Spurgeon, Charles Haddon - Eine heilige Feier

„Darum wird diese Nacht dem Herrn gehalten.“
2 Mose 12, 42

Ihr werdet es ganz von selbst verstehen, daß unser Text sich auf das Passahfest bezieht. Dies ist seine erste Bedeutung. Den Israeliten wurde eingeschärft, niemals zu vergessen, daß sie einst Sklaven in Ägypten waren, und daß Gott sie mit starker Hand herausführte. Um ihrem Gedächtnis zu Hilfe zu kommen, wurde eine Feier verordnet, die jedes Jahr von jedem im Volke gehalten werden sollte, und die jungen Kinder sollte die Bedeutung dieser Feier gelehrt werden, damit es nie, bis in die spätesten Zeiten vergessen werden könnte, daß Gott sein Volk verschont hatte, als Er seine Feinde in Ägypten schlug. Bis auf diesen Tag feiern die Israeliten dieses Ereignis in der Geschichte ihres Volkes als eine der liebsten Überlieferungen; und obwohl die Zeremonien, mit denen sie das Passah halten, so verzerrt sind, daß wir wohl sagen mögen, sie können des Herrn Lied nicht in einem fremden Lande singen, so wird doch das Passah immer noch in Israel gefeiert; und solange es einen Juden gibt, wird es nicht an einem Manne fehlen, der erzählt, wie seine Väter in jener Nacht, die gefeiert wird, aus Ägypten kamen.

Aber, liebe Freunde, das Passah war ein Vorbild des Leidens unseres Herrn. Er ist das Passahlamm Gottes. Es ist sein Blut, durch das wir bewahrt werden; kraft seines Opfers verschont Gott uns, die durch den Glauben die Besprengung mit jenem Blute empfangen haben. Niemals laßt uns jene denkwürdige Nacht vergessen, - jene Nacht, da unser Herr „aus der Angst und dem Gericht genommen wurde,“ da „niemand da war, seine Abkunft zu verkünden“ (Jes. 53, 8) - da Er um der Übertretungen willen seines Volkes geschlagen wurde. Es war eine finstere Nacht, als Er von dem Tische aufstand, wo Er zum letzten Mal mit seinen Jüngern zu Abend gegessen, und nach Gethsemane ging, um da sein Leiden zu beginnen und schon beim Beginn desselben betrübt bis an den Tod zu sein; und um dann zu Pilatus und zu Herodes und zu Kaiphas geführt und zum Tode verurteilt zu werden; hoch am Kreuz empor gehoben zu bluten, leibliche Qual und geistige Angst und geistlichen Schmerz zu erdulden, unbekannte Leiden, die wir niemals ermessen können. Es war eine Nacht, die in Erinnerung bleiben sollte, durch alle Generationen hindurch. Laßt sie niemals vergessen werden. Was immer wir auch nicht kennen, meine Brüder, laßt uns das Kreuz kennen; was für ein Gegenstand auch den zweiten Platz in unsrer Schätzung hat, laßt stets das Lösegeld, das auf Golgatha bezahlt wurde, zuerst und voran stehen. Ich möchte, daß ihr viel in den vier Berichten der Evangelisten forschtet. Verweilt dabei. Christen sollten mit jedem kleinen Vorfall bei dem Tode ihres Heilandes gut bekannt sein: es ist Lehre in jedem Nagel; der Schwamm, der Essig und der Ysop, jeder hat seine Bedeutung, und der Speer, der seine Seite durchbohrte, ist voll Unterweisung. Wir sollten über diese nachsinnen - wieder und immer wieder nachsinnen. Hier ist der wahre Kern unsrer Zuversicht; dies ist der Pfeiler, auf dem unsre Seelen ruhen. Wenn irgend welche Hoffnung für die Sünder vorhanden ist, wenn irgend welcher Trost für Leidende da ist, wenn irgend eine Reinigung für die Schuldigen zu erlangen ist; wenn irgend ein Leben für die Toten ist, - so ist es hier und nur hier. O, verweilt also beim Kreuze. Was immer euer Herz vergessen mag zu betrachten, laßt es nie die Erinnerung hieran verlieren, nie das Nachdenken über den gekreuzigten Christus unterlassen. Bleibt dabei. Erinnert euch, daß um unsrem schwachen Gedächtnis zu helfen, Gott uns eine Anordnung gegeben. Eben wie Er den Juden das Passah gab, hat Er uns des Herrn Abendmahl gegeben. „Solches tut, so oft ihr es trinkt, zu meinem Gedächtnis.“

Es ist über alles wichtig, daß ihr an einen blutenden Heiland denkt. Deshalb gibt Er euch den Weinkelch, um sein Blut zu versinnbildlichen, und dieses Blut von dem Fleische getrennt; und deshalb gibt Er euch das Brot als Sinnbild des Fleisches ohne das Lebensblut darin; - damit die zwei zusammen euch die Zeichen eines gewaltsamen Todes seien, den euer Herr für euch gelitten hat. Lehrreich sind die Sinnbilder: verliert nicht die Hauptabsicht derselben aus den Augen, nämlich euch mit „Seilen der Liebe und Banden eines Menschen“ zu der Person eures stellvertretenden Opfers zu ziehen - zu Jesu Christo, der für euch blutet.

Und während ihr dies viel in euren eignen Gedanken bewegt, sprecht oft davon zu andern. Laßt euer Zeugnis völlig und häufig sein. Wenn ihr Prediger seid, so predigt viel über das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Wenn ihr Lehrer in der Sonntagsschule oder sonstwo seid, so laßt dies die Hauptsache und das erste in eurer Lehre sein - Christus an des Sünders Stelle; Christus trägt des Sünders Sünde; Christus wird mit des Sünders Streichen geschlagen; und heilt durch seine Wunden Sünder und nimmt ihre Sünden hinweg. Verweilt hierbei wieder und immer wieder. Macht es allen deutlich, so daß, wenn sie es verwerfen, sie das verwerfen, was ihnen klar vor Augen gestellt war. Enthüllt das Geheimnis, das heilige Geheimnis von dem menschgewordenen Gott, der an des Sünders Stelle blutet. Ja, sollten Menschen euch als töricht tadeln, weil ihr nichts andres zu lehren habt, als dies, fahrt damit fort und seid immer noch töricht. Laßt sie sagen, daß ihr weiter nichts habt als eine eintönige Wiederholung der Lehre von dem Blute; laßt dieses Eintönige wiederum in ihre Ohren klingen. Auf dies, auf dies, auf dies richtet eure ganze Kraft: auf dies wendet eure ganze Aufmerksamkeit; denn gewiß, die Nacht der Leiden - oder nennt es Tag, wenn ihr wollt, obwohl es, wenn auch Tag der gewöhnlichen Naturordnung gemäß, doch in vielfachem Sinne mehr Nacht war - ist eine Nacht, die dem Herrn gehalten werden soll, darum „daß Er sie aus Ägypten geführt hat; und die Kinder Israel sollen sie dem Herrn halten, sie und ihre Nachkommen.“

Dies ist indes nicht gerade der Gegenstand, auf den wir heute abend eure Aufmerksamkeit lenken wollen. Es ist die Nacht unsrer Wiedergeburt; es ist die Nacht unsrer Bekehrung, - Nacht oder Tag, es macht nichts aus, was es ist - die Zeit, da wir tatsächlich das Heil empfingen und zu Teilnehmern an diesem Passah gemacht wurden, deren Andenken wir euch jetzt zurückrufen möchten. Zu jener Zeit fanden auch für uns wichtige Ereignisse statt. Die wichtigsten Ereignisse in unsrer Geschichte, die je geschahen, geschahen damals. Es war ein Punkt da, in unserm Leben, bis zu dem hin wir tot waren: dann wurden wir lebendig gemacht. Es war ein Punkt da, bis zu dem hin wir verdammt waren; dann wurden wir in einem Augenblick freigesprochen. Es gab einen Augenblick, bis zu dem hin wir Feinde Gottes waren durch böse Werke, und auf einmal waren wir durch eine Tat der Gnade Gottes versöhnt und zu Kindern Gottes gemacht und waren nicht länger Gottes Feinde! Ich möchte darauf zurückblicken. Unsre erste Geburt wäre ein Schade für uns gewesen ohne diese zweite Geburt. Unser Dasein in dieser Welt wäre ein Unglück gewesen; es wäre besser für uns gewesen, wenn wir nie gewesen wären, wenn diese zweite Schöpfung nicht stattgehabt hätte, die uns unser Wohlsein gibt. O, es war eine Nacht, die dem Herrn gehalten werden soll, in der wir aus Ägypten heraus kamen, vom Tode zum Leben übergingen und errettet wurden!

Wohlan, was für Ereignisse fanden bei dieser Gelegenheit statt? Nun, das erste war, es gefiel Gott, uns das Blut Jesu zu zeigen und es auf unsre Seelen zu sprengen. Erinnert ihr euch dessen? Ich erinnere mich wohl, als es an mein Herz kam. Ihr hattet die Lehre von dem Kreuz vorher gehört, aber damals fühltet ihr sie. Ihr wußtet, daß das Blut erretten konnte, aber in jenem Augenblick hattet ihr Glauben an das Blut, und es errettete euch. Es wurde auf euch gesprengt mit dem Ysop des Glaubens, der die Überschwelle und die zwei Türpfosten eures Hauses damit berührte, und ihr wurdet errettet. Erinnerst du dich an den Ort - den Fleck Erde? Einige von uns tun es und können ihn nie vergessen. O, glücklicher Tag, der uns zu des Heilandes Füßen brachte, all unsre Schuld hinwegnahm, und all unsre Furcht verbannte; die Feindschaft abtat und uns zu Freunden machte; uns niederschlug, besiegte und unterwarf; und dann uns aufrichtete, tröstete und segnete! Kein Mensch hat etwas in den Vorfällen oder den Ereignissen seines Lebens, das sich an Wichtigkeit mit jenem Augenblick vergleichen läßt, in welchem das Blut auf sein schuldiges Gewissen gesprengt wurde. „Wohl,“ sagt einer „,ich halte nicht viel davon.“ Nein, weil du es nie fühlst; aber wenn du es je gefühlt hättest, so würdest du viel davon halten. Wer je das Gewicht der großen Peitsche des Gesetzes auf seinem Gewissen gefühlt hat - und jene Hiebe empfunden, bis er sein Leben haßte und zu sterben wünschte - der wird wissen, was es ist, wenn diese Peitsche hinweggenommen und Öl und Wein in jene Wunden gegossen wird, daß sie in einem Augenblick heilen, und er vor Freuden hüpfen möchte wegen der wunderbaren Dinge, die Gott für ihn getan hat! Die, welche das nicht wissen, sollten nichts darüber sagen; es ist etwas Fremdes für sie. Ich kenne einige, die beständig geneigt sind, geringschätzig von Bekehrung zu sprechen. Warum sollten sie das? Wenn sie nichts davon wissen, so laßt sie ihren Mund halten, bis sie es tun. Aber die, welche bekehrt sind, - die, welche wiedergeboren sind und es wissen - wenn sie ehrliche Leute sind, und ich glaube, sie werden in andern Sachen für solche gehalten, laßt sie hier auch Glauben finden, wenn sie erklären, daß nichts unter der Sonne diesem an Freude für die Seele des Menschen gleichkommt. Das Berühren mit dem Blute der Besprengung ist das, dessen man vor allen andern Dingen gedenken muß. Was immer sonst noch in jener Nacht geschah, laßt uns daran gedenken, daß der alte Sauerteig aus unserm Herzen gefegt wurde. Sogleich, nachdem wir an Jesum glaubten, fanden wir, daß wir die Dinge haßten, die wir vorher geliebt hatten. Wir hörten nicht das Gesetz, das sagte: „Du sollst dieses tun und du sollst jenes tun;“ aber wir fühlten unser Herz verwandelt, so daß wir nicht das Böse tun wollten, und uns sehnten, das Rechte zu tun. Und nun, obwohl wir seitdem ein andres Gesetz in unsern Gliedern gefunden haben, das da widerstreitet dem Gesetz in unserm Gemüt und einen häufigen Kampf verursacht - dennoch sehnt sich der wahre Mensch, das Ich, das wirkliche Ich, nach Heiligkeit; und es ist keine Anstrengung jetzt, gehorsam zu sein. Es ist Seligkeit, zu gehorchen. Ja, jetzt, es ist keine Freude, sündig zu sein, sondern es bringt einen Dorn in die Augen, ein Klopfen ins Herz und ein Zittern in die Seele, wenn wir die Hände beflecken oder das Gewissen durch Sünde verunreinigen. Das ist eine Sache, deren man gedenken muß. Wo das geschehen ist, kann es nie vergessen werden. Und, Gott sei Dank, das ist nicht nur denen geschehen, die vorher schon liebenswürdig und rechtlich waren, sondern es ist einigen der schlechtesten unter den Menschen geschehen. O, wir könnten heute abend Geschichten erzählen, die uns selber vor Augen gekommen sind von einigen der verworfensten Übeltäter, welche Menschen von reinem Charakter geworden, voll „Lieblichkeit und Licht,“ von dem Augenblick ihrer Bekehrung an. Je mehr sie früher gewohnt waren, an Sünden Freude zu finden, desto mehr demütigten sie sich später vor Gott; und je mehr sie sich dem Bösen hingegeben hatten, desto mehr haben sie sich den Werken der Gerechtigkeit gewidmet, und gesucht in der Furcht des Herrn vollkommene Heiligkeit zu erlangen. O Geliebte, es ist eine Nacht, die dem Herrn gehalten werden muß, in welcher der Sauerteig hinweggetan wird und wir das Fest in gottesfürchtiger Aufrichtigkeit halten. In jener Nacht oder an jenem Tage, welches von beiden es auch war, erfreuten wir uns unseres Heilandes und gedenken daran. Das Blut war gesprengt, und so waren wir errettet; und dann saßen wir um den Tisch her und begannen sogleich von den köstlichen Dingen zu essen, die in der Person Christi für uns aufbehalten sind. Ich erinnere mich an etwas, das mich beunruhigte, nämlich, daß es zu gut schiene, um wahr zu sein. Daß ich auf immer von all meinen Sünden freigesprochen sei, glaubte ich, denn Gott hatte es gesagt. „Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.“

Aber dies pflegte mir Bedenken zu machen: „Bin ich wirklich jetzt ein Kind Gottes, so sehr, wie ich ein Kind meines eignen Vaters bin? Und hat Er einen so unbedeutenden Wurm wie ich es bin, lieb gehabt; und wird Er mich sicherlich in die verheißene Ruhe bringen und mir einen Platz und einen Namen unter seinen Kindern zu seiner Rechten geben?“ O, wie mich solche Gedanken entzückten, als der Glaube stark war, als ich zuerst den Herrn kannte! Gedenkt ihr daran, liebe Brüder? Ich möchte, ihr ließet eure Seelen zurückfliegen zu jenem frühen Morgen mit Christo, da der Tau auf eurer Seele lag, da die Vögel in eurem Herzen zu singen begannen und euer Ohr noch nicht stumpf dafür geworden war. O, die Köstlichkeit dieser ersten Tage mit Christo! O, die Süßigkeit unsrer bräutlichen Liebe! Erinnert ihr euch nicht, wie ihr die Liebe Christi völlig genosset und euch in Ihm freutet? Wohl, blickt zurück, und sagt, es ist eine Zeit, die vor dem Herrn gehalten werden soll.

Und dann war es das erste Mal in eurem Leben, liebe Freunde, daß ihr euch frei fühltet. Israel in Ägypten war frei von dieser Nacht an. Sie waren Sklaven und Ziegelbrenner, aber in dem Augenblick, wo das Blut über der Tür war und Gott seinen Engel ausgesandt hatte, die Ägypter zu schlagen, waren die Israeliten frei. Sie wurden sogar gedrängt, wegzugehen. O, erinnert ihr euch, wie frei ihr euch fühltet? Ihr konntet singen:

„Nein, zu der Hölle Flammen
Kann Welt und Sünde nicht,
Kann niemand mich verdammen.
Er geht nicht ins Gericht!“

Ihr gedenkt daran, wie ihr euch der Freiheit freutet, womit Christus euch frei gemacht hatte. Ihr wünschtet, andern davon zu erzählen. Ihr konntet nicht schweigen. Ihr hättet singen können:

„Ich habe nun den Grund gefunden,
Der meinen Anker ewig hält.“

Du warst frei; aber indem du dich frei fandest, entdecktest du auch zum erstenmal, daß du ein Pilger seist; denn die Israeliten sollten, wenn sie das Passahlamm aßen, ihre Lenden umgürtet und Stäbe in den Händen haben, wie Menschen, die im Begriff waren, das Land zu verlassen. Du fandest jetzt, daß du ein Fremdling warst. Wenn du unbekehrte Eltern hattest, so konntest du nicht zu ihnen über deine Seele sprechen. Wenn du alte Gefährten hattest, so mußtest du ihnen Lebewohl sagen, denn sie verstanden dich nicht; wenn du vorher nicht wußtest, daß du ein Pilger seist, so fandest du es an dem Tage heraus, als du mit ihnen zu reden begannst. Deine Sprache verriet dich, und sie begannen dich sofort zu verhöhnen und zu verspotten als einen Pietisten oder Methodisten, oder welchen andern Namen sie dir gaben; so fandest du bald heraus, daß die Welt dich haßte, weil du nicht von der Welt warst. Vielleicht überraschte es dich, aber du faßtest Mut und nahmst Christi Kreuz auf dich und hast es bis jetzt getragen; endlich fängst du an, es zu lieben, es für eine Ehre zu halten und für größeren Reichtum zu achten als alle Schätze Ägyptens, die du hinter dir gelassen hast. O, es war eine Zeit, deren gedacht werden sollte, und ich möchte, daß ihr ihrer jetzt gedächtet - jener seligen Tage, als wir zu leben begannen! Ich denke, wir könnten unser Dasein von jener Zeit an datieren. Wenn wir unsre Geburtstage aufzählen, sollten wir diesen stets mit darunter rechnen. Diesen auslassen, heißt den auslassen, der alle andern des Habens wert macht. Ich erinnere mich des Grabsteines eines Mannes, auf dem stand: „Hier liegt einer, der im Alter von achtzig Jahren als ein drei Jahre altes Kind starb.“ Du bist nur so alt, wie die Zahl der Jahre ist, die du für Gott gelebt hast. Alle übrigen magst du ausgelöscht wünschen - ja, und das Blut Christi hat sie ausgelöscht, und du bist lebendig gemacht von den Toten, eine neugeborene Seele. O, laßt die Zeit eurer zweiten Geburt eine Zeit sein, der vor dem Herrn gedacht wird.

Wichtige Ergebnisse werden aus der Bewahrung dieses Andenkens folgen. Es wird euch demütigen und euch veranlassen, die Gnade der Demut zu pflegen. Bist du ein alter, erfahrener Christ geworden, mein Bruder? Gehe zurück zu des Brunnens Gruft, daraus du gegraben bist. Während ich hier heute abend stehe und zu so vielen von euch predige, fühle ich mich zu der mir gebührenden Stellung zurückgebracht, wenn ich denke, wie ich im Alter von ungefähr fünfzehn Jahren, ein armer, zitternder Sünder, unter der Galerie eines Versammlungshauses der primitiven Methodisten saß und Christum predigen hörte und zu Ihm kam. O, daß ich je dahin gekommen bin, euch das Evangelium zu predigen! Ich fühle mich gedemütigt bei dem bloßen Gedanken daran. Geht zurück, ihr großen Bekenner Christi - geht wieder zu dem Kreuz zurück! Es ist im Grunde nichts an euch, dessen ihr euch rühmen könnt. Schaut des Brunnens Gruft an, daraus ihr gegraben seid: denkt daran, was ihr wart, als Gott euch begegnete, und erinnert euch, was ihr gewesen wäret, wenn Er euch nicht begegnet wäre. Israel hätte sterben müssen, wie die Ägypter, wäre das Blut nicht gewesen; und ihr hättet zu dieser Stunde tot und verdammt sein können, anstatt hier zu sitzen und Gott zu loben, wenn nicht die besondere Gnade gewesen wäre. Es war euer eignes Gut, das euch zu Kindern Gottes machte. Ihr wißt es; denn als der Herr ein Auge der Liebe auf euch warf, konnte Er nichts Liebenswertes in euch sehen. Ihr wart ganz unheilig und unrein; ihr wart so, wie Jesaja es beschreibt: „Von der Fußsohle an bis aufs Haupt war nichts Gesundes an euch'. sondern Wunden und Striemen und Eiterbeulen;“ und dennoch blickte Er euch an. Gedenkt daran und fühlt euch gedemütigt. Denkt auch an eure Bekehrung, und laßt euren Glauben erquickt werden. Es tut uns gut, dessen zu gedenken - besonders einigen von euch, meine lieben Brüder und Schwestern, die jetzt schon lange auf dem Wege sind - es tut euch gut, daran zu denken, was für friedevolle Stunden ihr zuerst hattet. O, was für eine lebhafte Freude hattet ihr da! Nun, ich darf wohl sagen, ihr habt jetzt reinere Freude, tieferen Frieden, ungestörtere Ruhe. Es war viel rasches Aufflackern damals; aber doch trotz alledem, wie ein Mann niemals die Flitterwochen vergessen wird, so können wir nie jenen Honigmonat mit Christo vergessen: es war eine gewisse, köstliche Süßigkeit darin, davon noch etwas in unsrer Seele zurückgeblieben ist. Wir haben den Geschmack jener Honigscheibe in unserm Munde bis zu diesem Augenblick und werden ihn nie verlieren. Nun, es wird unsern Glauben wieder beleben, hieran zu gedenken, und es wird auch unsre Liebe zurückbringen. Wir werden beginnen, uns zu schelten und zu sagen: „Warum haben wir nicht mehr für seinen teuren Namen getan?“ O, was dachten wir zu tun, als wir zuerst anfingen, Jesu zu dienen? Wir sind jenen Gelübden und Versprechungen nicht treu gewesen; aber wie gut, daß Er treu gewesen ist, wenn wir es nicht waren! Er hat uns nie versäumt, sondern jede Verheißung gehalten und uns in keiner Not verlassen. Wir sind bis jetzt aufrecht erhalten, und wer anders, als unser Herr, hätte uns aufrecht halten können? Wir sind zuweilen in einer sehr gefährlichen Lage gewesen; die Versuchung hat uns beinahe überwunden, aber wir kennen den Arm, auf den wir uns stützen, den Namen, auf den wir vertrauen, und wir wollen diesen Namen loben. Ich bin gewiß, lebten wir in der Erinnerung an unsre Bekehrung, so würde unser Eifer für die Bekehrung andrer entflammt werden.

Ah! ihr kommt ganz von eurem ersten Standpunkte hinweg - einige von euch. Damals pflegtet ihr willig zu sein, allenthalben hinzugehen, um von Jesu zu reden, und wenn ihr nur eine halbe Hoffnung hattet, einen Einfluß auf jemanden haben zu können, so fürchtetet ihr euch nicht mit Ihm zu sprechen. Nun seid ihr vielleicht so wohlbekannt mit dem Evangelium, daß es, obgleich es mehr Reiz für euch haben sollte, doch um eurer Härte des Herzens willen jetzt weniger Reiz hat, als früher. O, schämt euch und seid bestürzt darüber und kehrt zurück, kehrt zurück zu der ersten Liebe, so werdet ihr es erfahren, wie der erste Eifer wiederkehrt! Mich wundert es manchmal, was alte Gemeinden tun würden, wenn sie nicht die Neubekehrten hätten. Die Neubekehrten bringen frisches Blut in die Adern der Gemeinde. Die Gemeinde würde vor lauterem Unvermögen und Schwäche sterben, wenn nicht große Sünder mit ihrer großen Liebe hineinkämen; und diese tun, was Simon nicht tun wollte: sie waschen nicht nur des Heilands Füße und verrichten die gewöhnlichen Taten der Frömmigkeit, sondern sie beginnen sein Haupt mit einem außergewöhnlichen Eifer zu salben, und geben der Gemeinde ein Beispiel im Vollbringen großer Dinge, und halten uns auf diese Weise etwas lebendig. Aber ich möchte gern immer ein junger Neubekehrter sein. Ich möchte im Alter noch grün von junger Liebe zu Christo sein; und möchtet ihr das nicht auch, Brüder und Schwestern? Wohl, wenn ihr es wünscht, geht zurück zu der Nacht, die dem Herrn gehalten werden soll, und erinnert euch diesen Abend mit Tränen der Dankbarkeit daran. Können nicht einige von euch sich jenen Mann vor Augen stellen (ihr habt Söhne jetzt von demselben Alter, in dem ihr damals wart) - könnt ihr euch des jungen Mannes erinnern, der zufällig nach Park Street, geriet und dort das Wort Gottes hörte? Denkst du nicht an deine Erfahrung von damals, junge Frau? Du nennst dich jetzt nicht mehr eine junge Frau - aber denkst du daran, wie du saßest und weintest und dein Herz brach, und dann geschah das, wovon wir in unserm Gesang gesungen haben - jener erste Blick und jener zweite von Ihm, der am Kreuze hing? Ihr habt das nicht vergessen. Viele Tage sind über eurer einige dahingegangen, und ihr kommt nun dem Ende des Lebens näher; aber wollt ihr nicht daran denken und ein neues Lied für alte Gnadenerweisungen erheben und den Gott preisen, den ihr nun zwanzig Jahre lang versucht und erprobt habt, und so erprobt, daß ihr gut von seinem Namen sprechen könnt?

Es mag sein, daß es eine Frage gibt, die ganz natürlich in einiger Leute Gemütern aufsteigen wird. Höre ich nicht jemand sagen: „Ich hoffe, ich bin ein Christ; ich glaube, es ist eine große Veränderung des Herzens mit mir vorgegangen; aber ich erinnere mich nicht der Zeit?“ Lieber Freund, es ist ein alter Rechtsgrundsatz, daß „der Besitz neun Zehntel des Rechtes ist;“ und so lange als du Christum bekommen hast, werde ich nicht viele Fragen aufwerfen darüber, wann du Ihn bekommen hast. Gewiß, wenn der Besitz, in dem du bist, in neun Punkten dem Gesetze entspricht, so ist er gleich allen Punkten des Evangeliums. Wenn du Christum bekommen hast, so wird Er nie von dir weggenommen werden. Wenn du auf sein Blut und seine Gerechtigkeit vertraust, so ist es gut genug; und wenn du die Früchte des Geistes hervorbringst und dein Leben das ist, was es sein sollte, so wirst du an deinen Früchten erkannt werden. Wir werden dir keine Fragen mehr stellen. „Aber ich möchte gern genau wissen, wann ich bekehrt wurde,“ sagt einer. Nun, ich wundere mich nicht, daß du es wünschest; aber gesetzt, du weißt es nicht und kannst dich dessen nicht vergewissern, was dann? Gesetzt, hier wäre jemand, der nicht genau sein Alter wüßte und sein Geburtsregister zu finden wünscht, aber es vergeblich versucht hat. Nun, welchen Schluß zieht er daraus, daß er seinen Geburtstag nicht nennen kann? Ich weiß nicht, welcher Schluß es ist, aber ich will euch einen Schluß sagen, den er nicht zieht. Er sagt deshalb nicht: „Ich bin nicht lebendig.“ Täte er es, so wäre er ein Blödsinniger, denn wenn der Mann lebendig ist, so ist er lebendig; ob er seinen Geburtstag weiß oder nicht. Und wenn der Mann wirklich auf Jesum vertraut und lebendig gemacht ist von den Toten, so ist er eine errettete Seele, ob er genau weiß, wo und wann er errettet wurde oder nicht. Aber laßt mich auch nicht mißverstanden werden. „Ihr müsset von neuem geboren werden.“ Für jeden Menschen, der in den Himmel kommen will, ist und muß eine Zeit sein - ein Punkt und auch ein Platz - in dem er aus dem Reich Satans in das Reich des Sohnes Gottes überging. Ich glaube, daß es in vielen Fällen nicht leicht ist, den genauen Punkt zu sagen, denn es ist damit wie mit dem Aufgang der Sonne. Zuweilen ist sie aufgegangen, ehe ihr wißt, ob sie es ist oder nicht, weil eine lange Morgendämmerung ihrem wirklichen Erscheinen über dem Horizont voranging. So mag es sein, daß das geistliche Leben allmählich beginnt, ehe wir es so recht wahrnehmen; aber es ist eine Zeit da, wo es beginnt: es ist ein Punkt da - es ist ein Platz da - wo die Nicht-Erretteten errettet werden und die Nicht-Wiedergeborenen wiedergeboren; und es ist eine breite Linie zwischen den beiden Charakteren. Eine große Kluft ist in der Tat zwischen beiden befestigt, und nur die übernatürliche Gnade Gottes kann jemanden in den Stand setzen, hinüberzukommen. Zweifelt nicht daran, bildet euch nicht ein, daß ich es in Frage stelle: denn ich will euch nicht täuschen. Ich glaube, es gibt viele Leute, die denken, daß sie bekehrt sind und es nicht sind - die eine Veränderung erfahren haben, aber nicht die eine große, - die eine Änderung ihres Lebens vorgenommen haben, und eine sehr gute, aber doch nicht wiedergeboren sind. Ein Mann mag aus einem Trunkenbold in einen mäßigen Mann verwandelt werden, und das ist ein treffliche Sache, aber das wird ihn nicht erretten. Er mag sich aus einem Dieb in einen ehrlichen Mann verwandeln, und das ist etwas Großes; aber das wird ihn nicht erretten. Er mag sich aus einem gewohnheitsmäßigen Sabbatschänder in einen umwandeln, der beständig alle Gnadenmittel gebraucht, und das ist etwas Gutes; aber das wird ihn nicht erretten. Es ist nicht das Waschen der Haut, es ist das Waschen der Seele, das in der Wiedergeburt bewirkt wird. Die Liebe des Menschen muß eine andre sein, alle seine Neigungen müssen eine andre Richtung annehmen, die gerade entgegengesetzte von der, welche sie früher verfolgten. Mit einem Wort: „Es sei denn, daß jemand von neuem geboren werde, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Es muß eine Zeit eurer neuen Geburt da sein, sonst werdet ihr, so wahr der Herr lebt, niemals sein Angesicht mit Freuden sehen.

Ihr müßt unter die Hand des Heiligen Geistes kommen, nichts andres wird euch fähig machen, in den Himmel einzugehen. „Es beunruhigt mich,“ sagt einer. Tut es das? Das freut mich. Es ist sehr gut, wenn Leben genug da ist, um beunruhigt zu werden - ein wirklicher Segen, wenn diese Unruhe zu Christo führt; denn wenn ihr zu Christo gekommen seid, so habt ihr den Heiland gefunden, und wenn ihr jetzt auf Christum blickt, so seid ihr errettet. Sagt ihr: „Aber wie ist es mit dieser großen Veränderung?“ Ich erwidere, daß jeder Gläubige diese Veränderung erfahren haben muß, denn daß größte aller Werke ist der Glaube. Was sagt Christus: „Das ist Gottes Werk, daß ihr an Den glaubt, den Er gesandt hat.“ An Jesum zu glauben, ist der Gipfel der Tugend und der sicherste Beweis eines neuen Herzens, der nur gegeben werden kann. Habt ihr diesen Beweis? Wenn ihr ihn nicht habt, so seid beunruhigt. Der Herr beunruhige euch immer mehr, damit ihr nicht in der künftigen Welt von einer schweren Unruhe gequält werdet, für die es keine Erleichterung gibt! Für sehr viele hier Anwesende sind die persönlichen Nachfragen, auf die wir hinweisen, äußerst wichtig und dringlich. Sagt ihr, daß unser Predigen inquisitorisch ist? Sei es so, aber ihr selber seid die einzigen Inquisitoren, jeder von euch erforsche seinen eignen Zustand und seine Abstammung. Murrt daher nicht, wenn ich in euch dringe, strenge und genau zu sein. Was für ein Urteil ihr auch aussprecht, es wird einem höheren Gerichte übergeben werden, um dort bestätigt oder aufgehoben zu werden. Ich fühlte, ehe ich auf diese Kanzel trat, daß ich vielleicht nie wieder zu euch sprechen würde, oder daß jedenfalls einige der jetzt gegenwärtigen Hörer sicherlich vor meiner Rückkehr in einer andern Welt sein würden. Wir sprechen nicht aufs ungefähre, denn aus langer Bekanntschaft mit dieser großen Versammlung wissen wir, wie regelmäßig jede Woche einige sterben. Von unsern Mitgliedern verlieren wir so viele im Jahr, daß wir wöchentlich Namen aus dem Verzeichnis streichen müssen, weil sie in die triumphierende Gemeinde droben eingegangen sind, und was den übrigen Teil der Versammlung anbetrifft, so wissen wir, daß selten eine Woche vergeht, ohne daß einer, der unser Hörer gewesen ist, hinübergenommen wird, um vor dem Richterstuhl Christi zu stehen. Nun, wenn ich nie wieder zu dir spreche oder du nie wieder diese Stimme hören wirst, so möchte ich dich fragen, mein Freund, könnte nicht diese Nacht für dich eine Nacht werden, die dem Herrn gehalten werden soll, weil Er dich aus Ägypten geführt hat? - Könnte dies nicht eine Nacht für dich werden, die du halten wirst so lange du lebst? „O,“ sagt einer „,ich weiß nicht; ich habe keine Hoffnung, je errettet zu werden.“ Worin liegt diese Hoffnungslosigkeit? Nicht in deinem Charakter, denn haben wir dir nicht tausendmal gesagt, daß „ob eure Sünden gleich sind wie Purpur, sollen sie doch wie Wolle werden,“ wenn du nur an Jesum glauben willst. Ich weiß, daß du nicht durch die Vorstellung gebunden bist, daß du irgend welche Werke zu tun hast, um dich selber zu retten. Wenn das, so müßte ich sehr seltsam gesprochen haben oder du müßtest sehr wunderlich zugehört haben; denn haben wir euch nicht jeden Sonntag gesagt: es ist „nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme,“ sondern durch die Gnade Gottes und die freie Gunst Gottes gegen die unwürdigsten der Menschen. Gott errettet keinen Menschen, weil er gut ist. Wie schlecht du auch bist, Gott ist willig, dich aufzunehmen als sein Kind. „Nein,“ sagst du „,es ist nicht das, aber ich verzweifle daran, je errettet zu werden. Ich kann nicht dahin gelangen.“ Wessen Fehler ist es denn, das möchte ich wissen. Wessen Fehler ist das? Ich will dich fragen.

Du sagst: „Ich habe versucht, errettet zu werden und bin es nicht.“ Gingst du je zu Gott in der Stille deiner Kammer allein und bekanntest vor Ihm, daß du schuldig seist? Lagst du je vor dem Fuß seines Thrones und sprachst: „O Gott, ich verdiene Deinen Zorn. Ich habe Dein Gesetz gebrochen; ich verdiene gerechterweise Deinen Zorn.“ Hast du das getan? Nun, Er hat gesagt: „Wer seine Sünde bekennt, wird Barmherzigkeit finden.“ Wenn du nicht die Sünde bekannt hast, wessen Fehler ist es, daß du nicht Barmherzigkeit gefunden hast? Nun denn, hast du je an Christum geglaubt? - das heißt, hast du Ihm vertraut, der Gott ist und Mensch wurde, damit Er für dich litte, was dir von Gott für deine Sünden gebührte. „Ah, das ist der Punkt: hier breche ich zusammen,“ sagt jemand. „Ich kann nicht glauben.“ Woran kannst du nicht glauben? Kannst du nicht glauben, was Gott dir sagt?„ Glaubst du, daß die Bibel Gottes Wort ist? „Ja!“ Dann frage ich, wie wagst du zu sagen: „Ich kann nicht glauben.“ Wenn du glaubst, daß dies Buch wahr ist, so glaubst du, daß das wahr ist, was es enthält. Und Gottes eignes Zeugnis über seinen Sohn ist dies: „Daher Er auch selig machen kann immerdar, die durch Ihn zu Gott kommen,“ und daß, wer an Ihn glaubt, errettet ist und seine Sünden ihm sogleich vergeben sind. „Aber, ich fühle nicht, daß mir vergeben ist.“ Wer sagt, daß du fühlen sollst, daß dir vergeben ist? Gott sagt, daß du sündig bist und ermahnt dich, deine Sünden zu bekennen, deinen Sünden zu entsagen, um Vergebung für deine Sünden zu bitten, an die Erlassung deiner Sünden durch das einmal dargebrachte Sühnopfer zu glauben. Es ist genug für dich, daß das Zeugnis Gottes das ist, was du zu glauben hast. Es ist nicht dein Gefühl, welches die Regel deines Glaubens sein soll. Du wirst dich später glücklich fühlen - du wirst später eine Änderung deines Herzens fühlen; aber das erste ist, dem Zeugnis Gottes betreffs seines Sohnes zu glauben.

„Aber ich kann nun einmal nicht diesen Glauben erreichen.“ Halt, hast du es je versucht? „Wohl, ich saß nieder und versuchte zu glauben.“ Nun, sei ein vernünftiger Mann. Wenn ich dir etwas erzählte, das vorgefallen und zu deinem augenblicklichen Vorteil wäre, so würdest du niedersitzen und versuchen, es zu glauben, und an die Möglichkeit, daß es wahr sei, denken mit manchem sehnlichen Wunsche. Oder gesetzt, du wärst gezwungen, es zu bezweifeln und dächtest, ich hätte mich geirrt, so würdest du, wenn du ein Interesse daran hättest, hingehen und die Zeitungen ansehen, du würdest in den Amtsstuben nachfragen, wo die neuesten telegraphischen Nachrichten zu haben sind; du würdest Personen fragen, die ein Urteil darüber haben können, ob ein solches Ereignis überhaupt möglich sei; und auf diese Weise würdest du nie ruhen, bis du betreffs der Wahrheit der Behauptung zufriedengestellt wärest. Forschtest du je in dem Worte Gottes in dieser Weise? Lasest du je die Geschichte der vier Evangelisten, um zu sehen, ob es so sei? Bist du je hingegangen, Predigten zu hören mit dem Gedanken: „Ich wünsche zu hören, damit ich glauben möge?“ Hast du dir wirklich Mühe gegeben, es zu glauben? Ich spreche zu dir als zu einem, der an die Bibel glaubt; und mir scheint es ungeheuerlich, daß ich glauben sollte, was in der Bibel steht, und doch nicht Jesu Christo glauben zu wollen. Aber hast du je gesucht, Ihm zu vertrauen? „Nun, ich weiß nicht.“ Nein, aber ich weiß es: ein wenig. Du nimmst es nicht ernst.

Das ist der Punkt. Du bist zuweilen ernst, wenn du aufgeweckt wirst; aber du schläfst wieder ein. Die Sache ist, es ist eine geheime Sünde da, die du nicht aufgeben willst, oder sonst ist irgend ein alter Gefährte da, mit dem du den Verkehr beizubehalten wünschest, und du weißt, du kannst nicht mit ihm gehen und seiner Unterhaltung dich erfreuen und dennoch ein Christ sein. Ah! es ist etwas da, das dich zurückhält; denn wenn der Herr einen Menschen entschlossen macht, errettet zu werden, so können alle Teufel in der Hölle seinen Entschluß nicht wankend machen. Wenn die Seele einmal sagt: „Ich muß mit Gott versöhnt sein; ich muß Frieden haben; ich muß den Heiland haben; ich muß durch das teure Blut gereinigt werden;“ - wer ist da, der sie aufhält? Will Gott sie aushalten? Er hat Freude an der Barmherzigkeit. Will Jesus sie aufhalten? Seine beredten Worte laden sie ein. Will der Heilige Geist sie aufhalten? Es wäre Lästerung, das anzunehmen. Wer soll sie denn aufhalten? „Nun, Satan.“ Aber kann Satan durch Macht oder List Christo gewachsen sein? „Nun, sein eignes Herz wird ihn aufhalten.“ Ja, aber Gott ist größer, als sein Herz, und kann ihm in seinen Versuchungen beistehen und seinen Schwachheiten helfen. Ich beschwöre dich, Seele, wenn du errettet werden willst, gehe in deine Kammer und sage dies zu deinem Gott. Gehe hin und sprich in den einfachsten Worten so: „Mein Gott, ich habe Dich beleidigt. Habe Erbarmen mit mir. Ich bin meinem eignen Willen gefolgt, aber jetzt will ich Dir gehorsam sein. Ändere mein Herz, gib mir Deinen Heiligen Geist. Ich habe kein eignes Verdienst, aber Du hast Jesum gegeben, um für die Sünder zu sterben. Herr, ich bin ein Sünder, ich setze mein kindliches Vertrauen auf Dich. Rette mich, mein Herr.“ Denkst du, daß du je verworfen werden wirst? Nun, du wirst der erste Sünder sein, der das wurde, wenn er aufrichtig zu Jesu auf diese Weise kam. Es kann nicht sein. Sei nicht bange, Seele. Wenn du dich auf Christum wirfst, so kannst du ebensowenig zur Hölle gesandt werden, wie Christus es kann. Wenn du dich Christo hingegeben hast und durch den Glauben mit Ihm verbunden bist, so sollst du leben, weil Er lebt. Vielleicht wißt ihr, was Herr Ryland sagte. Als seine Frau im Sterben lag und sehr verzagt war, obwohl sie jahrelang eine Christin gewesen, sagte er zu ihr: „Nun, wohin gehst du, Betsy?“ Sie hatte der Wärterin gesagt, sie fühle, daß sie zur Hölle ginge, und sagte zu ihrem Manne: „O, mein Lieber, ich gehe hinab zur Hölle.“ „Betsy,“ sagte er “,was willst du tun, wenn du dahin kommst?„ „O, sprich nicht so,“ sagte sie. „Aber, denkst du, daß du beten wirst, wenn du dahin kommst?“ „Beten? Ja!“ antwortete sie “,ich werde nie aufhören zu beten?„ „Und denkst du, daß du Gott loben wirst, wenn du dahin kommst?“ „O ja, ich will nie aufhören, Gott zu loben, was Er auch mit mir tut.“ „Nun,“ sagte er “,sie. würden sagen: Hier ist die betende Betsy Ryland, und sie beginnt, Gott zu loben; werft sie hinaus, wir können sie hier nicht haben.„ Natürlich, wenn eine Seele dahin gesandt wäre, die wirklich an Jesum glaubte, so würde das eine Revolution im Himmel und in der Hölle verursachen.

Es kann nicht sein. Gott müßte sich ändern, ehe Er einen Sünder umkommen läßt, der auf Christum vertraut. O, es ist wunderbar, was für eine Macht der Glaube hat. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages an einem Platz recht in der Mitte der City stand und nach der andern Seite hinübergehen wollte, während die Omnibusse von allen vier Himmelsgegenden kamen und ich nach einer Gelegenheit aussah, zwischen ihnen durchzulaufen. Ein blinder Mann kam zu mir und sagte: „Ich bin gewiß, Sie werden mich hinüberleiten!“ Ich bin gewiß, daß ich das Stück Arbeit nicht wünschte; aber ich war ganz gewiß, daß, wenn der Blinde gewiß war, ich würde es tun, ich es nicht abschlagen konnte; und ich tat es demnach. Ich wollte nicht, daß des Blinden Vertrauen weggeworfen sei. Mir schien, als ob für mich sein Vertrauen ein Zwang wäre. Und o, blinder Sünder, ergreife den Saum seines Kleides heute abend und sage: „Jesus, ich glaube, Du willst mich in den Himmel leiten. Jedenfalls will ich Dir vertrauen, daß Du es tun wirst. Ich höre auf, mich selbst erretten zu wollen, und will mich nur auf Dich verlassen und auf Dich allein.“ Ich sage dir, dein Glaube wird Ihn zwingen; dein Vertrauen wird Ihn festhalten. Er will alles für den Glauben tun. Wurde Er nicht an der Furt Jabok von Jakobs Glauben überwunden? Gewann nicht der Glaube in dem Weibe, das seines Kleides Saum anrührte, die Heilung? Und als Er zu dem kananäischen Weibe sprach und sie einen Hund nannte, gewann sie nicht Heilung für ihre Tochter durch das mutige Standhalten ihres Glaubens? Der Herr harret darauf, daß Er gnädig sei! Vertraue Ihm, Sünder. Der Herr helfe dir, so zu tun; und Er soll den Ruhm davon haben auf ewig!

Und laßt mich noch hinzufügen, daß es eine Macht ist, die hoch gehalten werden sollte unter den Heiligen in ihrer Gemeinschaft miteinander. Es tut uns gut, zu hören sowohl, wie zu reden, wann der mächtige Arm und die gnädige Hand Gottes, die um unsertwillen ausgestreckt sind, das Thema der Unterhaltung bilden. Es scheint mir, daß in der einen oder andern Weise dem ganzen Leben eine Richtung gegeben wird durch die erste Berufung, die ein Mensch empfängt, als wenn sie dem Charakter eine reinere Färbung verliehe, als die meisten folgenden Vorfälle in seiner persönlichen Erfahrung. Außerdem, liebe Freunde, wird bei der Erinnerung an diese Umstände ein zartes Mitgefühl und eine fromme Dankbarkeit aufkeimen, wie die, welche Paulus bezeugt: „und preisen Gott über mir“. Was für Liebesfeste sind die, in welchen wir des Aufdämmerns des geistlichen Lebens gedenken! Wie frei von widerstreitenden Meinungen und unruhigen Leidenschaften! Wie es in dem Liede heißt:

„Kommt, Kinder, laßt uns wandern,
Wir gehen Hand an Hand;
Eins freuet sich am andern
In diesem wilden Land.
Kommt, laßt uns kindlich sein,
Uns auf dem Weg nicht streiten;
Die Engel uns begleiten
Als unsre Brüderlein.
Es wird nicht lang' mehr währen,
Halt' noch ein wenig aus!
Es wird nicht lang' mehr währen,
So kommen wir nach Haus.
Da wird man ewig ruh'n,
Wenn wir mit allen Frommen
Daheim beim Vater kommen,
Wie wohl, wie wohl wird's tun!“

Wie gelangt der Mensch zum Glauben?

„Der Glaube kommt aus der Predigt.“ (Röm. 10, 17) Zugegeben; aber hören denn nicht alle Menschen die Predigt des Evangeliums und bleiben doch so viele unbekehrt? Wie kommt es denn, daß ein Mensch gläubig wird? Nach seiner inneren Erfahrung kommt der Glaube infolge eines tief empfundenen Bedürfnisses. Der Mensch fühlt, daß er einen Erlöser nötig hat; er erkennt, daß der Herr Jesus gerade der Erlöser ist, den er braucht; und weil er sich selber nicht helfen kann, so glaubt er an Jesus. Weil er gar nichts ist noch hat, so fühlt er, daß er Christus ergreifen oder zu Grunde gehen muß, und darum ergreift er Ihn, weil er nicht anders kann. Jede Aussicht ist ihm abgeschnitten, er hat nur noch einen Ausweg, nämlich die Gerechtigkeit eines andern; denn er sieht ein, daß er weder durch irgendwelche gute Worte, noch durch selbstauferlegte Leiden sich zu retten vermag. Aus diesem Grunde kommt er zu Christus und demütigt sich vor Ihm, weil er ohne Ihn nicht mehr leben kann und verloren gehen muß, wenn er sich nicht an Ihn anklammert. Verfolgen wir aber die Sache weiter, so fragen wir wieder: Woher kommt dem Menschen dieses Bedürfnis? Wie kommt es, daß gerade er vor andern, ein Heilsbedürfnis empfindet? Es ist ganz sicher, daß ihm Christus nicht nötiger ist, als andern. Wie gelangt er also zur Erkenntnis, daß er verloren und zu Grunde gerichtet ist? Wie geschieht es, daß das Gefühl des Verderbens ihn treibt, Christus, als seinen Erretter, zu ergreifen? Die Antwort lautet: Gottes Gabe ist es (Eph. 2, 8); es ist das Werk des Heiligen Geistes. Niemand kommt dadurch zu Christus, daß er sie unter dem Gesetz verwahrt und verschließt auf die Überzeugung, wer nicht zu Christus komme, müsse elend verloren gehen. So werden sie durch die Gewalt des Ungewitters gezwungen, sich anders zu entschließen und in diesen himmlischen Hafen einzulaufen. Die Erlösung durch Jesus Christus ist unserm fleischlichen Sinne so zuwider, so unvereinbar mit unsrer Vorliebe für menschliches Verdienst, daß wir Christus nie erwählen würden, uns ein und alles zu sein, wenn der Heilige Geist uns nicht überzeugte, daß wir gar nichts sind, und uns damit nötigte, Christus zu ergreifen.

autoren/s/spurgeon/h/spurgeon-eine_heilige_feier.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)