Spurgeon, Charles Haddon - Gereifter Glaube — dargestellt durch Abrahams Aufopferung Isaaks.

„Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einigen Sohn, den du lieb hast, und gehe hin in das Land Morija; und opfere ihn daselbst zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.„
1 Mose 22, 2.

Ich beabsichtige nicht, in die Beziehung einzugehen, welche diese Erzählung auf unsren Herrn hat, obgleich wir hier eins der berühmtesten Vorbilder des Eingebornen haben, den der Vater für die Sünden seines Volkes aufopferte. Vielleicht behandeln wir das Thema heute abend. Aber da ich, wie einige von euch sich erinnern werden, euch schon drei Predigten über Abraham gegeben habe, die seine Berufung, seine Rechtfertigung und seine Weihe veranschaulichten, so wollen wir nun die Reihenfolge vervollständigen, indem wir bei dem Triumph seines Glaubens verweilen, da, als sein geistiges Leben den höchsten Punkt der Reife erreicht hatte.

Wenn ihr dies Kapitel in eurer Bibel aufschlagt, bitte ich euch, die Zeit zu beachten, da Gott Abraham mit dieser schwersten seiner vielen Proben versuchte. Es war „nach diesen Geschichten,“ das heißt, nach neun großen Prüflingen, deren jede tief eindringend und sehr merkwürdig war. Nachdem er durch viele Leidenskämpfe hindurch gegangen und dadurch gestärkt und geheiligt war, ward er berufen, eine noch härtere Probe zu bestehen. Es ist gut, aus dieser Thatsache zu lernen, daß Gott schwere Bürden nicht auf schwache Schultern legt, und nicht Proben, die nur für erwachsene Männer passen, denen zuerteilt, die noch Kindlein sind. Er erzieht unsren Glauben, indem Er ihn durch Leiden prüft, die allmählich wachsen in dem Verhältnis, wie unser Glaube wächst. Manneswerk zu thun und Mannesleiden zu erdulden, erwartet Er nur von uns, wenn wir die Kindheit zurückgelegt und das vollkommene Mannesalter in Christo Jesu erreicht haben. Erwartet also, Geliebte, daß eure Leiden sich mehren werden, je näher ihr dem Himmel kommt. Denkt nicht, daß der Pfad ebener unter euren Füßen und der Himmel heiterer über eurem Haupte werden wird, je mehr ihr in der Gnade wachset. Im Gegenteil, rechne darauf, je mehr Gewandtheit als Krieger Gott dir gibt, in desto hitzigere Gefechte wird Er dich senden; und je völliger Er deine Barke ausrüstet, dem Sturm und den Wogen zu trotzen, auf desto ungestümere Meere und auf desto längere Reisen wird Er dich schicken, damit du Ihn ehren, und noch ferner in heiliger Zuversicht wachsen mögest. Ihr hättet gedacht, daß Abraham nun in das Land „Beulah„ gekommen sei, daß er in seinem Alter, nach der Geburt Isaaks und besonders nach der Austreibung Ismaels, eine Zeit vollkommener Ruhe gehabt haben würde. Laßt dies uns eine Warnung sein, daß mir niemals darauf rechnen dürfen, diesseits des Grabes von Trübsal frei zu bleiben. Nein, die Trompete bläst immer noch zum Kriege. Ihr dürft noch nicht niedersitzen und den Siegeskranz um eure Stirne flechten, für euch sind noch keine Lorbeerzweige und Triumphlieder; ihr habt noch den Helm zu tragen und das Schwert zu halten und zu wachen und zu beten und zu kämpfen in der Erwartung, daß vielleicht eure letzte Schlacht die schlimmste sein wird, und daß das heftigste Feuer des Feindes bis zum Ende des Tages aufbehalten sein mag.

Nachdem wir so die Zeit beobachtet haben, wo es Gott gefiel, das große Vorbild der Gläubigen zu versuchen, wollen wir jetzt auf die Versuchung selber blicken; danach wollen wir auf Abrahams Verhalten unter derselben sehen; und dann, zum Schlüsse, ein wenig dabei verweilen, den Lohn zu betrachten, der ihm zu teil wurde infolge seiner Ausdauer. I. Die Versuchung selber.

Jede Silbe des Textes ist bedeutsam. Wenn George Herbert davon spräche, würde er sagen, die Worte sind ein Besteck voll Messer, die in Abrahams Seele schneiden. Es ist kaum eine einzige Silbe in der Anrede Gottes beim Anfang dieser Versuchung, die nicht bestimmt scheint, den Patriarchen bis ins Innerste zu durchbohren. Seht her. „Nimm deinen Sohn.“ Was! Ein Vater seinen Sohn schlachten! War nichts in Abrahams Zelt da, was Gott haben wollte, als sein Sohn? Er würde Ihm freudig Hekatomben von Stieren und Herden von Schafen gegeben haben. Alles Silber und Gold, das er besaß, hätte er mit eifriger Freude gespendet. Will nichts dem Herrn genügen, als Abrahams Sohn? Wenn ein menschliches Wesen geopfert werden muß, warum nicht Elieser von Damaskus, der Vogt seines Hauses? Muß es sein Sohn sein? Wie zerreißt dies die Fasern des Vaterherzens! Sein Sohn, der Sprößling seiner Lenden, soll ein Brandopfer werden? Will Gott mit keinem Beweis seines Gehorsams zufrieden sein, als mit der Hingabe der Frucht seines Leibes? Das Wort „einig„ wird besonders nachdrücklich dadurch, daß Ismael auf Gottes Befehl ausgetrieben war. Zu Abrahams großem Kummer war das Kind der Magd verbannt worden. „Treibe diese Magd aus mit ihrem Sohne, denn dieser Magd Sohn soll nicht erben mit meinem Sohn Isaak;“ so sprach Sara, und Gott hieß den Patriarchen der Stimme seines Weibes gehorchen, so daß nun Isaak sein einiger Sohn war. Wenn Isaak sterben soll, so ist kein andrer Abkömmling übrig, und keine Wahrscheinlichkeit, daß ein andrer ihm folgen wird; das Licht Abrahams wird ansgelöscht und sein Name vergessen sein. Sara ist sehr alt, er selbst ist auch alt, keines Kindleins Schrei wird wiederum das Zelt fröhlich machen; und Isaak ist sein einziger Sohn, ein einsamer Stern der Nacht, der einzige Sohn, die Leuchte des Alters für seinen Vater. Und dies ist nicht alles: „Nimm Isaak, deinen einigen Sohn.„ Was für eine Menge Erinnerungen weckte dieses Wort „Isaak“ in Abrahams Seele auf. Dies war das Kind der Verheißung, einer gnädig gegebenen Verheißung, einer Verheißung, deren Erfüllung sehnlich erwartet worden war, aber lange, lange, lange sich verzogen hatte. Isaak, der seiner Eltern Herzen lachen gemacht, das Kind des Bundes, das Kind, das der Mittelpunkt aller Hoffnungen seines Vaters war, denn es war ihm zugesagt worden: „In Isaak soll dir der Same genannt werden.„ Was! muß nach all diesem die Gabe Gottes zurückgenommen werden? Muß der Bund Gottes für nichtig erklärt und der Strom göttlicher Segnungen auf ewig aufgetrocknet werden? O Prüfung der Prüfungen! „Dein Sohn,“ „dein einiger Sohn,„ „Isaak, dein einiger Sohn.“ Doch war noch hinzugefügt: „den du lieb hast.„ Muß er an seine Liebe zu seinem Erben erinnert werden, eben zu derselben Zeit, wo er ihn verlieren soll? O, strenges Wort, in dem kein Eingeweide der Barmherzigkeit zu sein scheint. War es nicht genug, den Teuren hinweg zu nehmen, ohne zu gleicher Zeit alle Zuneigung zu erwecken, die so rauh verletzt werden sollte? Isaak ward mit Recht von seinem Vater geliebt, denn zu den Banden der Natur und dem Umstand, daß er die Gnadengabe Gottes war, kam noch, daß er einen sehr liebenswürdigen Charakter hatte. Sein Verhalten bei seiner Opferung zeigt, daß in seinem Gemüt eine Fülle von Demut, Gehorsam, Ergebung und Sanftmut war, in der That, von allem, was die Schönheit der Heiligkeit ausmachen kann; und ein solcher Charakter hatte sicherlich die Bewunderung Abrahams gewonnen, dessen geistliches Auge sehr fähig war, die Vorzüge wahrzunehmen, die in seinem geliebten Sohn leuchteten. Ah, warum mußte Isaak sterben? und sterben dazu durch seines Vaters Hand! O Prüfung der Prüfungen! Betrachtende Einbildungskraft und mitfühlende Erregung können besser des Vaters Schmerz zeichnen, als meine Worte es zu thun vermögen. Ich werfe einen Schleier, wo ich kein Bild malen kann.

Aber beachtet, nicht nur sollte dieser zärtliche Vater den besten der Söhne verlieren, sondern er sollte ihn in der furchtbarsten Weise verlieren. Er mußte geopfert werden — er mußte durch den Vater selber geopfert werden. Wenn der Herr gesagt hätte: „Sprich mit Elieser, und befiehl ihm, deinen Sohn zu opfern,“ so würde es die Prüfung gemildert haben; aber so weit Abraham das Gebot verstehen konnte, schien es zu sagen, du, Abraham, du mußt der Priester sein; deine eigne Hand muß das Opfermesser ergreifen, und du mußt dastehen mit brechendem Herzen, das Messer in die Brust deines Sohnes stoßen, und ihn verzehren sehen, bis er zu Asche auf dem Altare wird. All dieses schien ihm in dem Worte Gottes zu liegen, obgleich der Herr es nicht so meinte, sondern den Willen für die That annehmen wollte. Alles war bestimmt, die Prüfung schwerer zu machen. Der Freund Gottes wurde in einer Weise geprüft, wie es wahrscheinlich keinem Menschen vor oder nach ihm auferlegt ward. Neben dem Opfern wurde Abraham noch befohlen, auf einen Berg zu gehen, den Gott ihm zeigen wollte. Es ist leicht, im Nu des Augenblicks und unter dem Einfluß eines heiligen Antriebes hastig eine heldenmütige That der Selbstaufopferung zu vollbringen; aber es ist nicht so leicht für Menschen von Leidenschaften, wie die unsrigen es sind, die Opfer zu überlegen, die von uns verlangt werden. Aber Abraham muß drei Tage haben, um diese bittere Pille zu kauen, die in der That schon zum Verschlucken hart genug war, und um so unschmackhafter, wenn man den Wermut und die Galle einzeln kennen lernte: er muß weiter ziehen und diesen teuren Sohn den ganzen Tag vor Augen haben, auf die Stimme horchen, die so bald verstummen soll, und in diese glänzenden Augen blicken, die so bald in Thränen schwimmen und im Tode sich trüben sollen; in ihm seiner Mutter Freude und seine eigne Wonne allschauen, und die ganze Zeit über an jenen tödlichen Streich denken, den, so weit er es wußte, Gott von ihm forderte. O, wenn wir so belagert werden durch langes und sorgfältiges Verrammen, das ist's, was uns prüft, einen scharfen Angriff könnten wir besser ertragen. Schnell zu Tode verbrannt werden auf dem lodernden Scheiterhaufen, ist vergleichungsweise ein leichtes Märtyrertum, aber in Ketten hängend an einem langsamen Feuer röstend, das Herz Stunde auf Stunde wie in einen Schraubstock gepreßt zu fühlen, das ist es, was den Glauben prüft; und dies war es, was Abraham drei lange Tage hindurch erduldete. Nur Glaube, mächtiger Glaube konnte ihm beistehen, der furchtbaren Prüfling, die jetzt über ihn kam, ins Angesicht zu blicken.

Der Patriarch ward ohne Zweifel nicht nur durch Worte, die Gott hörbar zu ihm sprach, bewegt und geprüft und geübt, sondern auch durch natürliche und schmerzliche Eingebungen, die, wie schnell sie auch zurückgewiesen sein mögen, doch, wie es uns scheinen will, sicher aufsteigen mußten. Er hätte sagen können: „Ich werde berufen, eine That zu vollführen, die jedem Instinkt meiner Natur Gewalt anthut. Ich soll mein Kind aufopfern! Schrecklich! Mörderisch! Ich soll mein geschlachtetes Kind verbrennen, als eine religiöse Handlung — entsetzlich, barbarisch, abscheulich! Ich soll es selbst mit Bedacht auf den Altar legen. Wie kann ich das thun? Wie kann Gott von mir verlangen, etwas zu thun, was mit der Wurzel jede Neigung ausreißt, die Er selbst in mich gepflanzt hat, was meinem edelsten menschlichen Gefühl zuwider läuft? Wie kann ich dies thun?„

Brüder und Schwestern, wir wollen auf uns selber blicken und versuchen, dies auf uns persönlich anzuwenden, auch wir mögen durch das Wort Gottes zu Thaten berufen werden, die all unsren natürlichen Neigungen Gewalt anzuthun scheinen. Den Christen wird es zuweilen befohlen, mit der Welt zu brechen durch entschiedene Handlungen, die den Haß derer, die ihnen am nächsten und liebsten sind, erwecken. Nun, wenn sie Gott lieben, so werden sie im Vergleich mit Ihm weder Vater noch Mutter, noch Gatten, noch Bruder, oder Schwester lieben; und obgleich die Christen immer zu den weichherzigsten Menschen gehören werden, so werden sie doch dafür halten, daß ihre Treue gegen Gott sie verpflichtet, alles um seinetwillen aufzugeben, und eher jede natürliche Zuneigung zu verleugnen, als das göttliche Gesetz zu brechen. Vielleicht leidest du heute unter einer Trübsal, die alle Kräfte deiner Natur niederdrückt; dem Herrn hat es gefallen, dir einen zu nehmen, der dir teurer als das Leben war, für den du gern gestorben wärest. O, lerne mit Abraham, die Rute zu küssen; stelle nicht Isaak über Gott. Laß Isaak teuer sein, aber laß ihn lieber sterben, als daß du Gott mißtrautest. Beuge dein Haupt und sprich: „Nimm, was Du willst, mein Gott; töte mich, oder nimm alles, was ich habe, ich will dennoch Deinen heiligen Namen loben.“ Dies war ein wesentlicher Teil von Abrahams Prüfung, daß sie die zartesten Empfindungen seines Herzens rauh zu zertreten schien.

Und es mag sich ihm auch aufgedrängt haben, daß er durch die Tötung seines Sohnes alle Verheißungen Gottes vereiteln würde. Eine sehr schwere Prüfung dies, denn in dem Maße, wie ein Mensch die Verheißung glaubt und wertschätzt, wird er sich auch fürchten, etwas zu thun, was sie unwirksam macht. Brüder, es gibt Zeiten für uns, wenn wir zu einer Handlungsweise berufen werden, die aussieht, als wolle sie unsre höchsten Hoffnungen in Gefahr bringen. Ein christlicher Mann ist zuweilen durch seine Pflicht genötigt, eine Handlung zu vollziehen, die allem Anschein nach seine künftige Wirksamkeit vernichten wird. Ich habe oft Männer als Grund dafür, daß sie in einer verderbten Kirche bleiben, geltend machen hören, daß sie einen Einfluß in ihr erlangt hätten durch ihre Stellung, den sie verlieren könnten, wenn sie ihrem Gewissen folgten und Gott treu wären. Sie sind verpflichtet, all ihren vorausgesetzten Einfluß zu verlieren und ihre scheinbar vorteilhafte Stellung aufzugeben, eher als daß sie das Geringste wider ihr Gewissen thun; ebenso verpflichtet, dies zu thun, wie Abraham verpflichtet war, Isaak aufzuopfern, in dem alle Verheißungen sich vereinten. Es ist weder eure Sache, noch die meine, Gottes Verheißung zu erfüllen, oder das kleinste Unrecht zu thun, um das größte Gute zu bewirken. Böses thun, auf daß Gutes herauskomme, ist falsche Sittlichkeit und gottlose Politik. Unsre Sache ist, unsre Pflicht zu thun, Gottes Sache ist die Erfüllung seiner eignen Verheißung und die Erhaltung unsrer Wirksamkeit. Ob Er gleich meinen Ruf in Stücke zerbricht und meine Wirksamkeit in die vier Winde streut, dennoch, wenn die Pflicht ruft, darf ich keine einzige Sekunde zaudern, denn in diesem Zögern werde ich meinem Gott ungehorsam. Auf das Geheiß Gottes muß Isaak geopfert werden, ob die Himmel auch fallen, und der Glaube muß alle Eingebungen der Klugheit mit der Versicherung beantworten, daß das, was Gott befiehlt, niemals in seinem schließlichen Ausgange etwas andres, als Gutes hervorbringen kann; Gehorsam kann niemals Segnungen gefährden, denn Gebote sind nie in wirklichem Widerspruch mit Verheißungen, Gott kann Isaak auferwecken und seinen eignen Ratschluß vollführen.

Ferner, dem Abraham mag — man sollte denken, muß — der Gedanke gekommen sein, daß der Tod Isaaks die Vernichtung all seines Trostes sei. Das Zelt wird für Sara verdunkelt sein, und die Ebene von Mamre unfruchtbar wie eine Wüste für ihr jammerndes Herz. Ach! der arme Vater, der die Hoffnung seines Alters und die Stütze seiner Gebrechlichkeit verloren hat. Die Sonne wird schwarz am Mittag, und der Mond verfinstert sich in der Nacht, wenn Isaak stirbt. Besser, daß alle andren Unglücksfälle sich ereigneten, als daß dies teure Kind hinweggenommen würde! Er muß so gefühlt haben, aber dies machte ihn nicht schwankend. Zuweilen mag der Lauf der Pflicht gerade über den toten Körper unsres liebsten Trostes und unsrer glänzendsten Hoffnung gehen. Es mag unsre Pflicht sein, das zu thun, was eine fast endlose Folge von Leiden herbeiführen wird. Aber du mußt recht thun, komme, was da wolle. Wenn der Herr es dich heißt, so mußt du Glauben suchen, es zu thun, ob auch von dem Augenblick an nie eine andre Freude dein Herz fröhlich machte, bis du völlig für den Verlust von allem entschädigt wirst, wenn du zuletzt in die Freude deines Herrn eingehst.

Es muß auch, sollte ich meinen Abraham in den Sinn gekommen sein, obgleich er es nicht in die Wagschale fallen ließ, daß er sich von der Zeit an viele Feinde machen würde. Viele würden seinem Charakter mißtrauen. Viele würden ihn für einen ganz Elenden halten; er würde finden, daß, wohin er auch ginge, er als der Mörder seines eignen Kindes gemieden würde. Wie sollte er es ertragen, Sara wieder gegenüber zu treten? „Wo ist mein Sohn? Gewiß, du bist mir ein Blutbräutigam,„ würde sie sagen, mit viel größerer Wahrheit, als Zipora zu Mose. Wie konnte er seinen Knechten wieder gegenüber treten? Wie konnte er ihre Blicke ertragen, die zu ihm sprechen würden: „Du hast deinen Sohn erschlagen, deine Hände sind mit dem Blut deines eignen Sprößlings befleckt!“ Wie konnte er Abimelch und den Philistern wieder ins Auge sehen? Wie würden die wandernden Stämme, welche um sein Zelt herumstreiften, alle von diesem seltsamen Morde hören und schaudern bei dem Gedanken an das Ungeheuer, das die Erde verunreinigte, wo es sie betrat. Und doch, beachtet die heilige Sorglosigkeit dieses Gott ähnlichen Mannes in betreff dessen, was man von ihm sagen oder denken mochte. Was kümmerte es ihn? Laßt sie ihn einen Teufel nennen; laßt ein allgemeines Zischen ihn in die unterste Hölle des Hasses und der Verachtung verweisen: er achtet es nicht. Gottes Wille muß gethan werden. Gott wird für den Ruf seines Knechtes Sorge tragen, oder wenn Er es nicht thut, so muß sein Knecht die Folgen um seines Herrn willen auf sich nehmen. Er muß gehorchen; kein andrer Weg steht ihm offen: er will nicht an Ungehorsam denken. Er weiß, daß Gott recht hat, und er muß Gottes Willen thun, komme, was da wolle.

Dies, merkt euch, ist einer der großartigsten Punkte an dem Glauben des Vaters der Gläubigen; und wenn ihr und ich berufen werden, solchen Glauben zu beweisen, mögen wir nie zu leicht erfunden werden, sondern Verleumdung und Schande mit fröhlichem Sinn in Kraft des Heiligen Geistes ertragen. Wie müssen Luthers Lippen zuerst gezittert haben, als er zu sagen wagte, daß der Papst der Antichrist sei. Wie, Mann, wie kannst du wagen, so zu sprechen? Die Millionen beugen sich vor ihm danieder; er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden. Verehren sie nicht unsren Herrn Gott, den Papst? „Doch ist er der Antichrist, und ein wahrer Teufel,„ sagt Luther; und zuerst muß er gefühlt haben, daß seine Ohren brannten und seine Wangen rot wurden bei einem solchen Wort scheinbarer Gottlosigkeit. Und als er fand, daß die Geistlichen ihn mieden, die einst Doktor Martin Luthers Gesellschaft gesucht, und als er das allgemeine Geheul hörte, das aufstieg, selbst vom Abschaum der Menschheit, daß der Mönch ein Trunkenbold sei, und weil er eine Nonne heiratete, daß er voll Lüste und dem Satan verkauft sei, und ich weiß nicht, was sonst noch; es muß ein Großes gewesen sein, wenn Luther fühlen konnte: „Sie mögen mich heißen, was sie wollen, aber ich weiß, daß Gott zu meiner Seele die große Wahrheit gesprochen hat, daß der Mensch durch den Glauben an Jesum Christum selig wird, und nicht durch die Zeremonien, die der Papst befiehlt, oder den Ablaß, den er verleiht; und wenn mein Name dem Limbus der Hölle überwiesen wird, so will ich doch die Wahrheit aussprechen, die ich weiß, und in Gottes Namen will ich meinen Mund nicht halten.“ Wir müssen dahin gebracht werden, daß wir willig sind, das Urteil unsrer Zeit und das der Vergangenheit und Zukunft beiseite zu setzen, und wenn es not thut, allein zu stehen inmitten einer heulenden und wütenden Welt, um das Gebot Gottes zu ehren, was die einzige Notwendigkeit für uns ist, und dem zu gehorchen unsre Schuldigkeit ist, selbst wenn es uns Schande oder Tod bringen sollte.

Hier also wurde Abrahams Glauben vollkommen gemacht, da er, als die äußeren Verhältnisse schwer, und die Eingebungen, die daraus entstanden, ganz besonders beunruhigend waren, doch alles beiseite setzte und allen Übeln Trotz bot, um ohne Zögern und Unschlüssigkeit seines Herrn Willen in seiner ganzen Ausdehnung zu erfüllen, in dem festen Glauben, daß kein Schade daraus entstehen, sondern daß er selbst nur um so mehr gesegnet und Gott um so mehr geehrt werden würde.

II. Wir wollen nun den Patriarchen unter der Prüfung betrachten.

In dem Verhalten Abrahams während dieser Probe ist alles bewundernswert. Indem ich versuche, jede Einzelheit zu erwähnen, fürchte ich, der Wirkung des Ganzen zu schaden. Sein Gehorsam ist ein Bild aller Tugenden in einer, in wunderbarer Harmonie miteinander verbunden. Es ist nicht sowohl ein Punkt, in dem der große Patriarch sich auszeichnet, sondern in dem Ganzen seiner heiligen That.

Zuerst beachtet die Unterwerfung Abrahams unter diese Versuchung. Seine Unterwerfung, sage ich, denn ihr werdet bemerken, daß nichts berichtet ist von irgend einer Antwort, die Abraham Gott gegeben, mit Worten oder in einer andren Form. Ich nehme deshalb an, daß keine da war. Sonderbares und erschreckendes Gebot: „Nimm deinen einigen Sohn und opfere ihn zum Brandopfer!„ Aber Abraham streitet nicht darüber. Es ist natürlich, zu erwarten, daß er gesagt: „Aber, Herr, beabsichtigst Du das wirklich? Kann ein Menschenopfer Dir jemals annehmbar sein? Ich weiß, es kann nicht. Du bist Liebe und Freundlichkeit: kannst Du deshalb Freude haben an dem Blut meines lieben Sohnes? Das kann nicht sein.“ Aber es ist kein Wort der Gegenrede da; nicht eine einzige Frage, die auch nur wie Schwanken aussieht. „Gott ist Gott,„ scheint er zu sprechen, „und es ziemt mir nicht. Ihn zu fragen, warum? oder eine Ursache für sein Geheiß zu suchen. Er hat es gesagt: ich will es thun.“ Es scheint kein Wort der Bitte oder des Gebets stattgefunden zu haben. Ein Gebet um Abwendung einer so furchtbaren Prüfung möchte nicht sündig gewesen sein; wenn der Mann ein geringerer Mann gewesen, wäre es vielleicht nicht nur natürlich, sondern recht von ihm gewesen, zu sagen: „O mein Gott, schone mein Kind! Lege mir eine andre Prüfung auf, aber nicht diese, so sonderbare, so geheimnisvolle. Mein Herr, um Saras willen und um Deiner Verheißung willen, versuche mich nicht so.„ Ich sage, daß ein solches Gebet von einem gewöhnlichen Manne vielleicht nicht sündig gewesen wäre, es hätte vielleicht sogar tugendhaft und lobenswert sein können; aber von diesem großartigen Geiste ist kein solches da. Er bittet nicht um Schonung; er betet nicht, davon befreit zu werden, wenn er einmal Gottes Willen weiß. Viel weniger ist auch nur ein Schein von Murren da. Der Mann geht an die ganze Sache, als wenn ihm nur befohlen, ein Lamm zu opfern, das wie gewöhnlich von der Herde genommen wäre. Es ist eine kühle Überlegung darin, die nicht beweist, daß er ein Stoiker war, die aber beweist, daß er gigantisch in seinem Glauben war. „Nicht schwankend“ (Röm. 4, 20), sagt der Apostel; und das ist das rechte Wort. Ihr und ich, wenn wir das Rechte gethan, hätten es in einer schwankenden, zögernden Weise gethan; aber er! nicht ein Nerv bebt, nicht eine Muskel ist gelähmt. Er weiß, daß Gott es geboten hat, und mit furchtbarer Strenge, und doch mit kindlicher Einfalt geht er an das Opfer. Die Lehre, die ich hieraus entnehme (und wir mögen wohl diese Lehren sammeln, im Gehen, wie Ährenleser die Ähren, wenn sie die Furchen entlang gehen) — die Lehre ist dies: wenn ihr eure Pflicht kennt, so bittet nie, davon freigesprochen zu werden, sondern geht hin und thut sie in Gottes Namen, in der Kraft des Glaubens. Sobald ihr klar eures Meisters Willen seht, beginnt nicht, ihn zu bestreiten oder auf bessere Gelegenheiten zu warten u. s. w.; thut ihn sogleich. Ich weiß nicht, wie vieler Freude und Ehre manche von euch verlustig gegangen sind durch die böse Gewohnheit, sich mit ihrem Gewissen abzufinden. Es ist eine sehr schreckliche Sache, wenn man anfängt, das Gewissen hart werden zu lassen, denn es wird bald verschlossen wie mit einem heißen Eisen. (1 Tim. 4, 2.) Es ist wie das Gefrieren eines Teiches. Der erste Überzug von Eis ist kaum wahrnehmbar: haltet das Wasser in Bewegung, und ihr werdet das Eis hindern, es hart zu machen; aber laßt es erst überziehen und so bleiben, so wird es auf der Oberfläche dichter und immer dichter, und zuletzt ist es so fest, daß ein Wagen über das feste Wasser fahren kann. So ist es mit dem Gewissen, es überzieht sich allmählich, und zuletzt wird es unempfindlich und kann ein großes Gewicht von Missethat tragen. Ah! wir dürfen nicht den Gehorsam hinausschieben unter dem Vorwande des Gebetes, sondern müssen pünktlich in unsrem Dienste sein. Ich bin zuweilen erstaunt und stutzig geworden über christliche Leute, die sagten, z. B. in betreff der Taufe: „ich bin überzeugt, daß es meine Pflicht als Gläubiger ist, mich taufen zu lassen, aber es ist mir nie aufs Gewissen gefallen.„ Nie auf dein Gewissen gefallen! Du weißt, daß Gott es befiehlt, und doch wagst du, zu bekennen, daß dein Gewissen so schlecht geworden ist, daß du es nicht als deine Pflicht empfindest, zu gehorchen! „O, ich habe aber nicht gefühlt, daß es sich mir nahe gelegt hat.“ Gefühlt! Und soll das Gefühl der Maßstab deiner Treue gegen Gott sein und Gottes Gesetz zurecht schneiden und stutzen? Wenn du es für recht erkennst, so bitte ich dich bei der Treue, die du deinem Herrn schuldest, gehorche. O Christen, diese Welt ist in einen traurigen Zustand geraten durch die Kunstgriffe, welche die Menschen mit ihrem Gewissen sich verstatten. Dies ist die Ursache von all jenen unnatürlichen Deutungen, welche die Leute Bibelsprüchen und Glaubensbekenntnissen geben; dies ist der geheime Grund, weshalb die Religion Englands, das behauptet, protestantisch zu sein, bis ins Mark papistisch wird, weil evangelische Männer zu einem papistischen Katechismus geschworen und ihm einen andren Sinn untergelegt haben; und anstatt eine verderbte Kirche zu verlassen, mit ihrem Gewissen getändelt, und so durch ihr Handeln ihr Predigen unwirksam gemacht und die Menschen lügen gelehrt haben. 1) Kein großes Wunder ist es, daß Kaufleute stehlen und betrügen, wenn Männer, die sich als gottesfürchtig bekennen, Worte in einem Sinn gebrauchen, den sie für unsophistische Gemüter niemals haben können. Wenn Bekenner Christi nur eifersüchtig für die Ehre Gottes wären, und genau und pünktlich in ihrem ganzen Wandel vor dem Höchsten, so würden sie mehr von der Ehre, mehr von dem Segen Abrahams haben und ihr Einfluß auf die Welt würde mehr dem Salze gleichen, und weniger dem bösen Sauerteig, der die Masse verdirbt. Aber wir müssen weiter gehen, um Abrahams Klugheit zu beachten. Klugheit kann, wie einige von uns letzte Woche hörten, eine große Tugend sein, wird aber oft eins der niedrigsten und bettelhaftesten der Laster. Die rechte Klugheit ist eine treffliche Magd des Glaubens; die Klugheit Abrahams sehen wir darin, daß er Sara nicht um Rat fragte bei dem, was er zu thun im Begriff war. Natürliche Klugheit, wie wir es nennen, hätte gesagt: „Dies ist ein sonderbarer Befehl; du thätest besser, mit weisen Leuten darüber zu beraten, du glaubst, daß er von Gott kommt, aber dein Eindruck mag ein irriger sein. Wenigstens bist du es Sara schuldig, daß sie einen solchen Anteil an ihrem eignen Kinde hat, ihr Urteil in diesem Falle zu hören; überdies ist dieser gute Elieser da, der dir oft in einer Verlegenheit geholfen und beigestanden hat; du thätest besser, die Sache mit ihm zu besprechen.„ „Ja,“ aber Abraham dachte wahrscheinlich: „diese Lieben mögen mich schwächer machen, aber sie können nicht meinem Entschluß stärken oder meine Pflicht ändern;„ und deshalb besprach er, gleich Paulus, sich nicht darüber mit Fleisch und Blut. Im Grunde, meine Brüder, wozu nützt das Besprechen, wenn wir des Herrn Willen wissen? Wenn ich zu der Bibel gehe und da sehr deutlich sehe, daß dies oder jenes meine Pflicht ist, so ist es Verrat gegen die Majestät des Himmels, wenn ich mich mit Menschen bespreche, ob ich Gott gehorchen soll oder nicht. Es ist schändlich, wenn wir uns mit Menschen beraten, wo wir das klare Gebot Gottes haben. Denkt euch einen Offizier untern Ranges, der, wenn er in der Stunde der Schlacht kommandiert wird, einen Angriff zu leiten, sich zu einem Kameraden kehrt und ihn um seine Meinung über die Ordre fragt, die er vom General empfangen hat! Laßt den Mann vors Kriegsgericht gestellt oder auf dem Felde erschossen werden; er ist ganz illoyal; kein offener Akt ist nötig, der Gedanke ist Meuterei, die Worte der Nachfrage eine offenbare Empörung. Wenn Gott befiehlt, bleibt uns nichts übrig, als zu gehorchen. Besprechungen mit Fleisch und Blut sind scharlachrote Sünden.

Beachtet ferner Abrahams Bereitwilligkeit. Er stand des Morgens frühe auf. O, die meisten von uns würden sich einen langen Schlaf verstattet haben, oder wenn wir nicht hätten schlafen können, hätten wir wenigstens bis zur Mittagszeit gelegen und uns ruhelos hin- und hergeworfen. „Was, meinen Sohn erschlagen, meinen einzigen Sohn Isaak? Der Befehl bestimmt nicht die Stunde; es ist kein ausdrückliches Wort da über die Zeit des Beginns der furchtbaren Reise. Wenigstens wollen wir sie hinausschieben, so lange wir können, um des teuren Jünglings willen; laß ihn so lange wie möglich leben.“ Aber, nein. Verzögerung kam dem Patriarchen nicht in den Sinn. Ist es nicht erhaben? Der heilige Mann steht frühe auf; er will seinen Gott sehen lassen, daß er Ihm vertrauen kann und daß er sein Geheiß ohne Widerstreben erfüllen will. O, Gläubige, thut immer rasch, was Gott euch gebietet. Zaudert nicht. Der wahre Kern eures Gehorsams liegt darin, daß ihr eilet, und nicht säumet, des Herrn Gebot zu halten. Er zeigte wiederum seine Willigkeit dadurch, daß er das Holz selbst bereitete. Es wird ausdrücklich gesagt, daß er „das Holz spaltete.„ Er war ein Scheik und ein mächtiger Mann in seinem Lager, aber er wurde ein Holzspalter, er hielt keine Arbeit für gering, wenn sie für Gott gethan wurde, und sie war ihm zu heilig für andre Hände. Mit zerrissenem Herzen spaltete er das Holz. Holz zum Verbrennen seines Erben! Holz für das Opfer seines eignen, lieben Kindes! Hierin seht ihr die Bereitwilligkeit Abrahams, und mögen wir Gott mit so bereitem Eifer gehorchen, daß man in jedem kleinen Umstand bei unsrem Gehorsam es sieht, daß wir nicht unwillige Sklaven sind, ans Ruder der Pflicht gefesselt und zum Dienste gepeitscht durch die Drohungen des Gesetzes, sondern liebende Kinder eines Vaters, dem zu dienen wir für unsre höchste Freude halten, selbst wenn dieser Dienst das Opfer unsres liebsten Isaaks einbegreifen sollte.

Ferner muß ich euch bitten, Abrahams Vorsorge zu bemerken. Er wünschte nicht, sein Thun unvollendet zu lassen. Nachdem er das Holz gespalten, nahm er das Feuer mit sich und alles andre, was nötig war, um das Werk zu vollführen. Einige Leute haben gar keine Vorsorge, wenn sie Gott dienen, und sobald dann ein kleiner Haken kommt, so schreien sie, daß dies eine Fügung sei, und machen es zur Entschuldigung, von der unangenehmen Aufgabe freizukommen. O, wie leicht ist es, wenn ihr keine Lust habt, eine Unannehmlichkeit auf euch zu nehmen, zu meinen, daß ihr irgend einen Grund seht, um es nicht zu thun. „Ihr wißt,“ sagt der eine, „man muß leben.„ „Ah,“ sagt ein andrer, „warum sollte ich meine Stelle aufgeben um einer kleinen Gewissenssache willen? In der That, es kam gerade ein Umstand dazu, der mich fast zwingt, gegen meine Überzeugung zu handeln, wenigstens für eine Zeitlang; wirklich, die Vorsehung zeigt mir klar, daß ich bleiben soll, wie ich bin. Ich weiß, die Bibel sagt, daß ich anders handeln sollte, aber ihr wißt wohl, wir müssen die Umstände in Erwägung ziehen, und wenn sie auch nicht gerade die Gebote ändern, so können sie ja doch eine Entschuldigung für das Aufschieben des Gehorsams sein.„ Abraham, der weise, bedachtsame Knecht Gottes, trägt Sorge, soweit als möglich allen Schwierigkeiten vorzubeugen, die ihn hindern könnten, recht zu thun. „Nein,“ spricht er, „es ist kein Unterlassen für mich möglich, meine Pflicht ist klar. Befiehlt Gott es? Ich will für alles sorgen, was nötig ist, seinen Willen zu vollziehen. Ich verlange keine Entschuldigung, um zurückzuweichen, denn zurückweichen will ich nicht, komme, was wolle.„

Beachtet ferner Abrahams Ausdauer. Er setzt drei Tage seine Reise fort, die Reise nach dem Orte, wo er ebensosehr sich selbst, als sein Kind opfern sollte. Er hieß seine Knechte bleiben, wo sie waren, vielleicht fürchtend, daß das Mitleid sie bewegen würde, das Opfer zu hindern. Nun, ihr und ich würden gewünscht haben, uns mit einem Freunde zu versehen, der hindernd dazwischen treten und die Verantwortlichkeit von unsren Schultern abnehmen möchte. Aber nein, der fromme Mann setzt alles beiseite, was ihn hindern könnte, bis ans Ende zu gehen. Dann legt er das Holz auf Isaak. O, was für eine Last nahm er auf sein eignes Herz, als er diese Bürde auf den geliebten Sohn legte! Er trug das Feuer im Rauchfaß an seiner Seite, aber was für ein Feuer verzehrte sein Herz! Wie scharf war die Prüfung, als der Sohn arglos sagte: „Mein Vater, siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ War keine Thräne da zum Abwischen für den Patriarchen? Er gab nur eine kurze Antwort. Wir haben allen Grund zu glauben, daß andre Antworten folgten, die nicht berichtet sind, in denen er seinem Sohn erklärte, wie die Sache stand, und was es war, das Gott verlangte; denn es ist schwer anzunehmen, daß Isaak blindlings sich unterworfen hätte, wenn nicht erst eine Erklärung gegeben wäre, daß dieser Befehl von der höchsten Autorität gekommen sei und daß ihm gehorcht werden müsse. O, die Traurigkeit der Seele des Vaters, aber laßt mich lieber sagen, die Majestät seines Glaubens, er unterdrückt alle seine Gefühle, und obgleich die Natur spricht, so spricht der Glaube doch lauter, und wenn die Tiefe seines Leidens laut ruft, so ruft der tiefere Glaube an seinen Gott noch lauter. Nun, seht ihn! Seht den heiligen Mann, wie er die losen Steine aufsammelt, die auf dem Berge Morija liegen! Seht ihn, wie er sie nimmt und mit Hilfe seines Sohnes einen auf den andren legt, bis der Altar gebaut ist. Seht ihr ihn danach das Holz auf dem Altar in Ordnung legen? Kein Zeichen von hastiger Bewegung oder voll Beben. Seht ihn seinen Sohn mit Stricken binden! Er legt seinen Sohn auf den Altar, als wenn er ein Opfer wäre! Nun zieht er das Messer aus der Scheide, und ist im Begriff, die That zu thun, aber Gott ist zufrieden; Abraham hat wahrhaft seinen Sohn in seinem Herzen aufgeopfert, und der Befehl ist erfüllt. Beachtet den Gehorsam dieses Freundes Gottes, es war kein Spielen mit der Hingabe seines Sohnes; er that es wirklich. Es war kein Reden von dem, was er thun könnte und vielleicht thun wollte, sondern sein Glaube war praktisch und heroisch. Ich mache alle Gläubigen hierauf aufmerksam. Wir müssen nicht nur Gott so lieben, daß wir hoffen, wir würden bereit sein, alles für Ihn Hinzugeben, sondern wir müssen buchstäblich und wirklich bereit sein, es zu thun. Wir müssen um mehr Glauben bitten, damit wir, wenn die Prüfung kommt, nicht als bloße aufgeblasene Prahler oder wortreiche Schwätzer erfunden werden, sondern in Wahrheit treu gegen Gott. „Ah,„ sagte neulich abend jemand, „ich dachte, ich hätte großen Glauben, aber nun ich von Schmerzen gefoltert werde, finde ich, daß ich kaum irgend welchen habe.“ „O,„ könnten manche von uns sagen, „mein Gott, ich dachte, ich hätte Glauben an Dich, aber nun ich dies Leiden ertragen soll, das Du mir auferlegst, möchte ich wider den Stachel locken, und kann nicht sprechen: „Dein Wille geschehe.“ Ah! wie viele Namenschristen lieben Gott, bis es dahin kommt, daß sie ihre Pfennige und ihre Thaler verlieren. Sie wollen Gott gehorchen, bis dies Armut und Dürftigkeit mit sich bringt; sie wollen Gott treu sein, bis es zu Spott und Schande kommt, und dann ärgern sie sich bald und beweisen dadurch, wer ihr Gott ist, denn sie wenden sich hinweg vom Unsichtbaren, und suchen das, was sie die Hauptsache nennen, die zeitlichen Interessen, ihren eignen Vorteil und ihr eignes Vergnügen. Gott ist nicht ihr Gott, ausgenommen, daß sie von Ihm reden. Laßt Christi Gebote leicht sein, und die Menschen nehmen sie an; laßt sie ein wenig zu schwer drücken, und sie wenden sich ab; denn im Grunde dienen die meisten, die sich Christen nennen, Gott bis zu einem gewissen Punkte, aber nicht weiter, und zeigen so, daß sie Gott überhaupt nicht lieben.

Ich habe nur sehr schwach den Gehorsam Abrahams ins Licht gestellt. Ich darf indes das Bild nicht verlassen, bis ich das genannt habe, was allein zu Grunde lag. Paulus sagt uns im elften Kapitel des Hebräerbriefes, daß Abraham durch den Glauben Isaak opferte. Nun, was war der Glaube, der Abraham fähig machte, dies zu thun? Obgleich viele Ausleger nicht so denken, so halte ich es mit der Meinung, daß Abraham in seiner eignen Seele fühlte, daß Gott nicht lügen und Gottes Wort nicht fehlen könnte, und daß er deshalb hoffte, Isaak von den Toten erweckt zu sehen. „Wohl,„ sprach er bei sich selbst, „ich habe eine ausdrückliche Verheißung gehabt, daß in Isaak mein Same sein soll; und wenn ich berufen werde, ihn zu töten, so muß die Verheißung doch erfüllt werden, und vielleicht wird Gott ihn von den Toten erwecken. Selbst wenn sein Körper zu Asche verbrannt wird, kann der Herr meinen Sohn wieder ins Leben rufen.“ Es wird uns im Neuen Testament gesagt, daß er glaubte, Gott könne ihn auch wohl von den Toten erwecken, daher er ihn auch zum Vorbilde wieder nahm. Einige haben gesagt: „Aber dieses verringert die Prüfung.„ Zugestanden, wenn ihr wollt, aber es verringert nicht den Glauben, und es ist der Glaube, der am meisten zu bewundern ist. Er ward unter der Prüfung aufrecht gehalten durch die Überzeugung, daß es Gott möglich sei, seinen Sohn von den Toten zu erwecken, und so seine Verheißung zu erfüllen. Aber darunter, in der tiefsten Tiefe, lag in Abrahams Herzen die Überzeugung, daß durch irgend ein, wenn nicht durch dieses Mittel, Gott ihn rechtfertigen würde, wenn er thäte, was er thun sollte; daß es niemals Unrecht sein könnte, zu thun, was Gott befohlen; daß Gott ihm nichts Unrechtes gebieten könnte, und daß er deshalb, indem er es thäte, unmöglich der Verheißung verlustig gehen könnte, die ihm in bezug auf Isaak gegeben war. In der einen oder andren Weise würde Gott für ihn sorgen, wenn er nur treu an Gott hielte. Und ich denke, je undeutlicher Abrahams Vorstellung von der Art, wie Gott seine Verheißung erfüllen könnte, gewesen sein mag, desto glorreicher war der Glaube, welcher daran festhielt, daß nichts die Verheißung zunichte machen könne, und daß er seine Pflicht thun wolle, was auch danach käme. Geliebte Brüder in dem Herrn, glaubet, daß euch alle Dinge zum Besten dienen, und daß, wenn euer Gewissen und Gottes Wort euch befehlen, etwas zu thun, was euch zu Bettlern macht oder euch in Unehre bringt, es doch kein wirklicher Schade für euch sein wird; es muß alles recht sein. Ich habe Männer arbeitslos werden sehen, weil sie den Sabbat hielten, und andre haben eine Zeitlang keine Stelle gehabt, weil sie nicht die Kniffe im Handel mitmachen wollten, und haben deshalb gelitten; aber ach! einige von ihnen haben nach einer Weile den Mut verloren und dem Bösen nachgegeben. O, daß wir den Glauben hätten, der nie, unter keiner Überredung und keinem Zwange, vom Felde flieht. Wenn die Menschen Stärke genug hätten, zu sagen: „Wenn ich sterbe und verfaule, so will ich nicht sündigen; wenn sie mich hinauswerfen zu den Aas fressenden Krähen, so soll doch nichts mich dahin bringen, daß ich mein Gewissen verletze, das thue, was Gott nur befiehlt, nicht zu thun, oder unterlasse, was Gott mir zu thun befiehlt!“ Dies ist der Glaube Abrahams! Wollte Gott, daß wir ihn hätten! Wir würden ein herrliches Geschlecht von Christen haben, wenn das der Fall wäre.

III.

Ich habe mir nur wenige Minuten für den letzten Teil übrig gelassen, der war: laßt uns den Segen betrachten, der Abraham durch die Prüfung seines Glaubens zu teil wurde. Der Segen war siebenfach.

Zuerst, die Prüfung ward aufgehoben. Isaak war unverletzt. Der nächste Weg zum Ende der Trübsal ist, sich in dieselbe zu ergeben. Gott wird dich nicht prüfen, wenn du vollständig jede Prüfung tragen kannst. Gib alles auf, und du sollst alles behalten. Gib deinen Isaak auf, und Isaak braucht nicht aufgegeben zu werden; aber wenn du dein Leben erretten willst, so wirst du es verlieren.

Zweitens, Abraham hatte den ausdrücklichen Beifall Gottes. „Nun weiß ich, daß du Gott fürchtest.„ Der Mann, an dessen Gewissen der Heilige Geist sich bezeugt, genießt großen Frieden, und dieser Friede wird ihm, weil er sich unter jener Prüfung als ein echter und treuer Knecht bewiesen hat. O, Brüder und Schwestern, wenn wir nicht die Prüfungen dieses Lebens bestehen können, was werden wir dann am Tage des Gerichts thun? Wenn wir zu leicht erfunden werden in der gewöhnlichen Wage, welche die Hand der Vorsehung hält, was werden wir thun vor jenem großen, weißen Thron, wo jeder Gedanke vor das Gericht des Höchsten gebracht wird? Wie wollt ihr „mit den Reutern laufen“ am letzten Ende, wenn ihr jetzt nicht mit denen laufen könnt, die zu Fuß gehen? Wenn wir uns fürchten vor ein wenig Verlust und ein wenig Spott, was hätten wir in den Märtyrertagen thun sollen, wo die Menschen ihr Leben nicht teuer achteten, damit sie Christum gewinnen möchten!

Abraham hatte dann weiter einen klaren Blick auf Christum, als er je zuvor gehabt — kein kleiner Lohn. „Abraham sahe meinen Tag,„ sagt Christus. „Er sahe ihn und freuete sich.“ Selbst bereit, seinen Sohn zu opfern, hatte er ein Bild von Jehovah, der seines eignen Sohnes nicht verschonte. In dem Widder, der an Isaaks Statt geschlachtet ward, hatte er ein Bild des großen Stellvertreters, der starb, auf daß die Menschen leben möchten.

Mehr als dies noch, Gottes Name ward Abraham völliger geoffenbart an jenem Tage. Er nannte ihn Jehovah-jireh, ein Schritt hinaus über alles, was er vorher gewußt hatte. „So jemand will seinen Willen thun, der wird die Lehre erkennen.„ (Joh. 7, 17.) Je mehr ihr die Probe des Leidens bestehen könnt, desto besser sollt ihr in göttlichen Dingen unterwiesen werden. Es ist Licht jenseits, wenn die Gnade dir hilft, durch das Schwere hindurch zu dringen.

Für Abraham wurde an diesem Tage der Bund durch einen Eid bestätigt. Der Herr schwor bei sich selber. Brüder, die Gnade Gottes wird euch nie so bestätigt werden, als wenn ihr eure Treue gegen Ihn dadurch bewiesen habt, daß ihr Ihm auf jede Gefahr hin gehorsam gewesen seid; ihr werdet dann finden, wie wahr die Verheißungen sind, wie treu Gott dem Gnadenbund ist. Der schnellste Weg zur vollen Gewißheit ist vollkommener Gehorsam. Während die Gewißheit euch helfen wird, zu gehorchen, wird der Gehorsam euch helfen, gewiß zu werden: „So ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe, gleichwie ich meines Vaters Gebote halte, und bleibe in seiner Liebe.“

Abraham hatte auch eine vollere Verheißung in bezug auf den Samen. Von zehn Verheißungen, die Abraham empfing, gehen die ersten hauptsächlich auf das Land, aber die letzten beziehen sich nur auf den Samen. Je mehr wir dem Willen des Herrn uns hingeben, desto mehr kommen wir dahin, Christum zu lieben und zu schätzen, Ihn besser zu sehen und zu verstehen.

Und zu allerletzt, Gott sprach über Abrahams Haupt einen Segen aus, dessen gleichen nie einem Menschen vorher gegeben war, und wie? wenn ich sagte, daß nie einem einzelnen im Verlauf aller Zeiten, bestimmt und persönlich, ein solcher Segen gegeben worden ist, wie Abraham an diesem Tage empfing! Voran in der Prüfung, ist er auch voran im Segen; voran in der Treue gegen Gott, steht er auch voran in den süßen Belohnungen, welche die Treue stets erhält. Brüder und Schwestern, laßt uns Gott bitten, uns gleich Abraham zu seinen wahren Kindern zu machen, damit wir solchen Lohn gewinnen, wie er ihn erhielt; möge Er uns helfen, Ihm heute morgen in unsrem Herzen alles zu übergeben, was wir haben, die liebsten Gegenstände unsrer Zuneigung. Mögen wir durch den Glauben heute alles auf den Altar legen und willig sein, es aufzugeben, wenn der Herr es will. Mögen wir heute den Geist des vollkommenen Glaubens fühlen, gewiß, daß Gottes Verheißungen gehalten werden müssen, ob auch äußere Umstände und sogar unsre eignen inneren Empfindungen dem sichern Worte Gottes zu widersprechen scheinen. Laßt uns streben, die Realität des Glaubenslebens zu empfinden. Mögen wir Gott in derselben buchstäblichen Weise glauben, wie unsren Freunden — nur in einer noch höhern und gewissern Art; laßt uns voll heute an Gott so glauben, daß wir niemals eine Frage nach den Folgen thun, sobald wir die Überzeugung von unsrer Pflicht haben. Mögen wir niemals stille stehen, zu fragen, ob dies uns reich oder arm machen wird, geehrt oder verachtet, ob dies uns Frieden oder Angst bringt, sondern vorwärts, immer vorwärts, als wenn Gott uns von dem ewigen Bogen geschossen hätte, laßt uns immer geradeaus gehen in der vollen Überzeugung, daß, wenn auch zeitweilig Dunkelheit da ist, sie doch in ewigem Lichte enden muß. Wenn gegenwärtig Verlust da ist, so muß er in ewigen Gewinn sich wandeln. Laßt uns unser Siegel darauf drücken, daß Gott wahrhaftig ist, daß Lohn für die Gerechten und wahrer Friede für die Gehorsamen ist, und daß es am Ende unser höchster Gewinn sein muß, Gott zu dienen, wenn auch dieser Dienst für jetzt schmerzhaften Verlust mit sich bringt. O, daß in diesem Hause ein Geschlecht von Gläubigen herangebildet würde, das viel ertragen kann, viel Hartes, aber keine Sünde ertragen kann.

Möget ihr, meine Brüder, eurer Überzeugung gehorchen, so beständig wie die Körper dem Gesetz der Schwere gehorchen, und mögt ihr nie eure Erstgeburt für das elende Linsengericht der Welt verkaufen. Könnte dieses Haus voll solcher Männer und Frauen werden, so würde London unter dem Fußtritt unsres Heeres erbeben, dieser ganze Staat würde wahrnehmen, daß eine neue Macht in dem Lande aufgekommen sei, Wahrheit und Gerechtigkeit würden ihr Horn erhöhen, und dann würde Betrug im Handel, und Gier nach Gold, und jesuitisches Verdrehen der Worte, dieses Kokettieren mit der papistischen Hure ein für allemal ein Ende haben. O, daß die Fahne der Wahrheit und Gerechtigkeit von einer tapfern Schar entfaltet würde, denn dieses Banner wird am Tage des letzten Triumphs wehen, wenn die Fähnlein der Erde in Blut gewälzt sein werden. Möge unser Gott uns so segnen, und alle Enden der Erde sollen Ihn fürchten. Der Herr mache uns zu treuen Männern, wie Abraham, treu, weil gläubig, und möge Er uns helfen, unser alles zu opfern, wenn es sein muß, um Jesu willen. Amen.

1)
Wir finden uns nicht veranlaßt, an dieser Stelle etwas zu ändern, obwohl sie, so wie sie ist, nur auf die englischen Zustände geht; die Anwendung auf die deutschen liegt nahe genug. A. d. Übers.
autoren/s/spurgeon/g/spurgeon-gereifter_glaube.txt · Zuletzt geändert: von aj