Spurgeon, Charles Haddon - Das heilige Liebeszeichen

„Und das Blut soll euer Zeichen sein.“
2. Mose 12,13

Ihr erinnert euch wohl, am letzten Sonntag Morgen sprachen wir über das inwendige Zeugnis des Gotteskindes. Wir versuchten, zu zeigen, daß die Gläubigen keines Menschen bedürfen, um sie der Vergebung zu versichern, daß sie sehr gut fertig werden können ohne Absolution von einem Priester, und ihrer Seligkeit ganz und gar ohne den Beichtvater gewiß werden, da sie das Zeugnis davon in ihrer eigenen Seele haben, wenn sie an Jesum Christum glauben. Wir wollen heute Morgen nicht viel an jenen elenden Betrüger, den Priester, denken oder von ihm reden, denn er ist wirklich nicht wert, daß man an ihn denkt, sondern wir wollen unsere Betrachtung über das Zeugnis fortsetzen, das der Herr seinem gläubigen Volk in Bezug auf ihre Sicherheit in Jesu Christo gegeben hat. Möge der heilige Geist uns helfen, während wir über den wichtigsten aller Gegenstände nachdenken, der den Mittelpunkt wahrer Religion bildet.

Es gibt Einige, wie wir gesagt haben, die ein Zeichen ihrer Sicherheit von Menschen verlange, ein armselig Ding, wenn sie es bekommen, und nicht des Bittens wert; und es gibt Andere, die es von Gott verlangen in der Form eines Zeichens oder Wunders, sonst wollen sie nicht glauben. „Tue ein Zeichen an mir, daß mir's wohlgehe,“ ist ein Gebet, das oft in sehr irrtümlicher Weise gebraucht wird. Sie wünschen irgend eine besondere Veranstaltung der Vorsehung oder einen merkwürdigen Traum oder ein eigentümliches Gefühl; aber Gott spricht zu Allen, die ein Zeichen verlangen, daß es ihnen wohlgehe, „das Blut soll euer Zeichen sein.“ Was können wir mehr wünschen? Alle Legionen des Engelheeres könnten uns dessen nicht gewisser machen, wenn Jeder eine Botschaft vom Himmel brächte. Das beste Zeugnis von der göttlichen Liebe ist das Kreuz. Die stärkste aller Zusagen der Sicherheit, das gewisseste aller Gnadenpfänder, das beste Zeichen der Huld, das der Mensch nur erblicken kann, ist das gesprengte Blut, wodurch er von der Sünde gereinigt wird. „Das Blut soll euer Zeichen sein.“

Ehe wir tiefer in die Sache eingehen, laßt uns bemerken, daß das Blut, welches ein Zeichen für das Volk Gottes war, nicht bloß das war, das bei dem Opfer eines fehlerlosen Lammes vergossen ward, sondern Blut, daß in einem Becken aufgefangen, von dem Haupt der Familie in die Hand genommen und als für ihn vergossen anerkannt war. Dann wurde das Büschel Ysop in das Becken getaucht und die Überschwelle und die Türpfosten mit Blut besprengt. Das so zugeeignete Blut war das Zeichen. Durch einen zueignenden Glauben müssen wir Jesum als unsern Jesum annehmen; wir müssen, mit Einem Wort, an die Versöhnung glauben, die er gestiftet, denn eine Versöhnung, an die wir nicht glauben, ist für uns keine Versöhnung. Unser Herr Jesus hat sein Leben für uns gelassen, aber wer an ihn nicht glaubet, wird keineswegs an den Segnungen seines Todes teilnehmen.

Das gesprengte Blut schützte die Häuser der Israeliten, und es ist das Blut Jesu, das wir annehmen, auf das wir trauen und unser Gewissen damit beruhigen, was uns im Tode errettet. Dieses Besprengen geschah obendrein ganz öffentlich; sie bestrichen die Überschwelle und die zwei Türpfosten, so daß jeder Vorübergehende es sehen konnte, ja, sehen mußte. So ist die Seligkeit nicht dem Glauben allein, sondern dem Bekennen mit dem Munde verheißen. „Denn so man von Herzen glaubt, so wird man gerecht; und so man mit dem Munde bekennt, so wird man selig;“ und so steht auch in jenem erhabenen Auftrage am Ende des Evangeliums Marci nicht: „Wer da glaubet, der wird selig werden;“ sondern: „Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig werden;“ denn wenn wir an Christum glauben, müssen wir uns seiner nicht schämen. Sich des Glaubens schämen würde Unaufrichtigkeit desselben beweisen. Wahrer Glaube an den Heiland ist eine so mächtige Triebfeder in unserm leben, daß er sichtbar werden muß, ob wir ihn bekannt machen oder nicht, und wir müssen willig sein, ihn zu zeigen: ja, dies sollte der hervortretendste Punkt in unserem Leben sein, unser Ruhm und unsere Freude, daß wir in der Tat an den Heiland Jesum Christum glauben. O, daß Jeder von euch, meine lieben Hörer, das Kreuz seinem wirklichen Endzweck gemäß brauchte! Es schmerzt mich, daß Einige von euch es nötig haben, daß man sie fragt:

„Gilt es euch nichts, die ihr vorübergeht,
Gilt es euch nichts, daß ihr ihn sterben seht?“

Das Lamm ist geschlachtet, aber ihr habt niemals das Blut aufgefangen, ihr habt es nie mit dem Ysop des Glaubens gesprengt und folglich seid ihr nicht errettet. O, daß Jeder von euch sagen könnte: „Mein Glaube ruht auf dem stellvertretenden Werke Jesu.“ Ich konnte in der Tat vorhin jenen schönen Gesang singen und sog ihn mit ganzer Seele ein, und ich wünschte von Herzen, ihr könntet Alle singen:

„Vollkommen hast du uns versühnt,
Den letzten Heller abverdient
Der Schuld, die auf den Deinen ruht.
Der Zorn des Herrn kann uns nicht dräu´n,
Wir sind durch dein Verdienste rein
Und sind besprengt mit deinem Blut.“

Nun zu dem Texte. Das Blut Jesu Christi ist das Zeichen der Christen, und um die ganze Bedeutung desselben hervorzuheben, müssen wir fünf Worte haben: es ist ein unterscheidendes Zeichen, ein zusicherndes Zeichen, ein bedeutungsvolles Zeichen, ein Liebeszeichen und ein Erkennungszeichen.

I.

Zuerst also, das Blut soll euer Zeichen sein, ein unterscheidendes Zeichen. Ihr konntet sehen, wo der Israelit wohnte, denn das blutige Merkmal war in jener Nacht dort; ihr erkanntet des Ägypters Wohnstätte, denn er wußte nichts von dem Zeichen. Nichts unterscheidet einen echten Christen so sehr von Anderen, als das Blut Christi. Wo man nicht an das Blut glaubt oder es nicht hochhält, da habt ihr totes Christentum, „denn des Leibes Leben ist im Blut.“ Ein blutloses Evangelium ist ein lebloses Evangelium; wird die Versöhnung geleugnet oder hinweg gedeutelt, in eine untergeordnete Stellung gebracht oder verdunkelt, so ist in demselben Verhältnis das Leben aus der Religion, die man bekennt, gewichen. Aber wir, Brüder, tragen dies unterscheidende Zeichen, das Merkmal des Blutes. Unsere Religion ist in mancher Hinsicht eine sehr sonderbare - eine, die fleischlichen Gemütern viel Stoff zu Einwürfen und zu Spott darbietet; eine, die immer kritisiert worden ist und werden wird: denn wir glauben, erstlich, daß unsere Sünde den Tod verdient. Wir glauben nicht, daß unsere Übertretung eine Kleinigkeit, oder ein bloßes Vergehen, sondern wir wissen, daß sie ein schweres Verbrechen ist, das mit dem Tod bestraft zu werden verdient. Wenn der Herr spricht: „Welche Seele sündiget, die soll sterben,“ so sagt unser Gewissen „Amen“ zu diesem Richterspruch des Höchsten. Das Blut am Türpfosten bedeutete das Bekenntnis derer, welche da wohnten, daß sie ebenso wohl als Andere zu sterben verdienten, und sterben würden, wäre das Passahlamm nicht gewesen. Das blutrote Wahrzeichen war in Wirklichkeit ein Geständnis, daß sie des Todes schuldig seien. So fühlt jeder Gläubige, daß seine Sünde groß und schwer, furchtbar und erdrückend ist. Er stimmt keinen Lehren bei, die des Menschen Schuld gering machen. Er hat kein Ohr für die, welche versuchen, die Strafbarkeit zu mildern und sich bemühen, die Schuld klein erscheinen zu lassen. Er nennt die Sünde nicht einen Irrtum, ein Versehen, einen Fehltritt. Ich meine, ich habe kürzlich alle diese Ausdrücke von der Sünde brauchen hören von denjenigen, die sagen: „Armer, unglücklicher Mensch! er ist im Irrtum befangen, sucht nach Licht und schreit zu Gott im Dunkeln“ Wie traurig, daß er strauchelte! Gewiß, Gott wird nicht so hart sein, ihn auf ewig zu strafen.„ Solches Gerede hat für uns keinen Reiz; wir gestehen die entsetzliche Schuld der Sünde ein und die Gerechtigkeit jenes furchtbaren Spruches, der erklärt, daß die Gottlosen in die ewige Pein gehen sollen. Unser Gott ist gerecht und rächet die Missetat. Der Gott, welcher alle Erstgeburt in Ägypten schlug, und Pharao ins rote Meer stürzte, ist der Gott, den wir anbeten; und indem wir uns vor ihm beugen, erkennen wir an, daß er gerechterweise uns auch hätte schlagen können und uns gänzlich verderben. Für uns ist das blutige Zeichen der Tat nach ein Geständnis, daß wir das Todesurteil in uns tragen und auf uns selber nicht vertrauen dürfen.

Wir sind auch sonderbar genug, an Stellvertretung zu glauben. Das Blut auf der Überschwelle sagte: „Jemand ist hier an unsrer Statt gestorben.“ Wir halten fest an dieser Wahrheit und finden Ruhe darin, daß Christus starb, „der Gerechte für die Ungerechten, auf daß er uns Gott opferte.“ Wir glauben, daß er für uns ein Fluch ward, denn es stehet geschrieben: „Verflucht ist Jedermann, der am Holz hänget.“ Der Glaube an die Größe der Sünde unterscheidet die Christen von den Pharisäern und allen andern Selbstgerechten; und der Glaube an Stellvertretung scheidet die Christen von all jenen philosophischen Verfälschern des Evangeliums, die bereit sind, Christi Beispiel zu erheben, aber sein sühnendes Opfer nicht ertragen können, die von Christi Geiste und der Kraft seiner Lehre zu euch reden, aber seinen stellvertretenden Tod verwerfen. Wir stimmen nicht mit jener laxen Theologie überein, die lehrt, daß der Herr Jesus eins oder das andre tat, auf die eine oder andre Weise, das in dem einen oder andern Grade mit der Seligkeit der Menschen zusammenhängt: wir halten als an einer Hauptwahrheit, daran fest, daß er an der Stelle seines Volkes stand und für sie einen Tod erduldete, welcher der Gerechtigkeit Gottes die Ehre gab und seinem gerechten Gesetz Genüge tat. Wir glauben fest, daß er die Strafe trug, die der Sünde zukam oder eine, welche, um der Erhabenheit seiner Person willen, dieselbe völlig aufwog. Meine Brüder, dies ist stets angegriffen worden und wird es stets werden, aber beim Bogen des Evangeliums ist es der Schlußstein. wie bei Waterloo die ganze Schlacht um das Schloß von Hugoumont herum zu wüten schien, so drängt der Kampf sich um die Lehre von dem Versöhnungstode unsers großen Stellvertreters zusammen; aber wir wollen unsern Stand keinen Augenblick verändern und auch keine andre Redeweise annehmen. Wir bleiben bei der Stellvertretung in ihrer buchstäblichen Bedeutung. Jesus Christus nahm den Platz seines Volkes ein, und bei seiner wirklichen Übernahme des Leidens und Todes an ihrer Statt, und von diesem klar abgezeichneten und bestimmten Grunde wollen wir keinen Zollbreit weichen. Selbst den Ausdruck „Blut“, vor dem Einige mit erkünsteltem Zartgefühl zurückschrecken, werden wir nicht aufhören, zu gebrauchen, wer denn auch Ärgernis daran nehmen mag, denn er bezeichnet diese Grundwahrheit, welche die Kraft Gottes zur Seligkeit ist. Wir wohnen unter dem Zeichen des Blutes und freuen uns, daß Jesus für uns seine Seele in den Tod gab, als er die Sünden Vieler trug.

Aber wir glauben mehr und was Manchen sehr sonderbar erscheinen wird, - wir glauben, daß wir in Jesu gestorben sind. Der Israelit wußte, daß der Engel, als er durch Ägypten ging, ein Leben von jedem Hause forderte, und darum wies er das Blut vor, als wenn er sagen wollte: „die Erstgeburt ist hier tot.“ Das Lamm ist anstatt der Erstgeburt gestorben, sein Tod hat die gleiche Wirkung und so ist kein Grund da, hier zu töten, weil dies schon geschehen ist. So starben, als Jesus starb, seine Erwählten in ihm und ihre Sünden empfingen die verdiente Strafe an jenem Tage, wo er sein Leben an dem Holz des Fluches dahingab zum Lösegeld für Viele. Wie können wir sterben? Wir sind schon in ihm tot und sind mit ihm begraben kraft unserer Vereinigung mit ihm. Dies ist eine überaus köstliche Wahrheit und diejenigen, welche daran halten, unterscheiden sich dadurch von den übrigen Menschen.

Wenn wir dies glauben, so kommen wir darnach zu dem Schluß, daß wir sicher sind, denn wenn der Hebräer das Blut auf die Türpfosten seines Hauses hatte, so ging er hinein, um zu feiern, nicht um zu fürchten, - er ging ins Haus, um das Lamm zu essen, dessen Blut gesprengt war und an dem Tische zu stehen, seine Lenden gegürtet, in der Erwartung, nicht zu sterben, sondern hinwegzugehen in ein Land, das der Herr sein Gott ihm geben wollte. Dies ist das unterscheidende Merkmal eines Christen, daß er sich errettet weiß, und deshalb hält er das Fest, freut sich in dem Herrn, und steht da, um seine Lenden gegürtet, in der Erwartung, bald hinweggerufen zu werden in das Land, das der Herr sein Gott ihm gegeben, daß er es ererbe und auf ewig darin lebe. Andre Menschen sind nicht errettet, wagen auch nicht zu behaupten, daß sie es sind. Sie räumen ein, daß sie sehr viel zu tun haben, ehe sie selig werden können, eine Errettung, die ihnen jetzt schon zu Teil würde, kennen sie nicht; oder wenn sie glauben, daß sie ihnen zu Teil geworden, wähnen sie doch, daß die Fortdauer derselben von ihnen selber abhängt, es ist noch immer etwas mehr nötig als das gesprengte Blut. Der Israelit bedurfte nichts als das Blut, er war vollkommen damit zufrieden gestellt und der Gläubige ist es auch. Er hat geglaubt, daß Jesus an seiner Stelle gestorben ist, er ist froh, zu wissen, daß er in ihm vollkommen ist und angenommen in dem Geliebten und er wartet, bis der Ruf an ihn ergeht und er hinauf gehoben wird ins Land der Herrlichkeit, wohin Christus gegangen, ihm die Stätte zu bereiten.

Bei dem Israeliten in Ägypten trat dieses Unterscheidende sehr hervor. Wie wir schon gesagt haben, er strich es an den obern Teil seiner Tür und auch an die zwei Seitenpfosten. Wir lesen in der Offenbarung, daß die, welche das Mahlzeichen des Tieres empfingen, es zuweilen an ihrer Stirne trugen, zuweilen auch an ihrer rechten Hand: wer das Mahlzeichen Gottes hat, empfängt es immer an seiner Stirne, niemals an seiner rechten Hand, wo es in der Höhlung der Hand verborgen werden könnte. Es ist sehr richtig bemerkt worden, daß es eine Hintertür zur Hölle gibt, aber keine zum Himmel. Der Weg zum Himmel ist die königliche Landstraße, ein Weg, der nicht gemacht ist, um sich zu verbergen, sondern für ehrliche Reisende, die nichts zu verstecken haben. Die Gläubigen müssen gesehen werden, denn sie sind das Licht der Welt; doch gibt es Einige, welche versuchen, eine Hintertreppe hinaus zum Himmel zu gehen und die dem Herrn nur bei Nacht dienen. Das darf nicht sein. Streicht das Blut da an, wo Alle es sehen können und laßt die Leute sehen, daß ihr an das versöhnende Opfer des Herrn Jesu Christi glaubt: ob es ihnen gefällt oder nicht, laßt sie wissen, daß dies euer ganzes heil und euer ganzes Verlangen ist. Ich hatte das Vergnügen, in die Leoninische Altstadt Roms zu kommen, kurze Zeit nachdem die italienischen Truppen sie in Besitz genommen, und bemerkte, daß an jedem Hause die Wappen des Königreiches und der Name Victor Emanuels in augenfälliger Weise angebracht waren. Sie waren nicht damit zufrieden, ihn über ihren Türen zu haben, sondern auf der ganzen Fronte des Hauses las man: „Victor Emanuel, König von Italien“, sie wollten zeigen, daß sie herzlich froh waren, von der Herrschaft des Papstes loszukommen und sich als Untertanen eines konstitutionellen Königs zu bekennen. Gewiß, wenn Menschen für einen irdischen Monarchen und die irdische Freiheit, die er brachte, so überall sein Wappen zur Schau stellen, so sind wir, die wir an Jesum glauben, verpflichtet, das blutrote Zeichen zu entfalten und es allezeit sichtbar werden zu lassen. Laßt Andre dem Priester glauben, wir glauben Jesu. Laßt Andre auf ihre Werke trauen, wir vertrauen auf das gesprengte Blut. Laßt Andre auf Stimmungen und Gefühle, Zucht und Entwicklung sich verlassen, wir glauben an Jesum Christum und an ihn allein; und wir heften das blutrote Banner des versöhnenden Opfers an den Mastbaum.

„Christi Blut und Gerechtigkeit,
Das ist mein Schmuck und Ehrenkleid,
Damit will ich vor Gott besteh´n,
Wann ich zum Himmel werd eingehn´n.“

So viel denn über das Blut als unterscheidendes Zeichen.

II.

Nun zweitens, das Blut war ein zusicherndes Zeichen. Wenn wir einem Freunde eine ganz besondre Freundlichkeit zu erweisen beabsichtigen, so sagen wir ihm vielleicht: „Damit du sicher bist, daß ich es tue, so ist hier ein Zeichen meiner treue.“ Gott gab seinem Volke das Blut der Besprengung als Zeichen, daß er sie schützen wolle; und gewiß, je mehr der Israelit über dies Zeichen nachdachte, desto leichter fühlte er sich, denn er sagte: „Gott hat verordnet, dies fehlerfreie Lamm sollte an unsrer Statt stehen, und da er es verordnet hat und das Lamm geschlachtet ist, so sind wir gewiß, daß er die Stellvertretung anerkennen wird, die er selber befohlen hat, und wir sind vollkommen sicher.“ Wohlan, ich möchte, daß besonders ihr, die ihr Zweifel und Befürchtungen hat, nur einige Augenblicke auf das Blut Christi blicktet und sähet, wie sehr es sich eignet, für euer Gewissen ein zusicherndes Zeichen zu sein. Erinnert euch zuerst an das, was es war, - Blut, das Zeichen des Leidens. Eure Sünde verdient Leiden; Christus hat für die Sünde gelitten. Denkt, was für Leiden er erduldete, welches Widersprechen von den Sündern und welches Verlassensein vom Vater. Laßt Niemand das körperliche Leiden Christi unterschätzen, aber bedenkt dennoch, daß seine geistigen Leiden größer waren; die Leiden seiner Seele waren die Seele seiner Leiden. Geht zu dem dunklen Gethsemane, geht zu dem schmachvollen Gabbatha, geht zu dem furchtbaren Golgatha, und wenn ihr auf euren Herrn schaut und auf jenes trauerregende Wehe, fühlt ihr dann, daß er eure Sünde hinweg nehmen kann, und daß, wenn er so schrecklich litt, ihr nicht zu leiden braucht! Gott eine Sühne angenommen, die seiner Gerechtigkeit würdig war; jener Schrei, der den Himmel zerriß: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ zeigt, wie schwer die Wehen waren, unter denen unsre Hoffnung geboren ward.

Denkt ferner daran, daß Blut nicht bloß Leiden, sondern Tod bedeutet, denn unser Herr konnte die Sünde nur hinweg nehmen, indem er wirklich starb; all seine Tränen, sein ganzes heiliges Leben, nicht einmal all seine schweren Leiden, konnten für die Sünde genugtun, bis die Strafe des Todes erduldet war, denn Tod war der Lohn, den Gott der Sünde bestimmt hatte, und Jesus starb. O, seht ihn sterben, - seht Ihn sterben! Gab es je einen solchen Anblick? Jeder Tropfen, der aus seiner durchbohrten Hand herab fällt, ruft laut: „Sicherheit für den Gläubigen! Das Lösegeld ist bezahlt!“ Jene Wunde in seiner Seite spricht eindringlich, wie der Mund der Liebe, zu unserm Herzen: „Vergebung, Annahme, ewige Liebe!“ Ich kann jenes Haupt, das sich neigt, und jene Augen, die im Tode brechen, und jenen teuern Leib, der herab genommen und ins Grab gelegt wird, nicht sehen, ohne zu fühlen: „Wenn Christus gestorben ist, so muß unbegrenzte Gnade für die schuldigen Menschenkinder da sein.“ Denkt daran und ich bitte Gott den heiligen Geist, euch dahin zu bringen, daß ihr die Süßigkeit und den Trost seht, die in diesem Zeichen liegen.

Erinnert euch weiter daran, daß eure Hoffnung nicht bloß auf dem Leiden und dem Tode ruht, sondern auch auf der Vortrefflichkeit dessen, der da leidet und stirbt. Fragt, wessen Leiden und Tod es ist? Bei den Israeliten war es ein tadelloses Lamm; bei euch und bei mir ist es das unbefleckte Lamm Gottes. O, Brüder, denkt an das Leben Jesu in seiner Unschuld und Selbstlosigkeit. Gab es je ein solches Leben, gab es je einen solchen Tod eines solchen Heiligen? Aber er war Gott, „wahrer Gott vom wahren Gott.“ Jene durchbohrten Hände hatten die Kranken mit ihrer Berührung geheilt und jene angenagelten Füße hatten auf dem Meere gewandelt! Jene im Tode geschlossenen Augen hatten in der Menschen Herz geschaut, und jene schweigenden Lippen hatten Wunder gesprochen. Es war Gott selber, der an dem blutigen Kreuz sich selber die Sühne für die Sünde darbrachte. In einem Tode wie dieser muß Kraft vorhanden sein, die Sünde hinweg zu nehmen. Räumt ihr es nicht ein, daß dies der Fall sein muß? Ist nicht das Zeichen voll Trostes für euch?

Bedenkt wiederum, es war nicht bloß ein Lamm, sondern es war das Lamm Gottes. Das will sagen: als der Israelit das Lamm schlachtete, tat er,. Was Gott ihm zu tun geboten, und als Jesus an unsrer Statt starb, starb er nicht als ein Heiland, der sich selbst dazu gemacht, sondern als ein von Gott verordneter. Nun, wenn Gott das Sühnopfer verordnet hat, so muß er es annehmen. Gewiß, wenn er gesagt hat, Christus sollte an unsrer Statt sterben, wenn er „unser Aller Missetat auf ihn warf,“ dann muß das Sühnopfer angenommen werden, weil Gott sich selbst es bestimmt, versehen und verordnet hat. Wie süße Ruhe finde ich darin! Ich fühle, wenn ich zu meinem lieben Herrn aufblicke, und ich wünsche, das allezeit zu tun, - als wenn ich zu der Gerechtigkeit Gottes sprechen könnte: „Was kannst du gegen mich geltend machen? Bringe ich dir nicht alles dar, was du verlangen kannst - einen Tod? Ich bringe dir einen Tod, der, wie du selber verordnet hast, die Stelle meines Todes vertreten sollte. Wenn du ihn selber verordnet hast, so weiß ich, du wirst ihn nicht zurückweisen.“ Dies ist eins der süßesten Dinge in der ganzen Versöhnung und macht das Zeichen für uns völlig zu einem, das völlige Zuversicht gibt.

Ein andrer Gedanke und ein lieblicher, dies Zeichen war das von vergossenem Blut, das nicht erst vergossen werden sollte, sondern schon vergossen war. Sie hatten das Lamm geschlachtet, sie hatten das warme Blut in dem Becken aufgefangen und die Türpfosten damit bestrichen, alles war nun getan und vorüber; ihr und ich, wir ruhen auch in einem vollendeten Opfer, nicht in einem Opfer, das erst dargebracht werden soll, noch in einem Opfer, das fortwährend dargebracht wird, nach der Lehre jenes Anglikanischen Papsttums, dessen Qualm in so vielen Kirchen unsres Landes sich verbreitet hat, sondern ein vollständiges Opfer, „denn mit einem Opfer hat er in Ewigkeit vollendet, die geheiligt werden.“ Das Meßopfer ist keine Fortsetzung des Opfers Christi, es ist eine unverschämte Lüge vor dem allmächtigen Gott, denn Christus erklärt, daß er, nachdem er sich einmal selbst geopfert, nun auf ewig zur Rechten der Majestät im Himmel sitzet. Mit jenem Wort: „Es ist vollbracht!“ hat er allen Opfern und Darbringungen, welche die Sünde sühnen sollen, ein Ende gemacht, weil sie nicht nötig tun, Ein Tod hat alles vollendet. Geliebte, was für Freude ist hierin! Leiden, Leiden zum Tode, das Leiden des Sohnes Gottes, ein Leiden, von Gott verordnet, ein stellvertretendes Opfer zu sein, und ein Leiden, das vollkommen und vollständig ist! Laßt uns auf das Zeichen sehen, und laßt unsre Herzen jetzt und für immer froh sein. Einer unsrer Könige gab einst einem seiner Günstlinge einen Ring und sagte zu ihm: „Ich weiß, morgen wird vor dem Gericht eine Anklage auf Ketzerei wider dich eingebracht werden, antworte darauf, wenn du willst, aber du brauchst dich nicht zu fürchten: wenn du in die Enge getrieben wirst, zeige einfach diesen Ring und man wird nicht weiter gehen.“ Es ist mit uns ebenso; der Herr hat uns das teure Blut Christi gegeben, das gleich einem Rubinenring an unserm Finger ist, und nun wissen wir, wie weit unser Gewissen gehen darf und wie weit die Anklagen des Satans gehen dürfen: wir brauchen nur dies Zeichen vorzuweisen, um alles weitere Vorgehen zu hemmen. „Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet,“ und kann es auch nicht werden. Gott kann und will seine Verheißung nicht zurücknehmen, das Blut ist die gewisse Zusicherung der Geborgenheit aller Heiligen.

III.

Aber nun drittens, es ist ein sehr bedeutungsvolles Zeichen. Zeichen bedeuten gewöhnlich etwas; es ist ein Sinn in ihnen verborgen. Nun, unser Zeichen des Blutes bedeutet Vielerlei. Als der Jude das Blut auf die Überschwelle und die beiden Pfosten strich, meine er damit Erlösung; es war, als ob er spräche: „Wir sind mit Blut erlöst, die Leute, die in diesem Hause leben, sind frei, sie sind Sklaven gewesen, aber sie sind losgekauft und sie werden morgen früh ausziehen, und der alte Pharao mit seinem ganzen Heer kann sie nicht zurückhalten.“ Dies ist gerade das, was Jesu Christi Blut für uns bedeutet. Wir sind erkauft und es ist für uns bezahlt; wir sind ein freies Volk, und wenn der Sohn uns frei gemacht hat, so sind wir recht frei. „O Herr, ich bin dein Knecht, ich bin dein Knecht, du hast meine Bande zerrissen.“ Du hat mich aus dem Hause der Knechtschaft geführet und aus dem eisernen Ofen und alle meine Ketten zerbrochen - das gesprengte Blut verkündigt dieses.

Das Blut bedeutete weiter, daß die Leute, die unter diesem Zeichen wohnten, Gott angehörten. Es war das Zeichen auf dem Eigentum des Herrn: „Ihr seid nicht euer selbst, ihr seid teuer erkauft.“ Der, welcher uns erlöste, sollte uns auch besitzen. Als das Blut uns erkaufte, da sonderte es uns auch ab, um für immer das Eigentum des Erlösers zu sein. Wenn ihr an den gekreuzigten Jesum denkt, so denkt daran, daß ihr der Welt gekreuzigt seid und nicht mehr euch selber, der Sünde oder dem Satan angehört; nicht länger gebunden durch weltliche Sitten, Moden, Lehren, Gesetze, sondern unter dem Gesetz Christi, denn ihr seid des Herrn Freigemachte. Übergebt die Glieder eures Leibes seinem Dienste, als seine Knechte „gebet sie zu Waffen der Gerechtigkeit,“ denn ihr seid erkauft, Geist, Seele und Leib, nicht mit vergänglichem Silber und Gold, sondern mit dem teuern Blute Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Das Zeichen bedeutet unsere Erlösung und Gottes Eigentumsrecht an uns:

Dies Zeichen bedeutet ferner Annahme. Wer mit dem Blute Christi besprengt ist, der kann das vorweisen, um deswillen der Herr ihn annimmt. Es ist ein Krieg gewesen und ein verwundeter Soldat kommt heim und geht zu dem Hause seines Vaters und einer Mutter, die einen Sohn draußen in der Armee haben, und er fragt: „Wohnt N. N. hier?“ „Ja.“ „Kann ich ihn sehen?“ „Ja.“ „Ich habe einen Brief von Ihrem Sohne, den ich bei der Armee verließ, er war mein guter Kamerad.“ Ist es gewiß, daß Sie einen solchen Brief haben?“ Der Mann sieht nicht sehr anständig aus, seine Kleider sind zerrissen, und er ist augenscheinlich sehr arm, aber er erwidert: „Ja, ich habe einen Brief von Ihrem Sohn:“ Er steckt die Hand in seine Tasche, kann ihn nicht finden. Der Hausherr wird zornig und sagt: „Es nützt nicht, daß Sie mit dieser Geschichte hierher kommen, Sie betrügen mich.“ Er sucht noch immer in seinen Taschen umher, und zuletzt bringt er ihn hervor. Ja, das ist das Zeichen, der Vater kennt die Handschrift seines geliebten Sohnes. Im Briefe steht: „Vater, dies ist ein sehr lieber Gefährte von mir, und ich bitte Dich, wenn er zu Euch kommt, ihn um meinetwillen freundlich zu behandeln. Sage Mutter, alles, was sie für ihn täte, wäre, als wenn sie es für ihr eigenes Kind täte.“ Seht, wie gut er beim Anblick dieses Zeichens empfangen wird; ebenso sprechen wir zu dem Herrn, wenn wir ihm das Zeichen des Blutes vorweisen: „Da ist das Zeichen, daß wir Jesu Freunde sind,“ und der Herr sieht nicht auf die Lumpen, in denen unsere armselige Natur gekleidet ist, sondern blickt auf das Zeichen von seines eigenen Sohnes Blut, und nimmt uns um seinetwillen an. Was für ein Zeichen könnten wir wünschen, das sicherer wäre und bedeutungsvoller? Gereinigt durch Jesu Blut sind wir schön in seiner Schönheit und dem Herzen Gottes teuer um seines Sohnes willen.

Ja, Geliebte, und es bedeutet überdies vollkommene Sicherheit. Sobald das Blut auf der Schwelle war, waren die im Hause vollkommen sicher: der Engel konnte sie nicht schlagen, denn, falls er es getan, so hätte er seinen Meister geschlagen und den Herrn der Engel beschimpft. Sein Schwert zu brauchen, wenn der göttliche Schild an der Türe ausgehängt war, hieße, der Ehre Gottes Hohn sprechen und kein Engel Gottes würde das je tun. O, Brüder, es gibt keinen Schild für eine schuldige Seele, der dem blutroten Schilde der Versöhnung gleich käme. Stellt euch unter den purpurnen Thronhimmel des Opfers und der große Hagel des göttlichen Zornes kann niemals euch treffen, ihr müßt sicher sein, wenn Christi Sühne zwischen euch und Gott ins Mittel tritt. So, seht ihr, ist das Blut ein sehr bedeutsames Zeichen. Als ich vor einiger Zeit über ein Stück in einem Walde ging, das sehr mit Unterholz und Schößlingen bewachsen war, bemerkte ich mehrere junge, geradgewachsene Bäume, die mit einem roten Zeichen versehen waren und erfuhr, daß der Förster alles Unterholz weghauen und den Grund klären lassen wollte, damit das Bauholz besser wachsen könne, und diese bezeichneten Bäume sollten verschont bleiben, und zu großen Eichen heranwachsen. Ich kann die roten Zeichen und die kleinen Bäume diesen Augenblick mit meinem geistigen Auge sehen, und da kommen die Holzhauer und hacken Alles mit ihren Äxten und Beilen um. Nieder muß alles Gestrüpp und manche hohe Stange dazu, aber sie stehen still vor den bezeichneten Bäumen, diese dürfen nicht angerührt werden, das rote Zeichen rettet sie. So ist es mit euch und mit mir, wenn wir mit dem Blute besprengt sind, wird der Herr nicht nur sagen: „Laß ihn noch dieses Jahr,“ sondern er wird zu den Verderbern sprechen: „Kommt denen nicht nahe, die das Zeichen haben.“ An diesem Zeichen könnt ihr wissen, daß ihr leben werdet und nicht sterben. Wie Rahab, hängen wir das rote Seil in unser Fenster, und wenn ganz Jericho in furchtbarer Zerstörung in Trümmer sinkt, so muß unser Haus stehen, denn das rote Seil schützt es immerdar.

IV.

Der vierte Punkt ist der: das Blut ist ein Liebeszeichen. Das Blut ist das Zeichen einer Liebe, die vor Alters war, denn es ward vor mehr als achtzehnhundert Jahren vergossen. O, meine Seele, der Herr hat dir vor Alters ein Zeichen gegeben, das seine große Liebe zeigt, womit er dich geliebet hat, selbst da du tot in Übertretungen und Sünden warst. Ehe du geboren warst, ward das Blut vergossen, welches heute das Zeichen und Pfand ewiger Liebe ist.

Es ist ein Zeichen inbrünstiger Liebe, denn es ist ein Pfand, das vom Herzen Christi genommen wird und es kündigt nicht eine Liebe in Worten an, nicht eine Liebe, die mit äußern Taten der Barmherzigkeit beginnt und endet, sondern eine Liebe, die aus dem innersten Wesen des Erlösers ausquillt, aus der Tiefe seines Herzens, das von dem grausamen Speer durchbohrt ward. Was für ein Zeichen ist dies, ein Zeichen, das nicht von den Lilien in meines Herrn Garten genommen, noch von den Edelsteinen seiner Krone, noch selbst von dem Haar seines Hauptes, sondern aus dem innersten Heiligtum seiner Seele gezogen, aus dem Allerheiligsten, dem Herzen Immanuels, Gott mit uns. O Gläubiger, da du ein solches Zeichen hast, so solltest du lieber sterben als an der Liebe deines Herrn zweifeln.

Es ist auch ein Zeichen mächtiger Liebe, denn es bezeugt, daß der, welcher es gab, eine Alles überwindende Flamme der Liebe besaß, die viele Wasser nicht auslöschen und der Tod selber nicht zerstören konnte. Seht, es gibt euch das Blut, welches das Zeichen des Todes ist, seines Todes für euch und zeigt so, daß er um euretwillen ins Grab ging und „den Tod durch Sterben tötet.“ Tragt dies Zeichen auf eurem Herzen, ich bitte euch, denn es ist das reichste, das je von der Hand der Liebe dem teuersten Gegenstand der Neigung gegeben ward. O du, der du unser Freund und Geliebter bist, du hast uns bis ans Ende geliebt, denn du hast uns bis zum Tode geliebt.

Es ist auch ein Zeichen einer weisen, allsehenden Liebe, denn es zeigt, daß der Herr unsre Sünde kennt und ein Mittel dagegen bereitet hat. Wenn er uns das Blut gibt, so ist das, als wenn er spräche: „Mein Kind, ich weiß um das Böse, das in dir ist, denn ich habe die Strafe, die darauf gesetzt ist, erlitten; ich kenne deine Sünde, aber du sollst sie nicht mehr kennen, denn ich habe sie hinweg getragen und sie in die Tiefe des Meeres geworfen.“ An diesem Zeichen erkennen die Gläubigen, daß ihre Sünde bedeckt ist und daß sie in den Augen des Herrn „schön und lieblich“ sind, denn er hat sie von jedem Flecken rein gemacht. Der Tag ist gekommen, wo ihre Sünde nicht mehr gefunden wird, wenn darnach gesucht wird, ja, sie soll gar nicht mehr vorhanden sein, denn das Blut hat sie weiß gewaschen.

Und es ist das Zeichen einer unbegrenzten Liebe, die dem, den sie liebt, nichts verweigern wird. „Welcher auch seines eignen Sohnes nicht verschonet, sondern hat ihn für uns alle dahin gegeben, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ Wenn ihr das Blut seines lieben Sohnes empfangen habt, was wird der Herr euch abschlagen? Glaubt ihr, euer Gott werde euch irdische Gaben versagen, wenn er das blutende Herz seines Sohnes schon gegeben hat, um euch zu erlösen? Bildet ihr euch ein, er werde euch ohne Brot und Wasser lassen, oder ohne Kleidung, euren Leib zu decken, wenn er euch das Kleinod seiner Seele, die Wonne seines Herzens, hingegeben hat? Schätzet das Zeichen seiner Liebe hoch und blickt darauf, bis eure Seele vor Freunden weint. Selig ist der, zu dem Gott gesprochen hat: „Das Blut soll euer Zeichen sein.“

V.

Zuletzt, es ist ein Erkennungszeichen. Wer dieses Zeichen hat, den kennen die Engel als einen der Erben der Seligkeit, denen sie dienen. Sobald sie eine Seele durch den Glauben mit dem Blute besprengt sehen, so ist Freude unter ihnen, denn dies ist ein sicheres Zeichen der Buße. Alle Kinder Gottes empfangen dies „Familienmerkmal“ bei ihrer Geburt, und es kann kein Irrtum darüber obwalten, so daß bei seinem Anblick die Schutzengel ihre zarte Sorgfalt beginnen und anfangen, den Neugebornen auf ihren Händen zu tragen, damit er seinen Fuß nicht an einen Stein stoße. Der Teufel kennt auch dieses Merkzeichen und sobald er es sieht, beginnt er den anzugreifen, der es trägt und sucht ihn auf alle Art zu verderben. Wenn der Gläubige nicht ins Verderben gestürzt wird, so ist das nicht aus Mangel an Feindschaft oder Tätigkeit von Seiten des Teufels. Er kennt das Zeichen des „Weibessamens“ und er brüllt und raset, aber zu gleicher Zeit zittert er, denn er weiß, er kann nicht Herr darüber werden. Beim Anblick des Opferzeichens steht der große Feind verwirrt da; wie ein wütender Löwe würde er gern die Schafe des Herrn verschlingen, aber das Zeichen des Blutes an ihnen errettet sie von seinem Rachen.

Und, Brüder, dies Blut-Merkmal erkennen die Heiligen an einander und es hat eine wunderbare Kraft, gegenseitige Liebe zu erzeugen und zu nähren. Ich habe oft gemerkt, daß wir uns mit einander heimisch fühlen, so bald wir von dem versöhnenden Tode unsers Herrn zu reden beginnen. Es mögen hier Brüder aus verschiedenen Kirchen zugegen sein und sie mögen sich nicht ganz wohl fühlen, wenn wir von andern Gegenständen reden, aber wenn wir zu dem teuren Blute kommen, so kommen wir dem Kern der Sache und sind Alle eins. Dies ist eins der geheimen Zeichen unsrer geistlichen Freimaurerei. Mein Herz wird erwärmt und erfrischt gegen meinen eignen Willen zuweilen, durch fromme Schriftsteller, deren Lehrmeinungen ich nicht beipflichte, und zu deren Kirche ich nicht gehören könnte, und doch, wenn sie von meinem Herrn schreiben, so gewinnen sie mein Herz. „Aliquid Christi,“ wie Einer der alten Gottesgelehrten zu sagen pflegte: das „Etwas von Christo“ in ihnen erweckt unsre Zuneigung und zieht uns an. Selbst Bücher, die von der Fäulnis des Sakramentarianismus ergriffen sind, haben zuweilen einen so süßen Geschmack von Christo an sich, daß wir sie nicht ganz wegwerfen können, sondern uns verpflichtet fühlen, den Apfel sehr sorgfältig zu schälen, die faulen Stellen auszuschneiden, und das sehr zweifelhafte Kerngehäuse wegzutun, um der süßen Stücke willen, die mit der Liebe Christi gewürzt sind. Wie die süßen honigtragenden Blumen die Bienen anziehen, so zieht der Name Jesu alle seine Heiligen zu ihm und zu einander hin: Gib mir deine Hand, mein Bruder, wenn auch du meinen Herrn kennst, so gehören wir zu derselben Familie, das unfehlbare Merkzeichen des Erlösten ist an uns Beiden.

Das Beste ist, der Herr kennt dieses Zeichen auch. Wenn wir zum Gnadenstuhl gehen, so müssen wir den heiligen Paß des teuern Blutes vorzeigen, wenn wir dort Zugang finden wollen. Mit diesem kann es uns nicht mißlingen. Ein Bruder, der zu den „Primitiven Methodisten“ gehörte, rief bei einer Versammlung, wo ein Freund nicht beten konnte, aus: „Berufe dich auf das Blut, Bruder!“ und der Rat war weise. Ja, beruft euch darauf und sprecht: „Um Jesu willen: durch seinen Todeskampf und blutigen Schweiß, durch sein Kreuz und seinen Tod.“ Welche kräftige Stöße gibt dieser Sturmbock dem Himmelstor. Dies sind Gründe, denen der Himmel stets nachgibt.

Unser Gott erkennt das Blut-Merkmal in der Stunde des Todes an und ist den Seinen nahe auf dem ernsten Pfade. Die Schrecken des Todes sind vergangen für den, der das Blut zum Zeichen hat. Legt mich nieder auf mein Bette! Da laßt mich die mir zugemessene Pein und Schwachheit erdulden, bis der klebrige Schweiß auf meiner Stirne steht und beständig weggewischt werden muß: legt mich nieder, sage ich, und ich will ruhig einschlafen wie ein Kind, das vom Spiel des Tages ermüdet ist, wenn ich nur das Zeichen habe. Not und Armut und Körperqual mag mich belästigen, doch wird mir vollkommen wohl sein und ich werde keinen Tausch verlangen. Woher das? Mancher Mann, der Gesundheit und Reichtum besitzt, ist nicht halb so selig, als der arme Heilige auf seiner Todes-Streu. Woher kommt diese Seligkeit? Hier ist das Geheimnis. Der Herr ist vorüber gegangen und hat ein Zeichen gegeben. „Ein Zeichen,“ sagt ihr, „was ist es? Ist es eine Zeile aus dem goldnen Buche von Gottes Gnadenwahl? Ist es ein Edelstein aus der Krone, die im Himmel für ihn bereitet ist?“ Nein, nein, es ist nicht das. „Hat er in seinem Schlafe ein Gesicht geschaut und die glänzenden Gestalten in den goldnen Gassen wandeln sehen, oder hat er eine vernehmbare, himmlische Stimme sagen hören: “'Du bist mein'?„ Nein, er hat nichts von all diesem, er hat weder Traum, noch Gesicht, noch irgend etwas von dem, was die Menschen übernatürlich nennen, sondern er ruht in dem, was die Menschen übernatürlich nennen, sondern er ruht in dem teuren Blute, und dieses Blut ist das Zeichen der Freundschaft zwischen Gott und seiner Seele, hieran erkennt er die Liebe Gottes und durch dasselbe hat Gott Gemeinschaft mit ihm. Sie kommen zusammen bei dem Blute. Gott hat Freude an dem Opfer Christi und die gläubige Seele freut sich auch daran; so haben sie eine gemeinsame Freude, und dies hat die Zwei verbunden mit einem Bande, das niemals zerrissen werden kann. Dies ist's, weshalb Einige von uns singen:

„Nein, zu der Hölle Flammen
Kann Welt und Himmel nicht,
Kann Niemand mich verdammen,
Er geht nicht ins Gericht.
Mir ist das Heil erworben,
Er hat für mich gebüßt,
Er, der für mich gestorben,
Für mich erstanden ist.“

O, welche Seligkeit, zu fühlen, daß das Blut Jesu uns auf ewig mit ihm vereint hat.

Nehmt noch dies letzte Wort an. Einige von euch haben vielleicht gesagt: „O, ich wünschte, ich hätte das Blut Jesu als Zeichen.“ Dann laßt mich euch zuerst sagen, daß ihr nicht für ein Opfer zu sorgen braucht, denn das ist gebracht, das Lamm ist geschlachtet, das Blut des ewig währenden Bundes ist immerdar vor dem Herrn. Was habt ihr zu tun? Ihr habt nichts zu tun, als euch mit dem Blute besprengen zu lassen. Ihr wißt, wie sie es sprengten. Es war mit einem Büschel Ysop. Der Ysop ist ein gewöhnliches Kraut, das überall in den Städten des Orients und in ihrer Umgebung gefunden wird, da er selbst an Mauern wächst, wo nur wenig Erde ist. Es war eine Pflanze mit vielen Stengeln, so daß das Blut daran haften blieb und man sie als eine Art Bürste gebrauchen konnte; die Fähigkeit, das Blut festzuhalten, war in der Tat ihr einziger Vorzug. Nun, der Glaube ist eine sehr einfache Sache und ist nicht bloß etwas für feine und gebildete Gemüter, sondern für die ärmsten und einfachsten. Die Wirksamkeit des Ysops lag nicht in etwas, was der Ysop war, sondern darin, daß er in das Becken getaucht ward, um das Blut aufzusaugen. Mein schwacher Glaube ist gerade etwas so Gewöhnliches wie ein bißchen Ysop, der von der Mauer herabgerissen ist, aber ich lege ihn dann in das Versöhnungsblut, während ich darüber nachsinne, wer Jesus war, und was er litt und zu welchem Zwecke, bis er naß, durchtränkt und ganz rotgefärbt von dem Lebensstrom ist. Der Ysop war bei der ganzen Sache ein unbedeutendes Ding, er wird nur Einmal genannt, das zweite Mal, wo das Sprengen befohlen wird, ist er gar nicht erwähnt; so ist auch im Grunde der Glaube nur das bescheidene Werkzeug des Heils; das Blut ist die Hauptsache, es ist das Leben, der Schutz, das Zeichen, Alles und Jedes. Legt euren zitternden Glauben in das teure Blut hinein und sprecht dann: „Ich glaube dir, Jesus, und ich sage der Welt, daß ich dir glaube. Dein kostbares Blut war für mich, Sünder, wie ich bin, vergossen und ich traue allein auf dich.“ So färbt ihr Schwelle und Türpfosten rot. Laßt alle Menschen wissen, daß, was ihr auch gewesen seid, und was ihr jetzt auch seid, ihr nun an den stellvertretenden Tod Jesu glaubt, widerspreche, wer da wolle. Seid Zeugen, ihr Menschen und Engel und Teufel, daß Jesu Blut unsre einzige Hoffnung ist. Wer so glaubt, der ist gerettet. Bruder, geh deines Wegs und hüpfe vor Freuden. Kein Mensch ging je verloren, der von Herzen auf das Versöhnungsblut traute. Gott segne euch. Amen.

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