Spurgeon, Charles Haddon - Die Geschichte eines entlaufenen Sklaven

„Vielleicht aber ist er darum eine Zeit lang von dir gekommen, daß du ihn ewig wieder hättest“
Philemon 15

Die Natur ist selbstsüchtig, aber die Gnade ist liebevoll. Wer sich rühmt, daß er sich um niemand kümmert und niemand um ihn, der ist das Gegenteil von einem Christen, denn Jesus Christus erweitert das Herz, wenn Er es reinigt. Niemand ist so zart und teilnehmend wie unser Meister, und wenn wir wirklich seine Jünger sind, so wird derselbe Sinn in uns sein, der in Christus Jesus war. Der Apostel Paulus war ungemein weitherzig und mitfühlend. Gewiß, er hatte genug zu tun in Rom, seine eigenen Leiden zu tragen und das Evangelium zu predigen. Wenn er, wie der Priester im Gleichnis vom barmherzigen Samariter, „vorübergegangen“ wäre, hätte er entschuldigt werden können, denn er hatte dringende Geschäfte für den Meister auszurichten, der einst zu seinen 70 Boten sprach: „Grüßt niemand auf den Straßen.“ Wir hätten uns nicht wundern können, wenn er gesagt hätte: „Ich kann die Zeit nicht finden, mich mit dem zu befassen, was ein entlaufener Sklave braucht.“ Aber Paulus hatte nicht diesen Sinn. Er hatte gepredigt, Onesimus war bekehrt worden, und von da an betrachtete er ihn wie seinen eigenen Sohn.

Ich weiß nicht, wie Onesimus zu Paulus kam. Vielleicht kam er zu ihm, wie sehr viele Taugenichtse zu mir kommen - weil ihre Väter mich gekannt haben; weil der Herr des Onesimus Paulus kannte, wandte sich der Diener an seines Herrn Freund, vielleicht um in seiner Not ein wenig Hilfe von ihm zu erbetteln. Irgendwie ergriff Paulus aber die Gelegenheit und predigte ihm Jesus, und der entlaufene Sklave wurde zum Glauben an den Herrn Jesus Christus geführt. Paulus beobachtete ihn, ihm gefiel der Neubekehrte, und er ließ sich gern von ihm bedienen, und als es ihm richtig schien, daß er zu seinem Herrn zurückkehre, gab er sich viele Mühe, einen Entschuldigungsbrief abzufassen, einen Brief, der von langem Nachdenken zeugt, da jedes Wort wohl gewählt ist; denn obwohl der Heilige Geist ihn eingab, so hindert die Inspiration nicht, daß ein Mensch Gedanken und Sorgfalt auf das wendet, was er schreibt. Jedes Wort ist zu einem bestimmten Zweck ausgewählt. Wenn er seine eigene Sache geführt hätte, so hätte er es nicht mit mehr Weisheit und Ernst tun können. Paulus war, wie ihr wißt, nicht gewohnt, seine Briefe mit eigener Hand zu schreiben, sondern diktierte sie einem Gehilfen. Man nimmt an, daß er an schwachen Augen litt, und deshalb, wenn er schrieb, große Buchstaben machte, wie er in einem seiner Briefe sagt: „Seht, einen wie großen Brief ich euch mit eigener Hand geschrieben habe.“ Gal. 6, 11. (Engl. Üb.) Der Brief selber war kein großer, er spielte wahrscheinlich auf die Größe der Buchstaben an, die er gebrauchen mußte, wenn er selbst schrieb.

Dieser Brief an Philemon war, wenigstens teilweise, nicht diktiert, sondern eigenhändig geschrieben. Seht den 19. Vers: „Ich Paulus habe es geschrieben mit meiner eigenen Hand, ich will es bezahlen.“ Es ist das einzige Handschreiben in der Schrift, so viel ich mich erinnere, aber hier ist es ein Wechsel auf jede Summe, die Onesimus gestohlen haben könnte.

Laßt uns streben, weitherzig zu sein und Teilnahme für Gottes Kinder zu haben, besonders für die Neubekehrten, wenn wir sie in Not finden durch ein früher begangenes Unrecht. Wenn irgend etwas zurecht gebracht werden muß, laßt uns sie nicht von vornherein verdammen und sagen: „Du hast deinen Herrn bestohlen, nicht wahr? Du behauptest, bekehrt zu sein, aber wir glauben es nicht.“ Solcher Verdacht und solche strenge Behandlung mag wohl verdient sein, aber dies gibt uns die Liebe Christi nicht ein. Versucht, den Gefallenen zurechtzuhelfen und laßt sie wieder von neuem beginnen in der Welt. Wenn Gott ihnen vergeben hat, dann können wir es auch, und wenn Jesus Christus sie annimmt, so können sie für uns nicht zu schlecht sein. Laßt uns für sie tun, was Jesus getan haben würde, wenn Er hier gewesen wäre, so werden wir wahre Jünger Jesu sein.

So führe ich euch in den Text hinein und sage über ihn, daß er ein besonderes Beispiel göttlicher Gnade enthält. Zweitens führt er uns einen Fall vor, wo die Sünde zum Guten gelenkt wird. Und drittens kann er angesehen werden als Vorbild eines Verhältnisses, das durch die Gnade vervollkommnet wird, denn nun wird der, der eine Zeitlang ein Diener war, sein Leben lang bei Philemon bleiben, und nicht mehr ein Diener, sondern ein geliebter Bruder sein.

I.

Aber zuerst laßt uns Onesimus betrachten, als ein Beispiel der göttlichen Gnade.

Wir sehen die Gnade Gottes in seiner Erwählung. Er war ein Sklave. In jenen Tagen waren die Sklaven sehr ununterrichtet, unwissend und herabgekommen. Da sie barbarisch behandelt wurden, so waren sie zum größten Teil selbst in die niedrigste Barbarei versunken, und ihre Herren versuchten auch nicht, sie da herauszuheben. Es ist möglich, daß Philemons Versuch, dem Onesimus zu nützen, diesem lästig wurde und er deshalb aus dem Hause geflohen war. Seines Herrn Gebete, Warnungen und christliche Anordnungen mögen ihm unangenehm gewesen sein und er ist deshalb fortgelaufen. Er war seinem Herrn etwas schuldig, was kaum der Fall sein könnte, wenn man ihm nicht bis zu einem gewissen Grade Vertrauen geschenkt hätte. Vielleicht ist die ungewöhnliche Freundlichkeit des Philemon und das Vertrauen, das in ihn gesetzt wurde, zu viel für seine rohe Natur gewesen. Wir wissen nicht, was er gestohlen hat, aber augenscheinlich war etwas nicht in Ordnung, denn der Apostel sagt: „So er dir etwas Schaden getan oder schuldig ist, das rechne mir zu.“ Er lief weg von Kolossä, und in dem Gedanken, daß er weniger leicht von den Dienern der Gerechtigkeit entdeckt werden würde, suchte er Rom auf, was damals eine sehr große Stadt war. Dort in jene Hinterstraßen, wie jetzt das Judenquartier in Rom, ist er wahrscheinlich gegangen, um sich zu verbergen oder in die Diebeshöhlen, die die kaiserliche Stadt verpesteten, dort würde man nichts mehr von ihm sehen oder hören, dachte er; und er konnte das freie und leichte Leben eines Diebes führen. Aber seht, der Herr schaute hernieder vom Himmel mit dem Auge der Liebe und richtete dieses Auge auf Onesimus.

Waren keine freien Männer da, daß Gott einen Sklaven erwählen mußte? Waren keine treuen Diener da, daß Er einen wählen mußte, der seines Herrn Geld unterschlagen hatte? Waren keine Gebildeten und Unterrichteten da, daß Er nötig hatte, auf einen Halbwilden zu blicken? Waren keine unter den moralisch Guten und Trefflichen da, daß die unendliche Liebe sich auf dieses herabgewürdigte Wesen .richtete, das sich mit dem Abschaum der Gesellschaft verbunden hatte? Und was der Abschaum der Gesellschaft im alten Rom war, daran mag ich nicht denken, denn die oberen Klassen waren ungefähr so viehisch in ihren allgemeinen Gewohnheiten, wie wir es nur denken können; und was der niedrigste Abschaum gewesen sein muß, daß kann keiner von uns sagen. Onesimus war ein Teil und Stück der Hefen in einer Kloake von Sünde. Lest das erste Kapitel des Römerbriefes, wenn ihr könnt, und ihr werdet sehen, in welchem furchtbaren Zustand die heidnische Welt damals war, und Onesimus war unter den Schlechtesten der Schlechtesten; und doch richtete die ewige Liebe, die an Königen und Fürsten vorüberging. und die Pharisäer und Sadduzäer, Philosophen und Magier im Dunkeln tappen ließ, wie es ihnen gefiel, ihr Auge auf dieses arme, umnachtete Geschöpf, damit es zu einem Gefäß der Ehren werde, ein geeignetes Werkzeug des Herrn.

„Wenn Gott, der Herr, vom Himmel fährt
Auf diese Erd' herab,
Voll heil'gen Zornes Er sich kehrt
Vom stolzen Fürsten ab.

Nicht auf den Höhen weilet Er,
Hinunter geht sein Lauf,
Demüt'ge Seelen liebt der Herr,
Und diese sucht Er auf.

Warum denn stößt Er so zurück.
Die Fürsten dieser Welt?
Warum dem sanften Liebesblick
Nur Niedrigkeit gefällt?

Schweig', Sterblicher, und wag' es nicht,
Zu tadeln, was Er will,
Halt' über Ihn du nicht Gericht,
Nein, zitt're, und sei still.

Denn wie Er selbst, ist seine Gnad'
So frei und unumschränkt,
Und unerforschlich ist der Pfad,
Den seine Weisheit lenkt.“

„Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich,“ das rollt dem Donner gleich von dem Kreuz auf Golgatha und von dem Berge Sinai. Der Herr herrscht unumschränkt und tut, was Ihm gefällt. Laßt uns diese wunderbare, erwählende Liebe anbeten, die einen Menschen wie den Onesimus wählte!

Wir sehen diese Gnade auch in der Bekehrung dieses entlaufenen Sklaven. Seht ihn an! Wie unwahrscheinlich ist es, daß er bekehrt werden wird. Er ist ein asiatischer Sklave, der ungefähr auf derselben Stufe steht wie ein gewöhnlicher indischer Matrose oder heidnischer Chinese. Er war aber schlechter als jener, der ein freier Mann ist und wahrscheinlich ein ehrlicher. Dieser Mann war unredlich gewesen und dabei verwegen, denn nachdem er seines Herrn Eigentum nahm, war er kühn genug, eine lange Reise von Kolossä zu machen, um Rom zu erreichen. Aber die ewige Liebe beabsichtigt, diesen Mann zu bekehren, und bekehrt wird er werden. Er mochte den Paulus zu Kolossä und zu Athen gehört haben, aber es hatte keinen Eindruck auf ihn gemacht. In Rom predigte Paulus nicht in der Peterskirche; nicht in einem so erhabenen Raum. Paulus predigte nicht in einem Raum wie dies Tabernakel, wo Onesimus einen bequemen Sitz erhalten konnte - kein solcher Ort wie dieser - sondern es war wahrscheinlich dort an der Rückseite des Palatinischen Hügels, wo die prätorianische Wache ihr Quartier hatte, und wo sich ein Gefängnis befand, das das Prätorium genannt wurde. In einem kahlen Raum des Barackengefängnisses saß Paulus mit einem Soldaten, der an seine Hand gefesselt war, und predigte allen, die zu ihm gelassen wurden, um ihn zuhören, und dort war es, wo die Gnade Gottes das Herz dieses wilden, jungen Menschen erreichte, und welche Veränderung bewirkte sie sofort in ihm! Nun seht ihr ihn, wie er seine Sünde bereut, betrübt bei dem Gedanken, einem Mann Schaden getan zu haben, traurig, die Verderbnis seines Herzens sowie den Irrtum seines Lebens zu sehen. Er weint; Paulus predigt ihm Christus den Gekreuzigten, und der Glanz der Freude ist in seinem Auge; und von diesem schweren Herzen wird eine Last genommen. Neue Gedanken erleuchten diese dunkle Seele; sogar das Antlitz ist verändert, und der ganze Mensch neu, denn die Gnade Gottes kann den Löwen in ein Lamm, den Raben in eine Taube umwandeln. Einige von uns sind, wie ich nicht zweifle, ebenso wunderbare Beispiele der göttlichen Erwählung und wirksamen Berufung wie Onesimus es war. Laßt uns daher die Freundlichkeit Gottes verkünden und uns sagen: „Christus soll den Ruhm dafür haben. Der Herr hat es getan, und dem Herrn sei Ehre von nun an bis in Ewigkeit.“

Die Gnade Gottes war sichtbar in der Gemütsart, die sie in dem Onesimus bei seiner Bekehrung weckte, denn er scheint hilfreich, dienstbereit und von Nutzen gewesen zu sein. Das jedenfalls sagt Paulus. Er hätte ihn gern als Gesellschafter behalten, und nicht eben jeden Bekehrten möchten wir gerade als Gefährten wählen. Es gibt sonderbare Leute, die in den Himmel kommen werden, daran zweifeln wir nicht, weil sie Pilger auf dem rechten Wege sind, aber wir würden gern auf der anderen Seite des Weges bleiben, denn sie sind widerborstig, und es ist etwas an ihnen, das unserer Natur nicht mehr zusagt als unserem Gaumen eine widerliche Arznei gefällt. Sie sind eine Art geistlicher Stachelschweine; sie sind lebendig und nützlich, und ohne Zweifel veranschaulichen sie die Weisheit und Geduld Gottes, aber sie sind keine guten Gefährten, man möchte sie nicht gern in seinem Busen tragen.

Aber Onesimus hatte augenscheinlich ein freundliches, sanftes, liebendes Gemüt. Paulus nannte ihn sofort Bruder und würde ihn gern bei sich behalten haben. Als er ihn zurücksandte, war es da nicht ein klarer Beweis seiner Herzensveränderung, daß er willig war, zurückzugehen? Fern von da, wie er es in Rom war, hätte er von einer Stadt zur anderen gehen können und wäre vollkommen frei geblieben, aber da er fühlte, daß er unter einer Art Verpflichtung gegen seinen Herrn war - besonders seit er ihm geschadet hatte - folgt er dem Rat des Paulus, in seine alte Stellung zurückzukehren. Er will zurück und einen Entschuldigungs- oder Empfehlungsbrief an seinen Herrn mitnehmen; denn er fühlt, daß es seine Pflicht ist, das geschehene Unrecht wieder gutzumachen.

Ich sehe immer gern einen Entschluß, früheres Unrecht zu beheben, bei Leuten, die behaupten, bekehrt zu sein. Wenn sie unrechtmäßigerweise Geld genommen haben, so sollten sie es wieder bezahlen; es wäre gut, wenn sie es siebenfältig erstatteten. Wenn wir auf irgendeine Weise einem anderen etwas genommen oder ihm geschadet haben, so meine ich, die ersten Regungen der Gnade im Herzen werden uns eingeben, auf jede Weise, die in unsern Kräften steht, es wieder gutzumachen. Denkt nicht, daß ihr darüber hinwegkommen könnt, wenn ihr sprecht: „Gott hat mir vergeben, und deshalb kann ich es unterlassen.“ Nein, lieber Freund, sondern da Gott dir vergeben hat, versuche, alles Unrecht wieder gutzumachen, und beweise die Aufrichtigkeit deiner Reue dadurch. So will Onesimus zu Philemon zurückkehren und die bestimmten Jahre für ihn arbeiten oder sonst tun, was er wünscht, denn obgleich er vorgezogen haben würde, dem Paulus zu dienen, so war seine erste Verpflichtung doch gegen den Mann, dem er schadete. Dies zeugte von einem sanften, demütigen, redlichen, aufrichtigen Geiste; und laßt uns den Onesimus dafür loben; nein, laßt uns die Gnade Gottes dafür preisen. Seht den Unterschied zwischen dem Mann, der stahl, und dem Mann, der nun zurückkehrt, um seinem Herrn zu dienen.

Welche Wunder hat die Gnade Gottes getan! Brüder, laßt mich hinzufügen: Welche Wunder kann die Gnade Gottes tun! Viele Mittel werden in der Welt ausprobiert zur Besserung der Bösen und zur Aufrichtung der Gefallenen, und allen diesen Bemühungen, so weit sie redliche Motive haben, wünschen wir guten Erfolg; denn allem, was lieblich und rein ist, dem wünschen wir Gottes Segen. Aber merkt euch dieses Wort: die wahre Besserung des Trunkenboldes ist die, daß er ein neues Herz bekommt; die wahre Wiederaufrichtung der Hure ist ein erneuerter Sinn. Die Reinheit wird nie den gefallenen Frauen durch jene garstigen Gesetze über ansteckende Krankheiten zuteil werden, die nach meinem Gefühl gleich Kain einen Fluch an ihrer Stirn tragen. Die Weiblichkeit wird unter solchen Gesetzen nur tiefer sinken. Die Hure muß in des Heilandes Blut gewaschen werden, sonst wird sie niemals rein. Die unterste Schicht der Gesellschaft wird nie anders in das Licht der Tugend, Mäßigkeit und Reinheit gebracht werden, als durch Jesus Christus und sein Evangelium; und wir müssen dabei bleiben. Laßt alle andern tun, was ihnen gefällt, aber Gott verhüte, daß ich mich rühmen sollte als allein von dem Kreuz Jesu Christi. Ich sehe gewisse Brüder, die Zweige von dem Baum des Lasters mit ihren hölzernen Sägen abhacken; aber das Evangelium legt die Axt an die Wurzeln in dem ganzem Wald des Bösen, und wenn es recht in das Herz aufgenommen ist, so fällt es alle Upasbäume auf einmal, und statt ihrer werden „Tannen, Buchen und Buchsbäume“ aufwachsen, um das Haus der Herrlichkeit unseres Herrn zu schmücken. Laßt uns, wenn wir sehen, was der Geist Gottes für Menschen tun kann, die Gnade Gottes verkünden und sie mit all unserer Kraft erheben..

II.

Und nun, zweitens, haben wir in unserm Text und seinem Zusammenhang ein sehr interessantes Beispiel davon, wie die Sünde zum Guten gelenkt wird.

Onesimus hatte kein Recht, seinen Herrn zu bestehlen und ihm zu entlaufen; aber es gefiel Gott, dieses Verbrechen zu seiner Bekehrung zu gebrauchen. Es brachte ihn nach Rom, und dahin, wo Paulus predigte, und auf diese Weise zu Christus und zur Vernunft. Nun müssen wir, wenn wir davon sprechen, vorsichtig sein. Wenn Paulus sagt: „Vielmehr ist er darum eine Zeitlang von dir genommen, daß du ihn ewig wieder hättest,“ so entschuldigt er nicht sein Weggehen. Er erklärt nicht, daß Onesimus recht getan hätte - keinen Augenblick. Sünde ist Sünde, und was immer durch die Sünde bewirkt wird durch Gottes Lenkung, doch ist die Sünde immer noch Sünde. Die Kreuzigung unseres Heilandes hat die größten nur denkbaren Segnungen für die Menschheit gebracht, nichtsdestoweniger waren es „die Hände der Ungerechten,“ die Jesus nahmen und Ihn kreuzigten. Der Verkauf Josephs nach Ägypten war in Gottes Hand das Mittel, Jakob und seine Söhne zur Zeit der Teuerung zu erhalten; aber seine Brüder hatten damit nichts zu tun und waren nicht weniger schuldig, weil sie ihren Bruder als Sklaven verkauft hatten. Laßt uns stets daran denken, daß die Fehlerhaftigkeit oder Tugend einer Handlung nicht auf ihren Folgen beruht. Wenn z. B. ein Mann, der bei einer Eisenbahn angestellt ist, um die Weichen zu stellen, dies vergißt, so nennt ihr es ein großes Verbrechen, wenn sich ein Unglücksfall ereignet und ein Dutzend Leute getötet werden. Ja, aber das Verbrechen ist dasselbe, wenn niemand getötet wird. Es ist nicht die Folge der Nachlässigkeit, sondern die Nachlässigkeit selbst, die Strafe verdient. Wenn es des Mannes Pflicht wäre, die Weiche in der und der Richtung zu stellen, und sein Unterlassen durch irgendeinen besonderen Zufall zur Rettung des Leben gedient hätte, so würde der Mann ebenso tadelnswert sein. Ihm wäre kein Verdienst beizumessen, denn wenn seine Pflicht in einer gewissen Richtung liegt, so liegt sein Fehler auch in derselben, nämlich in der Vernachlässigung dieser Pflicht. Wenn Gott die Sünde zum Guten lenkt, wie Er es manchmal tut, ist sie darum doch nicht weniger Sünde. Es ist und bleibt Sünde, und nur um so mehr Ruhm ist für die wunderbare Weisheit und Gnade Gottes zu bringen, der aus dem Bösen Gutes hervorbringt und so tut, was nur allmächtige Weisheit vollbringen kann. Onesimus ist nicht entschuldigt: Daß er seines Herrn Güter veruntreut und ihn ohne Berechtigung verlassen hat, macht ihn zum Übeltäter, aber Gottes Gnade wird verherrlicht.

Erinnert euch ferner daran - dies muß beachtet werden: als Onesimus seinen Herrn verließ, beging er eine Handlung, deren Folgen aller Wahrscheinlichkeit nach für ihn gefährlich sein würden. Er lebte als Diener, dem Vertrauen geschenkt wurde, unter dem Dache eines freundlichen Herrn, der eine Gemeinde in seinem Hause hatte. Wenn ich den Brief richtig verstehe, so hatte er einen gottesfürchtigen Herrn und eine gottesfürchtige Herrin und dadurch immer Gelegenheit, das Evangelium zu lernen; aber dieser leichtsinnige junge Bursche konnte dies wahrscheinlich nicht ertragen und hätte zufriedener bei einem heidnischen Herrn gelebt, der ihn den einen Tag geschlagen und den anderen Tag betrunken gemacht hätte. Den christlichen Herrn mochte er nicht, darum ging er davon. Er verachtete die Gelegenheit, das Heil zu ergreifen, und ging nach Rom, und er muß in den schlechtesten Stadtteil gegangen sein, und sich, wie ich euch schon sagte, mit den rohesten Leuten zusammengetan haben. Nun, wenn es sich ergeben hätte, daß er an den Sklavenaufständen teilnahm, die damals häufig stattfanden, wie er es aller Wahrscheinlichkeit nach getan hätte, hätte die Gnade ihn nicht daran gehindert, so wäre er hingerichtet worden, wie andere es wurden. Es wäre kurzer Prozeß mit ihm in Rom gemacht worden; ein Mann ist halb verdächtig, ab mit seinem Kopf, das war die Regel für Sklaven und Vagabunden. Onesimus war gerade ein Mann, der wahrscheinlich rasch zum Tode verurteilt und damit ins ewige Verderben gestürzt worden wäre. Er hatte seinen Kopf, sozusagen, in des Löwen Rachen gesteckt durch das, was er tat.

Wenn ein junger Mensch plötzlich seine Heimat verläßt und nach London geht, so wissen wir, was das bedeutet. Wenn seine Freunde nicht wissen, wo er ist, und er nicht will, daß sie es wissen, so vermuten wir sehr bald, wo er ist und was er treibt. Was Onesimus tat, weiß ich nicht, aber er tat sicher sein Bestes, sich zu ruinieren. Sein Verhalten muß deshalb nach dem beurteilt werden, wohin es ihn wahrscheinlich gebracht hätte, und daß es ihn nicht dahin führte, war nicht sein Verdienst, sondern dafür gebührt der Lenkung Gottes die Ehre. Seht, liebe Brüder, wie Gott alles lenkte. So hatte der Herr es beschlossen. Niemand soll fähig sein, das Herz des Onesimus zu rühren, als Paulus. Onesimus lebt zu Kolossä; Paulus kann nicht dahin kommen, er ist im Gefängnis. Darum muß Onesimus zu Paulus gebracht werden. Hätte Philemons freundliches Herz sich bewogen gefunden, dem Onesimus zu sagen: „Ich wünsche, daß du nach Rom gehst, Paulus aufsuchst und ihn hörst.“, so hätte dieser unnütze Knecht erwidert: „Ich will nicht mein Leben daran wagen, eine Predigt zu hören. Wenn ich mit dem Brief oder dem Geld gehe, das du dem Paulus sendest, so will ich es abliefern, aber ich brauche seine Predigt nicht.“ Manchmal, wißt ihr, wenn die Leute hingebracht werden, einen Prediger zu hören in der Absicht, daß sie bekehrt werden sollen, und sie irgendeine Ahnung davon haben, so ist es das unwahrscheinlichste Ding, daß sie es werden, weil sie mit dem Entschluß dahin gehen, feuerfest zu sein, damit die Predigt ihnen nicht zu Herzen geht; und wahrscheinlich würde dies bei Onesimus der Fall gewesen sein. Nein, nein, er war auf diesem Wege nicht zu gewinnen, er muß auf anderem Wege nach Rom gebracht werden. Wie denn? Der Teufel soll es tun, ohne zu wissen, daß er dadurch einen willigen Diener verliert. Der Teufel versucht den Onesimus zum Stehlen. Onesimus tut es, und als er es tat, ist er ängstlich, daß er entdeckt wird, und deshalb macht er sich auf den Weg nach Rom, so schnell er kann, geht dort in die niedrigsten Schlupfwinkel, und da fühlt er, was der verlorene Sohn fühlte - einen hungrigen Magen, und das ist einer der besten Prediger in der Welt für manche Leute; ihr Gewissen wird auf diesem Wege erreicht. Als er sehr hungrig war, nicht wußte, was er tun sollte, und kein Mensch ihm etwas gab, da denkt er nach, ob wohl jemand in Rom ist, der Mitleid mit ihm haben würde. Er kennt niemanden in Rom und ist nahe daran, zu verhungern. Vielleicht war da eines Morgens eine christliche Frau - mich sollte es nicht wundern - die hinging, um Paulus zu hören, sie sah diesen armen Menschen auf einer Tempeltreppe kauern und ging zu ihm und sprach über seine Seele mit ihm. „Seele,“ sagte er, „um die kümmere ich mich nicht, aber mein Körper würde dir für etwas Speise danken. Ich bin halb verhungert.“ Sie erwiderte: „So komme mit mir,“ und gab ihm Brot, und sagte dann: „ich tue das um Jesu Christi willen. „Jesus Christus!“ sagte er, „von Ihm habe ich gehört. Ich pflegte von Ihm drüben in Kolossä zu hören. „Wen hörtest du von Ihm sprechen?“ fragte die Frau dann vielleicht. „Nun, einen kleinen Mann mit schwachen Augen, einen großen Prediger, Paulus mit Namen, der in das Haus meines Herrn zu kommen pflegte. „Nun, ich gehe, um ihn predigen zu hören,“ sagte die Frau, „willst du kommen und ihn mit mir hören?“ Ja, ich glaube, ich würde ihn gern wieder hören. Er hatte immer ein freundliches Wort für die Armen.“ So geht er hin und drängt sich durch die Soldaten, und der Herr des Paulus gibt diesem das rechte Wort.

Es mag so gewesen sein, oder es mag anders gewesen sein, daß er, da er niemand anderen kannte, dachte: „Wohl, da ist Paulus, das weiß ich. Er ist im Gefängnis und ich will hingehen und sehen, wo er ist.“ Er geht hinab in das Prätorium, findet ihn da, erzählt ihm von seiner großen Armut, Paulus spricht mit ihm und dann bekennt er das Unrecht, was er getan hat, und Paulus, nachdem er ihn eine Zeitlang unterrichtet hat, sagt: „Nun mußt du zurückgehen und bei deinem Herrn das, was du getan hast, wieder gut machen.“ Es mag auf eine dieser beiden Arten gewesen sein; jedenfalls muß der Herr den Onesimus in Rom haben, um Paulus zu hören, und die Sünde des Onesimus, obgleich vollkommen freiwillig von seiner Seite, so daß Gott keinen Anteil daran hatte, wird durch eine geheimnisvolle Fügung so gelenkt, daß er dahin gebracht wird, wo das Evangelium an seiner Seele gesegnet werden soll.

Nun möchte ich mit einigen von euch christlichen Leuten über diese Sache sprechen. Habt ihr einen Sohn, der euer Haus verlassen hat? Ist er ein eigensinniger, verkehrter, junger Mensch, der weggegangen ist, weil er die Zucht einer christlichen Familie nicht ertragen konnte? Es ist traurig, daß es so ist - sehr traurig, aber verzweifelt nicht, denkt nicht mit Trauer an ihn. Ihr wißt nicht, wo er ist, aber Gott weiß es; ihr könnt ihm nicht folgen, aber der Geist Gottes kann es. Er ist auf der Reise nach Schanghai. Ah, da mag ein Paulus in Schanghai sein, der das Mittel zu seiner Bekehrung sein soll, und da dieser Paulus nicht in England ist, muß euer Sohn dahin gehen. Geht er nach Australien? Es mag dort ein Wort zu ihm gesprochen werden, das einzige Wort, das ihn je treffen wird. Ich kann es nicht sprechen, niemand in London kann es sprechen; aber der Mann dort wird es sprechen, und deshalb läßt Gott ihn in all seinem Eigensinn und seiner Torheit weggehen, damit er unter die Gnadenmittel gebracht wird, die sich als wirksam zu seiner Seligkeit erweisen werden. Mancher Seemann ist wild gewesen, sorglos, Gottlos, Christuslos, und ist zuletzt im fremden Land ins Hospital gebracht worden. Ach, wenn seine Mutter wüßte, daß er am gelben Fieber erkrankt ist, wie traurig würde ihr Herz sein, denn sie würde daraus schließen, daß ihr Sohn in Havanna oder sonstwo sterben und niemals heimkehren würde. Aber gerade in diesem Hospital will Gott zu ihm kommen. Ein Seemann schreibt mir ungefähr folgendes: „Meine Mutter bat mich, jeden Tag ein Kapitel in der Bibel zu lesen, aber ich tat es nie. Ich kam in das Hospital in Havanna, und als ich da war, lag ein Sterbender neben mir, der in einer Nacht starb; aber vor seinem Tode sagte er zu mir: „Kamerad, könntest du hierher. kommen? Ich wollte mit dir sprechen. Ich habe hier etwas, das mir sehr wertvoll ist. Ich war ein wilder Bursche, aber das Lesen dieser Predigten hat mich zu dem Heiland geführt, und ich sterbe mit einer guten Hoffnung durch Gottes Gnade. Nun, wenn ich tot und heimgegangen bin, magst du diese Predigten nehmen und sie lesen, und möge Gott sie an dir segnen. Und willst du einen Brief schreiben an den Mann, der diese Predigten hielt und drucken ließ, um ihm zu sagen, daß Gott sie zu meiner Bekehrung gesegnet hat, und daß ich hoffe, Er wird sie dir auch segnen.“ Es war ein Paket von meinen Predigten, und Gott segnete sie an diesem jungen Mann, der, wie ich gar nicht zweifle, in dies Hospital kam, weil dort ein Mann, der zu Christus geführt war, ihm die Worte übergeben sollte, die Gott an ihm segnen wollte. Du weißt nicht, liebe Mutter, du weißt nicht. Das Schlimmste, was einem jungen Menschen widerfahren kann, ist oft das beste, das ihm geschehen kann.

Ich habe manchmal gedacht, wenn ich junge Männer von Stand und Reichtum sich an Wettrennen und allen Arten Zerstreuungen beteiligen sah: „Wohl, dies ist ein furchtbar schlechtes Ding, aber es mag ebensogut sein, daß sie ihr Geld durchbringen, so schnell sie nur können, und dann, wenn sie an den Bettelstab gebracht sind, werden sie wie der junge Mann im Gleichnis sein, der seinen Vater verließ.“ Als er alles verzehrt hatte, kam eine große Teuerung in das Land, und er fing an zu hungern, und sprach: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Vielleicht ist die Krankheit, die dem Laster folgt, - vielleicht ist die Armut, die wie ein gewappneter Mann über Verschwendung und Ausschweifung kommt - nur Liebe in einer anderen Form, nur gesandt, um den Sünder zu nötigen, zu sich zu kommen, seine Wege zu überlegen und einen barmherzigen Gott zu suchen.

Ihr christlichen Leute seht oft die kleinen Straßenkinder - die armen kleinen Verwahrlosten - und ihr fühlt viel Mitleid mit ihnen, wie ihr es wohl tun mögt. Es ist eine liebe Schwester hier, Miß Annie Macpherson, die nur für sie lebt. Gott segne sie und ihr Werk! Wenn ihr sie seht, so könnt ihr nicht froh sein, sie so zu sehen, wie sie sind, aber ich habe oft gedacht, daß die Armut und der Hunger dieser armen kleinen Kinder eine lautere Stimme für die meisten Herzen hat, als ihre Laster und ihre Unwissenheit, und Gott wußte, daß wir nicht bereit und fähig wären, das Schreien der Sünde des Kindes zu hören, darum verband Er den Hunger mit diesem Schreien, damit er uns durchs Herz gehen möge. Die Leute könnten in Sünde leben und doch glücklich sein, wenn sie wohlhabend und reich wären; und wenn die Sünde nicht die Eltern arm und unglücklich machte und ihre Kinder elend, so würden wir sie nicht sehen und uns nicht aufmachen, mit ihr zu kämpfen. Es ist gut, wie ihr wißt, in manchen Krankheiten, wenn das Übel nach außen auf. die Haut tritt. Es ist schrecklich, es da zu sehen, aber es ist doch besser, als wenn es im Menschen verborgen ist; und oft ist die äußerliche Sünde und das äußere Elend eine Art des Herauskommens der Krankheit, so daß das Auge derer, die wissen, wo die heilende Arznei zu haben ist, auf die Krankheit gelenkt, damit so das geheime Übel der Seele bekämpft wird.

Onesimus hätte zu Hause bleiben und nie ein Dieb werden können, aber er wäre vielleicht durch Selbstgerechtigkeit verloren gegangen. Jetzt aber ist seine Sünde sichtbar. Der Taugenichts hat die Verdorbenheit seines Herzens enthüllt, und nun kommt er unter das Auge des Paulus und unter sein Gebet und wird bekehrt. Verzweifelt niemals, ich bitte euch, an einem Mann, einer Frau oder einem Kind, weil ihr ihre Sünde auf der Oberfläche ihres Charakters seht. Im Gegenteil, sagt euch: „Sie ist da, wo ich sie sehe, damit ich dafür beten kann. Sie ist hervorgetreten, damit ich mich bemühen möge, diese arme Seele zu Jesus Christus, dem mächtigen Heiland, zu bringen, der den verlorenen Sünder retten kann.“ Seht sie in dem Licht ernster, tätiger Menschenliebe an, und macht euch auf, sie zu überwinden. Unsre Pflicht ist, mit Hoffen und Beten anzuhalten. Es mag vielleicht sein, daß „er darum eine Zeit von dir gekommen ist, daß du ihn ewig wieder hättest.“ Vielleicht ist der Sohn so störrig gewesen, damit seine Sünde zu einer Krisis kommen und ihm ein neues Herz gegeben werden möge. Vielleicht hat sich das Übel deiner Tochter so entwickelt, daß nun der Herr ihre Sünde ihr zum Bewußtsein bringen und sie zu des Heilandes Füßen führen kann. Auf jeden Fall, wenn die Sache auch noch so schlimm steht, hofft auf Gott und haltet an im Gebet.

III.

Noch eins. Unser Text kann als ein Beispiel eines Verhältnisses betrachtet werden, das vollkommener wird. „Vielmehr aber ist er darum eine Zeitlang von dir gekommen, daß du ihn ewig wieder hättest; nun nicht mehr als einen Knecht, sondern einen lieben Bruder, sonderlich mir; wieviel mehr aber dir?“ Ihr wißt, wir brauchen lange Zeit, um große Wahrheiten zu lernen. Vielleicht hatte Philemon noch nicht recht eingesehen, daß es unrecht von ihm ist, einen Sklaven zu haben. Einige Menschen, die sehr gut waren, wußten es zu ihrer Zeit nicht. John Newton wußte nicht, daß er Unrecht tat mit dem Sklavenhandel, und George Whitefield, als er Sklaven in dem Waisenhaus zu Savanna ließ, das ihm vermacht war, dachte keinen Augenblick daran, daß er etwas anderes damit täte, als wenn es sich um Pferde, Gold und Silber gehandelt hätte. Die öffentliche Meinung war nicht erleuchtet, obgleich das Evangelium immer die Wurzel der Sklaverei getroffen hat. Das Wesen des Evangeliums ist, daß wir anderen tun sollen, wie wir wollen, daß andere uns tun, und niemand würde wünschen, eines anderen Sklave zu sein, und deshalb hat er kein Recht, einen andern als Sklaven zu haben. Vielleicht hat dieser Brief des Paulus dem Philemon ein wenig die Augen geöffnet über seine eigene Stellung, als Onesimus fortlief und wieder kam,. Ohne Zweifel wird er ein vortrefflicher Herr gewesen sein und seinem Sklaven Vertrauen geschenkt und ihn gar nicht als Sklaven behandelt haben, aber vielleicht hatte er ihn nicht als einen Bruder betrachtet; und als nun Onesimus zurückgekehrt ist, da wird er ein besserer Diener sein, aber Philemon wird auch ein besserer Herr sein und nicht länger ein Sklavenhalter. Er wird seinen früheren Diener als einen Bruder in Christo ansehen.

Nun, dies ist es, was die Gnade Gottes tut, wenn sie in eine Familie kommt. Sie ändert die Verhältnisse nicht, sie gibt dem Kind nicht das Recht, trotzig zu sein und zu vergessen, daß es seinen Eltern gehorchen muß, sie gibt dem Vater nicht das Recht, über seine Kinder ohne Weisheit und Liebe zu regieren, denn sie sagt ihm, daß er seine Kinder nicht zum Zorn reizen soll, damit sie nicht erbittert werden; sie gibt dem Knecht nicht das Recht, Herr zu sein, und nimmt auch dem Herrn nicht seine Stellung oder erlaubt ihm, seine Autorität zu mißbrauchen, sondern rund umher macht sie alles milder und sanfter. Rowland Hill pflegte zu sagen, er gäbe keinen Pfennig um die Frömmigkeit eines Mannes, wenn sein Hund und seine Katze es nicht besser hätten, seit er bekehrt wäre. Dies ist eine wichtige Bemerkung. Alles im Hause geht besser, wenn die Gnade die Räder ölt. Die Herrin ist vielleicht etwas scharf, rasch und streng; nun, es kommt etwas Zucker in ihre Natur hinein, wenn sie die Gnade Gottes empfängt. Die Magd mag zur Faulheit geneigt sein, spät aufstehen am Morgen, ihre Arbeit nachlässig tun und das Geschwätz an der Tür lieben; aber wenn sie wahrhaft bekehrt ist, so hat all dies ein Ende. Sie ist gewissenhaft und erfüllt ihre Pflicht, wie sie es soll. Der Herr vielleicht - nun, er ist der Herr, und ihr wißt das. Aber wenn er ein wahrhaft christlicher Mann ist, so ist er sanft, freundlich und rücksichtsvoll. Der Mann ist des Weibes Haupt, aber wenn er durch die Gnade erneuert ist, so ist er nicht das Haupt des Weibes, wie einige Männer es sind. Die Frau bleibt auch an ihrem Platze und sucht mit aller Sanftmut und Weisheit das Haus so glücklich zu machen, wie sie kann. Ich glaube nicht an deine Religion, lieber Freund, wenn sie dem Tabernakel angehört und der Betstunde, und nicht dem Hause.

Die beste Religion in der Welt ist die, die am Tisch lächelt, an der Nähmaschine arbeitet und im Salon liebenswürdig ist. Gebt mir die Religion, die die Stiefel putzt und dies gut macht; die Speise kocht und sie so kocht, daß man sie essen kann; die Ellen Kattun abmißt und sie nicht einen halben Zoll zu kurz macht; die hundert Ellen von einem Stoff verkauft und nicht hundertneunzig berechnet, wie das manche Kaufleute tun. Das ist wahres Christentum, das das ganze Leben durchdringt.

Wenn wir wirklich Christen sind, so werden wir. in all unseren Verhältnissen zu unseren Mitmenschen anders sein, und darum werden wir diejenigen, die wir als unter uns stehend betrachten, mit ganz anderen Augen ansehen. Es ist unrecht von christlichen Leuten, wenn sie kleine Fehler bei Mägden so scharf beurteilen, besonders wenn diese christliche Mägde sind. Das ist nicht die Art, um sie zu bessern. Sie sehen eine Kleinigkeit, die verkehrt ist, und sie schelten die armen Mädchen, als wenn sie jemand ermordet hätten. Wenn euer und mein Herr euch in dieser Weise behandeln wollte, so sollte mich wundern, wie es euch erginge. Wie rasch sind einige bei der Hand, ihre Mädchen wegen kleiner Versehen zu entlassen. Keine Entschuldigung, kein erneuter Versuch; sie müssen gehen. Mancher junge Mann ist aus dem Dienst gejagt worden wegen einer Kleinigkeit von einem christlichen Brotherrn, der gewußt hat, daß er ihn dadurch allen Arten von Gefahr aussetzte; und manches Mädchen ist aus dem Hause gejagt worden wie ein Hund, ohne einen Gedanken daran, ob sie eine andere Stelle finden könnte und ohne etwas zu tun, damit sie nicht auf Irrwege geriete. Laßt uns an andere denken, besonders an diejenigen, die Christus liebt, wie Er uns liebt.

Philemon hätte sagen können: „Nein, nein, ich nehme dich nicht wieder an, Junker Onesimus, sicherlich nicht, einmal gebissen, zweimal scheu, mein Herr. Ich reite nie ein Pferd mit gebrochenen Knien. Du stahlst mein Geld, ich will dich nicht wieder haben.“ Ich habe diese Art Reden gehört, habt ihr's nicht? Habt ihr nie ebenso gefühlt? Wenn ihr es habt, so geht nach Hause, und bittet Gott, euch von solchem Gefühl zu befreien, es ist ein schlechtes Ding in der Seele. Ihr könnt es nicht mit zum Himmel nehmen. Wenn Jesus euch so völlig vergeben hat, sollt ihr euren Knecht bei der Gurgel fassen und sagen: „Bezahle mir, was du mir schuldig bist!“? Gott verhüte, daß wir in solcher Gemütsart verharren. Seid mitleidig, laßt euch leicht erbitten und seid bereit zum Vergeben. Es ist viel besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun; viel besser, einen Fehler zu übersehen, den man hätte beachten können, als einen Fehler zu beachten, den man hätte übersehen können.

„Gott, laß mich fromm und freundlich sein,
Und alle Menschen lieben,“

heißt es in dem kleinen Lied, das wir als Kinder zu lernen pflegten. Wir sollten es jetzt üben und

„Leben wie das Jesukind,
Das sanfte, stille, reine.“

Gott gebe nach seiner unendlichen Gnade, daß wir es tun.

Ich will noch eins sagen, dann bin ich fertig. Wenn die geheimnisvolle Fügung darin sich zeigte, daß Onesimus nach Rom gebracht wurde, so möchte ich wissen, ob es nicht eine solche Fügung ist, daß einige von euch heute abend hier sind! Es ist möglich. So etwas geschieht. Leute kommen hierher, die niemals beabsichtigen, zu kommen. Es wäre das letzte gewesen, was sie geglaubt hätten, wenn ihnen jemand gesagt hätte, daß sie hier sein würden, doch hier sind sie. Sie haben sich auf alle Art gedreht und gewunden, und dennoch sind sie auf irgendeine Weise hierher geraten. Kamst du zu spät zum Zug und tratest hier herein, um zu warten? Segelte dein Schiff nicht so früh ab, wie du erwartetest, und bist deshalb heute abend hier? Sag, ist es das? Ich bitte dich, erwäge diese Frage in deinem Herzen: „Beabsichtigt Gott nicht, mich zu segnen? Hat Er mich nicht hierher geführt, damit ich diesen Abend mein Herz Jesus übergeben möchte, wie Onesimus es tat?“ Mein lieber Freund, wenn du an den Herrn Jesus Christus glaubst, so sollst du augenblicklich Vergebung für alle deine Sünde haben und selig werden. Der Herr hat dich in seiner unendlichen Weisheit hierher gebracht, um das zu hören, und ich hoffe, Er hat dich auch hergebracht, um es anzunehmen und deines Weges zu gehen als ein anderer Mensch.

Vor ungefähr drei Jahren sprach ich mit einem alten Prediger, der anfing, in seiner Westentasche herumzufühlen, aber es dauerte lange, bis er fand, was er suchte. Endlich zog er einen Brief hervor, der beinahe schon ganz zerrissen war, und sagte: „Gott, der Allmächtige, segne Sie! Gott, der Allmächtige, segne Sie.“ Ich fragte: „Freund, was ist das?“ Er erwiderte: „Ich hatte einen Sohn. Ich hoffte, er würde die Stütze meines Alters sein, aber er führte einen schlechten Wandel und verließ mich, und ich wußte nicht, wohin er ging, außer, daß er mir gesagt hatte, er ginge nach Amerika. Er nahm ein Billet, um von den Londoner Docks nach Amerika zu fahren, aber das Schiff fuhr nicht an dem Tag ab, an dem er dachte.“ Der alte Prediger bat mich, den Brief zu lesen, der ungefähr so lautete: „Vater, ich bin hier in Amerika. Ich habe eine Stelle gefunden und Gott hat es mir gelingen lassen. Ich schreibe, um dich um Vergebung zu bitten für das tausendfache Unrecht, was ich dir antat, und den Kummer, den ich dir machte, denn Gott sei gepriesen, ich habe den Heiland gefunden. Ich bin Mitglied der Gemeinde Gottes hier geworden, und hoffe, mein Leben im Dienst Gottes zuzubringen. Es kam so: Ich segelte nicht an dem Tage nach Amerika, an dem ich es meinte. Ich ging nach dem Tabernakel, um mal zu sehen, wie es eigentlich wäre, und Gott begegnete mir da. Spurgeon sagte: „Vielleicht ist ein weggelaufener Sohn hier. Der Herr berufe ihn durch seine Gnade.“ Und Er tat es. „Nun,“ sagte der Alte, als er seinen Brief zusammenfaltete und in seine Tasche steckte, „dieser mein Sohn ist tot und im Himmel, und ich liebe Sie und werde Sie lieben, so lange ich lebe, weil Sie das Werkzeug waren, ihn zu Christus zu bringen.“ Ist hier ein Ähnlicher heute abend? Ich bin überzeugt, es ist so, - jemand derselben Art; im Namen Gottes beschwöre ich ihn, die Warnung anzunehmen, die ich ihm von dieser Kanzel gebe. Wagst du es, von diesem Orte wegzugehen, wie du gekommen bist? O, junger Mann, der Herr gibt dir in seiner Gnade noch einmal Gelegenheit, von dem Irrtum deines Weges umzukehren, und ich bitte dich, jetzt hier - wie du jetzt bist - hebe dein Auge zum Himmel auf und sprich: „Gott, sei mir Sünder gnädig,“ und Er wird es sein. Dann gehe heim zu deinem Vater und erzähle ihm, was die Gnade Gottes für dich getan hat, und bewundere die Liebe, die dich hierher brachte, um dich zu Christus zu bringen. Lieber Freund, wenn auch nichts Geheimnisvolles dabei ist, nun, so sind wir doch hier. Wir sind, wo das Evangelium gepredigt wird, und das legt uns Verantwortung auf. Wenn ein Mensch verloren geht, so ist es besser für ihn, verlorenzugehen, ohne das Evangelium zu hören, als verlorenzugehen, wie einige von euch es werden, unter dem Tone einer klaren, ernsten Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Wie lange hinkt ihr zwischen zwei Meinungen? „So lange bin ich bei euch,“ spricht Christus, „und doch kennst du mich nicht?“ All dieses Lehren und Predigen und Einladen, und doch bekehrst du dich nicht? „Bekehre Du den Sünder, Herr, Und offenbar' ihm sein Verderben.“

Laß ihn nicht länger zaudern, damit er nicht zaudere, bis er zu spät seine verhängnisvolle Wahl bereut. Gott segne euch, um Christi willen. Amen.

autoren/s/spurgeon/g/spurgeon-die_geschichte_eines_entlaufenen_sklaven.txt · Zuletzt geändert: von aj