Spurgeon, Charles Haddon - Gründe für die Wiederkehr zum Herrn

Gehalten am Sonntag Abend, den 13. Januar 1878
(Mr. Spurgeon war sehr unwohl und seine Stimme peinlich schwach, daher die Pause in der Mitte der Predigt, während welcher die Versammlung einige Gesangsverse sang, um den Prediger Kraft genug gewinnen zu lassen, seinen Vortrag wieder aufzunehmen. Dies war die letzte Predigt, ehe Mr. Spurgeon die Heimat verließ, um die ihm notwendige Ruhe zu erlangen, und er hat sie in Mentone für den Druck bereitet. A. d. Übersetzers.)

„Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden. Er macht uns lebendig nach zweien Tagen; er wird uns am dritten Tage aufrichten, daß wir vor ihm leben werden.“
Hosea 6,1.2

Wenn der Mensch nie gesündigt hätte, welcher freudenvolle Verkehr würde zwischen ihm und Gott stattgefunden haben! Ein wundervolles Gesicht erscheint vor uns von liebendem Gehorsam und herablassender Gemeinschaft, heiliger Wonne und grenzenloser Huld, demütiger Anbetung und väterlichem Lächeln, vollkommener Seligkeit und unendlichem Wohlgefallen. Ach! Ach! Es ist nicht mehr als eine Vision! Gott würde den Menschen mit Vertraulichkeit und Huld behandelt und ihn mit Gunst und Ehren überhäuft haben. Der Garten Eden, schön wie seine schattigen Gänge und lieblich wie seine Blumen waren, war doch nur ein schwaches Bild von dem, was für den Menschen bereit war, wenn er im Gehorsam gegen Gott geblieben wäre; unbegreifliche Freuden würden die Tage seines Erdenlebens erfüllt haben, wäre nicht die Schlange über die Natur geglitten und hätte den Schleim der Sünde darauf zurückgelassen. Ich will nicht versuchen, eine Bild von dem Wohnen des Menschen mit Gott zu geben, wie Gott sich ihm in immer neuen Formen geoffenbart, stets seine Erkenntnis vermehrt und seine Seligkeit überströmend gemacht hätte. Ach! Dieser Traum ist nie verwirklicht worden. Jene gefährliche Frucht, die am Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen hing, wurde gepflückt und gegessen, und wir wollen nicht verweilen, um die traurige Geschichte zu wiederholen von den vielen Missetaten und zahllosen Übeln, die dadurch über die Menschheit gekommen sind und den Menschen von seinem Gott getrennt haben.

Um des Falles und des menschlichen Verderbens willen tritt jetzt die Gerechtigkeit ein mit Rute und Schwert und ändert die Gestalt unseres Lebens. Gott handelt sehr gnädig mit dem Menschen, aber durchaus nicht in der Weise, wie er mit ihm hätte handeln können; er kann jetzt nicht beständig lächeln, sondern seine Heiligkeit veranlaßt ihn, mit zornigem Antlitz auf ihn zu blicken. Der liebende Gott, durch die Liebe selbst gezwungen, blickt ernst auf die Sünde. Er droht, er klagt an. Seine Gerechtigkeit und Heiligkeit lassen ihn harte Worte gegen seine irrenden Geschöpfe sagen; er tut mehr: in unendlicher Liebe züchtigt und tadelt er. Anstatt väterlicher Liebkosungen nimmt der Herr weise die Rute und läßt sie auf den Rücken derer fallen, die er am wahrhaftigsten liebt. „Er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.“ Die, die seinem Herzen am nächsten sind und seiner Seele am meisten gefallen unter den Kindern Adams, haben nichtsdestoweniger zu fühlen, daß „unser Gott ein verzehrendes Feuer ist.“ In den Schmelztiegel getan, werden sie in die Weißglut des Feuerofens geworfen und müssen leiden, damit ihre Schlacken hinweggenommen werden. Wenn der Herr so streng gegen die Seinen ist, wie handelt er dann mit den Ungöttlichen? „Gott ist täglich zornig über die Gottlosen.“ (Ps. 7,11 engl. Übersetzung). Die weisen Männer des neueren Denkens haben kürzlich einen neuen Gott gemacht - einen dieser neuaufgekommenen Götter, die unsere Väter nicht kannten und der der Bibel ganz unbekannt ist, ein ebenso falscher Gott wie Apollo oder Baal. Den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs können diese tiefen Denker nicht ertragen, sondern wenn ihr ihnen sagt, daß Gott täglich über die Gottlosen zornig ist, so erzählen euch diese modernen Gottmacher, daß er dafür zu liebend ist - daß es nicht möglich sei, er könne zornig sein, sondern daß er alle liebe, alle erlöst hätte und im Laufe der Zeit alle erretten werde, den Satan selbst mit eingeschlossen. Sie beten einen Gott an, der aus Kitt oder Wachs gemacht ist - weich, weiblich, molluskenartig, ohne alles Männliche und ohne eine Eigenschaft, die ihm die Hochachtung gerechter und redlicher Menschen verschafft, denn einem Wesen, das über Unrecht nicht zornig sein kann, mangelt es an einer der wesentlichen Tugenden, und ein sittlicher Herrscher, der den Bösen nicht zürnt und der das Verbrechen nicht strafen will, ist nicht göttlich. Wir finden keinen solchen Gott wie diese modernen zuckerartigen Götzen, wenn wir in der Schrift forschen, denn da spricht der wahre Gott: „Wo ihr mir entgegen wandelt, so will ich euch auch entgegen wandeln.“ „Bei den Verkehrten bist du verkehrt.“ „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in alle dem, das geschrieben stehet in dem Buche des Gesetzes, daß er's tue.“ Er ist geoffenbart als ein Gott, „der keineswegs den Schuldigen schonet“, sondern erklärt, daß jede Übertretung und Missetat ihre gerechte Strafe und Vergeltung finden soll.

Da das Böse Herrschaft über das menschliche Geschlecht erhielt, so wandelt Gott nicht mit dem Menschen, wie er es hätte tun können, wenn der Mensch nie gefallen wäre. Er spricht in strengem Ton des Richters zu ihnen und handelt mit ihnen wie jemand, der die Notwendigkeit der Rute einsieht. Er behandelt die Menschen nicht so rauh, wie sie es verdienen, denn er ist unendlich sanft und milde; aber doch mit so viel Strenge, wie nötig ist, um zu zeigen, daß er über Missetat nicht lächelt. Das Verhalten Gottes gegen den Menschen ist nicht gleich seinem Verkehr mit den Engeln, nicht gleich seinem Verkehr mit Cherubim und Seraphim, sondern nach unserm Tun zerreißt er, schlägt er, tötet er; und von einem solchen Gott wie diesem habe ich heute Abend zu sprechen, und von solchen Handlungen, wie diesen, habe ich mit euch zu reden. Meine Absicht ist nicht, daß jemand vor dem Herrn fliehen möge, sondern daß in Folge von dem, was wir zu sagen haben, viele wieder zum Herrn umkehren möchten, der geschlagen hat, aber heilen wird; der getötet hat, aber wieder lebendig machen wird.

Es sind drei Dinge in meinem Text, die mir sehr klar scheinen. Das erste ist ein schlagender Gott; das zweite ist ein gläubiges Herz; denn wer solche Worte brauchte, wie mein Text, war kein Ungläubiger; und drittens eine überredende Stimme - die Stimme, die so bittend ruft: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn.“ Möge Gott, der Heilige Geist, mich lehren, wie ich den Namen des Herrn verkünden soll und das Wort lebendig und kräftig machen zur Errettung der Blut-Erkauften. Wie sehr bedarf ich seiner Kraft in meiner außerordentlich großen Schwäche! Betet für mich, ihr Heiligen Gottes, daß ich noch einmal treu und wirksam meine Pflicht als einer von den Botschaftern des Herrn tun möge.

I.

Erstens also, in dem Text sehe ich deutlich genug einen schlagenden Gott. „Er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“

Bemerkt zuerst, daß der, der diese Worte schrieb, die Gegenwart des Herrn wahrnimmt, denn er ist überzeugt, daß seine Leiden von Gott kommen. Ungöttliche Menschen schreiben ihr Unglück dem Zufall zu, und mitunter führen sie es selbst auf den Teufel zurück, als wenn sie erwarteten, daß ihr Vater sich mit ihnen zu schaffen mache. Häufig gegen sie ihren Mitmenschen die Schuld und werden zänkisch, boshaft und rachsüchtig. Es ist ein glücklicher Tag für einen Menschen, wenn er erkennt, in wessen Hand die Rute ist und seine Leiden auf Gott zurückführt. ach, es gibt sogar einige Kinder Gottes, die sehr in dieser Sache irren, wenn sie in Trübsal sind; sie bringen ihre Zeit damit zu, über die Mittelursachen zu klagen und blicken nicht auf die erste Ursache. Dies ist sehr tierlich. Wenn du einen Hund mit einem Stock schlägst, so beißt er nach dem Stock; hätte er ein wenig Verstand, würde er nach dir beißen und wissen, daß der Schlag nicht von dem Stock oder Stein kam, sondern von der Hand, die diese Mittel gebrauchte. So ist es gewöhnlich mit den Ungläubigen im Unglück; sie blicken auf die zweite Ursache und richten all ihren Zorn oder ihre Gedanken darauf. Wenn sie in der Zeit der Not nachdenken wollten, würden sie sehen, daß die Trübsal nicht aus dem Boden wächst und das Leiden nicht von ungefähr kommt, sondern die Hand des Herrn ist in all diesen Dingen.

„Ist auch ein Unglück in der Stadt, das der Herr nicht tue?“ Auf welchem Weg auch das Leiden kam, es kam von ihm. Ob das Unglück durch einen triumphierenden Feind oder durch einen falschen Freund kam, ob es als Verlust im Geschäft oder als Krankheit des Körpers kam oder ob es uns verwundete, indem die Pfeile des Todes das Herz unserer Lieben durchdrangen, in jedem dieser Fälle war es der Herr. Lerne diese Lektion. Er hat dich geschlagen; er hat die zerrissen; er hat es alles getan. Er hat unsere Leiden als Gericht verordnet und sie zur Züchtigung eingesetzt; laßt uns sie nicht verachten, indem wir seine Hand nicht darin sehen wollen oder uns zornig gegen ihn empören. Wir lesen: „Und Aaron schwieg stille!“ als seine zwei Söhne vom Feuer getötet waren, weil es das Feuer des Herrn war, das sie traf - und was konnte er sagen? Wenn selbst Christen zu oft des Herrn Hand vergessen, so brauchen wir nicht überrascht zu sein, wenn Unbekehrte es tun. Vielleicht spreche ich zu jemandem, der von einer Reihe Unglücksfälle betroffen ward, bis er jetzt von einem Meer der Leiden umgeben ist. Du bist kaum einem Unglück entronnen, so bist du in ein anderes geraten. Es scheint dir, als wenn dein „Mißgeschick“, wie du es nennst, dich eben so wenig verläßt wie dein Schatten. Du kannst in Nichts vorwärts kommen; was du berührst, vertrocknet unter deiner Hand. Du bist wieder und wieder krank gewesen. Du hast deinen besten Freund verloren, als du ihn am meisten nötig hattest. Du hast deine Stelle verloren, und wohin du dich auch wendest, da bekommst du keine günstige Antwort. Es ist wahr, du bist nicht verständig genug, einige dieser Unglücksfälle auf deine eigenen schlechten Gewohnheiten zurückzuführen - deine Nachlässigkeit oder deine Trunkenheit. Ich wünschte aber, du wärst so verständig, dann bessertest du dich vielleicht. Wenn du noch verständiger würdest, dann sprächest du: Es kann nicht sein, daß ich Schlag auf Schlag habe und Verlust auf Verlust, ohne daß irgend eine Ursache dafür da ist; denn Gott „plaget und betrübet nicht von Herzen die Menschen.“ Mich sollte es nicht wundern, mein Freund, wenn du so schmerzlich getroffen wirst, weil der Herr eine große Liebesabsicht mit deiner Seele hat. Sieh auf den verlorenen Sohn im fernen Lande. Er hatte Geld die Fülle, und er verschwendete es mit Prassen; er war in guter Gesundheit und lebte rasch. Wein und Weiber nahmen bald seinen Vorrat hinweg, und dann sagte er, ihn hätte ein Mißgeschick befallen. Natürlich hatte es das, und der junge Herr war genötigt, seine Würde und Unabhängigkeit niederzuschlucken und eine Stelle zu suchen. Er sah in der Zeitung nach und forschte auf und ab bei seinen lieben Freunden, die seine Gesundheit in Humpen seines seltenen alten Weines getrunken hatten; sie wußten nichts für ihn und behandelten ihn kalt.. Kein Geldverleiher wollte ihm ein Darlehen gewähren, und niemand gab ihm etwas. Er lief sich die Schuhe von den Füßen ab, aber konnte nichts zu tun finden. Lumpen waren an ihm und Hunger in ihm. Er war ein heruntergekommener Mann, ohne Geschäft und ohne die körperliche Kraft zum Graben oder Pflügen. Was konnte er tun? Er hatte „Unglück gehabt“, wie Menschen seiner Art zu sagen pflegen, und niemand wollte ihn. Einer, der etwas Mitleid mit dem Verkommenen hatte, fand eine Stelle für ihn, und er begann ein tätiges Leben in der edlen Eigenschaft eines Schweinehüters - „er hängte sich an einen Bürger desselbigen Landes, der schickte ihn auf seinen Acker, der Säue zu hüten.“ Er war nun so tief herunter, wie er nur konnte, denn seine Beschäftigung war schmutzig und erniedrigend, und der Lohn war nicht genug, um Leib und Seele zusammen zu halten, so daß er oft die Säue beneidete, die sich so reichlich mit Trebern füllen konnten. Doch in diesem tiefen Elend war Erbarmen und Hoffnung; sein Heimweg war über den Schweinetrog. Er wäre vielleicht nie zu seinem Vater gekommen, wenn er nicht erst zu diesen Säuen und Trebern gekommen wäre. Vielleicht, o leidender Sünder, ist der Weg zu Gott für dich durch deine Leiden. Wenn der Herr dir jene Spekulation hätte gelingen lassen, zum Beispiel, oder wenn es dir mit jenem schmählichen Geschäft geglückt wäre, das du niemals hättest anrühren sollen, so wärest du vielleicht ein reicher Mann und verdammt. Aber du sollst nicht reich sein; Gott will dich nicht reich sehen. Er will dir folgen mit Schlag auf Schlag und Zerreißen auf Zerreißen, bis du zuletzt fühlst, daß er zu dir spricht: „Kehre wieder zu mir, denn du wirst nie Ruhe finden, bis du es tust.“ Du wirst nie Wohlergehen kennen, bis du rein herausgekommen bist und deinen Frieden mit Gott gemacht hast. Dann soll dein Friede wie ein Strom sein und deine Gerechtigkeit wie die Wellen des Meeres. Ich bin gewiß, daß ich spreche, wie wenn ich ein Prophet wäre, zu der Seele Einiger, die heute Abend in diesem Hause sind; und ich bete zu Gott, daß sie, wenn es so ist, die Reihe von Unglücksfällen, die über sie gekommen sind, ansehen mögen, nicht als von Ungefähr und zufällig gesandt, noch durch die Konstellation der Sterne oder irgend eine der anderen atheistischen Torheiten, die die Menschen so gern erfinden, sondern gesandt von Gott selber mit wohlwollender Absicht. Er schlägt, er zerreißt, er tötet, aber dies ist alles die Wunderarzneikunst seiner Liebe. Der, der diese Worte sprach, hatte also gelernt, seine Leiden auf Gott zurückzuführen.

Nun beachtet, daß es Gottes Gewohnheit ist, die Seinen zu schlagen, seinen Worten gemäß: „Welche ich aber lieb habe, die strafe und züchtige ich.“ Ich erinnere mich, daß ich von einem sehr wählerischen Kritiker streng zur Rechenschaft gezogen wurde, weil ich folgendes vulgäres Gleichnis gebrauchte, ich will es deshalb wieder benutzen. Es mag Stoff geben zu einem anderen Artikel eines superfeinen Rezensenten. Ich meine, daß ich sagte: Wenn du nach Hause gingest,, und unterwegs eine Anzahl Knaben die Fenster in einem Haus einwerfen sähest, so würdest du dich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht viel kümmern um das, was sie tun; aber wenn du deinen eigenen Sohn es tun sähest, so wäre er sicher, eine so süße Ohrfeige zu erhalten, wie du ihm nur verabreichen könntest. Würde das sein, weil du ihn weniger liebtest als die anderen Knaben? Nein, sondern weil du ihn mehr liebtest. Du hattest etwas mit ihm zu tun und nicht mit den übrigen; deshalb erhielt er das Vorrecht der Züchtigung und die Anderen nicht. Nun, der Sünder, der in Not gerät, oder der Christ, der schwere Leiden erduldet, erfährt diese strenge Behandlung, nicht weil der Herr ihn verderben will, sondern weil er eine verborgene Liebe zu seiner Seele hat. So spricht der Herr: „Aus allen Geschlechtern der Erde habe ich allein euch erkannt; darum will ich auch euch heimsuchen in aller eurer Missetat.“ Diese Züchtigungen und schweren Schläge, die im Text dem Zerreißen und Töten verglichen wird, fallen oft auf die von Gott Geliebten, weil sie von ihm geliebt sind und er auf keine bessere Weise seine Liebe zu ihnen zeigen kann.

„Ich habe gesehen einen Gottlosen, der war trotzig und breitete sich aus und grünete wie ein Lorbeerbaum“; keine Axt ist an seine Wurzel gelegt und kein Mehltau auf seine Blätter gefallen; Gott hat ihn in Ruhe gelassen, die Erde mit seinen Zweigen zu füllen. Aber warum? War es nicht, damit er für's Feuer passen würde, wenn die Axt des Holzfällers ihn fällte? Aber seht auf den Weinstock, der Frucht trägt, und ihr seht jedes Jahr zu geeigneten Zeit das mitleidslose Messer des Gärtners hinwegzuschneiden, die, welche uns die lebendigsten Schößlinge scheinen, hoffnungsvolle Reben hinwegtun und den armen Weinstock bluten lassen oder wie einen dürren Stock erscheinen. Ja, der Weinstock ist des Beschneidens wert; er gehört zu den ausgesuchtesten Pflanzen des Gärtners, und der erwartet reiche Trauben von ihm. Aber den grünen Lorbeerbaum - wer gibt sich die Mühe, ihn zu beschneiden? Welchen Vorteil würde es bringen, das Messer stumpf zu machen an einem fruchtlosen Baum? Geht weiter, ihr, die ihr eure Vorräte mehrt, ihr, die ihr nie Schmerz und Pein habt, die ihr sagt, daß kein Gedanke an Sünde euch je niederdrücken wird, die ihr reichlich essen und trinken könnt, ohne krank oder traurig zu sein. Sehr, ihr werdet gemästet wie die Ochsen zum Schlachten, und nichts wird euch geschehen, bis das Richtbeil des Todes euch niederwirft. Rechnet es für einen der furchtbarsten Flüche, der euch werden kann, in euren Sünden glücklich zu sein. „Moab ist von seiner Jugend auf sicher gewesen und auf seinen Hefen stille gelegen, und ist wie aus einem Faß in's andere gegossen und nie in's Gefängnis gezogen, darum ist sein Geschmack ihm geblieben und sein Geruch nicht verändert worden. Darum, siehe, spricht der Herr, es kommt die Zeit, daß ich ihnen will Böttcher schicken, die sie ausschroten sollen und ihre Fässer ausleeren und ihre Lägel zerschmettern.“ Ihr, die ihr hin und her geworfen werdet und von Schmerzen niedergebeugt, braucht nicht zu erschrecken, weil ihr leiden müßt, denn der Heer legt die Hand schwer auf die Seinen und spart die Ungöttlichen für seinen Zorn auf.

Das Verfahren Gottes mit dem Menschen wird oft sehr streng erscheinen. Lest den 14. Vers des 5. Kapitels: „Ich bin dem Ephraim wie ein Löwe und dem Hause Juda wie ein junger Löwe. Ich, ich zerreiße sie und gehe davon.“ Hieraus wird es klar, daß unser Text, wenn er sagt: „er hat zerrissen“ auf einen Löwen anspielt, der seine Beute zerreißt. Der Herr scheint sich zuweilen auf einen Menschen zu stürzen und ihn plötzlich niederzuwerfen und dann durch furchtbare Leiden ihn von Kopf bis Fuß in Stücke zu zerren. Befürchtungen, Schmerzen, furchtbare Eingebungen in seinem Gemüt, Verlust auf Verlust im Geschäft, Leid auf Leid, sein Haus verödet, sein Herz gebrochen, seine Hoffnung verschwunden - solche Dinge legt der Herr auf die Menschen, bis sie erkennen, was der Herr meinte, als er durch seinen Propheten sprach: „So will ich auch werden gegen sie wie ein Löwe und wie ein Parder, auf dem Wege will ich auf sie lauern.“ Gott tut das mit Menschen, und doch will er ihnen nichts Böses zufügen. Die Erfahrung des Hiskia erklärt dies alles. Hört ihn in der Bitterkeit seiner Seele ausrufen: „Ich dachte: Möchte ich bis morgen leben! Aber er zerbrach mir alle meine Gebeine wie ein Löwe; denn du machst es mit mir aus, den Tag vor Abend. Ich winselte wie ein Kranich und Schwalbe und girrte wie eine Taube; meine Augen wollten mir brechen: Herr, ich leide Not, lindere mir's!“ Aber seine eigene Antwort auf diese Klage ist: „Herr, davon lebet man, und das Leben meines Geistes stehet gar in demselbigen; denn du ließest mich entschlafen und machtest mich leben.“

Der Text sagt, daß der Herr schlägt. Er gebraucht solche Kraft, daß er Striemen und Quetschungen zurück läßt, denn „man muß den Bösen wehren mit harter Strafe und mit ernstlichen Schlägen, die man fühlt.“ Er schlägt, und er weiß, wie er es zu tun hat, denn er ist ein weiser Züchtiger. „Der die Heiden züchtigt, sollte der nicht strafen?“ Er kann einen Menschen in seinem zartesten Punkt treffen und das stärkste Herz beben machen. Er kennt uns ganz, und wenn er kommt, im Zorn mit uns zu handeln, selbst wenn Lieben dahinter ist, so schlägt er dennoch sehr strenge. David sagt: „Ich bin geplaget täglich und meine Strafe ist alle Morgen da“, und an einem andern Ort zeigt er, daß diese Züchtigung kein Kinderspiel ist, denn er sagt: „Wenn du einen züchtigest um der Sünde willen, so wird seine Schöne verzehret wie von Motten.“

Ja, und nach dem Text kann Gott eines Menschen Seele so tief beugen, daß er sich selbst für tot achtet und wie einer ist, der im Grabe liegt, zwei Tage lang, und doch wird er ihn am dritten Tage auferwecken. Dies ist natürlich nicht buchstäblich zu verstehen, sondern stellt einen beträchtlichen Zeitraum dar, obwohl einen Zeitraum, der ein Ende hat, während dessen Herz und Fleisch gänzlich verzagen. Gott weiß, wie lange er einen Menschen unter dem Todesurteil liegen lassen kann. Es wird nicht 4 Tage sein; das wäre zu lange, denn vor Zeiten sprach Eine: „Er stinket schon, denn er hat 4 Tage gelegen.“ Es werden 3 Tage sein, in denen tödliche Verzweiflung herrschen wird, aber Verwesung wird nicht wirklich stattfinden, denn wie Jesus am dritten Tage aus der Erde wieder heraufkam, so sollen die, die das Todesurteil über sich ausgesprochen gefühlt haben, in die Freude des Auferstehungslebens herauskommen, um seinen Namen zu preisen und zu loben.

Ich bemerke, daß ich euch fast erschrecke, während ich zeige, was Gott mit den Menschenkindern tut. Aber es ist eins, was ich hinzufügen sollte. „Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat.“ Ein Mensch, der seine halbe Lebenszeit im Hospital liegt, hat immer noch mehr Gutes, als er beanspruchen kann; und der, der in des Winters Kälte friert und bitteren Mangel kennt, hat noch mehr Barmherzigkeit, als er verdient. Und der unter uns, welcher am tiefsten im Seelenschmerz niedersinkt, der, welcher in dem furchtbaren Abgrund unterzugehen scheint, bis alle Wellen und Wogen Gottes über ihn gehen, kann doch noch Gott preisen, daß er nicht in den Qualen der Hölle ist. Der, welcher am meisten leidet, kann dankbar sein, daß die Gerechtigkeit noch nicht das Bleilot und die Schnur genommen und gerechten Zorn abgewogen hat. Wenn wir am schlechtesten daran sind, haben wir noch eine Fülle von Barmherzigkeit, verglichen mit dem, was unsere Übertretungen verdienen.

Und, o, ich möchte euch zeigen, daß Liebe in all diesem ist. Ich nenne den nicht einen liebevollen Vater, der bei seinem Knaben böse Gewohnheiten sieht und ihn nie züchtigt. Ich nenne die nicht eine liebevolle Mutter, die, wenn ihr Kind Heftigkeit und Eigenwillen zeigt, es niemals züchtigt. Es ist oft eine verderbliche Bequemlichkeit, welche die Eltern abhält, zu tun, was getan werden sollte, um das Böse auszutreiben und für ein edles Leben zu erziehen. Wenn ein Vater mit Tränen in den Augen seinen Knaben allein genommen hat und gesprochen: „Ich kann nicht wie Eli sein, auf dessen Haus der Fluch kam, weil seine Söhne sich schändlich aufgeführt und er sie nicht zügelte; sondern ich muß dich bei Zeiten züchtigen. Wenn du so meine Gebote brechen willst und Gott betrüben und meine Familie entehren, so muß ich dich dafür büßen lassen, ob jeder Schlag mir auch Schmerz verursacht.“ Ich sage, wenn ein Vater so handelt, so ist er weise sowohl als freundlich. Mancher junge Taugenichts in den Straßen Londons hätte ein sittlich guter Mensch werden können, wenn sein Vater seine Pflicht gegen ihn getan hätte. Und merkt euch, Gott will nie, daß dies Ihm Schuld gegeben werde - daß er seinen Kindern Sünde erlaubt und seine Auserwählten ungezüchtigt läßt. Seine eignen Kinder müssen die Rute fühlen und unter die Verpflichtung des Bundes gebracht werden. „Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtiget er; er stäupet aber einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt.“

Hier laßt mich eine Minute warten, um meine Stimme wieder zu gewinnen und ein wenig Kraft zu sammeln, denn ich bin sehr ermattet. Meint ihr, daß ihr mir es einen Augenblick erleichtern könntet, indem ihr einen oder zwei Verse aus dem Lied 605 in unserem Gesangbuch sänget?

Zitternd will ich nun versuchen, zum zweiten Teil überzugehen. Möge der Heilige Geist mir Sinn, Herz und Zunge leiten.

II.

Zweitens, ich sehe in dem Text ein gläubiges Herz; mir scheint, ein merkwürdig gläubiges Herz, weil es an die Güte Gottes glaubt, selbst wenn es blutet und leidet. Beachtet dies. Er sagt: „Komm, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden.“

Es ist wundervoll leicht, an Gott zu glauben, wenn ihr alles habt, was ihr braucht, und frei von Leiden seid, aber solcher Schön-Wetter-Glaube ist oft bloßer Schein. Der wahre Glaube traut Gott, wenn er zornig ist, und hofft auf ihn, wenn er die Rute in der Hand hat; und für mich, wie schon gesagt, ist es ein sehr schönes Beispiel von Glaube, das wir im Text haben. Der Mann ist zerrissen worden, ja, zerrissen, wie ein Löwe sein Opfer zerreißt - da sind die Wunden, blutend und schmerzend, doch ruft er: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn.“ Was, zu dem Gott, der uns zerrissen hat? Ja, ja. Laßt uns zu ihm gehen, denn er wird uns aufnehmen und wird uns nicht verwerfen, sondern im Gegenteil, er wird die Wunden heilen, die er gemacht hat. Ihr könnt nicht zu gut von Gott denken, noch zu viel Gnade von ihm erwarten. Geliebte, wenn ihr glaubt, daß er eure größte Sünde um Jesu willen vergeben will; wenn ihr heute Abend glaubt, daß er euch um seines lieben Sohnes willen freudig an sein Herz ziehen will; wenn ihr glaubt, daß er euch durch den Glauben an Christus zu Himmelserben machen kann - so werdet ihr nicht zu gut von Gott denken. Ich will euch herausfordern, zu verfluchen, von dem Herrn zu hoch und ehrenvoll zu denken, und wenn ihr die Aufgabe unternehmt, so werdet ihr gewiß zu Schanden werden.

Dies gläubige Herz in meinem Text findet tatsächlich einen Beweisgrund in den Schlägen Gottes, weshalb wir ihm trauen sollten. Spricht es nicht: „Er hat zerrissen, und er wird uns heilen; er hat geschlagen, und er wird uns auch verbinden!“? Ja, und hier ist ein Beweisgrund. Wenn ein Arzt den Knochen eines Menschen schlecht angeheilt findet und ihn wieder bricht, was wird er sicherlich tun? Nun, er wird ihn wieder zurechtbringen, und diesmal richtig. Wenn ich einen Arzt ein sehr starkes Mittel in einem sehr schwierigen Fall brauchen sehe, ein Zugpflaster, einen Aderlaß oder dergleichen - so bin ich gewiß, er will seinen Patienten nicht zu Tode bluten lassen, und er verwundet nicht ohne Zweck. Wenn eine Meißel hineingesenkt wird, um die Wunde offen zu halben, bis das wilde Fleisch hinweggenommen wird, so weiß ich, der Chirurg tut das nicht aus Unfreundlichkeit, sondern beabsichtigt das Wohl des Patienten. Er tut etwas, was der Kranke zur Zeit noch nicht schätzen kann, sondern es im Glauben annehmen muß. Wenn ich mich dem Messer des Chirurgen zu unterwerfen hätte, so würde ich ohne Zögern fühlen, daß, wenn er mich verwundete, er mir auch durch die Operation helfen und sein Bestes zu meiner Wiederherstellung tun würde. Nun, Gott ist der große Chirurg der Menschenseelen, und manchmal hat er den Menschen auf den Tisch zu legen und zu schneiden, zu schneiden bis auf den Knochen, aber er beabsichtigt nie, zu töten. Er nimmt nie das Messer der Zucht, ohne daß er beabsichtigt, jede Wunde zu verbinden, die er macht, und den Menschen wiederum auf seine Füße zu stellen, errettet in dem Herrn mit einer ewigen Errettung. „Er betrübet wohl und erbarmet sich wieder nach seiner großen Güte.“

So, seht ihr, der, welcher diese Verse schrieb, tat wohl, aus dem Zerreißen und Schlagen den Beweis zu führen, daß Gott es wohl meine mit der betrübten Seele.

Und, beachtet, so groß ist der Glaube dieses Textes, daß der Schreiber erwartet, wiederhergestellt zu werden, nachdem er sich unter die Toten gezählt hat. „Er macht uns lebendig nach zwei Tagen.“ Ich weiß - ich möchte wissen, ob ihr es auch tut - was es ist, sich gänzlich tot zu fühlen für alle geistliche Kraft, alle natürliche Hoffnung, alles Anrecht auf Gnade und zuweilen selbst für alle Möglichkeit der Errettung. Ich mag vielleicht heute Abend zu einem sprechen, der fühlt, als wenn sein Todesurteil unterzeichnet und besiegelt wäre, der fühlt, als wenn sein Todesurteil unterzeichnet und besiegelt wäre. Er hat den Spruch des Todes in sich. Aber, lieber Bruder, habe doch noch Glauben, denn im Text steht: „daß wir vor ihm leben werden!“ Ihr wißt, was Hiob sagte; nach meinem Gefühl ist es das Erhabendste, was ein Mensch je sprach: Er herrschte nicht auf einem Thron, sondern saß auf einem Aschehaufen, bedeckt mit Beulen und schabte sich mit einer Scherbe, dennoch war er mehr als königlich. Der herrliche alte Mann sprach mutig: „Ob er mich auch tötete, so will ich ihm dennoch trauen!“ Das war groß! Kannst du es nachahmen? Obwohl du fühlst, als wenn du getötet wärest, obwohl du heute Abend in deinem Stuhl sitzt und sprichst: „Wohl, es nützt zu nichts; ich weiß, ich bin verloren!“, doch beschwöre ich dich, auf den Herrn, deinen Erlöser, zu trauen trotz alles dessen. Traue dem Bundesgott im Angesicht alles anderen. Glaube, daß Gott wahrhaftig ist und jede Tatsache, jeder Umstand und Gedanke und jedes Gefühl ein Lügner. Hänge dich stets noch an die ewige Barmherzigkeit Gottes, der niemand hinausstößt, der zu ihm kommt durch Jesus Christus. O, es ist ein gesegnetes Ding, leer zu sein und zu glauben, daß er dich zu seinem Kind machen kann; verloren zu sein und zu glauben, daß der Herr dich erretten kann; dich verdammt zu fühlen und doch zu glauben, daß Christus dich gerecht machen kann. O, zu sinken und sinken und sinken, sogar bis in das Grab aller natürlichen Hoffnung, und doch zu fühlen, daß du wieder auferstehen wirst, wenn der dritte Tag gekommen ist! Dies ist der Glaube der Auserwählten Gottes.

Beachtet, daß der Glaube meines Textes hellere Dinge erwartet, denn er sagt: „Er wird uns am dritten Tage aufrichten, daß wir vor ihm leben werden.“ Du fürchtest dich vielleicht jetzt vor Gott, aber wenn er kommt und dich aus deiner geistlichen Todesmacht erhebt, so wirst du dich freuen, ihn zu sehen, ihn nahe zu fühlen, zu wissen, daß er dich lebendig gemacht hat und dein neues Leben in fröhlicher Gemeinschaft mit ihm zuzubringen. Du wirst vor ihm leben. Was für ein himmlisches Leben muß das sein! Leben unter dem Auge des Herrn! Leben, welches er Leben nennt! Leben, auf das er mit Freude blicken kann! Vor seinem Angesicht ist Freude die Fülle, und die sollen seine Verwundeten fühlen, wenn er sie geheilt hat.

Ich wünsche, ich könnte sagen, was ich sagen möchte, aber ich bin sehr schwach, und das Sprechen wird mir nicht leicht; doch weiß ich nicht, ob nicht meine gebrochenen Worte vielleicht am besten sein mögen; wenn die Stimme dem Willen nicht entspricht und wir unsere Rede stückweise vorzubringen haben, so mögen die Brocken den Betrübten um so süßer sein. Aber dies ist es, was ich sagen möchte: Gebt, o gebt, ich bitte euch, gebt nie der Versuchung des Teufels nach, der euch dahin bringen möchte, auszurufen: „Gott handelt hart mit mir, er wird mich nie erretten.“ Nein, erwarte gerade das Gegenteil; wegen dieser Schläge und Streiche und wegen des Elends in deinem Herzen und der Unruhe im Gewissen, wegen deiner Seelennot magst du um so mehr Hoffnung haben. Nichts ist schrecklicher, als ohne Gefühl zu sein; das ist ein Zeichen des Todes; aber ganz in Stücke gebrochen zu sein, eure Gedanken zu fühlen wie ein Besteck von Messern, die alle bis in die Mitte eures Herzens schneiden - das beweist wenigstens, das noch Leben in euch ist. Außerdem, bedenkt, daß der Pfad zur Freude der Schmerz ist, die Tür zum Leben der Tod, der Weg zum Heil die Verurteilung durch euer eignes Gewissen. Das Mittel, Gottes Liebe zu genießen, ist, zuerst Gottes Zorn zu empfinden.

Das bringt mich zu meinem dritten Punkt, bei dem ich kurz sein muß, aber ich möchte ernst sein. O Geist Gottes, hilf mir.

III.

Im Text ist eine überredende Stimme. O, daß ich es in flehenden Tönen sagen könnte; aber ob auch die Musik der Liebe in meinem Herzen tönt, so ist meine Stimme doch heiser. Habt deshalb Geduld mit mir, während ich rufe: „Kommt! Kommt! Kommt, wir wollen wieder zum Herrn!“

Diese überredende Stimme muß aufmerksam beachtet werden, zuerst, weil sie das Rechte will. Liebe Freunde, wenn wir uns von Gott verirrt haben und wenn Gott zornig über uns ist, was sollte unser Schritt sein? Nun, zu Gott zurückzukehren. Wenn ich einen Menschen beleidigt hätte oder gefühlt, daß ich ihm Unrecht tat, so hoffe ich, ich würde nicht viel Überredung nötig haben, um zu ihm zu gehen, mein Unrecht zu bekennen und ihn zu bitten, mir seine Hand zu geben. Ich hoffe, es ist eben so mit euch. Nun, da ihr den Herrn betrübt habt, solltet ihr die ersten sein, Versöhnung zu suchen, und wenn statt dessen er der Erste ist und zu euch kommt mit Friedensangeboten, gewiß, dann solltet ihr nicht viel Überredung nötig haben, um den Streit zu beenden. Komm, armes, irrendes Kind, du hast gegen deinen liebevollen Vater gesündigt; gibt dir nicht dein Herz selbst den Entschluß ein: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen!“? Du hast ihn betrübt, und weil du ihn betrübt hast, hat er dich geschlagen, damit du das Böse deiner Handlungen selbst erkennst; laß die ersten Schläge genügen und gib seinen Vorwürfen Gehör. „Kommt, wir wollen wieder zu unserem Herrn.“

Ein großer Teil des Überredenden in diesem Texte liegt nicht bloß, daß er Recht hat, sondern darin, daß der Sprecher sich mit denen zusammenstellt, die er wiederzukommen bittet. Er sagt: „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn.“ Meine lieben Hörer, willig genug, ohne irgend eine Art falscher Bescheidenheit, fühle ich mich gezwungen, mich selbst unter euch zu stellen. Wenn ihr nie zum Herrn wiedergekehrt seid, kommt, laßt uns zusammen gehen, denn ich weiß den Weg und habe gute Ursache, ihn wieder zu betreten. Ich ging zu ihm, ich vergaß beinahe, vor wie vielen Jahren, aber ich war erst ein Knabe von 15 Jahren. In tiefem Bewußtsein meiner Schuld suchte ich den Herrn, den Gott meiner Väter, mit zerbrochenem Herzen. Er hatte mich geschlagen, er hatte mich zerrissen, er hatte mich getötet durch das Gesetz seines Mundes. Wohin konnte ich gehen? Ich versuchte es mit jedem Helfer und ich fand alle fleischlichen Hoffnungen nur Spott. Ich ging mit Zittern zu meinem Gott und berief mich auf das teure Blut Jesu, und er heilte mich, er verband mich, und er ließ mich vor ihm leben. Hierfür lege ich mein feierliches und gewisses Zeugnis ab. Aber, obwohl ich vor so vielen Jahren zu ihm ging, bis ich oft seitdem da gewesen. Ich habe Sünde auf meinem Gewissen gefühlt; ich habe über ein inwendiges Verderben zu trauern gehabt; ich habe gefühlt, daß ich nichts sei, ja, und weniger als nichts; und mein Gemüt ist sehr niedergeschlagen gewesen; und deshalb von Not getrieben bin ich zu meinem Herrn gegangen. Ja, ich bin 1000 Mal zu ihm gegangen; und deshalb prahlte ich nicht, wenn ich sagte, ich wisse den Weg. Ach, arme, hilflose Seele, ich kenne deine Gedrücktheit und Verwirrung, denn ich kenne das Herz eines Fremdlings, da ich selbst gefühlt habe wie einer, der seiner Mutter Kindern fremd ist, unwürdig, unter die Kinder Gottes gezählt zu werden. Ich habe Gottes Volk getröstet, aber manchmal bin ich nicht in der Lage gewesen, mich selbst zu trösten. Ich habe versucht, andere zu füllen, während ich über meine Leere zu trauern gehabt habe. Aber ich bezeuge, daß ich zu meinem Herrn nie vergeblich gegangen bin. Kommt, gebt mir eure Hand, einer an dieser Seite, einer an der anderen, und laßt uns zu dem Herrn zurückkehren. Kommt, laßt uns einen Ring machen um den ganzen Pfad herum und zu dem Herrn zurückkehren. Euch, die ihr den Weg nicht kennt, wird vielleicht durch brüderliche Teilnahme geholfen werden, wenn wir sagen, wie wir uns entschlossen, zurückzukommen. Ihr, die ihr euch für die größten, schwärzesten Sünder haltet, ihr denkt nicht so schlecht von euch selber, wie ich oft und mit Recht von mir denke; aber obwohl unter den Sündern der Vornehmste und unter den Heiligen der Geringste, so weiß ich doch, „an wen ich glaube und bin gewiß, daß er mir meine Beilage bewahren kann bis an jenen Tag.“ Und du, lieber Freund, ob du bis jetzt niemals Jesus gesucht hast, ich hoffe, du wirst ihn jetzt suchen und reichliche Befriedigung finden, indem du ihn erfassest.

Bemerkt, daß diese Ermahnung in der gegenwärtigen Zeit gegeben ist. „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn.“ Es ist nicht morgen, es ist nicht nächstes Jahr, es ist so geschrieben, daß es meint: „wir wollen nun wieder zum Herrn.“ Wenn überhaupt, warum nicht sofort? Je eher ein gutes Ding getan wird, desto besser. So weit es mich betrifft, ist ein sehr persönlicher Grund da, um in jeden Unbekehrten hier zu dringen, daß er nun zum Herrn zurückkehren möchte. Ich halte es für ein großes Vorrecht, fähig zu sein, hier zu stehen und euch zu dem Herrn kommen zu heißen, obwohl die Ausübung dieses Vorrechtes mich aufgerieben und mich voll Schmerzen müde im Gehirn gemacht hat. Dieses Vorrecht werde ich eine Zeit lang nicht mehr haben, und es würde mich froh machen, wenn ich euch nun gewinnen könnte. O, daß mein Herr diese meine letzte Predigt für eine Weile - vielleicht für immer - zu einem Gewicht machen wollte, das in die Waagschale geworfen würde, um einen Schwankenden für Christus zu entscheiden. Ich sehe die Schalen - wie gleichmäßig stehen sie! Ich sehe sie zitternd; eine Entscheidung muß auf die eine oder die andere Weise kommen. Diese Schale für Gott - soll diese sinken? Ist Gewicht genug da? Satan hängt sich an die Ketten jener bösen Schale, er sucht sie niederzuziehen, er wirft neue Versuchungen hinein. Wer wird gewinnen? Mit meinem ganzen Herzen möchte ich ernste Bitten in die Schale des Rechten werfen, damit das Heil siegen möge. Aber welche soll es sein? Welche soll es sein? Vielleicht wird die Richtung, die sie heute Abend nimmt, diejenige sein, die sie für die Ewigkeit nimmt. Gott gebe, daß es die für Gott, für Wahrheit, für Christus, für den Himmel sei, und nicht für die Welt, für die Sünde, für das Ego und für ewiges Verderben. O, Heiliger Geist, wirke mächtig, die Menschen für das Rechte zu entscheiden.

Die Bitte meines Textes - und damit schließe ich - ist um so mächtiger, weil sie voll schöner Erwartung ist. Stellt euch vor, daß ihr einen Streit zu schlichten hättet und der Beleidiger euch sagte: „Wohl, gesetzt, ich willige ein, diesen Streit zu beenden, würde die andere Partei zufrieden sein?“ Von der Antwort auf diese Frage hängt euer Erfolg zum großen Teil ab. Es ist zuweilen mein Los gewesen, solches Werk zu tun zu haben, und ich habe nie sicher gefühlt, daß es mir gelingen würde, bis ich diese Brücke passiert hatte. Der Beleidigte war sehr zornig, und ich konnte mich nicht so sehr wundern, denn er war schändlich behandelt. „Wohl,“ habe ich zu dem Beleidiger gesagt, „ich will mein Bestes tun, und es wird mir sehr helfen, wenn ich sagen kann, daß sie bitter fühlen, daß sie Unrecht haben und wünschen, eine völlige Entschuldigung zu machen.“ Mein Klient hat gesagt: „Ich würde gern eine gute Strecke Wegs im Entschuldigen gehen, aber nur unter der Bedingung, daß mir freundlich entgegengekommen wird. wenn ich zurückgestoßen werde - nun, ich will nichts sagen, bis ich eine Vorstellung von der Gesinnung meines Gegners habe.“ Wenn ich in der Lage gewesen bin, zu sagen: „Dem, den sie beleidigt haben, tut es eben so leid für sie, wie für sich selbst; er ist willig, sie jederzeit zu empfangen und will ihnen jedes Zeichen seiner Vergebung geben; er will kaum irgend ein Bekenntnis von ihnen, er ist so bereit zu verzeihen und nichts wird ihm größere Freude machen, als ihre Freundschaft zu gewinnen.“ Nun, dann hat der andere gesagt: „Was, hat er das? Spricht er freundlich von mir nach dem, was ich tat? Sagte er wirklich, daß er froh sein würde, mich in seinem Hause zu sehen? Sprach er von mir, als wenn ich noch sein Freund wäre? Dann seien sie so gut, ihm zu sagen, daß es mir sehr leid ist, was ich tat, und ich will gleich selber gehen und es ihm sagen.“ Nun, mein Gott, mein gnädiger Gott, heißt mich sagen, daß er ein Gott ist, bereit zum Vergeben. Ihr habt nicht zu gehen und ihn zu versöhnen und ihn weich zu machen und mit ihm im Gebet zu ringen, bis ihr sein Herz rührt. Nein, er wartet darauf, daß er gnädig sei. Er ist heute Abend gekommen, euch durch seinen armen schwachen Knecht zu bitten, seine Liebe und Gnade anzunehmen. Laßt meine gebrochenen Töne das Ohr eures Herzens erreichen. Bereut die Sünde, glaubt an Jesus Christus und hofft auf Gnade von ihm. Möge Gott euch helfen, es zu tun und es jetzt zu tun. Laßt die Rückkehr zu Gott nicht anstehen, bis ihr hinaus geht und dann davon sprecht; kehrt zurück, ehe ihr von eurem Sitz aufsteht. Ich fürchte jenen eitlen Gefährten, der euch an der Türe erwartet; mir ist bange vor jenem müßigen Geschwätz auf dem Heimweg. Laßt die Ermahnung des Textes nicht einmal warten, bis ihr nach Hause kommt, um dann darüber nachzudenken, denn vielleicht ist sie bis dahin vergessen; sondern jetzt, auf jenem Sitz oder stehend, wo du stehst, möge Gott dir helfen, der gnädigen Einladung Folge zu leisten. „Kommt, wir wollen wieder zum Herrn; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen; er hat uns zerschlagen, er wird uns auch verbinden. Er macht uns lebendig nach zwei Tagen. Er wird uns am dritten Tage aufrichten, daß wir vor ihm leben werden.“

Gott segne euch, liebe Freunde. Möge sein reichster Segen auf einem Jeden von euch ruhen. Andere Stimmen werden hier einige Wochen lang gehört werden, aber keine wird mit mehr Liebe sprechen, als die meine, so gebrochen, heiser, rauh und unmelodisch sie auch ist. Mögen die Brüder, welche zu euch reden werden, mehr Kraft haben als ich und mehr Gnade. Wenn sie die Werkzeuge werden, einige zu Jesus zu bringen, die ich nie erreicht habe, werde ich von Herzen mich freuen. Ich wünsche, daß ihr alle, ihr Mitglieder der Kirche, sehr, sehr eifrig sein möchtet, bei den Februar-Versammlungen durch eure Anstrengungen und Gebete zu helfen. Meine lieben Brüder, Clarke und Smith, sind für ihr Werk sehr geeignet. Ihr solltet dies Tabernakel jeden Abend in der Woche gedrängt voll haben; daß ist es, was ich zu hören wünsche. Jeder von euch muß daran gehen, die Draußenstehenden hinein zu bringen, daß sie hören mögen und leben. Die Evangelisten werden den besten Teil des Monats hier sein; und wenn ihr alle eifrig und ernst arbeitet, die Menge hinein zu bringen, wenn diese zwei Brüder sprechen und singen, so zweifle ich nicht, daß ein Segen auf ihnen ruhen wird gleich dem, der in früheren Jahren auf unsere Brüder Moody und Sankey kam. Betet für mich, ich ersuche euch darum, und wenn ihr das getan, beweist die Aufrichtigkeit eurer Gebete dadurch, daß ihr des Herrn Werk helft; dies wird wie Arznei für eures kranken Pastors Leib und Seele sein. Ich verlasse mich auf euch, auf jeden von euch, dahin zu sehen, daß diese Gottesdienste Erfolg haben mögen, mit Hilfe Gottes des Heiligen Geistes. Amen. 

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