Spurgeon, Charles Haddon - Der grosse Arzt und seine Kranken

„Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“
Mat. 9,12

„Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken;“ das war die Verteidigung, die Christus den Pharisäern entgegenhielt, als sie darüber murrten, daß Er mit Zöllnern und Sündern umgehe. Er rechtfertigte sich glänzend vor ihnen, indem Er ihnen zeigte, daß Er vollkommen recht habe, und seine Handlungsweise höchst zweckmäßig sei. Er tat, was Ihm nach seiner öffentlichen Stellung gebührte. Ein Arzt muß da sein, wo es für ihn etwas zu tun gibt; und das ist da, wo etwas zu heilen ist. Es war unter den Pharisäern offenbar kein einziger eines geistlichen Arztes bedürftig, wenn ihre Meinung von ihrer eignen Person richtig war; denn sie fühlten sich vollkommen gesund. Dagegen gab's sehr viel zu tun, wie sie selber zugaben, unter den Zöllnern und Sündern; denn diese waren bedenklich krank; darum war hier unser Herr und Heiland am rechten Platz und verrichtete sein Amt treu, wenn Er die aufsuchte, die seiner bedurften.

I.

Wir wollen heute ohne lange Vorrede sogleich auf den Gegenstand unseres Schriftworts eingehen und zuerst sehen, wie die Gnade die Sünde schonend als eine Krankheit bezeichnet.

Die Sünde ist mehr als eine Krankheit. Wenn sie nur eine Krankheit wäre, so wären die Menschen zu bedauern, daß sie darunter zu leiden haben; aber daß verkehrter Wille, vorsätzliche Empörung und absichtliche Beleidigung noch zur Sünde hinzutritt, das stempelt dieselbe erst zum eigentlichen Unrecht; sonst wäre sie weit weniger sündig; so aber ist sie mehr als eine Krankheit und schlimmer als eine Seuche. Denken wir nicht, daß eine Schilderung dessen, was eine Krankheit ist, wirklich die ganze Abscheulichkeit und Hassenswürdigkeit der Natur der Sünde darlege; es ist nur eine milde Art, mit der es der göttlichen Gnade gefällt, die Sünde anzusehen und mit ihr zu verfahren. So wie die Gerechtigkeit Gottes sie ansieht, wäre alle Seuche, Pest, Gift, Ansteckung und fressender Schaden noch unschuldig und wohltuend im Vergleich mit einem einzigen bösen Gedanken oder einer sündlichen Vorstellung; aber es gefällt der Gnade, mild und schonend die Sünde als eine Krankheit zu betrachten, damit sie sich in dem großen Heilsplan Gottes eine gewisse Berechtigung für ihre Wirksamkeit sichere. Und darin allerdings ist auch eine solche Betrachtungsweise gerechtfertigt, daß alles, was man von tödlichen Krankheiten sagen kann, auch von der Sünde gilt. Gehen wir auf das Einzelne näher ein.

Die Sünde ist eine erbliche Krankheit. Wir werden mit der Anlage zur Sünde geboren, ja vielmehr, wir werden in Sünden geboren. Das Gift ist schon im Blut; der innerste Kern unseres Lebens und Wesens ist von der Ansteckung ergriffen. Unsre Mütter, in Sünden geboren, untüchtig zu allem Guten, geneigt zu allem Bösen, haben auch uns in Sünden empfangen, und ebenso erben unsre Kinder in gleicher Weise von uns den Keim jener Sündenseuche, die in Fleisch und Blut unsrer gefallenen Natur übergegangen ist. Ein jeder Mensch, der in diese Welt hineingeboren wird, trägt in sich die Saat der Sünde, in der Entwicklung und Richtung seines Gemüts; und das ist auch nicht zum Verwundern, denn: „Wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist“ (Hiob 14, 4)? Ich sage, nicht einen! „Und wie mag rein sein eines Weibes Kind“ (Hiob 25, 4)?

Die Sünde gleicht darin einer Krankheit, daß sie sehr entkräftet. Ein Kranker kann keine Lasten tragen, keine Berge ersteigen, nicht schnell laufen, nicht anhaltend wandern, noch freudig hüpfen. Ebenso verhindert die Sünde unsern Gottesdienst. Wir können nicht zu Gott beten, noch Ihn recht loben. Zu jeder Pflichterfüllung fühlen wir uns zu schwach, zu allem Guten sind wir unfähig. Es gibt kein einziges sittliches Vermögen im Menschen, welches die Sünde nicht seiner Kraft und Herrlichkeit beraubt hat. Wollten wir in den Wegen der Gebote Gottes wandeln, so lähmte uns die Sünde; wollten wir uns an Gottesverheißungen festhalten, so durchschnitt uns das Böse alle Sehnen; wollten wir einen Blick tun in die Geheimnisse der Gnade, so machte uns unsre Schuld blind; wollten wir auf die Stimme Gottes hören, so schlug uns unsre Übertretung mit Taubheit; und wollte unser Mund den Gesang der Cherubim und Seraphim anstimmen, ach, so machte die Pest in unserm Herzen uns stumm. Von uns allen kann, und von jedem in besonderem Maße kann gesagt werden: „durch die Sünde überkochend wie Wasser, kannst du nicht vorgezogen sein“ (1 Mose 49, 4). Die Sünde schwächt die menschliche Natur für alles Gute ab. Die Sünde ist auch, gleich mancher Krankheit, etwas sehr Ekelhaftes.

Viele Krankheiten sind so außerordentlich widerlich, daß man kaum ihre Namen auszusprechen wagt; und doch sind sie, mit der Sünde verglichen, noch köstlich. Die verdorbenste, verpestete Luft, die je von einem Fieberspital hinweht, ist nicht so schlimm, wie die Sünde. Pesthäuser und Lazarette sind rein und gesund im Vergleich mit den Schlupfwinkeln des Lasters. In den Augen Gottes und in den Augen aller heiligen Gemüter ist das Allerverabscheuungswürdigste, Verwerflichste, Furchtbarste von der Welt das sittliche Übel. Könnte dieses Übel aufhören, so würde alles andre Übel von selber aufhören. Das ist die Mutter und Amme aller Übel, das Basiliskenei alles Unheils, der Brunnen aller Bitterkeit, die Wurzel alles Elends. Hier habt ihr den Absud der Hölle, das Gebräu des Teufels, oder welchen Namen sonst ihr habt für alles, was hassenswürdig, unehrlich, schandbar, unrein, verabscheuungswürdig - mit einem Wort: verdammlich ist.

Gleich manchen Krankheiten ist die Sünde entsetzlich verunreinigend. Gleichwie man dem Aussätzigen nicht gestatten darf, frei umherzugehen; wie die Pestkranken von allen ihren Mitmenschen abgeschlossen werden müssen, so trennt uns die Sünde von allem Umgang mit Gott und den heiligen Wesen. Und das kommt nicht bloß von ihrer Abneigung, mit uns Gemeinschaft zu haben, sondern ebensowohl von unsrer beklagenswerten Unfähigkeit, Umgang mit ihnen zu pflegen. Es ist furchtbar, wenn eines von uns einen Krebsschaden mit sich umherträgt, der schon bis zur brandigen Fäulnis sich entwickelt hat; und doch ist das für uns noch nicht halb so abschreckend und schauerlich, wie es die Sünde dem Herzen Gottes ist. Gott ist unaussprechlich gnädig, aber Er kann die Sünde nicht in seiner Nähe dulden; darum verbot Er kranken Personen den Eintritt in seine Vorhöfe, ja, sie durften sich sogar nicht im Lager seines Volkes blicken lassen, zum vorbildlichen Zeugnis seines Hasses gegen die Sünde. Für den Unreinen bestand eine völlige und strenge Absonderung, bis er wieder rein gesprochen war. Die Sünde schließt uns notwendig von der Gemeinschaft mit Gott aus. Wir dürfen nicht in seine heilige Gegenwart kommen, ja, wir dürfen Ihm nicht einmal nahen; das Feuer seines Zornes würde uns verzehren, wie es Nadab und Abihu verzehrte, wenn wir uns als Sünder ohne den Herrn Jesum Christum in seine Nähe wagten. Die allmächtige Gnade muß uns reinigen von unsrer Befleckung, sonst können wir Ihn nicht anbeten. Ungerechtigkeit ist eine arge Befleckung. Alles, was wir tun und denken, wird durch unsre Verderbtheit besudelt. Ein Unreiner durfte kein Gefäß anfassen, auf keinem Bette sitzen, kein Kleid berühren, ohne daß diese Gegenstände dadurch unrein wurden; und unsre Sünde hat dieselbe Wirkung noch in weit höherem Grade. Unsre Gebete sind befleckt, unser Glaube ist mit Unglauben vermengt, unsre Reue ist nicht so tief und zart, wie sie sein sollte, unsre Gemeinschaft mit Gott ist locker und lückenhaft. Wir können nicht beten, ohne zu sündigen, und sogar unsre Tränen sind voller Unflat. Es war gut für Israel, daß es einen Aaron gab, der die Missetat ihres Heiligen zu tragen hatte (2 Mose 28, 38), und wohl uns, daß Jesus die Sünden unsrer besten Werke hinwegnimmt und sie ins Meer wirft, da es am tiefsten ist.

Die Sünde kann auch darin mit vielen Krankheiten verglichen werden, daß sie, wie diese, ansteckend ist. Ein Mensch wird nie für sich allein Sünder bleiben. „Ein einiger Bube verdirbt viel Gutes“ (Pred. 9, 18). Der Same der Sünde ist geflügelt, wie Distelsamen. Den Aussätzigen könnt ihr in seiner Aussatzhütte verschließen, aber es gibt kein ähnliches Mittel, die Sünde abzusperren, sie dringt unfehlbar hinaus und verbreitet sich. Wenn ein Mensch böse ist, macht er andre auch böse. Seine Kinder ahmen ihm nach; seine Untergebenen stehen unter seinem Einfluß und treten in seine Fußstapfen. Selbst seine Nachbarn können sich der Wirkung der Sünde, die sie an ihm wahrnehmen, nicht ganz entziehen und werden einigermaßen auch angesteckt; denn „das Vorhaben der Torheit ist Sünde“ (Spr. 24, 9). Es ist eine ungestüme Ansteckungsfähigkeit in jeder Gestalt des sittlich Bösen; es frißt schnell um sich wie Feuer in Stoppeln. Zudem ist die Sünde, gleich mancher Krankheit, sehr schmerzhaft; und doch bringt sie auf der andern Seite auf gewissen Entwicklungsstufen eine solche Todesschwäche, eine solche Abstumpfung der Seele mit sich, daß diese für jeden Schmerz unempfindlich wird. Die meisten Menschen sind sich des Elends der Sündenschuld nicht bewußt. Sie meinen, sie seien reich und hätten gar satt und bedürften nichts, und sind doch elend und jämmerlich, arm, blind und bloß (Off. 3, 17). Die Sünde erzeugt einen Wahnsinn, welcher den kranken Seelen vorspiegelt, sie ständen in der blühendsten Gesundheit. Wenn aber die Sünde offenbar wird, dann bringt sie arge Schmerzen. Ich weiß zwar nicht, wie groß die Leiden und Ängsten mancher Krankheit sein mögen, aber ich fülle, daß ich sagen darf, lieber wollte ich alle möglichen Krankheiten zusammen erdulden, als die Schmerzen eines schuldbeladenen, erweckten, erleuchteten, lebendig gewordenen Gewissens; denn wenn das Gewissen einen Menschen verklagt, dann gibt's keine Ruhe für ihn, weder bei Tag noch bei Nacht; der kleine Finger dieses inneren Richters drückt schwerer, als die Lasten aller andern Leiden zusammen genommen. Wenn die Sünde dem Auge überaus sündig erscheint, dann wird der Geist von einer solchen Schwüle und Schwere gedrückt, wodurch die Seele fast bis zur Verzweiflung zermalmt und das Leben verbittert wird, wie einst Pharao den Kindern Israels das Leben verbitterte. Ach, wie elend war ich doch, ehe ich mich an Christum anklammern konnte. Es gibt manche, welche die Todesangst des Kampfes mit der Sünde nicht so schmerzlich empfinden, aber mir wenigstens war es beschieden, die Schrecken einer großen Finsternis zu empfinden, einer Dunkelheit, die an Verzweiflung grenzte, so daß, wenn ich nicht bald den Heiland gefunden hätte, meine Seele lieber gewünscht hätte, erhängt zu sein (Hiob 7, 15), als zu leben. Glaubt mir, es ist keine Not so bitter, als die Sündennot, und kein Fluch so schwer, wie der Fluch, der den schwarzen Lippen unsrer Ungerechtigkeit entfährt. Und dennoch wünschte ich zu Gott, daß ihr sie jetzt fühltet, auf daß ihr sie nicht einst fühlen müßt, wenn's zu spät ist. Ich wünschte, daß diese Geißel euren Rücken zerfleischte, damit euch eure Selbstgerechtigkeit ausgetrieben würde und ihr zu Jesu Christo fliehen und bei Ihm Zuflucht finden möchtet.

Die Krankheit der Sünde ist tief eingewurzelt und hat ihren Sitz im Herzen. Sie sitzt nicht in der Hand oder im Fuß, sie kann nicht durch eine Amputation beseitigt werden, viel weniger noch durch äußere Mittel; keine Aderlässe helfen dagegen und kein Zugpflaster zieht sie heraus. Die Kunst des Arztes vermag oft eine Krankheit in ihrer Wurzel zu zerstören, aber dieser Krankheit ist keine Kunst gewachsen. Sie ist bis ins Mark hindurchgedrungen, bis ins Innerste und den Mittelpunkt unsres Wesens, und nur der göttliche Arzt vermag uns davon zu befreien.

„Kein äußeres Mittel kann hier helfen,
Der Aussatz sitzt mir tief im Mark.“

Die Sünde ist ihrer Natur nach ganz unheilbar. „Kann auch ein Mohr seine Haut wandeln, oder ein Parder seine Flecken“ (Jer. 13, 23)? Wenn dem so ist, dann kann auch der, der an das Böse gewöhnt ist, Gutes lernen. Kann eine Salzquelle auch süßes Wasser spenden? Werden die Dornen Feigen tragen? Kann der Bergstrom, der von alters her die Abhänge herniederrauschte, auch seinen Lauf wenden, daß er wieder zur Quelle zurückfließe? Wird auch ein Feuer zahm und läßt ab vom Verzehren, so lange der Brennstoff ringsum aufgehäuft liegt? Wird der Löwe auch von selbst Stroh essen wie die Ochsen, und der Parder blöcken wie ein Lamm? Solche Umwandlungen, durch welche das ganze Wesen verändert wird, können nur durch göttliche Macht bewirkt werden, und darum ist's unmöglich, daß die Krankheit der Sünde je könnte durch menschliche Hilfe und menschliche Mittel geheilt werden. Der Mensch kann sich nicht selber heilen. Er kann eingreifen, kann die Krankheit nach innen treiben, kann verhüten, daß sie nicht auf der Haut erscheint; er kann sich ein solches Aussehen geben, sich so im Zaum und zurückhalten, daß die gröberen Ausbrüche der Sünde, welche bei den Menschen verpönt sind, nicht zum Vorschein kommen; aber den Ansteckungsstoff, das eigentliche Gift der Sünde, kann niemand selber aus seinem Herzen entfernen, noch kann's ein andrer für ihn tun. Jehovah Rophi, der heilende Herr, muß seine allmächtige Kraft offenbaren. Die größte Frömmigkeit, die demütigsten Gebete, die größtmöglichste Umsicht genügen nicht, um die Sündenseuche auszurotten, wenn sie aus einem unerneuerten Herzen kommen. Der fleischliche Sinn ist Feindschaft wider Gott und kann nicht mit Gott versöhnt werden; nein wahrlich, das kann nie geschehen.

Und zum Beschluß dieser Naturgeschichte der Sündenseuche wollen wir noch das bemerken, daß sie eine tödliche Krankheit ist. Sie tötet nicht gerade jetzt, aber bald wirkt sie den Tod. Nicht nur muß der Leib in den Tod gehen, um den Sold der Sünde zu empfangen, sondern die Seele muß unaufhörlich den Tod erleiden vom ewigen Zorn. O Sünder, du ahnst nicht, was deine Sünde dir einbringt; wenn du aber willst in Gottes Wort lesen, so wirst du finden, daß sie dich zu dem Wurm bringt, der nicht stirbt, und zu dem Feuer, das nicht verlöscht. Vielleicht erkennst du morgen, was eine vollbezahlte Sünde heißen will; vielleicht morgen, habe ich gesagt - das Wort könnte für etliche von euch eine verhängnisvolle Weissagung sein - aber wenn nicht morgen, so handelt sich's doch nur um eine kurze Spanne Zeit, ein paar Monate, etwas mehr oder etwas weniger; so werdet ihr in der ewigen Qual und in der höllischen Pein sein. O! du weißt nicht, was das Wörtlein „verdammt werden“ zu bedeuten hat! Du kannst manchmal noch damit spielen und es deinen Nebenmenschen leichtfertig hinwerfen; aber könntest du ein einziges Mal das Angstgeheul, den Verzweiflungsschrei einer verdammten Seele hören, könntest du nur ein einziges Mal einen Geist sehen, der aus der Gegenwart Gottes verbannt ist ins ewige Verderben, gewiß würdest du entsetzt ausrufen: „Was muß ich tun, daß ich selig werde!“

Genug hiervon: es ist klar, daß die Sünde eine überraschende Vergleichung mit einer Krankheit darbietet. So demütigend es nun auch sein mag, so ist's nichtsdestoweniger unumstößlich gewiß, daß wir alle an der Krankheit der Sünde leiden.

II.

Es hat aber der göttlichen Barmherzigkeit gefallen, Christum als Arzt hinzustellen.

Hat die göttliche Gnade geruht, die Sünde als eine Krankheit zu betrachten, und hat sie damit einen großen Beweis ihrer zarten Schonung gegeben, so schreibt sie nun auch Christo den Charakter eines Arztes zu. Es sei ein für allemal bemerkt, daß Christus nicht in die Welt gekommen ist, um bloß zu zeigen, was Sünde sei. Moses hatte die Aufgabe, die Sünde ins Licht zu stellen, Christus hat die Aufgabe, sie mit der Wurzel auszurotten. Was die Sünde ist, wissen wir durch das Gesetz: mehr kann das Gesetz für uns nicht tun. Christus kommt, nicht, um zu sagen, was sie ist, sondern uns zu zeigen, wie wir ihrer können los und ledig werden. Der Herr Jesus kam nicht, um die Sünde zu verteidigen; Christus starb nicht, damit die Sünde möchte weniger sündig erscheinen, daß Gott möchte weniger streng gegen die Sünde sein, oder sie weniger hassen. Gott bewahre! Wir sehen im Gegenteil die Sünde nie so schwarz, als wenn uns ihr Verderben im Leiden Jesu geoffenbart wird, noch erscheint uns Gottes Zorn je unversöhnlicher, als wenn wir sehen, wie er den eingeborenen Sohn Gottes verzehrt. „Schaut doch und seht, ob irgend ein Schmerz sei wie mein Schmerz, der mich getroffen hat; denn der Herr hat mich voll Jammers gemacht am Tage seines grimmigen Zornes“ (Klagl. 1, 12). Christus kam nicht, um den Menschenseelen eine lindernde Salbe aufzulegen, um der Gewissensunruhe zu begegnen, um zu sagen: „Friede, Friede!“ da doch kein Friede ist; nein, er kam, um die Sünde zu heilen, und nicht, sie bloß zu übertünchen; nicht, bei den Menschen die Krankheit in Vergessenheit zu bringen, indem Er ihnen wirksame Trosttränklein einzunehmen gibt; sondern alles gänzlich zu beseitigen, was die Ursache ihres Leidens und ihrer Furcht ist, und sie dadurch gesund zu machen. Jesus Christus kam nicht in die Welt, um der Krankheit ihre tödliche Wirkung zu nehmen, sondern um sie selbst ganz wegzuschaffen. Viele meinen, wenn wir von Erlösung predigen, da sei die Erlösung von der Hölle gemeint. Wir meinen nicht das, sondern wir meinen vielmehr damit, wir predigen die Erlösung von der Sünde; wir sagen: Christus kann einen Menschen erretten, und meinen damit, daß Er ihn kann heilen und retten von seinen Sünden und auch kann heilig machen; daß Er einen neuen Menschen aus ihm machen kann. Niemand hat irgend ein Recht, zu sagen: „Ich bin errettet“, so lange er wie früher in seinen Sünden fortlebt.

Wie könnt ihr erlöst sein von der Sünde, so lange ihr noch darin lebt? Wenn ein Mensch am Ertrinken ist, kann er nicht sagen, er sei errettet, so lange er noch versinkt; wenn ein Mensch am Erfrieren ist, kann er nicht mit vollem Rechte sagen, er sei vom Tode des Erfrierens gerettet, so lange noch der eisige Nordwind seine Glieder erstarren macht. Nein, o Mensch; Christus ist nicht gekommen, dich in deinen Sünden, sondern dich von deinen Sünden zu erretten; nicht deine Krankheit so zu mildern, daß sie dich nicht töten könne, sondern ihr ihre tödlichen Eigenschaften zu lassen, sie aber nichtsdestoweniger ganz von dir und dich von ihr wegzunehmen. Der Herr Jesus Christus kam also, um uns zu heilen von der Pest der Sünde, uns mit seiner Hand zu berühren und zu sagen: „Sei gesund.“

Wenn sich ein Arzt anbietet, so fragt man vor allem: „Ist er ein ordentlicher Arzt? Hat er das Recht, seinen Beruf auszuüben? Hat er seinen Doktortitel?“ Und das mit Recht; denn auch das Gesetz verlangt, daß einem Menschen nicht dürfe gestattet werden, unsern Leib zu verstümmeln und uns mit seinen Arzneien zu vergiften nach seinem Gefallen, ohne daß er wenigstens Kenntnisse und Zeugnisse seiner Fähigkeiten aufzuweisen habe. Es geht eine harte Rede: Ein Arzt sei ein Mensch, welcher Arzneien, von denen er wenig wisse, in einen Leib schütte, von dem er noch weniger verstehe. Ich fürchte, das möchte öfters der Fall sein. Aber der Doktortitel ist immer noch das beste Sicherungsmittel, welches die Sterblichen erfunden haben. Christus hat das beste Recht zu seinem Beruf als Arzt. Er hat einen göttlichen Doktortitel. Möchtet ihr gern sein Doktordiplom sehen? Ich will euch ein paar Worte daraus vorlesen; sie stehen im einundsechzigsten Kapitel des Propheten Jesaja und stammen von Gott selber: „Der Geist des Herrn ist über mir, darum hat mich der Herr gesalbt. Er hat mich gesandt, den Elenden zu predigen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden.“ Er hat ein Diplom, zerbrochene Herzen zu verbinden. Ich würde mich ungern einem Arzt anvertrauen, der sich selbst zum Doktor machte und kein Diplom aufweisen könnte; ich muß mich überzeugen, daß er so viel weiß, als dem menschlichen Geist nur zu wissen vergönnt ist; und das will noch nicht viel sagen. Er muß ein Diplom besitzen, das unterzeichnet und besiegelt und in jeder Beziehung ganz in der Ordnung ist; denn es gibt wenige Menschen, die ihr Leben unwissenden Quacksalbern anvertrauen mögen. Der Herr Jesus hat nun ein vorzügliches Diplom, eine vollgültige, zuverlässige Urkunde zur Ausübung seines ärztlichen Berufs, und darin heißt's: Gott habe Ihn gesandt, die zerbrochenen Herzen zu verbinden. Das nächste, was ihr verlangt, ist, daß euer Arzt Erfahrung besitze; er muß die Spitäler und Heilanstalten besucht haben. Und wahrlich, das hat unser Herr und Heiland getan. Mit welcher Krankheitserscheinung hätte Er's nicht schon zu tun gehabt? Als er hienieden unter den Menschen wandelte, gefiel es Gott, die bösen Geister loszulassen, damit das Gift aller Schäden sich in ungewöhnlichem Maße in der armen, erkrankten Menschheit verbreite; und Christus trat dem Teufel in der finstersten Stunde entgegen und bekämpfte den Erzfeind, da ihm volle Freiheit gestattet war, Ihm am ärgsten mitzuspielen. Der Herr Jesus ging wirklich gründlich auf die Krankheitsumstände der Menschheit ein. Welch ein Spital hat Er besucht! Die ganze Welt war ein einziges Lazarett und Christus der einzige Arzt und ging von Bett zu Bett und heilte die Menschenkinder.

Es muß noch beigefügt werden, daß Er nicht nur durch vielseitige Erfahrung, sondern durch Versuche an sich selber ganz besonders zur Ausübung der Heilkunst befähigt ist. Ich habe von einem berühmten Arzt gehört, welcher die Wirkung der Arzneimittel an sich selber zu prüfen pflegte. Das hat unser Herr und Meister auch getan. Es gibt keine einzige Krankheit, deren Wirkungen Er nicht an sich selber erfahren hätte; denn „Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen“ (Jes. 53, 4). Er wurde „versucht allenthalben gleichwie wir, doch ohne Sünde“ (Hebr. 4, 15). Er kennt die Umstände jedes Kranken, weil Er sie selber durchgemacht hat. Es gibt keinerlei gebrochenes Herz, kein Seelenleiden, das der Herr Jesus nicht selbst auch erfahren und erduldet hätte; und wenn ihr schon sagen müßt, daß Er die Sünde nicht nach ihrer inwohnenden Giftigkeit an sich hat erfahren dürfen, so kennt Er sie wenigstens aus ihrer Ihm zugerechneten Wirkung; und da Er ihre ganze Strafe erduldet hat, so ist Er gründlich mit ihr bekannt.

Man hat auch gern einen Arzt, der einen ausgedehnten Wirkungskreis hat. Uns kümmert wenig'. ob ein Mensch Herr seiner Kenntnisse und der ihm zu Gebote stehenden Mittel ist; wir wollen wissen, ob er sie auch schon angewendet hat, und ob seine Behandlung von gutem Erfolg begleitet war. Gesegnet sei der Name unseres geliebten Arztes! Er hat den denkbar weitesten Wirkungskreis. Seit achtzehn Jahrhunderten heilt Er sündenkranke Seelen; was sage ich? seit sechstausend Jahren ist Er „ein Meister, zu helfen“ (Jes. 63, 1); denn bevor Er noch seinen Leib opferte am Kreuz, wirkte schon die Kraft seines Blutes in den Menschenkindern. O Seelen, schaut doch im Himmel die Heerscharen derer, die Er geheilt hat! Dort, vor dem Thron der Ewigkeit, könnt ihr tausendmal Tausende erblicken, die befreit worden sind von allen möglichen Krankheiten durch die Kraft und Macht seiner Berührung. Ihr dürft euch nicht fürchten, denn sogar der Saum seines Kleides heilt euch von euren Seuchen. Fassen wir nun die Vorzüge dieses Arztes in ganz wenige Worte zusammen. Seine Heilungen sind rasch: ein Blick auf Ihn bringt Leben; Er heilt gründlich: Er packt das Übel bei der Wurzel, darum sind seine Kuren auch so sicher und erfolgreich. Es fehlt Ihm nie, und die Krankheit wiederholt sich nie. Es gibt keinen Rückfall, wo Christus heilt; keine Rede, daß einer seiner Kranken nur eine Zeitlang hergestellt wäre, sondern Er macht einen neuen Menschen aus ihm; Er gibt ihm ein neues Herz und einen neuen, gewissen Geist. Er ist ein Arzt, auserkoren unter Tausenden, weil Er wohlerfahren ist in allen Krankheiten. Irdische Ärzte haben ihre besonderen Krankheiten, in denen sie Vorzügliches leisten. Sie verstehen vielleicht von allen Leiden und Übeln, denen wir unterworfen sein können, ein wenig; aber gewöhnlich gibt es eine bestimmte Krankheit, die sie in allen ihren Erscheinungen aufs sorgfältigste und gründlichste beobachtet und erforscht haben, irgend einen Teil des menschlichen Leibes, dessen Bau ihnen so bekannt ist, wie Zimmer und Geräte ihres eignen Hauses. Der Herr Jesus hat sich aber die ganze menschliche Natur zu seinem Hauptfach erkoren. Er ist bei dem einen Sünder seiner Sache so sicher, wie beim andern, und nie ist Ihm je etwas Außergewöhnliches vorgekommen, womit Er nicht vollkommen vertraut gewesen wäre. Ihm sind ganz außerordentlich verwickelte Fälle der merkwürdigsten Krankheiten unter die Hände gekommen, aber Er hat stets im ersten Augenblick aufs bestimmteste und mit einem Blick erkannt, wie Er den Patienten zu behandeln hatte. Er ist der einzige Hauptarzt, der mit allen Krankheiten „vertraut“ ist; das Heilmittel, das Er reicht, ist ein Universalmittel; es heilt in jedem Fall und unfehlbar. Sein Heilmittel ist Er selber!

Wenn dadurch ein Schmerz verursacht wird, so trägt Er ihn selber. „Durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes. 53, 5). „Sein Fleisch ist die rechte Speise und sein Blut ist der rechte Trank“ (Joh. 6, 55): Er selber treibt die Krankheit aus dem armen Sterblichen aus. Wir brauchen nur auf Ihn zu vertrauen, so stirbt die Sünde; wir brauchen Ihn nur zu lieben, so lebt die Gnade; wir harren auf Ihn, und die Gnade wächst in uns; wir schauen Ihn im Glauben, wie wir Ihn bald von Angesicht schauen werden, und die Gnade ist vollendet in Ewigkeit. O, gesegneter Arzt in dieser verzweifelten Krankheit!

III.

Wir können uns nicht länger hierbei aufhalten, sondern gehen nun zur Hauptsache über, die wir zu behandeln haben: Das Bedürfnis allein treibt unsern gnadenreichen Arzt, uns zu Hilfe zu eilen.

Er spricht: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht,“ und ihr begreift daher, daß daraus von seinem Gesichtspunkt aus der natürliche Schluß folgt: „Ich gehe nicht zu den Gesunden, weil sie mich nicht nötig haben; wenn ich irgend wohin gehe, so geschieht's nur, weil ich nötig bin.“ Ich glaube, teure Freunde, obgleich es manche Ausnahmen geben mag, daß, wenn ihr den ganzen ärztlichen Stand durchgehen würdet, ihr mehr Weitherzigkeit und Menschlichkeit hier finden würdet, als irgendwo sonst; und ihr würdet kaum einen Arzt finden, welcher in zwei dringenden Fällen eine andre Rücksicht würde gelten lassen, als die, daß er demjenigen Leidenden zuerst beispringt, der ihn am meisten nötig hat. Natürlich, wenn beide Fälle unbedeutend sind, so erlaubt sich der gesunde Menschenverstand die Wahl, zuerst dahin zu gehen, wo er für seine Mühe am reichlichsten belohnt wird; aber in vorzüglich dringenden Fällen entscheidet das Bedürfnis. Ein wahrer Arzt wird mit einem Herzen für seinen Beruf geboren und ist empfänglich für das Leiden seiner Mitmenschen; und wenn ein Mensch auch sein Diplom und die Titel eines Doktors der Heilkunst hat, so ist er doch kein rechter Arzt, wenn sein Herz nicht wohlwollend und mitleidig gegen die Leidenden ist.

Der rechte Arzt, der ein gutes Herz und den ernstlichen Wunsch hat, helfen zu können, wird, wenn seine Hilfe von zwei Seiten in Anspruch genommen wird, sagen: „Hier ist die größte Gefahr, hier muß ich zuerst hingehen.“ Was nun unzweifelhaft bei menschlichen Ärzten uns als edel und recht erscheint, und von uns auch in diesem Sinne anerkannt wird, müssen wir mit noch mehr Recht bei dem großen Arzt unsrer Seelen voraussetzen. Wenn zwei Sünder dem ewigen Tode entgegen gingen, und wenn Christus nicht imstande wäre, im gleichen Augenblick mehr als einem beizuspringen, so würde Er dem zuerst helfen, der's am nötigsten hat. Das ist bei Ihm Grundsatz. Er handelt wohl unumschränkt, aber diese Unumschränktheit steht unter der Aufsicht seiner eignen unendlichen Gnade, und wenn Er heute den Hilferuf zweier Sünder vernimmt, und je einem von beiden den Vorzug geben wollte, so wär's dem, der in der größten Gefahr schwebt, der dem unrettbaren Verderben am nächsten steht, dem Sünder, der's am meisten bedarf. Überlegt dies recht, so werdet ihr euch überzeugen, daß dies wahr ist und euch einen mächtigen Trost gewährt. Was hat Christum überhaupt bewogen'. ein Arzt zu sein? War's nicht das, daß die Menschen au der Sündenseuche krank darniederlagen? Teure Brüder, es wäre ein überflüssiges Werk gewesen; es wäre eine Torheit gewesen, eine ungeheure Torheit von seiner Seite, sich einem Dienste zu unterziehen, der gar nicht von Ihm verlangt wurde. Es ist die Sünde, wodurch Er zu dem Werk seiner Heilandshilfe Raum erhält. Ich sage es - und ihr versteht mich - Er ist nur ein Heiland, ein Erretter, weil es Sünder gibt, und sein Heilandsamt gründet sich auf unsern Sündenzustand. Er nimmt diese Stelle ein, weil es nötig ist. Und was war weiter der Hauptgedanke, der Ihn bewegte, als Er seine große Arznei bereitete? Was drängte Ihn, große Blutstropfen zu vergießen? War's menschliche Schuld, oder menschliches Verdienst? Was meint ihr? Nun ja, die Schuld, und nur die Schuld. Was trieb Ihn, seinen Rücken darzuhalten denen, die Ihn schlugen, und seine Wangen denen, die Ihn rauften (Jes. 50, 6)? Was trieb Ihn, seine Arme auszustrecken auf das Kreuz, und seine Füße den Nägeln darzubieten? War es des Menschen Verdienst? Daran könnt Ihr gar nicht denken; - es war des Menschen Verderben, seine Abtrünnigkeit, seine Entartung, seine Gottlosigkeit, die solches Dulden nötig machten. Wenn ich Christum in seinem ärztlichen Beruf sehe, und sehe, wie Er das allmächtige Heilmittel bereitet, das die Krankheit der Sünde aus dem Herzen und Blut der Menschheit entfernt, dann merke ich, wie Er ununterbrochen an diese Sünde denkt! O, Sünde! Sünde! Sünde! Der Menschen Sünde treibt Ihn in den Tod.

Und nun, da Er im Himmel ist, Geliebte! an was denkt Er wohl jetzt dort? „Er bittet.“ Für wen? Für die Gerechten? Wenn sie von sich selber gerecht wären, vollkommen gerecht, so hätten sie seine Fürbitte nicht nötig. „Er bittet für die Übeltäter“ (Jes. 53, 12). Er ist erhöht - wozu? Um die Guten zu belohnen? Nein, wahrlich, sondern um Reue und Vergebung der Sünden zu wirken, offenbar bei denen, die keine Reue fühlen, und deren Sünden der Vergebung bedürfen. Auch oben im Himmel ruht sein Auge noch immer auf den Sündern - Sünder sind die Perlen, die Er sucht. Hat Er nicht am meisten sich mit Sündern abgegeben? Hat Er nicht stets den Kranken Heilung geschenkt, Leben den Toten, und noch mehr? Ihr könntet auf der andern Seite ebenso fragen: Zu wem ist das Evangelium gesandt? Worin besteht's? „Das ist je gewißlich wahr, und ein teuer wertes Wort, daß Christus Jesus gekommen ist in die Welt, die Sünder selig zu machen“ (1 Tim. 1, 15). Das ist das Evangelium: „Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden“ (Mk. 16, 16); so daß die, welche zum Glauben aufgefordert werden, offenbar dieselben sind, welche die Verdammnis verdient haben. Not, Not, Not allein beschleunigt die Schritte des Arztes, hat den Herrn Jesum vom Himmelsthron herab ans Kreuz getrieben und bringt Ihn noch täglich vom Throne des Vaters hernieder zu gebrochenen Herzen und schwerbeladenen Seelen. Nun seht, das ist offen gesprochen, und ihr alle begreift es, und doch sind die meisten Menschen nicht imstande, es zu fassen. Ein Prediger, der auf einem Dorfe das Wort Gottes verkündigt hatte, sagte zu einem Tagelöhner, der unter seinen Zuhörern gewesen war: „Meint ihr, der Herr Jesus sei gekommen, um die Guten, oder um die Bösen selig zu machen?“ „Nun,“ meinte der Mann „,ich sollte denken, Er sei gekommen, um die Guten selig zu machen.“ - „Aber ist Er gestorben, um die Bösen zu erretten?“ „Nein, Herr; nein, ganz gewiß nicht, Herr!“ - „Nun, was wird denn wohl aus uns beiden werden?“ „Ja, sehen Sie, das weiß ich nicht zu sagen. Ich darf wohl sagen, Sie sind ein sehr braver und guter Herr; und ich trachte, so gut zu sein wie möglich.“ Das ist die gewöhnliche Ansicht; und wenn wir auch einmal meinen, jetzt seien wir doch mit diesem Irrtum fertig, so zeigt sich's, daß von Hundert neunundneunzig nicht wissen, was die göttliche Gnade heißt und will. Das Evangelium besteht darin, daß der Heiland gar nichts für solche getan hat, die sich noch auf sich selber verlassen können, sondern sich dargegeben hat für die Verlorenen und Verkommenen. Er ist nicht in die Welt gekommen, um selbstgerechte Leute selig zu machen; nach ihrer eignen Ansicht bedürfen sie nicht, errettet zu werden. Er kommt, weil wir seiner bedürfen, und darum kommt Er nur zu denen, die seiner bedürfen; und wenn wir seiner nicht bedürfen und so brave und gute Leute sind, so müssen wir unsern Weg zum Himmel allein finden. Die Not und das Bedürfnis allein ist's, was des Arztes Schritte lenkt.

IV.

Wir kommen nun zu einem andern Gegenstand, der uns nicht lange in Anspruch nehmen wird. Aus dem Vorhergehenden folgt nämlich - und unser Schriftwort bestätigt es ausdrücklich -: Die Gesunden, diejenigen, die kein großes, oder die gar kein Bedürfnis nach Errettung haben, empfangen von Christo keine Hilfe.

Es ist kein Zweifel, sie werden und müssen sich selbst überlassen bleiben. Kein Arzt denkt daran, ein Heilmittel zu verschreiben, keinem Apotheker fällt's ein, seine Mixturen und Pillen abzugeben, wenn sich die Leute für vollkommen gesund halten. Das Rezept würde ins Feuer, das Heilmittel auf die Gasse geworfen werden, der Mensch selber würde es als eine schwere Beleidigung ansehen. Christus kam nicht in die Welt, bloß um die Menschheit zu beleidigen. Wenn die Menschheit so vorzüglich ist, wie sie sich dafür hält, dann mag sie sich nach Gutdünken brüsten, und mit ihrer Gesundheit, die sie sich zutraut, ihrer Wege gehen. Mag sie sich ihre eigne Errettung schaffen, wenn sie dieselbe noch für nötig erachtet. Einen Arzt zu einem Gesunden zu schicken, ist für denselben auch eine Beleidigung. Er klopft an die Haustür. „Wer ist hier krank?“ ist seine erste Frage. „Niemand; bei uns ist alles wohl. Danke, Herr; bei uns ist alles gesund, gottlob! Wir sind nicht, wie andre Leute dort unten an der Straße; wir haben kein Fieber, die Kindesblattern kommen bei uns nicht vor, wir bekommen nie das Scharlachfieber, wir wissen von nichts derart, Herr Doktor; es freut uns, Sie zu sehen; freut uns sehr, daß Sie uns besuchen, aber es kommt bei uns nichts derart vor.“ Der Arzt würde augenblicklich erkennen, daß man ihn zum Besten gehabt habe, als man ihn hierher berief. Und gerade diese Behandlung erfährt der Herr Jesus von gar vielen Leuten. Ihr hört sie sagen: „Herr, sei uns armen Sündern gnädig“, - sie sind gekleidet in Samt und Seide und allerlei Spitzen und Pelzwerk, und so brave Leute, wie ihr in der ganzen Welt keine bessern findet; und wenn ihr kommt, um mit ihnen über ihren Seelenzustand zu reden, so sind sie durchaus keine „armen Sünder.“ Ich möchte ihnen das Wort „arme Sünder“ auf die Wangen malen, und sehen, ob sie's ertragen könnten! Und so steht's mit euch: Ihr kommt hierher, und wenn wir für die Sünder bitten, so sagen etliche von euch: „Ja, ja, wir sind Sünder; und wenn ich herumginge und fragte bei jedem einzelnen: „Wir wollen einmal die zehn Gebote miteinander durchgehen; hast du sie übertreten?“ Ich sag's offen, es sind manche hier, die sich erfrechen würden zu sagen: „Wahrlich, ich weiß nicht, wo ich im besonderen etwas Unrechtes getan hätte; ich fühle nicht, daß ich mich auffallend verfehlt hätte.“ Nein, hier handelt sich's darum, daß du deinen Heiland beleidigst, wenn du zu Ihm schickst, während du noch nicht krank bist, und das ist um kein Haar besser als die schwerste Beschimpfung, wenn du schon meinst, es sollte noch gar ein Kompliment sein. Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht: es bedarf da keiner ärztlichen Pflege. „Ei,“ spricht der Arzt, wenn er auf den Umfang seines Wissens und seiner Erfahrung blickt „wozu nützt mir hier das alles?“

Ein Narr ist bei einem Menschen, der nicht krank ist, ebenso gut am Platze, als ich. Wenn du krank wärest, so wollte ich mein Bestes an dir versuchen, aber da bei dir alles so wohl steht, so ist hier der Ort nicht für mich.“ Du kannst den ersten besten Schornsteinfeger holen, er wird dir ebensoviel nützen wie der beste Arzt, wenn du nicht krank bist. Und wenn ihr nicht wirklich bekennt, daß ihr Sünder seid, so hat der Herr Jesus in euren Augen keinen Wert, so ist Er für euch nur ein gewöhnlicher Mensch. Wenn ihr nicht krank seid, so ist auch keine Dankbarkeit zu erwarten. Die Menschen danken einem Arzt nicht dafür, wenn er nichts für sie tut. Ihr werdet dem Herrn Jesus nie für seine Erlösung dankbar sein, wenn ihr nicht fühlt, daß ihr eine Erlösung nötig habt. Und ebenso hat Er auch keine Ehre davon. Denkt, ihr kämet in den Himmel, und ginget in derselben selbstgerechten Gemütsstimmung, in der ihr euch jetzt befindet, zu demselben ein, was würdet ihr sagen? „Ich hab's gut gemacht, ich habe das gute Teil erwählt.“ Es wäre dabei keine Ehre für Christum, keine Verherrlichung für den Herrn Jesum. Ein Mensch muß ein tiefes und tiefgefühltes Bedürfnis nach Christo haben, sonst kann er den Thron Christi nicht durch seinen Lobgesang verherrlichen, wenn er je in den Himmel kommt. Es kommt mir vor, es müsse ein lieblicher Wohllaut in dem eben Gesagten für diejenigen vorhanden sein, die ein Verlangen nach Heil und Errettung haben; ob es auch denen wie ein Spott klingt, die da meinen, sie bedürfen nichts.

V.

Wir sehen also deutlich, daß die Krank en von Jesu Hilfe empfangen. Laßt jetzt an euch alle die Frage herantreten: „Bin ich krank? Bin ich mit Sünde beladen? Dann habe ich einen Heiland nötig, und ist dies Bedürfnis das einzige, was den Heiland zu mir führt?“ - „Ach,“ spricht einer; „aber ich bin doch gar zu sehr voller Sünde.“ O, dann hast du's gerade sehr nötig, und das gibt dem Herrn Gelegenheit, seine Macht recht herrlich zu beweisen, und eine solche Entfaltung seiner Gnade wird Ihm große Ehre einbringen.

Sünder, glaube an Ihn, damit Er dich selig machen kann; traue Ihm zu, daß Er dich selig machen kann; und laß dich durch deine große Sünde nicht abhalten. „Ach! freilich, aber ich habe der Sünden so viele!“ Dann hast du's ja wieder nur um so nötiger, und weil die Not den Arzt hernötigt, so sind deine vielen Nöte ebenso viele Schläge an seine Tür, ebenso viele Züge an seiner Glocke. Um so eher wird Er kommen, nur klage Ihm jede deiner Sünden und bitte Ihn um Mitleid mit dir. „Ja,“ sprichst du „,aber ich bin schon so lange krank.“ Dann steht's schon schlimm mit dir, und um so nötiger ist's, daß Er einschreite. Er heilte einen Menschen, der achtunddreißig Jahre lang krank gewesen war. Und wenn du auch achtunddreißig Jahre lang, ja, wenn du schon achtzig Jahre lang krank gewesen bist, so kann Er dich immer noch heilen, und dein Bedürfnis, - halten wir uns allein an das - dein Bedürfnis ist das einzige, was deiner Bitte Kraft verleiht. Da hast du ja einen sehr gewichtigen Grund, denn du hast ein gar großes Bedürfnis. „Ach, sagt wieder ein andrer “,aber ich habe wieder alles vernachlässigt, weil ich meinte, ich wäre geheilt: ich habe wieder einen Rückfall gehabt.„ Nun, dafür haben wir eine besondere Verheißung, die für diesen Krankheitsfall gegeben ist: „Ich will ihr Abtreten wieder heilen“ (Hos. 14, 4). Er sagt nirgends etwas von besonderen Krankheiten; es heißt nirgends: „Ich will sie heilen von ihrer Trunksucht“ u. s. w.; nur hier ist eine besondere Verheißung für einen ganz besonderen Fall gegeben. Und die bedarfst du jetzt. Das ist eine große Sünde, dieser Abfall. Gehe zu Ihm; bitte Ihn, Er möge um so eher zu dir kommen. „Ja,“ spricht wieder ein andrer “,aber ich kann meine Sünde nicht fühlen, wie ich gern möchte.„ Dies allein beweist, wie sehr ihr den Herrn Jesum nötig habt, weil ihr nicht einmal durch ein tiefes Gefühl des Bedürfnisses für eine Behandlung geeignet erscheint; ihr könnt nicht einmal etwas fühlen, denn ihr leidet an einem steinernen Herzen. O, haltet doch recht an bei Ihm. Sagt: „O Jesus, ich bedarf Deiner mehr als irgend ein andrer, denn andre haben doch noch etwas Gesundes an sich; sie können fühlen, daß sie krank sind, aber auch das fehlt mir. Ich habe Dich nötig; o, ich habe Dich nötiger als irgend einer.“ Vielleicht wirst du sagen: „Aber ich kann nicht an Ihn glauben, wie ich möchte.“ Dann rechne diese Sünde noch zu den andern hinzu, bekenne deinen Unglauben, sag' deinem Jesu, du hättest Ihn außerordentlich nötig, damit Er dir Glauben schenke, und gehe zu Ihm, und o! daß Er dir doch jetzt helfen möge zu glauben, und dir auch diese Sünde vergeben werde! „Ach,“ spricht einer “,aber es wird nur um so schlimmer mit mir, je mehr ich über das alles nachdenke.„ Das freut mich, lieber Freund, diese Verschlimmerung gehört mit zur Heilung. Denke, es würde je länger, je schlimmer mit dir; und wenn es dir endlich vorkäme, du wärest so schwarz wie der Teufel und wie der verdammten Seelen eine, so kann dich doch der große Arzt, so lange du noch auf dieser Welt bist, heilen, und du hast immer noch den gewaltigen Grund für deine Bitte: du brauchst Ihn eben, du brauchst Ihn. „Ach,“ spricht einer “,ich sehe nicht ein, daß mein Bedürfnis allein der einzige und echte Beweggrund zur Hilfe sein soll?„ Mein lieber Freund, was wolltest du denn sonst vorbringen, im Falle du zum Beispiel auf der Straße betteln müßtest? Glaube mir, wenn ich müßte betteln gehen, so würde ich nicht diesen schwarzen Tuchrock tragen, oder wenn ich's doch täte, würde ich hübsch fein Sorge tragen, daß Er durchlöchert wäre wie ein Sieb, denn die große Aufgabe bestände darin, die Vorübergehenden zu überzeugen, daß ich bedürftig sei. Manche wankende, elend aussehende Bettler haben ein Aussehen - es ist ihnen ein Vermögen wert - ihr Gesicht ist bleich vom Kummer, ihre Körper sind völlig hinfällig und abgezehrt bis zum Tode, kaum eine Handvoll zerrissener Lappen auf dem Leibe; sie kauern in irgend einer Ecke nieder und schreiben auf ein Papier. „Ich muß verhungern;“ und wenn du vorübergehst, kannst du nicht anders, deine Hand fährt in den Beutel; „hier ist etwas zur Stärkung,“ sagst du, und gibst ihnen ein Almosen. Macht euch ihr Verfahren zu nutze, ihren richtigen Schluß, daß die Not des Bettlers beste Fürsprache ist. Du b ist verkommen, du bist am Sterben; lege deine Sache Gott vor. Der beste Umstand, womit du dein Anliegen bei Gott unterstützen kannst, ist, wenn deine Umstände recht schlecht sind. Und seien sie noch so schlecht, so behaupte ich kühn: Die allerschlechtesten sind die allerbesten. Verteidige nichts, verschleiere nichts, verschönere nichts, denke nicht, du wollest deine Sünden geringer machen, als sie sind; sag' Ihm, du wärest ohne seine unumschränkte Gnade ein elender, zu Grunde gerichteter Mensch; und schuldbewußt, verachtungswürdig, dir selbst ein Abscheu, falle vor Ihm nieder und sprich: „Herr Jesu, wenn Du einen heilen willst, siehe, ich bin der Rechte. Wenn Du einen brauchst voller Schwären und Eiterbeulen und Aussatz wie Hiob in der Asche; wenn Du einen brauchst, mit dem's aufs äußerste gekommen ist, welcher schon durch und durch voller Verwesungsgeruch ist, Herr, so bin ich Dein Mann.“ O Sünder, siehe, Er ist gerade dein Heiland, denn weil Er gern solche Fälle behandelt, wie den deinen, so solltest du dich freuen, einem solchen Heiland, wie Ihm, zu begegnen; und alles, was von dir verlangt wird, ist, zu glauben, daß Er dich erretten kann, und Ihm zu trauen, daß Er's auch wirklich tun will. O, wenn du Ihn kennen würdest, du würdest Ihm Glauben schenken. Er hilft so gern! Er kann den Verworfensten erretten. So traue denn auf Ihn, und möge dich der Geist Gottes also leiten, daß du Ihn verstehen kannst, daß du Ihm vertrauen kannst; und wenn du das tust, so wird Er sprechen: „Sünder, dir sind deine Sünden vergeben, sei fröhlich, gehe hin mit Frieden.“ Gott, der Herr, segne diese Worte, um Jesu Christi willen! Amen.

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