Spurgeon, Charles Haddon - Gottes Gedanken und Wege weit über den unsern.

Gehalten am Sonntag, den 2. December 1877.

„Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr. Sondern so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege und meine Gedanken denn eure Gedanken.“
Jes. 55,8.9.

Sehr oft muß die große Wahrheit, die in diesem Schriftwort ausgesprochen wird, sich jedem denkenden Gemüthe aufgedrungen haben. Obgleich wir denken und so weit Gott gleich sind, weil wir als vernünftige Wesen eigne Gedanken haben, so müssen doch unsere Gedanken für immer schwach und bruchstückartig sein, verglichen mit seinen Gedanken, und obgleich wir als freie Wesen Wege unserer eignen Wahl haben, in derer einigen wir uns mit viel Klugheit bewegen, so sind doch unsere Wege auf der Erde und können nicht die Wege des Herrn erreichen, die weit über uns sind. Dies ist wahr von den Pfaden seiner Vorsehung, Gottes Absichten sind groß und weitreichend und seine Methode ist oft fremdartig und unergründlich, obgleich immer weise. Wir haben kleine Pläne, die unserer geringen Macht und Voraussicht angemessen sind, aber seine Wege sind unerforschlichem. Oft bringt er Licht von ungemeinem Glanze aus einer Finsterniß hervor, die dichter als gewöhnlich ist, und läßt hohe Freuden aus außerordentlichen Leiden entstehen. In seiner unendlichen Weisheit läßt er die wüthendsten Stürme die Perle des Friedens an’s Ufer werfen. Er ist wunderbar, in Rath, wie in That, und wählt immer den Weg, in dem sich seine Weisheit am reichsten entfaltet. Unser Weg, den wir eine Zeitlang für den besten halten, erweist sich, wenn er von dem erleuchteten Auge geprüft wird, eben so sehr unter dem Wege, den Gott hat, um den gewünschten Zweck zu erreichen, als die Erde unter dem Himmel ist. Verglichen mit ihm ist unsere Weisheit Thorheit und unsere Klugheit Tollheit. In der That, wir können uns nicht mit dem Herrn vergleichen, denn es ist kein Vergleich da; nennt es Gegensatz und ihr habt das rechte Wort. So erhaben ist die Vorsehung, daß wir sie nicht begreifen; so gut ist sie, daß wir voll Staunen sind, wenn wir ihre Zwecke entfaltet sehen. Wir sehen ihre glänzende Seite zuweilen und sonnen uns in dem warmen Licht derselben, und dann erheben wir den Herrn und beten ihn an. Doch kennen wir nie die Hälfte der Wohlthaten, welche er für uns bereitet, noch ahnen wir ein Zehntel der Güte, die er uns aufbehält. Zu andern Zeiten haben wir die Nachtseite seiner Vorsehung gefühlt und haben in ihrem kalten Schatten getrauert, ja und vielleicht haben wir uns sogar gegen dieselbe aufgelehnt, und doch sind gerade zu der Zeit des Herrn Absichten mit uns sehr reich gewesen und die Nacht ist die ausgesuchteste Zeit des Segens gewesen. Wir haben nicht die Adlerflügel, mit denen wir zu der hehren Höhe der Wege Gottes uns aufschwingen könnten; wir wandeln hienieden und sehen verwundert hinauf, wie Menschen die Sterne anschauen; wir sind gewiß, daß wir unter der erhabenen, allbedeckenden Macht geborgen sind, aber wir wissen eben so klar, daß die längste Erfahrung und das tiefste Denken niemals die Höhe der Gedanken und Wege des Ewigen ausmessen wird.

Die Worte: „So viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege,“ sind ebenso wahr in Bezug auf das Reich der Gnade, denn da hat der Gott der Liebe all’ unsere Gedanken weit hinter sich gelassen. Könnte der Mensch sich haben träumen lassen, er sei der Gegenstand ewiger Liebe und Gott würde seine Natur annehmen? Hätten wir uns vorstellen können, daß der Allmächtige seinen eingebornen Sohn geben würde, um für schuldige Menschen zu sterben? Die Versöhnung war ein Gedanke, der nie in des Menschen Sinn gekommen wäre, wenn er ihm nicht zuerst durch den großen Vater geoffenbart wäre. Der göttliche Weg, den Armen aus dem Staube zu erheben und den Elenden von dem Aschhaufen durchs eine reiche, freie, allmächtige Gnade, ist nicht von Menschen noch durch Menschen. Des Herrn Gedanken, das, was vor der Welt niedrig ist, zu wählen, und das da nichts ist, daß er zu nichte mache, was etwas ist, seine Gedanken der Unumschränktheit und Gedanken der Gnade, - alle vereinbar mit seinen Gedanken der Gerechtigkeit, sind weit über menschliche Erfindung hinaus und außerhalb der menschlichen Denkweise.

Selbst wenn der Herr seine Gedanken und Wege uns erklärt und sie zu unserer Fassungskraft so weit als möglich hinunter bringt, so können wir nicht umhin, über ihre Erhabenheit und Größe zu staunen.

„Wenn ich dies Wunder fassen will,
So steht mein Geist mit Ehrfurcht still.“

Habt ihr nicht oft in stummem Erstaunen gestanden, wenn ihr einen neuen, euch vorher unbekannten Segen des Bundes entdeckt habt? Wie ein Bergmann, der einen neuen Goldklumpen in der Grube an’s Licht bringt und in verwunderter Freude steht, so hat sich bei euch der Glaube und Staunen vermischt. Habt ihr nicht gewußt, was es ist, zu thun, wie David, als Nathan ihm die Kunde von dem Bunde des Herrn mit ihm brachte: „Da kam der König David und blieb vor dem Herrn und sprach: Wer bin ich, Herr, Gott? und was ist mein Haus, daß du mich bis hieher gebracht hast?“ Hat es nicht solche Stunden der Verwunderung auch bei euch gegeben? Habt ihr nicht mit dem Apostel ausgerufen: „O, welch’ eine Tiefe des Reichthums, beides der Weisheit und der Erkenntniß Gottes. Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege.“ Hunderte von Malen zwischen hier und dem Himmel wird das frohe Staunen uns ergreifen, und vielleicht im Himmel selbst wird es ein Haupttheil unserer Freude sein.

„Auf ewig Ihm lobsingen
Und staunend Preis Ihm bringen.“

Singen nicht die siegreichen Schaaren, welche auf dem gläsernen Meer stehen, mit den Harfen Gottes das Lied Mosis, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes und sprechen: „Groß und wundersam sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott!“ Die Gedanken Gottes werden selbst im Himmel über unsern erhabensten Gedanken sein, und seine Wege selbst dann über unsern himmlischen Wegen. Wie erhaben ist der Herr! Seine Herrlichkeit ist über Erd’ und Himmel! Wie zärtlich überwältigt er uns mit dem Glanz seiner Güte; besänftigend, wo er verwirren könnte. Ja, Gnade und Liebe, wer ist dir gleich, o Herr? Wer ist dir gleich unter den Göttern? Der Verstand wird ohnmächtig, wenn er versucht, sich zu dir aufzuschwingen. Die Einbildungskraft, der du ein halbschöpferisches Vermögen gegeben hast, kann keinen Gedanken erzeugen, der auf gleicher Höhe mit den deinen ist, noch einen Weg sich vorstellen, der mit deinen Wegen die Vergleichung erträgt. Was Besseres können wir thun, großer Gott, als unser Haupt beugen und ehrfurchtsvoll anbeten?

Heute Morgen, indem wir über unsern Text zu reden versuchen, wollen wir uns bemühen, ihn in seinem Zusammenhang zu erläutern. Es giebt viele Weisen, mit Schriftstellen zu verfahren, aber mir scheint es die frischeste und lehrreichste Art, sie nach dem Zusammenhang auszulegen. Hie und da eine Rosine herauszupicken, ist der Kinder Art, aber sie befriedigt schwerlich die Forschenden. „Laßt uns den nicht zertheilen,“ ist ein sehr guter Rath in Betreff der Schrift, die in gewissem Sinne das Kleid Gottes ist. Ich will das reiche Stück silberner Wahrheit, das dieses Capitel enthält, in der Mitte anfassen und das Ganze vor euch empor halten und euch heißen, das Gewebe betrachten, wie wunderbar es überall gewirkt ist. Auslegung gewährt immer dem Volke Gottes Speise und hierauf wollen wir abzielen. Ich meine, es sind drei Dinge sehr klar in dem Text, wenn wir ihn in seinem Zusammenhang betrachten: zuerst, in dem Text hier wird ein Verweis ertheilt; zweitens, es wird zur Buße ermuthigt und drittens, Erwartung wird erregt.

I.

Zuerst wird in dem Text ein Verweis ertheilt; denn es lautet so: „Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Uebelthäter seine Gedanken, und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege.“ Bemerkt ihr nicht, wie die Worte „Gedanken“ und „Wege“ gleich Glocken im Glockenspiel geläutet werden? Dies beweist mir, daß die Verbindung hauptsächlich in dem ersten Punkt liegt. Der Herr spricht: „Laßt von eurem Weg, denn es ist nicht mein Weg; laßt eure Gedanken, denn sie sind nicht meine Gedanken. Euer Weg sollte mein Weg sein; eure Gedanken sollten meine Gedanken sein, so weit die Schwäche erschaffener Wesen es zuläßt. Aber es ist nicht so: ihr seid von mir abgeirrt; ihr denkt nicht solche Gedanken, wie ich sie will; ihr wandelt nicht auf solchem Wege, wie ich es wünsche: deshalb verlaßt eure Wege und eure Gedanken und kehret wieder zu eurem Gott.“ Es ist ein Vorwurf, der sehr sanft ertheilt wird, mit solcher süßen Ermahnung vermischt, daß kein Grad der Bitterkeit darin bemerkbar ist. Der Verweis ist mit Liebe umwickelt und zu einer überzuckerten Pille gemacht: die süße Verheißung von „viel Vergebung“ verbirgt den Tadel.

Nun laßt uns den Verweis nehmen und zuerst betrachten, den Fehler der menschlichen Gedanken: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.“ Wie zwischen den Zeilen zu lesen: Gottes Gedanken sind nicht des Menschen, obgleich sie es sein sollten. Gottes Gedanken sind Liebe, Mitleid, Zärtlichkeit; unsere sind Vergeßlichkeit, Undankbarkeit und Herzenshärtigkeit. Er denkt an uns, wie der Hirte an verlorne Schafe denkt, wie ein Vater an ein verlornes Kind denkt: aber unsere Gedanken sind nicht gleicher Art. Auf seinen Irrwegen hat das Schaf keinen Gedanken daran, zum Hirten zurückzukehren, und der verlorne Sohn hat, bis die bekehrende Gnade ihn erfaßt, keine Gegenliebe für seinen Vater. Es ist traurig, daß der Gott der Liebe sagen muß: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.“ Gottes Gedanken an uns sind Gedanken der Liebe, aber nicht so unsere an ihn. Er ist sorgsam für unser Wohl, aber wir sind nicht sorgsam für seine Ehre; er erwägt unser Interesse, aber wir denken nicht an seinen Ruhm; er wacht über unsere Sicherheit, aber wir sind nicht wachsam über seinen Geboten. Er überhäuft uns mit Wohlthaten, aber wir überhäufen ihn nur mit unsern Sünden; er hat uns alles gegeben, was wir haben, aber wir bringen ihm kalten Dank dafür. Du liebst es, ungöttlicher Mensch, ohne Erinnerung an Gott zu leben: er ist nicht in all’ deinen Gedanken. Du hast keine Rücksicht für deinen Schöpfer, keine Ehrfurcht vor deinem Erhalter, keine Sorge für deinen besten Freund. Er fühlt dein unfreundliches Betragen, denn er spricht: „Bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre? Bin ich Herr, wo fürchtet man mich?“ Ach, der Mensch vergilt nicht nach der Wohlthat, die er empfangen hat, sondern giebt oft Böses für Gutes wieder. Da der Herr sich herabließ, die Erde als menschgewordener Gott zu betreten, bewiesen die Handlungen der Menschen, daß ihre Gedanken nicht Gottes Gedanken waren. Gottes Gedanken waren ganz Güte gegen die Menschen, aber die Menschen fanden ihn hier in menschlicher Gestalt und ihre Gedanken und Wege waren voll Feindschaft und Mord gegen ihn; deshalb schrieen sie: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“ Wie furchtbar ist der Mensch von seinem Gott abgewichen!

Eure Gedanken über euer Verhalten sind nicht Gottes Gedanken. Er hält dafür, daß die Geschöpfe, welche er machte, ihm gehorchen sollten, aber ihr urtheilt, daß es nichts ausmacht, was ein Mensch gegen seinen Schöpfer thut, so lange er nur gerecht gegen seine Mitmenschen ist. Gott erklärt, daß kein Verhalten einen Menschen rechtfertigen kann, wenn es nicht durchaus vollkommen ist und ganz seinem Gesetz gemäß; aber der Mensch bildet sich ein, daß es genügen wird, wenn er sein Bestes thut, und daß selbst, wenn er nicht sein Bestes thut, ein wenig Bekenntniß von Reue alte Rechnungen auslöschen wird, so daß er selbst gerechtfertigt vor Gott stehen kann. Der Mensch denkt, Wunder, wie viel er gethan, wenn er dann und wann der äußeren Religion ein wenig Aufmerksamkeit schenkt, selbst wenn sein Herz fern von Gott ist; aber der Herr sieht das Herz an und erforscht die geheimen Plätze des Gemüthes, und er schätzt nichts, als was aus Liebe zu ihm gethan wird. Der Mensch beachtet nicht das Innere und sieht nur das Aeußere an, denn Gottes Gedanken sind nicht seine Gedanken. O ihr, die ihr mit eurem eignen Verhalten zufrieden seid und vollkommen sicher, daß Alles wohl genug um euch steht, ich bitte euch, gedenkt daran, daß eure selbstzufriedenen Gedanken nicht die Gedanken Gottes sind. Er sieht in die Geheimnisse der Seele und wird nicht durch Worte und Bekenntnisse derer betrogen, die mit ihren Lippen sich zu ihm nahen, aber im Geheimen in ihren Sünden fortfahren.

Gottes Gedanken über das Leben, welches ein Mensch bedarf, um errettet zu werden, sind wiederum sehr verschieden von des Menschen Gedanken. Bemerktet ihr, wie er in diesem Capitel sagt: „Höret, so wird eure Seele leben?“ Er rechnet also einen Menschen für todt, bis er das Wort Gottes in seiner Seele gehört hat. Der Mensch rechnet sich für lebendig genug; er ist vollkommen befriedigt von dem geistigen Leben, das er besitzt, und verlangt nicht nach geistlichem Leben, denn er kann dies noch nicht verstehen. Hier ist ein weiter Unterschied! Gott denkt an dich, o Sünder, als todt und im Beginn der Verwesung. Er denkt an dich wie wir an einen Leichnam, wenn wir rufen: „Begrabe meinen Todten mir aus dem Gesichte.“ (1. Mos. 23,4 engl. Ueb.) Aber du denkst an dich, als an ein Geschöpf, lieblich anzuschauen, voller Schönheit, reich an Fähigkeiten und im Stande, alle geistlichen Handlungen nach seinem Gefallen zu vollbringen. Du rühmst dich, daß du Freiheit des Willens hast und Stärke des Herzens, Alles in rechten Stand zu setzen, wann immer es dir gefällt, und Muth und Entschlossenheit, jedem Unrecht entgegen zu treten, das dich angreifen mag. Du bist so stark wie Goliath und so tapfer wie David in deiner eignen Schätzung; aber Gott denkt nicht so. Sein ewiger Geist weiß, daß du todt bist, und er ist gekommen, dir Leben zu bringen; hüte dich, daß du es nicht verwirfst. Sprich nicht in deinem herzen: „Ich habe Leben genug und brauche nichts von dem Höchsten,“ denn dies würde dein sicheres Verderben sein.

Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken wiederum in Bezug auf die Wahrheit. Gottes Gedanken von der Wahrheit sind augenscheinlich nicht die des Menschen, denn nichts als göttliche Gnade kann einen Menschen dahin bringen, die Lehren des Evangeliums zu glauben, oder ihn denselben treu erhalten. Jede Zeit scheint ihre Reihe von Männern zu erzeugen, die sich der Wahrheit Gottes von einem frischen Punkte aus entgegenstellen. Diese Schriftgelehrten und Berechner der Thürme sind gerade jetzt sehr geschäftig. Wir haben unter uns eine große Anzahl Männer, die Ruf erlangt haben, weil sie gewagt, feststehende Wahrheit anzugreifen, - weise Männer, wenn wir ihr eignes Urtheil über sich selbst annehmen, denn sie befinden sich nie wohler, als wenn sie das Lob ihrer Bildung und Weitherzigkeit ausposaunen. Diese Philister sind in den Tempel eingedrungen unter dem Vorwande, unsere Lampen zu putzen, aber ihr Ziel ist, sie auszulöschen. Das Licht des Evangeliums ist zu klar für sie und sie suchen es zu verdunkeln, daher geben sie neue Lesarten für Stellen, die von besseren Gelehrten übersetzt sind, als sie je sein werden, und geben den Lehren, welche ihre Väter festhielten, neue Deutungen – Deutungen, welche diese Väter mit Unwillen verworfen hätten. Streng genommen, läugnen diese Menschen Alles, was dem Glauben theuer ist, und erwarten doch, für Christen gehalten zu werden. Sie reißen die edlern Lebenstheile aus jeder Wahrheit und behaupten doch, sie zu glauben. Ihr fortgeschrittenes Denken saugt gleich einem Vampyr das Blut aus den Adern der Wahrheit, und wer das faule Ding wegtreiben will, wird bigott und närrisch genannt. Diese „ehrwürdigen“ („Reverend“ im Englischen. A. d. Ueb.) Ungläubigen sollen wir als unsere Prediger dulden, sonst, wenn wir uns weigern, die als christliche Prediger anzusehen, welche alle ihre Kräfte aufwenden, das Christenthum zu untergraben, sind wir in Gefahr, verlacht zu werden von der weisen Partie, die jetzt in das Ohr des Publikums schreit. Wohl, es war immer so. Der Mensch hält sich für so weise und gut, daß er Gottes Gedanken über seinen Fall, seine Schuld und Gefahr nicht mag. Er versucht, die Offenbarung noch einmal zu denken, er kehrt das Unterste nach Oben und nennt dann sein Gemurmel „Bildung“ und Gedanken. Um von der klaren Lehre der Schrift hinweg zu kommen, schwatzt er von Fortschritt – ein Fortschritt, der im Weggehen vom Lichte besteht, ein Fortschritt, der uns zurück zum ganzen nackten Unglauben führt, wenn Gott in unendlicher Barmherzigkeit ihn nicht aufhält. Der Mensch mag die Gedanken Gottes nicht. Wenn Gott an den Menschen als verderbt denkt, so will der Mensch das nicht zugeben; er fühlt, daß es ein schmähliches Ding sei, in der Art von einem so edlen Wesen, wie er es ist, zu sprechen. Wenn Gott erklärt, daß der Mensch so gefallen ist, daß er von Neuem geboren werden muß, so will er das nicht zulassen; er will ein paar Tropfen Wassers auf das Gesicht einen Kindes sprengen, und geschwind! das Ding ist gethan. Wenn Gott denkt, daß der Sünder in die Hölle geworfen werden soll, wo der Wurm nicht stirbt, so wird die Furcht des Menschen beruhigt, indem irgend ein großer Theologe sie versichert, es gäbe keine Hölle, daß er keine Erwähnung davon in der Bibel finden könne und daß sie im schlimmsten Falle nur aufhören würden, zu sein. So denken sie im Gegensatz zu dem göttlichen Denken, denn es bleibt immer noch wahr: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.“

In der Sache des Heils sind Gottes Gedanken nicht der Menschen Gedanken, denn Gott denkt, daß der Mensch so gesündigt hat, daß er verdammt werde muß, wenn nicht ein Stellvertreter sich findet. Der Mensch denkt nicht so. Gott bietet ihm Vergebung an umsonst, durch das Blut Christi; der Mensch denkt sie durch Andachtsübungen zu kaufen oder durch Verdienste zu erwerben. Deshalb die Worte, welche unserm Text vorhergehen: „Warum zählet ihr Geld dar, da kein Brot ist, und eure Arbeit, davon ihr nicht satt werden könnt. Höret mir doch zu und esset das Gute, so wird eure Seele in Wollust fett werden. Neiget eure Ohre her, und kommt her zu mir; höret, so wird eure Seele leben“ u.s.w. Diese Verse enthalten ausführlicher den Gedanken unseres Textes: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr.“

Seht also, lieben Freunde, daß dies ein Ruf zur Buße ist. Mensch, wenn du richtig denkst, so wirst du dich dem unterwerfen, zu denken, wie Gott denkt. Wenn deine Gedanken sind, was sie sein sollten, so werden sie nicht Gottes Gedanken widersprechen, denn er weiß mehr als du und besser als du. Der Unendliche, der Ewige, soll er nach dem Urtheil des Menschen beurtheilt werden? Soll er in dem Laboratorium des Chemikers analysirt werden? Sollen seine Gedanken verlacht werden, weil sie der herrschenden Philosophie entgegen sind, die vermuthlich nicht wahrer ist, als die vielen andern Formen menschlicher Unwissenheit, welche in früheren Jahrhunderten gekommen und gegangen sind? Wird nicht der jetzige Traum menschlicher Weisheit wie ein Nebel verschwinden vor der Sonne der evangelischen Wahrheit Soll Gottes großer Plan des Heils und der Vorsehung vor die Schranken der Gelehrten gefordert werden, die nichts thun können, als faseln nach der Weise ihrer Vorgänger? Soll die göttliche Offenbarung gerichtet und verurtheilt werden, wie Menschen einen Dieb vor Gericht stellen? Nein, schlimmer als das, diese Weisen verachten so die Lehre des Herrn, daß man denken sollte, sie wären ein Comité von Doktoren, die einen Wahnsinnigen untersuchten. Laßt uns die Anmaßung des Zweifels verabscheuen und weise genug sein, unsere Thorheit zu kennen; vernünftig genug, zu fühlen, daß man Gott gehorchen und nicht ihn zur Rede stellen muß, und daß seine Offenbarung geglaubt werden muß und nicht kritisirt. Obgleich unsere Gedanken krumm sind, so sind Gottes Gedanken doch gerade; obgleich wir niedrig denken, so denkt Gott doch erhaben; obgleich wir in endlicher und irrender Weise denken, so denket Gott unendlich und unfehlbar, und es ist an uns, beständig unsere Gedanken nach dem unfehlbaren Worte zu berichtigen, so daß unsere Seelen in Uebereinstimmung mit den gewissen Aussprüchen des Heiligen Geistes blieben.

Nun, der Text geht weiter und sagt, daß des Menschen Wege nicht gleich denen Gottes sind. „Meine Wege sind nicht eure Wege.“ Unsere Wege sind die äußern Handlungen, welche aus unsern Gedanken entspringen. Gottes Wege sind Wege der Heiligkeit und Reinheit. Gott hat niemals etwas gethan, das ungerecht gegen sein Geschöpf oder unrecht gegen sich selbst wäre. Aber unsere Wege sind nicht so, sie sind voll Irrthum, verdorben durch Böses, befleckt durch Unreinigkeit. Von Natur lieben wir das, was wir hassen sollten. Wir nehmen oft Bitter für Süß und Süß für Bitter. O, Brüder, wenn wir an das Wesen Gottes denken und dann an den besten Menschen, der je lebte, wahrlich, „So viel der Himmel höher ist denn die Erde,“ sind seine Wege über unsern Wegen. Gottes Wege sind Wege der Liebe und Milde, er ist sehr mitleidig und voll Erbarmen; aber unsere Wege sind nicht so – wir sind oft sehr hart gegen einander, und wir haben keine kindliche Liebe für Gott. Ich meine, nicht bis seine Gnade in uns wirkt, und selbst dann fehlt viel, daß wir in der Liebe Gottes wandeln, wie er in der Liebe gegen uns wandelt. Gottes Wege sind Wege der Wahrheit; er lügt nie, er ist nie treulos gegen uns gewesen oder hat seine Verheißung gebrochen; aber wir auf der andern Seite, sind manches Mal falsch gegen ihn gewesen. „Du hast verrätherisch gehandelt,“ sprach der Prophet vor Alters, und diese Anklage ist noch immer wider uns gerichtet. Wir sind Verräther gegen Gott, aber er ist die Treue selber gegen uns gewesen. Unsere guten Entschlüsse sind verflogen; unsere Versprechungen sind gebrochen; unsere Gelübde sind alle vergessen worden. Gott ist ganz Wahrheit und Treue gegen uns, und wir sind ganz Mißtrauen und Zweifel und Verrath gegen ihn, und wäre seine göttliche Gnade nicht gewesen, so wären wir ganz abtrünnig geworden, gleich dem Sohn des Verderbens, der seinen Herrn verrieth.

Gottes Wege sind Wege der Vergebung und des Friedens. Er wünscht nicht den Tod des Sünders. Er ist sehr geduldig, langmüthig, er trägt beständig unsere Beleidigungen. Er wünscht, daß die Menschen ihn kennen lernen und im Frieden mit ihm seien. Seine Wege sind Wege der Versöhnung, Wege der Vergebung, Wege der Liebe und Freundlichkeit; aber seht ihr nicht, daß die Wege des natürlichen Menschen verkehrt sind? Von Natur wünschen wir nicht in Freundschaft mit Gott zu sein; im Gegentheil, wir ergreifen Alles, was unsere Uebertretung erschweren und den Bruch zwischen uns und unserm beleidigten Herrn erweitern kann. Wir haben keine Geduld, wir können nicht einmal ein wenig Leiden und Prüfung von ihm ertragen ohne Klagen und Murren. Es giebt Menschen um uns her, die sich umdrehen und ihm in’s Angesicht fluchen, wenn seine Hand sie zu ihrem Besten schlägt und züchtigt; ja, und sie thun es muthwillig, ohne den Schatten eines Grundes. Unsere Wege sind nicht Gottes Wege. Dies ist wahr von jedem Sünder unter dem Himmel, und in einigem Maße wahr von dem besten der Menschen. „Meine Wege sind nicht eure Wege, spricht der Herr.“

Wohl, nun, Geliebte, Zwei können nicht zusammen im Himmel wandeln, wenn sie nicht Eines Sinnes sind; so daß unsere Wege und Gottes Wege einander gleich gemacht werden müssen.

Nun, es ist nicht möglich für uns, uns vorzustellen, daß Gott seine Gedanken unsern Gedanken gleich machen könnte. Wer wollte das wünschen? Wer wollte wünschen, daß der Weise und Gute sich herunterlassen sollte, Thorheiten zu denken und nach unserm Wahnwitz zu handeln? Wer könnte wünschen, daß der Herrliche und Vollkommene so herabsteigen sollte, zu denken und zu handeln nach der Weise des ungerechten, unvollkommenen Menschen? Seine Gedanken können nicht zu unseren herabgebracht werden – was denn? Nun, wir müssen zu ihm aufsteigen. Natürlich nicht zu seiner Majestät und Erhabenheit, aber wir müssen zu seiner Heiligkeit, Liebe und Wahrheit aufsteigen. Daher das Gebot, das unserm Text vorhergeht: „Suchet den Herrn, weil er zu finden ist, rufet ihn an, weil er nahe ist. Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Uebelthäter seine Gedanken, und bekehre sich zum Herrn.“ Wenn man von der unendlichen Reinheit nicht erwarten kann, daß sie unrein werde, laßt uns bitten, daß unsere Unreinheit hinweggenommen werde, und daß wir in des Herrn Augen rein gemacht werden, um Gemeinschaft mit ihm zu haben.

Und nun bitte ich euch zu betrachten, wie schwierig dies ist. „So viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Gedanken höher, denn eure.“ Wende deine Augen hierher, o Selbstzufriedenheit! Kannst du dich bis in den Himmel wölben? Hier auf dieser niedern Erde stehend, kannst du mit einem Sprunge über die Sterne dich schwingen, in die Heiligkeit Gottes aufsteigen und Theilnehmer an der göttlichen Natur werden? Gewiß, nun hast du eine Aufgabe vor dir, die dich deine Unfähigkeit bekennen lassen wird. Doch muß ein solches Aufsteigen geschehen, wenn wir bei Gott weilen und mit ihm Gemeinschaft haben sollen. Diese schlammigen, schmutzigen Wege der Erde müssen dem reinen und vollkommenen Pfade des dreimal Heiligen gleich werden, sonst können wir nicht mit ihm wandeln. Wie sollen wir von der Erde zum Himmel erhoben werden? Das Wort, welches diese Frage beantwortet, ist jenes unvergleichliche Wort: „Gnade.“ Gott in Christo, muß durch seine allmächtige Gnade uns mit Jesu Christo auferwecken. Der, welcher Jesum Christum wiederum von den Todten herauf führte, muß sich herab beugen, uns aus dem Grabe der Sünde emporzuziehen, und uns zum ewigen Leben erwecken, sonst werden wir nie seine Gedanken denken oder seinen Wegen folgen. In das Licht, in welchem er wohnt, können wir niemals kommen außer durch die Wirkungen seines göttlichen Geistes. Jesus spricht: „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich“ und: „Es kann Niemand zu mir kommen, es ziehe ihn denn der Vater, der mich gesandt hat.“ Der Heilige Geist muß uns aus den Uebertretungen und Sünden erwecken, uns von den Wegen befreien, in denen wir nach dem Laufe dieser Welt wandeln, und uns erlösen von der Herrschaft des fleischlichen Sinnes, welcher Feindschaft wider Gott ist. Durch die Heiligung muß er uns von dem inwohnenden Verderben befreien und damit fortfahren, bis er uns ganz nach dem Bilde des unvergleichlichen Sohnes Gottes ähnlich macht. Gleichheit mit Jesu will er in allen Gläubigen wirken und es soll von uns gesagt werden: „Sie sind unsträflich vor dem Stuhle Gottes,“ und Christus wird selber sagen: „Sie werden mit mir wandeln in weißen Kleidern, denn sie sind’s werth.“ Es ist also klar, daß unser Text ein sanfter, aber ein ernster Beweis ist, in reiche Liebe eingehüllt.

II.

Nun, zweitens wollen wir den Text unter einem andern Gesichtspunkt ansehen. Hier haben wir Ermuthigung zur Buße. Seht den 7. Vers an: „Er bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen, und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung. Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken.“ Es ist klar, daß eine Verbindung stattfindet zwischen der vielen Vergebung und der Erhabenheit Gottes, und daß die Menschen ermuthigt werden, ihre Wege und Gedanken zu verlassen, durch die Hoffnung der Vergebung, die aus der Größe der göttlichen Gedanken und Wege geschöpft wird.

Zuerst, o Sünder, kehre sogleich von deinem Wege ab und suche den Herrn und bleibe nicht zurück, weil du Gott nicht verstehen kannst. Es ist nicht nöthig, daß du seine Wege und Gedanken begreifst; das wird von dir nicht verlangt; ja, es wird dir im Texte gesagt, daß du nichts dergleichen thun kannst. Dir wird befohlen, deinen Weg zu verlassen und Gnade zu erlangen, indem du sein Wort hörst und glaubst, denn so viel der Himmel höher ist als die Erde, so viel sind seine Wege über deinen Wegen. Du kannst es nicht verstehen; du vergeudest Zeit; indem du diese und jene Frage aufwirfst, in Gottes ewige Rathschlüsse hineinspähest, in das blendende Licht seines unumschränkten Willens hineinschaust, die erwählende Liebe in Frage stellst, in die Geheimnisse der Dreieinigkeit tauchst und dergleichen, du sollst „hören, so wird deine Seele leben.“ Bekehre dich zum Herrn und er wird dir vergeben. Ob du seine Erhabenheit nicht fassen kannst, unterwirf dich doch seiner Gnade. Du kannst sehen, es ist nicht die Absicht, daß du den Unendlichen verstehen sollst, denn dir wird gesagt, daß seine Gedanken und Wege weit über den deinigen sind; aber es wird verlangt, daß du ihn suchest, weil er zu finden ist, und ihn anrufest, weil er nahe ist. Komme und nimm seine freie Einladung an, dir Wein und Milch ohne Geld und umsonst zu geben. Verlaß deine Sünde und sei sogleich in Frieden mit ihm.

Schrecke auch nicht zurück, weil du Nichts finden kannst, das der Gnade an die Seite zu stellen ist, welche Gott dir erzeigen will. Wie, wenn du auch über die ganze Geschichte des Menschen geblickt hast und nichts finden kannst unter den Menschen, das dem Reichthum der göttlichen Vergebung gleicht, zaudere darum nicht, zu glauben, denn Gottes Gedanken sind über alle menschlichen Gedanken. Der Mensch findet es schwer, überhaupt zu vergeben. Eine der härtesten Aufgaben, die einige Menschen zu lernen haben, ist, ihren Brüdern bis zu 70 mal 7 zu vergeben. Der Mensch vergiebt nur schwer wiederholte Beleidigungen; er nimmt gewöhnlich eine Rechtfertigung seines Zornes von der Wiederholung der Beleidigung her. Eben so wenig kann er einer großen Zahl von Beleidigern vergeben, er kann Einem vergeben, aber Vielen vergeben, das ist mehr, als die Meisten versuchen werden zu thun; sie sind voll Unwillen und widerstehen Denen, die sie ärgern. Wenn Beleidigungen muthwillig gehäuft werden, wenn sie erbittern, weil sie der Liebe und Freundlichkeit zugefügt sind, so wollen die Menschen nicht vergeben. Selbst die Versöhnlichsten werden zuletzt aufgebracht, aber Gott geht an Myriaden von Uebertretungen vorüber. Warte nicht, bis du einen Menschen findest, der dir vergeben könnte, Gott kann thun, wovon der Mensch sich nie träumen läßt, daß er es thun könnte. Seine Gedanken sind über unsern Gedanken und seine Wege über unsern Wegen. Vielleicht hat dir dein Gewissen deine Mängel vorgehalten und du verdammst dich selber. In der Aufrichtigkeit deines Gerichtes bist du gezwungen gewesen, zu rufen: „Ich könnte nicht anders, als das Verdammungsurtheil über mich aussprechen, wenn ich mein eigner Richter wäre.“ Dies ist ein gerechter Spruch, aber vergiß nicht, daß Jesus starb, und nun können die Flügel der Gnade sich hoch über all’ unsere Gedanken schwingen; ja, die ewigen Berge der vergebenden Liebe Jehovah’s sind höher denn die Himmel; die Gnade ist über allen andern Dingen. Denke daran, o bußfertiger Sünder, und ermuthige dich.

Des Menschen Vergebung ist selten frei, wie die Gottes, dessen Freude es ist, Sünde zu vergeben. So bald wir übertreten, ist Gott bereit, zu verzeihen. Des Menschen Vergebung ist nie so völlig, als Gottes, denn der Herr vergiebt und trägt nicht nach, er bewahrt keine Erinnerungen an unsere Uebertretungen; er wirft sie in die Tiefe des Meeres und gedenkt ihrer nicht mehr. Des Menschen Vergebung ist selten so wirklich als Gottes, denn obgleich der Mensch sagt, er habe vergeben, so hat er doch nachher an dem Beleidiger nicht solches Gefallen, wie er vielleicht vorher hatte; es ist eine Kälte im Herzen gegen Den, welcher ihm wehe that, und durch sein vorsichtiges Handeln zeigt er, daß er des Unrechts gedenkt; aber Gott der Herr vergißt so wirklich und völlig die Uebertretung, daß er den Beleidiger an sein Herz drückt, ihn als sein Kind annimmt und ihn erhebt, um mit ihm auf ewig droben zu weilen.

Nun, Geliebte, nach unserm Text, was immer unsere Wege zu Gott hin in Zukunft sein mögen, er wird sie noch übertreffen. Sind eure Wege jetzt zu eurem Vater gerichtet? Beginnt ihr mit zitternden Schritten, sein Haus zu suchen? Sieh, er eilt euch entgegen. Der Vater des verlornen Sohnes eilt ihm den halben Weg entgegen, denn seine Wege sind über euren Wegen. Steht ihr weinend vor ihm? Es ist gut: Diese Wege der Buße sind gut, aber besser sind die Wege Gottes, denn Jesus steht vor euch, blutend um euretwillen. Blut giebt er anstatt Thränen. Liebt ihr den Erlöser, weil er für euch starb? Ach, ihr liebt nicht so sehr, wie er euch liebt: seine Liebe ist ein Meer, und eure ist ein winziges Bächlein. Wollt ihr ihm fortan euer ganzes Leben geben? Doch ist's nicht ein solches Leben, wie er euch giebt, - ein vollkommenes und ewiges Leben, und ganz für euch! Er lebt für euch und sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Kehre zurück, o Bußfertiger, denn wenn die göttliche Gnade etwas Gutes in deinem Wege hinein gelegt hat und du zurückkehrest, so wird doch unendlich mehr Gutes noch in den Wegen Gottes sein.

Und eure Gedanken – könnt ihr denken, wie er euch empfangen wird? O, ihr träumt nicht davon, wie froh er euch entgegen eilt und wie freundlich er euch aufnehmen wird. Ihr seid im Begriff, zu rufen: „Ich bin nicht werth, daß ich dein Sohn heiße;“ aber er wird zu seinen Knechten sprechen: „Bringet das beste Kleid hervor und thut es ihm an und gebet ihm einen Fingerreif an seine Hand und Schuhe an seine Füße.“ Ihr hofft, daß Freude sein wird über eure Wiederkehr, aber ihr habt keine Vorstellung von der Musik und dem Reigen, die den Himmel selber mit Freuden überfluthen werden. Ihr hoffet schwach, daß Gott euch lieben wird, aber ihr habt keine Vorstellung, wie sehr; noch was für große Dinge die Liebe für euch thun will. Die Hälfte ist euch nie gesagt von dem treusten Zeugen Gottes. Die, welche am meisten von der göttlichen Liebe erfahren, sind nie im Stande gewesen, euch irgend eine Vorstellung von dem zu geben, was diese Liebe ist. Gottes Gedanken sind höher als eure Gedanken, so viel der Himmel höher ist denn die Erde. Kommt denn zu ihm. Unendliche Gnade erwartet euch, ein zärtlicher Empfang, eine völlige Reinigung, ein zärtlicher Schmuck, ewige Sicherheit, endlose Seligkeit soll euer sein! Warum zögert ihr? Das Leben Gottes wird in euch sein und die Freude Christi wird euch erfüllen. Wenn dies nicht die Menschen zur Buße ermuthigt, was kann es dann thun?

III.

Und nun laßt uns zum dritten Punkte übergehen, welcher ist die erregte Erwartung. Ich sagte, ich wollte mich an den Zusammenhang des Textes halten und das will ich auch; aber diesmal ist das Verbindungsglied vorne, nicht hinten. „So viel der Himmel höher ist denn die Erde, so sind auch meine Wege höher denn eure Wege, und meine Gedanken denn eure Gedanken. Denn“ - ihr seht, hier ist das Verbindungswort „denn“, das unsern Text mit dem was folgt, verbindet: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt, und nicht wieder dahin kommt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie giebt Samen zu säen, und Brod zu essen. Also soll das Wort, das aus meinem Munde gehet, auch sein.“ Nun, wenn ihr auf den Herrn höret und seine Gedanken als eure Gedanken annehmet und ihn ernstlich bittet, seine Wege zu den eurigen zu machen, so könnt ihr von jetzt an und für immer, die höchsten Erwartungen hegen und sie werden übertroffen werden. Dieses Capitel sagt euch, was ihr erwarten könnt. Zuerst, ihr sollt erwarten, daß des Herrn Wort euch nicht fehlen wird. Was ist dieses „Wort“? Ihr seht, wir haben „Gedanke“ und „Weg“ gehabt, und nun kommen wir zum „Wort.“ Gottes Wort ist sein ausgesprochener Gedanke und Gottes Wort ist auch sein Weg, denn: „So er spricht, so geschiehet es und so er gebeut, so steht es da.“ Sein „Wort“ ist „Gedanke“ und „Weg“ zusammen. Nun, dieses sein „Wort“ soll euch nie gebrochen werden. Armer Sünder, verlasse deine Wege, verlasse deine Gedanken, und komme und traue auf Gott, und sein Wort soll wie er selber sein, unbeweglich, ewig, unfehlbar und voll unbegrenzten Segens für dich. Es soll mächtig sein, dich zu segnen, kräftig, dich fruchtbar zu machen; es soll wie Regen und Schnee sein, der nicht wieder zum Himmel kommt, sondern in die Erde dringt, und sie fruchtbar und wachsend macht. Von dem Tage an, wo ihr mit Gott versöhnt seid, könnt ihr jede Verheißung nehmen, die ihr in dem Worte findet, und sagen: „Gedenke deinem Knechte an dein Wort, auf welches du auch lässest hoffen,“ und es soll so sein. Kommt und vertraut ihm, und Verheißungen, welche jetzt zu hoch für euch scheinen und viel zu reich für so einen armen Wurm, wie ihr seid, sollen alle an euch erfüllt werden; sie sollen auf eure Seele niederkommen, wie sanfte Regenschauer und euch voll Freude machen. So groß ist die Fülle seiner Macht, daß ihr fähig sein werdet, dem Worte Gottes durch ein heiliges und begnadigtes Leben zu entsprechen und eure Seele, unfruchtbar, wie sie jetzt ist, soll fruchtbar und wachsend werden. Das ist Ein segensreiches Ding, des ihr zuversichtlich warten könnt, denn ihr kommt zu einem Gott von großen Wegen und Gedanken.

Das nächste Ding ist, daß ihr zu einem Gotte wiederkehrt, dessen Wege so viel höher sind denn eure Wege und seine Gedanken so viel höher als eure Gedanken, daß euer Herz mit Freuden erfüllt werden soll - „ihr sollt mit Freuden ausziehen und in Frieden geleitet werden.“ Gott will nicht bloß eure Ketten brechen und in kaltem Tone sagen: „ihr seid frei,“ sondern er wird euch befreien unter der Musik der Sphären; und Engel sollen euch in Frieden geleiten und eure Zunge soll singen: „ich bin begnadigt! ich bin begnadigt! ich bin angenommen! ich bin erlöst! Siehe, nun ziehe ich aus meiner Gefangenschaft mit aus und Gottes Engel geleiten mich in Frieden!“ Wer wollte nicht bußfertig sein, wenn solche Dinge von der erhabenen Güte Gottes erwartet werden können?

Darnach: alles, was euch umgiebt, soll zu eurer Freude beitragen. „Berge und Hügel sollen vor euch her frohlocken mit Ruhm und alle Bäume auf dem Felde mit Händen klappen.“ In eurer Lebensreise sind die Berge bisher schwer zu erklimmen gewesen und dichte und dunkle Wälder sind euer Schrecken; aber so sehr gut ist Gott gegen die, deren Wege seine Wege sein werden, daß die gefürchteten Berge vor euch her frohlocken sollen und der Wald, vor dem ihr zittertet, ein Orchester werden soll, in dem alle Bäume vor Freuden mit Händen klappen. Ihr wißt nicht, was die Sünder erwartet, welche kommen. Ihr, die ihr willig seid, zu hören, daß eure Seele lebe – ihr, die ihr willig seid, den Bund anzunehmen, den Gott mit des großen David's größerem Sohn machte – ihr werdet die ganze Welt in den Gewändern des Frohlockens sehen und euer Herz soll so mit Freude erfüllt werden, daß es überfließt und die ganze Natur mit Freude überfluthet.

Und dann sollen wunderbare Verwandlungen mit euch geschehen. Weil Gottes Wege höher sind denn eure, will er thun, wovon ihr nie dachtet, daß es gethan werden könnte; die Hecken sollen in Tannen und die Dornen in Myrthen verwandelt werden. Es soll eine Veränderung in euch sein, eine so wunderbare Veränderung, daß Alles neu werden soll. Es wird eine Veränderung sein in Allem, was euch betrifft; die Bibel wird ein Schatz werden und der Sabbath eine Wonne, der Gnadenstuhl eine theure Zuflucht und der Pfad des Gehorsams ein Weg des Vergnügens. Die Sünde soll ausgerissen und die Tugend eingepflanzt werden. Schlechte Gewohnheiten sollen verdorren und heilige Grundsätze gepflegt werden. Ihr wißt nicht und ihr könnt nicht ahnen, welche Ehre, Freude, Würde und Herrlichkeit es ist, in Christo zu sein. Ihr, die ihr nie zu Gott gekommen seid, könnt nicht die Seligkeit des Lebens mit Gott durch Jesum Christum fassen. Wie ein Tauber keine Vorstellung von der Musik haben kann, wie ein Blindgeborner keinen Begriff von dem Glanz des Regenbogens haben kann, so wißt ihr Tauben und Blinden nicht, was für Herrlichkeit und Glück in dem Christenleben ist, aber ihr könnt ahnen, daß es voller Wonne sein muß, wenn ihr hört, daß so viel der Himmel höher ist denn die Erde, so viel höher des Herrn Wege sind, als unsere.

Zuletzt, dieses Gut soll für immer währen. Des Menschen Gedanken sind für eine Zeit lang und seine Wege auch; Gott ist ewig: wenn er denkt, so bleiben seine Gedanken immer, und wenn er handelt, so sind seine Wege immerwährend. Gottes Gaben und Berufung mögen ihn nicht gereuen - er ändert seinen Sinn nie. Vielleicht denkt ihr, das Heil sei etwas, das man finden und verlieren, gewinnen und verwirken, heute genießen und morgen darum klagen kann, und gewiß, es giebt Einige, die uns das sagen; aber so spricht nicht das Wort des Herrn, denn es steht geschrieben: „und dem Herrn soll ein Name und ewiges Zeichen sein, das nicht ausgerottet werde.“ Kommt nur und wandelt in den Wegen des Herrn und seine Gnade wird euch auf denselben erhalten und ihr werdet wachsende Freude auf ihnen finden. Kommt nur und lernt die Gedanken Gottes und übergebt Verstand und Herz ganz seiner Herrschaft, wenn die Uebergabe aufrichtig ist, wird sein Heiliger Geist fortan euer Denken leiten und euern Glauben führen, so daß ihr beständig in seiner Furcht bleibet und euer Pfad soll der des Gerechten sein, der immer heller scheinet bis zum vollkommenen Tage.

O, wer wollte sich nicht einem solchen Gott ergeben, wie unser Gott ist, dessen Güte unsere höchsten Wünsche übertrifft? Wenn ich den traurigen Auftrag hätte, euch aufzufordern, euch einem gewissenlosen Tyrannen zu ergeben, der nie verzeihe, so würde meine Botschaft hart auszurichten sein; aber da Jesus, der Sohn Gottes, gestorben ist und durch seinen Tod für die Sünde gebüßt hat, so haben wir Auftrag und Vollmacht, in seinem Namen zu rufen: „Der Gottlose lasse von seinem Wege und der Uebelthäter seine Gedanken, und bekehre sich zum Herrn, so wird er sich seiner erbarmen und zu unserm Gott, denn bei ihm ist viel Vergebung.“

Wenn all' dieses zu gut scheinen sollte, um wahr zu sein, wie es oft der Fall gewesen – wenn der Sünder unfähig sein sollte, zu glauben, daß er augenblickliche Vergebung für ein langes Leben der Uebertretung erhalten kann, dann ist uns befohlen, euch zu sagen, daß ihr Gott nicht nach euch selber messen müßt, noch berechnen, was er thun kann nach dem, was eure Mitmenschen zu vollbringen vermögen. Der Herr kann vergeben, was sonst nie vergeben werden könnte. Er kann so vielfältige Gaben ausgießen, daß er menschliche Rechenkunst in Verlegenheit setzt. Er kann euch über euren Wunsch hinaus segnen. Er kann euch erfreuen über alle Träume hinaus und er kann endlich euch einen Himmel geben, den „Augen nicht sehen und Ohren nicht gehört und der in keines Menschen Herz gekommen ist.“ Gieb dich ihm hin, o Seele, sogleich, während er noch in der Person des Herrn Jesu den Glauben verlangt. Geht nicht daran, durch gute Werke, Gebete und Thränen Vergebung zu erlangen; gebt nicht euer Geld für das, was kein Brod ist, sondern kommt, ohne Pfennig und arm, wie ihr seid, und kauft Wein und Milch der Bundessegnungen, ohne Geld und umsonst. Leiht das willige Ohr und gebt das gläubige Herz. „Hört, so wird eure Seele leben;“ glaubet und ihr sollt errettet werden. Durch Jesum Christum verkünden wir die gute Botschaft und um seinetwillen flehen wir um einen Segen darauf. Amen. 

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