Spurgeon, Charles Haddon - Das herrliche Evangelium

Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.
1. Tim. 1,15

Ich glaube, die Botschaft der Knechte Gottes an das Volk muß allezeit eine „Last des Herrn“ genannt werden. Wenn die alten Propheten vom Herrn ausgesandt wurden, so hatten sie solche Gerichte, Drohungen, Klagen und Weherufe zu verkündigen, daß ihre Gestalt verfiel und ihr Herz im Leibe matt wurde. Der Anfang ihrer Rede verkündigte gewöhnlich „die Last des Herrn, die Last des Herrn.“ Heute aber ist unsere Botschaft keine schwere. Weder Drohungen noch niederschmetternde Strenge ist's, was die Diener des Evangeliums zu verkündigen haben. Alles ist Gnade; Liebe ist die Summe und der Inhalt unseres Evangeliums - unverdiente Liebe; Liebe auch gegen den vornehmsten Sünder. Und doch ist's uns eine Last. Was freilich den Gegenstand unserer Predigt betrifft, so ist's für uns eine Freude und Wonne, davon zu zeugen; aber wenn andere fühlen, was ich jetzt fühle, so werden sie alle bekennen, daß es etwas Schweres ist um die Verkündigung des Evangeliums. Denn es macht mir drückende Sorgen und ängstigt mein Herz - nicht etwa, was ich predigen, sondern wie ich's predigen soll. Wie, wenn eine so herrliche Botschaft mißglücken sollte, weil der Bote nichts taugt? Wie, wenn meine Zuhörer das teure, werte Wort verwerfen, weil ich's nicht mit dem rechten Ernst verkündige? Wahrlich - ja wahrlich, wenn das der Fall wäre, es wäre traurig genug, um Tränen darüber zu vergießen. Möge doch Gott in Gnaden einen so schrecklichen und furchtbaren Ausgang verhüten; möge sein Wort, wie ich es auch verkündige, sich selbst an eines jeden Gewissen bewähren, und möchten doch recht viele von euch Anwesenden, die ihr noch nie bisher zum Herrn Jesus eure Zuflucht genommen habt, durch die einfache Verkündigung des göttlichen Wortes bewogen werden, zu ihm zu kommen, damit ihr schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist.

Unser Text ist so einfach, daß eine glänzende Rede über seinen Inhalt nicht möglich und nicht nötig ist. Er ist ein recht demütigendes Wort, das wir dadurch wollen auf uns wirken lassen, daß wir es auf die einfältigste Weise auslegen. Wir haben zwei Hauptpunkte zu beherzigen: zuerst den Inhalt des Textes und dann eine doppelte Empfehlung dieses Inhalts: „Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort.“

I.

Beherzigen wir zuerst den Inhalt des Textes: „Christus Jesus ist in die Welt gekommen, die Sünder selig zu machen.“ Drei wichtige Punkte treten uns in diesen Worten entgegen: der Heiland, der Sünder und die Erlösung.

1)

Betrachten wir vor allem den Heiland. Da müssen wir ja anfangen, wenn wir von der christlichen Religion reden wollen. Die Person des Heilandes ist der Grund- und Eckstein unserer Hoffnung. Auf diesen Mann stellt das ganze Evangelium ab. Wollte jemand aufstehen und einen Heiland verkündigen, der ein bloßer Mensch wäre, so wäre derselbe nicht wert unserer Hoffnung, und wer eine solche Erlösung predigte, böte uns nicht, was wir verlangen und bedürfen. Wollte ein anderer die Erlösung durch einen Engel verkündigen, so ist unsere Sünde so groß, daß eines Engels Sühnung nicht ausreichte, und es würde sein Evangelium schon in den Grundfesten wanken. Darum wiederhole ich's: Auf der Person des Heilandes beruht unsere ganze Erlösung. Ist er nicht gesandt und nicht im Stande, das Werk zu vollbringen, dann, wahrlich, hat das Werk selbst für uns keinen Wert und fällt schon in seinem Beginn in sich selbst zusammen. Aber, liebe Freunde und Brüder, wenn wir das Evangelium verkündigen, so dürfen wir es nicht hemmen und hindern. Heute müssen wir euch einen solchen Heiland zeigen, daß Himmel und Erde seines Gleichen nicht mehr haben. Er ist ein so liebevoller, großer, mächtiger, all unseren Bedürfnissen so völlig genügender Heiland, daß es sonnenklar ist, wie er von Alters her bereit ist, unseren tiefsten Bedürfnissen zuvorzukommen. Wir wissen aber, daß Christus Jesus, der in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen, Gott ist; und daß lange, bevor er herabkam auf diese arme Welt, er von den Engeln als der Sohn des Höchsten angebetet wurde. Wenn wir euch den Heiland verkündigen, so sagen wir euch aber auch wieder, daß Jesus Christus des Menschen Sohn war, Bein von unserem Gebein und Fleisch von unserem Fleisch; und dennoch war er von Ewigkeit her der Sohn Gottes, und hat in ihm selbst alle Herrlichkeit der Vollkommenheit Gottes. Wer kann von einem Heiland mehr erwarten, als Gott selbst? Ist der, der die Himmel erschuf, nicht mächtig genug, eine Seele rein zu machen? Wird er, der vor Zeiten den Himmel wie einen Teppich ausspannte und die Erde dem Menschen zur Wohnung bereitete, nicht auch mächtig genug sein, einen Sünder vom zukünftigen Zorn zu erretten? Wenn wir euch sagen, er ist Gott, so haben wir auch in diesem einen Wort seine Allmacht und Unendlichkeit bezeugt; und wenn diese zwei Eigenschaften sich in ihm vereinigen, was kann noch unmöglich sein? Wenn Gott etwas unternimmt, kann's ihm nimmermehr fehlen; was er anfängt, führt er herrlich hinaus. Da also Jesus Christus der Mensch auch Jesus Christus der Gott ist, so haben wir die feste Zuversicht, daß auch die Verkündigung dieses Heilandes ein teuer wertes Wort sein werde.

Der Name, der Christus beigelegt wird, gibt uns eine nähere Andeutung über seine Person. Er wird in unserem Text „Christus Jesus“ genannt. Diese beiden Worte sagen: „Gesalbter Heiland“. Dieser gesalbte Heiland „ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen“. Halte hier stille, meine Seele, und laß es dir noch einmal sagen: Er ist der gesalbte Heiland. Gott der Vater salbte vor Anbeginn der Welt Christus zu einem Heiland der Menschen; darum, wenn ich meinen Erlöser ansehe als den, der vom Himmel kommt, um den Menschen von der Sünde zu erlösen, so weiß ich, daß er nicht ohne Sendung und Auftrag kommt. Er besitzt seines Vaters Macht und Ansehen, um sein Werk zu vollenden. Zwei Dinge sind daher unerschütterlich fest, auf die unsere Seele sich verlassen darf: die Person Christi, die schon an und für sich göttlich ist, und dann die Salbung aus der Höhe als das Siegel einer vom Vater überkommenen Sendung. O Sünder, was für einen größeren Heiland verlangst du, als den Gott selbst gesalbt hat? Was kannst du mehr verlangen, als daß der ewige Sohn Gottes dein Lösegeld sei und die Salbung vom Vater die Versiegelung dafür?

Aber wir haben die Person des Erlösers nicht völlig erkannt, bis wir auch gesehen haben, daß er Mensch war. Wir lesen, daß er in die Welt kam. Damit ist nicht sein häufiges Erscheinen gemeint; denn er kam oftmals vorher in die Welt. So lesen wir in der Schrift: „Ich will hinabfahren und sehen, ob sie alles getan haben nach dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob es nicht so sei; daß ich's wisse.“ Gewiß, er ist immer gegenwärtig. Man sieht, wie Gott einherzieht im Heiligtum; in Führungen und in Werken der Schöpfung zeigt es sich klar. Besucht nicht Gott die Erde, wenn er in Gewittern daher fährt und geht auf den Fittichen des Windes? Aber jenes Kommen war verschieden von all dem. Christus kam in die Welt in dem vollsten Sinne des Worts, indem er sich aufs Vollkommenste mit der menschlichen Natur vereinigte. O Sünder, wenn wir einen göttlichen Heiland verkündigen, so ist vielleicht der Gottesname so schrecklich für dich, daß du kaum denken kannst, der Heiland sei für dich vorhanden. Aber höre hier wieder das alte Wort: Obwohl Christus der Sohn Gottes war, verließ er doch den allerhöchsten Thron seiner Herrlichkeit und erniedrigte sich und lag in der Krippe. Da sieh ihn liegen, ein kleines Kind. Sieh, er wächst heran zum Mann und tritt auf unter dem Volk, um zu lehren und zu leiden! Schaue ihn an, wie er stöhnt unter das Last des Elends; er wird verspottet und verhöhnt; sein Antlitz ist bis zum Entsetzen entstellt wie keines Menschen, und sein Ansehen wie kein Menschenkind! Schaue ihn an im Garten, wo sein Schweiß ist wie Bluttropfen! Schaue ihn an im Palast des Pilatus, wie er da gegeißelt wird, und seine Schultern zerfleischt, mit geronnenem Blut besudelt sind! Schaue ihn an am blutigen Kreuzesstamm! Sieh ihn sterben unter Qualen und Ängsten, die niemand zu denken, noch weniger zu beschreiben vermag! Betrachte ihn im stillen Grab! Sieh, wie er zuletzt des Todes Bande zerreißt und am dritten Tag aufersteht, und später auffährt in die Höhe „und führet das Gefängnis gefangen.“ Sünder, jetzt hast du den Heiland vor dir, völlig bezeugt. Er, der genannt wurde Jesus von Nazareth, der am Kreuz starb, über dem geschrieben stand: „Jesus von Nazareth, der Juden König“, dieser Mann war der eingeborene Sohn Gottes, der Glanz der Herrlichkeit des Vaters, geboren aus dem Vater, ehe denn der Welt Grund gelegt wurde, geboren und nicht geschaffen, denn er ist gleichen Wesens mit dem Vater. „Er hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, und wurde gleich wie ein anderer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst, und wurde gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.“ O, könnte ich ihn euren Augen zeigen, euch vor ihn hintreten lassen, damit ihr betrachten könntet seine Hände und seine Seite! Wenn ihr, wie Thomas, jetzt eure Finger in seine Nägelmale und eure Hand in seine Seite legen könntet, mich dünkt, ihr würdet nicht ungläubig sein, sondern gläubig. Das weiß ich gewiß, wenn irgend etwas im Stande ist, den Menschen unter der Hand des allerheiligsten Geistes Gottes zum Glauben zu bringen, so ist's eine wahre Schilderung der Person Christi. Sehen heißt hier glauben. Ein richtiges Bild von Christus, ein ernstliches Aufschauen zu ihm muß in der Seele unfehlbar den Glauben erwecken. Ich zweifle nicht daran, wenn ihr meinen Herrn kenntet, so würden manche von euch, die jetzt zweifeln, fürchten und zittern, sie würden sagen: „Ich kann auf ihn vertrauen; eine so göttliche und doch so menschliche Person, von Gott gesandt und gesalbt, muß meines Glaubens wert sein, ich darf auf ihn vertrauen; ja, wenn ich hundert Seelen hätte, ich könnte mit allen auf ihn trauen; oder wenn ich dastünde und wenn auf mir läge die Verantwortung für alle Sünden aller Menschenkinder, und wenn ich selbst zum Pfuhl und Abgrund für dieser Welt Verdammnis geworden wäre, so könnte ich noch auf ihn trauen, denn solch ein Heiland „kann selig machen aufs Völligste, die durch ihm zu Gott kommen.“ Sehet, das ist euer Heiland!

2)

Der zweite Gegenstand unserer Betrachtung ist der Sünder. Hätten wir noch nie diese oder eine ähnliche wichtige Stelle gehört, so würde an diesem Ort die lautloseste Stille herrschen, wenn ich zum ersten Mal vor euren Ohren so zu lesen anfinge: „Das ist gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt.“ Ich sehe, wie ihr das Haupt vorwärts beugen, ich sehe, wie ihr die Hand ans Ohr bringen würdet, wir ihr den Blick anstrengen würdet, gleich als wolltet ihr auch mit den Augen hören wie mit dem Ohr, um zu erfahren, für wen der Heiland starb. Jedes Herz würde fragen, wen kam er zu erlösen? Und wenn wir nie zuvor die Botschaft gehört hätten, wie würde uns das Herz vor Erwartung pochen, ob nicht dennoch der Angekündigte nur ein Solcher wäre, auf den wir uns unmöglich verlassen könnten? O, wie süß ist's, noch einmal das eine Wort zu hören, das diejenigen schildert, die Christus gekommen ist, selig zu machen. „Er ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Ihr Könige, hier ist kein Unterschied; ihr Fürsten, er hat nicht euch vor Anderen auserwählt zum Gegenstand seiner Liebe, sondern die Elenden und Armen sollen sein Erbarmen genießen. Ihr Gelehrten, ihr Meister in Israel, Christus sagt nicht, daß er besonders euch zu erlösen gekommen sei; der ungebildete und unwissende Bauer ist seinem Erbarmen gleich willkommen. Jude, du wirst mit der ganzen langen Ehrenreihe deiner Stammväter nicht besser gerechtfertigt als der Heide. Ihr Männer der Bildung und des Fortschritts, Christus sagt nicht, er sei gekommen, euch selig zu machen, er nennt euch nicht als die Auserwählten seiner Liebe; - ja, und auch ihr, die ihr gute Werke wirkt, die ihr euch zu den Heiligen unter den Menschenkindern zählt, auch ihr werdet nicht bevorzugt. Die einzige einfache Bezeichnung, breit und umfassend wie die Menschheit selbst, lautet einfach: „Jesus Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Höret nun und merket wohl auf; wir müssen das in einem allgemeinen Sinn auffassen, was wir lesen, nämlich so: Alle, die Jesus gekommen ist, selig zu machen, sind Sünder; wenn aber jemand fragen wollte: „Kann ich hieraus schließen, daß ich selig werde?“, so müßten wir vorher noch eine andere Frage an ihn richten. Beginnen wir jedoch mit der allgemeinen Bedeutung: „Jesus Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Die Menschen, die der Herr Jesus kam selig zu machen, waren und sind von Natur Sünder, nichts mehr und nichts weniger. Ich habe oft gesagt, Christus sei gekommen, erweckte Sünder selig zu machen. Es ist ganz wahr, deswegen kam er. Aber diese Sünder waren noch keine erweckten Sünder, als er kam, sie selig zu machen; sie waren nichts als „in Übertretungen und Sünden tote“ Sünder. Ihr wißt, daß wir predigen, Christus sei gestorben, um empfängliche Sünderherzen zu erlösen. Es ist allerdings so; aber diese Herzen waren ja nicht empfänglich, als Christus um ihrer Erlösung willen starb. Er macht erst die Sünder empfänglich und reuig durch die Kraft seines Todes. Die, für die er starb, werden ohne irgend eine beschränkende Erläuterung Sünder genannt, ganz einfach Sünder, ohne irgend ein Verdienst oder Vorzug, wodurch sie über ihre Mitbrüder erhoben würden. Sünder! Dieser Ausdruck meint etliche von jeder Art von Sündern. Es gibt einige Menschen, deren Sünden ganz unbedeutend zu sein scheinen. Christlich und sittlich groß gezogen, fallen sie nicht in schwere Sünden, sie netzen kaum ihre Fußsohlen in den Pfützen des Lasters, aber in seine Tiefen wagen sie sich nicht. Nun, für solche ist Christus gestorben, den Viele von ihnen haben ihn kennen und lieben gelernt. Niemand soll denken, weil er ein geringerer Sünder sei als andere, so sei er deshalb hoffnungsloser. Sonderbarerweise ist es so, daß manche sich so etwas einbilden konnten. „Wenn ich ein Gotteslästerer gewesen wäre,“ sagt der eine, „oder ein Ungerechter, so hätte ich mehr Hoffnung; obwohl ich in meinen eigenen Augen ein großer Sünder bin, so habe ich doch in den Augen der Welt wenig verschuldet, so daß ich mir wie ausgeschlossen vorkomme.“ Sage das nicht! Es heißt „Sünder“. Wenn du dich unter diese Bezeichnung rechnen kannst, so ist es ja gleich, ob du oben oder unten stehst, du stehst eben doch im Verzeichnis, und die Wahrheit steht einmal fest, daß die, die Jesus gekommen ist, selig zu machen, ursprünglich Sünder waren, und da du ein solcher bist, so hast du keinen Grund zu glauben, du seiest ausgeschlossen.

Weiter: Christus ist gestorben, um Sünder der entgegengesetzten Art selig zu machen. Es gibt Menschen, die wir nicht schildern dürfen; wir müßten erröten, wenn wir ihre geheimen Schandtaten erzählen wollten. Es hat Menschen gegeben, die Laster erdachten, von denen selbst der Teufel nichts wußte, bis jene sie ersannen. Es hat so tierische Menschen gegeben, daß ein Hund ein viel achtbareres Geschöpf ist als sie. Wir haben von solchen gehört, deren Verbrechen teuflischer, verdammungswürdiger waren als irgend ein Handlung, die man dem Teufel zuzuschreiben pflegt. Und doch schließt unser Text diese nicht aus. Sind wir nie so gemeinen Gotteslästerern begegnet, die nichts sagen konnten, ohne sich dazu zu verfluchen und zu verschwören? Die Gotteslästerung, die ihnen zuerst ein Greuel war, ist ihnen so geläufig geworden, daß sie nicht beten würden, ohne vorher zu fluchen, und Gott nicht loben, ohne dazu zu schwören. Das Fluchen ist ihnen so zum täglichen Brot geworden, daß sie diese schreckliche Versündung gar nicht mehr begreifen. Die Gebote Gottes kennen sie nur, um sie voll Mutwillens zu übertreten. Erzählt ihnen von neuen Lastern, und sie haben ihr höchstes Wohlgefallen daran. Sie sind wie jener römische Kaiser, dessen Günstlinge sich bei ihm durch nichts besser einschmeicheln konnten, als wenn sie irgend ein unerhörtes Verbrechen erfanden - Menschen, die bis über die Ohren in dem Stygischen Sumpf der höllischen Sünden wateten - Menschen, die noch nicht zufrieden mit der Besudelung ihres sündigen Wandels, auch noch die Falltüren und Schlingen der Entsittlichung aufrissen, ums sich ganz und gar in den Abgrund zu stürzen und sich im Unflat der scheußlichsten Gottlosigkeit und Wollust zu wälzen. Aber unser Text enthält nichts, das selbst diese ausschlösse. Ihrer viele werden dennoch gewaschen mit dem Blut des Lammes und werden teilhaftig der Liebe des Heilandes.

Auch macht unser Text keinen Unterschied im Alter der Sünder. Ich sehe hier viele, deren ehrwürdig silberne Haare gerade das Gegenteil eures wahren Charakters bezeichnen; ihr seid äußerlich weiß geworden, aber innen seid ihr von Sünde durch und durch schwarz. Ihr habt Sünde auf Sünde gehäuft, Verbrechen auf Verbrechen; und wenn jetzt einer hindurchgraben wollte durch den verschiedenen Schutt vieler Jahre, so würde er versteinerte Jugendsünden finden, die vergraben liegen in den Tiefen der Felsenherzen. Wo einst alles weich und zart war, ist jetzt alles dürr und hart geworden. Ihr seid tief in die Sünde hineingeraten. wenn ihr jetzt noch bekehrt würdet, wäre das nicht wahrlich ein Wunder der Gnade? Wie schwer ist's, die alte Eiche zu biegen! Kann sie jetzt, da sie knorrig und hart geworden ist, noch gebogen werden? Kann der große Gärtner sie noch ziehen? „Aber,“ sagt einer, „meine Sünde ist von besonders erschwerenden Umständen begleitet. Ich habe gegen Wissen und Gewissen, gegen Liebe und Erleuchtung gesündigt. Ich habe einer Mutter Gebete mit Füßen getreten, ich habe eines Vaters Tränen verhöhnt. Alle Warnungen habe ich in den Wind geschlagen. Auf meinem Krankenbett hat Gott mich selbst gezüchtigt; ich habe manchen guten Vorsatz gefaßt und eben so manchen leichtsinnig vergessen. Meine Schuld ist so groß, daß sie nicht mir gewöhnlichem Maß gemessen werden kann. Meine kleinen Vergehen sind größer als anderer Menschen größte Ungerechtigkeiten, denn ich habe gegen bessere Erkenntnis, gegen die Mahnstimmen des Gewissens und gegen alles, was mich eines Besseren belehrte, gesündigt.“ Wohl, mein Freund, aber ich sehe nicht, daß du hier ausgeschlossen bist; unser Text unterscheidet nichts anderes als das: „Sünder!“ Und was unseren Text betrifft, so gibt's hier keine Grenze; ich muß den Text nehmen, wie er steht; und auch für euch kann ich keine Grenze zugeben, es heißt: „Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen!“ Leute eures Gelichters sind selig geworden, warum solltet ihr nicht auch selig werden können? Die ärgsten Bösewichter, die raffiniertesten Diebe, die ausschweifendsten Ehebrecher sind selig geworden, warum denn nicht auch ihr, und wenn ihr auch wie sie gewesen seid? Hundertjährige Sünder sind selig geworden, wir erinnern uns an Beispiele der Art; warum denn nicht auch ihr? Wenn ein einziges Beispiel einer göttlichen Tat uns zur Aufstellung einer allgemeinen Regel berechtigt, und wenn wir uns überdies auf sein eigenes Wort berufen können, wo lebt denn der Mensch, der so eigensinnig anmaßend sich selbst auszuschließen wagt und die offene Gnadentüre sich selber absperrt? Nein, Geliebte, der Text sagt: „Sünder“; und warum solltet ihr und ich damit nicht gemeint sein? „Jesus Christus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“

Aber ich sagte, und ich muß darauf jetzt zurückkommen, wenn jemand den Text ganz besonders auf sich anwenden will, so muß er ihn noch anders lesen. Nicht jedermann hier darf schließen, daß Christus gekommen ist, gerade ihn selig zu machen. Die, die Christus selig machen will, sind allerdings Sünder; aber er wird nicht alle Sünder selig machen. Es gibt einige Sünder, die mit Gewalt verloren gehen wollen, weil sie Christus verwarfen. Sie verhöhnen ihn; sie wollen nicht Reue und Leid tragen; sie erwählen ihre eigene Gerechtigkeit; sie wenden sich nicht zu Christus, sie wollen nichts von seinen Wegen wissen und von seiner Liebe nichts. Für solche Sünder gibt es keine Gnadenverheißung, denn einen anderen Weg der Erlösung gibt es nicht. Verschmähe Christus, so verschmähst du deine Begnadigung. Wende dich von ihm ab, so zeigst du, daß in seinem Blut kein Heil für dich ist. Verschmähe ihn und stiebt dahin, stirb, ohne deine Seele in seine Hände zu befehlen, so hast du den schrecklichen Beweis geliefert, daß das Blut Christi trotz seiner Kraft nicht auf dich gewirkt hat, nie dein Herz besprengt hat zur Vergebung deiner Sünden. Wenn ich nun ein Verlangen habe zu wissen, ob Christus für mich gestorben sei, daß ich nun an ihn glauben und mich erlöst fühlen kann, so muß ich folgende Frage beantworten: Fühle ich heute, daß ich ein Sünder bin? Nicht etwa, sage ich es bloß wie eine höfliche Versicherung, sondern fühle ich es wirklich? Steht's im Innersten meiner Seele mit großen, feurigen Buchstaben eingegraben: ich bin ein Sünder? Wenn es so ist, dann ist Christus für mich gestorben, dann bin ich mit in seiner besonderen Erwählung inbegriffen, dann hat das Evangelium der Gnade meinen Namen in das uralte Buch des ewigen Lebens eingetragen; dann bin ich versöhnt, und ich werde, es kann nicht fehlen, selig werden, wenn ich jetzt, da ich mich sündig fühle, diese einfache Wahrheit ergreife, wenn ich glaube und darauf baue als auf meinen Hoffnungsanker in jeder Trübsalszeit. Komme, Mensch und Mitbruder, bist du nicht bereit, daran zu glauben? Sind nicht viele von euch im Stande zu bekennen, daß sie fühlen, sie seien Sünder? Ich bitte euch dringend, wer ihr auch seid, glaubt diese große Wahrheit, dieses teure, werte Wort: Christus ist gekommen, euch selig zu machen. Ich kenne eure Zweifel, ich kenne euer Zagen, denn ich habe das selbst auch durchgekämpft, und der einzige Weg, auf dem ich meine Hoffnung lebendig erhalten kann, ist gerade der: Ich stelle mich jeden Tag unter das Kreuz; ich glaube, daß ich in meiner Todesstunde keine andere Hoffnung habe als diese:

„Gar nichts, gar nichts bringe ich.
Nur das Kreuz umschlinge ich!“

Und der einzige Grund meines Glaubens, daß Jesus Christus mein Erlöser sei, ist zur Stunde der: Ich weiß, daß ich ein Sünder bin. Das fühle ich, und darüber seufze ich; und ob ich mich auch tief darüber gräme, wenn der Satan mir einflüstert, ich könne am Herrn keinen Teil haben, so ziehe ich gerade aus meinem Kummer den Trost, daß eben, weil er das Gefühl meines Verlorenseins in mir weckte, er dies nur tat, weil er wußte, daß ich selig würde; und eben weil er mir gezeigt hat, daß ich auch zu der großen Klasse derer gehöre, die er selig machen will, so schließe ich daraus mit Gewißheit, daß er mich erlösen wird. O könnt ihr das auch, ihr sündigen, zerschlagenen, müden, betrübten und hoffnungslosen Seelen, die die Welt getäuscht hat? Ihr müden Seelen, die ihr euch im Vergnügen getummelt habt und nun Übersättigung und Ekel empfindet und euch sehnt, sie los zu werden - o ihr Seelen, die ihr nach etwas Besserem verlangt, als euch diese tolle Welt geben kann, ich verkündige euch das heilige Evangelium des heiligen Gottes: Jesus Christus, der eingeborene Sohn Gottes, geboren aus Maria, der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, und am dritten Tage wieder auferstanden, um euch - gerade euch - selig zu machen; denn er ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.

3)

Und nun drittens in aller Kürze: Was heißt das, Sünder selig machen? „Christus ist gekommen, die Sünder selig zu machen.“ Brüder, wenn ihr ein Bild haben wollt, das euch deutlich zeigt, was das heißen soll „Selig“, so will ich euch hier eines vor die Augen malen. Da ist ein armer, elender Tropf, der lange Jahre in den größten Sünden sich gewälzt hat; er ist so eingefleischt in die Sünde, daß ein Mohr eher seine Haut wandeln könnte, als daß dieser lernte rechtschaffen zu leben. Völlerei und Liederlichkeit und Torheit haben ihn mit ihrem ehernen Netz umgarnt, und er ist ein Scheusal geworden und unfähig, sich aufzuraffen aus seiner eigenen Abscheulichkeit. Sehr ihr ihn? Er wankt seinem Verderben entgegen. Von Kind auf bis zum Jüngling, und vom Jüngling bis zum Manne hat er rechtschaffen gesündigt, und nun geht er seinen letzten Tagen entgegen. Der Höllenpfuhl flackert vor seinen Füßen auf und peitscht ihm seine furchtbaren Flammenbrände ins Gesicht, und noch merkt er's nicht; noch geht er dahin in seiner Bosheit und verhöhnt Gott und haßt seine eigene Seligkeit.

Hier verlassen wir ihn. Wenige Jahre sind vergangen, und nun hört eine andere Geschichte. Seht ihr jenen Geist dort - in den vordersten Reihen - mit herrlichen Liedern Gott lobsingen? Seht ihr, wie er mit weißen Kleidern angetan ist, dem Sinnbild seiner Reinheit? Seht ihr ihn seine Krone niederwerfen zu den Füßen Jesu und ihn anbeten als den Herrn über alles? Hört! Vernehmt ihr seine süße Stimme nicht, die mit dem herrlichsten Gesang, der je das Paradies entzückte, jubelnd preist. O lauschet seinem Lied:

„Ich bin der Sünder größester,
Doch Jesus starb für mich!“

„Ihm, der mich geliebt hat und mich gewaschen von meinen Sünden mit seinem Blut, ihm sei Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Kraft und Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Und wer ist der, dessen Lied mit dem Preisgesang der Seraphim wetteifert? Es ist der Nämliche, der vor Kurzem so schrecklich versunken war, es ist eben derselbe Mann Aber er ist abgewaschen, er ist geheiligt, er ist gerecht gemacht. Wenn ihr mich nun fragt: „Was heißt denn Erlösung, so sage ich euch jetzt, sie reicht von jenem elenden, verzweifelten, gefallenen Glied der Menschheit bis zu jenem laut jubelnden Geiste dort oben, der Gott mit seinem Lied verherrlicht. Das heißt: errettet - selig werden, wenn unsere alten Gedanken erneuert, wenn unsere alten Gewohnheiten ausgetan und neue geschenkt werden, wenn die alten Sünden vergeben sind und die Gerechtigkeit zugerechnet wird, wenn im Gewissen der Friede wohnt, Friede mit den Menschen, Friede mit Gott; wenn das unbefleckte Gewand der Gerechtigkeit Christi unsere Blöße deckt und uns heilt und reinigt. Selig sein heißt erstanden sein vom Pfuhl der Verdammnis, erhöht auf den Thron des Himmels, errettet vom Zorn und Fluch und von den donnernden Drohungen eines erzürnten Gottes, und beseligt zu schmecken und zu sehen die Liebe und das Wohlgefallen und das Lob Jehovas, unseres Vaters und Beraters. Und das alles schenkt Christus den Sündern. Wenn ich dies einfache Evangelium predige, so habe ich nichts mit denen zu schaffen, die sich nicht Sünder nennen wollen. Wenn ihr auf Heiligkeit Anspruch erhebt, wenn ihr auf eigene Vollkommenheit der Heiligung euch etwas zu Gute tut, so habe ich nichts mit euch zu schaffen. Mein Evangelium ist für Sünder, einzig für Sünder, und diese ganze Erlösung, so umfassend und herrlich und unaussprechlich köstlich und unveränderlich fest sie ist, heute wird sie den Verworfenen, dem Abschaum - mit einem Wort den Sündern angeboten.

Nun glaube ich die Wahrheit des Textes dargelegt zu haben. Gewiß, niemand kann mich mißverstehen, außer er tue es absichtlich: „Christus Jesus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“

II.

Und nun bleibt mir nur noch wenig zu sagen übrig, aber es ist das Schwerere: die doppelte Anempfehlung des Textes. Erstens: „Es ist gewißlich wahr“; das ist ein Wort für die Zweifler; zweitens: „es ist ein teures, wertes Wort!“; das ist ein Wort für die Gleichgültigen - aber auch für die Heilsbegierigen.

1)

Erstlich „es ist gewißlich wahr“; das ist ein Wort für den Zweifler. Ach, sobald der Teufel Menschen unter dem Schall des Wortes Gottes versammelt findet, windet er sich wie eine Schlange durch die Menge und flüstert da einem zu: „Glaub es nicht!“ und dort einem: „Das ist zum Lachen!“ und hier einem „Weg damit!“ Und wenn sich einer findet, dem die Botschaft galt - einer, der da fühlt, er sei ein Sünder, so ist der gewöhnlich allzu ängstlich und kann sich's nicht aneignen. Ich weiß, was der Satan zu dir gesagt hat: „Glaub es nicht, es ist zu herrlich, um wahr zu sein.“ Laß mich dem Teufel mit Gottes eigenen Worten entgegnen: „Das ist gewißlich wahr.“ Ja, es ist herrlich - und es ist so wahr wie herrlich. Es wäre zu herrlich, um wahr zu sein, wenn Gott es nicht selbst gesagt hätte; aber eben weil er es gesagt hat, so ist es nicht zu herrlich, um wahr zu sein. Ich will dir sagen, warum du denkst, es sei zu herrlich, um wahr zu sein: weil du Gottes Weizen mit deinem eigenen Scheffel mißt. Du mußt bedenken, daß seine Wege nicht deine Wege sind und seine Gedanken nicht deine Gedanken; denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, sind seine Gedanken höher als deine Gedanken und seine Wege höher als deine Wege. Du denkst, wenn jemand dich beleidigt hätte, so hättest du ihm vielleicht nicht verzeihen können. Ja, aber Gott ist nicht ein Mensch; er kann vergeben, wo du es nicht kannst; und wo du deinen Mitknecht würgen würdest, da würde ihm Gott siebzigmal siebenmal vergeben. Du kennst Jesus nicht, bis du an ihn glaubst. Wir meinen, wir ehren Gott, wenn wir groß von unserer Sünde denken. Aber laßt uns beherzigen, daß wir wohl tun, groß von unserer Sünde zu denken, daß wir aber Gott verunehren, wenn wir von seiner Gnade geringer denken als von unserer Sünde. Gottes Gnade ist unendlich größer als unsere größten Verbrechen. Er macht nur eine einzige Ausnahme, und der Reuige gehört nicht zu dieser. Ich bitte euch darum, faßt seiner würdigere Gedanken. Denkt daran, wie gut er ist und wie groß er ist, und wenn ihr überzeugt seid, daß dem so ist, so hoffe ich, ihr werdet den Satan von euch treiben, und nicht mehr denken, es sei zu herrlich, als daß es wahr sein könnte. Ich weiß, was er euch darauf eingeben wird: „Nun wohl, wenn es wahr ist, so ist es für dich nicht wahr; es ist für die ganze Welt wahr, aber für dich nicht. Christus starb, um die Sünder selig zu machen; du bist zwar ein Sünder, aber gerade du bist ausgeschlossen.“ Sage dem Teufel ins Gesicht, daß er ein Lügner ist. Man kann ihm nicht anders entgegentreten als mit der offensten Sprache. Als der Teufel dem Martin Luther in den Weg trat, gab der ihm heraus wie jedem anderen Schurken; er wies ihm die Türe und das mit festen Worten. Sag auch du ihm im Namen Jesu Christi, daß er ein Lügner ist. Christus sagt, er sei gekommen, die Sünder selig zu machen; der Widersacher leugnet es. Denn was sagt er anderes, wenn er behauptet, er sei nicht für dich gekommen, wenn du doch fühlst, daß du ein Sünder bist? Nie mußt du sein Zeugnis dem Zeugnis Jesu vergleichen. Christus sieht heute vom Kreuz auf Golgatha auf dich hernieder mit dem gleichen liebevollen, tränenerfüllten Augen, die einst über Jerusalem weinten. Er schaut auf dich, mein Bruder, meine Schwester, und spricht durch meinen Mund: „Ich bin gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Sünder! Willst du nicht an ihn glauben und deine Seele in seine Hände befehlen? Willst du nicht sagen: „Lieber Herr Jesus, Du sollst von nun an meine Zuversicht sein Um dich gebe ich gern alles hin, du bist und bleibst mein Gewinn“ Komme, du armer Verzagter, ich muß versuchen, dich gewiß zu machen mit den Worten unseres Textes: „Jesus Christus ist gekommen in die Welt, um Sünder selig zu machen.“ Es ist ein wahrhaftiges Wort, ich darf nicht zulassen, daß du es verwirfst. Du sagst, du kannst nicht glauben. Ich frage dich: „Glaubst du der Bibel nicht?“ „Ja,“ sagst du, „ich glaube ihr jedes Wort.“ Nun, dies ist ein Bibelwort: „Jesus ist gekommen in die Welt, die Sünder selig zu machen.“ Ich beschwöre dich, wenn du aufrichtig gesagt hast: „Ich glaube der Bibel“, so glaube doch auch dieses. Da steht es geschrieben. Glaubst du an Jesus Christus? Komm, antworte mir. Meinst du, er könnte lügen? Kann der Gott der Wahrheit sich zum Betrüger erniedrigen? „Nein,“ sagst du, „was er spricht, glaube ich.“ Eben Gott sagt es dir aber in seinem Buch. Er starb, um die Sünder selig zu machen.

Noch eins: Glaubst du nicht an Tatsachen? Ist nicht Jesus Christus von den Toten auferstanden? Ist das nicht ein Beweis für die Echtheit und Wahrheit unseres Evangeliums? Wenn denn das Evangelium wahr ist, so muß alles, was der Herr Jesus als Evangelium bezeichnet, wahr sein. Ich beschwöre dich, wenn du an seine Auferstehung glaubst, so glaube doch, daß er für die Sünder gestorben ist und verlasse dich fest auf diese Wahrheit.

Noch eins: Willst du das Zeugnis aller Heiligen im Himmel und auf Erden verwerfen? Frage einen, er wird dir es sagen: Er starb, um die Sünder selig zu machen. Als einer unter den geringsten seiner Diener muß ich mein Zeugnis abgeben. Da Jesus kam, um mich selig zu machen, hat er auch gar nichts Gutes an mir finden können. Ich weiß gewiß, daß in mir nichts war, was ihm gefallen hätte, und er hat mich nur geliebt, weil er mich eben lieben wollte; denn da war nichts Liebenswürdiges, nichts Wohlgefälliges an mir. Was ich bin, bin ich durch seine Gnade; er hat mich dazu gemacht. Als er mich fand, war ich nur ein Sünder, und seine freie Liebe allein hat ihn bei meiner Erwählung geleitet. Frage das ganze Volk Gottes, und sie werden dir alle das Gleiche sagen.

Nun sagst du aber, du seist ein allzugroßer Sünder. Ach, du bist kein Ärgerer als ein Anderer, der nun schon im Himmel ist. Du sagst, du seist der größte Sünder, der je gelebt habe. Ich sage: das ist ein Mißverständnis. Der größte Sünder lebte vor Jahren und kam in den Himmel. Unser Text sagt: „unter welchen ich der vornehmste bin.“ Siehst du nun, daß der vornehmste Sünder schon vor dir selig geworden ist; und wenn der vornehmste selig geworden ist, warum nicht auch du? Da stehen die Sünder in Reih und Glied, und ich sehe einen aus den Reihen stürzen und rufen: „Macht Platz, macht Platz; ich komme zuerst, ich bin der vornehmste Sünder; gebt mir die unterste Stelle, ich muß der unterste sein.“ „Nein,“ ruft ein anderer, „du nicht, ich bin ein größerer Sünder als du“ Da kommt der Apostel Paulus und ruft: „Ich übertreffe euch alle; Manasse und Magdalena, ich übertreffe euch. Ich will der unterste sein. Ich war ein Lästerer und Verfolger und Schmäher; aber mir ist Barmherzigkeit widerfahren, auf daß an mir Vornehmsten Gott alle Geduld erwies.“ Nun denn, wenn der Herr Jesus den größten Sünder, der je lebte, selig gemacht hat, so kannst du Sünder, wie arg du auch sein mögest, kein größerer Sünder gewesen sein als der größte, und so kann er dich selig machen. O, ich beschwöre euch bei den Myriaden von Zeugen um den himmlischen Thron und bei den Tausenden von Zeugen auf Erden, bei Jesus Christus, dem Zeugen auf Golgatha, bei dem Blut der Besprengung, das heute zeugt, bei Gott selber und bei seinem Wort, das wahrhaftig ist; ich beschwöre euch, glaubt diese gewisse Wahrheit, daß „Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen.“

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Und nun zum Schluß. Die zweite Anempfehlung des Textes gilt den Gleichgültigen, aber auch den Heilsbegierigen. Für den Gleichgültigen ist unser Text ein teures, wertvolles Wort. O Mensch, du verachtest es. Ich sah, wie deine Lippe sich zum Lächeln verzog. Die Sache wurde unvollkommen dargelegt, darum hast du dazu gelacht. Du sprachst in deinem Herzen: „Was geht mich das an? Wenn es nur das ist, was der Mensch da predigt, so brauche ich es nicht zu hören; wenn das das Evangelium ist, so ist es wertlos.“ Ach, lieber Freund, es ist etwas, wenn du es schon nicht meinst. Es ist ein teures, wertes Wort: die Sache, die ich verkündigt habe, wenn ich sie auch noch so armselig verkündigte, ist deiner Beachtung wohl wert. Welcher beredte Redner dich auch unterweisen möge, er kann nimmermehr Größeres verkünden als dies. Und wenn Demosthenos und Cicero aufträten, sie könnten keinen gewichtigeren Gegenstand behandeln. Und wenn dir ein Kind davon erzählte, so müßte man es ihm zu Gute halten, denn die Sache ist so bedeutungsvoll. Mensch, nicht dein Haus, nicht dein Leben, sondern deine Seele ist in Gefahr. Ich beschwöre dich bei der Ewigkeit, bei ihren schrecklichen Schrecken, bei den Schrecken der Hölle, bei dem schrecklichen Wort „Ewigkeit - Ewigkeit“; ich beschwöre dich als Mensch, als dein Mitbruder, als der dich lieb hat und dich vom ewigen Feuer hinwegreißen möchte, ich beschwöre dich, verschmähe nicht dein eigenes Heil; denn es ist deiner wert, o Mensch, wert deiner ganzen Aufmerksamkeit, teuer und wert deiner tiefinnersten Seele. Bist du weise? Das wiegt mehr als deine Weisheit. Bist du reich? Das wiegt mehr als dein ganzes Vermögen. Bist du berühmt? Das wiegt mehr als all deine Ehre. Bist du vornehm? Das wiegt mehr als all dein Ahnenstolz, mehr als all deine irdische Größe. Was ich verkündigt habe, ist der köstlichste Schatz unter dem Himmel, denn er bleibt dir, wenn alles andere vergeht. Er bleibt dir, wenn du verlassen sein wirst. In der Todesstunde wird er dein Fürsprecher sein, wenn du dich verantworten mußt vor dem gerechten Richterstuhl Gottes. Und er wird dein Trost und deine Wonne sein von Ewigkeit zu Ewigkeit. Es ist ein teures, wertes Wort.

Und nun, verlangst du nach dem Heil? Ist dein Herz betrübt? Sagst du: „Ich möchte selig werden. Kann ich mich auf dieses Evangelium verlassen? Ist es stark genug, mich zu tragen? Ich bin ein ungeheurer Sünder; werden nicht seine Säulen wie Grashalme zusammenbrechen unter der Last meiner Sünden? Ich bin der vornehmste unter den Sündern; werden seine Tore weit genug sein, mich zu empfangen? Mein Geist ist krank vor Sünde; kann dies Mittel ihm Genesung bringen?“ Ja, es ist deiner wert; es ist gerade recht für deine Krankheit, gerade recht für deine Bedürfnisse, gerade recht für dein Verlangen. Hätte ich nur ein halbes Evangelium zu predigen, oder nur ein unvollkommenes, ich könnte es nicht mit solchem Ernst verkündigen; aber ich habe eins zu verkündigen, das ist teuer und wert. „Aber, lieber Herr, ich bin ein Räuber, ein Ehebrecher, ein Säufer gewesen!“ Es ist deiner wert, denn er ist gekommen, die Sünder selig zu machen, und ein solcher bist du. „Aber, lieber Herr, ich bin ein Lästerer gewesen.“ Auch das schließt dich nicht aus; es ist für dich teuer und wert. Aber merke wohl, es ist deiner ganzen Hingabe wert. Du mußt es nicht nur mit dem Verstand, sondern mit dem Herzen ergreifen; du mußt es in deine Seele graben und es dein alles nennen; du mußt dich damit nähren, du mußt davon leben. Und wenn du dafür lebst und dafür leidest und dafür stirbst, so ist es alles das wert.

Ich muß euch nun wieder gehen lassen, aber mein Geist möchte hier noch länger verweilen. Es wäre sonderbar, wenn noch viele nicht für ihr Seelenheil sorgen wollten, wenn heute euer Prediger sich um euch kümmert. Was kann es mir nützen, ob Menschen selig werden oder verdammt? Werde ich um eurer Seligkeit willen besser daran sein? Gewiß habe ich wenig Gewinn davon. Und doch fühle ich mehr für euch, für viele unter euch, als ihr für euch selbst. O unbegreifliche Härtigkeit des Herzens, daß ein Mensch nicht wollte sorgen für seine eigene Seligkeit, daß er gedankenlos die kostbarste Wahrheit verschmähen sollte. Halt, Sünder, halt, ehe du dich von deinem eigenen Heil abkehrst - noch einmal halt - vielleicht wird das deine letzte Warnung sein; wie verzweifelt böse, wenn es die letzte ist, die du noch fühlst! O, ich beschwöre dich, schmähe den Geist nicht. Gehe nicht weg von hier, um auf dem Heimweg den Segen mit eitlem Geschwätz zu ersticken. Gehe nicht von hinnen, nur um zu vergessen, was für ein Wesen du bist. Aber eile heim, suche dein Kämmerlein, schließe die Türe zu; wirf dich an deinem Bett nieder auf dein Angesicht, bekenne deine Sünden, schrei zu Jesus, sag ihm, du seist ein verlorener Elender ohne seine freie Gnade; sage ihm, du habest heute gehört, er sei gekommen, die Sünder selig zu machen, und daß der Gedanke an eine solche Liebe dich bewogen hat, das Panier der Empörung wegzuwerfen, und daß du wünschtest, sein Eigentum zu werden. Da, auf deinem Angesicht rede mit ihm und rufe ihn an: „Herr, errette mich, sonst muß ich verderben!“

Der Herr segne euch alle um Jesu Christi willen! Amen.

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