Spurgeon, Charles Haddon - Des Heilands viele Kronen

„Auf seinem Haupte sind viele Kronen.“
Off 19,12

Ihr wißt wohl, welch ein Haupt das ist, und seine wunderbare Geschichte habt ihr nicht vergessen. Ein Haupt, das einst lieblich, kindlich am Busen eines Weibes ruhte! Ein Haupt, das sich sanft und willig beugte unter den Gehorsam eines Zimmermanns! Ein Haupt, das in späteren Jahren ein Brunnen des Weinens und ein Quell der Tränen ward (Jer. 9,1; Heb. 5,7). Ein Haupt, dessen „Schweiß ward wie dicke Blutstropfen, die fielen auf die Erde!“ (Luk. 22,44). Ein Haupt, welches zuletzt, im furchtbaren Todeskampf, verwundet von der Dornenkrone, den entsetzlichen Todesschrei hervorstieß: „Lama Asabthani!“ Ein Haupt, das danach im Grab schlief; und - dem, der da lebt und tot war, und siehe, er ist nun lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit (Off. 1,18), dem sei Ehre - ein Haupt, das wieder auferstand aus dem Grab und mit strahlenden Augen der Liebe auf das Weib niederblickte, das am Grab trauerte. Dies ist das Haupt, von dem der heilige Johannes in den Worten unseres Textes spricht. Wer hätte denken können, daß ein Haupt, dessen Angesicht mehr geschmäht worden war als das irgend eines Menschen, ein Haupt, das mehr von den Stürmen des Himmels und der Erde hatte leiden müssen als irgend ein anderes Antlitz - nun sollte geschmückt werden mit diesen vielen Diademen, verherrlicht mit diesen vielen Kronen!

Meine Brüder, es sollte wohl der heilige Johannes selber euch diese herrliche Erscheinung deuten. Ach, mein Auge hat ja die himmlische Herrlichkeit noch nicht erblickt, noch hat mein Ohr den überirdischen Gesang nicht vernommen, und ich bin wie ein kleines Kinde, das inmitten unabsehbar hoher Gebirge steht, von Anschauen ihrer Erhabenheit überwältigt, sprachlos vor Staunen. Bittet für mich, daß ich im Stande sei, ein paar Worte auszusprechen, die der heilige Geist euren Seelen zum Trost gereichen lassen wolle; denn wenn er mir nicht beisteht, so bin ich wahrlich ganz hilflos. Unter seinem göttlichen Segen wollen wir aufblicken zu den herrlichen Diademen unseres Herrn und Königs. Die Kronen auf dem Haupt unseres Heilandes sind dreifacher Art. Es sind erstens Herrscherkronen, deren gar viele sein Haupt schmücken. Dann sind es Siegeskronen, die er in manchen furchtbaren Kämpfen errungen hat. Und endlich sind es Kronen der Dankbarkeit, mit denen seine Gemeinde und alle die Seinen sein wunderbares Haupt gern schmücken möchten.

I.

Jedes Glaubensauge durchdringe mit seinem Blick die dichte Finsternis und betrachte Jesus, der heute auf dem Thron seines Vaters sitzt, und jedes Herz freue sich, wenn es die vielen Herrscherkronen auf seinem Haupt sieht. Zuerst und vor allem glänzt auf seiner Stirn das Diadem des Königs der Himmel. Sein sind die Engel. Die Cherubim und Seraphim verkündigen ohne Ende seinen Ruhm. Auf seinen Wink schwingt der mächtigste der Geister entzückt seine Flügel und trägt seinen Befehl zu den fernsten Welten. Er spricht, so geschieht es. Freudiger Gehorsam harret seiner Winke, voller Majestät ist sein Regieren. Seine Vorhallen sind voll seliger Geister, die von seinem Lächeln leben, die Licht trinken aus seinen Augen und in Herrlichkeit widerstrahlen vom Glanz seiner Majestät. Kein Geist des Himmels ist so rein, daß er sich nicht beugen müßte vor ihm, kein Engel so strahlend, daß er nicht sein Antlitz vor ihm verhüllen müßte mit seinen Flügeln, wenn er ihm naht. Ja, und die vielen erlösten Seelen werfen sich entzückt vor ihm nieder, umgeben Tag ohn' Nacht seinen Thron und singen: „Würdig ist das Lamm, das erwürget ist(Off. 5,12) und hat uns gewaschen von unseren Sünden mit seinem Blut (1,5), zu nehmen Kraft und Reichtum und Weisheit und Stärke und Ehre und Preis und Lob, dem, der auf dem Stuhl sitzet, und dem Lamme (5,12.13) von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ König des Himmels zu sein wäre wahrlich schon genug! Die Alten pflegten den Himmel und die Erde und das Totenreich in verschiedene Reiche zu teilen, und sie verschiedenen Fürsten zuzuschreiben; und gewiß, der Himmel wäre für sich allein genug zu einem Reich für einen unendlichen Geist. Christus ist Herr über alle seine unermeßlichen Gebiete. Er legte die köstlichen Grundsteine, auf denen die Stadt erbaut ist, die festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist (Heb. 11,10); er ist das Licht dieser Stadt, er ist die Freude ihrer Bewohner, und es ist ihre Lust, ihm ohne Ende Preis und Ehre darzubringen.

Aber neben dieser Krone erblickt ihr eine andere. Es ist die eiserne Krone des Höllenreiches, denn dort hat Christus die Oberherrschaft. Nicht nur in der entzückenden Herrlichkeit des Himmels, sondern auch in der schwarzen, undurchdringlichen Nacht der Hölle waltet seine Allmacht, und seine Oberherrschaft wird dort anerkannt; die Ketten, mit denen die verdammten Geister gefesselt sind, sind Ketten seiner Kraft; die Gluten, die verzehren, sind Gluten seines Zorns; die versengenden Strahlen, die durch ihre Augenhöhlen dringen und auch ihr Herz durchzucken, sind Blitze aus seinen Flammenaugen. Keine Macht der Hölle kann sich ihm vergleichen. Sogar die Teufel kennen diese Macht. Er kettet den großen Drachen. Wenn er ihm eine zeitlich beschränkte Freiheit gestattet, so hält er doch die Kette in seiner Hand und kann ihn zurückhalten, damit er nicht weiter gehe als ihm gestattet ist. Die Hölle erzittert vor ihm. Sogar das Geheul der Verdammten ist nur der tiefe Bußgesang zu seiner Verherrlichung. Während die herrlichen Loblieder im Himmel seine Güte verkündigen, widerhallt das tiefe Stöhnen und Klagen der Hölle seine Gerechtigkeit und seinen sicheren Sieg über alle seine Feinde. So ist sein Reich höher als der höchste Himmel und tiefer als die tiefste Hölle. Und auch diese Erde ist eine Provinz seiner weiten Herrschaft. So klein auch dies Reich ist im Vergleich mit anderen, so ist ihm von dieser Erde vielleicht mehr Ehre entsprossen als aus irgend einem anderen Teil seiner Herrschaft. Er herrscht auf Erden.

Auf seinem Haupt strahlt die Krone der Schöpfung. „Alle Dinge sind durch dasselbige (das fleischgewordene Wort) geworden, und ohne dasselbige ward nichts, was geworden ist.“ (Joh. 1,3).Seine Stimme sprach: „Es werde Licht!“ und es ward Licht. Durch seine Kraft erhoben sich die Gebirge, und durch seine Weisheit schweben die Wolken. Er ist Schöpfer. Wenn ihr euer Auge zu den höheren Sphären erhebt und jene strahlenden Sternenwelten bewundert - er hat sie gemacht. Sie sind nicht durch sich selbst erschaffen. Er hauchte sie hin wie Funken aus der Überfülle seiner Allmacht; und dort glänzen sie, erhalten und getragen von seiner Kraft. Er machte die Erde und alle Menschen, die darauf wohnen, das Vieh auf tausend Bergen und die Vögel, die die Luft erfreuen mit ihrem Gesang. Sein ist das Meer, und er hat es gemacht. Er hat den Leviathan gebildet, und obwohl dieses Ungeheuer die Tiefen aufwühlt, so ist es doch nur eine Schöpfung seiner Hand.

Vereint mit der Krone der Schöpfung strahlt noch eine andere, die Krone seiner Vorsehung, denn er erhält alle Dinge durch den Odem seines Mundes. Alles müßte sich in nichts auflösen, würde es nicht erhalten durch das beständige Ausstrahlen seiner Kraft. Die Erde müßte absterben, die Sonne vor Alter blind werden und die Natur sich mit den Jahren abschwächen, wenn Christus sie nicht ununterbrochen mit seinem Wort kräftig erhielte. Er sendet die heulenden Stürme des Winters; aber er bindet sie wieder und haucht Frühlingsodem; er bringt die goldene Reife des Sommers und erfreut den Herbst mit seinem Segen. Alle Dinge kennen seinen Willen. Das Herz des großen Weltalls schlägt durch seine Macht; sogar das Meer flutet und ebbt durch ihn. Er entziehe seine Hand, so müssen die Grundfesten der Erbe beben; die Bande der Schwerkraft lösen sich, und die Sterne des Himmels fallen auf die Erde wie ein Feigenbaum seine unreifen Feigen abwirft (Off 6,13), und alle Dinge müssen zerfließen in das öde Nichts.

Auf Seinem Haupte ruht die Krone der Vorsehung. Und neben ihr strahlt die dreimal herrliche Krone der Gnade. Er ist der König der Gnade; er gibt oder er entzieht. Der Strom der Gnade Gottes entquillt seinem Thron; er thront als der unumschränkte Gnadenspender. Er hat den Schlüssel des Himmels, der auftut, und niemand schließt zu, der zuschließt, und niemand tut auf (Off. 3,7), er ruft, und das verstockte Herz gehorcht; er will, und die widerspenstigen, stolzen Herzen beugen sich; denn er ist Herr über die Menschen, und wenn er willig ist zu segnen, so kann sich niemand dem Segen entwinden. Er herrscht in seiner Kirche inmitten gehorsamer Geister; und er herrscht für seine Kirche über alle Völker der Welt, damit er sich ein Volk sammle, das kein Mensch zählen kann und das sich beuge vor dem Zepter seiner Liebe.

Hier muß ich innehalten, überwältigt von der Majestät des Gegenstandes; nicht vermag ich es, jene Stirn zu beschreiben, jene strahlenden Kronen; wie ein Seraph muß ich mich niederwerfen vor jenem herrlich gekrönten Haupt und ausrufen: „Heilig, heilig, heilig bist du, Herr, Gott Zebaoth! Die Schlüssel des Himmels, des Todes und der Hölle hängen an deinem Gürtel; du bist hoch und sehr erhaben, dein sei Preis und Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit!“

Und nun, teure Brüder, was sagt ihr zu dem allen? Wird euer Herz nicht auf einmal von ganz verschiedenen Gefühlen bewegt? Mir ist, ich höre einen sagen: „Wenn dem so ist; wenn Christus wirklich alle diese Herrscherkronen trägt, wie sträube ich mich denn so vergeblich gegen ihn?“ Teure Zuhörer, vielleicht sind etliche unter euch, die Christus widerstreben. Wie Saul vor Tarsis seid ihr „überaus unsinnig“ (Apg. 26,11) gegen ihn geworden. Euer Weib besucht Gottes Haus, und ihr verbietet es ihr. Ihr verfolgt eure Tochter, weil sie Jesus nachfolgt. Ihr haßt sogar den Namen Christi; seine Knechte verflucht ihr, sein Wort verschmäht ihr. Wenn ihr könntet, ihr würdet die Diener des göttlichen Wortes anspeien und vielleicht seine Jünger verbrennen. Aber wißt, daß ihr einen Kampf unternommen habt, in dem ihr gewiß unterliegen müßt. Wer hat sich je gegen ihn aufgelehnt und hätte es ausgeführt? Gehe hin, o Mensch, und kämpfe mit dem Blitz und fasse den Donnerkeil in deine Hand; gehe hin und zügle das Meer und besänftige die Wogen und bewahre die Stürme in deiner hohlen Hand; und wenn du das getan hast, dann erhebe deine ohnmächtige Hand gegen den König der Könige. Denn der einst gekreuzigt ward, ist dein Herr, und wenn du dich gleich widersetzt, so wird dir es doch nicht gelingen. In deiner äußersten Bosheit wirst du untergehen, und die Wucht deiner Wut wird nur auf dein eigenes Haupt zurückprallen. Ich meine, heute die Heere der Feinde Christi zu schauen. Sie lehnen sich auf, sie ratschlagen miteinander: „Lasset uns zerreißen ihre Bande und von uns werfen ihre Seile.“ (Ps. 2,3). Hört ihr, ihr Widersacher, jenes weitschallende Lachen? Aus dem undurchdringlichen, geheimnisvollen Dunkel seines Heiligtums lacht Jehova über euch. Er spottet über euch. Er spricht: „Ich habe meinen König gesalbt auf meinem heiligen Berg Zion“ (Ps. 2,6). Kommt herzu, ihr Feinde Christi, und zerschellt. Kommt in eurer furchtbarsten Macht und stürzt vernichtet zurück wie die brandenden Wogen, die sich am unerschütterlichen Fels brechen. Er regiert, und er will regieren; und ihr werdet eines Tages seine Macht fühlen müssen. Denn „im Namen Jesu sollen sich beugen alle Knie derer, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“ (Phi 2,10).

Ein anderer Gedanke, voll süßer Tröstung, bietet sich meinem Geiste dar. Glaubender, schaue heute auf Christi dreifach gekröntes Haupt und freue dich. Ist die Vorsehung gegen dich? O, verbessere dein Unmutswort; du hast dich geirrt, Gott ist nicht dein Feind geworden. Die Vorsehung ist dir nicht entgegen, denn der Herr Jesus ist König; er wiegt die Prüfung und zählt die Stürme. Deine Feinde mögen sich erheben, aber sie werden nicht aufkommen gegen dich - er wird sie mit Backenstreichen züchtigen. Gehst du durch das Feuer? Das Feuer ist Christus untertan. Gehst du durch Wasserfluten? Auch die Wasserfluten sollen dich nicht ersäufen, denn siehe, die Wellen sind der Stimme des allmächtigen Gesalbten untertan. Wohin du berufen wirst, so kannst du nirgends hingehen, wo nicht Jesu Liebe regiert. Befehle dich in seine Hände. Wie düster auch deine Verhältnisse sind, so kann er deinen Pfad erleuchten. Ob dich die Nacht umhülle, so wird er doch gewiß den Tag heraufführen. Nur vertraue auf ihn; überlaß alle deine großen und kleinen Sorgen seiner allmächtigen Hand, und du wirst erfahren, wie gütig sein Herz und wie stark seine Hand ist, um dich hervorzuziehen und dich herrlich zu machen. Setze dein ganzes Vertrauen auf ihn, der aller Könige König ist. Kommt und bringt alle ein jeglicher seine Bürde zu seinen Füßen, und gebet sie mit Jauchzen hinweg. Wenn euch das Herz schwer wird, so bringt es zu ihm; sein goldener Herrscherstab kann es erleichtern. Wenn eure Sorgen viele sind, so klagt sie ihm vertrauensvoll; sein liebender Blick kann sie zerstreuen, und mitten durch die dichte Finsternis wird ein helles Licht strahlen, und ihr werdet sein Angesicht schauen und erfahren, daß alles gut ist.

Ich weiß, es gibt keine köstlichere Lehre für ein Christenherz als die von der unumschränkten Macht Christi. Ich freue mich, daß es keinen Zufall gibt, daß nichts sich selbst überlassen bleibt, sondern daß Christus überall waltet. Wenn ich denken müßte, es wäre ein Teufel in der Hölle, der Christus nicht untertan wäre, so würde ich mich ängstigen, er könne mich ins Verderben ziehen. Wenn ich denken müßte, es gäbe Umstände auf Erden, die Christus nicht überwacht, so müßte ich fürchten, diese Umstände könnten mich zu Grunde richten. Ja, wenn ein Engel im Himmel wäre, und er wäre kein Untertan Jehovas, so müßte ich mich sogar vor ihm fürchten. Weil aber Christus der König aller Könige ist und ich sein armer Bruder, so einer, den er liebt hat, so werfe ich alle meine Sorgen auf ihn, denn er sorgt für mich; und ich ruhe an seiner Brust und meine Seele genießt völligen Frieden, Vertrauen und Sicherheit.

II.

Christus hat aber auch viele Siegeskronen. Die ersten Diademe, von denen wir sprachen, kommen ihm von Rechts wegen zu. Er ist Gottes eingeborner und inniggeliebter Sohn, und darum besitzt er ein Erbe von unermeßlichen Reichen. Aber als Menschensohn betrachtet, so ist er durch Siege groß geworden, und seine Rechte und sein heiliger Arm haben ihm den Triumph gewonnen.

Erstens trägt Christus eine solche Krone, von der ich bitte, ein jeder von euch möge eine solche erlangen. Er trägt die Krone eines Welt-Überwinders. Denn also spricht er: „Seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh. 16,33). Habt ihr schon bedacht, welch einen furchtbaren Kampf Christus mit der Welt bestehen mußte? Die Welt sprach zuerst: „Ich will ihn dämpfen, es soll ihn niemand kennen.“ und sie warf auf Christus Lasten der Armut, damit er unterdrückt würde. Aber er strahlte in seiner Armut, und der ungenähte Rock strahlte in schönerem Licht als die breit gesäumten Talare der Schriftgelehrten. Dann strömte die Welt mit ihren Drohungen auf ihn ein. Manchmal zogen sie ihn auf die Spitze eines Abhangs, um ihn hinabzustürzen (Luk. 4,29); ein andermal hoben sie Steine auf, um ihn zu steinigen (Joh. 10,31). Aber der, den die Armut nicht in Vergessenheit bringen konnte, ward auch durch Drohungen nicht zu dämpfen. Dann versuchte die Welt ihre Schmeichelei; sie kam mit freundlichem Angesicht und bot ihm eine Krone an. Man wollte Christus nehmen und ihn zum König machen; wie er aber gleichgültig gewesen war gegen ihr Stirnrunzeln, so blieb er auch unempfindlich für ihr einschmeichelndes Lächeln. Er wies die Krone zurück; er war ja nicht gekommen, um zu herrschen, sondern um zu leiden und zu sterben. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt,“ sprach er, „sonst würden meine Diener kämpfen!“ (Joh. 18,36). Habt ihr nie bedacht, wie die Welt dreißig Jahre lang Christus versuchte? Jene Versuchung des Teufels in der Wüste was nicht die einzige, die er zu erdulden hatte. Versuchungen aller Art und bis zur größten Stärke umringten ihn; die Welt erschöpfte ihre Rüstkammer und überflutete die Brust des reinen und heiligen Erlösers mit allen ihren Pfeilen; aber er ward ganz heilig, ganz rein erfunden. Weit verschieden von den Sündern wandelte er ohne Befleckung mitten unter ihnen; aß mit ihnen, ohne sich ihrer Schlemmerei teilhaftig zu machen; trank mit ihnen und blieb doch allezeit nüchtern; handelte in allen unschuldigen Dingen wie sie und war ein Weltmann und doch kein weltlicher Mann. Er war in der Welt, aber er war nicht von der Welt; heilig und doch mitten unter ihr; mit unserem Geschlecht durch enge Bande verknüpft und doch stets abgesondert und ausgezeichnet vor allen Menschenkindern. Was wollte ich lieber, meine teuren Brüder, als daß wir Christus nachahmen könnten im Kampf mit der Welt. Aber ach, gar zu oft gewinnt die Welt die Oberhand über uns. Manchmal lassen wir uns durch ihr Schmeicheln anziehen, und manchmal zittern wir vor ihrem Unmut. Hoffnung und Mut, liebe Gläubige! Gleicht eurem Herrn, seid Gegner der Welt und überwindet sie, weichet nicht, duldet nicht, daß eure wachsamen Füße überrascht werden. Steht aufrecht mitten unter all ihrem Drücken und Drängen und laßt euch durch alle ihre Reize nicht verlocken. Also stand auch Christus, und nun schmückt sein Haupt eine herrliche, königliche Siegeskrone, ein Siegeszeichen des Triumphes über alle vereinte Kraft der Welt.

Eine andere Krone, die der Heiland trägt, ist die, daß er die Sünde überwunden hat. Die Sünde war mehr als ein bloßes Spiel für die Geschöpfe jeder Art. Die Sünde stritt mit den Engeln, und ein Drittel der Sterne fiel. Die Sünde focht den vollkommenen Adam an und überwand ihn bald, denn er fiel schon beim ersten Angriff. Sie hatte einen furchtbaren Kampf mit unserem Herrn Jesus, aber sie fand in ihm ihren Meister. Die Sünde kam mit ihrem ganzen Heer von Versuchungen, aber Christus widerstand und siegte. Sie kam mit ihrem Schrecken und mit ihrem Fluch; Christus duldete, Christus litt und zerstörte so ihre Macht. Er empfing die vergifteten Pfeile des Fluches in sein eigenes Herz und löschte das feurige Gift durch das Vergießen seines Blutes. Durch Leiden ist Christus Herr über die Sünde geworden. Der Kopf der alten Schlange ist unter seinen Füßen. Es gibt keine Versuchung, die er nicht erfahren hätte, und darum keine Sünde, die er nicht besiegt hätte. Er hat das Böse in jeder Gestalt überwunden, und nun steht er ewig da als Überwinder durch sein herrliches Leiden. O, teure Brüder, wie herrlich ist die Krone, die er errungen hat, die auf ewig unsere Sünde abgetan hat durch sein Selbst-Opfer. Meine entzückte Seele macht meine Stimme verstummen, und erneut beuge ich mich vor seinem Thron und bete an im Geiste meinen blutenden Bürgen, meinen leidenden Heiland.

Eine weitere Krone trägt Christus auf seinem Haupt, die Krone des Todes. Er starb, und in jener furchtbaren Stunde überwand er den Tod, beraubte das Grab, sprengte den Stein, der den Schlund der Grabeshöhle verschloß, hieb den Tod in Stücke und vernichtete den Erzvernichter. Christus erfaßte die ehernen Glieder des Todes und zermalmte sie zu Staub in seiner Hand. Der Tod streckte sein Zepter über alle Leiber der Menschen, Christus aber öffnete die Pforte der Auferstehung für seine Erlösten; und an jenem Tage, wo er die Posaune an die Lippen bringen und den Pausaunenruf der Auferstehung erschallen lassen wird, wird nun sehen, daß Christus der alleinige Herr ist über alle Reiche des Todes; denn wie der Herr, unser Heiland, auferstand, so erstehen alle die Seinen nach ihm. Noch einmal: Christus ist nicht nur der Herr der Welt, der König über die Sünde und der Gewalthaber über den Tod, sondern auch Regent über Satan und sein Reich. Er trat diesem Erzfeind von Angesicht zu Angesicht entgegen. Furchtbar war der Kampf, denn unser Vorkämpfer schwitzte große Blutstropfen, die auf die Erde fielen; aber er bahnte sich den Weg zum Sieg durch seinen eigenen Leib, mitten durch die Todeskämpfe seiner Seele. Entsetzlich war das Kämpfen und Ringen. Haupt und Hände, Herz und Füße waren verwundet, aber der Heiland wich nicht. Er zerriß den Löwen des Abgrunds, als wäre es ein Böcklein, und zerschmetterte den Kopf des Drachen. Der Satan stach Christus in die Ferse, Christus aber zertrat ihn und zerquetschte sein Haupt. Nun hat Jesus das Gefängnis gefangen geführt (Eph. 4,8) und ist Herr über alle Heere der Hölle. Herrlich ist dieser Sieg! Engel wiederholen den Siegesgesang, seine Erlösten singen ihn nach; und ihr, ihr bluterkauften Adamskinder, preiset ihn herrlich, denn er hat das Böse und die Hölle überwunden.

Christus hat aber auch noch eine andere Krone, und das ist die Krone des Sieges über den Menschen. Wollte Gott, liebe Zuhörer, daß er für jeden von euch eine solche Siegeskrone trüge. Welch ein schwerer Kampf ist es, zu ringen mit dem verhärteten Herzen eines Menschen! Wenn ihr wollt, daß ein Mensch Böses tue, wie leicht bringt ihr ihn dazu; wollt ihr ihn aber zum Guten bewegen, wie hart ist dann der Kampf! Christus wollte des Menschen Herz erobern, aber der Mensch wollte es ihm nicht lassen. Christus versuchte es mit ihm auf vielerlei Weise; er betrübte ihn, aber des Menschen Herz war hart und wollte nicht schmelzen. Moses kam und sprach: „Mein Herr, ich will es versuchen, ob ich des Menschen Herz zu öffnen vermag!“ und er benutzte das Feuer und den Sturmwind und den Hammer Gottes, aber das Herz wollte nicht brechen noch biegen, und der Geist wollte Christus das Herz nicht auftun. Dann kam Christus, und er sprach: „Hartherz, ich will dich überwinden; o du eisige Seele, ich will dich zerschmelzen.“ Und die Seele sprach: „Nein, Jesus, ich widerstehe dir.“ Aber Christus sprach: „Ich tue es dennoch.“ Und er kam einmal zu einer gewissen Stunde zu Hartherz und brachte sein Kreuz mit. „Siehe, Hartherz,“ sprach er, „ich liebe dich, obwohl du mich nicht liebst, so liebe ich dich dennoch, und zum Beweis dafür schaue hierher; ich will an diesem Kreuz hängen.“ Und da Hartherz aufschaute, siehe, da hefteten plötzlich wilde Menschen den Heiland ans Kreuz. Seine Hände waren durchgraben; seine Seele war zerrissen von Todesschmerzen, und Jesus schaute hernieder auf Hartherz und sprach: „Hartherz, kannst du mich nicht lieben? Ich liebe dich; ich habe dich vom Tod erlöst; und wenn du mich auch haßt, so sterbe ich doch für dich; wenn du schon wieder mich ausschlägst, so will ich dich dennoch zu meinem Thron führen.“ Und Hartherz sprach: „O Jesus, ich kann es nicht länger ertragen; ich gehe dir nach; deine Liebe hat mich überwunden, ich möchte ewig dein Untertan sein; nur denke an mich, wenn du in dein Reich kommst, und laß mich hinzugezählt werden zu deinen Untertanen, beides, jetzt und in der Ewigkeit.“ Meine teuren Zuhörer, hat euch Christus schon überwunden? Sagt, ist euch seine Liebe zu mächtig gewesen? Wart ihr genötigt, eure Sünden aufzugeben, als euch seine göttliche Liebe verwundete? Wurden eure Augen mit Tränen erfüllt bei dem Gedanken an seine Liebe für euch und an eure eigene Undankbarkeit? Habt ihr jemals darüber nachgedacht? „Ich, der allerschwärzeste Sünder, habe ihn verschmäht; seine Bibel habe ich im Staub liegen lassen; sein teures Blut habe ich unter die Füße getreten, und doch starb er für mich und liebte mich mit ewiger Liebe.“ Gewiß, das hat euch auf die Knie gebracht; das zwang euren Geist zu dem Ausruf:

„Sieh, hier bin ich, Ehrenkönig,
Lege mich vor deinen Thron;
Schwache Tränen, kindlich Sehnen,
Bring ich dir, du Menschensohn;
Laß dich finden, laß dich finden,
Bin ich gleich nur Asch und Ton.“

Wenn es so mit dir steht, dann darfst du dich selber als eine der vielen Kronen betrachten, die auf seinem Haupte sind.

III.

Das führt mich nun zum dritten Punkt, und hier möchte ich euch recht ernstlich um den Beistand eures Gebets ersuchen, damit ich in meiner Schwachheit gestärkt werde, diesen lieblichen Gegenstand mit euch zu betrachten.

Ich predige heute im meinem Geist unter Sturm und Unwetter. Es gibt Zeiten, wo man das Wort Gottes mit Freude und Wonne verkündigt und vom Wort reichen Genuß hat; aber heute kann ich für mich nichts erlangen, auch wenn ich etwas zu bieten habe. Bittet für mich, daß dennoch das Wort an mir gesegnet werde, damit in meiner Schwachheit Gottes Kraft offenbar werde.

Der dritte Punkt handelt von den Kronen der Dankbarkeit. Gewiß, wenn wir diese ins Auge fassen, so dürfen wir wohl sagen: „Auf seinem Haupt sind viele Kronen.“ Zuerst schreiben alle mächtigen Täter in der Gemeinde Gottes ihre Kronen Christus zu. Welche herrliche Krone wird Elias tragen, der Mann, der zu Ahab kam, und als Ahab zu ihm sprach: „Hast du mich gefunden, mein Feind? (1. Kön. 21, 20), ihn ins Angesicht strafte - der Mann, der die Propheten Baals nahm und keinen entrinnen ließ, sondern sie schlachtete am Bach Kison und sie Gott opferte (1. Kön. 18,40). Welch eine Krone wird der tragen, der in einem feurigen Wagen mit feurigen Rossen gen Himmel fuhr (2. Kön. 2,11)! Weiter: Welch eine Krone gehört Daniel, der aus der Löwen Rachen errettet wurde - Daniel, dem eifrigen Propheten Gottes! Welch eine Krone wird glänzen auf dem Haupt des klagenden Jeremia und des beredten Jesaja! Welche Kronen werden die Häupter der Apostel zieren! Welch eine herrliche Krone wird Paulus empfangen für seine vieljährigen Dienste! Und dann, teure Freunde, wie wird die Krone Luthers funkeln und die Krone Calvins; und welch ein edles Diadem mag es sein, das Withfield tragen wird und alle jene Männer, die mit so viel Mut Gott gedient haben und die in seiner Kraft die Heere der Verfolger in die Flucht schlugen und das Banner des Evangeliums in der Zeit der Trübsal hoch hielten! Ja, aber ich will euch nun auf etwas hinweisen. Elias geht ein zum Himmel, und wohin geht er nun mit jener Krone, die soeben auf sein Haupt gelegt wird? Siehe, er fliegt hin zum Thron; dort bleibt er stehen und legt seine Krone nieder: „Nicht mir, Herr, nicht mir, sondern deinem Namen sei Ehre!“ Sieh, wie die Propheten nacheinander herbeiströmen; ohne Ausnahme legen sie ihre Kronen auf das Haupt Christi. Und schaut hin auf die Apostel und auf alle die mächtigen Lehrer in der Gemeinde Gottes: Alle beugen sie sich und werfen ihre Kronen nieder zu den Füßen dessen, der durch seine Gnade sie tüchtig gemacht hat zu überwinden und die Krone des Lebens zu empfangen.

„Wer sind die vor Gottes Throne,
Die Sieger mit der Siegeskrone?
Ich frage sie: „Wie siegtet ihr?“
Alle, wie aus einem Munde,
Entbieten mir die Jubelkunde:
„Dem Lamm sei Ehr' und Preis dafür,
Sein Tod war unser Sieg
Im heißen Kampf und Krieg
Triumph, Triumph!
Das Osterlamm
Am Kreuzesstamm
Errang uns sterbend den Triumph!“

Aber nicht nur die mächtigen Täter tun solches, sondern auch die großen Dulder. Wie herrlich glänzen die Rubin-Kronen der verfolgten und gemarterten Heiligen. Vom Scheiterhaufen, vom Richtplatz, vom Theater der Tierkämpfe siegen sie auf zu Gott; und unter den Herrlichen sind sie doppelt herrlich, die schönster den gewaltigen Schar, die den Thron des Hochgelobten umgibt. Welche Kronen tragen sie! Ich muß gestehen, daß ich sie oft beneidete. Es ist etwas Seliges, in friedlicher Ruhe sein Leben zuzubringen; ob aber auch selig, so ist es doch nicht rühmlich. Wie viel rühmlicher ist es, den Tod eines Laurentius zu sterben, der auf einem glühenden Roste gebraten worden, oder, von Speeren durchbohrt, sein Leben auszuhauchen, oder mit zerbrochenen Gliedern auf der Folter oder auf dem Rade den Geist aufzugeben! Welch ein elendes Ende, um Christi willen ruhig inmitten der Flammen gestanden und mit gefalteten Händen freudig ausgerufen zu haben: „Ich vermag alles, ich kann selbst meinen Leib brennen lassen um seines teuren Namens willen!“ Welche Kronen, die die Blutzeugen tragen! Ein Engel könnte schamrot werden, wenn er bedenken wollte, wie gering seine Würde sei gegen die Würde derer, die in feurigen Wagen auffuhren. Wo aber sind diese Kronen alle? Sie sind auf dem Haupt Christi. Kein einziger der Blutzeugen trägt seine Krone; sie nehmen ihre blutverherrlichten Kronen und legen sie auf seinen Scheitel - die Feuer-Krone, die Folter-Krone und die anderen Kronen alle sehe ich dort glänzen. Denn seine Liebe hat ihnen ausgeholfen in ihren Nöten; durch sein Blut haben sie überwunden.

Und dann, teure Brüder, denkt noch an eine andere Reihe von Kronen. „Die, die viele zur Gerechtigkeit weisen, werden leuchten wie die Sterne, immer und ewig“ (Dan. 12,3). Es gibt viele Menschen, die Gott tüchtig gemacht hat, viel für die Kirche und viel für die Welt zu tun. Sie geben und ihnen wird gegeben. Ihr Leib kennt die Ruhe nicht, ihre Seele das Behagen nicht. Wie Wogen, von lebendiger Kraft erfüllt, oder von unsichtbaren, aber unaufhaltsamen Rennern gezogen, fliegen sie von Auftrag zu Auftrag, von Arbeit zu Arbeit. Welche Kronen werden ihnen zufallen, wenn sie vor Gott erscheinen, wenn die Seelen, die durch ihre Vermittlung gerettet wurden, mit ihnen ins Paradies eingehen; und wenn sie dann ausrufen: „Hier bin ich, und die Kinder, die du mir gegeben hast!“ Welcher Jubel, welche Ehre, welcher Ruhm wird dann die empfangen, die Seelen gewonnen haben! Was werden sie aber mit ihren Kronen machen? Ja, sie werden sie vom Haupt nehmen und sie hinlegen, wo das Lamm thront mitten im Stuhl. Da werden sie sich dann niederwerfen und ausrufen: „Jesus, wir konnten nicht erretten, du hast sie erlöst; wir waren nur deine Knechte. Der Siegesruhm gebührt nicht uns, sondern unserem Meister. Wir haben geerntet, du aber hast gesät; wir haben das Netz ausgeworfen, du aber hast es gefüllt bis oben an. All unser Wirken hast du vollbracht durch deine Kraft und durch die Macht deiner Gnade.“ Ja, wohl kann es da heißen: „Auf seinem Haupt sind viele Kronen.“

Aber siehe hin, es naht sich eine andere Schar. Ich sehe ein Heer cherubsgleicher Geister sich hinaufschwingen vor Christi Thron; und wer sind diese? Ich kenne sie nicht. Sie sind nicht gezählt mit den Blutzeugen; ich lese ihre Namen nicht unter den Aposteln; ich erkenne sie auch nicht als solche, die geschrieben stehen unter den Heiligen des lebendigen Gottes. Wer sind diese? Ich frage einen aus der Schar: „Wer seid ihr, ihr herrlichen, glänzenden Geister?“ Der Führer der Schar antwortete: „Wir sind die herrlichen Myriaden Kinder, die zur oberen Familie gehören: Von der Mutter Brust flohen wir stracks gen Himmel, versöhnt durch Christi Blut. Wir wurden abgewaschen vom angeerbten Verderben und gingen zum Himmel ein. Wir sind gekommen aus allen Völkern der Erde; von den ersten Kindheitstagen der Völkergeschichte an bis zur Zeit der höchsten Entwicklung des Staatenlebens sind wir in Scharen hierher gezogen wie Tauben in ihre Fluglöcher.“ „Und wie gelangtet ihr hierhin, ihr Kleinen?“ Sie erwidern: „Durch das Blut Christi; und wir kommen, ihn, den Herrn über alles, zu krönen!“ Ich sehe die unzählbare Menge den Heiland umringen, und sehe, wie alle, zu ihm hinfliegend, ihre Kronen ihm aufs Haupt legen, und dann wieder zu lobsingen anfangen, lauter denn zuvor. Dort aber sehe ich noch eine andere Schar, die ihnen folgt. „Und wer seid ihr?“ Die Antwort lautet: „Unsere Lebensgeschichte auf Erden ist ganz entgegengesetzt derjenigen jener herrlichen Geister, die vor uns herzogen. Wir lebten sechzig oder siebzig oder etwa achtzig Jahre, bis wir schwach und müde ins Grab wankten; da wir starben, war kein Mark mehr in unseren Gebeinen, unsere Haare waren grau geworden, und wir waren runzlig und verdorrt vor Alter.“ „Wie kamt ihr hierher?“ Sie antworteten: „Nach vielen Jahren des Ringens und Strebens in der Welt, der Versuchungen und Trübsale gingen wir endlich zum Himmel ein.“ „Und ich sehe Kronen auf euren Häuptern?“ „Ja,“ erwidern sie, „aber wir wollen sie nicht behalten!“ „Wohin geht ihr aber?“ „Wir gehen zu jenem Thron, denn wahrlich, unsere Kronen sind uns aus Gnaden verliehen worden, denn nur die Gnade konnte uns aushelfen, den Sturm so viele, viele Jahre zu ertragen.“ Ich sehe die ernsten und würdigen Gestalten nacheinander am Thron vorüberschreiten und dort ihre Kronen zu seinen Füßen niederlegen und dann einstimmen in den jugendlichen Jubelchor: „Heil dem, der auf dem Stuhl sitzt, und dem Lamme, von Ewigkeit zu Ewigkeit!“ (Off. 5,13)

Und danach sehe ich ihnen eine neue Abteilung folgen. Und wer seid ihr? Ihre Antwort lautet: „Wir sind die vornehmsten unter den Sündern, aus Gnaden selig geworden.“ Und hier kommen sie nun: Saulus von Tarsis und Manasse, Rahab und viele andere gleicher Art. Und wie kamt ihr hierher? Sie erwidern: „Uns ist viel vergeben, wir waren schwere Sünder, aber die Liebe Christi hat uns berufen, das Blut Christi hat uns abgewaschen; und weißer als der Schnee sind wir nun, da wir doch einst schwärzer waren als die Hölle.“ Und wohin geht ihr? Sie antworten: „Wir gehen hin, unsere Kronen zu seinen Füßen niederzuwerfen und ihn zu krönen, den Herrn über alles.“ Unter dieser Schar einst zu stehen, das, liebe Zuhörer, ist mein innigstes Sehnen, mein seligstes Hoffen. Abgewaschen von der Sünden Menge, versöhnt im kostbaren Blut, wie selig wird der Augenblick sein, wo ich meine Krone vom Haupt nehmen und sie auf das Haupt dessen legen kann, den ich auch unsichtbar liebe, an den ich aber glaube, in dem ich mich freue mit unaussprechlicher Freude, voller Wonne und Herrlichkeit. Und es ist mir ein seliger Gedanke, wenn ich heute daran denke, daß viele unter euch mit mir dorthin kommen werden. Teure Brüder und Schwestern, noch etliche Jahre, so werden unser viele, die sich allsonntäglich an diesem Ort versammelten, hinaufwallen in jenes herrliche Land; und ihr, ihr heiligen Gottes, werdet alle ohne Ausnahme bereit sein, all eure Ehre hinzugeben dem, der da heilig ist von Ewigkeit zu Ewigkeit. „Ach ja,“ sagt der Kleinglaube, „aber ich fürchte, daß ich nie in den Himmel komme, und darum kann ich ihn nie krönen.“ Ja, aber lieber Kleinglaube, weißt du denn auch, daß eine der herrlichsten Kronen, die Christus trägt, und eine der glänzendsten, die sein Haupt ziert, gerade die Krone ist, die mein Freund Kleinglaube ihm aufs Haupt legt? Denn wenn Kleinglaube in den Himmel kommt, so wird er sagen: „Ach, welche Gnade ist mir zuteil geworden, daß ich, obwohl der Allergeringste in der Familie, dennoch bewahrt wurde; daß ich, obwohl der letzte unter allen Heiligen, der Hölle nicht verfiel; daß ich, obwohl der Schwächste unter allen Schwachen, dennoch an Kraft, wie an Tagen, reich war.“ Muß nicht euer Dank groß sein? Muß nicht euer Loblied laut erschallen, wenn ihr, ihm nahend, eure Ehre zu seinen Füßen niederlegt und ausruft: „Gelobt sei mein Jesus, der meine Seele in allen Gefahren bewahrt hat, und mich zuletzt wohlbehalten zu ihm heimgenommen hat.“ „Auf seinem Haupte waren viele Kronen.“

Ich muß euch nun noch eine Frage vorlegen, meine teuren Zuhörer: Habt ihr eine Krone, die ihr heute Jesus aufs Haupt legen könnt? „Ja,“ spricht einer, „ich habe eine solche. Ich muß ihn krönen, weil er mich aus der letzten großen Trübsal erlöst hat.“ „Ich muß ihn krönen,“ spricht ein anderer, „denn er hat meinen Geist aufrecht erhalten, wenn ich in Verzweiflung untergehen wollte.“ „Ich muß ihn krönen,“ spricht wiederum ein anderer, „denn er hat mich gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Es ist mir, als sähe ich dort einen stehen, der spricht: „Ach, daß doch auch ich ihn krönen dürfte! Wenn er mich nur errettete, wie gerne wollte ich ihn krönen. Ach, wenn er sich mir nur schenken wollte, so wollte ich mich ihm mit Freuden hingeben. Aber ich bin zu elend und zu verworfen vor ihm.“ Nein, lieber Bruder, das bist du nicht; aber spricht auch dein Herz: „Herr, sei mir Sünder gnädig!“? Verlangt und schmachtet deine Seele nach der Vergebung im Blut des Lammes? O, dann gehe doch nach der Vergebung im Blut des Lammes? O, dann gehe doch zuversichtlich zu ihm, heute noch, und sag ihm: „Jesus, ich bin der vornehmste unter den Sündern, aber ich traue auf dich;“ und indem du so sprichst, legst du eine Krone auf sein Haupt, die ihn freut wie die Krone, mit der ihn seine Mutter gekrönt hat am Tage seiner Hochzeit und am Tage der Freude seines Herzens (Hoh. 3,11). Mache diesen Tag zum Tag deiner Vermählung mit ihm. Erwähle ihn, daß er dir alles in allem sei, und dann wirst du mit Freuden sprechen: „Ja, auf seinem Haupt sind viele Kronen, und auch ich habe ihm eine darauf gelegt, und werde noch bald eine dazulegen.“

Dazu gebe Gott seinen Segen, um Jesu willen! Amen.

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