Spurgeon, Charles Haddon - Gebet, ein Vorläufer der Barmherzigkeit

„So spricht der Herr Herr: Ich will mich wieder fragen lassen vom Haus Israel, daß ich mich an ihnen beweise; und ich will sie mehren wie eine Menschenherde.“
Hes. 36,37

So spricht der Herr Gott: Ich will hierum gefragt werden vom Haus Israel, daß ich es für sie tue; ich will sie mehren mit Menschen wie eine Herde (n. d. engl. Üb.).

Beim Lesen des Kapitels haben wir die großen und ungemein wertvollen Verheißungen vernommen, die Gott dem begünstigten Volk Israel gegeben hatte. Gott erklärt in diesem Vers, daß, obwohl die Verheißung gegeben und Er bereit war, sie zu erfüllen, Er es doch nicht tun würde, bis sein Volk Ihn darum bäte. Er wollte ihnen einen Gebetsgeist geben, in dem sie ernstlich nach dem Segen schreien sollten, und wenn sie laut zu dem lebendigen Gott geschrien hätten, so wollte Er ihnen vom Himmel, seiner Wohnstätte, antworten. Das Wort, das hier gebraucht wird, um die Idee des Gebets auszudrücken, ist ein sehr bedeutsames. „Ich will mich fragen lassen vom Haus Israel.“

Das Gebet ist also eine Frage, eine Nachfrage. Niemand kann recht beten, wenn er das Gebet nicht in diesem Licht betrachtet. Zuerst frage ich: Was ist die Verheißung? Ich schlage meine Bibel auf und versuche, die Verheißung zu finden, durch die das, was ich zu erbitten wünsche, mir als etwas bezeugt wird, was Gott geben möchte. Nachdem ich sie gefunden habe, nehme ich diese Verheißung, und auf gebeugten Knien frage ich Gott, ob Er seine eigene Verheißung erfüllen will. Ich bringe Ihm sein eigenes Bundeswort und sage zu Ihm: „O Herr, willst Du es nicht erfüllen? und willst Du es nicht jetzt erfüllen?“ So ist das Gebet hier wieder eine Frage. Nach dem Gebet sehe ich der Antwort entgegen; ich erwarte, erhört zu werden; und wenn mir nicht geantwortet wird, so bete ich erneut, und meine wiederholten Gebete sind nur neue Fragen. Ich erwarte, daß der Segen kommt; ich gehe und frage, ob eine Botschaft von seinem Kommen da ist. Ich frage: „Willst Du mir antworten, o Herr? Willst Du Deine Verheißung halten? Oder willst Du Dein Ohr verschließen, weil ich meine eigenen Bedürfnisse mißverstehe und Deine Verheißung verkehrt auffasse?“ Brüder, wir müssen im Gebet Nachfrage halten, und das Gebet erstens als eine Frage nach der Verheißung betrachten und dann wegen dieser Verheißung als eine Frage nach der Erfüllung. Wir erwarten ein Geschenk von einem Freunde: wir haben zuerst den Brief, der uns benachrichtigt, daß es unterwegs ist. Wir fragen, was das Geschenk ist, wenn wir den Brief lesen; und dann, wenn es nicht ankommt, gehen wir an den Ort, wo das Paket hätte abgegeben werden müssen, und fragen oder erkundigen uns danach. Wir haben wegen der Verheißung nachgefragt, und dann gehen wir und fragen wieder nach, bis wir die Antwort erhalten, daß die versprochene Gabe angekommen und unser Eigentum ist. So ist es mit dem Gebet. Wir erlangen die Verheißung durch die Nachfrage, und wir erlangen ihre Erfüllung dadurch, daß wir wieder bei Gott nachfragen.

Nun werde ich heute mit Gottes Hilfe versuchen, zuerst von dem Gebet als dem Vorläufer es Segens zu reden; dann will ich versuchen zu zeigen, warum es von Gott so zum Vorläufer seiner Segnungen gemacht ist; und zuletzt werde ich mit einer Ermahnung schließen, so ernst wie ich sie nur machen kann, indem ich euch mahne, zu beten, wenn ihr Segnungen erlangen wollt.

I.

Das Gebet ist ein Vorläufer der Segnungen. Viele verachten das Gebet: sie verachten es, weil sie es nicht verstehen. Wer diese heilige Kunst des Gebetes auszuüben weiß, wird so viel dadurch erlangen, daß er schon um ihrer Nützlichkeit willen mit der höchsten Ehrfurcht davon sprechen wird. Das Gebet, behaupten wir, ist das Vorspiel zu allen Segnungen. Wir bitten euch, zu der heiligen Geschichte zurückzukehren, dann werdet ihr finden, daß niemals eine große Segnung in die Welt kam, ohne daß sie durch Gebet vorher angekündigt wurde. Die Verheißung kommt allein, ohne daß irgendein Verdienst ihr vorangeht, aber der verheißene Segen folgt stets seinem Herold, dem Gebet. Ihr werdet bemerken, daß alle Wunder, die Gott in alten Zeiten tat, zuerst durch die ernsten Gebete seiner Gläubigen von Ihm erfleht wurden. Vor kurzem hörten wir, wie Pharao in die Tiefe des Roten Meeres geworfen wurde und alle seine Heere „zu Grunde fielen wie die Steine“.

Ging diesem herrlichen und ruhmreichen Sieg Gottes über seine stolzen Feinde ein Gebet voran? Schlagt das zweite Buch Mose auf, und ihr werdet lesen: „Und die Kinder Israel seufzten über ihre Arbeit und schrien; und ihr Schreien über ihre Arbeit kam vor Gott“ 2 Mose 2, 23. Und beachtetet ihr nicht, daß gerade, ehe das Meer sich teilte und eine breite Bahn durch seinen Busen für das Volk Gottes machte, Moses zum Herrn gebetet und ernstlich zu Ihm geschrien hatte, so daß Jahwe sprach: „Was schreist du zu mir?“ Vor einigen Sonntagen, als wir über den Regen predigten, der in den Tagen des Elia vom Himmel herunterkam, schilderten wir, wie ihr euch erinnern werdet, das Land Judäa .als eine trockene Wüste, eine Masse Staub, ohne alle Vegetation. Regen war seit drei Jahren nicht gefallen; die Weiden waren verdorrt; die Bäche hatten aufgehört zu fließen; Armut und Not starrten dem Volk ins Angesicht. Zu einer bestimmten Zeit wurde ein Rauschen gehört, als wollte es sehr regnen, und die Ströme ergossen sich vom Himmel, bis die Erde von den fröhlichen Fluten überschwemmt war. Fragt ihr mich, ob Gebet das Vorspiel dazu war. Ich deute auf die Spitze des Karmel. Seht dort einen Mann vor Gott knien und schreien: „O mein Gott! sende den Regen;“ seht die Majestät seines Glaubens- er sendet seinen Knaben siebenmal, nach den Wolken auszusehen, weil er glaubt, daß sie als Antwort auf sein Gebet kommen werden. Und - merkt euch das - die segenbringenden Regenströme kamen als Antwort auf Elias Glauben und Elias Gebet. Wo immer ihr in der Heiligen Schrift findet, daß von Segen die Rede ist, werdet ihr auch das Gebet finden, das ihm voranging.

Unser Herr Jesus Christus war der größte Segen, den die Menschen je empfangen hatten. Er war Gottes beste Gabe an eine leidende Welt. Und ging Gebet der Ankunft Christi voran? . Waren Gebete da, die dem Kommen des Herrn vorangingen, ehe Er in seinem Tempel erschien? O ja, die Gebete der Heiligen waren seit vielen Jahrhunderten einander gefolgt. Abraham sah seinen Tag; und als er starb, trat Isaak an seine Stelle; und als Isaak bei seinen Vätern schlief, beteten Jakob und die Erzväter immer noch; ja, und sogar in den Tagen Christi wurde noch fortwährend für Ihn gebetet: Hanna, die Prophetin, und Simeon warteten auf das Kommen Christi; und Tag für Tag beteten und flehten sie zu Gott, daß Er bald zu seinem Tempel kommen möge. Ja, und merkt euch, wie es damals gewesen ist, so soll es in bezug auf die größeren Dinge sein, die noch zur Erfüllung der Verheißung geschehen werden. Ich glaube, daß der Herr Jesus eines Tages in den Wolken des Himmels kommen wird. Es ist mein fester Glaube, den ich mit allen denjenigen, welche die Heilige Schrift recht lesen, gemein habe, daß der Tag sich naht, wo er zum zweitenmal auf der Erde stehen, wo Er mit schrankenloser Macht über alle bewohnten Teile des Erdballs herrschen wird, wo Könige sich vor Ihm beugen und Fürstinnen die Ammen seiner Kirche sein sollen. Aber wann wird diese Zeit kommen? Wir werden ihr Kommen erkennen an dem Vorboten: wenn das Gebet lauter und stärker wird, wenn das Flehen allgemeiner und unaufhörlicher wird, denn wie wir an den Bäumen merken, daß der Frühling nahe ist, wenn die ersten grünen Blätter ausschlagen, so werden wir auch, wenn das Gebet herzlicher und ernster wird, unsere Augen aufheben, denn der Tag unserer Erlösung naht. Ernste Gebete sind die Vorboten reicher Segnungen, und immer werden die Segnungen, die wir erwarten dürfen, im Verhältnis zu unsern Gebeten stehen.

Es ist so in der Gemeinde des Herrn der neueren Zeit gewesen. Wenn immer sie zum Beten erweckt wurde, so erwachte Gott zu ihrer Hilfe. Jerusalem, wenn du dich aus dem Staube aufgerafft hast, dann hat der Herr sein Schwert aus der Scheide gezogen. Wenn du deine Hände hast hängen und deine Knie schwach werden lassen, dann hat Er dich durch deine Feinde zerstreuen lassen; du bist unfruchtbar geworden und deine Kinder sind erwürgt; aber wenn du gelernt hast zu schreien, wenn du angefangen hast zu beten, so hat Gott dir die Freude seines Heils wiederum gegeben, Er hat dein Herz fröhlich gemacht und deine Kinder vermehrt.

Die Geschichte der Gemeinde des Herrn bis heute ist eine Reihe von Wellen gewesen, eine Aufeinanderfolge von Ebbe und Flut. Eine starke Welle religiösen Wohlergehens ist über den Sand der Sünde dahin gegangen, dann ist sie zurückgewichen, und Unsittlichkeit hat geherrscht. Ihr lest die englische Geschichte: es ist da ebenso gewesen. Ging es den Gerechten gut in den Tagen Eduards des Sechsten? Sie sollen unter der blutigen Maria wieder gequält werden. Wurde der Puritanismus allmächtig in dem Land, herrschte der glorreiche Cromwell und triumphierten die Heiligen? Karls des Zweiten Ausschweifungen und Gottlosigkeit wurden die schwarze zurückweichende Welle. Darauf ergoß sich wieder durch Whitfield und Wesley eine mächtige Woge religiöser Belebung über das Land, die wie ein Strom alles vor sich her trieb. Dann wich sie wiederum zurück, und es kamen die Tage, in denen Thomas Payne und andere Männer voll Unglauben und Gottlosigkeit ihr Wesen trieben. Noch einmal kam ein starker Anstoß, und Gott verherrlicht sich. Und bis auf die Gegenwart ist wieder eine Abnahme dagewesen. Die Religion, obwohl sie viel mehr Mode ist als sie einst war, hat viel von ihrer Lebendigkeit und Macht verloren; viel von dem Eifer und Ernst der alten Prediger ist verschwunden, und die Welle ist zurückgewichen.

Aber, gelobt sei Gott, die Flutzeit kehrt zurück: noch einmal hat Gott seine Kirche erweckt. Wir haben in diesen Tagen gesehen, was unsere Väter nie zu sehen hofften: wir haben gesehen, wie die großen Männer einer Gemeinde, die nicht zu bekannt ist wegen ihres Eifers, endlich heraustreten - und Gott sei mit ihnen und ihrem Vortreten! Sie sind hervorgetreten, um dem Volk den unausforschlichen Reichtum Christi zu predigen. Ich hoffe, daß eine andere große Welle der Religion über uns dahinrollen wird. Soll ich euch sagen, was ich für den Mond halte, der diese Wellen beeinflußt? Meine Brüder, wie der Mond Ebbe und Flut des Meeres beeinflußt, so beeinflußt das Gebet (das der Widerschein des Sonnenlichts im Himmel ist und Gottes Mond am sichtbaren Himmel) die Ebbe und Flut der Gottseligkeit; denn wenn unsere Gebete wie der Halbmond werden und wir nicht in Verbindung mit der Sonne stehen, so ist eine Ebbe der Gottseligkeit da; aber wenn die volle Scheibe auf die Erde scheint und Gott der Allmächtige die Gebete der Seinen voll Freude und Fröhlichkeit macht, dann kehrt das Meer der Gnade in seiner Stärke zurück. Im Verhältnis zu dem Gebet der Gemeinde soll ihr gegenwärtiger Erfolg sein, wenn auch ihr endgültiger Erfolg über alle Gefahr hinaus ist.

Und nun, um dem eigenen Haus näher zu kommen: Diese Wahrheit ist, meine teuren Geliebte in dem Herrn, wahr, soweit eure eigene persönliche Erfahrung in Betracht kommt Gott hat euch manche unerbetene Gunst erzeigt, aber doch ist ernstes Gebet immer der unfehlbare Vorbote großer Segnungen für euch gewesen. Als ihr zuerst Frieden durch das Blut des Kreuzes fandet, da hattet ihr vorher viel gebetet, Gott ernstlich angefleht, eure Zweifel wegzunehmen und euch ans eurer Not zu befreien. Eure Gewißheit der Begnadigung war das Ergebnis des Gebetes. Und wenn ihr zu irgendeiner Zeit hohe und entzückende Freuden gehabt habt, so habt ihr sie als Erhörung eurer Gebete betrachten müssen; wenn ihr große Befreiungen aus schweren Nöten erlebt habt und mächtige Hilfe in großen Gefahren, so seid ihr imstande gewesen, zu sprechen: „Da ich den Herrn suchte, antwortete Er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht.“ Wir sagen: Das Gebet ist, in deinem eigenen Falle, wie in dem der Gemeinde im allgemeinen, immer der Vorbote des Segens.

Und nun werden einige zu mir sagen: „In welcher Weise denkst du dir denn, daß das Gebet auf den Segen einwirkt? Gott, der Heilige Geist, verleiht das Gebet vor dem Segen, aber in welcher Art sind sie miteinander verbunden?“ Ich erwidere: „Das Gebet geht in verschiedenem Sinne dem Segen voraus.“ Es geht dem Segen voraus als sein Schatten. Wenn das Sonnenlicht der Barmherzigkeit Gottes über unsern Bedürfnissen aufgeht, so wirft es den Schatten des Gebetes weit hinab in die Ebene; oder um ein anderes Bild zu gebrauchen, wenn Gott einen Hügel von Segnungen aufhäuft, so leuchtet Er selbst dahinter und wirft auf unsern Geist den Schatten des Gebets, so daß wir gewiß sein können, daß unsere Gebete die Schatten der Barmherzigkeit sind. Das Gebet ist das Rauschen der Flügel der Engel, die auf dem Wege sind, uns die Güter des Himmels zu bringen. Habt ihr je das Gebet in eurem Herzen gehört? Ihr werdet den Engel in eurem Haus sehen. Wenn die Wogen, die uns Segnungen bringen, heranrollen, so ertönen ihre Räder vom Gebet. Wir hören das Gebet in unserem eigenen Geist, und es wird das Zeichen der kommenden Segnungen. Wie die Wolke den Regen vorher ankündigt, so kündigt das Gebet den Segen an; wie der grüne Halm der Anfang der Ernte ist, so ist das Gebet die Weissagung des Segens, der im Begriff ist, zu kommen.

Weiter geht das Gebet der Barmherzigkeit voraus als ihr Vertreter. Oft sendet der König, wenn er im Begriff ist, seine Länder zu durchreisen, einen vor sich her, der die Posaune bläst. Wenn die Leute ihn sehen, so wissen sie, daß der König kommt, weil der Posaunenbläser da ist. Aber vielleicht ist eine noch wichtigere Persönlichkeit vor ihm da, die spricht: „Ich bin vor dem König hergesandt, um seinen Empfang zu bereiten, und werde heute alles annehmen, was ihr dem König zu senden habt, denn ich bin sein Vertreter.“ So ist das Gebet der Vertreter des Segens, ehe der Segen kommt. Das Gebet kommt, und wenn ich es sehe, sage ich: „Gebet, du bist der Vizekönig des Segens; wenn der Segen der König ist, so bist du der Vizekönig; ich kenne und betrachte dich als den Vertreter des Segens, den ich empfangen soll.“ Aber ich denke auch, daß das Gebet zuweilen und gewöhnlich dem Segen vorhergeht, wie die Ursache der Wirkung. Einige Leute sagen, wenn sie etwas erhalten, daß sie es bekommen, weil sie darum gebetet haben; aber wenn es Leute sind, die nicht geistlich gesinnt sind und keinen Glauben haben, so mögen sie wissen, daß, was sie auch erhalten, es ihnen nicht als Erhörung des Gebets zuteil wird; denn wir wissen, daß Gott die Sünder nicht hört und daß „das Opfer der Gottlosen ein Greuel vor dem Herrn“ ist. „Aber,“ sagt einer „neulich bat ich Gott um etwas; ich weiß, ich bin kein Christ, aber ich erhielt es. Meint ihr nicht, daß ich es durchs Gebet bekam?“ Nein, nicht mehr, als ich der Schlußfolgerung des alten Mannes zustimme, der behauptete, daß die Goodwin-Sandbänke durch den Bau des Turms zu Tenterden verursacht seien, denn die Sandbänke seien vorher nicht dagewesen und das Meer wäre nicht bis dahin gekommen, ehe der Turm gebaut sei, deshalb müsse dieser die Flut verursacht haben. Nun, eure Gebete haben nicht mehr Verbindung mit dem euch verliehenen Gut, als das Meer mit dem Turm; beim Christen ist der Fall ein ganz anderer.

Oftmals wird der Segen tatsächlich vom Himmel durch das Gebet herniedergebracht. Einer mag den Einwurf erheben: „Ich glaube, daß das Gebet viel Einfluß auf den Betenden haben mag, aber ich glaube nicht, daß es irgendeine Wirkung auf das göttliche Wesen hat.“ Nun, mein Lieber, ich werde es nicht versuchen, dich zu überzeugen, denn wenn du den Zeugnissen nicht glaubst, die ich anführe, so würde es so unnütz sein, dies zu versuchen, als ob ich dich durch einfache Schlußfolgerungen von irgendeiner historischen Tatsache überzeugen wollte. Ich könnte aus dieser Versammlung nicht einen oder zwanzig, sondern viele Hunderte, vernünftige, intelligente Leute aufrufen, von denen jeder ganz bestimmt erklären würde, daß er Hunderte von Malen in seinem Leben ernstlich Befreiung aus der Not gesucht hat oder Hilfe im Unglück und daß er die Antworten auf seine Gebete in so wunderbarer Weise empfangen hat, daß er ebensowenig daran zweifeln könne, daß es wirklich Antworten auf sein Schreien gewesen sind, wie er an dem Dasein Gottes zweifeln könne. Er ist sicher, daß Gott ihn gehört hat, er ist dessen ganz gewiß. Die Zeugnisse für die Macht des Gebetes sind so zahllos, daß der, der sie verwirft, gutem Zeugnis Trotz bietet. Wir sind nicht alle Schwärmer; einige von uns sind kaltblütig genug; wir sind nicht alle Fanatiker; wir sind nicht alle ganz wild in unserer Frömmigkeit; einige von uns handeln in anderen Dingen, wie wir meinen, so ziemlich nach Art des gesunden Menschenverstandes. Aber dennoch stimmen wir alle darin überein, daß unsere Gebete erhört wurden; und wir könnten viele Geschichten von unsern Gebeten erzählen, die uns noch frisch im Gedächtnis sind, wo wir zu Gott geschrien und Er uns erhört hat.

Aber der, der sagt, er glaube nicht, daß Gott Gebet erhöre, weiß, daß Gott es tut. Ich habe nicht mehr Respekt vor seinem Skeptizismus als vor dem Zweifel eines Menschen an dem Dasein Gottes. Der Mensch zweifelt nicht daran; er muß sein eigenes Gewissen ersticken, ehe er zu sagen wagt, daß er es tut. Es heißt ihm zu viel Ehre antun, wenn man mit ihm argumentiert. Wollt ihr mit einem Lügner argumentieren? Er tritt für eine Lüge ein, obschon Er weiß, daß es eine ist. Wollt ihr euch herablassen, mit ihm zu argumentieren und zu beweisen, daß er unwahr sei! Der Mann ist unfähig, vernünftig zu urteilen; er ist außerhalb des Bereichs derer, die man als respektable Personen behandeln sollte. Wenn ein Mensch das Dasein Gottes verwirft, so tut er es gegen sein eigenes Gewissen; und wenn Er schlecht genug ist, sein eigenes Gewissen so zu ersticken, daß er dies glaubt oder zu glauben behauptet, so denken wir, daß wir uns erniedrigen, wenn wir mit einem so leichtfertigen Charakter argumentieren. Er muß ernstlich gewarnt werden, denn vernünftige Gründe sind weggeworfen bei vorsätzlichen Lügnern. Aber du weißt, Mensch, daß Gott Gebet erhört; denn wenn du das nicht weißt, mußt du jedenfalls ein Tor sein. Du bist ein Tor, wenn du es nicht glaubst, und ein schlimmer Tor, wenn du selbst betest, obwohl du nicht glaubst, daß Er dich hört. „Aber ich bete nicht.“ Nicht beten? Hörte ich nicht deine Wärterin etwas flüstern, als du krank warst? Sie sagte, du wärst ein wundervoller Heiliger, wenn du das Fieber hättest. Du betest nicht! Nein, aber wenn die Sachen im Geschäft nicht ganz gut gehen, so wünschst du zu Gott, daß sie besser gingen, und du schreist zuweilen zu Ihm in einer Art von Gebet, das Er nicht annehmen kann, das aber doch genug ist, um zu zeigen, daß es einen Instinkt im Menschen gibt, der ihn beten lehrt. Ich glaube, daß gerade, wie Vögel ihr Nest ohne irgend welchen Unterricht bauen, so gebrauchen Menschen die Form des Gebets, (ich meine nicht geistliches Gebet): ich sage, Menschen beten instinktmäßig. Es ist etwas im Menschen, was ihn zu einem betenden Tiere macht. Er kann nicht anders, er ist dazu gezwungen. Er lacht über sich selbst, wenn er auf dem trockenen Lande ist; aber er betet, wenn er sich auf dem Meere und in einem Sturm befindet; er spottet über das Gebet, wenn er gesund ist, aber wenn er krank ist, betet er so schnell wie nur einer. Er - er würde nicht beten, wenn er reich ist; aber wenn er arm ist, betet er. Er weiß, daß Gott Gebet erhört, und daß Menschen beten sollten. Man kann nicht mit ihm streiten. Wenn er sein eigenes Gewissen zu bestreiten wagt, so ist er unfähig für vernünftige Erörterung; er ist außerhalb des Bereiches der Sittlichkeit, und deshalb wagen wir es nicht, ihn durch vernünftige Gründe zu beeinflussen. Andere Mittel werden und hoffen wir bei ihm zu gebrauchen, aber nicht solche, durch welche ihm die Ehre angetan würde, antworten zu dürfen. O Heilige Gottes, was ihr sonst auch fahren lassen könnt, die Wahrheit, daß Gott Gebete erhört, dürft ihr nie fahren lassen, denn wenn ihr sie heute nicht glaubt, so würdet ihr sie morgen wieder zu glauben haben, ihr würdet solch einen neuen Beweis davon haben durch irgendein neues Leiden, das über eurem Haupte dahinzöge, daß ihr genötigt wärt zu fühlen, wenn nicht gezwungen zu sagen: „Wahrlich, Gott hört und erhört Gebet!“. Das Gebet ist also der Vorbote der Barmherzigkeit, denn es ist sehr häufig die Ursache des Segens, d. h. es ist eine teilweise Ursache; die Barmherzigkeit Gottes ist die erste große Ursache, und das Gebet ist oft das zweite Mittel, wodurch der Segen herabgebracht wird.

II.

Und nun will ich euch zweitens zeigen, weshalb Gott das Gebet zum Herold oder Vorläufer der Barmherzigkeit macht.

1. Ich glaube, es ist zuerst, weil Gott gern will, daß der Mensch einen Grund zur Verbindung mit Ihm habe. Gott spricht: „Meine Geschöpfe werden mich scheuen, selbst mein eigenes Volk wird mich zu wenig suchen - sie werden vor mir fliehen, statt zu mir zu kommen. Was soll ich tun? Ich beabsichtige, sie zu segnen: soll ich die Segnungen vor ihre Türen legen, so. daß, wenn sie diese am Morgen öffnen, sie diese Segnungen dort unerbeten und ungesucht finden?“ „Ja“, spricht Gott, „mit vielen Gütern will ich es so machen; ich will ihnen vieles, was sie nötig haben, geben, ohne daß sie darum beten; aber damit sie mich nicht ganz vergessen, will ich einige Güter nicht vor ihre Tür legen, sondern sie zu meinem Haus kommen lassen, um dieselben zu erlangen. Ich liebe es, wenn meine Kinder mich besuchen,“ sagt der himmlische Vater; „ich liebe es, sie in meinem Haus zu sehen; ihre Stimme zu hören und ihr Antlitz zu sehen, erfreut mich; sie werden nicht zu mir kommen, wenn ich ihnen alles gebe, was sie bedürfen; ich will ihnen dies manchmal vorenthalten, und dann werden sie kommen und bitten, und ich werde das Vergnügen haben, sie zu sehen und sie werden den Gewinn haben, mit mir in Gemeinschaft zu treten.“ Es ist, als wenn ein Vater zu einem Sohne, der ganz von ihm abhängig wäre, spräche: „Ich könnte dir sofort ein Vermögen geben, so daß du nie wieder zu mir zu kommen brauchst; aber, mein Sohn, es freut mich, es gibt mir Vergnügen, für deine Bedürfnisse zu sorgen; ich mag gern wissen, was es ist, das du brauchst, damit ich dir oft zu geben habe und so häufig dein Antlitz sehe. So werde ich dir nur für eine Zeitlang genug geben, und wenn du mehr wünschst, mußt du zu mir kommen. O mein Sohn, ich tue dies, weil ich wünsche, dich oft zu sehen; ich wünsche häufig Gelegenheit zu haben, dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe.“ So sagt Gott zu seinen Kindern: „Ich gebe euch nicht alles auf einmal; ich gebe euch alles in der Verheißung, aber wenn ihr es im einzelnen haben wollt, so müßt ihr kommen und mich darum bitten: dann sollt ihr mein Angesicht sehen und sollt einen Grund haben, oft zu meinen Füßen zu sein.“

2. Aber es ist ein anderer Grund da. Gott wollte das Gebet zum Vorboten der Wohltat machen, weil das Gebet oft selbst die Wohltat gibt. Du bist voll Furcht und Schmerz; du brauchst Trost, Gott sagt: bete und du sollst ihn haben; der Grund ist, weil das Gebet selbst etwas Tröstendes ist. Wir wissen alle, daß, wenn wir etwas Schweres auf dem Herzen haben, es uns oft Erleichterung gewährt, wenn wir mit einem Freund darüber sprechen. Es gibt nun einige Leiden, von denen wir anderen nichts sagen könnten, weil viele vielleicht nicht mit uns fühlen könnten: Gott hat uns deshalb in dem Gebet einen Kanal gegeben, in dem der Schmerz fließen kann. „Komm,“ spricht Er, „deine Leiden können sich hier Luft machen; komm, schütte sie aus vor meinem Ohr; leere dein Herz aus vor mir, so wird es nicht zerspringen. Wenn du weinen mußt, so komm und weine vor meinem Gnadenstuhl; wenn du schreien mußt, so komm und schreie im Betkämmerlein, und ich will dich hören.“ Und wie oft haben du und ich das versucht! Wir haben auf unsern Knien gelegen, überwältigt von Kummer und sind aufgestanden mit den Worten: „Nun kann ich allen gegenübertreten!“.

„Wenn ich Ihn, den Heiland habe,
Wenn Er ganz mein eigen ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nicht vergißt!
O, dann weiß ich nichts von Leiden,
O, dann weiß ich nur von Freuden!“

Das Gebet selbst gibt zuweilen selbst die Wohltat.

Nehmt einen anderen Fall. Du bist in einer schwierigen Lage, du weißt nicht, welchen Weg du gehen, noch wie du zu handeln hast. Gott hat gesagt, daß Er sein Volk leiten will. Du beginnst zu beten, und bittest Gott, dich zu leiten. Weißt du, daß gerade dein Gebet dir oft von selbst die Antwort geben wird? Denn während die Seele sich in Nachdenken über die Sache und das Gebet vertieft, ist sie in der besten Verfassung, selbst den geeigneten Weg zu erspähen. Wenn ich im Gebet alle Umstände vor Gott darlege, bin ich wie ein Krieger, der das Schlachtfeld überblickt, und wenn ich aufstehe, kenne ich den Stand der Sachen, und weiß, wie ich zu handeln habe. So gibt das Gebet häufig an sich schon das, warum wir bitten. Oft, wenn ich eine Stelle der Schrift lese, die ich nicht verstehen kann, pflege ich die Bibel aufgeschlagen vor mich hinzulegen, und wenn ich alle Kommentare durchgesehen und sie nicht übereinzustimmen scheinen, lege ich die Bibel auf den Stuhl, und knie nieder, deute mit dem Finger auf die Stelle, und bitte Gott um Belehrung. Wenn ich dann von meinen Knien aufstand, meinte ich sie besser zu verstehen als zuvor; ich glaube, daß das Gebet an sich schon in großem Maße die Antwort brachte; denn da der Verstand sowohl wie das Herz sich damit beschäftigte, so war der ganze Mensch in der besten Verfassung, sie wahrhaft zu verstehen. John Bunyan sagt: „Die Wahrheiten, die ich am besten kenne, habe ich auf meinen Knien gelernt;“ und weiter sagt er: „Ich weiß nie etwas gut, bis es durch Gebet in mein Herz gebrannt ist.“ Nun, das geschieht zum großen Teil durch den Heiligen Geist Gottes; aber ich glaube, daß es auch bis zu einem gewissen Grade dadurch erklärt werden kann, daß das Gebet zum Nachdenken über die Sache bringt und der Geist so unmerklich dahin geführt wird, das Rechte zu ergreifen. Gebet ist also ein passender Vorbote des Segens, weil es oft den Segen schon in sich trägt.

3. Aber ferner scheint es nur recht und gerecht und angemessen, daß das Gebet dem Segen vorangeht, weil im Gebet ein Gefühl der Bedürftigkeit ist. Ich kann als Mensch nicht denen helfen, die sich mir nicht als arm oder krank darstellen. Ich kann nicht annehmen, daß der Arzt sich die Mühe nehmen wird, sein eigenes Haus zu verlassen und in das eines Kranken zu gehen, es sei denn, daß ihm der Zustand desselben genau mitgeteilt und ihm gesagt worden ist, daß der Fall seinen Beistand erfordere; ebensowenig können wir von Gott erwarten, daß Er den Seinen zu Dienste stehen soll, wenn sie Ihm nicht erst ihre Not darlegen und um einen Segen bittend vor Ihn kommen. Ein Gefühl der Bedürftigkeit ist eine göttliche Gabe. Das Gebet nährt es und ist deshalb höchst wohltätig.

4. Und dann ferner, das Gebet vor dem Segen dient dazu, uns seinen Wert zu zeigen. Hätten wir die Segnungen, ohne darum zu bitten, so würden wir sie für gewöhnliche Dinge halten; aber das Gebet macht die gewöhnlichen Kieselsteine der zeitlichen Gaben Gottes kostbarer als Diamanten, und im Geistlichen schleift das Gebet den Diamant, damit er noch heller leuchtet. Die Sache war köstlich, aber ich kannte ihren Wert nicht, bis ich darum gebetet und lange gebetet hatte. Nach einer langen Jagd schätzt der Jäger das Tier umsomehr, weil er es so lange verfolgte und entschlossen war, es zu haben; nach langem Hungern findet der Essende noch mehr Geschmack an der Speise. So versüßt das Gebet die Gabe. Es lehrt uns ihre Köstlichkeit. Es ist das vorherige Lesen der Akten, der Inhaltsangabe, der Abrechnung, ehe das Landgut und was dazu gehört uns übertragen wird. Wir kennen den Wert des Erworbenen, wenn wir im Gebet sein Verzeichnis durchgehen, und wenn wir seinen geschätzten Wert in Worten und Seufzern ausgedrückt haben, dann verleiht Gott uns das Gut. Das Gebet geht deshalb dem Segen voran, weil es uns seinen Wert zeigt.

Aber ohne Zweifel gibt die Vernunft selber den Gedanken ein, daß es nur natürlich ist, wenn Gott, der Allgütige, seine Gaben denen gibt, die darum bitten. Es scheint nur recht, daß Er von uns erwartet, wir sollten erst bitten, ehe Er gewährt. Die Güte ist schon groß genug, daß seine Hand bereit ist, sich aufzutun: gewiß, es ist nur ein Kleines, daß Er zu seinem Volk spricht: „Ich will mich wieder fragen lassen vom Haus Israel, daß ich mich an ihnen erzeige.“

III.

Laßt mich damit schließen, daß ich euch antreibe, die heilige Kunst des Gebets als Mittel, den Segen zu erlangen, zu gebrauchen. Fragt ihr mich: um was sollen wir beten? Die Antwort ist auf meiner Zunge. Betet für euch selbst, betet für eure Familien, betet für die Gemeinden, betet für das Eine große Reich unseres Herrn auf Erden.

Betet für euch selbst. Sicher wird es euch niemals an etwas fehlen, um das ihr bitten könntet. So viel ist es, was ihr braucht, so groß ist eure Bedürftigkeit, daß ihr, bis ihr im Himmel seid, immer Stoff zum Gebet finden werdet. Hast du nichts nötig? Dann, fürchte ich, kennst du dich selber nicht. Hast du keine Gnadengabe von Gott zu erbitten? Dann, fürchte ich, hast du nie Gnadengaben von Ihm gehabt, und bist noch „voll bitterer Galle und voll von Ungerechtigkeit“. Wenn du ein Kind Gottes bist, werden deine Bedürfnisse so zahlreich sein wie deine Augenblicke, und du wirst so viele Gebete nötig haben, wie es Stunden gibt. Bete, daß du heilig, demütig und geduldig sein mögest; bete, daß du Gemeinschaft mit Christus haben, und zu „dem Festmahl seiner Liebe“ eingehen mögest. Bete für dich selbst, daß du ein Beispiel für andere sein, Gott auf Erden ehren und später sein Reich erben mögest.

Danach betet für eure Familien; für eure Kinder. Wenn sie fromm sind, könnt ihr immer noch beten, daß ihre Frömmigkeit wahrhaft sein und daß sie in ihrem Leben als Christen aufrecht erhalten werden mögen. Und wenn sie ungläubig sind, so habt ihr eine ganze Quelle von Gründen zum Gebet. So lange du ein ungläubiges Kind hast, bete für es; so lange du ein errettetes Kind am Leben hast, bete, daß es bewahrt bleibt. Du hast Ursache genug, für die zu beten, die zu deiner Familie gehören. Aber wenn du keine Ursache hast, das zu tun, so bete für deine Knechte und Mägde. Willst du dich dazu nicht herablassen? Dann hast du dich sicherlich nicht herabgelassen, errettet zu werden; denn der Errettete weiß für alle zu beten. Bete für deine Diener, daß sie Gott dienen mögen, daß ihr Leben in deinem Haus ihnen nützlich sein möge. Das ist ein schlechtes Haus, wo man nicht für die Diener betet. Ich möchte nicht, daß mich jemand bedient, für den ich nicht beten könnte. Vielleicht wird der Tag, an dem diese Erde vergehen wird, der Tag sein, der nicht durch Gebet erhellt ist; und vielleicht war der Tag, an dem eine große Untat von einem begangen wurde, der Tag, wo seine Freunde aufhörten, für ihn zu beten. Betet für euer Haus..

Und dann betet für die Gemeinde. Laßt den Prediger einen Platz in eurem Herzen haben. Nennt seinen Namen am Hausaltar und im Betkämmerlein. Ihr. erwartet, daß er Tag für Tag kommt, um euch die Dinge des Himmelreichs zu lehren, daß er „erwecke und erinnere euren lauteren Sinn.“ Wenn er ein wahrhafter Prediger ist, so wird er in dieser Sache zu arbeiten haben. Er kann nicht seine Predigt aufschreiben und sie euch vorlesen; er glaubt nicht, daß Christus sprach: „Geht hin und lehrt das Evangelium aller Kreatur.“ Kennst du die Sorgen eines Predigers? Kennst du die Mühen, die ihm seine eigene Gemeinde bereitet? Welchen Kummer ihm die Irregehenden verursachen, wie selbst die Frommen ihn durch ihre Schwäche beunruhigen? Wenn die Gemeinde groß ist, gibt es immer solche, deren Herzen große Schmerzen empfinden? Und er ist das Reservoir für alle, sie kommen mit all ihrem Kummer zu ihm; er hat zu „weinen mit den Weinenden.“

Und auf der Kanzel, was ist da seine Arbeit? Gott ist mein Zeuge, ich bereite mich kaum jemals mit Vergnügen für die Kanzel vor: das Studieren für die Predigt ist für mich die drückendste Arbeit in der Welt. Soviel ich weiß, bin ich nie in dieses Haus mit einem Lächeln auf dem Herzen gekommen; ich mag zuweilen mit einem weggegangen sein; aber nie habe ich eins gehabt, wenn ich hereinkam. Predigen, predigen, zweimal täglich, das kann und will ich tun; aber es ist schwere Arbeit und Angst in der Vorbereitung darauf, und selbst das Halten der Predigt ist nicht immer von Freude und Fröhlichkeit begleitet; und Gott weiß, wäre es nicht um des Guten willen, was, wie wir hoffen, durch die Predigt des Wortes ausgerichtet werden wird, so ist es kein Glück für das Leben eines Menschen, sehr bekannt zu sein. Es raubt ihm alle Behaglichkeit, vom Morgen bis Abend von Arbeit gehetzt zu werden, keine Ruhe für seine Füße oder für sein Gehirn zu haben - ein großes, religiöses Mietpferd zu sein - jede Bürde zu tragen - die Leute fragen zu hören, wie sie es auf dem Lande tun, wenn sie in einen Wagen steigen: „Kann er so viele halten?“ - niemals daran denkend, ob das Pferd ihn ziehen kann; sie fragen zu hören: „Wollen Sie an dem und dem Ort predigen? Sie predigen dort zweimal, könnten Sie es nicht möglich machen, auch hierher zu kommen und wieder zu predigen?“ Jeder andere Mensch hat eine Konstitution, der Prediger hat keine, bis er sich tötet, und dann wird er als unvorsichtig verurteilt.

Wenn ihr entschlossen seid, eure Pflicht zu tun an dem Platz, an den euch Gott berufen hat, so braucht ihr der Gebete eurer Gemeindeglieder, damit ihr imstande seid, das Werk auszurichten; und ihr braucht ihre reichlichen Gebete, um aufrecht erhalten zu werden. Ich danke Gott, daß ich ein tapferes Korps von Männern habe, die Tag und Nacht den Thron Gottes meinetwillen belagern. Ich möchte zu euch, meinen Brüdern und Schwestern, wieder sprechen, und euch bitten, bei all den vergangenen liebevollen Tagen, bei all den harten Kämpfen, die wir Seite an Seite gefochten haben, hört jetzt nicht auf zu beten. Die Zeit war, wo wir in Stunden der Not zusammen unsere Knie im Gotteshaus beugten und zu Gott beteten, daß Er uns einen Segen geben möchte. Ihr erinnert euch, wie große und schwere Leiden über unserem Haupte dahinrollten, - wie schlecht die Menschen uns behandelten. Wir gingen durch Feuer und durch Wasser, und nun, wo Gott uns in einen weiten Raum geführt und unsere Zahl so vermehrt hat, laßt uns nicht aufhören zu beten. Laßt uns immer noch zu dem lebendigen Gott schreien, daß Er uns einen Segen gebe. O! möge Gott mir helfen, wenn ihr aufhört, für mich zu beten! Laßt mich den Tag wissen, dann muß ich aufhören zu predigen. Laßt mich wissen, wann ihr mit euren Gebeten aufzuhören beabsichtigt, und ich will rufen: „O Gott, gib mir diesen Tag mein Grab und laß mich im Staube schlummern.“

Und zuletzt laßt mich euch bitten, für das Reich Gottes im allgemeinen zu beten. Es ist eine glückliche Zeit, in der wir leben. Eine gewisse Rasse krächzender Seelen, die nie zufrieden sind, schreien beständig über die schlechten Zeiten. Sie rufen: „O, hätten wir die guten, alten Zeiten!“ Nun, dies sind die guten, alten Zeiten; die Zeit war nie so alt, wie sie jetzt ist. Dies sind die besten Zeiten. Ich denke, mancher alte Puritaner würde aus seinem Grabe springen, wenn er wüßte, was jetzt geschähe. Wenn sie von der großen Bewegung in Exeter-Hall hören könnten, so würde mancher unter ihnen, der einst gegen die Kirche Englands focht, seine Hand zum Himmel aufheben und rufen: „Mein Gott, ich lobe Dich, daß ich einen solchen Tag wie diesen sehe!“ In diesen Zeiten werden manche Schranken niedergebrochen. Die bigotten Menschen sind ängstlich; sie schreien ganz verzweifelt, weil sie denken, Gottes Kinder würden bald zu viel Liebe füreinander haben. Sie sind ängstlich, daß es mit dem Geschäft der Verfolgung bald zu Ende sein wird, wenn wir immer einiger werden. Deshalb erheben sie ein Geschrei und sagen: „Dies sind keine guten Zeiten.“ Aber wahre Liebhaber Gottes werden sagen, daß sie keine besseren Tage als diese gesehen haben; und sie blicken alle hoffnungsvoll nach noch größeren Dingen aus. Wenn ihr Bekenner der Religion nicht überaus ernst im Gebet seid, so wird es zu eurer Unehre gereichen, daß ihr die schönste Gelegenheit, die Menschen je hatten, versäumt habt. Ich denke, eure Väter, die in Tagen lebten, da große Männer auf der Erde waren, die mit viel Macht predigten, - ich denke, wenn sie nicht gebetet hätten, wären sie ebenso untreu gewesen, wie ihr es sein würdet. Denn jetzt wird das Schiff von der Flut getragen. Wenn ihr jetzt schlaft, werdet ihr nicht in die Mündung des Hafens einlaufen.

Niemals während der letzten hundert Jahre schien die Sonne des Wohlergehens völliger auf das Volk des Herrn als jetzt. Jetzt ist eure Zeit: versäumt jetzt euren Samen zu säen in dieser guten Saatzeit; versäumt jetzt eure Ernte einzusammeln in diesen guten Tagen, wo sie reif ist, und dunklere und gefährlichere Tage mögen kommen, wo Gott sagen wird: „Weil sie nicht zu mir schreien wollten, als ich meine Hände ausstreckte, sie zu segnen, will ich meine Hand abziehen und sie nicht mehr segnen, bis sie mich wiederum suchen.“ Und nun zum Schluß. Ich habe einen jungen Mann hier, der kürzlich bekehrt worden ist. Seine Eltern können ihn nicht leiden; sie setzen ihm den stärksten Widerstand entgegen und drohen, wenn er nicht abließe zu beten, würden sie ihn aus dem Haus stoßen. Junger Mann! Ich habe dir eine kleine Geschichte zu erzählen. Es war einst ein junger Mann in deiner Lage: er hatte angefangen zu beten, und sein Vater wußte es. Er sagte zu ihm: „Johannes, du weißt, ich bin ein Feind der Religion, und in meinem Haus soll nie gebetet werden.“ Dennoch fuhr der junge Mann mit ernstem Flehen fort. „Wohl,“ sagte der Vater eines Tages in heißem Unwillen, „du mußt entweder Gott aufgeben oder mich; ich schwöre feierlich, daß du nie wieder über meine Schwelle treten sollst, wenn du dich nicht entschließt, das Beten aufzugeben. Ich gebe dir bis morgen Zeit zur Wahl.“ Die Nacht wurde von dem jungen Gläubigen im Gebet zugebracht. Er stand am Morgen auf, traurig, von seinen Verwandten verstoßen zu werden, aber entschlossen, seinem Gott zu dienen, komme, was da wolle. Der Vater redete ihn barsch an: „Nun, was ist deine Antwort?“ „Vater,“ sagte er, „ich kann mein Gewissen nicht vergewaltigen, ich kann meinen Gott nicht verlassen.“ „Gehe augenblicklich,“ sagte er. Und die Mutter stand da; des Vater Härte hatte auch sie hart gemacht, und obwohl sie geweint haben mochte, verbarg sie doch ihre Tränen. „Geh' augenblicklich,“ sagte er. Als er über die Schwelle trat, sagte der junge Mann: „Ich wünschte, du erfüllst mir eine Bitte, ehe ich gehe, und wenn du das tust, will ich dich nie wieder belästigen.“ „Gut,“ sagte der Vater, „du sollst haben, was du willst, aber merke dir, du gehst, nachdem du das erhalten hast; du sollst nie wieder etwas haben.“ „Es ist,“ sagte der Sohn, „daß du und meine Mutter niederkniet und mich für euch beten laßt, ehe ich gehe.“ Nun, dagegen konnten sie kaum etwas einwenden; der junge Mann kniete sofort nieder und begann mit solcher Salbung und Kraft zu beten, mit solch sichtbarer Liebe zu ihren Seelen, mit solch wahrem und göttlichem Ernste, daß beide Eltern niederfielen, und als der Sohn aufstand, lagen sie noch da; und der Vater sagte: „Du brauchst nicht zu gehen, Johannes, komm und bleibe, komm und bleibe;“ und es dauerte nicht lange, bis nicht bloß er, sondern sie alle anfingen zu beten, und sie schlossen sich einer christlichen Gemeinde an. Deshalb gebt nicht nach. Bleibt freundlich, aber fest.

Es mag sein, daß Gott euch in den Stand setzt, nicht nur eure eigenen Seelen errettet zu wissen, sondern das Werkzeug zu sein, eure euch verfolgenden Eltern zum Fuße des Kreuzes zu bringen. Daß dies der Fall sein möge, ist unser ernstes Gebet. Amen.

„Mein Gott, ich klopf' an Deine Pforte
Mit Seufzen, Fleh'n und Bitten an!
Ich halte mich an Deine Worte:
„Klopft an, so wird euch aufgetan.“
Ach, öffne mir die Gnadentür!
In Jesu Namen steh' ich hier.

Wer kann doch etwas Gutes haben,
Das nicht von Dir den Ursprung hat?
Du bist der Geber aller Gaben,
Bei Dir ist immer Rat und Tat,
Du bist der Brunn', der immer quillt,
Das Gut, das alle Sehnsucht stillt.

Drum nah' ich Dir mit meinem Beten,
Das herzlich, gläubig, kindlich ist.
Der mich heißt freudig vor Dich treten,
Ist mein Erlöser Jesus Christ;
Und der in mir das Abba schreit,
Ist, Herr, Dein Geist der Freudigkeit!

Gib, Vater, gib nach Deinem Willen,
Was Deinem Kinde nötig ist!
Nur Du kannst mein Verlangen stillen,
Weil Du die Segensquelle bist.
Doch gib, o Geber, allermeist,
Was mich dem Sündendienst entreißt!

Verleih' Beständigkeit im Glauben,
Laß meine Liebe innig sein!
Will Satan mir das Kleinod rauben,
So halte der Versuchung ein,
Damit mein schwaches Fleisch und Blut
Dem Feinde nicht den Willen tut.

Verleihe mir ein gut' Gewissen,
Das weder Welt noch Teufel scheut.
Wenn Züchtigungen folgen müssen,
So schick' sie in der Gnadenzeit.
Vergib die Schuld durch Jesu Blut,
Und mach' mein Böses wieder gut.

Ich darf nicht bloß um Freude bitten,
Und daß mich Kreuz verschonen soll;
Mein Heiland hat ja selbst gelitten,
Drum leid' ich mit Ihm freudenvoll.
Doch wird Geduld mir nötig sein,
Die wollest Du mir, Herr, verleih'n!

Das andre wird sich alles fügen,
Ich möge arm sein oder reich.
An Deiner Huld laß ich mir g'nügen.
Die macht mir Glück und Unglück gleich.
Trifft auch das Glück nicht häufig ein,
So laß mich doch zufrieden sein.

O Gott, was soll ich mehr begehren?
Du weißt schon, was ich haben muß.
Du wirst nur Gutes mir gewähren,
Denn Jesus macht den frohen Schluß:
Ich soll in seinem Namen fleh'n,
So werde, was mir nützt, gescheh'n.

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