Spurgeon, Charles Haddon - Das Hospital der Wartenden mit dem Evangelium besucht

„Jesus spricht zu ihm: Stehe auf, nimm dein Bette, und gehe hin.“
Joh. 5,8

Es war der Sabbattag! Wo wollte Jesus diesen Tag feiern, und wie? Er wollte ihn nicht, dessen sind wir ganz sicher, in unheiliger Weise zubringen oder ihn vertändeln. Was wollte er tun? Er wollte Gutes tun, denn es ist recht, Gutes am Sabbat zu tun. Wo wollte er Gutes tun? Er wußte, daß es einen Anblick in Jerusalem gab, der besonders schmerzlich war, - der Anblick einer Anzahl armer Leute, „Blinde, Lahme, Dürre,“ die um einen Teich herum lagen und auf eine Gabe warteten, die selten kam. Dahin wollte er gehen und Gutes tun, denn da tat dies am meisten nötig. Wollte Gott, alle Diener Christi fühlten, daß das dringendste Bedürfnis das größte Anrecht auf sie hat, - daß wo die größte Not ist, sie die größte Freundlichkeit beweisen sollten, und daß keine Art, den Sabbat zu feiern, besser sein kann, als das Evangelium des Heils denen zu bringen, die es am meisten nötig haben. Aber es war auch ein Festtag. Es war ein großes Fest der Juden und Jesus war hinaufgezogen nach Jerusalem, um das Fest zu feiern. Wo wird er es feiern? Hat ihn Jemand in sein Haus geladen? Drunten in Bethanien waren Maria und Martha und Lazarus. Haben sie ihn gebeten? Mitunter öffneten selbst Pharisäer und Zöllner ihre Häuser und gaben ihm ein Gastmahl. Es konnte ihm an guter Bewirtung nicht fehlen. Wohin wollte er gehen? War es nicht eine sonderbare Wahl für ihn, zu sagen: „Mein Fest soll unter den Blinden, den Lahmen und Dürren sein?“ Nein, es war nicht sonderbar, denn er hatte zu Einem, der ihn in sein Haus einlud, gesprochen: „Wenn du ein Mahl machest, so lade die Armen, die Krüppel, die Lahmen, die Blinden: so bist du selig; denn sie haben es nicht dir zu vergelten, es wird dir aber vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.“ Was er von Andern verlangte, tat er selber gewiß. Es sah ihm ganz ähnlich, zu sagen: „ Ich werde meinen Festtag in einem Hospital zubringen. Ich will diesen Tag, welcher der Freude wie der Ruhe geheiligt ist, benutzen, um dahin zu gehen, wo die Kranken in dichten Haufen liegen, denn für mich heißt barmherzig sein, fröhlich sein: Menschen zu segnen, das heißt Ruhe für mein Herz zu finden.“ Christus hat nie ein fröhlicheres Fest, als wenn er Andern Gutes tut; und je größer die Handlung seiner Freigebigkeit - je höher die Tat der Macht, die seine Liebe bewirkt hat - desto mehr ist sein Wesen mit Ruhe und Freude erfüllt.

Seht also den Heiland hinabgehen zu dem Teich Bethesda, entschlossen, an dem Ort, wo Schmerz und Krankheit die höchste Herrschaft hatten, seine Barmherzigkeit zu erzeigen und das Übel zu besiegen. Ich werde euch bitten, mit mir und mit dem Heiland hinab nach dem Teich Bethesda zu gehen. Ich werde ihn das Hospital der Wartenden nennen. Während wir da sind, wollen wir beachten, daß Jesus seine Augen auf den Hilflosesten in dieser wartenden Menge richtet. Und dann, drittens, wollen wir es mit Freuden betrachten, wie unser Herr den Mann in evangelischer Weise behandelte.

I.

Zuallererst, sagte ich, wollen wir hinabgehen nach dem Teich Bethesda mit seinen fünf Hallen, den ich das Hospital der Wartenden genannt habe; denn all diese Leute, die da waren, taten Eins: sie warteten - warteten auf das Bewegen des Wassers. Es gab nichts anderes, was sie tun konnten. Sie lagen krank, mit ängstlichen Augen auf den kleinen Teich blickend, hoffend, ihn aufsprudeln zu sehen - einen immer sich erweiternden Kreis auf seiner ruhigen Fläche entstehen zu sehen; sie warteten, um augenblicklich hineinzusteigen, denn wer zuerst hineinstieg, ward gesund - Einer und nicht mehr. Sagte ich nicht recht, daß es ein Hospital der Wartenden sei?

Nur zu leicht können wir heutigen Tages eine große Menge Wartender finden. Ich wünschte, es wäre nicht so; aber eine große Anzahl wartet. Ich glaube, ich kenne genug, um alle fünf Hallen zu füllen.

Einige warten auf eine gelegenere Zeit, und sie haben vielleicht eine Idee, daß diese gelegenere Zeit für sie auf einem Krankenbette kommen wird, möglicherweise , denken sie selbst, auf dem Sterbebett. Dies ist ein großer Irrtum. Sie haben das Evangelium gehört und glauben, daß es wahr ist, obgleich sie es nicht angenommen haben. Sie gehen beständig zum Gottesdienst und sagen zu sich selber: „Wir hoffen, daß wir eines Tages im Stande sein werden, Christum zu ergreifen und von der Krankheit der Sünde geheilt werden, aber nicht jetzt.“ Wie viele Jahre habt ihr gewartet, Einige von euch, auf eine gelegenere Zeit - fünf, sechs, acht, zehn, zwanzig? Ich kenne Einige, die zwanzig oder mehr Jahre gewartet haben. Ich erinnere mich, mit ihnen über ihre Seelen gesprochen zu haben und sie sagten da, das sie nicht die Absicht hätten, die Sache zu vernachlässigen; sie warteten und die Zeit wäre noch nicht so recht gekommen. Sie setzten es nicht genau auseinander, was im Wege stände, aber es war etwas, was in wenigen Monaten - ich meine sogar, Wochen, verschwunden sein würde; aber es ist noch nicht verschwunden und sie warten noch immer; und ich fürchte sie werden immer warten, bis der Tag des Gerichts kommen und sie ungläubig und nicht errettet finden wird. Sie rechnen stets auf ein gutes „Morgen“, aber Morgen ist ein Tag, den ihr nicht im Almanach finden werdet; der wird nirgends gefunden, als in des Narren Kalender. Der Weise lebt heute; „was ihm vorhanden kommt zu tun, das tut er frisch.“ (Pred. 9,10) Heute ist Gottes Zeit und wenn wir je selig werden, so wird es unsre Zeit sein. Aber, ach, Viele liegen und warten, bis ihre Gelenke steif werden, ihre Augen trübe, ihre Ohren schwerhörig und ihre Herzen immer fühlloser. O ihr Einfältigen, soll es immer so sein? Wollt ihr warten, bis ihr in die Hölle geworfen werdet?

In einer zweiten Halle harrt ein Haufe von Wartenden auf Träume und Visionen. Ihr denkt vielleicht, dieser seien sehr wenig, aber es sind nicht so Wenige, als ihr meint; sie bilden sich ein, daß sie einmal in der Nacht einen so lebhaften Traum vom Weltgericht haben werden, daß sie erschreckt aufwachen oder solch´ eine glänzende Vision vom Himmel , daß sie ganz hingenommen davon erwachen werden. Sie haben in der Lebensbeschreibung von irgend Jemand gelesen, daß er etwas in der Luft sah oder eine Stimme hörte oder ein Schriftspruch ihm „aufs Herz fiel“, (wie es genannt wird); sie warten, sage ich, bis solche Zeichen und Wunder für sie geschehen. Ich gebe ihnen das Zeugnis, daß sie sehr dringend wünschen, dergleichen möchte geschehen, aber ihr Irrtum ist der, daß sie es überhaupt wünschen und erwarten und da am Teich Bethesda liegen, wartend und wartend und wartend, als wenn sie Gott nicht glauben könnten, aber einem Traum glauben könnten - der Lehre der heiligen Schrift nicht zu trauen vermöchten, aber einer Stimme glauben könnten, die ihrer Einbildung zufolge in ihren Ohren tönte, obgleich es vielleicht nur das Zwitschern eines Vogels oder überhaupt gar nichts wäre. Sie könnten ihrer Phantasie trauen, aber dem Wort Gottes können sie nicht trauen, wie es in dem inspirierten Buche geschrieben steht. Sie wollen etwas neben und über dem sichern Wort des Zeugnisses; das Zeugnis Gottes ist ihnen nicht genug. Sie verlangen das Zeugnis der Einbildung oder das Zeugnis des Gefühls und sie warten in der Halle bei dem Teich, bis dieses kommt. Was ist dies anders, als ein beleidigender Unglaube? Sollen wir dem Herrn nicht glauben, bis ein Zeichen oder Wunder sein Zeugnis bekräftigt? Ein solches Warten reizt den Zorn des Höchsten.

Eine dritte Halle voll von Leuten finden wir warten auf eine Art von Zwang. sie haben gehört, daß die, welche zu Christo kommen, von dem Geist Gottes gezogen werden. Sie glauben die Lehren von der Gnade und es freut mich, daß sie es tun, denn sie sind wahr; aber sie mißdeuten diese Lehren und meinen, der Geist Gottes mache, daß die Menschen dieses oder jenes gegen ihren Willen tun, indem er Gewalt brauche. Ihre Idee scheint zu sein, daß Menschen bei den Ohren gefaßt und zum Himmel gezogen werden oder mit Gewalt hingeschleppt; und weil wir von Seilen der Liebe und den Banden eines Menschen (Hosea 11,4, engl. Übers.) reden, so nehmen sie das Bild heraus und deuten es falsch. Nun glaubt mir, der Geist Gottes verfährt niemals mit dem menschlichen Herzen, wie ihr und ich mit einem Kasten verfahren, zu dem wir den Schlüssel verloren haben. Er sprengt und bricht es nicht auf. Nach den Gesetzen unserer Natur handelt er mit Menschen als Menschen. Er zieht mit Seilen, aber es sind Seile der Liebe - mit Banden, aber es sind Bande eines Menschen. Er beeinflußt den Willen, indem er das Urteil erleuchtet. Er bringt uns dahin, die Dinge in einem anderen Lichte zu sehen, durch die Unterweisung, die er uns gibt und durch das klare Licht beeinflußt er unsern Verstand und unser Herz wir sehen, daß die Dinge, die wir lieben, böse sind und wir hassen sie; und wir sehen, daß das, was wir einst haßten, gut ist und wählen es. Diese Leute bilden sich ein, daß sie gezwungen sein werden, Buße zu tun, ob sie wollen oder nicht, - gezwungen, an Jesum Christum zu glauben, ob sie wollen oder nicht: aber so wirkt der heilige Geist nicht. Laßt mich euch vor der großen Sünde warnen, den heiligen Geist im Gegensatz zu Christo zu betrachten oder als seinen Nebenbuhler. Das Evangelium ist: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig;“ und wenn ihr sagt: „Ich warte auf den heiligen Geist,“ so setzt ihr Jesum gewissermaßen dem heiligen Geist entgegen; während doch der Vater, der Sohn und der heilige Geist ganz eins und dasselbe wollen, nein, sie sind Eins und das Zeugnis Jesu ist das Zeugnis des heiligen Geistes; und wenn der heilige Geist in dem Menschen wirkt, so tut er es mit dem, was Christi ist, nicht mit etwas Neuem. Er nimmt von dem, was Christ ist und verkündigt es uns. Wenn Jemand das Evangelium verwirft, das sagt: „Glaube und lebe,“ so verwirft er den heiligen Geist und dieser wird ihm kein andres Evangelium bringen, sondern ihn dabei lassen, entweder an Jesum zu glauben oder in seinen Sünden zu sterben. Ihr müßt Christum haben oder verderben und wenn ihr euch weigert, dem Wort des Evangeliums zu gehorchen, so wird weder Gott der Vater noch Gott der Geist sich ins Mittel legen, um euch zu erlösen. Jesus Christus hat den Geist, der von ihm zeugt und wenn der kommt, „straft er die Menschen um die Sünde,“ daß sie nicht an Christum glauben, und führt sie, - nicht dahin, auf irgend ein Werk neben und über dem Werke Jesu zu bauen, sondern einfach und allein auf die Versöhnung zu vertrauen, die Christus uns erworben. Wehe denen, die irgendwo anders, als da, weilen!

Eine vierte Halle ist für viele Leute anziehend, besonders in dieser jetzigen Zeit. Sie warten auf eine Erweckung. Wir haben gute Botschaften gehört, über die wir uns freuen, von großen Erweckungen in verschiedenen Teilen von England, Schottland und Irland; und da sind Einige, die sagen: „O, wenn hier eine Erweckung käme, würde ich bekehrt werden;“ oder es lautet so: „Wenn die zwei hochbegnadigten Knechte Gottes hierher kämen und Gottesdienste hielten, dann, gewiß, würden wir bekehrt.“ Sie sehen nach Menschen aus und nach Aufregung. Ich danke Gott für jede echte Erweckung und wo immer er wirkt, da freue ich mich; aber wenn irgend Jemand glaubt, daß das Gebot des Evangeliums eine Zeitlang suspendiert ist, bis eine Erweckung kommt, so glaubt er an eine Lüge. Das Evangelium sagt: „Tut Buße und lasse sich ein Jeglicher taufen.“ So sprach Petrus am Pfingsttage, oder in anderen Worten: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Der Ruf des Evangeliums ist: „Heute, so ihr seine Stimme hören werdet, so verstocket eure Herzen nicht.“ Es spricht nicht: „Wartet, wartet, wartet bis zu einer Zeit; wartet bis zu einer Erweckung.“ Ich bin geneigt zu denken, selbst wenn eine Erweckung käme, so würden die Leute, welche jetzt daraus eine Entschuldigung für ihr Aufschieben machen, in einer Gemütsvermassung sein, die wenig dazu geeignet wäre, Segen davon zu erhalten oder, wenn sie glaubten, einen solchen empfangen zu haben, würde es aller Wahrscheinlichkeit nach ein gänzlicher Irrtum sein, denn sie würden sich auf Menschen verlassen oder auf fleischliche Erregung und nicht auf Jesum Christum blicken, der ebenso fähig ist, sie jetzt selig zu machen, als er es in einer Erweckungszeit ist und gerade so fähig, sie jetzt durch meine Stimme zu erretten, oder ohne jede Stimme, als durch irgend einen andern Menschen, wir groß dessen Wirksamkeit gewesen sein mag. Ich fürchte, es gibt Viele, die in dieser Halle warten.

Manche warten in der Halle eines zu erwartenden Eindruckes. Sie wollen einen Eindruck empfangen und sie wünschen, der Prediger möchte eine recht erschreckende Predigt halten. Sie wollen ihn warm und ernst, wie er es auch sein sollte, aber sie wollen, daß er sie ins Auge faßt, den Pfeil in ihr Fleisch schießt, daß es ihnen durchs Herz gehen möge - darauf warten sie. Sie kommen hier jeden Sonntag und sind stark angefaßt und sehr unruhig gemacht, haben gefühlt, als ob sie kaum die Predigt zu Ende hören könnten, aber sie haben´s doch fertig gebracht, es zu tun und fertig gebracht, zu warten und zu warten. Wann werde ich euch erreichen? Auf welche Weise soll ich predigen? Gewiß, wenn ich wüßte, auf welche Art ich euch zu Jesu bringen könnte, es würde meine Wonne sein, es zu tun; aber ich kann euch kein andres Evangelium bringen, als das Eine, was ich predige und ich kann es nicht deutlicher tun, noch, wie ich glaube, kann ich es ernstlicher tun, denn ich wünsche die Seligkeit der Sünder mit meiner ganzen Seele. Manche mögen besser predigen, aber Keiner mehr von Herzen, als ich es tue; und wenn ihr von mir erwartet, mehr zu tun, werdet ihr vergeblich aussehen, denn ich habe nichts Besseres zu bringen. Ich habe euch zu meines Heilandes blutenden Wunden gewiesen und euch geheißen, auf ihn zu schauen und zu leben; und wenn ihr seine Seligkeit nicht annehmen wollt, dann hab´ ich euch keine andre Hoffnung zu bringen. Wenn die Menschen das Evangelium nicht hören wollen, das ich gepredigt habe, würden sie auch nicht bekehrt, ob Jemand von den Toten auferstände.

So habe ich euch fünf Hallen von Wartenden gezeigt. Ich will euch sagen, warum ich sicher bin, daß sie Unrecht haben, zu warten. Ich will euch ihre Theorie darlegen. Diese Leute warteten, weil ein Engel kam und das Wasser bewegte und wer zuerst hineinstieg, ward gesund. Das war ihre Idee. Sie blickten nicht auf Jesum, Keiner von ihnen. Hatten sie nicht gehört, daß Jesus Kranke heilte? Hatten sie niemals von dem Weibe gehört, das von hinten herzutrat in dem Gedränge und sein Kleid anrührete und deren „Blutgang alsobald bestand?“ Hatten sie niemals von dem Sohn des Königischen gehört, der todkrank war und gesund ward? Hatten sie nie von all´ diesem gehört? Ich weiß es nicht, aber gewiß ist, sie hatten nie versucht, zu Jesu zu kommen, noch ihn angerufen. Sie vertrauten einzig auf den Teich und den Engel und das Bewegen des Wassers. Ach, mir deucht, wären sie weise gewesen, so hätten sie gesagt: „Dies ist ungewiß und geschieht nur dann und wann; aber Jesus spricht: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen,“ und er machet selig immerdar alle, die durch ihn zu Gott kommen. Täten wir nicht besser, so gut wir können, zu jenen teuren Füßen zu hinzukriechen, in sein Antlitz zu blicken und zu sagen: „Du Sohn Davids, erbarme dich unser“?

Dies ist die Theorie - die dem Evangelium widerstreitende Theorie. Ich möchte sie nie in Stücke schlagen, wenn Gott der heilige Geist mir helfen will - die Theorie des Wartens, die Theorie des Aufsehens nach Etwas, aber nicht auf Christum und auf ihn alleine sehen. Diese Leute legten dem orte große Wichtigkeit bei. Sie blieben an dem Teich Bethesda. Das war der Ort. Wenn sie jemals etwas Gutes erlangen würden, so war es da; so finde ich oft die Wartenden dem Ort der Gottesverehrung große Wichtigkeit beilegen; sie meinen, dort allein das heil finden zu können. Wißt ihr nicht, daß Jesus eure Seelen morgen früh in der Gerberei ebenso wohl erretten kann, als nächsten Sonntag im Tabernakel? (Das Gebäude, wo Spurgeon predigt, heißt: Metropolitan Tabernacle.) Wißt ihr nicht, daß Jesus grad´ ebenso sehr ein Heiland ist am Sonnabend als am Sonntag? Wißt ihr nicht, daß wenn ihr auf der Straße geht, in Cheapside oder im Borough, (Zwei der belebtesten Straßen in London. A. d. V.) und ein kurzes Gebet zu ihm hinauf schickt, er ebenso mächtig ist, euch selig zu machen, als wenn ihr auf euren Knien wäret oder zu Hause oder hier säßet und dem Evangelio zuhörtet. Er ist überall, wo ein Herz nach ihm verlangt. Wo immer ein Auge ist, das wünscht, ihn mit dem Blick des Glaubens anzuschauen, da ist Jesus. Es gibt keine Teiche Bethesda jetzt - keine Orte, die abgesondert sind und das Monopol für die Austeilung der göttlichen Barmherzigkeit haben;

„Wo man ihn sucht, wird er gefunden,
Jedweder Ort ist heil´ger Boden.“

O, kommt zu ihm denn, in diesen euren sitzen, denn dies ist ein Ort, wo er ist, und wenn ihr auf eurem Krankenbette läget, würde ich euch sagen, daß er dort wäre; und wenn ihr an des Zimmermanns Bank den Hobel führtet oder draußen im Felde hinter dem Pflug ginget, hätte ich euch nichts mehr zu sagen, als dies: „Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen: denn so du mit deinem Munde bekennest Jesum, daß er der Herr sei und glaubest in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferwecket hat, so wirst du selig.“ Diese Theorie, daß wir an dem Teich der Gnadenmittel zu warten haben, ist das Evangelium des Antichristen; Christi Evangelium ist: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“

Dann sagten sie, daß sie auf Zeichen und Wunder warten. Jene, die zu Bethesda warteten, harrten auf einen Engel. Ich weiß nicht, ob sie jemals einen Engel sahen, oder ob das Wasser in geheimnisvoller Weise durch einen unsichtbaren Flügel bewegt wurde; aber sie warteten auf einen Engel - ein Geheimnis. Die Leute mögen gern ein Geheimnis, aber dies Begehren ist böse, denn wiewohl das Evangelium in Einer Hinsicht das Geheimnis der Gottseligkeit ist, so ist es doch, so weit als ihr Sünder in Betracht kommt, das klarste Ding der Welt. Es ist dies: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Ihn hat Gott uns dargestellt als die Sühne für unsere Sünde. Das Blut Jesu ist ein stellvertretendes Opfer für Gottes Gerechtigkeit, anstatt unseres Todes und wer da glaubt, daß Christus an seiner Statt steht und ihn so als seinen Stellvertreter annimmt, der ist ein geretteter Mensch. Die Priester versuchen heutzutage aus jedem Dinge ein Geheimnis zu machen; dies ist das Wort, das nach der Offenbarung des Johannes auf der Stirne der Hure Babylon geschrieben stehet: - „das Geheimnis, die Mutter der Hurerei!“ Ihre Messe ist ein Geheimnis, und all´ ihre Zeremonien sind Geheimnisse; die Lateinische Sprache wird gebraucht, um den Gottesdienst zu einem Geheimnis zu machen; der Priester selbst ist ein Geheimnis; die Taufe ist ein Geheimnis. Nun, im Evangelium Jesu Christi ist die wesentliche Wahrheit so klar, wie der Schaft einer Pike. „Deutlich stehen die Worte da, lesbar bei dem Lichte nur, das sie selber geben: Glaube und lebe.“ Ein Mensch, der beinahe ein Idiot ist, kann dies verstehen. Vertraue auf Christum; nimm Christum an, als deinen Stellvertreter vor Gott, und du bist gerettet auf der Stelle - gerettet in einem Augenblick. Nein, sie warten auf ein Geheimnis, sie schmachten nach einem Geheimnis. Sie nehmen sogar an, daß der heilige Geist selbst auf sie herabkommen soll, um das Evangelium unklar zu machen, während er im Gegenteil durch das, was er tut, bemüht ist, das Evangelium uns noch deutlicher zu machen; wenn er kommt, reißt er das Geheimnis hinweg, nicht die Schuppen von unsern Augen fort, und läßt uns sehen, das es etwas Einfaches ist, Jesum anzunehmen und Kinder Gottes zu werden.

Ferner scheinen diese Wartenden, die dem Orte so viel Wichtigkeit beilegten und auf Geheimnisse harrten, auch auf einen Einfluß gewartet zu haben, der nur in Zwischenräumen erfolgte. Bloß zu einer gewissen Zeit bewegte der Engel den Teich; so scheinen sie sich einzubilden, daß es gewisse Tage und Zeiten gibt, wenn Christus willig ist, Sünder anzunehmen, und gelegentliche Zwischenräume, wo sie hoffen können, das heil zu erlangen; während doch die Barmherzigkeit meines Gottes nicht dem Teiche Bethesda gleicht, der dann und wann bewegt ward: sie ist ein Quell, dessen Wasser immer aufsprudelt und wer an Jesum glaubt, ob es sechzehn Minuten vor acht (die Minute, da diese Worte gesprochen wurden. A. d. V.) oder ob es acht Uhr sei, der wird finden, daß Christus bereit ist, die Sünder anzunehmen; denn „Kommet, es ist alles bereit,“ ist eine der Verkündigungen des Evangeliums. bereit und bereit jetzt, nicht zuweilen, sondern allezeit, - nicht dann und wann, gelegentlich an Sonntagen und Festtagen und Erweckungstagen, sondern, „heute, so ihr seine Stimme hören werdet.“ „Heute ist die angenehme Zeit; heute ist der Tag des Heils.“ Weil diese Leute meinen, daß ein gewisser intermittierender Einfluß wirkt, deshalb glauben sie, alles, was sie zu tun hätten, wäre in einer sehr sonderbaren Weise darauf zu warten. O, wenn ich morgen früh gehangen werden sollte und wüßte, daß ein Gnadengesuch eingereicht wäre, so würde ich auf das Resultat warten: aber wie, denkt ihr, würde ich warten? Gesetzt, ich hätte keine Hoffnung auf den Himmel und wüßte, daß ich morgen gehängt würde und hätte eine leise Hoffnung, daß vielleicht eine Begnadigung käme, so würde ich warten, aber wie würde ich warten? Würde ich mich in der Nacht schlafen legen? würde ich ein Fest anstellen und mich mit den Betrunkenen betrinken? O nein, mein Leben, mein Leben, mein Leben ist in Gefahr, ich kann nicht tändeln! wie harren die Seeleute auf dem Wrack des Rettungsbootes? Denkt ihr, sie seien müßig? Nein, sie strengen alle ihre Sehkraft an, um auszublicken und versuchen, durch ihre Notsignale um Hilfe zu flehen. Legen sie sich auf dem Wrack schlafen und sagen: „Wenn wir errettet werden sollen, so werden wir´s. Lasset uns schlafen gehen?“ Nein, sie warten und wenn eine Rakete mit einem Seil käme, so würden sie bereit sein, es in einer Minute zu ergreifen und nicht länger warten. Es ist eine Lüge, nein Mal von zehn, wenn die Menschen sagen, daß sie auf Christum warten, denn sie haben nicht jene furchtbare Angst, jene schmerzhafte Unruhe der Seele, die mit dem wahren Warten verbunden ist. Es ist nur ein verstelltes Warten, eine bloße Entschuldigung, aber was für eine Art Warten es auch sein mag, es ist dem Evangelium gerade entgegen, das nie ein Wort vom Warten sagt, sondern den Menschen gebietet, zu glauben und zu leben.

Noch mehr, die Leute warten auf einen Einfluß, den sie als sehr begrenzt betrachten. Nur Einer wurde zur Zeit in Bethesda geheilt und das war der erste, der hineinstieg; so denken diese Wartenden, wenn sie von Jemand hören, er selig geworden, daß die Umstände ihm günstiger gewesen, als ihnen, daß er in einer bessern Stellung sich befunden, um das Heil zu erlangen. Sie scheinen im Nachtrab des Heeres zu sein und nicht im Stande, zu diesem ihrem wundervollen Teich zu gelangen. Das ist Alles ein Irrtum. Jesus Christus ist dem einen Suchenden so nahe, als dem andern. Wenn ein Mensch sittlich gut ist, sagt ihm das Evangelium: „glaube;“ wenn ein Mensch unsittlich ist, ruft ihm das Evangelium zu: „glaube.“ Wenn ein Mann ein König ist, befiehlt ihm das Evangelium, zu „glauben;“ wenn er ein Bettler ist, heißt es ihn auch „glauben.“ Wenn ein Mann voll Selbstgerechtigkeit ist, weist ihn das Evangelium zu Christo und befiehlt ihm, seine Sünde aufzugeben und auf Jesum zu blicken: der Boden, auf dem das Evangelium die Sünde anredet, ist überall derselbe. Es hat dem Kind der Hure nicht mehr noch weniger zu sagen, als dem Kinde der gereiften Christin. Es bietet dieselbe Vergebung dem großen Sünder und dem kleinen Sünder (wenn ein solcher hier ist) und kommt mit demselben reichen Segen zu dem größten der Sünder, wie zu den Kindern gottseliger Eltern. Laßt keine falschen Ideen in eurem Kopfe sich festsetzen. Ein und derselbe Herr ist reich über alle, die ihn anrufen. Der gleiche Glaube erhält den gleichen Segen. Es gibt eine Grenze, denn „der Herr kennet die Seinen,“ aber in der Predigt des Evangeliums sind wir nicht gebunden durch den Ratschluß der verborgen ist, sondern durch unsre Marschorder: „Gehet hin in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur; wer da glaubet und getauft wird, der wird selig.“ Der, welcher mich jeder Kreatur predigen hieß, hieß mich nicht Eine Seele von meiner Botschaft ausschließen.

So habe ich versucht zu zeigen, warum so Viele warten; und ich will noch Eins über diesen Punkt hinzufügen. Einige dieser Leute, die warten, setzen sehr viel Vertrauen in andre Menschen, eben wie dieser arme Mann sagte: „ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich lasse.“ Ich erhalte jede Woche Briefe von Personen, die in Seelennot sind und mich bitten, für sie zu beten, was ich freudig tue, aber als eine allgemeine Regel sage ich ihnen: „Meine lieben Freunde, ich bitte euch, versucht nicht, euer Gemüt damit zu beruhigen, daß ihr mich bittet, für euch zu beten. Das ist nicht eure Hoffnung. ´Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig werden,´ ob für dich gebetet ist oder nicht.“ Ich suche, sie von allem Vertrauen auf irgend Jemandes Gebete abzubringen, um allein auf Jesum zu blicken. O, sagt nicht: „Ich will meine Freunde bitten, für mich zu beten und dann guten Muts sein.“ Ihr mögt es sagen, wenn ihr wollt, aber beruhigt euch nicht darin. Bedenkt, auf Jesum müßt ihr blicken, - nicht auf die Gebete der besten der Menschen: wenn ihr auf Jesum blickt, werdet ihr augenblicklich das Heil erlangen, aber wenn die ganze Kirche Gottes auf ihre nie fiele im gleichen Augenblick und da die nächsten fünfzig Jahre bliebe, um für dich zu beten, so wirst du doch sicherlich verdammt werden, wenn du nicht an Jesum glaubst. Wenn du für dich selber betest und allein auf Jesum blickst, so wirst du sicher selig. Ist das nicht genug von diesem traurigen Hospital voll Wartender?

II.

Nun ein paar Minuten für den zweiten Teil. Jesus Christus ist in das Hospital eingetreten, er sieht umher und sucht den hilflosesten Menschen in der ganzen Welt sich aus. Ich freute mich, auf einem Anschlagzettel in Betreff der Gottesdienste in den Theatern zu lesen: „die ärmsten Leute sind die willkommensten.“ Das ist ein evangelisches Wort. Gerade so ist es mit Christus. Erliebt es, sein Erbarmen denen zuzuwenden, die es am meisten nötig haben. Da lag dieser Mann und dachte nicht an Christus, aber Christus stand und sah ihn an: er kannte Jesum Christum nicht, aber Jesus Christus kannte ihn, und wußte, daß er lange in diesem Zustand gewesen. Er wußte, daß er 38 Jahre krank gewesen er wußte all´ dies: und er wußte, noch ehe der Mann es ihm erzählt, daß seine Hoffnungen oft getäuscht sein mußten und in der Tat, das war der Fall mit dem Armen gewesen. Er hatte oft versucht, so gut sein gelähmter Körper es vermochte, in das Wasser zu steigen, aber irgend Jemand, selbst irgend ein Blinder, der dem Rande näher gewesen war und den Gebrauch seiner Glieder gehabt, war zuerst hineingestiegen und mit aufgetanen Augen herausgekommen, während dies arme nervenleidende Wesen zu keiner Zeit hineingelangen konnte. Er hatte eine große Menge Andrer geheilt gesehen und das hatte ihn seine Krankheit noch schmerzlicher fühlen lassen, aber es hatte ihn nicht ermutigt, sondern eher noch trauriger gemacht. Es war ein Mann von der unentschlossensten und schwächsten Art, die ihr nur finden könnt. Leset die Geschichte von dem Mann, dessen Augen Christus aufgetan hatte, der da sprach: „Eins weiß ich wohl, daß ich blind war und bin nun sehend.“ Das war ein stattlicher, hartköpfiger Gesell! Der hätte ein Schotte sein können; aber bei diesem Menschen war Alles Unentschlossenheit, hilflos, schwachherzig. Ihr kennt einige solche Leute - vielleicht habt ihr solche in eurer Familie. Ihr könnt ihnen nicht helfen. Wenn ihr ihnen ein Geschäft einrichtet, so werden sie sicher fallieren. Was immer sie tun, es gelingt ihnen nie. Sie sind eine arme, schwache, kindische Art Leute, die es nötig hätten, in einen Korb gesetzt und auf dem Rücken irgend eines andern durch die Welt getragen zu werden. Es gibt Leute dieser Art in Bezug auf Religion; und dieser Mensch war der Typus derselben. Ihn verlangte schmerzlich danach, geheilt zu werden, aber er sagte das nicht so geradezu, denn als Jesus zu ihm sprach: „Willst du gesund werden?“ sagte er nicht: „O Herr, ich wünsche es von ganzem Herzen,“ sondern begann eine weitschweifige Geschichte: „Herr, ich habe keinen Menschen, wenn das Wasser sich beweget“ usw. Als unser Herr ihn heilte, beachtet dies, da fragte er nicht Christus nach seinem Namen und als er den später ausfindig machte, ging er, wie ein alberner Mensch, zu den Pharisäern und verkündigte ihnen, wer sein Wohltäter sei und brachte so den Herrn in Ungelegenheit. Es gibt noch immer Leute von dieser Art. Sie kennen nicht ihr eignes Gemüt; sie wissen, daß sie selig werden möchten, aber sie sagen das kaum. Sie haben richtige Eindrücke empfangen, aber sie nehmen ebenso leicht entgegengesetzte Eindrücke auf; sie sind unentschlossen und unstet. Nun, gerade diesen Menschen suchte mein Herr und Meister sich als den Gegenstand seiner heilenden Kraft aus. Wunder der Gnade gehören Gott an! Sagte er nicht selbst: „Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, daß du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen geoffenbaret. Ja, Vater, denn es ist also wohlgefällig gewesen vor dir.“ Denn „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er die Weisen zu Schande mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß er zu Schanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt, und das Verachtete hat Gott erwählet, und das da nichts ist, daß er zunichte mache, was etwas ist.“

Mit diesem armen, unglücklichen, hilflosen, gelähmten Menschen, dessen Gehirn beinahe ebenso gelähmt war, als sein Körper, hatte unser barmherziger Herr Mitleiden. Nun, wer ist der hilfloseste Mann hier an diesem Orte? Wer ist das hilfloseste Weib in diesem Raum? Ich weiß, einige von euch sagen: „ich fürchte, das bin ich.“ Ich habe gute Nachricht für euch. Ihr seid gerade die Art Leute, mit denen mein Her anzufangen liebt; seid nicht beleidigt durch die Beschreibung, sondern nehmt sie willig zu Herzen. Sehr wahrscheinlich werdet ihr sagen müssen, wenn ihr auf euer vergangenes Leben zurückblickt: „Ja, das ist´s wirklich, was ich gewesen bin. Ich habe Verstand genug in meinem Geschäft und bin da umsichtig genug, aber wenn es an die Religion geht, da fürchte ich, bin ich gerade diese Art Tor gewesen. Ich habe keine Entschlossenheit gehabt. Ich habe keine festen Vorsätze. Ich werde immer von einer Versuchung beim Schopfe genommen oder von schlechten Gefährten auf den unrechten Weg geleitet.“ Nun, mein armer Freund, lege dich vor Jesu Christo nieder in deiner ganzen Hilflosigkeit, in deiner ganzen Stupidität und bitte den Herrn, auf dich zu blicken. Ein Bruder sagte mir einst: „Mein lieber Herr, ich möchte, daß Sie niemals andern, als vernünftigen Sündern predigten.“ Ich sagte: „Nun, es wird mir Freude machen, vernünftigen Sündern zu predigen, wenn sie kommen, mich zu hören, aber so viele stupide Sünder kommen mit ihnen, daß ich verpflichtet bin, diesen ebenso wohl zu predigen.“ Und das tue ich. Ich bringe das Evangelium denen, die sich in allen Dingen dumm und unverständig fühlen und sich selber unter die Toren rechnen. Jesus ist gekommen, um arme, verlorne, ruinierte, tote Sünder selig zu machen und ich bitte ihn, jetzt auf euch zu blicken.

III.

Der dritte Punkt ist nun, wie Jesus Christus ihn behandelte. Wenn Jesus Christus einer gewissen Klasse von Predigern angehört hätte, würde er gesprochen haben,: „Recht so, lieber Mann, du liegst am Teich der Gnadenmittel und es ist am besten, du bleibst da liegen.“ Er huldigte nicht dieser Meinung; und daher sagte er nichts Derartiges, noch sprach er, wie einige Brüder es tun: „Mein lieber Freund, du solltest beten.“ Ein sehr passender Rat in mancher Hinsicht, wie ihr wißt, aber Jesus gab ihn nicht, er verstand die Sache besser. Er sagte nicht: „Nun, du mußt anfangen zu beten und auf den Herrn harren.“ Es ist sehr gut für einige Leute, wenn man ihnen das sagt, aber es ist nicht das Evangelium. Jesus Christus sprach nicht zu seinen Jüngern: „Gehet hin in alle Welt und sagt den Leuten, daß sie beten sollen.“ Nein. „Prediget das Evangelium aller Kreatur; wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden.“

Nun wohl, was tat Jesus mit ihm? Er gab ihm einen Befehl: „Stehe auf, nimm dein Bette und gehe hin;“ die Worte lauten wie drei Donnerschläge. „Aber er kann nicht, aber er kann nicht. Er ist gelähmt, guter Herr! Er ist gelähmt.“ Ja, aber das Evangelium ist ein Befehl, denn wir lesen von Einigen, welche dem Evangelio nicht gehorsam waren. Nun, ein Mensch kann dem nicht ungehorsam sein, was kein Gebot ist, er kann nicht gehorchen, ehe zuallererst ein Befehl gegeben ist. Jesus brachte ihm den Evangeliums-Segen der Heilung als einen Befehl. „Stehe auf, nimm dein Bette und gehe hin.“ Es war ein Befehl, der in dem Glauben einbegriffen war, weil der Mann in eigner Kraft nicht aufstehen konnte und nicht sein Bett nehmen und nicht gehen konnte, aber wenn er an Jesum Christum glaubte, so konnte er aufstehen und konnte sein Bett nehmen und konnte gehen; so war es in der Tat ein Befehl, an Jesum zu glauben und dies durch Werke zu beweisen. „Aber der Mann konnte es nicht tun.“ Das hat nichts damit zu schaffen; die Kraft ist nicht in dem Sünder, sondern in dem Befehl. Er konnte nicht aufstehen, aber Jesus konnte bewirken, daß er es tat; und wenn ich oder irgend ein anderer Diener des Herrn Jesu in der Kraft des heiligen Geistes, dich, von der Gnade erwählten Sünder, anreden und die sagen: „Vertraue Jesu Christo,“ so tun wir das nicht, weil wir glauben, daß in dir irgendwie mehr Kraft ist, als in dem gelähmten Mann war, sondern weil wir im Namen Jesu von Nazareth sprechen, der uns gesandt hat, dir zu sagen: „Stehe auf und wandle.“ Ich traue auf meinen Herrn, daß er seine Kraft mit dem Evangelio sendet; ich weiß gut genug, daß ich keine eigne Macht habe, aber er, der mich gesandt hat, wird seine eigne Botschaft segnen, wie es ihm gefällt. Wenn ihr das Heil erlangt, so werdet ihr´s dadurch erlangen, daß ihr an Jesum glaubt; und wenn ihr zur Stelle euch aus dem Zustand erhebt, in dem ihr jetzt seid, durch seine Kraft, durch den einfachen Akt des Glaubens an ihn, werdet ihr gesund werden. Der Mann glaubte an Jesum; das war alles, was er tat. Ein schwacher Tropf, der er war, unentschlossen und all das, er hatte Verstand genug und Gott gab ihm Gnade genug, einfach an Jesum zu glauben. Er faßte den Entschluß, daß er seine Beine versuchen wollte und zu seiner Überraschung - o, wie erstaunt muß er gewesen sein - trugen diese schwachen Beine ihn! Er stand aufrecht und fand, das er fähig war, sich zu bücken; und seine Matratze aufrollend, nahm er sie und ging damit fort. Was für eine Freude durchzuckte ihn. Ihr seid krank gewesen, aber der Herr hat euch wieder hergestellt und ihr seid aufgestanden und habt euch im Stande gefühlt, zu gehen; war es euch nicht eine Wonne? Ich kenne die Empfindung gut. Was muß es sein, 38 Jahre gelähmt zu sein! Und dann fähig zu sein, sich zu bücken, ein Bett aufzurollen, es auf den Rücken zu nehmen und hinweg zu gehen! Es muß ein Entzücken gewesen sein, ein neues Leben durch seine Nerven, Sehnen und Adern strömen zu fühlen. Nun, wenn ein Sünder sagt: „wohlan, ich habe es immer versucht, aber durch Gottes Gnade will ich meine Seele Jesu Händen anvertrauen.

„Ich glaub´ und glauben will ich es,
Daß Jesus für mich starb,
Daß er am Kreuz sein Blut vergoss
Und Gnade mir erwarb.“

Sünder, du wirst sogleich aufstehen und wandeln. Du wirst selbst überrascht sein, die mächtige Veränderung wahrzunehmen, die Gott mit seinem heiligen Geist durch diesen einfachen Glaubensakt in dir wirkt, und du wirst jene Stufen des Tabernakels hinunter gehen und kaum wissen, wo du bist, singend vor Freude, weil der Herr dich aus dem Hospital der Wartenden heraus genommen und dich unter die Gläubigen versetzt hat. Hat er nicht gesagt: „Alsdann werden die Lahmen hüpfen, wie ein Hirsch, denn es werden Wasser in der Wüste hin und wieder fließen und Ströme in den Gefilden.“

Jesus Christus behandelte diesen Menschen nach der Weise des Evangeliums, denn die Art, wie der Glaube in diesen Menschen hinein kam, ist sehr bemerkenswert. Der Mann kannte Jesum Christum nicht; wie kam es, daß er an ihn glaubte? Wie? nun, es kam so: Er wußte nicht, wer er war, aber er wußte, daß er eine sehr wunderbare Erscheinung sei. Es war ein Blick, ein majestätischer Glanz in diesem Auge, eine wunderbare Gewalt in dem Ton dieser Stimme, eine Macht in dem Aufheben des Fingers, sehr verschieden von dem, was er je vorher gesehen hatte. Er wußte nicht, wer er war und kannte nicht seinen Namen; aber auf irgend eine Art ward das Vertrauen in seiner Seele erzeugt. Wie viel mehr denn kann der Glaube zu euch kommen, die ihr wißt, daß Jesus Christus der Sohn Gottes ist. Ihr wißt, daß er starb und vollkommen die Sünde gesühnt hat, daß er von den Toten auferstanden ist und zur Rechten Gottes des Vaters sitzt, - daß alle Macht im Himmel und auf Erden ihm gegeben ist und daß er „selig machen kann immerdar, die durch ihn zu Gott kommen und lebet immerdar und bittet für sie.“ Sagt nicht: „Ich will versuchen, Glauben zu bekommen.“ Das ist nicht der Weg. Wenn ich irgend einen Bericht glauben will, wie mache ich es? Nun, ich höre ihn und der Glaube kommt durchs Hören. Wenn ich irgend einen Zweifel daran habe, höre ich ihn wieder und lasse ihn mir ausführlicher wiederholen und wenn ich ihn wiederum höre, lodert die Überzeugung in mir auf. So sagt Jesus in dem Evangelium: „Neiget eure Ohren her und kommet her zu mir; höret, so wird eure Seele leben; denn ich will mit euch einen ewigen Bund machen, nämlich die gewissen Gnaden Davids.“ - Hört mich; glaubt mir“ - das ist, kurz zusammengefaßt, das Evangelium, was Jesus den Menschenherzen predigt. Nun gibt Gott sein Zeugnis von Christo, daß er sein Sohn ist, denn er redete vom Himmel herab und sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe“; wollt ihr ihm nicht glauben? Der Geist, das Wasser und das Blut zeugen beständig und diese drei sind Eins. Glaubt Jesu Christo. Das Zeugnis ist stark, gebt ihm eure Seele hin und ihr werdet Freude, Friede und ewiges Leben finden.

Des Mannes Glaube an Jesum, den er tatsächlich durch sein Aufstehen bewies, brachte die Sache zu Ende. Etwas sehr Verschiedenes, ist das von dem Liegen und Warten. Wie? Ich dächte, dieser Mann, wenn er Verstand genug gehabt, wäre zurückgegangen, um den anderen die da lagen, und warteten, zu sagen: „Was noch immer liegend und wartend! Nun, ich habe 38 Jahre gelegen und gewartet und erlangte nicht das Geringste durch das Liegen und Warten. Eben so wenig werdet ihr das.“ Einfältig, wie er war, hätte er sagen können: „Ich will euch sagen, was besser ist, als zu liegen und zu warten. Es ist ein Mann unter uns, Jesus Christus, der Sohn Gottes, und wenn wir ihm vertrauen, will er uns heilen, denn er heilt alle Arten von Krankheiten. Wenn ihr nicht zu ihm gehen könnt, sendet ihm einen Boten, denn er heilte den Sohn eines Königischen, viele Meilen entfernt. Glaubt ihm nur und Kraft wird von ihm ausgehen, denn es ist nicht möglich, daß ihm Jemand traut und nicht geheilt wird.“ Ich meine, ich hätte dieser Mann sein mögen, Schwachkopf, der ich vielleicht gewesen, um hinzugehen und diesen armen Seelen, die da lagen und warteten, zu sagen, welch´ ein Unterschied ist zwischen Daliegen und Warten und sofortigem Glauben. Ich würde es so einfach gesagt haben, wie ich nur gekonnt, denn ich wartete selbst, als ich ein Kind war. Ich hörte viel Predigen, das mich veranlaßte, zu warten und ich glaube, ich wäre beim Warten geblieben, hätte ich nicht jenen armen primitiven Methodistenbruder ausrufen hören: „Blicke, („Blicket auf mich, so werdet ihr selig.“ Jes. 45,23 (engl. Üb. A. d. V.) junger Mann, blicke jetzt.“ Ich blickte dann und blickte dorthin und fand das heil auf der Stelle und habe es nie verloren.

Ich habe euch nichts mehr zu sagen, als: Es ist Leben in einem Blick auf den Gekreuzigten;“ und Jeder, der auf ihn blickt, soll es haben hier, jetzt und sofort. O, daß Manche blicken möchten! Versteht ihr es nicht? Christus trug den Zorn Gottes an der Statt derjenigen, die ihm trauen und ward bestraft an der Stelle und der Statt jedes Gläubigen, so daß Gott einen Gläubigen nicht strafen will, weil er Christum anstatt seiner gestraft hat. Christus starb für den Menschen, der an ihn glaubt, sodaß es Ungerechtigkeit von Seiten Gottes wäre, diesen Menschen zu strafen, denn wie kann er zweimal dieselbe Beleidigung strafen? Der Glaube ist das Siegel und Zeugnis, daß du vor neunzehnhundert Jahren an dem blutigen Kreuz auf Golgatha erlöst wurdest, du bist gerechtfertigt und wer will dich beschuldigen? „Gott ist hier, der gerecht macht; wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja, vielmehr, der auch auferwecket ist.“ Dies ist das Evangelium eures Heils. „O, aber ich fühle nicht.“ Sagte ich irgend etwas von Fühlen. Du wirst Gefühl haben, nachdem du Glauben erlangt hast. „O, aber es steht nicht alles recht mit mir.“ Mich kümmert´s nicht, ob es das ist oder nicht. Jesus spricht: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.“ „O, aber“ - Weg mit eurem „Aber.“ Hier ist das Evangelium: „Wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.“ Der Geist und die Braut sprechen: „Komm.“ Und was Beide, der Geist und die Braut Christi sagen, das darf ich sicherlich sagen und sage es; und möge Gott dies Sagen segnen und möget ihr es annehmen, ihr Wartenden. Möchtet ich blicken, glauben und leben um Jesu willen. Amen.

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