Spurgeon, Charles Haddon - Die Hündlein.

Gehalten am Sonntag, den 6. August 1876.

„Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brod nehme und werfe es vor die Hunde. Sie sprach: Ja, Herr, aber doch essen die Hündlein von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tische fallen.“
Matth. 15,26.27

„Jesus aber sprach zu ihr: Laß zuvor die Kinder satt werden; es ist nicht fein, daß man der Kinder Brod nehme, und werfe es vor die Hunde. Sie antwortete aber und sprach zu ihm: Ja, Herr, aber doch essen die Hündlein unter dem Tische von den Brosamen der Kinder.“
Marcus 7,27.28

Ich nehme die beiden Berichte des Matthäus und Marcus, damit wir die ganze Sache vor uns haben. Möge der heilige Geist unsere Betrachtung darüber segnen.

Die glänzendsten Edelsteine werden oft an den dunkelsten Orten gefunden. Christus hatte keinen solchen Glauben in Israel gefunden, wie er ihn in diesem armen kanaanitischen Weibe fand. Die Grenzen und Ecken des Landes waren fruchtbarer als der Mittelpunkt, wo der Anbau reichlicher war. An den Enden der Furchen, wo der Landmann nicht viel mehr als Unkraut erwartet, fand der Herr Jesus die reichste Kornähre, die bis dahin noch seine Garbe gefüllt hatte. Laßt diejenigen unter uns, die nach ihm ernten, Muth fassen und dieselbe Erfahrung erwarten. Laßt uns nie von irgend einem Districte sprechen, als wenn er zu herabgekommen sei, um Bekehrte daraus zu gewinnen, oder von irgend einer Klasse von Personen, als zu tief gesunken, um gläubig zu werden. Laßt uns selbst bis an die Grenzen von Tyrus und Sidon gehen, obgleich das Land unter einem Fluche liegt, denn sogar dort werden wir irgend einen Erwählten entdecken, bestimmt, ein Kleinod in des Erlösers Krone zu sein. Unser himmlischer Vater hat allenthalben Kinder.

Im Geistlichen findet es sich oft, daß die besten Pflanzen in dem unfruchtbarsten Boden wachsen. Salomon sprach über die Bäume und redete von dem Ysop an der Wand und der Ceder auf dem Libanon. So ist es in der natürlichen Welt, die großen Bäume finden sich auf großen Bergen und die kleinern Pflanzen an Orten, die für ihre zarten Wurzeln passen; aber es ist nicht so mit den Pflanzen, die des Herrn rechte Hand gepflanzt hat, denn hier haben wir die Ceder an der Mauer wachsen sehen – große Heilige an Orten, wo es scheinbar unmöglich für sie war, zu existiren; und wir haben den Ysop auf dem Libanon wachsen sehen – eine zweifelhafte, unbedeutende Frömmigkeit, wo unzählige Vorrechte geboten waren. Der Herr kann starken Glauben schaffen bei wenig Erkenntniß, wenig Genuß und wenig Ermuthigung; und der starke Glaube triumphirt und siegt in solcher Lage und verherrlicht so zweifach die Gnade Gottes. So war dieses canaanäische Weib eine Ceder, die wuchs, wo wenig genug Erde war. Sie war ein Weib von staunenswerthem Glauben, obgleich sie nur wenig von ihm, an den sie glaubte, gehört haben konnte, und vielleicht ihn selber nie gesehen hatte, bis zu dem Tage, wo sie vor ihm niederfiel und sprach: „Herr, hilf mir!“

Unser Herr hatte ein scharfes Auge, den Glauben wahrzunehmen. Wenn das Kleinod im Schmutze lag, so bemerkte sein Auge den Schimmer, wenn ein köstliches Weizenkorn unter den Dornen war, so verfehlte er nicht, es zu erblicken. Der Glaube hat eine starke Anziehungskraft für den Herrn Jesus; beim Anblick desselben ruft er: „Du hast mir das Herz genommen, meine Schwester, liebe Braut, mit deiner Augen einem und deiner Halsketten einer.“

Jesus freute sich über das schöne Kleinod des Glaubens bei diesem Weibe, und indem er es beobachtete, entschloß er sich, es umzuwenden und in ein anderes Licht zu setzen, damit die verschiedenen Seiten dieses unschätzbaren Diamanten jede in ihrem Glanze strahlen und seine Seele erfreuen möchten. Deshalb prüfte er ihren Glauben durch sein Schweigen und durch seine entmuthigenden Antworten, damit er seine Stärke sehen möge; aber die ganze Zeit über hatte er seine Freude daran und hielt ihn im Geheimen aufrecht, und als er ihn genug geprüft, brachte er ihn hervor wie Gold und setzte sein eignes königliches Zeichen darauf in den denkwürdigen Worten: „O Weib, dein Glaube ist groß, dir geschehe wie du willst.“

Ich habe die Hoffnung, daß hier heute Morgen vielleicht eine arme Seele unter sehr entmuthigenden Umständen dennoch dahin gebracht werden möge, an den Herrn Jesum Christum mit einem starken und ausdauernden Glauben zu glauben, und obgleich sie bis jetzt noch keinen Frieden genießt und keine gnädige Antwort auf ihr Gebet gesehen hat, so vertraue ich doch darauf, daß ihr kämpfender Glaube heute Morgen durch das Beispiel des kanaanäischen Weibes gestärkt werden möge.

Ich entnehme aus der Erzählung ihrer Bitte an den Herrn und der Erhörung derselben, vier Thatsachen. Die erste ist, der Mund des Glaubens kann nicht geschlossen werden; die zweite ist, der Glaube streitet nie mit Gott; drittens, der Glaube führt mächtige Gründe an; und viertens, der Glaube gewinnt seine Sache.

I.

Der Mund des Glaubens kann nie geschlossen werden; denn wenn je der Glaube eines Weibes so geprüft ward, daß sie hätte mit Beten aufhören können, so war es der dieser Tochter aus Tyrus. Sie hatte Schwierigkeit auf Schwierigkeit zu überstehen, und doch konnte sie nicht davon abgebracht werden, für ihre kleine Tochter zu bitten, weil sie an Jesum als den großen Messias glaubte, der fähig sei, alle Arten von Krankheiten zu heilen, und sie war entschlossen, ihn zu bitten, bis er ihrem Ungestüme nachgäbe, denn sie hatte die Zuversicht, daß er den Dämon aus ihrem Kinde treiben könnte.

Beachtet, daß der Mund des Glaubens nicht einmal verschlossen werden kann durch das verschlossene Ohr und den verschlossenen Mund Christi. Er antwortete ihr kein Wort. Sie sprach sehr kläglich, sie kam und warf sich ihm zu Füßen, der Zustand ihres Kindes war sehr schlimm, ihr Mutterherz war sehr zärtlich und ihr Schreien sehr durchdringend, und doch antwortete er ihr kein Wort, als wenn er taub und stumm wäre ging er an ihr vorüber; doch ward sie nicht wankend; sie glaubte an ihn und sogar er selber konnte sie nicht an sich irre machen, ob er auch Schweigen versuchte, so viel er wollte. Es ist schwer, zu glauben, wenn das Gebet umsonst scheint. Ich wollte zu Gott, daß irgend ein armer Suchender hier glaubte, daß Jesus Christus fähig und willig ist, zu erretten, und ihn zweifeln zu machen. Selbst wenn du Monate lang vergeblich betetest, gestatte keinem Zweifel an Jesu und seiner Macht zu erretten, deine Seele zu durchkreuzen. Was thut’s, wenn du noch den Frieden nicht erlangen kannst, den der Glaube dir zuletzt bringen muß, was thut’s, wenn du keine Gewißheit der Sündenvergebung hast, was thut’s, wenn keine Freudenstrahlen durch deine Seele fahren, glaube ihm, der nicht lügen kann. „Ob er mich tödtete,“ sagte Hiob, „dennoch will ich auf ihn trauen.“ Das war herrlicher Glaube. Es würde sehr viel für Einige sein, wenn sie sagen könnten: „Ob er mich schlüge, doch will ich auf ihn vertrauen,“ aber Hiob sagte: „Ob er mich tödtete.“ Wenn er das Gewand des Rächers anthäte und mir entgegenträte, als ob er nicht verderben wollte, doch will ich glauben, daß er voll Liebe ist: er ist immer noch gut und gnädig, ich kann daran nicht zweifeln, und deshalb will ich mich zu seinen Füßen legen und Gnade von seiner Hand erwarten. O, daß wir solchen Glauben hätten! O, Seele, wenn du ihn hast, so bist du errettet, so wahr du lebst. Wenn selbst des Herrn scheinbare Weigerung dich zu segnen, deinen Mund nicht verschließen kann, so ist dein Glaube edler Art und das Heil ist dein.

Darnach, ihr Glaube konnte nicht zum Schweigen gebracht werden durch das Betragen der Jünger. Sie behandelten sie nicht eben gut, aber vielleicht doch nicht ganz schlecht. Sie waren nicht gleich ihrem Meister, sondern stießen die oft zurück, die zu ihm kommen wollten. Ihr Geschrei war ihnen lästig, sie blieb beharrlich bei ihnen und deshalb sprachen sie: „Laß sie doch von dir, denn sie schreiet uns nach.“ Arme Seele, sie schrie ihnen nicht nach, nur ihrem Herrn. Zuweilen erlangen Jünger in ihren eignen Augen große Wichtigkeit und meinen, der Zusammenlauf und das Gedränge, um das Evangelium zu hören, rühre davon her, daß die Leute sie gern hören wollen, während kein Mensch sich um ihre armselige Rede kümmern würde, wenn es nicht die Botschaft des Evangeliums wäre, mit deren Verkündigung sie beauftragt sind. Gebt uns ein anderes Thema und die Menge würde bald dahinschmelzen. Obgleich sie des ungestümen Schreiens der Frau müde waren, so handelten sie doch ziemlich freundlich gegen sie, denn sie wünschten augenscheinlich, daß sie die Gunst erlangen möge, um welche sie bat, sonst wäre die Antwort des Herrn nicht angemessen gewesen. „Ich bin nicht gesandt, denn nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel.“ Es war nicht die Heilung ihrer Tochter, an der ihnen lag, sondern ihre eigne Bequemlichkeit, sie wünschten, sie los zu werden. „Laß sie doch von dir,“ sprachen sie, „denn sie schreit uns nach.“ Dennoch, obgleich sie sie nicht behandelten, wie Männer ein Weib behandeln sollten, wie Jünger eine Suchende behandeln sollten, wie Christen einen Jeden behandeln sollten, so war ihr Mund doch nicht zu schließen. Petrus runzelte die Stirn, wie ich nicht zweifle und vielleicht ward selbst Johannes etwas ungeduldig, denn er war von Natur heftig; Andreas und Philippus und die Uebrigen hielten sie für sehr aufdringlich und anmaßend; aber sie dachte an ihre kleine Tochter zu Hause, und an das furchtbare Elend, das der Dämon über sie brachte und so drängte sie sich zu des Heilandes Füßen und sagte: „Herr, hilf mir.“ Kalte, harte Worte und unfreundliches, theilnahmloses Betragen konnte sie nicht davon abhalten, ihn anzuflehen, an den sie glaubte. Ach, armer Sünder, vielleicht, vielleicht sagst du: „ich sehne mich darnach, errettet zu werden, aber der und der gut christliche Mann hat mich sehr hart behandelt, er hat meine Aufrichtigkeit bezweifelt und die Wahrheit meiner Reue in Frage gestellt und mir den tiefsten Schmerz verursacht; es scheint, als wenn er nicht wünscht, daß ich errettet werde.“ Ach, lieber Freund, dies ist sehr niederschlagend, aber wenn du wirklichen Glauben an den Meister hast, so wirst du dich um uns Jünger nicht kümmern, weder um den sanftesten, noch um den rauhesten von uns, sondern dein Anliegen dem Herrn vortragen, bis er dich einer Friedensantwort würdigt.

Ihr Mund ward ferner nicht geschlossen durch exclusive Lehre, die den Segen auf einige wenige Begünstigte zu beschränken schien: Der Herr Jesus Christus sagte: „Ich bin nicht gesandt denn nur zu den verlorenen Schafen vom Hause Israel,“ und obgleich, wenn richtig verstanden, nichts sehr Strenges darin ist, so muß doch das Wort wie ein Centner Blei auf das Herz des Weibes gefallen sein. „Ach,“ hätte sie denken können, „dann ist er nicht zu mir gesandt; vergeblich suche ich nach um das, was nur für die Juden ist.“ Nun, die Lehre von der Erwählung, die sicherlich in der Schrift sich findet, sollte keine Seele daran hindern, zu Christo zu kommen, denn wenn sie richtig verstanden wird, sollte sie eher ermuthigen, als entmuthigen; und doch hat oft für ein ununterwiesenes Ohr die Lehre von der göttlichen Wahl eines Volkes, ehe denn der Welt Grund geleget ward, eine sehr niederdrückende Wirkung. Wir haben arme Suchende traurig sagen hören: „Vielleicht ist keine Gnade für mich da; ich mag unter denen sein, für die kein Rathschluß der Gnade gefaßt ist.“ Sie sind versucht worden, mit Beten aufzuhören aus Furcht, daß sie nicht zum ewigen Leben vorherbestimmt seien. Ach, liebe Seele, wenn du den Glauben der Erwählten Gottes in dir hast, so wirst du dich nicht zurückhalten lassen durch selbstverdammende Schlüsse, die du aus den Geheimnissen Gottes ziehst, sondern du wirst an das glauben, was klar geoffenbart ist, und du wirst sicher sein, daß dies nicht den verborgenen Rathschlüssen des Himmels widersprechen kann. Was denn, wenn unser Herr nur zu dem Hause Israel gesandt war, so giebt es doch ein Haus Israel nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist, und deshalb war das Syrophönizische Weib darin eingeschlossen, selbst als sie meinte, daß sie ausgeschlossen sei, und du eingeschlossen, selbst als sie meinte, daß sie ausgeschlossen sei, und du magst auch in dem Cirkel dieser Gnadenwahl, die dich jetzt ängstigt, mit einbegriffen sein. Auf jeden Fall sprich zu dir selbst: „In der gnädigen Erwählung sind Andere eingeschlossen, die eben so sündig sind, wie ich es gewesen bin, warum sollte ich es nicht? Andere sind darin einbegriffen gewesen, die eben so voll Verzweiflung über ihre Sünden waren, wie ich es gewesen bin, und warum denn nicht ich auch?“ Indem du so schließest, wirst du vorwärts drängen; in Hoffnung wider Hoffnung glauben und keine scheinbare Beweisführung aus der Schrift deinen Glauben an den Erlöser hindern lassen.

Der Mund des Glaubens ward in dem vorliegenden Fall nicht einmal durch das Gefühl der eingestandenen Unwürdigkeit geschlossen. Christus sprach von Hunden: er meinte, daß die Heiden für Israel wie Hunde wäre: sie bestritt das durchaus nicht, sondern gab dies zu, indem sie sprach: „Ja, Herr.“ Sie fühlte, daß sie nur werth sei, mit einem Hunde verglichen zu werden. Ich zweifle nicht, daß ihr Gefühl der Unwürdigkeit sehr tief war. Sie erwartete nicht, das Gut, welches sie suchte durch irgend ein eignes Verdienst zu erlangen; sie verließ sich auf die Güte Christi, nicht auf die Güte ihrer Sache und auf die Herrlichkeit seiner Macht mehr als auf die Gewalt ihrer Bitte; doch, bewußt, wie sie es sich war, daß sie nur ein armer, heidnischer Hund sei, ward ihr Gebet darum nicht verhindert; sie schrie ungeachtet all’ dessen: „Herr, hilf mir.“ O Sünder, wenn du fühlst, daß du der ärgste Sünder außerhalb der Hölle bist, bete doch, bete gläubig um Gnade. Wenn dein Gefühl der Unwürdigkeit genug ist, um dich zur Selbstzerstörung zu treiben, so bitte ich dennoch: rufe aus der Tiefe, aus dem Kerker der Selbstverzweiflung zu Gott; denn dein Heil ruht in keinem Maße oder Grade auf dir selber oder auf etwas, was du bist oder gewesen bist oder sein kannst. Du mußt von dir selbst errettet werden, nicht durch dich selbst. Es ist deine Sache, leer zu sein, daß Jesus dich fülle, deine Sache, deine Unreinigkeit zu bekennen, daß er dich wasche; deine Sache, weniger als nichts zu sein, daß Jesus dir Alles sei. Laß nicht die Zahl, die Schwärze, die Häufigkeit oder Furchtbarkeit deiner Uebertretungen deine Gebete verstummen machen, sondern ob du gleich ein Hund bist, ja, nicht würdig bei den Hunden der Heerde des Herrn zu stehen, so thue doch deinen Mund in gläubigem Gebet auf.

Es war außerdem ein allgemeiner Ton und Geist in dem, was Jesus sprach, der dahin ging, des Weibes Hoffnung niederzudrücken und sie vom Gebet abzuhalten, doch konnte sie durch die dunkelsten und niederdrückendsten Einflüsse nicht abgehalten werden. „Es ist nicht fein,“ sagte Jesus, „es ist nicht geziemend, es ist nicht gebührend, es ist kaum recht, daß man den Kindern ihr Brod nehme und werfe es vor die Hunde.“ Vielleicht sah sie nicht alles, was er gemeint haben könnte, aber was sie sah, war genug, kalt Wasser auf die Flamme ihrer Hoffnung zu gießen, doch ward ihr Glaube nicht ausgelöscht. Es war ein Glaube jener unsterblichen Art, den nichts tödten kann; denn sie war entschlossen, was Jesus auch meinte oder nicht meinte, so wollte sie doch nicht aufhören, ihm zu trauen und ihn mit ihren Bitten zu drängen. Es sind viele große Dinge in und bei dem Evangelium, welche die Menschen wie in einem Nebel sehen, und da sie mißverstanden werden, so stoßen sie eher suchende Seelen ab, als daß sie dieselben anziehen: aber seien sie, was sie seien, wir müssen entschlossen sein, auf alle Gefahr hin zu Christo zu kommen. „Komme ich um, so komme ich um.“ Außer dem großen Stein des Anstoßes, der Gnadenwahl, giebt es Wahrheiten und Thatsachen, welche die Suchenden vergrößern und falsch zusammensetzen, bis sie tausend Schwierigkeiten sehen. Sie quälen sich über christliche Erfahrung, über Wiedergeburt, über angeborne Sünde und alle Arten Dinge; in Wahrheit, tausend Löwen sind auf dem Wege, wenn die Seele versucht, zu Christo zu kommen, aber derjenige, welcher Jesum den Glauben giebt, den er verdienet, spricht: „Ich fürchte dieser Dinge keines. Herr, hilf mir und ich will dir doch trauen. Ich will mich dir nahen, ich will durch die Hindernisse zu dir dringen und mich zu deinen theuren Füßen werfen, wissend, daß du Keinen, der zu dir kommt, hinausstoßen willst.“

II.

Der Glaube streitet nie mit dem Herrn. Der Glaube betet an. Beachtet, daß Matthäus sagte: „Da kam sie und betete ihn an.“ (engl. Ueb.) Der Glaube bittet und betet auch. Ihr bemerkt, daß Marcus sagt: „Sie bat ihn.“ Sie schrie: „Herr, hilf mir,“ nachdem sie gesagt: „Ach Herr, du Sohn David’s, erbarme dich meiner.“ Der Glaube bittet, aber streitet nie, nicht einmal gegen das Härteste, was Jesus spricht. Wenn der Glaube stritte – ich brauche hier einen Solöcismus – so würde er kein Glaube sein, denn das, was streitet, ist Unglaube. Der Glaube an Gott schließt Uebereinstimmung mit dem, was Gott sagt, ein, und folglich schließt er jeden Gedanken an Zweifel aus. Aechter Glaube glaubt alles und jedes, was der Herr sagt, ob ermuthigend oder entmuthigend. Er hat niemals ein „Aber“ oder „Wenn“ oder „Doch“ einzuschalten, sondern bleibt dabei: „Du hast es gesagt, Herr, und deshalb ist es wahr: du hast es befohlen, Herr, und deshalb ist es recht.“ Er geht niemals darüber hinaus.

Bemerkt in unserm Text, daß der Glaube allem zustimmt, was der Herr sagt. Sie sagt: „Ja, Herr.“ Was hatte er gesagt? „Du bist einem Hunde zu vergleichen!“ „Ja, Herr; ja, Herr, das bin ich.“ „Es würde nicht fein sein, den Kindern ihr Brod zu nehmen, um die Hunde zu füttern.“ „Ja, Herr, es würde nicht geziemend sein und ich möchte nicht daß Eins deiner Kinder meinetwillen seiner Gnade beraubt würde.“ „Es ist noch nicht deine Zeit,“ spricht Jesus; „die Kinder müssen zuerst gespeist werden; Kinder zur Zeit des Mahles, und Hunde nach dem Essen; dies ist Israels Zeit und die Heiden mögen folgen. Aber noch nicht.“ Sie erwiedert dem Wesen nach: „Ich weiß es, Herr, und stimme damit überein.“

Sie erhebt keine Frage und bestreitet nicht, daß es gerecht sei, wenn der Herr seine Gnade nach seinem eignen unumschränkten Willen austheilt. Es würde ein Beweis gewesen sein, daß sie wenig oder gar keinen Glauben gehabt, wenn sie das gethan. Sie streitet nicht wider des Herrn bestimmte Zeit und Ordnung. Jesus sprach: „Laß zuvor die Kinder satt werden,“ und sie hat nichts gegen die Zeit einzuwenden, wie Viele thun, die es nicht haben wollen, daß nun die angenehme Zeit sei, sondern eben so sehr dafür sind, die zeit hinauszuschieben, wie dieses Weib dafür war, den Tag der Gnade zu verfrühen. Sie ließ sich auf keinen Beweis ein, daß es nicht unpassend sei, den Kindern das Brod des Bundes zu nehmen und es den unbeschnittenen Heiden zu geben: sie wünschte nicht, daß Israel um ihretwillen beraubt würde. Hund, wie sie war, wollte sie keinen Rathschluß Gottes oder irgend eine Regel des göttlichen Haushaltens um ihretwillen geändert und gewechselt haben. Sie stimmte allen Verordnungen des Herrn bei. Das ist der Glaube, der die Seele rettet, der mit Gottes Willen übereinstimmt, selbst wenn er seinem Interesse zuwider scheint, der den geoffenbarten Erklärungen Gottes glaubt, ob sie angenehm oder furchtbar erscheinen und dem Worte Gottes beistimmt, ob es Balsam für seine Wunden ist oder ein Schwert, das schneidet und tödtet. Wenn das Wort Gottes wahr ist, dann, o Mensch, kämpfe nicht dagegen, sondern beuge dich davor. Es ist nicht der Weg zum lebendigen Glauben an Jesum Christum, noch zum Frieden mit Gott, wenn man die Waffen ergreift gegen irgend etwas, was Gott erklärt. Im Nachgeben liegt die Sicherheit. Sage: „Ja, Herr,“ und du wirst Errettung finden.

Bemerkt, daß sie nicht nur allem zustimmte, was der Herr sagte, sondern auch ihn darin anbetete. „Ja,“ sagte sie, „aber du bist doch mein Herr. Du nennest mich „Hund“, aber du bist darum doch mein Herr; du rechnest mich für unwerth, deine Gaben zu empfangen, aber du bist mein Herr, und ich erkenne dich als solchen an.“ Sie ist derselben Gesinnung wie Hiob: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ Sie ist willig, das Böse zu nehmen und zu sprechen: „Ob der Herr giebt oder nimmt, gelobet sei sein Name, er ist doch mein Herr.“ O, dies ist großartiger Glaube, der die Streitlust von sich geworfen, und nicht blos des Herrn Willen zustimmt, sondern ihn auch darin anbetet. Laß es sein, was es will, Herr, selbst wenn die Wahrheit mich verdammt, so bist du doch Herr und ich bekenne deine Gottheit, bekenne deine Erhabenheit, erkenne deine Kronrechte an und unterwerfe mich dir; thue mit mir, was du willst.“

Und, wie ihr bemerkt, als sie sprach: „Ja, Herr,“ fuhr sie nicht fort und wünschte, daß irgend eine Aenderung ihretwillen getroffen würde. „Herr,“ sagte sie, „du hast mich unter die Hunde gereiht;“ sie sagt nicht: „Stelle mich unter die Kinder,“ sondern sie bittet nur, so behandelt zu werden, wie der Hund behandelt wird. „Die Hunde essen die Brosamen,“ sagt sie. Sie will keinen Rathschluß geändert, noch eine Ordnung umgewandelt oder eine Bestimmung entfernt haben: „Laß es sein, wie es ist; wenn es dein Wille ist, Herr, so ist es mein Wille;“ aber sie erspäht einen Hoffnungsstrahl, wo sie, wenn sei keinen Glauben besessen hätte, nur die Finsterniß der Verzweiflung gesehen haben würde. Mögen wir solchen Glauben haben und nie uns auf einen Streit mit Gott einlassen.

III.

Nun komme ich zu einem interessanten Theil unseres Gegenstandes, nämlich, daß der Glaube Gründe beibringt, obgleich er nicht streitet. „Ja, Herr,“ sagte sie, „aber doch essen die Hündlein von den Brosamen.“ Die Beweisführung dieses Weibes war korrekt und streng logisch. Es war ein Schluß, der auf des Herrn eigne Behauptung gegründet war, und ihr wißt, wenn ihr mit einem Manne rechtet, so könnt ihr nichts Besseres thun, als seine eignen Aussprüche nehmen und daraus Schlüsse ziehen. Sie läßt sich nicht darauf ein, neue Behauptungen aufzustellen oder die alten zu bestreiten, indem sie sagt: „Ich bin kein Hund;“ sondern sie sagt: „Ja, ich bin ein Hund.“ Sie nimmt diese Behauptung des Herrn an und gebraucht sie als ein treffliches argumentum ad hominem, wie nie ein besseres in dieser Welt gewesen ist. Sie nahm die Worte aus seinem eignen Munde und überwand ihn damit, wie Jakob über den Engel siegte. Es ist so viel kraft in dem Beweise des Weibes, daß ich ganz daran verzweifle, ihn euch heute Morgen ganz vorführen zu können. Ich möchte indeß bemerken, daß die Uebersetzung den Text sehr geschädigt hat, indem sie die Worte „aber doch“ einschaltet, denn es ist kein „aber doch“ im Griechischen; es ist ein ganz anderes Wort. Jesus sprach: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brod nehme und werfe es vor die Hunde.“ „Nein,“ sagte sie, „es würde nicht fein sein, dies zu thun, weil für die Hunde gesorgt ist, denn die Hunde essen von den Brosamlein, die von ihrer Herren Tische fallen. Es würde sehr unpassend sein, den Hunden das Brod der Kinder zu geben, weil sie schon ihr Theil haben, wenn sie die Brosamen essen, die von der Kinder Tische fallen. Das ist alles, was sie brauchen, und alles, was ich wünsche. Ich bitte dich nicht, mir der Kinder Brod zu geben, ich bitte nur um die Brosamen der Hunde.“

Laßt uns die Kraft der Beweisführung sehen, die auf verschiedene Weise erscheint. Die erste ist dies:

Sie führte einen Beweis an aus ihrer hoffnungsvollen Lage. „Ich bin ein Hund,“ sagte sie, „aber, Herr, du bist den ganzen Weg zu Sidon gekommen; hier bist du hart an den Grenzen meines Landes und deshalb nicht ich nicht wie ein Hund draußen auf der Straße, ich bin wie ein Hund unter dem Tische.“ Marcus erzählt uns, daß sie sagte: „die Hündlein unter dem Tisch essen von den Brosamen der Kinder.“ Als wenn sie spräche: „Herr, du siehest meine Lage: ich war ein Hund auf der Straße, weit weg von dir, aber nun bist du gekommen und hast an unseren Grenzen gepredigt, und ich habe das Vorrecht genossen, dich zu hören. Andere sind von dir geheilt worden und du thust hier in diesem Hause Thaten der Barmherzigkeit, während ich zusehe und deshalb, wenn ich auch ein Hund bin, bin ich ein Hund unter dem Tische; deshalb, Herr, laß mich die Brosamen haben.“ Siehst du, lieber Hörer? Du giebst es zu, daß du ein Sünder bist und ein großer Sünder, aber du sprichst: „Herr, ich bin ein Sünder, dem gestattet worden ist, das Evangelium zu hören, deshalb segne es an mir. Ich bin ein Hund, aber ich bin unter dem Tische, verfahre so mit mir. Wenn eine Predigt des Trostes für dein Volk gehalten wird, bin ich hier, um sie zu hören: wenn die Heiligen zusammen kommen und über die köstlichen Verheißungen reden, und sich daran freuen, so bin ich hier, schaue auf und wünsche, ich wäre unter ihnen, und nun Herr, da du mich gnädig dein Wort hast hören lassen, willst du mich nun verwerfen, da ich es anzunehmen wünsche? Zu welchem Ende und Zweck hast du mich so nahe gebracht, oder bist du vielmehr so nahe gekommen, wenn du mich doch verstoßen willst? Ein Hund bin ich, aber ich bin ein Hund unter dem Tische. Es ist eine Gunst, wenn man unter den Kindern sein darf, selbst wenn ich nur zu ihren Füßen liegen kann. Ich bitte dich, guter Herr, da mir nun verstattet ist, aufzuschauen und um deinen Segen zu bitten, verwirf mich nicht.“ Mir scheint, dies war ein starker Grund für die Frau und sie gebrauchte ihn gut.

Darnach machte sie das Verhältniß geltend, in dem sie stand und das ihr Muth gab. „Ja, Herr,“ sagt sie, „ich bin ein Hund, aber die Hunde essen die Brosamen, die von ihrer Herren Tische fallen.“ Seht das Gewicht, das Matthäus darauf legt: „von ihrer Herren Tische.“ „Ich kann nicht sagen, daß du mein Vater bist, ich kann nicht aufblicken und das Vorrecht eines Kindes in Anspruch nehmen, aber du bist mein Herr, und Herren füttern ihre Hunde, sie geben wenigstens die Brosamen den Hunden, die sie als ihre Herren anerkennen.“ Die Bitte gleicht sehr derjenigen, die dem rückkehrenden verlorenen Sohne sich aufdrängte. Er dachte, daß er zu seinem Vater sagen wollte: „Mache mich als einen deiner Tagelöhner,“ nur war sein Glaube viel schwächer, als ihrer. „Herr wenn ich nicht in dem Kindesverhältniß zu dir stehe, so bin ich doch dein Geschöpf; du hast mich gemacht und ich blicke auf zu dir und flehe dich an, mich nicht umkommen zu lassen: wenn ich dich bei nichts Anderem halten kann, so doch wenigstens dabei, daß ich dir hätte dienen sollen und deshalb bin ich dein Diener, obgleich ein entlaufener. Ich gehöre dir wenigstens an nach dem Bund der Werke, wenn nicht nach dem der Gnade, und o, da ich dein Diener bin, verstoße mich nicht ganz. Ich bin jedenfalls durch die Schöpfung dein Eigenthum; o, sieh auf mich und segne mich. Die Hündlein essen, was von ihrer Herren Tische fällt, laß mich dasselbe thun.“ Sie faßt das Verhältniß eines Hundes zu seinem Herrn auf und bringt es mit glücklichem Scharfsinn zur Geltung, den wir wohl thun, nachzuahmen.

Bemerkt ferner, sie beruft sich auf ihre Verbindung mit den Kindern. Hier muß ich euch sagen, daß es Schade ist, daß die Uebersetzung nicht ganz klar den eigentlichen Kern der Stelle darlegt. Sie bat für ihr Töchterlein; und unser Herr sprach zu ihr: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brod nehme und werfe es vor die Hündlein.“ Das Wort ist ein Diminutiv und das Weib blieb dabei stehen. Das Wort „Hund“ hätte ihr nicht halb so gut gepaßt, als das Wort „Hündlein,“ sie sagte nun: „Ja, Herr, doch die Hündlein essen von den Brosamen.“ Im Morgenlande kommt in der Regel der Hund nicht in’s Haus; die Hunde werden als schmutzige Geschöpfe angesehen und streifen unversorgt und halb wild umher. Das Christenthum hat den Hund erhoben und ihn zum Gefährten des Menschen gemacht, wie es die ganze thierische Schöpfung heben wird, bis die Abscheulichkeiten der Zergliederung lebender Thiere und die Grausamkeiten der rohen Leute Dinge sein werden, von denen man nur noch als Entsetzlichkeiten eines vergangenen barbarischen Zeitalters hört. Im Morgenland steht der Hund auf sehr niedriger Stufe, irrt auf der Straße umher, sucht seine elende Nahrung und ist an Gemüthsart wenig besser, als ein etwas gezähmter Wolf. Deshalb nehmen die Erwachsenen im Orient die Hunde nicht zu Gefährten, sie haben ein Vorurtheil gegen dieselben, aber Kinder sind nicht so thöricht, und verkehren deshalb mit den kleinen Hunden. Der Vater will den Hund nicht in der Nähe haben, aber das Kind sucht sich ein Hündlein, um damit zu spielen; so kommt der junge Hund unter den Tisch und wird um des Kindes willen im Hause geduldet. Das Weib scheint mir ihren Beweis so zu führen: „Du hast mich und meine Tochter Hündlein genannt, aber die Hündlein sind unter der Kinder Tische; sie gesellen sich zu den Kindern, wie ich heute mit deinen Jüngern gewesen bin. Wenn ich nicht zu ihnen gehöre, so habe ich doch mich zu ihnen gesellt, und würde froh sein, unter ihnen zu sein.“ Wie herzlich wünsche ich, daß irgend eine arme Seele dies ergreifen möge und sprechen: „Herr, ich kann nicht beanspruchen, eins deiner Kinder zu sein, aber ich liebe es, unter ihnen zu sitzen, denn ich bin niemals glücklicher, als wenn ich mit ihnen bin. Zuweilen beunruhigen und quälen sie mich, wie kleine Kinder ihre Hündlein kneifen und ihnen wehe thun, aber oft sprechen sie freundlich und tröstlich mit mir und beten für mich und wünschen mein Heil; so, Herr, wenn ich nicht ein Kind bin, so nennst du mich doch ein Hündlein; das bin ich, aber verfahre mit mir, wie mit einem Hündlein, gieb mit den Brosamen der Gnade, den ich suche.“

Die Beweisführung geht weiter, denn das Hündlein isset von den Brosamen der Kinder mit der vollen Einwilligung des Kindes. Wenn ein Kind ein Hündlein hat, um damit zu spielen, was thut es dann beim Essen? Nun, natürlich, es giebt dem Hund dann und wann einen kleinen Bissen und das Hündchen erlaubt sich große Freiheiten und nimmt sich so viel es darf. Wenn ein kleiner Hund bei den Kindern während der Mahlzeit ist, so bekommt er sicherlich Krumen von dem einen oder anderen seiner Schulkameraden; und Niemand hat etwas dagegen, daß er so viel ist, wie er kann. So scheint das Weib zu sprechen: „Herr, da sind die Kinder, deine Jünger; sie behandeln mich nicht besonders; kleine Kinder behandeln die kleinen Hunde nicht immer so freundlich, wie sie könnten; aber doch, Herr, auch sie wünschen, daß ich den Segen erhalte, den ich suche. Sie haben ein volles Theil in dir; sie haben deine Gegenwart; sie haben dein Wort: sie sitzen zu deinen Füßen; sie haben alle Arten geistlicher Segnungen erhalten: ich bin gewiß, sie können mir ein so viel geringeres Gut nicht mißgönnen; sie willigen ein, daß der Teufel aus meiner Tochter ausgetrieben werde, denn diese Segnung ist nur ein Brosamen, verglichen mit dem, was sie haben. So, Herr, beantworte ich deine Entgegnung. Du sagst, es sei nicht fein, ehe die Kinder satt sind, den Hunden das Brod zu geben, aber Herr, die Kinder sind satt und ganz willig, mich mein Theil haben zu lassen, sie sind damit einverstanden, mir die Brosamen zu erlauben, willst du sie mir nicht geben?“

Ich denke, es war ein anderer zwingender Punkt in ihrem Flehen: es war dies, die Fülle des Vorrathes. Sie hatte großen Glauben an Christum und glaubte große Dinge von ihm und deshalb sprach sei: „Herr, es ist nicht viel Kraft in dem Grund, den du anführst, wenn du beweisen willst, daß ich nicht das Brod haben soll aus Furcht, es sei nicht genug da für deine Kinder, denn du hast so viel, daß selbst, während deine Kinder gespeist werden, die Hunde die Brosamen bekommen können und doch noch genug für die Kinder bleibt.“ An eines Armen Tische, der keine Brosamen verlieren kann, sollten keine Hunde geduldet werden; aber an eines Königs Tische, wo das Brod wenig geachtet wird und die Kinder sitzen und sich satt essen, da mag es den Hündlein erlaubt sein, unter dem Tische den bloßen Abfall zu essen, - nicht das Brod, was der Herr herunter wirft, sondern die Brosamen, die zufällig fallen, deren sind so viele, daß genug für die Hunde da ist, ohne daß die Kinder eines Mund volls beraubt werden. „Nein, Herr,“ sagte sie „ich möchte nicht, daß du deinen Kindern das Brod nähmest, Gott verhüte, daß so etwas meinetwegen geschähe; aber es ist genug für deine Kinder da in der überfließenden Liebe und Gnade, und doch noch genug für mich, denn alles, warum ich bitte, ist nur ein Brosamen, verglichen mit dem, was du täglich Anderen verleihest.“

Nun, hier ist der letzte Punkt, in dem ihre Beweisführung stark war. Sie betrachtete die Dinge von Christi Standpunkt aus. „Wenn, großer Herr,“ sagte sie, „du mich als einen Hund ansiehst, dann siehe, ich nehme dich demüthig bei deinem Wort und sage, daß wenn ich ein Hund für dich bin, dann ist die Heilung meiner Tochter nur ein Brosamlein für deine große Macht und Güte.“ Sie brauchte auch ein Verkleinerungswort und sagte: „ein Brosamlein.“ Die Hündlein essen von den Brosamlein, die von der Kinder Tische fallen. Was für ein kühner Glaube war dies! Sie schätzte die Gnade, die sie suchte, über alles; ihr war sie zehntausend Welten werth, aber doch wußte sie, daß es für den Sohn Gottes ein bloßer Brosamen sei, so reich ist er an Kraft, zu heilen und so voll Güte und Segen. Wenn ein Mensch einem Hunde einen Brocken giebt, so hat er etwas weniger, aber wenn Jesus dem größten Sünder Gnade giebt, so hat er darum nicht weniger, er ist gerade so reich an Herablassung und Gnade und Macht, zu vergeben, als zuvor. Die Beweisführung des Weibes war sehr zwingend. Sie war eben so klug, als eifrig und, was das Beste war, sie glaubte wundervoll.

Ich werde diesen Umriß ihrer Beweisführung beenden, indem ich sage, daß im Grunde das Weib Beweise vorbrachte, die dem ewigen Rathschluß Gottes gemäß waren; denn, was war des Herrn große Absicht, indem er den Kindern das Brod gab oder in andern Worten, indem er Israel eine göttliche Offenbarung sandte. Nun, es war stets sein Rathschluß, daß durch die Kinder die Hunde das Brod erhalten sollten; daß durch Israel das Evangelium den Heiden gebracht werden sollte. Es war immer sein Plan gewesen, sein eignes Erbtheil zu segnen,. daß sein Weg auf Erden bekannt würde, unter allen Völkern sein Heil; und dieses Weib kam irgendwie, durch göttlichen Instinkt, auf diese göttliche Methode. obgleich sie das Geheimniß nicht entdeckt, wenigstens wird uns das nicht mit klaren Worten gesagt, doch war dies die innewohnende Kraft ihrer Beweisführung. In anderen Worten lautete sie so – „durch die Kinder sollen die Hunde gespeist werden; Herr, ich bitte dich nicht, aufzuhören, den Kindern ihr Brod zu geben; ich bitte nicht einmal, der Kinder Mahl zu beschleunigen; laß sie erst gespeist werden; aber während sie essen, laß mich die Brocken haben, die aus ihren wohlgefüllten Händen fallen und ich will zufrieden sein.“ Dies ist ein starker Grund zu deinen Gunsten, armer kommender Sünder. Ich lasse ihn in deinen Händen und bitte den Geist Gottes, dir zu helfen, ihn zu brauchen und wenn du ihn richtig anwendest, so wirst du noch diesen Tag bei dem Herrn obsiegen.

IV.

Unser letzter und Schlußtheil ist dies: Der Glaube gewinnt seine Sache. Dieses Weibes Glaube gewann zuerst ein Lob für sich selbst. Jesus sagte: „O Weib, dein Glaube ist groß.“ Sie hatte nichts von den Weissagungen in Betreff Jesu gehört; sie war nicht geboren und aufgewachsen und erzogen auf eine Art, die es wahrscheinlich machte, daß sie gläubig würde, und doch ward sie eine Gläubige ersten Ranges. Es war wunderbar genug, aber die Gnade hat ihre Lust daran, Wunder zu thun. Sie hatte den Herrn nie vorher in ihrem Leben gesehen, sie war nicht wie die, welche viele Monate lang seine Gefährten gewesen: und doch gewann sie durch Einen Blick auf ihn solchen großen Glauben. Es war erstaunlich, aber die Gnade Gottes ist immer erstaunlich. Vielleicht hatte sie nie früher ein Wunder gesehen: alles, worauf ihr Glaube ruhte, war, daß sie in ihrem eignen Lande gehört hatte, der Messias der Juden sei gekommen, und sie glaubte, der Mann von Nazareth sei es und darauf verließ sie sich. O Brüder, mit all’ unseren Vorzügen, mit den Gelegenheiten, die wir haben, das ganze Leben Christi zu kennen und die Lehren des Evangeliums zu verstehen, wie sie uns im Neuen Testament offenbart sind, mit vielen Jahren der Beobachtung und Erfahrung, sollte unser Glaube viel stärker sein, als er es ist. Beschämt uns nicht dieses arme Weib, wenn wir sie mit ihren geringen Vorrechten dennoch so stark im Glauben sehen, daß Jesus selber lobend spricht: „O Weib, dein Glaube ist groß.“

Aber ihr Glaube siegte noch weiter, er gewann ein Lob für die Weise seines Handelns, denn nach Marcus sagt Jesus: „Um des Wortes willen, so gehe hin, der Teufel ist von deiner Tochter ausgefahren;“ als wenn er das Wort ebensowohl belohnte, wie den Glauben, der es eingab. Er hatte solche Freude an der weisen und klugen, demüthigen und doch muthigen Art, in der sie seine Worte gegen ihn selber wandte, daß er sprach: „Um des Wortes willen ist der Teufel von deiner Tochter ausgefahren.“ Der Herr, welcher den Glauben lobt, lobt nachher die Früchte und Thaten des Glaubens. Der Baum weihet die Frucht. Keines Menschen Handlungen können von Gott angenommen werden, bis er selber angenommen ist, aber da dies Weib um ihres Glaubens willen angenommen war, so waren die Folgen ihres Glaubens auch dem Herzen Jesu lieb.

Das Weib erhielt auch ihren Wunsch: „Der Teufel ist von deiner Tochter ausgefahren,“ und er fuhr sogleich aus. Sie hatte nur heimzugehen und fand ihre Tochter auf dem Bette liegend, und still ruhend, was sie nicht gethan, seit sie von dem Dämon besessen war. Unser Herr gab ihr, als er ihr den Wunsch ihres Herzens gab, denselbigen in großartiger Weise, er gab ihr eine Art carte blanche und sprach: „Dir geschehe, wie du willst.“ Es war, als wenn der Herr der Herrlichkeit sich auf Gnade und Ungnade den sieghaften Glaubenswaffen eines Weibes ergäbe. Der Herr verleihe euch und mir in allen Zeiten unseres Kampfes, fähig zu sein, so durch den Glauben zu überwinden, und wir können uns nicht vorstellen, wie groß die Beute sein wird, die wir vertheilen werden, wenn der Herr spricht: „Dir geschehe, wie du willst.“

Der Schluß von allem diesem ist: Dieses Weib ist eine Lehre für alle Draußenstehenden, alle die sich außerhalb des Bereiches der Hoffnung wähnen, für euch, die ihr nie angehalten worden, das Haus Gottes zu besuchen, die vielleicht die Religion so ziemlich ihr ganzes Lebenlang vernachlässigt haben. Dies arme Weib ist eine Sidonerin; sie kommt aus einem Stamm, der viele Jahrhunderte vorher zum Sterben verurtheilt war, Eine von dem verfluchten Samen Canaans, und trotz all' dessen ward sie groß im Himmelreich, weil sie glaubte, und es giebt keinen Grund, warum nicht die, welche als ganz außerhalb der Kirche Gottes betrachtet werden, so recht in ihrem Mittelpunkt stehen sollten und die brennendsten und scheinendsten Lichter des Ganzen werden. O, ihr armen Ausgestoßenen und weit Entfernten, schöpft Muth und Trost und kommt zu Jesu Christo und überlaßt euch seiner Hand.

Dieses Weib ist darnach auch ein Beispiel für alle, die meinen, in ihrem Streben nach dem Heil abgewiesen zu sein. Hast du gebetet, und keinen Erfolg gesehen? Hast du den Herrn gesucht und scheinst du unglücklicher, als je? Hast du Versuche zur Aenderung und Besserung gemacht und geglaubt, du machtest sie in der Kraft Gottes und sind sie fehlgeschlagen? Glaube dennoch an ihn, dessen Blut nicht seine Wirksamkeit verloren hat und dessen Verheißung nicht ihre Wahrheit verloren hat und dessen Arm nicht seine Kraft, selig zu machen, verloren hat. Umfasse das Kreuz, Sünder. Wenn die Erde unter dir sinkt, umfasse es doch; wenn Stürme toben und alle Fluthen rauschen und Gott selber gegen dich scheint, umfasse das Kreuz. Da ist deine Hoffnung. Du kannst da nicht verderben.

Dies ist ferner eine Lehre für Jeden, der Fürbitte thut. Dies Weib bat nicht für sich selbst, sei bat für eine Andere. O, wenn ihr für einen Mitsünder betet, thut es nicht in kaltherziger Weise: fleht für ihn, wie für eure eigne Seele und euer eignes Leben. Derjenige wird als ein Fürbittender bei Gott obsiegen, der im hohen Ernste die Sache auf seinem Herzen trägt, sie zu seiner eignen macht und mit Thränen eine Friedensantwort sucht.

Zuletzt, erinnert euch, daß dieses mächtige Weib; dieses herrliche Weib eine Lehre für jede Mutter ist, denn sie flehte für ihre kleine Tochter. Der mütterliche Instinkt macht die Schwächsten stark und die Schüchternsten tapfer. Selbst unter den armen Thieren und Vögeln, wie mächtig ist einer Mutter Liebe. Das arme kleine Rothkehlchen, das beim Nahen eines Fußtrittes erschreckt, sitzt auf seinem Neste, wenn der Eindringling sich nähert, falls seine Jungen in Gefahr sind. Einer Mutter Liebe macht sie heldenmüthig für ihr Kind; so, wenn ihr Gott anflehet, fleht, wie einer Mutter Liebe es euch eingiebt, bis der Herr auch zu euch spricht: „O Weib, dein Glaube ist groß, der Teufel ist von deiner Tochter ausgefahren; dir geschehe, wie du willst.“ Ich überlasse diesen letzten Gedanken Eltern als Ermuthigung zum Beten. Der Herr wecke euch dazu auf, um Jesu willen. Amen.

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