Spurgeon, Charles Haddon - Die Gewißheit der Vergebung der Sünden

„Du wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück.“
Jes. 38,17

Hiskia spricht hier von einer Sache, mit bezug auf welche er nicht den entferntesten Schatten eines Zweifels hegte. Er hatte seinem Gott vertraut, hatte sich auf das Verdienst des verheißenen Messias geworfen; und als das Ergebnis dieses Glaubens wurde ihm Gewißheit verliehen, so daß er nun mit freudiger Zuversicht singt: „Du, o mein Gott, der Allmächtige und Gerechte, wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück.“ O, welche freudenreiche Sache ist es, einen Strahl himmlischen Sonnenlichts in der Seele zu haben und die. Stimme Gottes selbst, wie Er in der Abendkühle in dem Garten unsrer Seele wandelt, zu hören, die da spricht: „Sohn, deine Sünden, deren viele sind, sind dir alle vergeben.“ Das Lispeln dieser himmlischen Stimme kann unser Herz wohl zu göttlicher Glückseligkeit erheben; es gibt eine Freude, welcher alle Fülle von Korn und Wein, alle Freude, welche die Reichtümer und Genüsse dieser Welt gewähren, nicht gleichkommt. Den Friedenskuß der Kindschaft zu empfangen, das beste Kleid anbekommen, den Ring an der Hand, die Schuhe an den Füßen haben, die himmlische Musik hören und den Reigen, mit welchem der verlorene Sohn in des Vaters Hause willkommen geheißen wird, - das ist in der Tat ein Entzücken, welches Welten aufwiegt.

Meine teuren Brüder, es gibt Prediger, welche in ihren Vorträgen sich fast beständig in solchen Genüssen ergehen, die die inneren Erfahrungen der Kinder Gottes betreffen; aber ich fürchte, sie machen dies zum Hauptgegenstand ihres Predigens, und lassen das ganze Christentum in ein System von Zuständen und Gefühlen aufgehen. Auf der andern Seite gibt es Brüder, welche beständig bei der Lehre von der Seligkeit durch den Glauben und durch den Glauben allein verharren, aber fast ganz vergessen, von der Erfahrung zu zeugen, welche das Ergebnis des Glaubens ist. Diese beiden nun irren gewiß; und doch beruht ihr Irrtum in einem gewissenhaften Verlangen, die Wahrheit zu verkünden. Der Bruder, welcher die Erfahrung beständig predigt, fürchtet, daß irgend jemand einen eingebildeten Glauben haben möchte, welcher nicht der der Auserwählten Gottes ist. Darum predigt er von der Erfahrung als von einem Beweise oder einem Prüfsteine, mittelst welches er die Geister erkennen mag, ob sie aus Gott sind. Unser Bruder auf der andern Seite, welcher vom Glauben und nicht von der Erfahrung handelt, fürchtet, daß die Menschen ihre Gefühle zu ihrem Gott machen, und daß sie sich auf ihre Erfahrungen stützen und nicht auf das Kreuz Christi. Er ist ebenso besorgt, die Tatsache in voller Klarheit zu behaupten, daß wir erlöst sind durch das, was Christus gefühlt hat und nicht durch das, was wir fühlen, die große Wahrheit, daß wir durch das kostbare Blut erlöst sind und nicht durch irgend welche Erfahrung, die wir machen; er vergißt aber, daß, wo Glaube ist, auch Erfahrung sein wird, und daß, wo echte Erfahrung ist, auch wirklicher Glaube gewesen sein muß.

Gestattet mir, ehe ich weitergehe, einen Augenblick bei dem Nachweise zu verweilen, daß diese beiden Wahrheiten wirklich zusammenfallen - eine göttliche Erfahrung und ein einfacher Glaube - notwendige und freudige Gefühle, und ein noch notwendigeres, unvermischtes Vertrauen auf Christum. Die Wahrheit ist, daß wir selig werden durch den Glauben und nicht durch unsre Gefühle. „Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ Aber doch besteht ebenso viel Verbindung zwischen Glauben und heiligen Gefühlen, als zwischen der Wurzel und der Blume. Der Glaube ist das Beständige, eben wie die Wurzel immer im Grunde ruht. Das Gefühl ist das Gelegentliche und es hat seine Zeiten, gleich wie die Zwiebel nicht immer grüne Stengel treibt, noch weniger stets mit den vielen reichgefärbten Blumen gekrönt ist. Der Glaube ist der Baum, das, was das Wesen des Baumes ausmacht; unsre Gefühle gleichen der Erscheinung jenes Baumes während der verschiedenen Zeiten des Jahres. Manchmal ist unsre Seele voller Blumen und Blüten und die Bienen summen vergnüglich und tragen Honig ein ins Herz. Das ist die Zeit, wo unsre Gefühle dem Leben unseres Glaubens Zeugnis geben, gerade wie die Knospen des Frühlings von dem Leben eines Baumes zeugen. Bald gewinnen unsre Gefühle größere Triebkraft, und wir langen bei dem Sommer unsrer Genüsse an. Wiederum vielleicht beginnen wir zu vertrocknen zu dem dürren und gelben Blatte des Herbstes; ja, manchmal pflegt der Winter der Verzagtheit und der Verzweiflung jedes Blatt von dem Baume zu streifen, und unser armer Glaube steht da wie ein verdorrter Stamm, ohne eine Spur von Laub. Und dennoch, meine Brüder, so lange nur der Baum des Glaubens noch im Grunde wurzelt, ist unsre Seligkeit gesichert. Aber wir sollten doch die ernstesten Gründe haben, dem Leben unseres Glaubens zu mißtrauen, wenn es nicht manchmal von Freude erblühte, und oft Früchte der Heiligkeit hervorbrächte.

Die Erfahrung gleicht, wenn ich so reden darf, einer Sonnenuhr. Wenn ich in meinem Geiste die Tageszeit erkennen will, so blicke ich darauf. Aber dann muß die Sonne darauf scheinen, sonst kann ich mittelst einer Sonnenuhr nicht sagen, wo und wie ich bin. Wenn eine Wolke über die Sonne zieht, so ist mir meine Sonnenuhr von wenig Nutzen. Aber dann tritt mein Glaube hervor in aller seiner Trefflichkeit; denn mein Glaube durchdringt die Wolke und erkennt den Stand meiner Seele, nicht an dem Schatten der Sonnenuhr, sondern an der Stellung der Sonne am Himmel selbst. Der Glaube ist eine größere und herrlichere Sache als alle Erfahrung, weniger schwankend, mehr beständig. Er ist die Wurzel der Gnadengabe, und diese sind nur die Blüten, die Keime, die Knospen. Doch laßt uns nicht gegen die Erfahrung sprechen, laßt uns sie hoch schätzen; denn es ist ein großes Ding, in dem Sonnenscheine der göttlichen Gegenwart zu sitzen; es ist eine edle Sache, die Trauben Eskols zu essen, selbst wenn wir noch in der Wüste sind. Es ist wahr, mehr Erhabenheit liegt in dem Glauben, daß der Himmel mein ist, wenn ich keine Gewißheit davon sehen kann; aber es ist süßer

„sein Unrecht sehen klar
An Gottes heil'ger Stadt.“

Ich wende mich nun zu dem einen Stücke der Erfahrung, welches ganz besonders in unserm Texte hervorzutreten scheint, nämlich jene selige Erfahrung eines Bewußtseins der Vergebung, eines Gefühls vergebender Liebe, ausgegossen in unser Herz. Ich werde meinen Text von zwei Gesichtspunkten aus betrachten. Es gibt zwei Arten der Vergebung, die Gott gewährt, und es ist sehr notwendig, sie zu unterscheiden. Ich werde erst reden von dem Bewußtsein der Vergebung, das ein Mensch als ein begnadigter Sünder genießt. Nachdem ich. das getan habe, werde ich von jenem andern Bewußtsein der Vergebung reden, das mehr meinem Texte entspricht, inniger mit demselben verbunden ist, von einer Empfindung d er Vergebung, die ein Mensch genießt, nicht als ein Sünder, sondern als ein Kind, ein begnadigtes Kind, welches weiß, daß ihm schon von dem Richter vergeben ist, welches aber nun lächelt, indem es weiß, daß es auch von dem Vater begnadigt ist.

I.

Zuerst also laßt mich reden von einer Empfindung der Vergebung als von Gott dem Sünder gegeben.

Wir haben diese Empfindung der Vergebung nicht zu erwarten, bevor wir nicht zu Christo kommen. Der Seele, die sich verloren, elend und nackt erkennt, wird von dem Worte Gottes befohlen, sich gerade so, wie sie ist, den Händen Christi anzuvertrauen. Der Glaube gehorcht diesem Befehl, und ohne einen Schimmer von innerer Freude übergibt er die Seele ganz zitternd und bebend vor Furcht in die Hand Christi, als in die Hand eines allliebenden und alles vermögenden Erlösers. Ich wiederhole es, wir dürfen nicht harren auf eine Empfindung der Vergebung, bis wir das tun. Zu glauben ist unsre Pflicht, und das Gefühl der Vergebung ist unser Genuß. Wir müssen erst gehorchen und dann werden wir die Belohnung empfangen. Indem ich fühle, daß ich gänzlich verloren bin, und daß kein Grund in mir ist, warum ich sollte selig werden, werfe ich mich zu Fuße des Kreuzes Christi nieder und traue nur auf Ihn in Ewigkeit. Als das Ergebnis davon senkt Gott nachher in meine Seele aus seiner freien Gnade durch seinen Geist ein untrügliches Zeugnis, welches mir beweist, daß mir in derselben Stunde vergeben wurde, als ich mich Christo ergab, und meine Seele in seine Hände befahl. Das Bewußtsein der Vergebung nun schließt vieles in sich, obgleich die Fülle dessen in allen Seelen nicht gleich groß ist. In einigen wenig unterrichteten Personen, welche zu wenig Schrifterkenntnis haben, beschränkt sich alles Bewußtsein von dem, was sie genießen, darauf, daß ihre Sünde vergeben ist. Sie fühlen in ihren Seelen, daß jede Sünde, die jemals in dem Buche Gottes gegen sie verzeichnet stand, ein für allemal getilgt ist. Damit sind sie befreit von dem Schrecken und der Furcht, welche ihren Geist zuvor niederdrückten, das Nachtgespenst ist verschwunden, die unheimliche Gestalt, welche sie plagte, das Bewußtsein ihrer Schuld, ist fort und sicher auf immer begraben in dem roten Meere des Blutes Jesu. Doch unwissend und wenig belehrt wie sie sind, erkennen sie nichts mehr als dies; - die ganze Summe ihrer Freuden besteht darin, - daß die Sünde vergeben ist, daß der Zorn Gottes abgewandt ist, und daß sie nun nicht in den Abgrund der Hölle versinken werden. Wenn es indessen dem Heiligen Geiste gefällt, ihnen zu der Zeit mehr als das zu zeigen, so haben sie ein Bewußtsein, daß Gott sie liebt. Sie sind gewiß, daß Jehovah auf sie als auf seine Günstlinge blickt, auf solche, für welche Er besondere Gnade und eigentümliche Liebe hat. Sie beginnen dann von dem Augenblicke an ihr Anrecht an den Segnungen des Bundes zu lesen. Sie sehen, daß alles das Ihre ist, weil sie Christi sind, und daß, da keine Verdammnis für sie ist, jede Segnung ihnen gewährt sein muß durch dieselbe Tat, welche den Verdammungsspruch aufhob. Es begibt sich auch zuweilen, daß dies Gefühl der Begnadigung wächst, bis es durch die engen Bande der Zeit bricht, bis der Geist nicht nur gewiß ist, daß er mit Gott versöhnt ist, und daß das ewige Leben ihm gewiß ist, sondern er sieht den Himmel schon in der Nähe und beginnt sein eignes, unaustilgbares Recht an dem Erbteil der Heiligen im Licht zu verwirklichen. Ja, in der Stunde der Begnadigung habe ich manchmal erkannt'. wie der entfesselte Geist die goldenen Straßen wandelte, und seinen Finger an die Saiten der himmlischen Harfen legte zum Preise des Ewigen. Es ist nicht auszureden, wie umfassend zuzeiten dies Gefühl der Vergebung werden kann; es vermag eine vergangene Ewigkeit zu überfliegen und dort seine Erwählung empfangen - eine zukünftige Ewigkeit und seine Herrlichkeit betrachten. Es vermag in die Tiefen der Hölle zu fahren und die Feuer dort auf ewig gelöscht sehen, oder zu den Herrlichkeiten des Himmels empor zu steigen, und alle jene Pracht als ihm gegeben erblicken. Aber doch, wie ich schon vorhin sagte, ist es nicht so in allen Fällen; denn bei manchen unbekehrten Gemütern beschränkt sich das Gefühl der Begnadigung auf die Entfernung des Schreckens und auf die gewisse Überzeugung, daß ihre Sünden ihnen alle vergeben sind.

Doch höre ich fragen: Wie kommt einem solches Gefühl der Vergebung? In welcher Weise und Gestalt? Wir antworten, es kommt in verschiedenen Weisen und Gestalten. Manche Menschen bekommen ihr Bewußtsein der Vergebung in einem Augenblick. Sie lasen vielleicht das Wort Gottes, und irgend welcher Text schien sich mit einem Male über seine Brüder zu erheben und in himmlischem Feuer zu erglänzen, und sie sahen diesen Text wie auf ihren Herzen abgedruckt. Etwa einer. wie der: „So kommt nun und laßt uns miteinander rechten. Wenn eure Sünde gleich blutrot ist, so soll sie doch schneeweiß werden, und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll sie doch wie Wolle werden.“ Oder ein andrer wie dieser: „Das ist je gewißlich wahr und ein teuer wertes Wort, daß Jesus Christus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen, unter welchen ich der vornehmste bin.“ Der Mensch zweifelte zuvor, war voll Trauer und Verzagtheit; in einer Minute ist alles Licht und Leben und Freude in seinem Herzen. Wenn er mit einem einzigen Schritte aus der Hölle in den Himmel hätte zu steigen vermocht, so würde der Wechsel in seiner Seele nicht schlagender und gewaltiger haben sein können. Statt des Mühselig- und Beladensein ist ihm plötzlich ein frohes und leichtes Herz geschenkt worden. Anstatt eben noch von Kopf bis zu Fuß schwarz zu sein, erblickt er sich nun vollkommen weiß gewaschen und mit dem schneeigen Gewande der Gerechtigkeit des Heilandes angetan. Bei andern ist diese Empfindung der Vergebung von langsamerem Wachstum. Sie beginnt mit einem schwachen Schimmer von Hoffnung, noch ein Strahl und noch einer, bis endlich der Morgenstern aufgeht in ihren Herzen; das Licht nimmt immer noch zu, bis endlich der Morgenstern der Hoffnung Raum. macht der Sonne der Gerechtigkeit selbst, welche mit Heil unter ihren Flügeln aufgegangen ist. Ich habe einige gekannt, welche Frieden in einem Augenblick erlangt haben, während andre Monate, wenn nicht Jahre gebraucht haben, bis sie mit festen und sicheren Schritten wandeln und mit frohen Lippen sagen konnten: „Ich weiß, an wen ich glaube und ich bin gewiß, daß Er mir meine Beilage bewahren wird.“

Diese Überzeugung wird uns manchmal in der außerordentlichsten Weise zu teil. Ich habe gesehen, wie sie durch besondere Ausdrücke eines Predigers in die Seele drang, durch Worte so gerade passend für solchen besonderen Fall, daß man gedrungen war, zu sagen: „Das ist nicht die Stimme eines Menschen, sondern Gottes Stimme; denn ein Mensch konnte nicht mein Herz kennen; diese Worte sind wahrlich geredet von einem, der die Herzen und Nieren erforschet.“ Zu andern Zeiten wurde irgend welches merkwürdige Walten der Vorsehung das sonderbare Mittel, Freude und Erlösung zu bringen. Die auffallendste Erzählung, die ich mich erinnere jemals gelesen zu haben in bezug auf geschenkten Frieden nach einer langen Zeit der Verzagtheit, war wohl der Fall von einer Frau Honeywood, von welcher ihr auch möget gelesen haben. In puritanischen Kreisen lebend, war sie gewohnt, die am meisten donnernden Prediger unter ihnen zu hören. Sie wurde so völlig zerbrochen in ihrem Herzen durch das Gefühl ihrer Sünde, daß das arme Weib während, ich glaube, zehn, wenn nicht zwanzig Jahren, der Verzweiflung anheim gegeben und durchaus gewiß war, daß es für sie keine Hoffnung gebe. Es schien, daß in diesem Fall eine Art von Wunder geschehen mußte, um ihrer Seele Frieden zu geben. Eines Tages, als ein ausgezeichneter Diener Christi mit ihr sprach und ihr sagte, daß doch noch Hoffnung sei, daß Jesus Christus selig machen könne immerdar, die durch Ihn zu Gott kommen, ergriff sie ein venetianisches Glas, das auf dem Tische stand, und das aus dem dünnsten Material gemacht war, das man sich denken kann, und schleuderte es auf den Boden, indem sie rief: „Ich bin verloren, so gewiß, wie dies Glas in tausend Stücke zerbrochen ist.“ Zu ihrem unendlichen Erstaunen erlitt das Glas nicht den geringsten Schaden, nicht einmal einen Sprung. Von diesem Augenblicke an glaubte sie, daß Gott zu ihr geredet habe. Sie öffnete ihre Ohren den Worten des Predigers, und Friede floß in ihre Seele. Ich erwähne dieses Beispiels als eines außerordentlichen und einzigen, desgleichen vielleicht nirgends sonstwo aufgezeichnet steht. Doch Gott hat seine Wege und Mittel. Er wird durch irgend ein Mittel, durch jedes Mittel, durch das seltsamste und wundervollste Mittel sein Volk zum Gefühle der Begnadigung bringen. Wenn sie alle andern Wege verwarfen, so wird Er eher ein Wunder wirken, als daß seine Verbannten nicht sollten heimgebracht werden.

Gestattet mir noch eine oder zwei Minuten bei der Freude zu verweilen, welche dies Gefühl der Vergebung erzeugt. Ich spreche nun aus Erfahrung. Jener glückliche Tag, an dem meine Seele zuerst einen Heiland fand und an seinen teuren Füßen hangen lernte, war ein Tag, dessen ich nimmermehr vergessen werde. Ein unbekanntes Kind, von dem man nichts wußte noch hörte, saß ich und horchte dem Worte Gottes zu; und jener köstliche Text: „Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Ende,“ leitete mich zu dem Kreuze Christi. Ich kann es bezeugen, daß die Freude jenes Tages ganz unbeschreiblich war. Ich hätte springen, tanzen mögen. Kein Ausdruck, wenn noch so schwärmerisch, wäre der Freude meines Geistes in jener Stunde fremd gewesen. Viele Tage christlicher Erfahrung sind seitdem vergangen, doch kein Tag ist seitdem wieder erschienen, der das Entzücken, die sprudelnde Freude jenes ersten Tages mir wieder gab. Ich glaube, ich hätte von meinem Sitze aufspringen und mit dem schwärmerischsten jener methodistischen Brüder, welche zugegen waren, ausrufen können: „Mir ist vergeben! Mir ist vergeben! Ein Sünder erlöst durch Blut!“ Alle andern Ereignisse in betreff jenes Tages sind dunkel in meiner Erinnerung. Ich weiß nichts von dem, was zu mir gesprochen wurde, oder was sich zutrug, sondern nur eben das, daß mein Geist seine Ketten zerbrochen sah, und daß ich wandelte als ein befreiter Mensch, als ein Erbe des Himmels, als ein Begnadigter, angenommen in Christo Jesu, gezogen aus der grausamen Grube und aus dem Schlamm, meine Füße gestellt auf einen Fels, daß ich gewiß treten konnte. Die Freude des Herzens, wenn es Gnade erlangt, mag von einigen von euch, die niemals sie geschmeckt haben, geahnt werden, doch wenn ihr irgend einmal dahin gelangen werdet, sie zu erfahren, so werdet ihr mit der Königin aus Saba ausrufen: „Es ist mir nicht die Hälfte gesagt!“ Menschen, die in diesem glückseligen Zustande sind, pflegen sehr mitteilend zu sein: sie können es nicht verschweigen. Sie gleichen dem John Bunyan, welcher den Krähen auf den umgepflügten Feldern davon erzählen mochte. Sie reden selbst zu den Bäumen. Sie denken, die ganze Welt ist in Harmonie mit ihnen; sie ziehen aus in Freuden und werden im Frieden geleitet, Berge und Hügel frohlocken vor ihnen her mit Ruhm, und alle Bäume auf dem Felde müssen mit den Händen klappen. Die Vögel singen in der Tonart ihrer Herzen. Die Sonne scheint glänzender an dem Tage als je zuvor; oder wenn Regen fällt, ist es nur das Sinnbild jener Schauer der Barmherzigkeit, welche das Herz erquickt haben. An dem Tage wenigstens, wenn nie zuvor, wird der Mensch der große Priester der Welt, er steht in der Mitte aller seiner Mitpriester, der große Hohepriester des Weltalls. Er wandelt in seinem weißen Gewande, trägt an sich die goldenen Glocken der Musik der Priesters Gottes, opfert die Gaben, die Gott angenehm sind, und sein eignes Herz ist das vorzüglichste Opfer, das er darbringt. O, an dem Tage erscheint die Welt als eine große Orgel und die Finger des Begnadigten eilen über ihre Tasten und wecken die Töne gleich den Donnern, bis die ewigen Sonette längst vergangener Zeiten in Schweigen sinken vor den Hallelujas des widerhallenden Preises, zu welchem der begnadigte Sünder die Welten weckt.

Denkt nicht, daß ich hier schwärme, ich rede nur wahre und vernünftige Worte. Vielmehr bleibe ich in meiner Beschreibung der Freude des Geistes, in welchen Gott einen Strahl seiner Liebe und ein Zeichen seiner Gnade gesendet hat, hinter der Wirklichkeit zurück. Höre ich irgend einen Freund hier flüstern, daß dieses schwärmerische Gefühle seien? Ach, mein Freund! wenn das wäre, so wäre es eine Schwärmerei, nach welcher man inbrünstig suchen müßte; es wäre eine, nach welcher die nüchternste Seele ewig streben müßte. Aber du meinst, es sei Schwärmerei, daß ein Mensch gewiß sei, die Sünden seien ihm vergeben. Doch halt ein wenig still. Willst du es wagen zu erklären, daß dieses Buch selbst schwärmerisch sei? daß die Bibel ein Buch voll Schwärmerei und eitlem Wahn sei? O nein, du glaubst, daß dies ein Buch in nüchternem Ernste geschrieben sei. Nun wohl, die Gefühle eines begnadigten Menschen sind nur die notwendigen und natürlichen Folgen der Wahrheiten dieses Buches. Wird etwas wie Vergebung der Sünden hier gelehrt? Sind hier nicht Worte wie diese? - „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedecket ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in des Geist kein Falsch ist.“ - „Du wirfst alle meine Sünde hinter Dich zurück,“ Sind hier nicht Worte, welche uns sagen, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist? daß da ist ein Ding wie Seligkeit; eine Sache wie Gehen aus der Finsternis zum wunderbaren Licht; ein Ding wie Errettet sein von der Macht der Finsternis und Versetzt sein in das Reich von Gottes liebem Sohn? Wenn uns die Bibel lehrt, daß es solche Dinge gibt, und daß solche Dinge Wirklichkeiten in der Erfahrung der Christen sind, dann wäre es eine Anklage gegen das Buch, wenn die Menschen im Empfangen desselben nicht glücklich wären. In der Tat, wenn die Erfahrung eines Christen zur Zeit seiner Bekehrung nicht ganz besonders eine ganz über die Maßen freudenvolle wäre, so würde es ein Widerspruch gegen die Lehren dieses Wortes sein. Aber ich sage es, und sage es dreist, alle Entzückungen, welche die freudigsten Geister in der Stunde ihrer Begnadigung jemals fühlten, werden durch dieses Wort verbürgt; nein, nicht verbürgt, sondern sie bleiben weit hinter dem zurück, was dies Wort uns im Empfangen der Gnade zusichert.

„Aber,“ so sagt ein andrer „,ich kann nicht begreifen, wie jemand gewiß sein kann, daß er begnadigt ist.“ Jener große und vortreffliche Mann, Dr. Johnson, pflegte die Meinung zu hegen, daß kein Mensch jemals wissen könne, daß er in Gnaden sei, daß es kein solches Ding gebe, wie Gewißheit des Glaubens. Vielleicht, wenn Dr. Johnson seine Bibel ein wenig besser studiert hätte, daß auch er noch dazu gekommen wäre, von seiner eignen Begnadigung zu wissen. Gewiß war er kein vorzüglicher Richter in der Theologie, so wenig wie er es in betreff von Porzellan war, was er einst zu machen versuchte, und was ihm nie gelang. Ich glaube, daß sowohl in Theologie wie in Porzellan sein Urteil gar wenig wert ist. Ihr fragt, wie kann ein Mensch wissen, daß er begnadigt ist? Es gibt einen Text, welcher sagt: „Glaube an den Herrn Jesum Christum, so wirst du selig.“ Ich glaube an den Herrn Jesum Christum; ist es vernunftwidrig, zu glauben, daß ich selig bin? „Wer da glaubet,“ der hat das ewige Leben,„ sagt Christus im Evangelium Johannis.

Ich glaube an Christum; ist es ungereimt, wenn ich nun glaube, daß ich das ewige Leben habe? Ich finde, daß der Apostel Paulus durch den Heiligen Geist spricht: So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. Nun wir denn sind gerecht geworden durch den Glauben, so haben wir Frieden mit Gott.“ Wenn ich nun weiß, daß mein Vertrauen allein auf Jesum gerichtet ist, und daß ich Glauben an Ihn habe, wäre es nicht zehntausendmal alberner von mir, wenn ich keinen Frieden haben wollte, als wenn ich mit unaussprechlicher Freude erfüllt wäre? Es ist nur Gott bei seinem Worte nehmen, wenn die Seele es als eine notwendige Folge ihres Glaubens erkennt, daß sie selig ist. Aber abgesehen davon, nimm es einmal für wahr an, daß Gott selbst zu jedem einzelnen Menschen rede und sein Herz mit dem Zeugnis versiegele, daß er begnadigt sei; setze den Fall, daß es so sei, wenn es dir auch schwer fallen sollte - würde es dann unnatürlich sein, daß der Geist sich freute? Dies nun ist gerade buchstäblich die Lage der Dinge; denn der Geist gibt Zeugnis unserm Geiste, daß wir aus Gott geboren sind. Und ich sage auch dies, wenn schon ich darin der Schwärmerei beschuldigt würde: Es gibt Zeiten für jedes Kind Gottes, wo es nicht zweifeln kann an seiner Annahme bei Christo, wo sein Stand der Seligkeit ihm eine viel handgreiflichere und gewissere Wahrheit ist, als die Tatsache seines Daseins, wo alle Gründe, die du möglicherweise vorbringen könntest, es nicht erschüttern können, weil es das untrügliche Zeugnis des Heiligen Geistes hat, daß es aus Gott geboren ist. Habt ihr nie ein armes Dienstmädchen wie jenes gesehen, welches von einem gewandten Ungläubigen angeredet wird, der damit beginnt, es in allen seinen Grundsätzen niederzuschlagen, es auszulachen und ihm zu sagen, daß es ein armes, betörtes Ding sei? Sie antwortet ihm, hat Geduld mit ihm, entgegnet wieder und wieder in ihrer eignen einfachen Weise. Ihr könnt sehen, daß ihre Gründe nicht einschlagend oder folgerichtig sind, doch wartet, bis sie zum Ende kommt, und ihr hört sie sagen: „Nun wohl, mein Herr, Sie wissen viel mehr als ich, ich bin nicht imstande, so zu reden wie Sie, ich möchte nicht so denken wie Sie; aber, mein Herr, wenn auch das, was Sie gesagt haben, wahr ist, so können Sie doch nicht widerlegen, was ich hier fühle; ich fühle, daß ich ein Kind Gottes bin, ich weiß, ich bin es, und Sie können mir ebensogut bestreiten, daß was ich sehe, wirklich da ist, und was ich fühle, eine wirkliche Ursache hat, als Sie mir die Tatsache bestreiten können, welche ich in meiner innersten Seele erkenne, daß ich vom Tode zum Leben hindurchgedrungen, daß ich ein Kind Gottes bin.“ Tritt her, du Blinder! Seine Augen sind geöffnet; nun versucht und überzeugt den Mann, daß er nicht sehe. „Nein,“ sagt er „,das ist eine Sache, die ich weiß. In andern Dingen mag ich irren; aber eins weiß ich wohl, daß ich blind war und nun sehend bin.“ Bringt her jenen Kranken, welcher acht und dreißig Jahre auf seinem Bette als ein Krüppel gelegen hatte. Ein Wunder ist gewirkt, er ist geheilt und er beginnt zu springen. Bringt unsern Freund auf die hohe Schule und laßt sie da gegen ihn reden: „Euer Bein ist nicht in einem gesunden Zustande; wir sagen euch, ihr seid nicht gesund, nicht geheilt, ihr fühlt euch nicht wohl, nicht genesen und hergestellt in Kraft.“ „O,“ erwidert er, „ich frage nichts nach allen euren Vernunftgründen, noch nach allen lateinischen Redensarten, welche ihr gebraucht; ich bin geheilt, das ist eine Sache meines Bewußtseins, und man kann mich nicht da hinausdrängen.“ So ist es mit dem Christen; es gibt Zeiten für ihn, wo er sagen kann: „Ich bin gerettet, mir ist vergeben.“ Der Herr hat zu ihm gesagt: „Ich bin dein Heil,“ und kein Räsonnement, wenn noch so spitzfindig, kein Vernunftschluß, wenn noch so allmächtig, kann ihm erschüttern oder bewegen, sein Vertrauen aufzugeben, welches eine große Belohnung hat.

Und nun, meine teuren Zuhörer, bevor ich diesen Punkt verlasse, um einige Minuten noch bei dem zweiten Teile meines Gegenstandes zu verweilen, wünsche ich eine oder zwei Fragen an euch zu richten. Habt ihr jemals in eurem Leben dieses Bewußtsein der Begnadigung gehabt? „Nein,“ sagt der eine, „niemals; ich wünschte wohl, ich hätte es gehabt; ich denke darauf zu warten.“ Allein du magst warten, bis du verloren bist, bevor du jemals es bekommen wirst, wenn du darauf wartest. Deine Aufgabe ist, so wie du bist, zu Christo zu gehen, Ihm zu vertrauen, und du wirst es empfangen. Stille zu sitzen und jenes große Gebot nicht zu befolgen: „Glaube an den Herrn Jesum Christum,“ ist der sicherste Weg, um deine Verdammnis zwiefach gewiß zu machen. Hoffe niemals, diese köstliche Perle zu finden, wenn du nicht alles verkaufst und jenes göttliche Feld, Jesum Christum, kaufst und da die kostbare Perle findest. „Ach was,“ sagt ein andrer „,ich weiß, daß ich sie nie gehabt habe und ich brauche sie nicht.“ Merke auf, mein Zuhörer, ich rede heute als Zeuge Gottes zu dir, und wenn du meine Warnung nun verachtest, so mag in jener Stunde, wenn du bebend auf deinem Sterbebett liegst, dieser aufgehobene Finger, mögen diese Augen dir noch einmal zu Gesicht kommen. Wenn du diesseits des Grabes niemals in deiner Seele ein Bewußtsein der Begnadigung haben wirft, so fürchte ich, daß du in allen deinen Sünden zum Grabe kommen wirst, und nach dem Tode wird das Gericht folgen und nach dem Gericht der zukünftige Zorn. Das, was du für Schwärmerei und Fanatismus hältst, ist wesentlich nötig für deiner Seele Seligkeit. O, weise es nicht ab. Verachte es nicht. Sehne dich danach. Schreie danach. Schmachte danach, und der Herr gebe dir noch zu erkennen, daß du sein Kind und vom Tode zum Leben hindurchgedrungen seist. Einen besseren Wunsch kann dir kein Herz wünschen. Einen größeren Segen könnten keines Dieners Christi Lippen über dich aussprechen. Gott möge dich aus deinem Zustande der Unempfindlichkeit, des Schlafes und der Finsternis herausbringen und dich leiten, den Heiland zu suchen und zu finden, welchen zu erkennen, Vergebung dem Gewissen und Freude der Seele verschafft.

II.

Und nun werde ich eure geduldige Aufmerksamkeit noch auf etliche Augenblicke in Anspruch nehmen, indem ich mich dem zweiten Teile meines Gegenstandes zuwende und von einer Empfindung der Vergebung, die ein Mensch genießt, nicht als ein Sünder, sondern als ein Kind, zu euch rede. Ich habe oftmals unerleuchtete Christen fragen hören, wie es kommt, daß, wenn jemand einmal begnadigt ist, er dennoch jeden Tag bitten soll, daß seine Sünden ihm vergeben werden mögen. Wir lehren und wir sind kühn, es immer wieder zu behaupten, und die Lehre zu bekennen, daß in dem Augenblicke, wo ein Sünder glaubt, alle seine Sünden hinweg genommen sind: die vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen sind alle vertilgt, insofern es Gott, den Richter, betrifft; nicht eine Sünde gegen irgend einen seines Volkes ist geblieben, noch wird sie jemals gefunden werden. „Er sieht keine Sünde in Jakob, noch Übertretung in Israel.“ Und dennoch lehrt uns unser Meister, unsre Knie zu beugen und zu sprechen: „Vergib uns unsre Schulden, wie wir vergeben unsren Schuldigern.“ Wie können wir bitten um das, was wir schon besitzen? Warum Vergebung erflehen, die wir schon genießen? Die Schwierigkeit liegt in dem Übersehen der Beziehungen, in welchen wir zu Gott stehen. Als ein Sünder komme ich zu Christo und glaube an Ihn. Dann ist Gott ein Richter; Er nimmt das große Schuldbuch des Gerichts, streicht meine Sünden aus und spricht mich frei. In demselben Augenblick nimmt Er mich aus großer Liebe in seine Familie auf. Nun aber stehe ich in einer ganz andren Beziehung zu Ihm, als je zuvor. Ich bin nicht sowohl sein Untertan, als sein Kind. Er ist mir nicht mehr ein Richter, sondern ist mir ein Vater geworden. Und nun habe ich neue Regeln, neue Gesetze; nun stehe ich in einer andren Zucht; nun genieße ich eine andre Behandlung; nun habe ich einen neuen Gehorsam.

Gehe ich nun und tue etwas Unrechtes, was dann? Kommt der Richter und fordert mich sofort vor seinen Thron? Nein, ich habe keinen Richter. Er ist ein Vater, und der Vater bringt mich vor sein Angesicht und zürnt mir, ja, Er nimmt die Rute und züchtigt mich. Niemals züchtigte Er mich, als Er ein Richter mir war. Da drohte Er bloß, die Axt zu nehmen; aber Er hat die Axt nun begraben. Nun ich sein Kind bin, hat Er keine Axt mehr, mich damit totzuschlagen - Er kann seine eignen Kinder nicht töten. Aber Er gebraucht die Rute bei mir. Wenn ich Unrecht tue, wie ich es täglich gegen Ihn als meinen Vater tue, so bin ich verpflichtet, zu Ihm als zu einem Vater zu gehen auf eines Kindes Knien und zu sagen: „Unser Vater, der Du bist in dem Himmel, vergib mir diese Sünden, wie ich vergebe denen, die gegen mich sündigen.“ Da wir, du und ich, wenn wir Kinder Gottes sind, jeden Tag sündigen, nicht gegen Ihn als einen Richter, sondern gegen Ihn als Vater, so ziemt es uns, jeden Tag Vergebung zu suchen. Wenn wir diese Vergebung nicht täglich empfangen, so wendet der Vater zuletzt die Rute an, wie Er es in dem Falle Hiskias tat. Er schlug den Hiskia, bis er todkrank wurde. Hiskia tat Buße; die Rute wurde weggelegt; und dann fühlte es Hiskia in seiner Seele: „Du wirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück.“ So war auch Davids Fall. Davids Sünde mit der Bathseba war Jahre zuvor schon vergeben und abgetan durch das erwartete Blut Christi. Aber als er die Sünde beging, verwarf Gott ihn eine Zeitlang, entzog ihm seine Gegenwart und war zornig, als ein Vater gegen sein Kind. Als aber David Buße tat, nahm ihn der Vater, nachdem Er ihn gezüchtigt hatte, wieder an seinen Busen, und David konnte wieder singen: „Du wirfst alle meine Sünden hinter Dich zurück.“ Merket nun, wie diese Vergebung von der ersten verschieden ist. Die erste war der Pardon eines Richters, diese ist die Vergebung eines Vaters. Die erste löschte die Flamme der Hölle, diese entfernt die väterliche Rute. Die erste machte aus dem Rebellen einen begnadigten Verbrecher und stieß das Urteil um; die zweite empfängt das verirrte Kind zärtlicher noch an des Vaters Busen. Es sind hier wesentliche Unterschiede, denn die Vergebung im zweiten Falle bezieht sich nicht so sehr auf die Schuld und die Bestrafung, als vielmehr auf die innerliche Wurzel des Bösen und auf das Verschwinden jenes finsteren Blickes, der nur auf uns geworfen wurde, um uns unser eigen Selbst zu verleiden und uns Liebe zu Christo einzuflößen. Wenn aber dies Bewußtsein vom Christen erlangt ist, gewährt es ihm eine Freude, nicht so stürmisch freilich, als die erste, welche er hatte, aber still, tief, unaufgeregt und friedlich. Er fühlt vielleicht nicht jene entzückende Freude, gleich dem brausenden Meere, auf welchem er segelte, als ihm zuerst vergeben war, aber sein Friede ist wie ein Wasserstrom und seine Gerechtigkeit wie Meereswellen. Und dieser Friede erzeugt in ihm die gesegnetsten und heilsamsten Wirkungen. Er wird dankbar gegen Gott für die Züchtigung, die er empfangen hat, welche ihm aufs neue sein Bedürfnis des Heilands zeigte. Hinfort vermeidet er die Sünden, womit er seinen Gott betrübte. Er wandelt vorsichtiger und zarter als zuvor; er lebt näher bei Gott; pflegt nähere Bekanntschaft mit dem Heiligen Geiste; er ist fleißiger im Gebet, demütiger und zugleich zuversichtlicher, als er vorher war. Das Licht wurde ihm entzogen, damit er ein doppeltes Maß davon bald wieder empfangen sollte. Die Freude wurde ihm genommen, daß seine Heiligung vermehrt werden möchte. Teure Brüder und Schwestern, kämpft ihr diesen Morgen mit der Verlassenheit des Geistes? Gab es eine Zeit, wo ihr euer Anrecht im Himmel klar erkanntet? Haben Wolken und Finsternis euch befallen? Zweifelt trotz alledem nicht an eures Vaters Liebe; mißtraut ihr nicht; kriecht nicht auf euren Knien, wie ihr tatet, als ihr zuerst kamt, wie einer, der noch niemals Vergebung erlangt hatte. Kommet mit Freudigkeit, aber demütig zu eurem Gott. Macht seine Verheißung geltend; vertraut dem köstlichen Blute Christi und blickt auf und sprecht: „Mein Vater, mein Vater, tröste mich wieder mit Deiner Hilfe (erstatte mir wieder die Freude Deines Heiles) und der freudige Geist enthalte mich!“ Und du wirst das Vertrauen deiner Jugend zurückempfangen und wirst wieder fühlen, daß der Heilige Geist in dir wohnt, du wirst dich noch einmal über die Prüfungen und Schmerzen dieses sterblichen Lebens erheben und anfangen, einzugehen in die Ruhe, die dem Volke Gottes noch vorhanden ist..

Noch eine und die andre Bemerkung und ich werde diese Versammlung entlassen. Ist hier irgend jemand gegenwärtig, welcher vorgibt, daß er begnadigt sei, und welcher danach in den Sünden sich ergeht, von welchen er vorgibt, daß sie ihm vergeben seien? Mein Freund, du hast dich entweder selbst betrogen, oder du sprichst etwas, wovon du weißt, daß es nicht wahr ist. Der, welchem vergeben ist, haßt die Sünde. Wir können nicht rein gewaschen sein, wenn wir noch verharren, bis an den Hals im Kot zu leben. Es kann nicht möglich sein, daß ein Mensch begnadigt ist, während er noch fortfährt, sich in abscheulicher Sünde zu wälzen. „Doch,“ sagt jener „,ich bin kein Gesetzler; ich glaube, die Gnade Gottes hat mich rein gemacht, obgleich ich noch fortfahre zu sündigen.“ Mein Freund, es ist sehr klar, daß du kein Gesetzler bist, aber ich will dir sagen, was du denn bist: Du bist kein Kind Gottes, du bist kein Christ; denn ein Christ ist ein Mensch, der durchgängig die Sünde haßt. Niemals gab es einen Gläubigen, welcher die Gottlosigkeit liebte'. niemals solch ein seltsam Ding, wie einen begnadigten Sünder, welcher sich noch in Aufruhr gegen Gott gefiel. Doch ich höre einen andren sagen: „Gut, das mag wahr sein, aber ich mache keinen Anspruch auf Begnadigtsein in irgend welchem Sinn, wovon du sprichst. Ich glaube, meine Sünden sind so gering und klein, daß ich nicht nötig habe, hinzugehen und Barmherzigkeit zu suchen; oder wenn ich sie suche, so erwarte ich nicht, daß ich sie hier finden werde. Ich glaube, daß ich so gut wie der Beste daran sein werde, wenn ich in eine andre Welt gehe.“

Armer Tor! armer Tor! Du bist schon verdammt. Das Urteil Gottes ist schon gegen dich ausgesprochen: „Wer nicht glaubet, der ist schon gerichtet! Denn er glaubet nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.“ Und doch sagst du, während dein Urteil schon gesprochen ist und deine Sterbeglocke schon vielleicht läutet, deine Sünden seien klein? Sie sind so groß, o Mensch, daß die Feuer der Hölle sie niemals büßen werden; und dein ewiges Elend in Seele und Leib wird niemals die Missetat aufwiegen, die du gegen Gott begangen hast. Und so verlangst du nicht zu wissen, daß dir vergeben sei; du bist zufrieden, dein Los mit den übrigen dahin zu nehmen. Wahrlich, ein schauerliches Los wird es sein! Aber wisse, Freund, ich fühle in meinem Herzen so verschieden von dir in dieser Sache, daß, wenn ich in dieser Zeit einen Zweifel darüber hegte, daß meine Sünden vergeben seien, ich meine Augen nicht schlafen, noch meine Augenlider schlummern lassen könnte, bis ich gewiß geworden wäre, daß ich Gottes Liebe in meinem Herzen empfangen habe. Wenn zu irgend einer Zeit ein Zweifel meine Seele durchkreuzt, so bin ich das elendeste aller Wesen. Denn fürwahr, sich begnadigt wissen, ist wie Licht den Augen, wie Brot dem Hungrigen und wie Getränk dem Durstigen. Gehe aus dieser Halle und sage: „Ich wandle über dem Rachen der Hölle und kann jeden Augenblick hinab gleiten; ich hänge an einem Haar über der Verdammnis und kann in einem Augenblick in ihre Flammen geschleudert werden, aber ich frage nichts danach, ob ich verdammt werde oder nicht.“ Sprich es gerade aus in klarem Deutsch und sage: Ich bin im Zweifel, ob ich zum Himmel oder zur Hölle fahre - sage, wenn du heute nach Hause gehen und dich in deiner Kammer auf dein enges Bett legen mußt, um zu sterben - sage: Ich bin nicht gewiß, ob ich das Angesicht meines Gottes in Huld erblicken werde, aber ich bin doch zufrieden. Sprich als ein ehrlicher Mann und als ein Narr, denn solche Sprache ist nur das Rasen eines Tollen und Narren. O, ich bitte euch, seid nimmer zufrieden, bis ihr einen Heiland gesucht und gefunden habt. Ja, und bis ihr gewiß seid, daß ihr Ihn gefunden habt, seid nicht zufrieden mit einem „Vielleicht“ oder „Ungefähr.“ Beruhigt eure Seelen nicht mit einem Zufall, sondern macht das Werk gewiß für die Ewigkeit. Ich beschwöre euch, Freunde, bei dem feierlichen Ernst der Ewigkeit, bei den Flammen der Hölle und bei den Freuden des Himmels, setzt euren Fuß auf einen Felsen und versichert euch, daß er da steht. Laßt die Sache nicht auf Möglichkeiten beruhen, sondern entrückt sie aus allem Zufall. O sterbender Sünder! Laß das keine Frage bei dir sein, ob du selig werden oder verdammt werden wirst. O schwacher Mensch! wankend um den Rand des Grabes, laß es keine Sache der Ungewißheit sein, ob der Himmel dich aufnehmen, oder die Hölle dich verschlingen wird. Sei deiner Sache gewiß auf die eine oder auf die andre Weise. Wenn du dir dein Bett in der Hölle machen, wenn du den ewigen Brand ertragen, wenn du den Zorn Gottes leiden kannst, wenn er dich wie ein Löwe in Stücke reißen wird, dann wandle fort in deiner Torheit. Doch wenn du einen Anteil haben möchtest unter denen, die geheiligt werden, wenn du das Angesicht Jesu Christi sehen und die goldenen Straßen wandeln möchtest, dann sorge, daß du in Christo seiest, sei gewiß, daß du dich auf Ihn verläßt und sei nicht ruhig, bis das außer aller Frage, über alle Vernunftschlüsse erhaben, außer allem Streite sei. Der Herr lege seinen Segen auf meine schwachen Worte um Jesu willen! Amen.

Eine Heilsbotschaft.

Ich höre eine Klage. „Ich bin ohne Kraft,“ spricht einer; „wird mich Jesus suchen und mir nachgehen?“ Ja, Sünder, das wird Er tun. Du sagst, du kannst nicht glauben, und das drückt dich. Gott hilft dir auf in deiner Schwachheit. Zuerst hilft Er dir auf mit seinen Verheißungen. Seele, du kannst nicht glauben; wenn aber Gott, der nicht lügen kann, seine Verheißung gibt, wirst du dann nicht glauben? kannst du dann nicht glauben? Ich meine, Gottes Verheißung - so gewiß und fest - muß diese deine Schwachheit überwinden. „Wer zu mir kommt, den will ich nicht hinausstoßen.“ Kannst du nun nicht glauben? Siehe, diese Verheißung muß wahr sein! Aber nachher - wie wenn Er wüßte, daß dies nicht hinreichend sei, hat Er noch einen Eid dazu getan - und ein feierlicherer Eid ist nie geleistet worden: „So wahr als ich lebe, spricht der Herr Herr, ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern daß sich der Gottlose bekehre von seinem Wege, und lebe. So bekehrt euch doch nun von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, du Haus Israel?“ (Hes. 33, 11.) Kannst du jetzt noch nicht glauben? Wie, willst du an Gott zweifeln, wenn Er es beschwört? Du willst Gott nicht nur zum Lügner machen, sondern - es schaudert mich, wenn ich's aussprechen soll - du willst glauben, Gott könne falsch schwören! Gott behüte, daß du solche Lästerung in deinen Gedanken aufkommen läßt. Bedenke, daß, wer nicht glaubt, der macht Gott zum Lügner, weil er nicht an den Sohn Gottes glaubt. Tue das nicht. Gewiß, du kannst glauben, wenn die Verheißung und der Eid dich zum Glauben nötigen. Aber noch mehr; als ob Er wüßte, daß auch das nicht genug sei, so hat Er dir seinen Geist gegeben. „So denn ihr, die ihr arg seid, könnet euren Kindern gute Gaben geben: wieviel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die Ihn bitten?“ (Luk. 11, 13.) Gewißlich kannst du nun glauben. „Ach,“ spricht einer „ich will es versuchen.“

Nein, nein, versuch's nicht bloß; das ist nicht, was Gott dich heißt. Ein Versuch ist durchaus unnötig; Sünder, glaube jetzt an Christum. „Ja,“ spricht wieder einer „,ich will daran denken.“ Nein, denke nicht daran, glaube; tue es auf einmal, denn das ist das göttliche Evangelium. Viele von euch, die sich unter dem Schall des Wortes Gottes befinden, werden, ich ahne es, keine andre Einladung mehr vernehmen; und wenn die heutige Einladung verworfen wird, so bewegt mich's mächtig in der Seele -.es ist, als ob mir der Heilige Geist es bezeugte - so werdet ihr nie wieder eine gläubige Predigt. hören, sondern werdet unbußfertig, unerlöst hinabfahren zur Hölle, es sei denn, daß ihr jetzt an den Herrn Jesum glaubt. Ich spreche nicht als Mensch, sondern ich rede als ein Botschafter Gottes zu euren Seelen, und ich befehle euch im Namen Gottes, glaubet an den Herrn Jesum, glaubet jetzt. Auf eure Gefahr hin verwerft ihr die Stimme, die euch vom Himmel her zuruft, denn „wer nicht glaubet, der wird verdammt werden.“ Wie wollt ihr entrinnen, wenn ihr eine so große Errettung versäumt? Wenn sie an euch herantritt, wenn sie sich euch in den Weg wirft, und wenn ihr sie dann doch noch verwerft, ach! wie wollt ihr da entrinnen? Mit Tränen möchte ich euch einladen, und möchte euch, wenn ich könnte, nötigen, herein zu kommen. Warum wollt ihr nicht? O, liebe Seelen, wenn ihr verdammt werdet, wenn ihr eure Meinung wahr macht, daß euch nie werde Gnade zu teil werden, und daß euch nie eine Warnung werde bewegen, - was werden euch dann für Ketten der Rache erwarten, daß ihr diese Liebesseile also zerreißt? Ihr habt die tiefste Hölle verdient, denn ihr verschmäht die himmlischen Freuden. Gott errette euch! Gott will und wird euch retten, wenn ihr nur auf den Herrn Jesum vertraut. Gott stehe euch bei, daß ihr jetzt, in diesem Augenblick, glauben könnt, um Jesu willen. Amen. 

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