Spurgeon, Charles Haddon - Eine gewichtige Aufgabe.

Gehalten am Sonntag, den 26. März 1876.

„Behaltet euch in der Liebe Gottes.“ Judä 21.

Judas giebt ein schreckliches Gemälde von dem, was in den letzten Tagen geschehen wird. Er beschreibt Abtrünnige und malt sie in den schwärzesten Farben, und er sagt uns, daß zu der letzten Zeit Spötter kommen werden und mit ihnen Rotten und Fleischliche, die alle die Kirche des lebendigen Gottes angreifen werden. Es ist sehr natürlich, daß er, nachdem er unsre Gegner vorher verkündigt und beschrieben, und uns so die Heere, die sich zum Streit versammeln, betrachten läßt , nun auch uns unterweist, wie wir unsre Vertheidigung vorzubereiten und unsre Kräfte in Schlachtordnung aufzustellen haben. Im 20. und 21. Verse seiner Epistel nennt Judas das große christliche Festungsviereck, die vier Forts, die wohl bemannt und sorgfältig behauptet werden müssen, wenn wir den anrückenden Feind zurückschlagen wollen. Ich werde eure Aufmerksamkeit auf die vier wichtigen Punkte lenken, obgleich ich es in größter Kürze thun muß.

Der Apostel sagt: „Ihr aber, meine Lieben, erbauet euch auf euren allerheiligsten Glauben.“ Erbauung ist eine große Vertheidigung gegen die Angriffe der Zweifler und Ketzer. Diese finden ihre Beute unter den Unwissenden und Unbefestigten, aber es gelingt ihnen nicht, diejenigen zu stürzen, die in der Wahrheit gegründet und gewurzelt sind. Wir müssen beständig erbauet werden; die großen Wahrheiten des Evangeliums mehr lehren, mehr lieben und mehr leben. Wir müssen dahin sehen, daß die Grundlage die richtige ist, denn es ist unnütz, oder schlimmer als unnütz, auf falschen Grundsätzen erbaut zu werden; „auf unserm allerheiligsten Glauben“ muß das Gebäude gegründet werden. Wir sollten so in den Lehren von der Gnade befestigt sein, daß wir ihre Heiligkeit erkennen und unser eignes Leben darnach einrichten. Nur ein „allerheiligster Glaube“ bringt der Seele Sicherheit und Wehe dem Menschen, der sich mit irgend einem andern zufrieden giebt. Seht denn, Brüder, um die Uebel dieser letzten Zeit abzuwehren, müssen wir uns bemühen, selber die Wahrheit kennen zu lernen, und versuchen, unsre Brüder darin zu unterweisen. Persönliche und gegenseitige Erbauung in der Gemeinde sollte eifrig betrieben werden, als eine der besten Schutzwehren gegen das Eindringen des Irrthums.

Das zweite sehr nöthige Vertheidigungsmittel in der Gemeinde ist Andacht. „Beten in dem heiligen Geist“ ist die beste Waffe, womit die Heere Gottes die Armeen des Feindes in Verwirrung bringen werden. Die Gebete der Heiligen sind die mächtige Artillerie, womit die Mauern unsers Jerusalems beschützt werden. Bitten ist ein Geschütz, das furchtbare Kugeln auf den anrückenden Feind schleudert, wie Sanherib erfuhr, als Hiskia zu Gott betete. Die Gebete indessen müssen tief geistlich sein, auf das Herz geschrieben von dem heiligen Geist und mit der Kraft, die er uns verliehen, dargebracht. Formelle, leblose Bitten sind nur eine chinesische gemalte Festung, aber das Gebet im heiligen Geist ist ein unüberwindliches Schloß. Dieses „unaussprechliche Seufzen“ ist ein schweres Geschütz, das die Pforten der Hölle erzittern macht. Wir müssen unsre Herzen unter den Einfluß des Geistes Gottes stellen und sie dann in beständiger Fürbitte zu Gott emporheben, dann kann keine Furcht da sein in Betreff der Behütung unsrer Seelen vor dem Irrthum der Gottlosen. Eine betende Gemeinde prüft bald die Geister der falschen Propheten und stößt sie aus als böse. Ich habe mehr Glauben an das Gebet als an Disputieren. Haltet die Betstunden recht, liegt dem einsamen Gebet mit Ernst ob, und wir können alle Sophismen der Ungläubigen und Betrüger verlachen.

Judas nennt darnach als eine dritte wichtige Sache die Liebe der Gemeinde. Wenn die Herzen der Mitglieder im rechten Zustande sind, so können Spötter und Hohnsprecher wenig gegen dieselben thun. „Behaltet euch in der Liebe Gottes;“ denn eine warmherzige Gemeinschaft von Christen, die den Herrn von ganzem Herzen lieben und von ganzer Seele, wird wahrscheinlicherweise nicht von Spöttern und Fleischlichgesinnten überwunden werden. Die Liebe zu Gott wird wie eine feurige Mauer um sie her sein. In schläfrigen, verfallenden Gemeinden wachsen Irrthümer, wie das Epheu an den zerbröckelnden Mauern einer alten Abtei, aber Leben, Eifer, Ernst, Wärme werfen diese Uebel ab, wie eine rothglühende Eisenplatte die Tropfen in Dampf verwandelt, die darauf fallen. Liebet Gott, so werdet ihr nicht falsche Lehren lieben. Erhaltet das Herz der Gemeinde im rechten Stande, so wird der Kopf nicht verkehret werden; laßt sie in der Liebe Jesu bleiben und sie wird in der Wahrheit bleiben.

Der vierte Punkt, auf den er unsre Aufmerksamkeit lenkt, ist unsre glänzende Erwartung, „und wartet“ sagt er, „auf die Barmherzigkeit unsres Herrn Jesu Christi zum ewigen Leben.“ Erwartet, daß Christus kommen wird, und kommen mit unverdienten Segnungen, welche die Barmherzigkeit Gottes gegen uns enthüllen werden; erwartet, daß, wenn er kommen wird, es sein wird, um unsern Streit zu enden, den Satan unter unsre Füße zu treten und das ewige Leben, welches er schon in uns gepflanzt hat, zu offenbaren und vollkommen zu machen. In der Erwartung des sichern Kommens Christi, wird die Kirche sich nicht fürchten vor den hohen, aufgeblasenen Worten der Menschen, noch ihr Murren fürchten. Sie wird eine Antwort haben auf die Frage der Tyrannen: „Wo ist die Verheißung seiner Zukunft?“ Sie wird erwidern: „Siehe, der Herr kommt mit viel tausend Heiligen, Gericht zu halten über alle, und zu strafen alle ihre Gottlosen, um alle Werke ihres gottlosen Wandels, damit sie gottlos gewesen sind, und um alles das Harte, das die gottlosen Sünder wider ihn geredet haben.“ Wenn die Kirche zuerst „erbaut“ und dann „wartet“ von ihrem Wachtthurm, so wird sie den Mächten des Bösen trotzen in der Zuversicht des Sieges bei der Erscheinung ihres Herrn.

Brüder, wenn die dunkelsten Zeiten kommen sollten, so werden wir vollkommen sicher gegen die listigen Anläufe des Erzfeindes sein, wenn wir über diese vier Punkt sorgfältig wachen. O, Knechte des lebendigen Gottes, sucht von ganzem Herzen die Erbauung der Heiligen, haltet eure Andacht warm, eure Neigungen rein und laßt eure Erwartung glänzend sein, denn dann werden wir fest stehen, bis der Sturm vorüber ist. In der Aussicht darauf mögen wir mit Judas singen: „Dem aber, der euch kann behüten ohne Fehler und stellen vor das Angesicht seiner Herrlichkeit unsträflich mit Freuden; dem Gott, der allein weise ist, unserem Heilande, sei Ehre und Majestät und Gewalt und Macht nun und zu aller Ewigkeit. Amen.“

Diesmal nehmen wir die dritte der vier Ermahnungen als unsern Text: „behaltet euch in der Liebe Gottes.“ Dies mag sich auf gegenseitige Aussicht beziehen, und ich zweifle nicht, daß er das thut. Christen sollten dahin arbeiten, sich einander in Gemeinschaft mit Gott zu erhalten, und wenn sie einen Bruder in seiner Anhänglichkeit an den Herrn kalt werden sehen, so ist es ihre Pflicht, zu versuchen, durch sanfte Vorstellungen, Tröstungen und Ermahnungen das Herz des Abweichenden zu seinem früheren Eifer zurückzuführen. „Behaltet euch in der Liebe Gottes,“ das heißt, übt gegenseitige Aufsicht aus, wacht Einer über den Andern, damit nicht Einige nach und nach das Gefühl der Liebe Gottes verlieren. Laßt nicht den Wolf hier ein Lamm stehlen und da ein Schaf, und so unsre Zahl, als eine Kirche vermindern, sondern bittet um die Hülfe des Geistes, daß ihr euch und eure Brüder in der Nähe des großen Hirten halten möget, denn dann werdet ihr sicher sein. Gegenseitige Aufsicht soll indeß nicht das Thema dieser Morgenpredigt sein. Ich muß den Text zu einer persönlichen Pflicht hinunter zwängen: laßt einen Jeden sich selber in der Liebe Gottes behalten.

Manchem Gemüthe wird diese Ermahnung etwas unvorsichtig erscheinen. Ich bin ganz gewiß, wäre ich der, der den Anspruch gethan, so würden meine sehr orthodoxen Brüder ernste Einwendungen machen und sagen: „Wir werden durch die Kraft Gottes durch den Glauben zur Seligkeit erhalten, und uns ermahnen, uns selber zu behalten, ist nutzlos, fleischlich, gesetzlich.“ Diesen erwiedere ich: „Lieben Brüder, der Anspruch ist nicht von mir, und deshalb, wenn ihr irgend etwas daran auszusetzen habt, wollt ihr so freundlich sein, euch zu erinnern, daß euer Streit mit dem heiligen Geiste ist, und nicht mit mir. Ich finde das Wort in der Offenbarung und habe weder Macht noch Wunsch, es auszustreichen. Ueberdies, ich finde in dem Worte Gottes viele andere Ermahnungen, gegen welche derselbe Einwand erhoben werden kann, und ich habe weder die Absicht, sie zu verdrehen, so daß sie etwas anderes bedeuten, noch es zu vermeiden, sie auszulegen aus Furcht, nicht für orthodox gehalten zu werden. Mit halben Auge kann man sehen, daß wir, während wir in der heiligen Schrift gelehrt werden, daß wir nichts ohne Christum thun können, doch zu gleicher Zeit ermahnt werden, sehr vieles zu thun und selbst geheißen werden, vollkommen zu sein, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist. Wenn dieses inconsequent ist, so ist es die Inconsequenz der Bibel und ich beuge mich davor und überlasse es Anderen, zu mäkeln, wenn es ihnen beliebt. Alle Macht, Gutes zu thun, kommt von dem heiligen Geist, und aller Wille zum Guten kommt aus derselben Quelle, doch wird uns geheißen, das Rechte zu thun, so frei als wenn wir es auch uns selbst thun könnten. Auch sind die Ermahnungen des Wortes Gottes nicht in wohlverwahrter Sprache abgefaßt und mit einschränkenden Zusätzen eingehegt. Die heilige Schrift verwahrt ihre Ausdrücke selten, sondern spricht sich frei aus, und während Menschen so fürchten, mißverstanden zu werden, daß sie oft Parenthesen und Erklärungen einstreuen, und so der Wirkung dessen, was sie sagen, schaden, finden wir, daß der heilige Geist ausspricht, war er zu sagen hat und es dem unterrichteten Gläubigen überläßt, sich jener anderen Wahrheiten zu erinnern, welche der eben vorliegenden Lehre das Gleichgewicht halten. Wir sind zu furchtsam in Betreff der Wahrheit, sie braucht keine Rüstung, ihre nackte Schönheit ist ein besserer Schutz als ein Panzer. Wie Niemand daran denkt, die Sonne an einem Wintertage in eine wollene Decke einzuhüllen, so brauchen wir die Wahrheit nicht ängstlich zu hüten und zu schützen; laßt sie hervorleuchten und sie wir ihr eigener Dolmetscher sein.

Doch blickt auf den Zusammenhang und ihr werdet sehen, daß er die stolze Meinung nicht bestätigt, daß der Mensch sich ohne die Gnade Gottes bewahren könnte, denn das Wort, das unserm Text vorhergeht, heißt: „betet im heiligen Geist.“ Denkt daran, euch zu bewahren, aber thut das, indem ihr in dem heiligen Geist betet, und damit bekennt, daß ihr von seiner göttlichen Atmosphäre heraus, indem er sagt: „und wartet auf die Barmherzigkeit unsers Herrn Jesu Christi zum ewigen Leben;“ und dadurch anzeigt, daß euer Auge auf Jesum und nicht auf euch selbst gerichtet sein soll; und auf die Barmherzigkeit Gottes und keineswegs auf irgend welch’ eigenes Verdienst oder eigne Kraft. Meine Brüder, wir müssen nie fürchten, einer den andern zu ermahnen, wegen der Schriftlehre von dem Werk des heiligen Geistes; diese sollte uns vorwärts treiben und keineswegs uns zurück halten. Wir sollten nicht fühlen, als wenn unsre Zunge gebunden und unser Mund verbunden wäre, wenn wir praktische Vorschriften predigen, weil wir tröstliche Lehren glauben; laßt uns die ganze Wahrheit mit Gott gegebner Freiheit aussprechen, in der festen Zuversicht, daß Gott seine Wahrheiten mit einander vereinen kann in den Herzen und Erfahrungen seines Volks, und daß wir nicht nöthig haben, beständig in der Furcht zu schweben, seiner Wahrheit Schaden zu thun, als wenn sie zartes Eierschalen-Porzellan wäre, daß wir durch eine Berührung zerbrechen könnten oder ein Spinngewebe, daß von einer Handbewegung fortgefegt werden würde. Laßt uns die Wahrheit mit aller Kühnheit aussprechen, wie wir es sollten und sagen wie der Text es thut: „behaltet euch in der Liebe Gottes.“

Dies setzt indeß voraus, geliebte Freunde, daß ihr in der Liebe Gottes seid. Es ist nicht eine Ermahnung, die an Jeden gerichtet ist, denn einige Menschen sind nicht in der Liebe Gottes. Sie ist an die unter euch gerichtet, die in dieser Liebe sind, sich darin behalten.

Laßt mich denn damit beginnen, zu fragen, seid ihr in der Liebe Gottes? Nicht, seid ihr Empfänger der göttlichen Wohlthaten, denn die dehnt Gott über alle seine Geschöpfe aus – aber kennt ihr seine Liebe in Christo Jesu? Habt ihr an Jesum Christum zum ewigen Leben geglaubt und des Vaters Liebe in dem Angesichte Jesu strahlen sehen? Wenn ihr an dieselbe geglaubt habt, so habt ihr sie auch genossen, denn die Liebe Gottes ist in euer Herz ausgegossen durch den heiligen Geist, der euch gegeben ist, und ihr habt eine Freude empfunden, höher als alles, was diese Welt erschaffen kann. Wohlan denn, fahrt fort, an diese so tiefe, so starke, so wahre Liebe zu glauben. Bleibet auch in dem Genuß dieser Liebe und betet um mehr. Verliert nicht das Gefühl derselben dadurch, daß ihr sorglos lebt. Wenn ihr je diese Liebe gekannt habt, so ist es ganz gewiß, daß ihr Gott wieder liebt; deshalb fahrt fort, den Herrn zu lieben. Nährt die heilige Flamme göttlicher Liebe, bis sie ein allverzehrend Feuer wird. „O liebet den Herrn, ihr seine Heiligen.“ Mit eurem ganzen Herzen, mit eurer ganzen Seele und mit all’ eurer Kraft liebet den Herrn, und liebt euren Nächsten wie euch selbst. Besonders pflegt die Liebe unter allen Heiligen, denn auch dies ist die Liebe Gottes. „Bleibet fest in der brüderlichen Liebe.“ „Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus uns geliebet.“ Erhaltet euch in der Liebe Gottes; ihr seid in dieser Liebe, ihr glaubt daran, ihr genießt sie, sie strahlt aus euch wieder, ihr offenbart sie Andern, dann fahret fort mit beiden daran zu glauben und sie zu genießen, und bleibt dabei, sie zu entfalten und zu offenbaren in eurer Liebe zu Gott und zu Menschen.

Zwei Dinge heute Morgen und nur zwei; das erste soll sein: Beweggründe, um uns in der Liebe Gottes zu erhalten, und das zweite: Mittel, die uns helfen, dies zu thun.

I.

Zuerst, Beweggründe, „um uns in der Liebe Gottes zu behalten.“ Es ist, als wenn ein Hofmann, nachdem er die Gunst seines Fürsten erlangt, bei seinem Kommen an den Hof diesen guten Rath von seinem Freund erhielte: „Du sonnst dich jetzt in deines Fürsten Gunst, handle nun so, daß du deine Stellung behältst und niemals von seiner Gegenwart fortgeschickt wirst, um einen niedern Platz einzunehmen. Er ist nicht eigensinnig, aber er ist eifersüchtig, deshalb trage Sorge, daß du in dem Lichte seines Antlitzes weilen mögest.“ Gläubige sind immer Gottes Diener, aber sie werden nicht immer angelächelt; mögen sie so leben, daß sie nie dies Lächeln verlieren. Wenn wir im Winter unsrer Gesundheit wegen nach dem sonnigen Süden gehen, so räth der Arzt uns, uns so viel als möglich in der Sonne zu halten. Uns wird gesagt, daß unsre Zimmer nach der aufgehenden Sonne zu liegen müssen und wir uns von sonnenlosen Straßen oder Höfen fern zu halten haben. Dies ist ein weiser Rath, denn wenn man in Zimmern logiert, in welche die Sonne niemals scheint, so kann man eben so gut zu Hause im eignen kalten Lande sein; die Sonne ist der große Arzt und wenn wir uns in ihren Strahlen baden, finden wir Heilung unter ihren Flügeln. Es ist eben so mit der Liebe Gottes, „behaltet euch in ihr,“ sonnet euch in ihr den ganzen Tag. Die Blumen lehren uns dies, denn wenn die Sonne auf sie scheint, öffnen sie sich und wenden das Antlitz ihrem Lichte zu. Sie lieben sie und lassen sich gerne von ihren Strahlen küssen und halten sich deshalb, so viel sie können, in ihrem Glanze. Wenn Bäume auf einen Fleck gepflanzt werden, wo die Sonne sie nur von einer Seite erreicht, so strecken sie ihre Zweige der Sonne zu und suchen ihre Strahlen. Thut ihr dasselbe. Ihr seid in der Liebe Gottes, beharret darin, wachset darin, behaltet euch darin. Euer Vater liebt euch; geht nicht, wie der verlorne Sohn, hinweg von dieser Liebe, vergesst sie nicht, schätzt sie nicht gering, betrübt sie nicht, genießt sie, werdet dadurch erwärmt und immer mehr und mehr dadurch geheiligt.

Was soll der Beweggrund dafür sein? Es ist klar, alle Beweggründe, die dich zuerst vermochten, Gottes Liebe zu wünschen, sollten dich dahin leiten, dich darin zu erhalten. Wenn es für mich – einen armen Sünder mit zerbrochenem Herzen – von äußerster Wichtigkeit ist, die Liebe zu finden, die meine Wunden heilt, so ist es ebenso wichtig für mich, nachdem ich geheilt bin, in dieser Liebe zu bleiben, damit ich nicht wiederum verwundet werde. Wenn es für mich, als des Vaters verlorner Sohn, ein Großes war, zurückzukehren und wiederum den Kuß der Liebe zu empfangen und von ihm als Sohn anerkannt zu werden, so muß es ebenso gut für mich sein, zu Hause zu bleiben und nie wieder in die Fremde zu gehen. Das wahre Kind bleibt auf immer in dem Hause und ihm graut vor dem bloßen Gedanken, aus demselben fortzugehen. Ihr wisst, Geliebte, mit welchem Ernste ihr früher gebeten wurdet, nicht zu ruhen ohne die Liebe Gottes in Christo; nun, ich habe nur ein paar Minuten heute Morgen für jeden einzelnen Grund und deshalb will ich es euch überlassen, euch daran zu erinnern, welches die Gründe waren und sie euch recht einzuprägen. Was des Erlangens werth ist, ist auch des Behaltens werth. Wenn die göttliche Liebe des Suchens werth war, selbst wenn ihr berufen worden wäret, euer Leben in dem Suchen darnach hinzugeben, so ist sie eben so des Bewahrens werth, koste es, was es wolle. Ich habe gehört, daß Viele, die geschickt im Gelderwerben gewesen sind, nicht verstanden haben, ein Vermögen zusammen zu halten, nachdem sie es gewonnen, und ich fürchte, es giebt viele Christen, die mit großen Eifer eine hohe Stufe im Genusse der Liebe Gottes erreichen, und sehr warm und ernst den Weg Gottes wandeln, aber sie können ihre Inbrunst nicht erhalten und nach einer Weile fallen sie in Lauheit zurück. Viele gelangen in das Sonnenlicht der vollen Zuversicht, aber bald verlassen sie es und Zweifel und Befürchtungen verdunkeln ihr Gemüth und Fühllosigkeit und Gleichgültigkeit machen es kalt, und so behalten sie sich nicht in der Liebe Gottes, wie sie es thun sollten. Laßt es nicht so mit euch sein, sondern höret eures Meisters Worte, wenn er spricht: „Bleibet in mir.“ Wenn die Liebe in der Seele des Erlangens werth ist, ist sie des Behaltens werth, – bleibt in ihr.

Dann zunächst: wir sind es Gott schuldig, in seiner Liebe zu bleiben. Brüder, schon unter dem Gesetz sollte ich wissen, daß Gott mich liebt, mich darüber freuen und ihn wieder lieben, denn es ist das vornehmste Gebot in seinem Gesetz für Israel: „Du sollst lieben Gott, deinen Herrn, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüthe;“ und das, weil er seine Liebe Israel geoffenbart hat, denn die Einleitung zu den Geboten lautet: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Egyptenland, aus dem Diensthause, geführet habe.“ Er beansprucht ihre Liebe, wegen seiner Liebe zu ihnen. Noch weit mehr ist es so unter dem Evangelium. Diese unvergleichliche Entfaltung der göttlichen Barmherzigkeit sollte auf uns wirken als ein göttlicher Einfluß, sie sollte uns schmelzen, erneuern, zurückhalten, zwingen und regieren. Indem wir ihre Segnungen empfangen und über ihre Herrlichkeit nachdenken, sollte sie auf uns wirken, wie die Flamme auf das Wachs. Von den Flammen ihrer Liebe berührt, sollten unsre Herzen in liebender Dankbarkeit brennen, wie Wachholderkohlen. Gott in dem Evangelium sehen und ihn nicht lieben? Es ist ungeheuerlich! Brüder und Schwestern, wenn ihr einen Antheil an dem Gnadenbunde habt, so muß die Liebe Gottes mit ihrer überwältigenden Macht euch unter ihrer Herrlichkeit halten. Daß die Liebe Gottes empfunden und erwiedert wird, ist eine Pflicht, aber zu derselben Zeit ein unbegrenztes Vorrecht.

Gedenkt daran, daß Gott seinem Wesen nach Liebe gebührt. Eine solche Natur, wie die seine, muß die Liebe jedes vernunftbegabten und rechtgesinnten Geschöpfes anziehen. Einen solchen Gott nicht zu lieben, würde erneuerten Herzen unmöglich sein. Er offenbart sich als der Vater, Sohn und Geist und entfaltet in jeder göttlichen Person eine heilige Form unvergleichlicher Güte, so daß ihn nicht lieben Niedrigkeit und Gemeinheit wäre. Gottes Natur fordert es und unsre Natur kann nicht ohne dies ruhen, ich meine natürlich unsre wiedergeborne Natur. Gnade hat uns zu Kindern Gottes gemacht und wahre Kinder müssen ihren Vater lieben. Es kann nicht sein, daß das Leben Gottes in eurer Seele ist, wenn kein Gefühl der göttlichen Liebe da ist und keine Gegenliebe für den, von dem sie kam. Wie die Funken die Sonne suchen, welche die Mutter der Flamme ist, so sucht die Liebe Gottes in der Seele in warmen Zuneigungen und Mittheilungen den Gott, der sie gab. Ihr könnt nicht Gottes Kinder sein und ihn doch nicht lieben. Wohlan denn, da Gesetz und Evangelium, da seine Natur und eure erneuerte Natur, da Vater, Sohn und Geist Alle Anrechte auf euer Herz haben, o, wenn ihr den Herrn Jesum liebt, „behaltet euch in der Liebe Gottes.“

Erinnert euch auch, lieben Brüder (und dies ist ein starker Antrieb), daß Liebe der Beweis des Glaubens ist und der Gnade, durch welche der Glaube wirkt. Der Glaube, welcher die Seele selig macht, ist immer von der Liebe begleitet. Es steht geschrieben: „Der Glaube ist durch die Liebe thätig.“ „Der Glaube ohne Werke ist todt,“ aber Glaube ohne Liebe ist Glaube ohne Werke, deshalb ist der Glaube ohne Liebe ein todtes Werk und kann unmöglich eine Seele selig machen. Du sagst: „ich glaube an Jesum Christum;“ mein lieber Bruder, wenn das wahr ist, so hast du es schon durch Liebe zu Gott bewiesen: deshalb beweise es ferner durch Beharren in der Liebe bis an’s Ende. Möge der heilige Geist dir helfen, das zu thun.

Ein anderer Beweisgrund liegt hier – die Liebe Gottes ist der Quell aller unsrer Gnaden. Ich schließe in den Ausdruck „die Liebe Gottes“ beides ein, Gottes Liebe zu uns und unsre Liebe zu Gott, denn sie sind sehr Ein und dasselbe. Laßt mich ein Bild gebrauchen: Du hast ein Brennglas und du hältst es gegen die Sonne, bis du die Strahlen auf ein Stück trockenen Holzes zusammen drängst und es in Brand setzt. Nun, während du das Holz zu Asche brennen siehst, willst du mir sagen, was es ist, das brennt? Brennt die Hitze der Sonne das Holz oder brennt das Holz? Die Hitze, welche du fühlst, während das Holz brennt, gehört sie der Sonne oder dem Holze an? Natürlich, zuerst ist das Feuer rein und einfach die Flamme der Sonne, aber nachher beginnt das Holz selber zu brennen; eben so kommt die Liebe Gottes in unser Herz und dann liebt unser Herz auch, in beiden Fällen ist „die Liebe von Gott.“ Niemand ist ein Christ, wenn er nicht selber Gott liebt mit seinem eignen Herzen, aber doch ist unsre Liebe zu Gott nichts mehr noch weniger als der Wiederschein von Gottes Liebe zu uns, so daß es auf Eins hinausläuft. Die Liebe Gottes, ob seine zu uns oder unsre zu ihm, ist thatsächlich eine und dieselbe. Diese, sage ich, müssen wir in unsren Seelen behalten, weil sie die Quelle jeder Tugend ist: Niemand kann etwas in rechter Weise thun, wenn er Gott nicht liebt. Ohne Liebe zu Gott, wo ist Eifer für seine Ehre? Wo ist geduldiges Ertragen um seinetwillen? Wo ist freudiger Gehorsam gegen ihn? Ohne Liebe zu Gott, wo ist wahre Erkenntniß Gottes? Kann Jemand einen Gott kennen, den er nicht liebt? Ohne Liebe zu Gott, kann da irgend eine Handlung vor ihm angenehm sein? Brüder, wenn ihr mehr Liebe habt, so werdet ihr mehr von jeder Gnade haben, eure Liebe wird der Prüfstein für die Gesundheit eures Zustandes sein. Wenn die Liebe brennt, so flammt unsre ganze Natur von einem heiligen Feuer, aber wenn die Liebe nur glimmt, so ist jede Gnade nur wie ein glimmender Docht. Die Liebe muß erhalten werden, als das erste Erforderniß des göttlichen Lebens, wenn wir wirklich Gott verherrlichen wollen.

Behaltet euch in der Liebe Gottes, weil eure Liebe, obgleich sie alles ist, was ihr geben könnt, doch sehr gering ist. Gesetzt, ihr liebet Christum mehr, als irgend ein Heiliger, der je lebte, mehr als Apostel und Märtyrer, doch, frage ich euch, was ist die höchste erdenkbare Liebe verglichen mit der Liebe Christi zu euch? Wenn ihr die Vortrefflichkeit des göttlichen Wesens betrachtet, verdient er nicht eine weit stärkere Bewunderung und Neigung, als die, deren wir bis jetzt noch fähig gewesen sind? Unser ganzes Herz ist zu klein, laßt es nicht getheilt werden. Wachset täglich in die Liebe und gebt ihm all’ eure Zuneigung. Bedenkt, wenn ihr ihm nicht eure ganze Liebe gebt, so gebt ihr ihm nichts. Wenn ihr euren Leib brennen ließet und hättet keine Liebe zu Gott, so wäre es euch nichts nütze. Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, wenn ich durch die ganze Welt ginge, um das Evangelium von Christo zu predigen, wenn ich mit unerschrockenen Muthe den Pforten der Höllen trotzte, doch, wenn ich Gott nicht liebte, was würde dies alles sein, als ein todtes Opfer, das auf seinem Altar nicht angenommen werden könnte? Behaltet euch denn, theure Freunde, in der Liebe Gottes, denn dies ist das Wenigste, was ihr thun könnt.

Bedenkt auch, daß wir dem Herrn unsre Liebe geben müssen, sonst wird diese Liebe sich anders wohin wenden. Wir sind so geschaffen, daß wir irgend etwas lieben müssen. Wenn der Hochgelobte unsre Liebe nicht gewinnt, so wird die Welt, das Fleisch oder der Teufel sie erhalten. Die schlimmste Zauberin in der ganzen Welt ist die Welt selber und sie hält bald den Menschen festgebannt, der in seiner Liebe zu Jesus kalt wird. Ihr trachtet dem einen oder andern Götzen nach, meine Brüder, wenn Gott euch nicht Alles in Allem ist. Wenn seine Liebe nicht sehr süß in eurem Innern ist und euch nicht treibt, ihn inbrünstig zu lieben, so werdet ihr entweder unter die Herrschaft irgend einer Lust oder Leidenschaft oder Sünde fallen, oder euer Herr wird von dem Rost der Sorge, des Geizes und der Weltlichkeit angefressen und verzehrt werden. Euer Herz kann nicht vom Lieben abgehalten werden, seine einzige Sicherheit liegt darin, daß ihr es in der Liebe Gottes behaltet.

Als einen Beweggrund, Gott zu lieben, möchte ich euch daran erinnern, daß darin Seligkeit liegt. Ohne eine Ausnahme ist dies die Regel, daß der, welcher Gott am meisten liebt, am glücklichsten ist. „Aber es müssen Ausnahmen da sein,“ sagt Jemand. „Wenn Einer im Gefängnis ist, wenn er am Vorabend eines grausamen Todes ist, wird die Liebe Gottes ihn mit Freude erfüllen?“ Sie hat dies manches Mal gethan. „Aber wenn ein Mensch vom Reichthum umgeben ist, wenn ihm Gesundheit und jede Annehmlichkeit des Lebens zu Theil geworden, sicherlich, so kann er ohne die Liebe Gottes in seiner Seele glücklich sein.“ Es sind reichliche Beweise dafür vorhanden, daß es nicht so ist, denn die am meisten begünstigten Kinder dieser Welt empfinden in Kurzem Ekel an ihren Freuden, und die Ehrlicheren unter ihnen haben erklärt, daß sie keine Befriedigung in all’ ihren Gütern finden könnten. Es braucht kaum eines Salomons, um uns zu sagen, daß die ganze Welt ohne die Liebe Gottes „Eitelkeit der Eitelkeiten“ ist. Ein Christ, wenn er am schlimmsten daran ist, ist in Wirklichkeit mehr zu beneiden, als ein Weltling, wenn er am besten daran ist. Ich will lieber ein Quentchen von der Liebe Gottes haben, als mit dem Reichthum von Nationen beladen sein. Wenn die Seele voll von der Liebe Christi ist, so scheint sie über die gewöhnliche menschliche Natur hinaus gehoben; sie brennt mit heiligem Feuer, und im Glühen steigt sie auf Flammenflügel empor und schwebt gen Himmel. Die Füße der Liebe sind gleich den Füßen der Hindin, so daß sie auf den Höhen der Erde einhertritt und Sorgen und Zweifel unter sich läßt, wie die Hindin der Berge die Sümpfe der Ebene diejenigen überlässt, die nicht steigen können. Die Liebe Gottes erzeugt einen Enthusiasmus und eine heilige Inbrunst in die Seele, welche die Menschen über sich selbst hinaushebt und ihnen eine Art von himmlischen zweiten Leben verleiht, einem göttlichen Furore, durch welchem die Seele wie auf Adlersflügeln hinauf getragen wird und in unaussprechlicher Freude triumphirt. Dies macht die Menschen zehnmal stärker, tapferer, erhabener, glücklicher, als sie vorher waren. Ich glaube, um den Engeln gleich zu werden, haben wir nur Gott mehr zu lieben, und um uns höher, denn die Engel zu machen, wie wir es im Himmel sein werden, wird nicht nöthig sein, als uns mit einer noch höhern Liebe als die der Engel zu füllen.

Brüder, dies soll mein letzter Beweggrund sein, erlangt Liebe für Gott und behaltet sie, weil sie euch Jesu gleich machen wird. Jesus Christus, euer Herr und Meister, lebte in der Liebe Gottes und war voll Liebe zu Gott und folglich voll Liebe zu den Menschen. Dies machte es seine Speise und seinen Trank, seines Vaters Willen zu thun. Das Geheimnis des Lebens Christi liegt in der Allherrschaft der Liebe bei ihm. Es war in der That verkörperte Liebe; in sein Herz war nie Selbstsucht, Ehrgeiz, Zorn, Grimm oder irgend eine Probe oder unrechte Triebfeder hineingekommen. Der Fürst dieser Welt fand nichts an ihm, weil Gott alles ihm hatte. Liebe schien ihn aufrecht und seine eigne Liebe zum Vater „kleidete ihn mit Eifer wie mit einem Rock.“ Habt Liebe, viel Liebe, wahre Liebe, aufopfernde Liebe, und ihr werdet Jesu gleich sein und geeignet, mit ihm im Himmel zu weilen. Liebe ist die wahre Luft des Paradieses, sie ist der Duft der Blume im neuen Eden. Lege deine schönen Kleider an, o Braut Jesu, die Kleider der Herrlichkeit und Schönheit, die deinem Range geziemen; die Kleider, welche des Bräutigams Liebe dir gewirkt hat. Gürte die Sandalen der Liebe an, die schöner sind als die Lilie und kostbarer als das Gold von Ophir. Angethan mit der Liebe Jesu sollst du scheinen, als wenn du mit der Sonne bekleidet wärest, während deine Liebe zu ihm dich in seinen Augen schön wie den Mond macht. Traget Liebe zu Jesu als eure Kleinodien und euren Schmuck, und wenn ihr sie anlegt, so sorgt dafür, daß ihr sie nie bei Seite legt, sondern sie beständig tragt, denn so wird der König Lust an eurer Schöne haben.

Hier sind einige Beweggründe aus einer Menge, aber da wir keine Zeit haben, sie alle zu nennen, müssen wir eurem eignen Gemüte die leichte Aufgabe überlassen, Gründe für die Liebe aufzufinden.

2.

Zweitens, die Mittel, um die Ermahnung des Textes auszuführen, sollen jetzt betrachtet werden. „Behaltet euch in der Liebe Gottes.“ Ich will nicht bei dem Gebete verweilen, weil das in dem Worte vor unserem Texte genannt ist; auch will ich in diesem Augenblick nicht euch einprägen, daß die Hülfe des heiligen Geistes bei diesem Werke nöthig ist, denn diese Wahrheit kennet und glaubet ihr alle und wir haben in letzter Zeit öfter davon geredet. Der Text hebt diese Lehre nicht hervor und deshalb will ich sie nicht weiter ausführen, nicht, weil ich sie unterschätzte, sondern weil sie gerade jetzt nicht unser Thema ist. „Behaltet euch in der Liebe Gottes,“ wie sollt ihr dieses thun?

Wohl, zuerst möchte ich sagen, Brüder, bemüht euch voll von dieser Liebe im gegenwärtigen Augenblicke zu sein. Wenn man mir sagte, daß eine Stadt belagert werden sollte und mir befehlen würde, die Leute während der Belagerung mit Lebensmitteln zu versorgen, so würde ich sogleich einen reichlichen Vorrath anschaffen, um während der Theuerung versehen zu sein. So, wenn ihr wünscht in der Liebe Gottes zu bleiben, habt jetzt viel Liebe und betet um mehr. O, daß wir die Liebe Gottes kennten, so sehr, wie sie nur gekannt werden kann! Seid gierig, seid hungrig, seid begehrlich darnach. Speichert sie auf, füllt eure Seele damit an, wie ein Mann seine Speicher und Kornkammern füllen würde, wenn er wüßte, daß eine Hungersnoth in’s Land käme. Bemerkt, daß gerade vor meinem Texte diese Worte stehen: „Ihr, meine Lieben, erbauet euch,“ das bedeutet wachsen und vergrößern. Das Mittel, euch in der Liebe Gottes zu erhalten, ist: mehr und mehr davon zu erlangen. Liebe ist gleich einem Feuer, welches, wenn es nicht immer mehr Holz verzehrt, niedrig brennt. Ihr könnt nicht stillstehen, wo ihr seid; um zu behalten, müßt ihr mehr an euch bringen. Napoleon pflegte zu sagen: „Eroberung hat mich zu dem gemacht, was ich bin, und Eroberung mich aufrecht erhalten.“ O Christen, bedenkt, daß ihr vorwärts oder rückwärts gehen müßt; ihr müßt höher und höher bauen, Liebe muß mehr und mehr in eurer Seele herrschen, sonst werdet ihr abnehmen. Wenn ihr warm bleiben wollt, seid jetzt warm. Ach, was für einen kleinen Vorrath von Liebe haben einige Christen! Ihr könnt lange in ihr Herz blicken, ehe ihr sie erspäht. Sie sind wirklich Gläubige und daher muß einige Liebe in ihrem Busen sein; aber ihr Oelkrug ist beinahe leer, es ist noch gerade ein wenig am Boden, kaum genug, das Holz des Gefäßes zu bedecken. Wir sollten uns nicht in so üblem Zustande befinden, denn wenn wir so wenig Gnade in günstigen Verhältnissen haben, was werden wir in Zeiten der Versuchung und Prüfung thun? Wenn das Herz voll zum Ueberfließen ist, dann ist Wahrscheinlichkeit da, daß seine Vorräthe aushalten werden, aber ein geringes Maß von Liebe lässt uns fürchten, daß es eine flüchtige Erregung ist und nicht die Liebe, die von Oben geboren ist.

Wenn ihr wünscht, euch in der Liebe Gottes zu erhalten, vermeidet alles, was eure Liebe schwächt. Vermeidet besonders die Sünde, denn Sünde ist Gift für die Liebe Gottes. Die Sündenliebe ist der Tod der Gottesliebe. Ich verstehe unter Sünde nicht blos die gröbern Formen des Lasters, sondern alles, was dahin zielt, die jungfräuliche Reinheit der Seele zu beflecken. Ich kenne einige Christen, die viel über ihren Mangel an Liebe zu Jesu klagen, über die Schwachheit ihres Glaubens und so weiter. Wenn ich sie aber in ihren Schlupfwinkeln aufspüre, finde ich, daß sie schlechten Umgang haben und an Vergnügungen und Gesellschaften theilhaben, wo die Liebe tief verwundet und beinahe getödtet wird. Ich lege ihrem eignen Gewissen die Frage vor, ob es wahrscheinlich ist, dass sie ihre Liebe zu Christo vermehren werden dadurch, daß sie hingehen, wo sein Name nicht angebetet und seine Sache nicht hoch gehalten wird. Ich hörte von Einem, der sich als einen Christen bekannte und behauptete, im Stande zu sein, das Theater zu besuchen und doch sehr in Gottes Nähe zu leben; und ich erinnere mich der Bemerkung eines Predigers, der sagte: „Wenn ich große Gnade in denen sehe, die das Theater besuchen, werde ich auch Preisrosen in meinem Kohlenkeller aufziehen.“ Ja gewiß, ich werde nicht blos Rosen, sondern Palmen und Citronen in den Kellern unter meinem Hause aufziehen, wenn dies sich so verhält. Der, welcher sagt, daß Lustbarkeiten ihm helfen in der Liebe Gottes zu wachsen, spricht eine Lüge aus. Das Gewissen verurtheilt den weltlichen Bekenner Christi, er kann nicht von einem Vergnügungsorte zurückkommen, wo die Ungöttlichen sich versammeln, ohne zu fühlen: „Ich bin da gewesen, wo ich kein Recht habe zu sein.“ Ich richte jetzt nicht die Welt draußen, ich habe es mit den Gliedern unserer Kirchen zu thun, die behaupten, daß sie abgesondert von der Welt sind. Wenn ein Weltling weltliche Vergnügungen liebt, wundere ich mich nicht darüber, noch wünsche ich ihm seine Freuden zu nehmen. Gerade wie man in Betreff der Schweine fühlt, daß die Träber haben sollten, denn sie sagen ihnen zu, und Niemand von uns begehrt einen Theil daran, so sagen wir von den Unbekehrten und ihren Leichtfertigkeiten. Aber der Fall ist anders bei den Kindern Gottes. O, Mann Gottes, laufen nicht mit der Menge. Liederlichkeiten, Lüsternheit, Ausgelassenheit und unreine Fröhlichkeit sind nicht für dich. Nein, „lasset sie nicht einmal unter euch genannt werden, wie den Heiligen zustehet.“

Ich möchte auch, daß ihr so viel möglich die Gesellschaft derer vermeidet, die eure Geistlichkeit tödten. Ich spreche gern in dem Hause des ärmsten christlichen Mannes vor, dessen Gespräch mich erbauet, aber, wenn ein Mann auch reicher ist, als ich bin, und seine Gesellschaft in mancher Weise mir erwünscht sein mag, wenn ich beim Hinausgehen aus seinem Hause finde, daß er Zweifel in meiner Seele erweckt hat, oder daß seine Sprache die Reinheit meines Gewissens befleckt hat, so bin ich verbunden, ihn zu meiden. Wenn das Geschäft mich in Verbindung mit ihm bringt, so muß ich gehen, sonst müßte ich die Welt räumen; aber ich will nicht als meinen Gefährten Jemand suchen, der mich in irgend einem Maße hindert, mich in der Liebe Gottes zu erhalten. Ebensowenig sollten wir Bücher lesen, die eine schädliche Wirkung auf das Gemüth haben. Ich wünschte, einige unserer jüngeren Freunde möchten diese Bemerkung recht beachten. Ihr habt oft wenig genug von der Liebe Gottes in euren Seelen, - ihr braucht nicht noch kaltes Wasser darüber zu gießen, indem ihr unnütze Romane darauf ausleert. Geht nicht in die kalte, frostige Luft der Irreligiösität und Eitelkeit. Brüder, legt alles bei Seite, daß euch hindert, Gott zu lieben und zu wissen, daß er euch liebt; und wenn ihr gefehlt habt und heute Morgen erkennt, daß ihr es gethan, seid nicht zornig über meinen Tadel, und lasst ihn euch nicht dahin führen, an euch selbst zu verzweifeln, denn die Zeiten eurer Unwissenheit übersieht und vergiebt Gott. Geht zu eurem himmlischen Vater und sprecht: „O Herr, hilf mir, diese Regel für mein Verhalten zu machen – daß, wenn irgend etwas mich hindert zu fühlen, daß du mich liebst und mich hindert, dich zu lieben, ich mich sogleich davon zurückziehen möge, und nichts mehr damit zu thun habe, denn du hast mich geheißen, mich in deiner Liebe zu behalten.“

Wenn ihr den Herrn lieben wollt, denkt viel darüber nach, was er ist und was er für euch gethan hat. Eure Verpflichtung gegen ihn ist überwältigen, versucht sie zu fühlen, so werdet ihr ihn lieben, weil er euch zuerst geliebt hat. Seht eure tägliche Abhängigkeit, eure stündliche Verpflichtung, und die Geduld, Beständigkeit, Treue und Zärtlichkeit, mit welcher er für euch sorgt. Hier brauche ich nicht mehr hinzufügen, denn ihr werdet nicht verfehlen, dies zu thun, wenn ihr in der That der göttlichen Gnade theilhaftig geworden seid.

Darnach, lieben Freunde, wenn ihr in der Liebe Gottes erhalten bleiben wollt, braucht ernstlich die Gnadenmittel. Versäumt nicht das Hören des Wortes, noch das Lesen desselben in der Einsamkeit, noch das Gebet im Kämmerlein, noch die Versammlungen der Heiligen. Kommt oft zu des Herrn Tisch; ihr werdet das ein gesegnetes Mittel finden, um den Puls eurer Seele rascher schlagen zu machen. Es sind Gottes Ordnungen, bestimmt, um eure Liebe zu kräftigen, seid nicht so stolz zu denken, daß ihr sie entbehren könnt. Ich fürchte, es giebt einige Christen, die so geschäftig sind, Gutes zu thun, daß sie sich nicht die Gelegenheit verstatten, Gutes zu erhalten. Unaufhörlich dringe ich auf die Christen hier ein, an irgend einem Werke für Christum thätig zu sein; und ich möchte wieder und wieder darauf dringen, aber einige von euch jungen Leuten sollten sich nicht vom öffentlichen Gottesdienste fern halten, um in Armschulen und anderswo zu lehren; ihr habt noch nicht Erkenntniß genug, nicht Kraft genug, um die Unterweisung entbehren zu können; und diejenigen unter euch, die mit halber Ration vorlieb nehmen zu können, werden weise sein, wenn sie es nicht thun, denn ein Mann, der jeden Tag so lange arbeitet, daß er nicht genug schläft oder genug ißt, wird auf die Länge weniger fähig zur Arbeit sein, als wenn er weniger zu thun versucht und sich mehr Zeit genommen, seinem Körper Ruhe und Nahrung zu geben. Bedenkt, daß Martha, obgleich sie sehr geschäftig war, nicht so sehr gelobt ward, wie Maria, die zu Jesu Füßen saß. Seid geschäftig wie Martha, aber liegt der Andacht ob, wie Maria, so werdet ihr euer Herz in der Liebe Gottes behalten.

Ihr werdet dies auch sehr thun, indem ihr Gemeinschaft mit dem Herrn habt. Bringt niemals einen Tag zu ohne eures Meisters Stimme zu hören. Komm nicht aus eurer Schlafkammer heraus, das Angesicht der Menschen zu sehen, ehe ihr das Angesicht Gottes gesehen habt. Laßt nicht Woche nach Woche vergehen, ohne Verkehr mit dem Himmel. Es giebt keinen Handelsverkehr wie diesen, sendet die Schiffe des Gebets zu der Goldküste der Gemeinschaft mit dem Herrn, und sie werden mit köstlichen Schätzen zu euch zurückkehren. Haltet viel Umgang mit dem hohen Unsichtbaren und eure Seele wird ihn sicher lieben; denn niemals kam ein Mensch Gottes nahe, ohne daß die Liebe Gottes in seine Seele floß.

Danach möchte ich sagen, wenn ihr Gott lieben wollt, so seht zu, daß ihr für ihn arbeitet. Wenn ich wünschte, daß Jemand mich lieben sollte und die Wahl zwischen zwei Dingen hätte, entweder etwas für diesen Mann zu thun oder ihn etwas für mich thun zu lassen, wenn mein einziges Ziel wäre, mir seine Liebe zu sichern, so weiß ich, was ich thäte; ich würde ihn mir einen Dienst thun lassen. Wenn ihr Jemandem eine Freundlichkeit erzeigt, so mag er undankbar sein und euch vergessen, aber wenn ihr ihn etwas für euch thun lasset, je mehr er für euch thut, desto mehr wird er euch Lebenslang anhängen. Deshalb werdet ihr Gott lieben, nicht bloß um deßwillen, was er für euch gethan hat, sondern ihr lieben, weil es euch verstattet gewesen ist, etwas für ihn zu thun. Leset das Lied der Debora, als sie und Barak die Feinde verjagt hatten. Ihr lest nicht viel von der Liebe zu Gott im Buch der Richter, aber am Ende ihres Liedes findet ihr davon: „Also müssen umkommen, Herr, alle ihre Feinde! Die ihn aber lieb haben, müssen sein, wie die Sonne aufgehet in ihrer Macht.“ Sie fühlte, dass sie Gott liebte, weil sie tapfer mit Barak das Heer des Herrn geführt hatte, und Liebe zu Gott war entzündet, während sie für ihn gefochten hatte. Geht und lehrt die Unwissenden, besucht die Kranken, helft den Armen und für die Verirrten zurück, und obgleich ihr meintet, daß ihr Christum nicht lieb hättet, so werdet ihr bald entdecken, daß ihr es thut. Trägheit ist ein Polster, um die Liebe zu ersticken, aber redlicher Dienst Jesu Christi ist eine Bühne, auf welcher die Liebe sich in all’ ihrer Schönheit zeigt und da sammelt sie auch ihre Kraft.

O, liebt den Herrn, ihr seine Heiligen, und wenn ihr noch ein anderes Mittel braucht, um euch in seiner Liebe zu behalten, dann lebt in der Erwartung, ihn zu sehen. Nichts entflammt eines Christen Liebe mehr, als das Gefühl wie viel er in der Vergangenheit empfangen und wie viel er in der Zukunft erwartet. Jesus kommt; ihr werdet bald bei ihm sein. Vielleicht, ehe eine andere Woche vergangen, werdet ihr sein Antlitz schauen. Gewiß, ihr fühlt schon jetzt das Entbrennen eines heißen Verlangens; eine Leidenschaft für ihn entspringt in eurer Seele und ihr wünscht, die zögernden Tage möchten fliehen, daß ihr in seinen Armen sein möchtet. Behaltet euch so in seiner Liebe. Möge Gott euch helfen, so zu thun, um Jesu Christi willen. Amen.

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