Spurgeon, Charles Haddon - Gottes erstes Wort an den ersten Sünder.

„Gott der Herr rief Adam, und sprach zu ihm: Wo bist du?„ 1 Mos. 3. 9.

Es wird den Mitgliedern dieser Gemeinde interessant sein, zu wissen, daß eine über diesen Text gehaltene Predigt es war, unter der mein ehrwürdiger Vorgänger, Dr. Gill, zur Erkenntnis der Wahrheit, wie sie in Jesus ist, bekehrt wurde. Da dieser Text in Gottes Hand das Mittel gewesen ist, der Kirche Christi einen Mann zu verleihen, der kühn die Wahrheit Gottes verteidigte und die Lehre von der Gnade mit großer Klarheit auslegte, darf ich Vielleicht hoffen, daß hier heute wenigstens einer anwesend sein wird, der wie John Gill das Wort hört und es mit seinem lebendigmachenden Einfluß in seine Seele aufnimmt. Nein, laßt uns beten, daß nicht einer allein, sondern daß viele die Frage Gottes hören mögen, wenn sie durch die Menge tönt, und während sie das Ohr erreicht, möge sie auch das Herz erreichen, so daß manche vor Gott gebracht werden in Antwort auf die Frage: „Wo bist du?“ und die Zusicherung der Bergebung erhalten und in Frieden ihres Weges gehen. Es ist nicht nötig, daß ich bei der Auslegung dieses Textes in alle Umstände eingehe, welche zu der Frage führten. Der Mensch hatte gegen Gott gesündigt. Beachtet die Entfremdung des Herzens, welche die Sünde in dein Sünder verursacht. Adam hätte seinen Schöpfer aufsuchen sollen. Er hätte durch den Garten gehen sollen und nach seinem Gott rufen: „Mein Gott, mein Gott, ich habe gegen Dich gesündigt. Wo bist Du? Zu Deinen Füßen fällt Dein Geschöpf nieder und bittet um Barmherzigkeit von Deiner Hand. Mein Vater, Du hast mich in dies liebliche Paradies gesetzt; ich habe gottlos und eigenwillig von der Frucht gegessen, von der Du sagtest, ich solle nicht davon essen, denn welches Tages ich davon äße, sollte ich des Todes sterben. Siehe, mein Vater, ich unterwerfe mich der Strafe. Ich erkenne Deine Gerechtigkeit und flehe um Deine Gnade, wenn einem solchen, wie ich bin, Gnade erzeigt werden kann.„ Aber anstatt dessen flieht Adam vor Gott. Der Sünder kommt nicht zu Gott. Gott kommt zu ihm. Es ist nicht: „Mein Gott, wo bist Du?“ sondern der erste Ruf ist die Stimme der Gnade: „Sünder, wo bist du?„ Gott kommt zum Menschen; der Mensch sucht nicht seinen Gott. Trotz aller Lehren, welche der stolze freie Wille fabriziert hat, ist niemals von Adams Tagen all bis jetzt ein einziges Beispiel gefunden, da der Sünder zuerst seinen Gott gesucht hat. Gott muß ihn zuerst suchen. Das Schaf verirrt sich von selbst, aber es kommt niemals zur Herde zurück, wenn es nicht von dem großen Hirten gesucht wird. Es ist menschlich, zu irren, es ist göttlich, zu bereuen. Der Mensch kann Missethaten begehen, aber sogar die Erkenntnis, daß er es gethan, und das Gefühl der Schuld ist die Gabe der Gnade Gottes. Wir haben und sind nichts, als was schlecht ist. Alles, was Gott ähnlich ist, alles, was nach Gerechtigkeit und wahrer Heiligkeit strebt, kommt von dem Höchsten.

Und während der Text uns deutlich die Entfremdung des menschlichen Herzens von Gott lehrt, wie der Mensch seinen Schöpfer scheut und die Gemeinschaft mit Ihm nicht wünscht, offenbart er uns auch die Thorheit, welche die Sünde verursacht hat. Die Sünde machte den Menschen zum Thoren. Er war einst nach Gottes Bilde weise; jetzt, nachdem die Spur der Schlange über seine Natur dahin gegangen, ist er ganz und gar ein Thor, denn ist der nicht thöricht, der die Blöße der Sünde mit Feigenblättern decken will? Ist der nicht Wahnwitzig, der vor dem allwissenden Jehovah unter den ausgebreiteten Zweigen der Bäume sich verstecken will? Wußte Adam nicht, daß Gott allen Raum ausfüllt und überall wohnt, daß es vom höchsten Himmel bis zur tiefsten Hölle nichts gibt, das vor seinem Verstande verborgen ist? Und doch ist er so unwissend und dumm, daß er hofft, Gott zu entgehen und die Bäume des Waldes zur Zuflucht vor den feurigen Augen des göttlichen Zornes macht. Ah! wie thöricht sind wir! Wie wiederholen wir die Thorheit unsres ersten Vaters jeden Tag, wenn wir suchen, die Sünde vor dem ewigen Gott zu verbergen, und dann meinen, sie sei vor Gott verborgen; wenn wir den Schein der Menschen mehr fürchten, als das Forschen des Ewigen, wenn wir, weil die Sünde geheim ist und nicht die Sitten und Gewohnheiten der Gesellschaft verletzt hat, uns kein Gewissen aus derselben machen, sondern zu Bett gehen mit dem schwarzen Zeichen an unsrer Stirn, in der Meinung, weil die Menschen es nicht sähen, würde Gott es auch nicht bemerken. O Sünde, du lässest den Menschen fragen: „Wo soll ich hinfliehen vor Deinem Angesicht?“ Und du lässest ihn vergessen, daß, wenn er zum Himmel führe, Gott da ist, wenn er sich in die Hölle bettete, Gott da ist, und wenn er spräche: „Finsternis möge mich decken,„ auch die Nacht Licht um ihn sein muß.

Aber jetzt kommt der Herr selber zu Adam, und beachtet, wie Er Er kommt gehend. Er hatte keine Eile, den Missethäter zu strafen. Er flog nicht daher auf den Flügeln des Windes, Er eilte nicht mit bloßem, feurigem Schwert, sondern ging in den Garten. „Da der Tag kühl geworden war,“ — nicht in tiefer Nacht, wenn die natürlichen Schauer der Finsternis das Entsetzen des Verbrechers vermehrt haben könnten; nicht in der Hitze des Tages, damit er sich nicht vorstelle, Gott käme in der Hitze der Leidenschaft; nicht am frühen Morgen, als wenn Er großen Eifer hätte, zu töten, sondern am Schluß des Tages, denn Gott ist langmütig, langsam zum Zorn und von großer Barmherzigkeit, erst in der Abendkühle, als die Sonne unterging über dem letzten Tage von Edens Herrlichkeit, als die Tautropfen zu weinen begannen über des Menschen Elend, als die sanften Winde mit dem Odem der Barmherzigkeit die heiße Wange der Furcht anhauchten; als die Erde stille war, auf daß der Mensch nachsinnen möchte, und als der Himmel seine Abendlampen anzündete, auf daß der Mensch Hoffnung haben möge in der Finsternis; da, und erst da, erschien der beleidigte Vater. Adam flieht und sucht den Gott zu vermeiden, dem er einst mit Zuversicht entgegenkam, und mit dem er die süßeste Gemeinschaft hatte und mit Ihm redete, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. Und nun hört die Stimme Gottes, wie Er ruft: „Adam, wo bist du?„ O, es waren zwei Wahrheiten in diesem kurzen Ausruf. Er zeigte, daß Adam verloren sei, sonst hätte Gott nicht nötig gehabt, ihn zu fragen, wo er wäre. Bis wir eine Sache verloren haben, brauchen wir nicht nach ihr zu fragen; aber als Gott sagte: „Adam, wo bist du?“ war es die Stimme eines Hirten, der nach seinem verlornen Schafe fragt; oder besser noch, der Ruf eines liebenden Vaters, der sein Kind sucht, das von ihm weggelaufen ist. Es sind nur drei Worte, aber sie enthalten die furchtbare Lehre von unsrem verlornen Zustande. Wenn Gott fragt: „Wo bist du?„, so muß der Mensch verloren sein. Wenn Gott selber nachforscht, wo er ist, so muß er verloren sein in einem furchtbareren Sinne, als ihr und ich noch je völlig erkannt haben. Aber dann: es war auch Gnade hier, denn es zeigte, daß Gott Erbarmen mit dem Menschen haben wollte, sonst hätte Er ihn verloren bleiben lassen und nicht gesagt: „Wo bist du?“ Die Menschen forschen nicht nach dem, was sie nicht schätzen. Es war eine Predigt des Evangeliums, meine ich, in diesen drei göttlichen Worten, als sie durch das dichte Gebüsch drangen und das bebende Ohr der Flüchtlinge erreichten. — „Wo bist du?„

Er ist erschienen, dich zu suchen, gerade wie Er später in der Person seines Sohnes zu erscheinen beabsichtigt, nicht nur um zu suchen, sondern um selig zu machen das, was verloren ist. „Wo bist du, Adam?“ O, hätte Gott das menschliche Geschlecht vernichten wollen, so hätte Er sofort seine Donnerkeile geschleudert, die Bäume verbrannt und die Asche des Sünders vor seinem zornigen Blick liegen lassen. Er wäre im Wirbelwind und im Sturm daher gefahren, hätte die Zedern und Granaten mit den Wurzeln ausgerissen und gesprochen: „Hier bist du, du Empörer; Verräter, empfange, was du verdient! Die Hölle thue sich auf vor dir und verschlinge dich auf ewig.„ Aber nein, Er liebt den Menschen; Er trägt Sorge für ihn, und fragt deshalb jetzt im Tone der Gelassenheit: „Adam, wo bist du? wo bist du?“

Die Frage, welche der Herr an Adam that, kann auf fünf verschiedene Weisen ausgelegt werde». Wir sind nicht gewiß, in welchem bestimmten Sinne der Herr sie meinte — vielleicht in allen — denn es ist immer in den Worten Gottes eine große „Tiefe, die unten liegt.„ Unsre Worte sind schon gut, wenn sie einen Sinn geben; aber der Herr weiß so zu sprechen, daß Er viele Wahrheiten in wenig Worten lehrt. Wenig Worte und viel Bedeutung, — das ist die Regel bei Gott. Wir geben Gold, zu Blattgold geschlagen: Gott gibt Goldbarren, wenn Er redet. Wir gebrauchen nur die Feilspäne der Edelsteine: Gott läßt Perlen von seinen Lippen fallen jedesmal, wenn Er zu uns spricht, und wir werden vielleicht nicht einmal in der Ewigkeit wissen, wie göttlich Gottes Worte sind — wie gleich Ihm selber, wie außerordentlich weit, wie unendlich.

I.

Wir glauben, daß die Frage Gottes in einem zweckenden Sinne gemeint war — „Adam, wo bist du?“ Die Sünde stumpft das Gewissen ab. sie betäubt die Seele, so daß nach der Sünde der Mensch nicht so fähig ist, seine Gefahr zu erkennen, als er es vorher gewesen wäre. Die Sünde ist ein Gift, welches das Gewissen durch Absterben tötet. Die Menschen sterben durch die Sünde, wie sie es thun, wenn sie auf den Alpen erfrieren — sie sterben im Schlaf; sie schlafen und schlafen und schlafen, und schlafen fort, bis der Tod die Sinne schließt, und dann wachen sie in der Hölle mit Qualen auf. Eine der ersten Bemühungen des guten Arztes ist, Empsindlichkeit in unser Fleisch hineinzubringen. Es ist kalt, tot und erstorben; Er bringt Leben hinein, und dann ist Schmerz da; aber gerade dieser Schmerz hat eine heilsame Wirkung auf uns. Nun meine ich, daß der Herr Adam mit dieser Frage zum Nachdenken bringen wollte, „Wo bist du?„ Er hatte schon bis zu einem gewissen Grade wahrgenommen, in welchen Zustand seine Sünde ihn gebracht, aber diese Frage sollte die Tiefen seines Geistes aufregen und in ihm ein solches Gefühl der Gefahr erwecken, daß er strebte, dem zukünftigen Zorn zu entrinnen. „Adam, wo bist du?“ — blicke dich jetzt an, nackend deinem Gott ein Fremder, die Gegenwart deines Schöpfers fürchtend, elend, zu Grunde gerichtet. „Adam, wo bist du?„ — mit einem harten Herzen, mit einem aufrührerischen Willen, gefallen, gefallen, gefallen von deinem hohen Stande. „Adam, wo bist du?“ Verloren! verloren für deinen Gott, verloren für das Glück, verloren für den Frieden, verloren in Zeit, verloren in der Ewigkeit. „Sünder - wo bist du?“ O, möchte ich durch die ernsten Worte, die ich nun sprechen will, einen verhärteten, sorglosen Sünder aufschrecken, daß er die Frage für sich selber beantwortet! Sünder, wo bist du? — wo bist du heute morgen? Soll ich's dir sagen? Du bist in einem Zustand, in welchem dein eignes Gewissen dich verdammt. Wie viele sind da von euch, die nie die Sünde bereut, nie an Christum geglaubt haben! Ich frage euch, ist euer Gewissen ruhig — ist es immer ruhig? Gibt es nicht Zeiten, wo der Donner gehört wird? Gibt es nicht Stunden, wo der Wächter sein Licht anzündet und die verborgenen Teile deiner Seele durchsticht und deine Missethat entdeckt? Wo bist du dann? — das Gewissen ist für Gott, was der Angelhaken für den Fischer ist. Das Gewissen ist, wie ein Haken in deinem Munde heute, Er braucht nur die Schnur anzuziehen und du bist in dem verzehrenden Feuer. Obgleich dein Gewissen dich verurteilt, so wird doch die Gerechtigkeit weit strenger gegen dich sein, als dein armes, unvollkommenes Gewissen. Wenn dein Herz dich verdammt, Gott ist größer als dein Herz und weiß alle Dinge. Dein Gewissen sagt dir, daß du unrecht handelst — o, wie unrecht mußt du dann handeln!

Aber, Mann, weißt du nicht, daß du deinem Gott ein Fremder bist? Viele von euch denken selten an Ihn. Du kannst Tage und Wochen zubringen, ohne seinen Namen zu nennen, ausgenommen vielleicht in irgend einer alltäglichen Redensart oder einem Fluche, Du kannst nicht ohne einen Freund leben, aber du kannst ohne deinen Gott leben. Du issest, du trinkst, du bist befriedigt; die Welt ist genug für dich; ihre vergänglichen Freuden genügen deinem Geist. Wenn du Gott hier sähest, so würdest du vor Ihm fliehen; du bist sein Feind. O, ist dies der rechte Zustand für ein Geschöpf? Laß die Frage an dich kommen — „Wo bist du?„ Muß nicht das Geschöpf, das sich vor seinem Schöpfer fürchtet, in einer sehr bemitleidenswerten Lage sein? Du wurdest gemacht, Ihn zu verherrlichen; du wurdest gemacht, in seiner Gegenwart fröhlich zu sein und all seiner Güte dich zu freuen. Aber es scheint, du liebst die Speise nicht, die doch bestimmt ist, dich zu nähren. Du mußt krank sein — du mußt in der That krank sein! „Wo bist du?“ Gedenke daran, der allmächtige Gott ist zornig über dich. Seine Gebote, gleich eben so vielen Kanonen, bis zur Mündung geladen, sind alle heute morgen auf dich gerichtet; nur der aufgehobene Finger des Herrn ist nötig, und sie werden dich rasch vernichten und in Stücke reißen. Würde ein Mann sich behaglich fühlen, wenn sein Nacken auf dem Block läge und das Beil über seinem Haupte schimmerte? In diesem Fall bist du heute. Du bist in der Lage des Höflings beim Feste des Dionysius, und das Schwert über deinem Haupte hängt, an einem einzigen Haar. Schon verdammt!! „Gott ist zornig über den Gottlosen jeden Tag.„ (Ps. 7, 12.) „Will er sich nicht bekehren, so hat Er sein Schwert gewetzet und seinen Bogen gespannt und zielt.“ Wo bist du, Mann? O Gott, hilf dem Mann, zu sehen, wo er ist! Thue seine Augen auf; laß die Frage ihn erschrecken. Laß ihn in seinem Schlaf unruhig werden — nein, laß ihn erwachen und wahrnehmen, wo er ist — Deinem Zorne preisgegeben, und der Gegenstand Deines schweren Mißfallens!

Wo bist du?“ Dein Leben ist zerbrechlich; nichts Schwächeres kann es geben. Einer Spinne Gewebe ist ein Kabel, verglichen mit dem Faden deines Lebens. Träume sind feste Gebilde, verglichen mit dem Seifenblasenbau deines Wesens. Du bist da, und du bist dahin. Du sitzest hier heute; ehe eine Woche vergangen ist, magst du heulend in einer andren Welt sein. O, wo bist du, Mann? Ohne Furcht, und doch ein sterbender Mensch! Verdammt, und doch sorglos in das Verderben gehend! Bedeckt mit Sünden, und doch eilend zu deines Richters furchtbarem Gericht. Verloren hier, und doch vorwärts jagend, wenn jeder Augenblick auf Adlersflügeln dich zu dem Platze trägt, wo du ewiglich verloren sein wirst! Wie schwer ist es, uns dahin zu bringen, daß wir uns selbst erkennen! Im Leiblichen sucht ein Mann, wenn er nur ein wenig krank ist, seinen Arzt, und will wissen, wie es mit ihm steht; aber hier sagt er: „Friede, Friede, laß mich nur in Ruhe.„ Wenn wir fürchten, daß unsre persönlichen Besitztümer in irgend welcher Gefahr sind, so haben wir angstvolle Nächte und mühevolle Tage; aber unsre Seelen — unsre armen, armen Seelen — wir spielen mit ihnen, als wenn sie wertlose Rechenpfennige wären, oder Scherben, die ein Kind in der Straße aufhebt und wieder wegwirft! Sünder! Sünder! Sünder! Ist deine Seele ein so armseliger Tand, daß du ertragen kannst, sie zu verlieren, weil du nicht deinen Schlaf unterbrechen und deinen angenehmen Träumen Einhalt thun willst? O, wenn eines Bruders Herz dein Herz bewegen kann und wenn eines Bruders Stimme deine schlafenden Augen erwecken kann, so würde ich sagen: „Was ist dir, o Schläfer?“ Stehe auf und rufe deinen Gott an! Wache auf! Warum schläfst du! Wache auf und antworte auf die Frage: „Wo bist du?„ — verloren, verderbt, zu Grunde gerichtet! „O Sünder, wo bist du?“

II.

Nun, zweitens, die Frage sollte von der Sünde überführt und so zu einem Bekenntnis leiten. Wäre Adams Herz in rechtem Zustande gewesen, so hätte er ein volles Bekenntnis seiner Sündigkeit abgelegt. „Wo bist du?„ Laßt uns die Stimme Gottes dies zu uns sagen hören, wenn wir heute ohne Gott und ohne Christum sind. „Wo bist du, Adam? Ich machte dich nach meinem eignen Bilde, ich machte dich ein wenig niedriger denn die Engel; ich machte dich zum Herrn über meiner Hände Werk, ich habe alles unter deine Füße gethan, — die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer, und was da im Meer gehet. Ich gab diesen ganzen Wonnegarten dir zur Heimat. Ich ehrte dich mit meiner Gegenwart, ich dachte an deine Wohlfahrt und kam allen deinen Wünschen zuvor. Der Mond stach dich nicht nachts, die Sonne stach dich nicht des Tages. Ich milderte die Winde für dich; ich kleidete die Bäume mit Frucht zu deiner Nahrung. Ich ließ alle Dinge zu deinem Glücke dienen. Wo bist du? Ich verlangte von dir nur die kleine Sache, daß du einen Baum nicht anrühren solltest, den ich für mich behalten. Wo bist du? Stehst du da als Dieb, als Empörer, als Verräter? Hast du gesündigt? O Adam, wo bist du?“

Und nun, Sünder, höre mich. „Wo bist du?“ Zu vielen von euch könnte der Herr sprechen: „Ich gab dir eine gottesfürchtige Mutter, die über dich weinte in deiner Kindheit. Ich gab dir einen frommen Vater, der deine Bekehrung ersehnte. Ich gab dir ausreichend Nahrung — nie hat es dir an einem Mahle gefehlt. Ich kleidete dich. Ich führte dich in eine angenehme Lebensstellung. Ich half dir vom Krankenbett wieder auf. Ich übersah zehntausend Thorheiten. Meine Gaben sind wie ein Strom dir zugeflossen. Wenn du die Augen am Morgen öffnetest, so war es, um auf meine Güte zu blicken, und bis zum letzten Augenblick der Nacht war ich dein Helfer und zog die Vorhänge um dein schutzloses Haupt. Ich habe dich mit meinen Fittichen bedeckt, unter meinen Flügeln hast du Zuflucht gefunden, und nun, wo bist du? Hast du nicht meine Gebote vergessen, meine Person verabscheut, meine Gesetze gebrochen, meinen Sohn verworfen? Bist du nicht bis auf diesen Tag ein Ungläubiger, zufrieden, deinen eignen Werken zu vertrauen, aber nicht, die vollendete Gerechtigkeit meines eingebornen Sohnes, des Heilandes der Welt, anzunehmen? Was hast du für Ihn gethan, der so viel für dich gethan hat? Was bist du? Bist du nicht einer, der das Land hindert — ein Baum, der den Boden aussaugt, aber keine Früchte trägt — der den freundlichen Regen des Himmels eintrinkt, aber keine dankbare Frucht gewährt? Wo bist du? Bist du nicht heute im Lager meines Feindes? Bist du nicht auf Satans Seite, trotzest du mir nicht und hebst den winzigen Arm deiner Empörung auf gegen den Herrn, der dich gemacht hat und der dir den Odem in deiner Nase bewahrt — in dessen Hand dein Leben ist und dessen alle deine Wege sind? Sünder, wo bist du? Nach aller Güte Gottes — immer noch ein Sünder!„

Leset die Frage wiederum so: „Wo bist du?“ Die Schlange sagte, du würdest ein Gott sein. Du hofftest, sehr herrlich zu werden. Ist es so, Adam? ist es so? Wo ist deine vermeintliche Erkenntnis? wo die Ehre? wo die großen Vorzüge, welche deine Empörung dir bringen sollte? Statt der Kleidung der Engel bist du nackend; statt Ruhm hast du Schmach, statt der Vorzüge hast du Schande. „Adam, wo bist du?„ — Und Sünder, wo bist du? Die Sünde sprach zu dir: ich will dir Vergnügen geben — du hast es gehabt; aber wie ist's mit dem Schmerz, der dem Vergnügen folgt? Die Sünde gab dir ihren Becher voll Wein; aber wie war's mit den roten Augen und dem Wehe? Die Sünde sagte: „ich will dich groß machen;“ aber was hat sie für dich gethan? Trunkenbold, was hat sie für dich gethan? Dir Lügen und Armut gegeben. Ehebrecher, Hurer, was hat sie für dich gethan? Dein Fleisch voll Aussatz gemacht und deine Seele voll Angst. Dieb, Betrüger! was hat sie für dich gethan? Dir Schande gebracht und dir ein Brandmal vor den Augen der Menschen aufgedrückt. Sünder im geheimen! Verseinerter Sünder! was hat sie für dich gethan? Dein Süßes versauert, deine Freuden vergiftet. Wo bist du — wo bist du? In jedem Falle ist die Sünde eine Lügnerin gewesen; und ohne Ausnahme wird die Empörung ihre verdiente Strafe bringen, wo sie es nicht schon gethan, und Sünder werden mit ihren eignen Wegen gefüllt werden.

Und dann, um die Überführung noch zu verstärken, fragt der Herr den Adam: „Wo bist du?„ als wenn Er ihn fragte: „Wie kamst du hierher?“ Adam, du kamst hierher durch eigne Schuld. Wenn du festgestanden, hätte Eva dich nicht niedergeworfen. Eva, es war nicht die Schlange, welche die Hauptschuld trägt, hättest du ihr nicht das Ohr geliehen, sie hätte lange versuchen können, wenn du taub gewesen wärest. Und so sagt heute Gott zu dein Sünder: „Wo bist du?„ Du bist da, wohin du dich selber gebracht hast. Daß du gesündigt hast, ist dein eigner Fehler, und keines andern als dein eigner. O, es hält schwer, bis ein Sünder einsieht, daß die Sünde sein Eigentum ist. Es ist das einzige, was wir besitzen. Es gibt nur ein Ding, was wir erschaffen haben, und das ist die Sünde, und die ist unser eigen. Wenn ich irgend etwas zulasse, was böse ist, so muß ich bekennen, es ist ein Kind, das aus meinem eignen Leibe gekommen ist, es hat seinen Ursprung in mir. Wenn wir von dein Falle reden, so wollen die Menschen ihre Sünde auf den Vater Adam werfen. Sie sprechen von der Verderbtheit der Natur, und dann meinen sie, entschuldigt zu sein, als wenn Verderbtheit der Natur nicht bewiese, daß der Mensch verzweifelt böse ist, als wenn man damit nicht sagte, daß die Sünde wesentlich des Menschen Eigenstes ist, daß er sie in seinen Gebeinen und in seinem Blute hat. Wenn wir Sünder sind, so gibt es keinerlei Entschuldigung für uns, und wenn wir als solche leben und sterben, so wird die Schuld vor unsrer eignen Thür liegen und nirgends anders. „Adam, wo bist du?“ Du bist, wo du dich eigenwillig selbst hingestellt hast, und du bleibst eigenwillig in demselben Stande der Empörung gegen Gott und der Entfremdung von Ihm.

Ich wollte zu Gott, daß der Sünder heute morgen nicht nur erweckt, sondern von der Sünde überführt würde. Es ist leichter, einen Menschen in seinem Schlaf zu stören, als ihn dahin bringen, daß er aufsteht und das ekelhafte Bett verbrennt, auf dem er schlummerte, und dies ist's, was der Sünder thun muß und was er thun wird, wenn Gott in ihm wirkt. Er wird aufwachen und sich verloren sehen; die Überführung von der Sünde wird ihm das Bewußtsein geben, daß er sich selbst zu Grunde gerichtet hat, und dann wird er die Sünden hassen, die er früher liebte, seine falsche Zuflucht fliehen, seine Freuden verlassen und eine dauernde Errettung da suchen, wo sie allein zu finden ist — im Blute Christi.

III.

Dies führt mich zu der dritten Weise, in der wir die Frage des Textes betrachten können. Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: „Wo bist du?„ Wir können diesen Text betrachten als die Stimme Gottes, der den verlornen Adam und die Menschen beklagt.

Einige haben es gewagt, das Hebräische zu übersetzen: „Ach über dich! Ach über dich!“ Es ist, als wenn Gott die Worte des Propheten spräche: „Was soll ich aus dir machen? Soll ich dich schützen! Soll ich nicht billig ein Adama aus dir machen und dich wie Zeboim zurichten? Aber mein Herz ist andren Sinnes, meine Barmherzigkeit ist zu brünstig. Wo bist du, mein armer Adam? Du redetest früher mit mir, aber jetzt bist du vor mir geflohen. Du warst einst glücklich, was bist du jetzt? Nackend und arm und elend. Du warst einst nach meinem Bilde, herrlich, unsterblich, selig, wo bist du jetzt, armer Adam? Mein Bild ist entstellt in dir, deines Vaters Antlitz ist hinweggenommen, und du hast dich irdisch, sündlich, teuflisch gemacht. Wo bist du nun?„ O, es ist wunderbar, zu denken, was der Herr für den armen Adam fühlte! Es wird von vielen Theologen als ausgemacht angenommen, daß Gott weder fühlen noch leiden kann. Davon ist nichts im Worte Gottes. Wenn es gesagt werden könnte, daß Gott nicht alles und jedes zu thun vermöchte, so würden wir sagen. Er sei nicht allmächtig, aber Er kann alles thun, und wir haben nicht einen Gott, der nicht bewegt werden kann, sondern wir haben einen, der fühlt und der sich in menschlicher Sprache beschreibt, als einen, der eines Vaters Barmherzigkeit und alle Zärtlichkeit eines Mutterherzens hat. Gerade wie ein Vater über einen aufrührerischen Sohn weint, so sagt der ewige Vater: „Armer Adam, wo bist du?“

Und nun, habe ich hier heute morgen eine Seele, auf die der frühere Teil des Textes einige Wirkung gehabt hat? Fühlst du, daß du verloren bist, und siehst du ein, daß dies Verlorensein die Folge deiner eignen eigenwilligen Thorheit ist? Beklagst du dich selbst? Ach, dann beklagt Gott dich. Er blickt auf dich nieder und spricht: „Ach, armer Trunkenbold, warum willst du an deinen Bechern festhangen? In welches Elend haben sie dich gebracht!„ Er sagt zu dir, der du jetzt über die Sünde weinst: „Ach, armes Kind, was für Schmerz leidest du durch deine eigne eigensinnige Thorheit!“ Eines Vaters Barmherzigkeit ist brünstig, er sehnt sich, seinen Ephraim an die Brust zudrücken. Denke nicht, Sünder, daß Gottes Herz steinern ist. Du hast ein Herz von Stein, Gott hat es nicht. Denke nicht, daß Er schwer zu rühren ist: du bist schwer zu rühren — Er ist es nicht; die Härte ist in dir selber. Wenn du irgendwo eingeengt bist, so bist du es in deinem eignen Innern, nicht in Ihm. (2 Kor. 6, 12 engl. Üb.) Seele, von der Sünde überführte Seele! Gott liebt dich, und um zu beweisen, wie Er dich liebt, weint Er in der Person seines Sohnes über dich und ruft: „Wenn du es wüßtest, so würdest du auch bedenken, zu dieser deiner Zeit, was zu deinem Frieden dient. Aber nun ist es vor deinen Augen verborgen.„ Ich höre Ihn zu dir sagen: Jerusalem, Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne versammelt ihre Küchlein unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!“ Ich bitte dich, laß diese traurige, wehklagende Stimme des ewigen Gottes in dein Ohr dringen und dich zur Buße bewegen! „So wahr als ich lebe, spricht der Herr, ich habe keinen Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wesen und lebe.„ O, will dein Herz fast brechen um deiner Sünde und um des Elends willen, in das sie dich gebracht hat? Sprich, armer Sünder: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und zu Ihm sagen: „Vater, ich habe gesündigt in dem Himmel und vor Dir und bin hinfort nicht mehr wert, daß ich Dein Sohn heiße.“ Er sieht dich, Sünder; wenn du noch ferne von dannen bist, so sieht Er dich; hier sind Augen der Gnade! Er läuft; hier sind Füße der Gnade! Er umfaßt dich; hier sind Arme der Gnade! Er küßt dich; hier sind Lippen der Gnade! Er spricht: „Thut seine Lumpen ab;„ hier sind Worte der Gnade! Er kleidet dich; hier sind That en der Gnade! Wunder der Gnade — alles Gnade!

O, wenn ihr wüßtet, welchen Empfang ein Gott der Gnade Sündern gewährt, so würdet ihr nicht lange zögern, zu kommen. Wie John Bunyan sagt, wenn der Belagerer die schwarze Fahne aushängt, dann sagen die innerhalb der Mauern, daß sie es ausfechten wollen; aber wenn er die weiße Fahne aufzieht und ihnen sagt, wenn sie ihm die Thore öffneten, wolle er ihnen Gnade erzeigen, ja, ihrer Stadt Gerechtsame erteilen, dann sagen sie: „Macht die Thore weit auf,“ und sie stürzen über die Wälle zu ihm in der Willigkeit ihres Herzens. Seele, laß den Satan dich nicht betrügen, wenn er dir sagt, daß Gott hart, unfreundlich, unwillig zum Bergeben sei! Versuche es, versuche es! Gerade wie du bist — schwarz, schmutzig, selbstverurteilt; und wenn du noch etwas brauchst, dich dazu anzutreiben, höre wiederum des Herrn klagenden Ruf, wie er durch die Bäume Edens hallt: „Adam, armer Adam, mein eignes Geschöpf, wo, wo bist du?„

IV.

Aber nun muß ich mich, damit die Zeit mir nicht zu kurz wird, zu einem vierten Sinne wenden, in dem ohne Zweifel dieses Wort gemeint war. Es ist eine erweckende Stimme, eine überführende Stimme, eine beklagende Stimme; aber viertens, es ist eine suchende Stimme. „Adam, wo bist du?“ Ich bin gekommen, dich zu finden, wo immer du sein magst. Ich will dich suchen, bis die Augen meines Mitleids dich sehen, ich will dir folgen, bis die Hand meiner Barmherzigkeit dich erreicht; und ich will dich halten, bis ich dich zu mir zurückbringe und dich mit mir versöhne.

Wiederum, wenn ihr fähig gewesen seid, mir durch die drei Teile der Rede zu folgen, kann ich zuversichtlich zu euch sprechen. Wenn ihr erweckt seid, wenn ihr überführt seid, wenn ihr nach Gott verlangt, dann ist der Herr gekommen, euch zu suchen und euch heute morgen zu suchen. Was für ein Gedanke ist es, daß Gott, wenn Er kommt, seine Auserwählten zu suchen, weiß, wo sie sind und sie nie verfehlt; sie mögen noch so weit sich verirrt haben, so ist es doch nicht zu weit für Ihn. Wenn sie zu den Pforten der Hölle gegangen und die Pforten halb geöffnet wären, sie aufzunehmen, so könnte der Herr sie selbst von da zurückholen. Wenn sie so gesündigt, daß sie sich selbst aufgegeben hätten und wenn jeder lebende Christ sie auch aufgegeben, — wenn Satan auf sie gerechnet hätte und sich fertig gemacht, sie zu empfangen, doch, wenn Gott kommt, sie zu suchen, so wird Er sie finden und wird sie noch erreichen. Ihr, die ihr verloren seid, Sünder, dem Verderben nahe, hört die Stimme Gottes, denn sie spricht zu euch. „Wo bist du?„ ich bin gekommen, dich zu suchen. „Herr, ich bin an einem Ort, wo ich nichts für mich selber thun kann.“ „Dann bin ich gekommen, dich zu suchen und alles für dich zu thun.„ „Herr, ich bin an einem Ort, wo das Gesetz mir droht und die Gerechtigkeit finster auf mich blickt.“ „Ich bin gekommen, dem Drohen des Gesetzes zu antworten und allen Zorn der Gerechtigkeit zu tragen.„ „Aber, Herr, ich bin an einem Ort, wo ich nicht Buße thun kann, wie ich wollte.“ Ich bin gekommen, dich zu suchen, und ich bin erhöhet, zu geben Buße und Bergebung der Sünden.„ „Aber, Herr, ich kann nicht an Dich glauben, ich kann nicht glauben, wie ich wollte“ „Ein zerstoßenes Rohr will ich nicht zerbrechen und ein glimmendes Docht will ich nicht auslöschen; ich bin gekommen, dir Glauben zu geben.„ „Aber, Herr, ich bin in einem solchen Zustande, daß meine Gebete niemals angenommen werden können.“ „Ich bin gekommen, für dich zu beten, und dir dann deine Wünsche zu gewahren.„ „Aber, Herr, Du weißt nicht, was für ein Elender ich bin.“ „Ja, ich kenne dich. Obgleich ich dich fragte, wo bist du? so war es, damit du wissen möchtest, wo du bist, denn ich weiß es gut genug!„ „Aber, Herr, ich bin der vornehmste der Sünder gewesen, niemand kann seine Schuld so angehäuft haben, wie ich.“ „Aber, wer du auch sein magst, ich bin gekommen, dich zu retten.„ „Aber ich bin von der Gesellschaft ausgestoßen.“ „Aber ich bin gekommen, die Ausgestoßenen Israels zu sammeln.„ „O, aber ich habe gesündigt, so daß keine Hoffnung für mich ist.“ „Ja, aber ich bin gekommen, hoffnungslosen Sündern Hoffnung zu geben.„ „Ja, aber ich verdiene es, verloren zu sein.“ „Ja aber ich bin gekommen, das Gesetz herrlich und groß zu machen, und dir in der Person Christi deine Strafe zu erteilen und dann dir Gnade zu erweisen um seines Verdienstes willen.„ Es ist kein Sünder hier, der, wenn er sich seines verlornen Zustandes bewußt ist, in einer Lage wäre, aus der er nicht herausgebracht werden könnte. Ich will an die Schlimmsten der Schlimmen, an die Schändlichsten der Schändlichen denken; wir wollen diejenigen hervorbringen, die einen hohen Grad in des Satans Schule erreicht haben und Meister in der Bosheit geworden sind; dennoch wenn sie mit thränenvollem Ange allein auf die Wunden Dessen blicken, der sein Blut für Sünder vergoß, so kann Er bis zum Äußersten diejenigen erretten, die durch Ihn zu Gott kommen. (Hebr. 7, 5 engl. Üb.)

O, ich kann nicht heute morgen predigen, wie ich wollte, und vielleicht könnt auch ihr nicht hören, wie ihr wünschtet; aber möge der Herr sprechen, wo ich es nicht kann, und möge Er zu einem verzweifelnden Sünder hier sagen: „Seele, meine Stunde ist gekommen, ich will dich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm ziehen, und heute, in eben dieser Stunde will ich deine Füße auf einen Felsen stellen, ich will ein neues Lied in deinen Mund geben und deine Schritte gewiß machen.“ Gelobt, gelobt sei der Name des Höchsten, wenn dies geschieht.

V.

Und nun zuletzt, wir sind sicher, daß dieser Text in noch einem andren Sinne gebraucht werden kann und gebraucht werden muß. Zu denen, welche ihn verwerfen als eine Stimme der Erweckung und Überführung, zu denen, welche ihn verachten als die Stimme der Barmherzigkeit, die sie beklagt, oder als die Stimme der Güte, die sie sucht, kommt er in einer andren Weise. Es ist die Stimme der Gerechtigkeit, welche sie vor Gericht fordert.

Adam war geflohen, aber Gott muß ihn vor seinen Schranken haben. „Wo bist du, Adam? Komm hierher, Mann, komm hierher; ich muß dich richten, die Sünde kann nicht unbestraft bleiben. Komm du, und dein schuldiges Weib mit dir. Komm hierher, ich muß die Fragen stellen; ich muß deine Entschuldigungen hören, und da sie nichtig und leer sein werden, muß ich dein Urteil fällen.„ Denn, obgleich viel Mitleid in der Frage war, so lag doch auch Strenge darin. „Adam, Adam, wo bist du! Komm du hierher, um gerichtet zu werden.“ Heute hörst du nicht diesen Ruf; er ist in Barmherzigkeit verschoben. Du sollst ihn bald hören, du sollst ihn zum erstenmal hören, wie das Grollen des Donners, wenn das Wetter beginnt; wenn Krankheit dich auf das Lager wirft, und der Tod durch seine Knochenaugen auf dich blickt, und dich mit seiner Geisterhand berührt und spricht: „Bereite dich, deinem Gott zu begegnen.„ Du magst die Frage heute abweisen, du wirst mit ihr zu verhandeln haben, wenn Gott deiner Seele näher treten wird, als Er es heute thut. Dann werden deine Knochen wie Gallert sein, und deine Rippen werden beben, und dein Herz wird in deinem Leibe zerschmelzen wie Wachs. Du wirst zu kämpfen haben mit den Schmerzen der Krankheit oder Seuche; aber es wird ein Schmerz da sein, noch furchtbarer als jene. Du wirst dem Tod ins Auge blicken; aber der Tod wird nicht das Schrecklichste aller deiner Schrecken sein, denn du wirst hinter dem Tod das Gericht und den Urteilsspruch sehen. Dann wirst du die Frage hören; wenn das Zimmer stille ist, und die Stimmen von Weib und Kind verstummt sind, wenn nur die Uhr noch tickt, dann wirst du den Fußtritt Gottes hören, der zu dir kommt am Abend deines Lebens und zu dir spricht: „Wo bist du? Nun sollst du vor mich treten. Gürte deine Lenden! Keine Einladungen der Gnade mehr für dich; dein Tag der Gnade ist vorüber. Keine Warnungen mehr von dem Prediger; nun wirst du mir von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Wo bist du? Kannst du jetzt prahlen und großsprechen, nun deine Nerven die Wege geworden sind, auf denen die heißen Füße des Schmerzes wandern, und deine Kraft dahin ist und geflohen, und du wie ein Licht bist, das im Begriff ist, zu verlöschen? Wo nun deine Flüche? Wo nun deine Lustigkeit und Scherze? Wo bist du nun?“ Du magst dich winden und wenden; aber du wirst nicht im stande sein, der Frage zu entgehen; du wirst versuchen, auf dieses Leben zurückzublicken, aber du wirst gezwungen sein, vorwärts zu schauen auf das künftige Leben oder den künftigen Tod; und immer noch wird der Herr in dein Ohr flüstern: „Wo bist du? Wo bist du?„ Dann wird der letzte Kampf kommen, wo der Starke sich krümmet, wo das glänzende, schimmernde Auge starr wird, und die Zunge am Gaumen klebt und die Hand kraftlos auf dem Bette liegt, und die Füße den Körper nicht mehr tragen können; wo der Puls sinkt und der klebrige Todesschweiß auf der Stirne steht; und in diesen letzten Augenblicken wirst du immer noch die furchtbare Stimme hören, die sich hebt mit dem nahenden Wetter, bis sie die volle Höhe des furchtbaren Sturmes erreicht — „Wo bist du?“ In dem Jordan, ohne Gott; dem Grabe nahe, ohne Hoffnung; sterbend, aber kein Christus, dir zu helfen; in der Ewigkeit landend, aber keine Hoffnung ewigen Heiles. Es ist vorüber; der letzte Kampf gekämpft, und der Faden ist durchschnitten, der den Geist an den Körper band, und du bist in eine andre Welt gegangen. Aber die Frage folgt dir: „Wo bist du?„ Dein Geist ist nun wach; er schläft nicht mehr; er ist rein von dem schweren Fleisch, das ihn stumpf, starr, unempsindlich, tot erhielt. Nun hört er jene Stimme in Wahrheit und sie durchschauert ihn, denn die Seele ist vor ihren Gott gebracht. „Wo bist du? wo bist du?“ ruft das lebendig gewordene Gewissen; und Gott antwortet ihm: „Weiche von mir, du Verfluchter!„ Der Geist weicht von Gott, nicht um sich unter die Bäume des Gartens zu verbergen, sondern um sich in Wogen der Angst zu stürzen. Und nun sind viele Jahre vergangen, und der Körper hat, obwohl die Seele lebendig war und litt, im Grabe geschlafen, und die Würmer haben ihn verzehrt. Aber horch! der Tag des Gerichts, der Tag des Donners ist gekommen, schrill über allen Donnern tönt die furchtbare Posaune und nach der Posaune erschallt die Stimme: „Wachet auf, ihr Todten, und kommet zum Gericht!“ Mitten in jenem furchtbaren Tumult wird der Ruf gehört: „Wo bist du?„ Der himmlische Botschafter hat deinen Körper gefunden, und aus dem Grabe erhebt sich dein Leib unter der Decke des grünen Rasens hervor. Empor fährt er auf die Frage: „Wo bist du?“ und zu seinem Grausen kommt sein entkörperter Geist zurück; seine Seele, die lange gelitten, kehrt in den Auferstehungsleib wieder ein, und die beiden Gefährten in der Sünde sind jetzt Gefährten im Gericht. Der Ruf ertönt noch einmal, und dieses selbe Ohr, das jetzt mir zuhört, wird ihn hören: „Wo bist du?„ Dann kommt der große, weiße Thron, und diese selben Augen werden ihn sehen, die jetzt auf mich blicken; und dann kommt der Anfang der fürchterlichen Gerichtssitzung, — und dann soll das Herz beben, das jetzt sich nicht bewegt. Dann wird dein eignes persönliches Verhör kommen, und, o Sünder, Sünder, es ist nicht in meiner Macht, deinen Schrecken zu beschreiben. Ich könnte nicht einmal das schwächste Bild von jenem Todeston geben, und von dem Tod deines unsterblichen Geistes, während du ihn hörst. „Ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich nicht gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich nicht getränket. Was ihr nicht gethan habt einem unter diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht gethan. Und sie werden in die ewige Pein gehen; aber die Gerechten in das ewige Leben.“ „O, Erde! Erde! Erde! höre das Wort des Herrn,„ ich bitte jeden von euch, für sich selber zu hören. Ich habe nicht von Träumen zu euch gesprochen. Ihr wißt, es sind Wirklichkeiten; und wenn ihr es jetzt nicht wißt, so werdet ihr es binnen kurzem wissen. Ich bitte dich bei dem Blute Dessen, der für Sünder starb — und welch stärkeren Beweggrund kann ich brauchen? — denke an die Frage: „Wo bist du?“ Möge Gott dir zeigen, wo du bist. Höre die klagende Stimme Gottes, wenn Er mitleidsvoll über dich weint. Suche sein Antlitz, denn Er sucht dich; und dann brauchst du es nicht zu fürchten, Ihn am letzten Ende sagen zu hören: „Wo bist du?„ sondern du wirst im stande sein, zu sagen: „Hier bin ich und die Kinder, die Du mir gegeben hast. Wir haben unsre Kleider gewaschen und sie helle gemacht im Blute des Lammes; und Vater, hier sind wir und hoffen, vor Deinem Angesicht zu bleiben ewiglich.“ O, daß ich euch bitten könnte, wie ein Mann um sein Leben bittet! O, daß diese Lippen von Erde Lippen von Feuer wären, und diese Zunge nicht mehr von Fleisch, sondern eine glühende Kohle, mit der Zange vom Altar genommen! O, daß ich Worte hätte, die sich ihren Weg in eure Seelen brennen wollten! O, Sünder, Sünder, warum willst du sterben? Warum willst du umkommen? Mann, die Ewigkeit ist etwas Fürchterliches, und ein zorniger Gott ist etwas Entsetzliches, und gerichtet und verdammt zu werden, welche Zunge kann dieses Grausen aussprechen! Errette deine Seele; siehe nicht hinter dich; stehe nicht in dieser ganzen Ebene; auf dem Berge Golgatha errette dich, daß du nicht umkommst. Glaube an den Herrn Jesum Christum; vertraue Ihm deine Seele an, vertraue sie Ihm jetzt an, also wirst du und dein Haus errettet werden.

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