Spurgeon, Charles Haddon - Die Heiligen im Himmel und auf Erden - Eine Familie

„Die ganze Familie im Himmel und auf Erden.“
Epheser 3,15

„Der der rechte Vater ist über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ Epheser 3,15

(„Den Vater unseres Herrn Jesu Christi, von dem die ganze Familie im Himmel und auf Erden benannt wird.“ engl. Übers.)

Verlust der lieben Unseren durch den Tod ist eines der schmerzlichsten Leiden dieses sterblichen Lebens. Gott gestattet uns, diejenigen zu lieben, die er uns gibt, und unser Herz rankt sich so gerne um dieselben, und wenn die geliebten Personen uns plötzlich durch den Tod entrissen werden, so verwundet dies unsere zartesten Gefühle. Es ist nicht sündlich, wenn wir den Hingang unserer Freunde beklagten, denn Jesus weinte; es würde unnatürlich und unmenschlich sein, wenn wir um die Abgeschiedenen nicht trauerten, wir würden gefühlloser sein, als die Tiere des Feldes. Der Stoiker ist kein Christ und sein Gemüt ist sehr verschieden von dem weichen Herzen Jesu.

Je besser der Freund, desto größer unser Kummer bei seinem Verlust, obgleich dann auch reichere Quellen des Trostes vorhanden sind. Die Trauer um Josia war sehr groß, weil er ein so guter Fürst war. Weil Stephanus so voll des heiligen Geistes war und so kühn in der Verteidigung des Glaubens, „beschickten ihn gottesfürchtige Männer und hielten eine große Klage über ihn.“ Tabitha wurde beweint und betrauert wegen ihrer tätigen Sorge für die Armen. Wären sie nicht wahre Heilige gewesen, so wäre die Trauer nicht so groß gewesen; und doch, wären sie gottlos gewesen, so würde viel mehr Ursache zum Wehklagen gewesen sein. Brüder, wir können heute nicht anders, als trauern, denn der Herr hat eine Schwester hinweggenommen, eine wahrhafte Dienerin der Kirche (Mrs. Bartlett, die Vorsteherin der großen, weiblichen Bibelklasse im Tabernakel. A. d. V.), eine Frau, die sich ganz dem Herrn weihte, die er vor Vielen begnadigte, und der er viele Kronen der Freude gab; und wir können nicht umhin, nur desto mehr zu trauern, weil eine so liebevolle „Mutter in Israel“ entschlafen ist, ein so segensreiches Leben geschlossen, eine so ernste Stimme nun verstummt ist. Ich habe heute von meiner Seite eine der treuesten, eifrigsten und wirksamsten Hilfen verloren und die Kirche hat eins ihrer nützlichsten Mitglieder verloren.

Geliebte, wir haben Trost nötig, laßt uns ihn suchen, wo er gefunden werden kann. Ich bitte, daß wir diese Quelle unsers Kummers nicht mit unserm natürlichen, sondern mit unserm geistlichen Auge anschauen mögen. Die äußern Dinge sind für das natürliche Auge und aus diesem Auge pressen sie manche heiße Träne, denn in dem natürlichen Leben ist der Mensch der Erbe des Schmerzes; aber es gibt ein innerliches und geistliches Leben, welches Gott dem Gläubigen gegeben hat, und dies Leben hat ein innerliches Auge und vor diesem innern Auge stellen sich andere Auftritte dar, als die Sinne wahrnehmen können. Gebt diesem geistlichen Gesichte jetzt Raum. Verschließt eure Augen, so weit eure Tränen euch gestatten, vor den sichtbaren Dingen, denn sie sind zeitlich und schattenhaft, und blickt auf die ewigen, verborgenen, zu Grunde liegenden Wahrheiten, denn diese sind Wirklichkeiten. Schaut unverwandt aufs Unsichtbare, und der Text, meine ich, gibt uns etwas zu schauen, das uns Trost bringen kann. Die Heiligen im Himmel, obgleich anscheinend von uns getrennt, sind in Wirklichkeit Eins mit uns. Obgleich der Tod Lücken in der Gemeinde Gottes gemacht zu haben scheint, ist sie doch tatsächlich ganz und vollkommen; obgleich die Bewohner des Himmels und die Gläubigen auf Erden zwei verschiedene Ordnungen von Wesen scheinen, sind sie in Wahrheit doch „Eine Familie.“

„Singt, ihr Heiligen auf Erden
Mit den Sel'gen in der Herrlichkeit,
Die unsers Königs Knechte werden,
Sind alle Eins in Ewigkeit.“

So singt der Dichter. Unser Text sagt uns, daß eine „ganze Familie“ da ist; er spricht weder von einer zerrissenen Familie, noch von zwei Familien, sondern von der „ganzen Familie im Himmel und auf Erden.“

Es ist noch immer ein ungeteilter Haushalt, ungeachtet aller Gräber, die auf dem Kirchhof sich an einander drängen. Auf diesen Gedanken will ich eure Aufmerksamkeit richten, in der Hoffnung, daß ihr dadurch in die „Eine Gemeinschaft“ eintretet, in welcher die Heiligen droben mit den Heiligen hienieden verknüpft sind. Ich fordre euch auf, die Bande zu betrachten, die uns mit denen verbinden, die uns vorauf gegangen sind und die unauflösliche Verwandtschaft in Christo, die uns eben so sehr wie früher in Einer heiligen Einheit hält.

I.

Zuerst, laßt uns die einzelnen Punkte in diesem großen Familienverein betrachten. In welcher Hinsicht ist das Volk unsers Gottes im Himmel und auf Erden Eine Familie? Wir antworten, in sehr vieler; denn ihre Familienverwandtschaft ist so alt, so sicher und so alles Andere überragend, daß sie auf sehr viele verschiedene Weisen wahrgenommen wird.

Laßt uns zuerst bemerken in Betreff derer im Himmel und auf Erden, die der Herr lieb hat, daß ihre Namen alle in Einem Familienregister stehen. Jenes geheimnisvolle Buch, welches kein Auge gesehen hat, enthält die Namen all seiner Auserwählten. Sie werden einer nach dem andern geboren, aber sie sind im gleichen Zeitpunkt auserwählt; durch Einen Ratschluß von der übrigen Menschheit ausgesondert, durch Eine Erklärung „Sie sollen mein sein,“ auf ewig dem Allerhöchsten geheiligt. „Gelobet sei Gott und der Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns gesegnet hat mit allerlei geistlichem Segen in himmlischen Gütern, durch Christum: wie er uns denn erwählet hat durch denselbigen, ehe der Welt Grund geleget war, daß wir sollten sein heilig und unsträflich vor ihm in der Liebe. Und hat uns verordnet zur Kindschaft gegen ihn selbst, durch Jesum Christ, nach dem Wohlgefallen seines Willens, zu Lobe seiner herrlichen Gnade, durch welche er uns hat angenehm gemacht in dem Geliebten.“ Wir lieben es, unsre eignen Familienregister zu halten; wir blicken gern zurück auf die Stelle, wo unsre Eltern unsern Namen mit denen unsrer Geschwister niederschrieben. Laßt uns durch den Glauben jenes große Buch des Lebens anschauen, wo alle Namen der Erlösten unauslöschlich eingeschrieben stehen von der Hand der ewigen Liebe, und wenn wir jene geliebten Namen lesen, laßt uns daran gedenken, daß sie alle Ein Verzeichnis ausmachen. Die Heiligen der neuen Zeiten stehen auf derselben Seite wie die Heiligen des Alten Testamentes, und die Namen der Schwächsten unter uns sind von derselben Hand eingetragen, welche die Apostel und Märtyrer einschrieb. Wir glauben zuversichtlich, daß Mrs. Bartlett's Name in demselben Buche sich findet, das den deinigen enthält, meine Schwester, obgleich du eine der geringsten Töchter des Herrn bist. „Wie ihr auch berufen seid auf Einerlei Hoffnung eures Berufs,“ so seid ihre alle einbegriffen in der Einen Wahl der Gnaden.

Die Heiligen droben und hienieden sind also Eine Familie in dem Bunde, in dem „alles wohl geordnet und gehalten“ (2. Samuel 23,5) ist, der mit ihnen gemacht ward in der Person ihres Einen großen Bundeshauptes, des Herrn Jesus Christus. Auf traurige Weise Eins sind alle Glieder des menschlichen Geschlechts in unserm ersten Vater Adam, denn in Adam fielen wir Alle. Wir fühlen, daß wir Eine Familie sind, in dem Schweiß des Angesichts, der uns Allen gemeinsam ist, der gemeinsamen Neigung zur Sünde und dem Tode, dem wir Alle unterworfen sind: aber hier ist der zweite Adam und Alle, die durch ihn vertreten werden, sind ganz gewiß Eine Familie unter ihm, dem hochgelobten Haupte. Was Jesus vollbracht hat, war für sein ganzes Volk getan; seine Gerechtigkeit ist die ihre, sein Leben ist ihres, sein ewiges Leben ist die Quelle und die Gewähr für ihre nie endende Seligkeit.

„Mit ihm, dem Haupt, ich stehe oder fall'
Mein Leben, meine Bürgschaft und mein All'.“

Laßt uns daran denken, wie nahe wir einander sind, denn wir sind in Wahrheit den Heiligen im Himmel näher, als den Gottlosen, unter denen wir weilen. Wir sind unter Einem Bundesoberhaupt mit den vollkommenen Gerechten, aber nicht mit den Unwiedergeborenen. Wir sind Mitbürger der Seligen, aber wir sind Fremde und Pilger unter den Weltlingen. Jesus Christus ist unser Vertreter, wie er der Vertreter der Vollendeten in jener alten Ewigkeit war, als der Bund unterzeichnet ward und in jener Stunde, als die Bundesbedingungen am blutigen Kreuze erfüllt wurden und er vertritt uns mit den Verklärten auch noch, da er das Erbe im Namen all seiner Auserwählten in Besitz nimmt und in der Herrlichkeit weilt, die er für seine Eine Gemeinde bereitet.

Es ist süß, daran zu gedenken, daß allen Heiligen im Himmel und auf Erden die Bundesverheißungen mit demselben Siegel versichert sind. Ihr kennt das Bundessiegel; euer Auge weilt mit Wonne auf demselben, es ist das Opfer des blutenden Lammes. Und was anders, meine Brüder, ist der Grund für die Sicherheit der Heiligen droben, als der Bund göttlicher Gnade, versiegelt und bestätigt durch das Blut des Sohnes Gottes? Wir freuen uns zu sehen, daß der heilige Geist in der Epistel an die Hebräer in Verbindung mit den Geistern der vollkommenen Gerechten Jesum, den Mittler des neuen Bundes, nennt und das Blut der Besprengung, das da besser redet, denn Abels. Die Verheißung und der Eid Gottes, diese „zwei Stücke, die nicht wanken,“ denn es ist unmöglich, daß Gott lüge, sind allen Erben der Verheißung gegeben, ob sie streitend oder triumphierend sind und zu ihnen allen hat der Herr gesprochen: „Ich will ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein.“ Gepriesen sei sein Name, das Blut, welches der Grund unsrer Hoffnung auf den Himmel ist, bürgt den Vollendeten dafür, daß sie in ihrer Seligkeit bleiben werden. Sie sind dort, als die, welche „sind erkauft aus den Menschen,“ was auch wir heutigen Tages sind. Dasselbe Blut, das ihre Kleider helle gemacht, hat auch uns von aller Sünde gereinigt.

Die Familie im Himmel und auf Erden wird ferner deutlich als Eine erkannt, wenn ihr daran denkt, daß alle von demselben Vater geboren sind, ein Jeder zu seiner Zeit. Jede Seele im Himmel hat die Neugeburt empfangen, denn was vom Fleische geboren ist, kann nicht ein geistliches Reich erben, und deshalb sind selbst Kindlein, die von dem Schoße und der Brust hinweg gerissen wurden, ehe sie in wirkliche Sünde gefallen waren, nur durch die Wiedergeburt in den Himmel gekommen. Alle dort, ob sie ein hohes Alter erreicht oder in der Kindheit starben, sind wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung, durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten, und sind in ihr himmlisches Wesen hineingeboren, nicht von dem Geblüt, noch von dem Willen des Fleisches, noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott.

Die Natur aller Wiedergebornen ist die gleiche, denn in allen ist es der lebendige und unvergängliche Same, der da lebet und bleibet auf ewig. Dieselbe Natur ist in den Heiligen droben wie in den Heiligen hienieden. Sie werden die Kinder Gottes genannt und wir auch; sie haben ihre Freude an der Heiligkeit und wir haben das auch, sie sind aus der Gemeinde der Erstgebornen, wir auch; ihr Leben ist das Leben Gottes und unser auch; Unsterblichkeit pulsiert in unsern Geistern ebenso wohl wie in ihren. Noch ist nicht, das gebe ich zu, der Körper unsterblich gemacht, aber in Betreff unsers wahren Lebens, da wissen wir, wer gesagt hat: „Wer da lebet und glaubet, der wird nimmermehr sterben.“ Steht nicht geschrieben: „Ihr seid teilhaftig geworden der göttlichen Natur, so ihr fliehet die vergängliche Lust der Welt?“ Ich meine, es gibt keine höhere Natur, als die göttliche und diese, heißt es hier, ist den Heiligen hier auf Erden verliehen. Das neue Leben im Himmel ist mehr entwickelt und reifer; es hat auch den Staub von sich geschüttelt und seine schönen Kleider angelegt, doch ist es dasselbe. In dem Sünder, der gestern erst für Gott geboren ward, ist ein Funke desselben Feuers, das in der Brust des Seligen dort oben brennt. Christus ist in den Vollendeten und derselbe Christus ist in uns, denn wir sind „Alle von einem,“ und er nennt uns Brüder. Von demselben Vater gezeugt, in dieselbe Natur hineingeboren, mit demselben leben, das uns belebt, - sind wir nicht Eine Familie? O, nur eine kleine Veränderung ist nötig in dem Heiligen hienieden, um ihn zu einem Heiligen droben zu machen. So leicht ist die Verwandlung, daß sie in Einem Augenblick vollendet ist. „Außer dem Leibe und daheim bei dem Herrn“ Das werk ist soweit vorgeschritten, daß dem Meister nur übrig bleibt, den letzten Pinselstrich hinzu zu fügen und wir sind für die Herrlichkeit bereit und gehen ein in die Himmelsruhe mit einer Fähigkeit, Freude zu empfinden, die eben so für den Himmel paßt wie die Fähigkeit derer, die diese tausend Jahre über da gewesen sind.

Wir sind ferner Eins, Brüder, weil alle Heiligen, ob im Himmel oder auf Erden, derselben göttlichen Liebe teilhaftig sind. „Der Herr kennt die Seinen,“ nicht bloß die im Himmel, sondern auch die auf Erden. Gott kennt das dürftige, mit Armut kämpfende Kind Gottes ebenso gut, wie jenen glänzenden Sänger, der in den goldenen Gassen einhergeht. „Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten und seine Ohren hören auf ihr Geschrei.“ Ich sage dir, du zitterndes Weib, die du dich demütig auf deinen Heiland verlässest, das du von Gott eben so wahrhaft geliebt wirst wie Abraham, Isaak und Jakob, die in der Herrlichkeit an seinem Tische sitzen. Die Liebe Gottes zu seinen Kindern wird durch den Zustand derselben nicht verändert, so daß er die im Himmel mehr liebte und die auf Erden weniger. Gott behüte. Ihr, die ihr doch arg seid, seid nicht so parteiisch, all eure Liebe auf einen Sohn zu übertragen, der in der Welt gut fortgekommen ist, und keine für einen anderen zu haben, welcher die Bürde der Armut trägt. Unser großer Vater liebt die Welt seiner Erwählten mit einer Liebe, die alles Denken übersteigt und hat sich einem Jeden von ihnen gegeben, um jedes Einzelnen Teil auf ewig zu sein. Was kann er mehr für die im Himmel tun? Was hat er weniger für uns auf Erden getan? Jesus hat die Namen all seiner Erlösten in seine Hände und in sein Herz gezeichnet und liebt sie alle aufs Vollkommenste. Wenn sie denn Alle im Busen Gottes weilen als die Geliebten seiner Seele, sind sie nicht in der Tat Eine Familie?

Wie sie alle die gleiche Liebe erhalten, so sind sie Alle Erben der gleichen Verheißungen und desselben herrlichen Erbteils. Ich wage kühn zu sagen, daß mir als Einem, der an Christum glaubt, der Himmel ebenso so sehr gehört, wie dem Paulus oder Petrus; diese sind da und erfreuen sich seiner und ich erwarte, ihn zu erhalten, denn ich habe dieselben Gerechtsame, wie sie, und als ein Erbe Gottes und Miterbe Christi, ist mein Erbe so groß und so sicher, wie das ihrige. Ihr einziges Anrecht auf den Himmel lag in der Gnade Gottes, die sie zum Glauben an Jesus führte; und wenn die Gnade auch uns dahin geführt hat, an Jesum zu glauben, so ist unser Recht auf die ewige Herrlichkeit dasselbe, wie ihres. O, Kind Gottes, denke nicht, der Herr hätte einige ausgesuchte und ganz besondere Güter für einige Wenige in seinem Volke zurückbehalten - Alles ist teuer. Das Land ist vor dir, eben das Land, in dem Milch und Honig fließt, und das ganze Land ist dein, obgleich du weniger als der geringste der Heiligen sein magst. Die Verheißung ist allem Samen sicher und der ganze Same hat Anteil daran. Denkt an jene schöne Stelle: „Wenn Kinder, dann Erben, Erben Gottes, Miterben Christi - nicht: wenn verwachsene Kinder, nicht: wenn wohlentwickelte Kinder, nicht: wenn starke, kräftige Kinder, sondern „wenn Kinder“, das ist alles; die Wiedergeburt beweist, daß ihr Erben seid und gleich Erben, denn es kann kein Unterschied in dem Erbrecht sein, wenn sie alle Erben Gottes und Miterben Jesu Christi sind. Wollt ihr daran denken, ihr, die ihr klein in Israel seid? Ihr, die ihr den Benjaminiten gleichsteht, wollt ihr euch hinsetzen und darüber nachdenken? Du bist einer aus derselben Familie wie jene glänzenden Geister, die wie die Sterne auf ewig und ewig scheinen, und ihr Erbteil ist auch deins, obgleich du noch nicht volljährig bist und wie ein Unmündiger warten mußt, bis du von Lehrern und Erziehern herangebildet und für den Himmel erzogen bist. Du bist ein Fürst, obgleich jetzt noch ein Kind; einer von des Erlösers Königen und Priestern, noch ungekrönt; wartend, wartend, aber doch des Erbes sicher; wartend, bis der Morgen anbricht und die Schatten fliehen, aber gewiß, daß am Morgen die so lange aufbewahrte Krone des Lebens hervorgebracht werden wird und auch du mit Jesus auf seinem Throne sitzen wirst.

So könnte ich fortfahren, die Punkte zu zeigen, in welchen die Heiligen droben und hienieden verwandt sind, aber dieser letzte muß genügen.

Sie sind alle Glieder Eines Leibes, und sind einander notwendig zur Vervollständigung. Die Epistel an die Hebräer sagt uns von den Heiligen droben, daß „sie nicht ohne uns vollendet werden.“ Wir sind, so zu sprechen, die untern Glieder des Leibes, aber der Leib muß sowohl seine geringeren als seine höheren Glieder haben. Es kann kein vollkommener Leib sein, wenn auch nur der kleinste Teil zerstört wird. Darum ist es verkündet, daß er, wenn die Zeit erfüllet ist, alle Dinge zusammen unter ein Haupt verfassen will in Christo, beides das im Himmel und auch auf Erden ist, durch ihn selbst. Die Heiligen droben mit all ihrer Seligkeit müssen auf die Auferstehung warten, bis auch wir aus großer Trübsal heraus gekommen sind; gleich uns warten sie auf die Kindschaft, das ist die Erlösung des Leibes. Bis alle die, welche er verordnet hat, dem Ebenbild seines Sohnes gleich zu sein, ihm gleichgeformt worden sind, kann die Kirche nicht vollständig sein. Wir sind mit den Verklärten durch Bande unerläßlicher Notwendigkeit verknüpft. Wir denken, daß wir sie nicht entbehren können und das ist wahr; aber sie können uns auch nicht entbehren. „Denn gleichwie ein Leib ist und hat doch viele Glieder; alle Glieder aber eines Leibes, wiewohl ihrer viele sind, sind sie doch ein Leib, als auch Christus.“ Wie nahe bringt uns dies zusammen. Die, um welche wir trauern, können nicht weit weg sein, da wir alle „der Leib Christi sind, und Glieder, ein jeglicher nach seinem Teil.“ Auch wenn es dunkel ist, weiß meine Hand, daß das Haupt nicht sehr entfernt sein kann, eben so wenig kann der Fuß weit weg sein: Auge, Ohr, Fuß, Hand, Haupt, alle befinden sich innerhalb der Grenzen Eines Körpers; und so, wenn wir unsere teure Freundin nicht mehr sehen können, wenn wir ihre ernste Stimme nicht mehr auf Erden hören werden und ihre flehenden Tränen nicht mehr sehen, sind wir doch gewiß, daß sie nicht weit entfernt ist, und daß das Band zwischen uns keineswegs zerrissen ist, denn wir sind Glieder am Leibe unseres Herrn, von dem geschrieben steht: „Ihr sollt ihm kein Bein zerbrechen.“

So habe ich nach meinem Vermögen einige Punkte dieser Familieneinheit dargestellt; möge der heilige Geist uns geben, sie an uns selber wahrzunehmen.

II.

Laßt uns über die Unzertrennlichkeit dieser Vereinigung sprechen. „Die ganze Familie im Himmel und auf Erden,“ nicht die zwei Familien oder die geteilte Familie, sondern die ganze Familie im Himmel und auf Erden. Es scheint auf den ersten Anblick, als wenn wir durch die Hand des Todes in sehr kräftiger Weise geschieden wären. Kann es sein, daß wir Eine Familie sind, wenn unsrer Einige noch fortarbeiten und Andere unter dem grünen Rasen schlummern? Es ist eine große Wahrheit in dem Ausspruch, den Wordsworth in den Mund des kleinen Kindes legte, als er sagte: „O nein, Herr, wir sind sieben.“

„Doch sie sind tot: die zwei sind tot,
im Himmel sind die Lieben!“
Vergebens warf ich Worte hin,
Die Kleine blieb bei ihrem Sinn,
Und sprach: „Nein, wir sind sieben.“

Sollten wir nicht so von der göttlichen Familie sprechen, denn der Tod hat sicherlich keine trennende Macht in dem Haushalte Gottes. Gleich dem Apostel sind wir gewiß, daß der Tod uns nicht scheiden kann von der Liebe Gottes. Der Riß, der durch das Grab verursacht wird, ist nur scheinbar; er ist nicht wirklich, die Familie ist noch stets vereint: denn, denkt nur daran, wo immer ein Trauerfall in der Familie ist, da erleidet der Vater einen Verlust, aber ihr könnt euch nicht vorstellen, daß euer himmlischer Vater etwas verloren hat. Unser Vater, der du bist im Himmel, du hast keines deiner Kinder verloren. Wir weinten und gingen zum Grabe, aber du tatest es nicht, denn dein Kind ist nicht tot; Dein Kind ist vielmehr deinem Herzen näher gekommen, um süßere Liebesbezeugungen zu erfahren und völliger die Unendlichkeit deiner Liebe zu erkennen! Wenn eine Familie ein Kind verloren hat, so ist der älteste Bruder ein Leidtragender, denn er hat eins seiner Geschwister verloren, aber unserem ältesten Bruder ist nicht entrissen; Jesus hat keinen der Seinen verloren, nein, hat er nicht vielmehr sein erlöstes Eigentum zu sich genommen? Hat er sich nicht gefreut, sein gutes Werk in Einem vollendet zu sehen, den er liebte? Es ist keine Lücke da für den Vater und keine Lücke für den ältesten Bruder und darum muß es ein Irrtum sein, wenn wir wähnen, daß überhaupt eine Lücke da ist: Es kann nicht sein, daß der Tod unser Israel teilt; waren nicht die Stämme Ruben und Gad und Manasse Eins mit dem übrigen Israel, obgleich der Jordan zwischen ihnen floß? Es ist eine ganze Familie, dieser erlöste Haushalt im Himmel und auf Erden.

Wie wenig der Tod wirklichen Verkehr hindert, das ist uns unmöglich zu sagen. Einige anziehende, aber wertlose Bücher sind geschrieben worden in dem Vorgeben, uns die Verbindung zwischen den abgeschiedenen Geistern und uns selber zu enthüllen, aber ich hoffe, ihr werdet euch nicht in solche müßige Grübeleien hinein führen lassen. Gott hat uns dies nicht offenbart und es ist nicht unsere Sache, umher zu gehen und davon zu träumen, denn wir können uns in schwere Irrtümer hineinträumen, wenn wir einmal unsern Einbildungen nachzuhängen anfangen. Wir wissen nichts von dem Verkehr der Verklärten mit der Erde, aber wir wissen, daß alle abgeschiedenen Heiligen selig und daß sie bei Christo sind; und wenn sie bei Christo sind, so können wir nicht weit von einander sein. Wir haben Gemeinschaft mit allen Heiligen jedes Zeitalters jedes Mal wenn wir mit Gott Gemeinschaft in Christo Jesu haben. In der Vereinigung mit Jesu seid ihr gekommen zu der Stadt des lebendigen Gottes, zu dem himmlischen Jerusalem, und zu der Menge vieler tausend Engel, und zu der Gemeinde der Erstgeborenen, die im Himmel angeschrieben sind und zu den Geistern der vollkommenen Gerechten. Es ist unmöglich, unsere Gemeinschaft mit dem Volke Gottes durch die Grenzen der Sekte, Rasse, des Landes oder der Zeit einzuschränken, denn wir sind in lebendiger Einheit mit Allen. Kommt, Brüder, laßt uns denen die Hand reichen, die uns vorangegangen sind und laßt uns mit gleicher Liebe denen hier drunten die Hand reichen, welche in Kurzem zu derselben Gemeinde gehören werden. Der Tod hat einen Teil der Familie in ein oberes Zimmer geführt, aber wir sind noch immer Eine Familie: da mögen zwei Brigaden sein, aber es ist Eine Armee; wir mögen auf zwei Weiden sein, aber wir sind nur Eine Herde; wir mögen eine Weile in getrennten Wohnungen weilen, aber Eine Wohnstätte wird binnen kurzer Zeit uns Alle aufnehmen.

Als etwas, das mit dem Tode zusammenhängt, wird es noch gut sein, zu erwähnen, daß der Raum der Ganzheit der Familie Gottes keinen Abbruch tut. So weit als Geister durch den Raum beschränkt sind, muß eine große Entfernung zwischen den Heiligen im Himmel und den Heiligen auf Erden sein; aber wir sollten uns erinnern, daß der Raum, der uns sehr weit erscheint, nicht weit ist für Gott oder für geistige Wesen. Der Raum ist nur das Haus Gottes; nein, Gott umfaßt allen Raum, und der Raum ist daher nur der Schoß des Ewigen. Der Raum kann auch kaum in Anschlag gebracht werden, wenn von geistigen Wesen die Rede ist. Wir können die, welche jenseits des atlantischen Ozeans sind, lieben und Gemeinschaft mit ihnen haben mit eben so viel Leichtigkeit wie mit denen im nächsten Hause. Unsere Freunde in Australien, obgleich auf der andern Seite der Welt, sind keineswegs zu entfernt für unsere geistige Umarmung. Der Gedanke fliegt schneller als die Elektrizität; Geister trotzen dem Raum und vernichten die Entfernung; und wir vereinen uns im Geiste noch immer mit den Abgeschiedenen in unseren Lobgesängen, wenn wir mit ihnen uns unseres Herrn Jesu Christi freuen. Der Raum trennt nicht: es sind viele Wohnungen, aber sie sind alle in unseres Vaters Hause.

Und, lieben Brüder, es ist eine so große Gnade, daß die Sünde, das am meisten Trennende von allem, uns nicht scheidet; denn wir sind nahe gebracht durch das Blut Christi. Denken wir an jene glänzenden Geister vor dem Throne, so scheinen sie von einer höheren Art als wir zu sein, und wir sind halb versucht, ihnen zu Füßen zu fallen; aber dies Gefühl wird uns verwiesen, wie dem Johannes, durch die Stimme, die sprach: „siehe zu, tue es nicht, denn ich bin dein Mitknecht, und der Brüder, der Propheten: „bete Gott an.“ Sie sind doch Eins mit uns, denn sie haben ihre Kleider gewaschen und sie helle gemacht im Blute des Lammes und das ist gerade dasselbe, was wir getan haben. Geliebte in Christo, wir sind schon gerechtfertigt und angenommen in dem Geliebten, so sehr wie die Verklärten. Der Vorhang ist für uns eben so wohl zerrissen, die Scheideberge der Sünde sind für uns niedergerissen, wie für sie. Sünder, die wir sind, haben wir Zugang zu Gott durch das Blut Jesu und mit Freuden nahen wir uns seinem Thron. Sie haben die Vollkommenheit erreicht, und wir folgen ihnen nach; sie schauen den Herrn von Angesicht zu Angesicht, aber uns auch, die da reines Herzens sind, ist die Gnade gegeben, Gott zu sehen. Das Versöhnungsblut hat die Scheidewand abgebrochen und wir sind Eins in Christo Jesu.

Ebenso wenig trennen Irrtümer und Fehler des Verstandes die Familie Gottes; in der Tat, wenn das der Fall wäre, wer könnte unter uns von derselben Familie sein, wie die, welche erkennen, wie sie erkannt sind? Das kleine Kind macht tausend Versehen und die älteren Brüder lächeln bisweilen, aber sie leugnen nicht, daß es ihr Bruder ist, obgleich er so unwissend und kindisch ist. Ebenso, lieben Brüder und Schwestern, wissen wir jetzt sehr wenig; gleich dem Apostel kann Jeder von uns sagen: „Da ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind, und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge.“ Jetzt sehen wird durch einen Spiegel im dunkeln Wort und erkennen Stückweise, aber das beweist nichts gegen unsere Verwandtschaft mit denen, die „von Angesicht zu Angesicht“ schauen. Wir gehören zu derselben Schule, obwohl auf einer niedern Bank, und es steht geschrieben: „Alle deine Kinder sollen von dem Herrn gelehret sein.“ Was sie wissen, lernten sie zu denselben Füßen, zu welchen wir sitzen.

Ebenso wenig kann der Schmerz uns scheiden. Ach sie kennen keine Tränen, ihr Kummer ist geendet, und ihre Arbeit, aber wir müssen noch eine Weile in der harten Wirklichkeit des Lebenskampfes bleiben, um zu ringen und zu leiden; aber es ist ersichtlich, daß wir nicht von ihnen geschieden sind, denn von uns allen wird in Einem Worte gesprochen: „Diese sind's, die aus großer Trübsal kommen,“ denn so könnte die Übersetzung lauten. Die, welche schon angekommen und die, welche noch auf dem Wege sind, werden als Eine Gemeinschaft beschrieben. Das kranke Kind gehört zu derselben Familie wie sein vollkommen gesunder Bruder; die Soldaten, welche in der Hitze des Gefechts stehen, gehören zu derselben Armee, wie die, welche ihre Lorbeeren errungen haben. Es würde ein großer Irrtum sein, wenn man leugnete, daß der krieg führende Soldat ein Teil des Heeres sei; sagen, er gehöre nicht zu der Armee, weil er in der Mitte der Schlacht ist, das wäre grausam und falsch. Die streitenden Heiligen gehören zu demselben Heere, wie die triumphierenden, die Leidenden zu derselben Gemeinschaft wie die Seligen. Nichts von all diesem kann uns scheiden, wir sind stets Eine Familie in Christo Jesu. Wer will uns trennen?

III.

Ein Gegenstand von großem Interesse kommt nun vor uns - wie sich diese Vereinigung gegenwärtig zeigt. Wir haben davon gesprochen, daß wir Eine Familie sind, aber vielleicht scheint euch dies nur eine Theorie, die uns gefällt, und deshalb wollen wir einige Punkte hervorheben, in denen unsere Einheit tatsächlich sich zeigt.

Es ist mir ein lieber Gedanke, zuerst, daß der Dienst der Abgeschiedenen sich mit dem unseren zusammenschließt. Ich meine nicht, daß sie auf die Erde herabsteigen können, um zu predigen, zu lehren und zu arbeiten, aber ich meine dies, daß sie noch reden, wiewohl sie gestorben sind; ihr Dienst reicht über dies leben hinaus. Eines guten Menschen Einfluß und wirklicher Dienst für Gott ist nicht tot, so bald der Atem seinen Körper verläßt; sein Werk hat eine bewegende Kraft in sich, durch welche es fortschreitet; sein Einfluß bleibt. „Selbst in ihrer Asche lebt ihr gewohntes Feuer.“ Ein großer Teil der Kraft, welche der heilige Geist der Kirche gibt, ist in dem Einfluß des Zeugnisses und des Vorbildes entschlafener Heiligen zu finden. Heute noch fühlt die Kirche Gottes den Einfluß des Petrus und Paulus; noch in diesem Augenblick wirkt die Arbeit der Apostel auf die Völker. Ist es nicht gewiß, daß die tatkräftigen Seelen Luthers und Calvins Lebenskräfte hinterlassen haben, die noch schlagen und pulsieren? Vielleicht tun die Reformatoren heute noch eben so viel als zu ihren Lebzeiten. So hinterläßt ein Jeder, je nach seinem Talent und seiner Gabe, nicht bloß seinen Pfeil und Bogen, sein Schwert und Schild Andern zum Gebrauch, sondern die Pfeile, die er abschoß, fliegen noch immer durch die Luft, und der Wurfspieß, den er schleuderte, ehe seine Hand im Tode erlahmte, dringt noch immer durch den Harnisch der Feinde. Der Einfluß meiner lieben Schwester, Mrs. Bartlett, wird auf einige von euch wirken, so lange ihr lebt; und ihr werdet ihn euch euren Nachfolgern übermitteln. Ihr Christinnen werdet eifriger durch ihr leuchtendes Beispiel werden; und ihr Sünderinnen werdet es schwerer finden, in der Sünde fortzuleben, wenn ihr an ihre tränenvollen Warnungen gedenkt. Einige von euch werden, daran zweifle ich nicht, ihre nachgeborenen Kinder werden, ihr geboren, nachdem sie in ihre Ruhe eingegangen ist. Laßt nicht die Lebenden denken, daß sie die einzigen Streiter in diesem heiligen Kriege sind, denn auf jede Weise stehen die Geister der vollkommenen Gerechten ihnen zur Seite, und die Schlacht wird zum nicht geringen Teile fortgeführt mit Kanonen die sie gegossen und mit Waffen, die sie geschmiedet haben. Obgleich die Bauenden dem Leibe nach abwesend sind, wird ihr Herr doch das Gold, Silber und die Edelsteine, die sie bauten, für immer befestigen.

Dann wiederum, wir sind Eine Familie im Himmel und auf Erden, und das sehr sichtbar, weil der Einfluß der Gebete derer, die im Himmel sind, noch bei uns bleibt. Mißversteht mich nicht, ich glaube nicht an die Fürbitte der Heiligen droben. Ich glaube, daß sie beten, aber ich halte es für einen verdammenswerten Irrtum, Jemanden aufzufordern, ihr Fürbitte nachzusuchen. Was ich meine, ist etwas davon sehr Verschiedenes. Ich meine, die Gebete, die sie während ihres Hierseins dargebracht haben und die zu ihrer Lebenszeit nicht erhört sind, bleiben noch in dem Gebetsschatze der Kirche. Manche Mutter stirbt und läßt ihre Kinder ungläubig zurück, aber die Gebete, die sie beständig für sie darbrachte, werden nach ihrem Tode noch wirken. Mancher Prediger und manches andere Glied der Kirche ringt mit Gott um einen Segen für die Kirche und bekommt ihn vielleicht nicht zu sehen; aber das Gebet muß erhört werden und es ist möglich, daß die Kirche nach fünfzig Jahres dieses Flehens ernten wird. Ist Schottland nicht noch heute besser und heiliger durch die Gebete des John Knox? Ist nicht England leuchtender um der Gebete Latimer's und Ridley's Willen? Die hehre Versammlung der Verklärten hat aufgehört in Person mit uns niederzuknien, aber in der Wirklichkeit tut sie es. Sie sind zu einem andern Werk gegangen, aber der Weihrauch, den sie anzündeten, als sie hienieden waren, durchduftet noch die Kammern der Kirche Gottes.

Ferner wird die Einheit der Gemeinde Gottes darin gesehen, daß ihr Zeugnis von oben sich mit dem unsrigen vereint. Meine Brüder, wir suchen für die Wahrheit Gottes, wie sie in Jesu ist, zu zeugen, wie die, welche droben sind, einst mit uns hier im Leben und im Tode zeugten. Was für ein liebliches Zeugnis legen sterbende Christen oft ab, wenn sie nicht sprechen können, in dem Glanz ihres Auges, in der vollkommenen Ruhe der Seele, welche Andre wohl beneiden möchten, gerade in dem Augenblick, wenn der Schmerz am heftigsten ist und das Fleisch schwach. Aber nun, da diese Geister in „das Inwendige des Vorhangs“ hineingegangen sind, hören sie da mit ihrem Zeugnis auf? Nein, horche auf sie. Sie zeugen für das Lamm, indem sie sprechen: „Du bist erwürget und hast uns Gott erkaufet mit deinem Blut.“ Sie verkünden den Engeln und Fürstentümern und himmlischen Gewalten die mannigfache Weisheit Gottes nach dem ewigen Ratschluß Gottes, den er in Jesu Christo, unserm Herrn, faßte. Wir haben mit ihnen zugleich das Geschäft, die reiche Gnade und Allgenugsamkeit unsers Herrn kund zu tun. Ihr seid unsre Genossen, ihr Strahlenden, ihr seid Mitzeugen Christi und deshalb seid ihr Eins mit uns.

Das Hauptgeschäft der Heiligen droben ist das Lobsingen. Geliebte, was ist das unsere, als lobsingen? Ist es nicht gut von unserm Dichter gesagt?

„Sie singen droben Preis dem Lamm,
Und wir hienieden Lob.“

Ihre Musik ist lieblicher, als die unsre, freier von Mißtönen, und von allem, was kalt und abirrend ist, aber das Thema ist doch dasselbe, und der Gesang entspringt aus derselben Triebfeder und dieselbe Gnade wirkte ihn in den Herzen. Ich glaube, ich werde im Himmel meinen Herrn nie aufrichtiger preisen, als ich ihn jetzt oft preise, wenn mein Mund nicht sprechen kann, weil meine Seele überfließt vor Freude und Wonne in meinem Gott, der mich „aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm gezogen und meine Füße auf einen Fels gestellt hat, daß ich gewiß treten kann und mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben hat.“ Die großen Gnadenerweisungen jedes Tages überwältigen mich mit dem Gefühl, wie viel ich ihm schuldig bin; ich kann nur meinen Gott preisen, wenn ich denke, wie ich täglich mit so vielem, das mir Not tut, versorgt werde, wie vielfältige Sünde mir vergeben, wie der elenden Schwachheit gnädig geholfen wird. Ja, wir sind Eine Familie, denn wenn heilige Anbetung zum Ohr des Ewigen aufsteigt, so vereint sich unser Preis mit dem der Verklärten im Jenseits und wir sind Eins.

Brüder, ich glaube, wir sind noch in einigen andern Punkten Eins. Freut ihr euch nicht über Sünder? ist es nicht einer unsrer Festtage auf Erden, wenn der verlorne Sohn zurückkehrt. „Es wird Freude sein vor den Engeln Gottes über einen Sünder, der Buße tut.“ Ruft ihr Wehe über die Sünde und seufzet über die Macht des Irrtums im Lande? Wißt ihr nicht, daß die Seelen unter dem Altar mit demselben Unwillen aufschreien: „O Herr, wie lange! Willst du nicht richten und deinen Auserwählten rächen?“ Erwartet ihr nicht täglich das Kommen eures Herrn und schaut mit Wonne darnach aus? sie tun dasselbe. Ihr sprecht, es gibt keine Hoffnung im Himmel, aber wer hat euch das gesagt? Die Heiligen „warten eben wie wir auf die selige Hoffnung, die herrliche Erscheinung unsers Herrn und Heilandes Jesu Christi.“ Unsre Freuden, unser Verlangen, unsre Hoffnung, sind sie nicht diese, wie die ihrigen vor dem Thron?

Hoch über dem Allen steht die Tatsache noch, daß der Geliebte unserer Seele die gemeinsame Freude der Heiligen im Himmel und auf Erden ist. Was macht ihren Himmel aus? Wer ist der Gegenstand aller ihrer Verehrung? Wer ist das Thema all ihrer Lieder? An wem haben sie den ganzen Tag lang ihre Freude? Wer führet sie zu den lebendigen Wasserbrunnen und wischt alle Tränen von ihren Augen? Geliebte, er ist eben so sehr Alles in Allem für uns, als er es für sie ist. Jesus, wir kennen dich und sie kennen dich; Jesus, wir lieben dich und sie lieben dich; Jesus, wir umarmen dich und sie umarmen dich; Jesus, wir verlieren uns oft in dich und sie verlieren sich in dich. Du Sonne unserer Seele, du Leben unseres Lebens, du Licht unserer Freude, du bist uns das, was du ihnen bist und hierin sind wir Alle Eins.

IV.

Zuletzt noch, es wird in Kurzem eine Darstellung dieser Familieneinheit kommen, weit glänzender, als alles, was wir bis jetzt gesehen haben. Wir sind Eine Familie und wir werden uns wiedersehen. Wenn sie nicht zu uns kommen können, so werden wir bald zu ihnen gehen. Es ist nicht oft der Fall, daß wir Jemanden zu Grabe geleiten, welcher der ganzen Gemeinde bekannt ist, aber es vergeht selten eine Woche, ohne daß der eine oder andere aus unserer Zahl, und oft zwei oder drei, heimgehen. Ich muß auf euch und mich blicken, als wenn wir lauter Schatten wären, und wie oft, wenn ich vor euch trete, kommt mir die Frage: „Wer wird der Nächste sein, der geht?“ Es ist natürlich, dann an euer Einige zu denken, die in ihres Herrn Dienste ergraut sind und ihre siebenzig Jahre überschritten haben. Ihr müsset bald gehen, meine Brüder und Schwestern; und ich weiß, ihr seid nicht traurig bei der Aussicht. Doch, die Jungen werden eben so wohl wie die Alten heimgenommen und die im mittleren Alter, mit frischem Mark in den Knochen, werden abgerufen eben so wohl, wie die welche sich auf ihren Stab lehnen vor Altersschwäche. Wer weiß, ob ich euch nicht bald verlasse? Mein Bruder, wer weiß, ob du nicht abberufen wirst? Nun, an jenem seligen Tage, wo wir die Erde verlassen, werden wir gewahr werden, daß wir Bürger der Gemeinde droben sind, so wie wir die Gemeinde hier unten verlassen. Jedes Mal, wenn Einige von uns in eine Versammlung von Gläubigen eintreten, erkennen und bewillkommnen sie uns. Der gleiche Empfang erwartet uns dort. Wir werden uns ganz zu Hause im Himmel fühlen, wenn wir da ankommen. Einige von euch haben mehr Freunde im Himmel als auf Erden. Wie wenige von unseren früheren Freunden sind übrig geblieben, verglichen mit den vielen, die hinauf gegangen sind. An dem Tage, wo du in den Himmel eingehest, wirst du bemerken, daß die Kirche Eine Familie ist, denn sie werden dich herzlich willkommen heißen und in dir einen Bruder und einen Freund erkennen und so wirst du mit ihnen zusammen den Herrn anbeten.

Bedenkt, es ist noch ein anderer Tag, an dem diese Familieneinheit der Kirche gesehen werden wird, und das ist, wenn die Posaune tönen wird und die Toten auferstehen. Es mag sein, daß wir alle unter denen sein werden, die dann schlafen, und wenn das, so werden, wenn die Posaune schallt, die Toten in Christo zuerst auferstehen und wir werden unser Teil in der ersten Auferstehung haben. Oder, wenn unser Herr kommen sollte, ehe wir sterben, werden wir „leben und übrig bleiben;“ aber wir werden verwandelt werden in demselben Augenblick, wo die Toten erstehen, so daß dies Verwesliche anziehen wird das Unverwesliche. Was für eine Familie werden wir sein, wenn wir alle zusammen auferstehen, und all die Verwandelten bei uns stehen, alle von Einem Geschlecht, alle wiedergeboren, alle in das weiße Gewand der Gerechtigkeit Jesu gekleidet! Welche Familie! Welch ein Zusammenkommen wird das sein!

„Wie fröhlich werden wir alle dann singen,
Wenn Christus seine Erstand'nen wird bringen
Aus Betten von Staub und schweigender Erd'
Zum hellen Tage, der ewiglich währt.“

Geliebte, ich kann nicht bei der Herrlichkeit verweilen, die dann auf der Erde folgen wird, aber wenn unser Herr tausend Jahre auf der Erde leben und regieren wird, und wenn ein großes Reich errichtet werden wird, das alle anderen Königreiche überstrahlt, wie die Sonne die Sterne überstrahlt, so werden wir alle unser Teil darin haben, denn er will uns zu Königen und Priestern vor Gott machen und wir sollen mit ihm auf der Erde regieren. Dann, wenn das Ende kommt und er das Reich Gott, dem Vater übergeben wird, und Gott Alles in Allem sein wird, werden wir bei dem Herrn sein allezeit. Meine Seele sieht im Geiste schon jene großartigste aller Familienversammlungen, wenn alle Auserwählten um den Thron Gottes zusammenkommen werden. Es ist nur eine kleine Weile und sie wird stattfinden; es ist nur ein Augenblick und sie wird Tatsache sein. Wir reden von der Zeit, als wenn sie eine weitreichende Sache wäre. Ich wende mich an auch grauen Häupter, die da wissen, was siebenzig Jahre bedeuten; sind sie nicht vergangen, wie eine Nachtwache? Nun, laßt das Warten um zehntausend Jahre verlängert werden, wenn es dem Herrn gefällt; die zehntausend Jahre werden enden, und dann sollen wir in alle Ewigkeit wie Eine Familie sein da, wo Jesus ist. Diese Hoffnung sollte uns guten Muts machen. Tod, wo ist dein Stachel? Grab, wo ist dein Sieg? Getröstet durch die Aussicht auf ewige Wiedervereinigung, bieten wir dir Trotz, du kannst uns nicht traurig machen. Ermutigt durch die Herrlichkeit, welche Gott verordnet hat, lachen wir über deine vergeblichen Versuche, Lücken in die Reihen der Einen und unteilbaren Familie des lebendigen Gottes zu machen!

Das, worauf es ankommt, ist dies: - Gehören wir zu dieser Familie? Ich will dieser nackten Frage es überlassen, an euren Herzen zu wirken. Gehöre ich zu jener Familie? Bin ich aus Gott geboren? Glaube ich an Jesum? Wenn nicht, dann bin ich ein Erbe des Zornes und nicht in der Familie Gottes.

Wenn wir zu der Familie gehören, laßt uns unsre Verwandtschaft zeigen, indem wir alle Glieder derselben lieben. Ich möchte nicht, daß ein Bruder zum Himmel ginge und sich erinnerte, daß ich unfreundlich gegen ihn gewesen wäre; ich möchte nicht gerne denken, daß ich seinen Pfad hätte ebnen können und es nicht getan; oder daß ich ihn hätte trösten können und mich dessen geweigert. Liebe Brüder, wir werden für immer im Himmel zusammen leben, laßt uns jetzt einander mit reinen Herzen brünstig lieben. Helft euren armen Brüdern, tröstet eure verzagenden Schwestern; laßt Niemanden nur auf das sehen, was sein eigen ist, sondern auf das, was des Andern ist. Bruder, sei brüderlich; Schwester sei eine wahre Schwester. Laßt uns lieben, nicht mit Worten allein, sondern in der Tat und Wahrheit, denn wir werden bald zusammen daheim sein in unsers Vaters Hause droben. Amen.

autoren/s/spurgeon/h/spurgeon-die_heiligen_im_himmel_und_auf_erden_-_eine_familie.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)