einem oder zweien von uns ab. Gott verhüte! Die Wahrheit war mächtig im Lande, ehe der beste Mann, der lebt, geboren wurde, und wenn sein Leichenzug, langsam und traurig, ihn zu seiner letzten Ruhestätte bringt, wird die Wahrheit nicht mit ihm begraben werden, sondern wird in ihrer eignen, unsterblichen Jugend immer noch mächtig sein; ja, und neue Anwälte werden auftreten, voller von Leben und Kraft, als wir es sind, und größere Siege werden gewonnen werden. Wenn ihr jene alte Eiche umhaut, die nun mit ihrem Schatten einen so weiten Raum bedeckt, mögen ein Dutzend Bäume aufschießen, die sonst von dem Riesen überschattet und in ihrem Wachstum gehindert worden wären: die Hinwegnahme eines Mannes ist oft die Gelegenheit für das Aufsprießen vieler andrer, die gleiche Dienste thun. Es ist großartig, mit Jakob zu sprechen: „Nun sterbe ich, aber Gott wird mit euch sein.“ Solche Sprache ehrt Gott und verrät eine Seele, die voll Vertrauen ist und ganz von jenem Dünkel befreit, der sich wichtig, wo nicht notwendig, für die Sache Gottes wähnt. Mögen wir so sterben im Vertrauen aus den Herrn, und mögen wir mittlerweile so leben, indem wir uns auf die göttliche Kraft verlassen.

So viel über Jakobs Segenssprüche. Durch den Glauben segnete er die zwei Söhne Josephs.

II.

Uns wird ferner gesagt, daß der Greis „anbetete“ — anbetete durch den Glauben. Diese Handlung kann niemand recht vollziehen, außer durch den Glauben, „denn wer zu Gott kommen will, der muß glauben, daß Er sei, und denen, die Ihn suchen, ein Vergelter sein werde.“ Der Schwerpunkt ist hier, daß er in seiner Todesstunde anbetete, und anbetete, indem er seine zwei Enkel segnete. Sehr kurz laßt mich euch sagen, welche Anbetung er, wie ich denke, darbrachte.

Zuerst brachte er im Sterben die Anbetung der Dankbarkeit dar. Wie lieblich ist der Vorfall im zehnten und elften Vers beschrieben: „Denn die Augen Israels waren dunkel geworden vor Alter und konnten nicht wohl sehen. Und er brachte sie zu ihm. Er aber küßte und herzte sie. Und sprach zu Joseph: Siehe, ich habe dein Angesicht gesehen, das ich nicht gedacht hätte; und siehe, Gott hat mich auch deinen Samen sehen lassen.“ O ja, wir werden oft zu sagen haben: „O Herr, ich hatte nicht gedacht, daß Du so viel thun würdest, als dieses, aber Du bist weit über das hinaus gegangen, was ich je bat oder dachte.“ Ich hoffe, es wird unter unsren Sterbereden und Bekenntnissen sein, daß uns nicht die Hälfte gesagt worden ist, daß unser guter Herr den besten Wein bis zuletzt behalten hat, und daß das Ende des Festes auf Erden, das nur der Beginn des ewigen Festes im Himmel ist, die Krone von allem war. Laßt uns von unsrem Herrn erklären, daß wir Ihn besser und besser und besser und besser fanden, bis wir in seine Ruhe eingingen. Er ist zuerst besser gewesen als unsre Befürchtungen, dann besser als unsre Hoffnungen und zuletzt besser als unsre Wünsche. Einem so guten, so hochgelobten Gott dienen wir, daß Er durch seine Gnadenthaten immer unsre größten Erwartungen übertrifft. Was für Ursachen haben wir zur Anbetung des dankbaren Preises; laßt uns nicht träge sein, sie darzubringen. Jakob betete durch Worte der Dankbarkeit an.

Brachte er nicht auch die Anbetung des Zeugnisses dar, wenn er Gottes Güte gegen ihn sein ganzes Leben hindurch anerkannte? Er sagt: „Gott, der mich mein lebenlang ernähret hat,“ und gesteht so, daß er immer abhängig, aber immer versorgt gewesen ist. Er war ein Hirte gewesen, und er gebraucht hier ein Wort, welches bedeutet: „Der Gott, der mich gehütet hat — der mir ein Hirte war mein lebenlang.“ Es war ein Zeugnis für die Fürsorge und Freundlichkeit Jehovahs. Jakob murrt jetzt nicht und erklärt nicht, daß alles über ihn geht. Nun hadert und trauert er nicht mehr und thut keine raschen Aussprüche; nun macht er nicht einmal mehr einen Handel mit Gott, sondern ruft: „Der Gott, der mich mein lebenlang ernähret hat.“ Ja, und ich hoffe, auch wir werden unser Leben schließen mit dem Rühmen der Güte Gottes. Sei dies unser Zeugnis: „Er nährte mich mein lebenlang. Ich war manchmal in Verlegenheit und wußte nicht, woher der nächste Bissen Brot kommen sollte; aber wenn Er auch keinen Raben sandte und keine Witwe fand, um für mich zu sorgen, so hat Er mich auf die eine oder andre Weise doch mein ganzes Leben hindurch ernährt. Er ging seinen eignen weisen Weg, so daß ich niemals Mangel hatte, denn der Herr war mein Hirte mein lebenlang.“ So seht ihr, daß Jakob, als es mit ihm zum Sterben kam, durch das Zeugnis des Glaubens anbetete, und dies nimmt der Herr gern an.

Beachtet auch, wie ehrerbietig er den Bundesengel nennt mit der Anbetung ehrfurchtsvoller Liebe. Er spricht von dem „Engel, der mich erlöset hat von allem Übel.“ Er denkt an den Engel, der mit ihm rang und an den Engel, der ihm erschien, als er zu Bethel im Schlafe lag. Dies ist der Engel, nicht ein gewöhnlicher Engel, sondern der wahre Erzengel — Jesus Christus — der Gesendete des Bundes, in dem wir uns freuen. Er ist es, der uns von allem Übel befreit hat durch sein erlösendes Blut, denn kein andres Wesen hätte eine so vollständige Erlösung bewirken können. Erinnert ihr euch, als Er persönlich zu euch kam und mit euch rang und eure Selbstgerechtigkeit hinwegriß und euch an eurer Hüfte hinken machte? Dies war vielleicht eure erste Bekanntschaft mit Ihm. Ihr saht Ihn bei Nacht und hieltet Ihn zuerst eher für einen Feind als einen Freund. Erinnert ihr euch, als Er eure Kraft hinwegnahm und euch dann zuletzt errettete, weil ihr in der äußersten Schwäche, nahe daran, zu Boden zu fallen. Ihn ergrifft und sagtet: „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn,“ und so einen Segen von Ihm verlangtet? Ihr hattet vorher gedacht, daß ihr Kraft in euch selber hättet, aber jetzt lerntet ihr, daß ihr die Schwachheit selber wäret und daß ihr nur in dem Maß, wie ihr euch eurer Schwäche bewußt würdet, wirklich stark werden könntet. Ihr lerntet, von euch selbst hinweg aus Ihn zu blicken, und preist ihr Ihn nicht dafür, daß Er euch dieses gelehrt hat? Werdet ihr nicht, wenn ihr im Sterben liegt, Ihn preisen für das, was Er damals und euer ganzes Leben lang für euch that? O, meine Brüder, wir danken alles dem erlösenden Engel des Bundes. Die Übel, die Er von uns abgehalten hat, sind über allen Begriff entsetzlich, und die Segnungen, die Er uns gebracht, sind über alle Vorstellung reich. Wir müssen Ihn anbeten, und obgleich wir Ihn nicht sehen, müssen wir ihn im Leben und im Tode mit demütiger Liebe verehren.

Wenn ihr die ganze Beschreibung des Todes Jakobs leset, so werdet ihr ferner wahrnehmen, wie er mit ernster Sehnsucht anbetete, denn gerade, nachdem er einen Segen über den Stamm Dan ausgesprochen, scheint der alte Mann ganz erschöpft und nach Atem zu ringen, aber anstatt ohnmächtig zu werden, anstatt einen Schrei des Schmerzes und der Schwäche auszustoßen, ruft er feierlich aus: „Herr, ich warte auf Dein Heil!“ Es ist eine heilige Äußerung, in die Mitte einer Weissagung hineingeschoben — „Herr, ich warte aus Dein Heil;“ als wollte er sagen: „Ich sehne mich zu gehen. Mein Herz ist ganz bei Dir. Zögere nicht, o mein Gott. Stärke mich, noch diese eine Aufgabe zu erfüllen, die Zukunft meinen Söhnen zu verkünden und hilf mir, mein letztes Gebet für ihr Wohl darzubringen, und dann, Herr, laß Dein Heil kommen.“

So habt ihr ein Bild von dem Greise gehabt, der durch den Glauben segnete und durch den Glauben anbetete: der Glaube war die Hauptquelle dieser beiden Handlungen, ihr Wesen, ihre Seele und ihre Krone.

III.

Das letzte, wovon wir sprechen wollen, ist seine Stellung. Er „betete an und lehnte sich auf die Spitze seines Stabes.“ Die Romanisten haben schönen Unfug mit diesem Text getrieben, denn sie haben ihn gelesen: „Er betete die Spitze seines Stabes an,“ und ihre Vorstellung ist vermutlich die gewesen, daß ein hübscher, kleiner Gott auf der Spitze geschnitzt war — das Bild eines Heiligen oder ein Kreuz oder ein andres Symbol, und daß er dieses Sinnbild emporhielt und so die Spitze seines Stabes anbetete. Wir wissen, daß er nichts dergleichen that, denn es ist keine Spur in Abraham, Isaak oder Jakob von irgend etwas wie Bilderverehrung: obgleich die Verehrung der Teraphim in ihren Familien noch zurückgeblieben, war es nicht mit ihrer Einwilligung. Sie waren keine vollkommenen Menschen, aber sie waren vollkommen frei von Götzendienst und beteten nie ein Bild an. Nein, nein, nein; sie beteten Gott allein an. Er betete an auf der Spitze seines Stabes, — sich darauf lehnend, sich auf denselben stützend. Im ersten Buch Mose lesen wir, daß er „sich neigte auf das Haupt des Bettes.“ Es ist ein sehr sonderbares Ding, daß das Wort für Bett und das Wort für Stab im Hebräischen sich so außerordentlich gleich sind, daß, wenn nicht die kleinen Punkte gebraucht worden sind, die vermutlich in alten Zeiten nie gebraucht wurden, es schwer sein wird, zu sagen, ob das Wort „Bett“ oder „Stab“ ist. Ich denke indes, daß weder Mose noch Paulus unrecht haben kann. Jakob machte sich stark und saß auf seinem Bette und lehnte sich auch auf seinen Stab. Es ist sehr leicht, sich eine Stellung zu vergegenwärtigen, in der beide Beschreibungen gleichmäßig wahr sein würden. Er konnte auf seinem Bette sitzen und sich zugleich auf die Spitze seines Stabes lehnen.

Aber weshalb lehnte er sich auf seinen Stab? Warum that er dies? Ich denke, außer dem natürlichen Bedürfnis einer Stütze, das er seines Alters wegen hatte, that er es sinnbildlich. Erinnert ihr euch nicht, daß er sagte: „Mit meinem Stabe ging ich über den Jordan?“ Ich glaube, er behielt diesen Stab sein lebenlang als Andenken. Es war sein Lieblingsstab, den er mit sich aus seine erste Reise nahm, und er lehnte sich darauf, als er sich zur letzten allschickte. „Mit meinem Stab ging ich über den Jordan,“ hatte er früher gesagt, und nun geht er mit diesem Stab in der Hand über den geistlichen Jordan. Dieser Stab war sein Lebensgefährte, sein Zeuge von der Güte Gottes, wie einige von uns eine alte Bibel oder ein Messer oder einen Stuhl haben mögen, die mit denkwürdigen Ereignissen in unsrem Leben verknüpft sind.

Aber was zeigte dieser Stab an? Laßt uns hören, was Jakob zu einer andren Zeit sagte. Als er vor Pharao stand, rief er aus: „Die Zeit meiner Wallfahrt ist hundert und dreißig Jahre.“ Weshalb brauchte er das Wort „Wallfahrt“? Nun, weil in seinem Geiste immer die Vorstellung war, daß er ein Pilger sei. Er war dies buchstäblich gewesen während der früheren Zeit seines Lebens und war hier- und dorthin gewandert; und jetzt, obwohl er nun siebzehn Jahre in Gosen gewesen ist, behält er den alten Stab und lehnt sich darauf, um zu zeigen, daß er immer ein Pilgrim und ein Fremdling wie seine Väter gewesen und daß er noch stets so ist. Während er sich auf diesen Stab lehnt, spricht er mit Joseph und sagt: „Laßt nicht meine Gebeine hier liegen. Ich bin nach Gottes Leitung hierher gekommen, aber ich gehöre nicht hierher. Dieser Stab zeigt an, daß ich nur ein Fremdling bin und mich sehne, zu gehen. Ich bin in Ägypten, aber nicht von Ägypten. Nimm meine Gebeine hinweg. Laß sie nicht hier liegen, denn sonst werden meine Söhne und Töchter sich mit den Ägyptern vermischen, und das darf nicht sein, denn wir sind ein abgesondertes Volk. Gott hat uns für sich selbst gewählt und wir müssen uns getrennt erhalten. Um meine Kinder dies sehen zu lassen, sterbe ich mit meinem Pilgerstab in der Hand.“ „Gib mir meinen Stab,“ scheint der alte Mann zu sagen, „ich will mit ihm in der Hand sterben. Ich protestiere dagegen, daß ich hier ansässig sei, ich weile nur eine Zeitlang. Ich will mich darauf stützen und zum letztenmal Gott anbeten in der Stellung eines, der sich sehnt, auf- und davonzugehen.“ Nun, christlicher Bruder, ich möchte, du lebtest in demselben Geiste und fühltest, daß hier nicht deine Ruhe und nicht dein Heimatland ist. Hier ist nichts, das deiner würdig ist. Deine Heimat ist drüben, jenseit der Wüste, wo Gott dir dein Teil zugemessen hat. Christus ist hingegangen, dir die Stätte zu bereiten, und es würde dir schlecht anstehen, kein Verlangen dahin zu haben. Je länger du lebst, desto stärker laß den Gedanken in dir werden: „Gib mir meinen Stab. Ich muß davon. Arme Welt, du bist keine Ruhestätte für mich; ich bin keins von deinen Kindern, ich bin ein Pilger und ein Fremdling. Mein Bürgerrecht ist im Himmel. Ich nehme mein Teil an Ägyptens Politik und Ägyptens Arbeit, ja, und an Ägyptens Leiden, aber ich bin kein Ägypter, ich bin ein Fremder, der nach einem andren Lande pilgert.“ Bete an auf der Spitze deines Stabes und singe:

„Es wird nicht lang' mehr währen,
Halt' noch ein wenig aus;
Es wird nicht lang' mehr währen,
So kommen wir nach Haus.“

Sonderbar genug ist es, daß jeder Nachkomme Jakobs zuletzt dahin kam, aus der Spitze seines Stabes anzubeten, denn in der Nacht des Passah, als das Blut auf die Schwelle und die Pfosten gesprengt war, aß jeder von ihnen das Lamm und hatte dabei seine Lenden gegürtet und einen Stab in der Hand. Das Mahl war ein Fest der Anbetung, und sie aßen es, sich auf ihren Stab lehnend als solche, die eiligst ihr Haus verlassen wollten, um eine Pilgerschaft durch die Wüste anzutreten.

Brüder und Schwestern, laßt uns Jakob in dein Glauben seiner Todesstunde nachahmen. Möge der Heilige Geist in der Kraft unsres Herrn Jesu euch fähig machen, durch den Glauben zu leben. Lebt, um andre zu segnen, besonders eure eignen Nachkommen; lebt, um Gott allezeit zu dienen; und lebt mit eurer Hand auf eurem Stabe, immer sagend: „Dies ist nicht unsre Ruhestätte, denn sie ist befleckt.“

Meine lieben Hörer, dieser Rat ist nicht für euch alle, denn nicht jeder von euch ist ein Jakob, ihr gehört nicht alle zu dem gläubigen Samen. Ich kann euch nicht heißen, euren Stab nehmen, denn wenn ihr euren Stab nähmet und hinweg ginget, wohin würdet ihr gehen? Ihr habt kein Teil in der künftigen Welt, kein verheißenes Land, kein Kanaan, in dem Milch und Honig fließt. Wohin wollt ihr gehen? Ihr müßt verbannet werden von dem Angesichte des Herrn und von der Herrlichkeit seiner Macht. Wehe euch! Ihr könnt nicht anbeten, denn ihr kennt Gott nicht; ihr könnt nicht andre segnen, denn ihr seid selber nicht gesegnet worden. Möge der Herr euch zu seinem lieben Sohne Jesu Christo bringen, und euch dahin leiten, Ihm zu vertrauen, und dann werde ich hoffen, daß ihr, wenn ihr errettet seid, durch den Glauben Jakob nachahmen werdet, die Menschen segnen, Gott anbeten, und mit eurem Stab in der Hand warten, bereit, in die ewige Ruhe einzugehen. Der Herr sei mit euch, um Christi willen. Amen.

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