Spurgeon, Charles Haddon - Der Gott des Friedens und unsere Heiligung

„Der Gott aber des Friedens, der von den Toten ausgeführet hat den großen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Testaments, unsren Herrn Jesum, der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen, und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist, durch Jesum Christum, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.“
Heb. 13,20.21

Der Apostel hatte im 18. Verse ernstlich um die Fürbitte der Kinder Gottes gebeten. Zugunsten aller seiner Brüder sagte er: „Betet für uns;“ und für sich selber fügte er hinzu: „Ich ermahne euch aber zum Überfluß, solches zu tun, auf daß ich aufs schierste wieder zu euch komme.“ Wenn der Apostel die Gebete seiner Brüder nötig hatte, wieviel mehr haben wir das, die wir in jeder Hinsicht so tief unter ihm stehen. Wir können uns in der Tat selbst mit Tränen an euch wenden, die ihr Brüder in Christo seid, und euch bitten, ernstlich für uns zu Gott zu flehen. Was können wir tun, ohne eure Gebete? Sie verbinden uns mit der Allmacht Gottes. Wie der Blitzableiter dringen sie durch die Wolken und bringen die mächtige und geheimnisvolle Kraft von oben herab. Aber was der Apostel so sehr zu erlangen wünschte, das gab er auch sorgfältig, und deshalb bat er in den Worten unsres Textes für seine Brüder; woraus wir lernen, daß wir, wenn wir wünschen, daß andre für uns beten sollen, mit dem Beispiel vorangehen müssen, für sie zu beten. Wir können nicht erwarten, daß die Gebete andrer uns nützen werden, wenn nicht der Geist der Fürbitte auch in uns wohnt. In dieser Sache will der Herr uns ein voll, gedrückt, gerüttelt und überflüssig Maß geben, so wie wir es andren geben. Andre Herzen werden zur Fürbitte für uns bewogen werden, wenn wir selber fleißig im Fürbitten sind. Betet, wenn ihr wollt, daß für euch gebetet werde. Das Gebet, das uns vorliegt, war ein außerordentlich umfassendes, denn Paulus hatte gelernt, große Dinge von dem Herrn zu erbitten. Der Heilige Geist hatte ihn mit viel Liebe zu den Hebräern erfüllt und mit starkem Verlangen nach ihrem Wohlergehen; und deshalb bittet er um das, was die größte aller Segnungen für die Kinder Gottes ist, daß sie fertig zu allem guten Werk sein mögen, und daß Gott in ihnen schaffen möge, was vor Ihm gefällig ist. Wenn wir für Gottes eigne, geliebte Kinder beten, dann können wir mit Sicherheit um die besten Segnungen bitten; wenn wir uns auch eingeengt fühlen beim Bitten für uns selber, so kann doch kein Grund da sein, weshalb wir es auch in Bezug auf andre sein sollten, da wir wissen, daß der Herr sie liebt und macht, daß allerlei Gnade reichlich unter ihnen ist durch Christum Jesum.

Es ist beachtenswert, daß dieses Gebet oder dieser Segenswunsch am Ende des Briefes kommt, eben wie in christlichen Versammlungen der Segen am Ende des Gottesdienstes gesprochen wird. Laßt das Ende all unsrer Handlungen ein Segnen der Menschen und ein Lobpreisen Gottes sein. Solange ihr lebt, liebe Brüder, bemüht euch, andre zu segnen, und wenn ihr sterbt, so beschließt das Leben mit einem Segen, eben wie euer Herr und Meister es tat, der, als Er gen Himmel fuhr, mit ausgebreiteten Händen die Seinen segnete. Wie Jakob den Engel nicht lassen wollte, er segne ihn denn, so sollten wir nicht aufhören, zu predigen oder zu schreiben im Namen des Herrn, bis wir eine tröstliche Überzeugung haben, daß ein Segen auf unsre Brüder gekommen ist.

Dieser betende Segen ist ein ungemein lehrreicher. Er hat den ganzen Umfang des Evangeliums in sich, wie wir zeigen könnten, wenn dies heute unsre Absicht wäre. Es ist eine kondensierte, geistliche Nahrung; viel in wenig; alles in einem Segen. Jedes Wort gleicht einer Perle an Wert und dem Meere an Tiefe. Es ist nicht der Zweck des Gebets, unsre Mitmenschen zu unterweisen: ein bestimmter Unterschied sollte stets stattfinden zwischen Beten und Predigen; und diejenigen irren sehr, die unter dem Namen des Gebetes nicht nur belehren, sondern erörtern und ermahnen; dennoch ist es eine merkwürdige Tatsache, daß kein von Gott eingegebenes Gebet in der Schrift ist, das nicht voller Lehre ist für die, welche willig sind, darüber nachzusinnen. Nehmt zum Beispiel einen Psalm; - obgleich sie an Gott gerichtet sind, findet der Prediger tausend Texte in ihnen, durch welche er die Lehren und Vorschriften des Herrn einschärfen kann. Und die Gebete des Herrn Jesu, die triefen von Fett; das, was gewöhnlich „das Gebet des Herrn“ genannt wird, enthält einen Reichtum an Lehre, und jenes herrliche Gebet Joh. 17 ist wie Honig aus der Honigscheibe. Nun, da derselbe Geist, der vor alters gewirkt hat, auch in uns wirkt, so schließe ich, daß Er auch uns dahin leiten will, zur Erbauung derer zu beten, die uns hören. Obgleich der nächste Zweck des Gebets nicht die Belehrung unsrer Mitmenschen ist, sollte es doch voll guter Dinge und der Erwägung derer sein, die wir auffordern, sich mit uns darin zu vereinigen! Das öffentliche Gebet würde ein weit besseres Gnadenmittel für die Menschen sein, wenn die, welche öffentlich Bitten vortragen, die nötige Vorbereitung des Herzens vom Herrn erflehen und mit sorgfältigem Nachdenken daran gehen wollten.

Gewiß reicht es nicht hin, einen Kreis von frommen Ausdrücken zu wiederholen, die in der Gemeinde geläufig geworden sind, sondern wir sollten mit dem Heiligen Geiste sprechen und mit Verstand, wenn wir uns zu Gott nahen, so daß die Gedanken unsrer Mitchristen angeregt werden und ihre Herzen mit uns in unsrer öffentlichen Andacht sich vereinigen. Wer öffentlich ein inhaltloses Gebet betet, welchem es ganz an Gedanken und am Nachsinnen fehlt, der dämpft die Flamme der Andacht, während es seine Pflicht gewesen wäre, ihr Nahrung zu geben. Ich fordere die auf, welche sich bei unsren Gebetsstunden beteiligen, diese Sache zu Herzen zu nehmen.

Wir müssen indes weiter beachten, daß, obgleich das Gebet des Paulus für die Hebräer voller Lehre ist, doch das Ganze auf den Zweck abzielt, den er im Auge hatte. Er verzierte nicht sein Gebet mit fremdartigem Schmuck, und zog nicht unnötigerweise Lehrsätze hinein; aber jedes Wort sollte seine Bitte um persönliche, praktische Heiligkeit unterstützen, die der eine Zweck seines Gebetes war. Während er uns zeigt, woher die Heiligkeit kommen muß, und wie sie kommen muß, und wie sie in uns gewirkt wird, und was sie ist, wenn sie gewirkt ist, legt er die ganze Zeit über dem Herrn seine starken Gründe vor dafür, daß in den hebräischen Gläubigen diese Heiligkeit reichlich gewirkt werden möge. Ich bin gewiß, ich werde eure ernste Aufmerksamkeit haben, während ich versuche, die Worte unsres Textes zu wägen, das jedes voll Bedeutung ist: ich kann nicht hoffen, in der kurzen Zeit einer Predigt die ganze Fülle ihrer Bedeutung darzulegen, denn wer kann das Meer in seiner hohlen Hand halten oder die Fülle solches Textes in einer kurzen Rede umspannen? Doch möchte ich streben, euch einen Einblick darin tun zu lassen, der genügt, um zu sehen, daß die Länge und Breite und Tiefe und Höhe desselben nicht leicht von einem Sterblichen zu fassen ist.

I.

Ich lenke eure Aufmerksamkeit auf den besonderen Namen, mit dem Gott in diesem Gebete angeredet wird. „Der Gott des Friedens.“ Die Namen Gottes, die im Gebet in der Heiligen Schrift gebraucht werden, sind immer bedeutsam. Die heiligen Männer vor alters waren nicht so arm an Worten, daß sie Gott immer unter einem Namen angeredet hätten, und waren auch nicht so nachlässig, mit Ihm unter dem Namen zu sprechen, der ihnen zuerst zu Händen kam; sondern wenn sie sich dem Höchsten nahten, so erwogen sie sorgsam diejenige Eigenschaft der göttlichen Natur, von der sie den gewünschten Segen erwarteten. Wenn sie den Sturz ihrer Feinde wünschten, so wandten sie sich an den Arm seiner Kraft; wenn sie unrecht behandelt waren, so beteten sie zu dem Gott der Gerechtigkeit; wenn sie Vergebung für ihre Sünden nötig hatten, wandten sie sich an den Gott der Barmherzigkeit; und solche Namen wie Jehovah, Elohim, Schaddai werden nicht unterschiedslos in den Gebeten der alten Heiligen gebraucht, sondern immer mit Bedacht und Erwägung. Warum nannte also der Apostel hier Gott den „Gott des Friedens“? Er hatte einen Grund dafür, welcher war es?

Es ist ein Paulinischer Ausdruck. Ihr findet diese Bezeichnung nur in den Schriften des Paulus. Es ist ein Name, den Paulus selbst durch die Unterweisung des Heiligen Geistes geprägt hat. Es waren Gründe in den Erfahrungen des Paulus, die ihn dazu führten, bei diesem besonderen Zuge des göttlichen Wesens zu verweilen. Jeder, der mit seinen eignen Augen sieht, sieht etwas Eigentümliches in dem Namen des Herrn; und der Apostel der Heiden sah, als er an hebräische Gläubige schrieb, mit besonderer Klarheit den „Gott des Friedens“, der beide, Juden und Heiden, eins in Christo gemacht, und so Frieden gestiftet hatte. Wenn ihr Röm. 15, 33 anseht, so findet ihr ihn beten: „Der Gott aber des Friedens sei mit euch allen.“ In derselben Epistel 16, 20 sagt er: „Der Gott des Friedens zertrete den Satan unter eure Füße in kurzem.“ Wiederum im zweiten Brief an die Korinther 13, 11 sagt er: „Seid vollkommen, tröstet euch, habt einerlei Sinn, seid friedfertig; so wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein.“ Phil. 4, 9 schließt er seine Ermahnung so: „Welches ihr auch gelernt und empfangen und gehöret und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Herr des Friedens mit euch sein;“ aber besonders ist 1 Thess. 5, 23 eine Stelle von auffallender Ähnlichkeit mit unsrem Texte. Da betet er: „Er aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch.“ Heiligung ist der Gegenstand dieses Gebetes. Gerade wie er in unsrem Text betet: „Der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen,“ so sagt er zu den Thessalonichern: „Der Gott des Friedens heilige euch durch und durch, und euer Geist ganz samt der Seele und Leib, müsse behalten werden unsträflich auf die Zukunft unsres Herrn Jesu Christi.“ Es ist augenscheinlich, nicht nur, daß der Apostel an dieser ihm eigentümlichen Bezeichnung Freude hatte, sondern daß er auch eine enge Beziehung zwischen dem Gott des Friedens und der Heiligung der Gläubigen sah, und aus diesem Grunde ist sein Gebet um Heiligung sowohl im Briefe an die Thessalonicher, wie in dem an die Hebräer an den Gott des Friedens gerichtet. Die Bezeichnung ist eine evangelische. Gott wird im Alten Testament nicht „der Gott des Friedens“ genannt; sondern da ist Er „der rechte Kriegsmann; Herr ist sein Name;“ „der den Fürsten den Mut nimmt und schrecklich ist unter den Königen auf Erden.“ Er wird häufig in den Psalmen und Propheten genannt: „der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit,“ und es ist ein Teil von dem Lobe Israels, daß Er mächtige Könige schlug, „denn seine Güte währet ewiglich.“ Beständig lesen wir in dem älteren Teil der Offenbarung von dem „Herrn der Heerscharen“, und von diesem Namen sagt ein alter Theologe: „Es ist ein Ton der Feindseligkeit darin;“ aber jetzt sprechen wir nicht mehr von dem Herrn der Heerscharen, sondern von dem Gott des Friedens: denn da Jesus unser Friede ist, so ist die Feindschaft getötet. Die Herrschaft des Messias begann mit: „Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen,“ seine Botschaft war Friede, sein Geist war Friede, seine Lehre war Friede, sein letztes Vermächtnis war Friede und durch seine Versöhnung blickt aus dem geöffneten Himmel der Gott des Friedens und des Trostes herab auf die Menschenkinder.

Die Angemessenheit der Bezeichnung für dieses besondere Gebet wird euch sofort ins Auge fallen, denn Heiligkeit ist Friede. „Der Gott des Friedens heilige euch,“ denn Er selber ist Friede und Heiligkeit. Als Heiligkeit über dem ganzen Weltall herrschte, da herrschte auch Friede. Es war kein Krieg im Himmel, bis einer, der ein Engel gewesen war, ein Teufel wurde und eine Empörung gegen den dreimal heiligen Gott anstiftete. Die Sünde gebiert den Streit, aber die Heiligkeit ist die Mutter des Friedens. In der Vollkommenheit ist Friede, deshalb bittet Paulus den Gott den Friedens, seine Kinder vollkommen zu machen (n. d. engl. Übers.): die Heiligkeit gefällt Ihm, und wenn Er Wohlgefallen hat, so ist alles Friede, deshalb bittet er Ihn, in ihnen das zu schaffen, was Ihm gefällt.

Der Gott des Friedens hat auch gnädig den Frieden hergestellt und uns mit sich versöhnt durch Jesum Christum, aber es ist durch die Hinwegnahme der Sünde gewesen, denn solange die Sünde blieb, war der Friede unmöglich. „Das Blut des ewigen Testaments,“ von dem der Text spricht, war das Siegel eines Friedensbundes, den Gott zwischen sich und dem Menschen machte; denn von alters her waren Gedanken des Friedens in Gott über seine Erwählten. Als die Zeit erfüllet war, da war die Gabe Christi und seines versöhnenden Todes die wirkliche Aufrichtung des Friedens, denn Er hat Frieden durch sein Blut am Kreuze gemacht. Er ist der zu uns Gesandte Gottes, und durch sein stellvertretendes Opfer wurde der Friede in Wirklichkeit gemacht „,denn Er ist unser Friede;“ durch das Blut des ewigen Bundes wurde ein Vertrag zwischen Gott und seinen Erwählten geschlossen, der feststehen soll ewiglich. Unsres Herrn Auferstehung und Himmelfahrt, wovon der Text spricht: „Der Gott des Friedens, der von den Toten ausgeführt hat unsren Herrn Jesum,“ war die offene Ankündigung des Friedens. Solange Jesus im Grabe lag, war der Friede nicht offen erklärt: er war sicherlich geschlossen, doch nicht öffentlich verkündigt; aber als der Mittler auferstand, und besonders, als Er gen Himmel fuhr und Gaben für die Menschen empfing und sich niedersetzte zur Rechten Gottes, des Vaters, da war vor dem ganzen Weltall erklärt, daß Gott im Frieden mit den Menschenkindern sei. Denn Jesus ist in allen Dingen der Adam, der Mustermensch, der Vertreter seines Volkes, und Friede mit Ihm bedeutet Frieden mit allen, die in Ihm sind. Er starb für unsre Sünden, aber Er erstand für unsre Gerechtigkeit, welche nichts andres ist als unsre Wiederversetzung in einen Zustand der Versöhnung mit Gott. Er ging in den Himmel, um unser Erbe in Besitz zu nehmen; und was für einen besseren Beweis als diesen könnte es geben dafür, daß wir mit Gott versöhnt sind? Wenn unser Vertreter zu seiner Rechten sitzt, so können wir zuversichtlich glauben, daß der Herr mit uns versöhnt ist. Geliebte, wenn ihr den Gegenstand verfolgt, so werdet ihr immer klarer die Bedeutsamkeit der Bezeichnung „der Gott des Friedens“ sehen; denn uns vollkommen zu machen in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen, das heißt uns Frieden geben. Obwohl jeder Christ durch den Glauben an Christum gerechtfertigt ist, und so dem Rechte nach Frieden mit Gott hat, so können wir doch nie vollkommen Frieden mit unserm Gewissen genießen, solange eine Sünde von uns begangen wird oder in uns wohnt. Solange ein einziger Hang zur Sünde in diesen Gliedern bleibt, werden wir beunruhigt sein, die Sünde wird mit der Gnade streiten und die neugeborene Gnade wird mit der angeborenen Sünde kämpfen. Sünde und Gnade können sich nicht besser vertragen, als Feuer und Wasser. Sogar der Gott des Friedens versucht niemals einen Frieden zwischen Gut und Böse aufzurichten, denn es würde ungeheuerlich sein, selbst wenn es möglich wäre. Der Weg zum Frieden ist der Weg der Heiligkeit. Wirf die Sünde hinaus, so wirfst du den Streit hinaus. Überwinde das Böse, so gewinnt der Friede den Sieg. Geliebte, es nützt uns nichts, ein glückliches Leben zu suchen anders als durch Heiligkeit des Wandels. Ich habe schon erklärt, daß wir Frieden mit Gott haben durch das versöhnende Werk unseres Herrn Jesu Christi; aber um tiefe Stille des Herzens und Ruhe des Gewissens zu besitzen, muß ein Werk der Heiligung in uns gewirkt werden durch die Macht, welche Jesus Christus von den Toten erweckte. Die Sünde ist unser Feind, und das neue Leben in uns hat Feindschaft gegen das Böse, und deshalb kann der Friede nie in dem dreifachen Reich unseres Wesens verkündet werden, bis wir stets das tun, was vor dem Herrn gefällig ist durch Jesum Christum.

Aber dies ist nicht alles. Wenn der Apostel, indem er für unsre Heiligung betet, zu dem Gott des Friedens betet, so heißt das so viel als uns sagen, daß wir Gott als den Gott des Friedens ansehen müssen, wenn wir dahin geleitet werden sollen, seinen Willen zu tun.

O Mensch, ist Gott dein Feind? Dann wirst du Ihm nie dienen, und nie das tun, was vor Ihm gefällig ist. Fühlst du in diesem Augenblick ein Grauen vor Gott, eine Furcht bei der Nennung seines Namens? Dann kannst du nie das tun, was Ihm gefällt, denn ohne Glauben ist's unmöglich, Gott gefallen, und Glaube ist das Gegenteil von Grauen. Du mußt zu allererst wissen, daß Friede ist zwischen dir und deinem Gott, und dann kannst du Ihm gefallen. Dieses Wissen kann dir nur zu teil werden durch Jesum Christum, denn der Friede wird nur durch „das Blut des ewigen Testaments“ gemacht. Wenn du erst weißt, daß Gott mit dir einen ewigen Bund gemacht, in allen Dingen fest geordnet und sicher, dann hast du Hebelkraft, womit du arbeiten kannst, dann bist du auf einen Felsen gegründet, auf den du in jeder Form des Gehorsams aufgebaut werden kannst, aber nicht eher. Friede mit Gott ist die Wurzel der Tugend: Versöhnung durch den Tod seines Sohnes ist die Tür zur Gleichförmigkeit mit dem Leben seines Sohnes. Mögen wir unsern großen Hirten kennen in seinem Versöhnungstode sowohl, wie in seinem lebendigen Beispiel als den Herrn und Geber des Friedens.

Ich glaube auch, daß der Apostel, indem er so zu „dem Gott des Friedens“ betete, die ganze Gemeinde der Hebräer, oder wenn ihr wollt, jede christliche Gemeinde im Auge hatte. Brüder, es ist wesentlich, daß wir Frieden in der Gemeinde haben. Was immer für Feindschaft draußen sein mag, wir müssen einander lieben. Wenn wir nicht in der Liebe wandeln, können wir sicherlich kein Gedeihen haben. Gott allein kann einer Gemeinde Frieden geben, und Er gibt ihn nur, indem Er ihre Mitglieder heiligt, sie zu guten Werken anregt, sie in heiliger Tätigkeit erhält, sie tauglich macht, für Ihn zu arbeiten, und sie fertig macht, das zu tun, was vor Ihm gefällig ist. Wenn ihr von Friedensstörungen in einer Gemeinde hört, braucht ihr nicht sowohl die Differenzen zwischen den Mitgliedern auszugleichen, als die Leute selber zu bessern. Wir würden nicht so viele Dornen sammeln, wenn die Pflanzen Feigenbäume wären; Streit und Zank würde nicht unter uns aufkommen, wenn wir nicht fleischlich und ungeheiligt wären. Wenn wir geistlicher gesinnt wären, würden wir bereiter sein zum Vergeben und nicht so bereit, zu beleidigen oder uns beleidigt zu fühlen. „Seid ihr denn nicht fleischlich?“ sagt der Apostel „,denn so einer sagt, ich bin Paulisch, der andre aber, ich bin Apollisch,“ u.s.w.; aber wenn der Gott des Friedens jeden Gläubigen heiligt, dann wird ein jeglicher seines Bruders Wohl, und das, was zum Frieden dient, suchen. Wenn du für den Frieden Jerusalems betest, so gedenke, daß du ihn fördern kannst, indem du nach Heiligkeit strebst.

Ehe ich diesen ersten Teil verlasse, möchte ich eure Aufmerksamkeit noch darauf lenken, daß der Name „ der Gott des Friedens“ ein Licht über die ganze Stelle ausgießt, und in schönem Einklang mit jedem Worte des Gebetes ist. Laßt uns dasselbe Zeile für Zeile lesen. „Der Gott aber des Frieden, der von den Toten ausgeführet hat unsern Herrn Jesum.“ Der Krieg treibt die Menschen hinunter zu den Toten, und ist der große Schakal des Grabes. Ach, in welch trauriger Weise sehen die Völker dies in diesem Augenblick im Orient veranschaulicht. Der Krieg schickt hinunter zu den Toten; aber der Gott des Friedens bringt zurück von den Toten. Die Zurückbringung Jesu aus dem Grabe war eine Friedenstat und sollte die Bürgschaft für den auf ewig hergestellten Frieden sein. „Den großen Hirten der Schafe“ - Schafe sind friedliche Geschöpfe, und eines Hirten Geschäft hat nichts zu tun mit den blutigroten Feldern des Streites. Wir verbinden stets mit dem Gedanken an Frieden den der Stille und Rast der Hürde und die einfache Ruhe der Herden auf grünen Weiden. Friede ist so recht die Atmosphäre der Hirtenszenen. „Durch das Blut des ewigen Bundes.“ (N. d. engl. Übers.) Das Wort „Bund“ ist auch voll Frieden; und besonders ist es so, wenn wir daran gedenken, daß es ein Friedensbund ist, den die ewige Liebe zwischen Gott und den Menschen aufgerichtet hat. Wo kein Bund oder Bündnis existiert, kann der Krieg jederzeit ausbrechen, aber wo ein Bund einmal geschlossen ist, da ist Friede und Ruhe. Der Apostel fährt fort zu beten: „Der mache euch fertig in allem guten Werk, zu tun seinen Willen.“ Wenn Gottes Wille von uns getan wird, so muß Friede da sein, denn kein Grund zur Uneinigkeit kann existieren. „Und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist.“ - O, die sanfte Melodie dieser Worte. Wenn alles in uns Gott gefällt, dann ist Er in der Tat der Gott des Friedens für uns. Die Doxologie am Ende der Epistel ist auch sehr bedeutsam, denn in Wirklichkeit verkündet sie die allgemeine und ewige Herrschaft des Friedens: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Was könnte es geben, das imstande wäre, das Weltall zu beunruhigen, wenn der allmächtige Gott herrscht und alle Völker den Ewig-Gelobten preisen und erheben werden von Ewigkeit zu Ewigkeit? Nicht ohne Grund wählte daher unser Apostel die Bezeichnung: „Der Gott des Friedens.“

II.

Wir haben nun in der Kürze zu betrachten die besondere Tat, bei der dieses Gebet verweilt. „Der von den Toten ausgeführet hat unsern Herrn Jesum, de n großen Hirten der Schafe, durch das Blut des ewigen Bund es.“ Hier möchte ich, daß jeder von euch für sich selbst die Schriftstelle läse, die der Apostel, wie ich meine, im Sinne hatte, als er diese Worte schrieb. Schlagt Jes. 63, 11 ff. auf: „Und er gedachte wieder an die vorige Zeit, an den Mose, so unter seinem Volk war. Wo ist denn nun, der sie aus dem Meer führte, samt dem Hirten seiner Herde? Wo ist, der seinen Heiligen Geist unter sie gab? Der Mose bei der rechten Hand führte, durch seinen herrlichen Arm? Der die Wasser trennte vor ihnen her, auf daß Er Ihm einen ewigen Namen machte?“ Seht, wie dies sich einen ewigen Namen-Machen mit dem letzten Satz stimmt: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Aber laßt uns weiter lesen: „Der sie führte durch die Tiefe, wie die Rosse in der Wüste, die nicht straucheln?“ Gewiß, diejenigen straucheln nicht, in denen der Herr schaffet, was vor Ihm gefällig ist. „Wie das Vieh, so in das Feld hinabgeht, welches der Geist des Herrn ruhen heißt,“ - da ist der Gott des Friedens - „also hast Du auch Dein Volk geführt, auf daß Du Dir einen herrlichen Namen machtest.“ - Da ist wieder die Doxologie: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Das geschichtliche Ereignis, worauf Er anspielt, ist die Befreiung aus Ägypten und das Herauskommen aus dem Roten Meere. Nachdem Er sein Volk durch das Blut des Bundes gerettet hatte, das auf ihre Türpfosten gesprengt war, führte Er sie ans Rote Meer, während ihre Feinde sie verfolgten. In das Rote Meer stiegen sie hinab; nicht bloß an das Ufer gingen sie, sondern mitten in die Tiefe gingen sie hinein, und da waren sie begraben, das Meer war wie der Ort des Todes für sie. Zwischen seinen flüssigen Mauern und unter der Wolkensäule, die über ihnen hing, wurden sie für Mose getauft und in der Taufe wie in einem Wassergrabe begraben; aber siehe, sie kommen wiederum herauf, werden glücklich heraus gebracht aus dem, was Pharaos Grab wurde, mit Gesang und Jauchzen und Frohlocken. Die Parallele ist dies: „Der große Hirte,“ der viel größer ist als Mose und Aaron, muß hinab an den Ort des Todes gehen um seines Volkes willen; Er muß als Vertreter seiner Herde in das Grab hinuntersteigen. Dies tat Er, denn Er neigte sein Haupt und starb; aber siehe, der Herr führte Ihn aus der Tiefe wieder heraus, und erstand zum Leben und zur Herrlichkeit und all die Seinen mit Ihm. An jenem Tage hätte das Lied jubilierend sein können wie Mirjams, als sie sang: „Lasset uns dem Herrn singen, denn Er hat eine herrliche Tat getan. Herr, Deine rechte Hand tut große Wunder.“ Aber jetzt bei dieser größeren Erlösung durch „das Blut des ewigen Testaments“ wird der Psalm nicht dem Herrn gesungen, welcher ein Kriegsmann ist, sondern dem „Gott des Friedens.“ Die Ehre wird demselben Herrn zugeschrieben, aber unter einem sanfteren Namen, und Ihm sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Ich habe keinen Zweifel, daß Paulus seine Bilder teilweise vom Roten Meere borgte, das von allen Befreiungen das lehrreichste Vorbild ist. Ist es nicht selbst im Himmel das erwählte Vorbild, denn dort singen sie das Lied Moses, des Knechtes Gottes, und des Lammes?

Mit Hilfe dieses Bildes wollen wir beachten, daß das Ausführen des Herrn Jesu von den Toten das Siegel seines vollendeten Werkes und folglich unseres Friedens und unsrer schließlichen Vollkommenheit in Heiligkeit war. Der Herr Jesus konnte nicht länger von den Banden des Todes gehalten werden, sondern kehrte gerechterweise zu seinem Throne zurück. Weil Er sein ganzes Werk beendigt hatte, deshalb verkündete das Wort der höchsten Macht seine Freiheit und Er ward zu seiner früheren Herrlichkeit zurückgeführt. Weil Er alle Gerechtigkeit gewirkt hatte, stand Er unter den lebendigen Menschen; und weil Er eine Krone der Gerechtigkeit verdient hatte, stieg Er sogar zum Throne Jehovahs auf, um dort zu sitzen, bis alle seine Feinde zum Schemel seiner Füße gemacht sind. Sein Werk ist vollbracht, und deshalb erkennt Gott dies dadurch an, daß Er Ihn von den Toten ausführet. Sehr weislich betet der Apostel, daß der, welcher so Christi vollendetes Werk anerkannte, seines Geistes Werk in uns vollenden möge. Christus ist vollkommen gemacht; deshalb, o Herr, mache Deine Heiligen vollkommen. Jesus hat Deinen Willen getan: hilf uns, ihn auch zu tun. Möge Er, der Jesus von den Toten ausführte als Zeichen seiner vollendeten Gerechtigkeit, auch sein Volk aus allen Überbleibseln ihres Sündentodes herausführen und sie völlig machen zur Ehre seines Namens.

Geliebte, wir gehen noch weiter. Das Herausführen Christi von den Toten war in Wirklichkeit das Zurückführen all der Seinen. Nicht ohne die Schafe kam der Hirte, denn das hieße geschlagen zurückkommen. Er ging hinunter in das Grab, das verlorene Schaf zu suchen, und nachdem Er es gefunden, nahm Er es auf die Achsel, und als Er aus dem Grabe herauf kam, trug Er auf seinen mächtigen Schultern die Schafe, für die Er starb. Der Text spricht von „ unserm Herrn Jesus.“ Beachteten wir dies? Uns er in seinen Ämtern als Hirte und Heiland, ganz und gar unser, als wieder ausgeführet von den Toten. Was Er tat, war für uns. Er ist der große Hirte der Schafe, und was Er tat, war für die Schafe. Wir können viele Gründe geben, warum der Herr Jesus der große Hirte ist, weil Er der Hirte ist, nicht einer Gemeinde, sondern aller Heiligen in allen Zeitaltern, und weil die Schafe sein eigen sind, und der, welchem die Schafe gehören, viel größer ist als der, der nur die Herde für einen andren weidet. Aber der Grund, welcher gerade jetzt meine Aufmerksamkeit anzieht, ist dieser: wenn ein großer Hirte da ist, muß eine große Herde da sein. Ihr könnt nicht mit Wahrheit einen Mann einen Hirten nennen, wenn er keine Schafe hat, und Ihn nicht einen großen Hirten nennen, wenn Er nicht eine große Herde hat. So führte Er, der „von den Toten ausführte den großen Hirten der Schafe,“ durch diese Tat auch die große Herde von den Toten aus, denn solange unser Herr Jesus mit Wahrheit ein Hirte genannt werden kann, muß Er eine lebendige Herde haben; sie ist unzertrennlich von Ihm und wesentlich für Ihn. Die Gemeinde ist die Fülle Christi. Ein König ist kein König ohne Untertanen, ein Haupt ist kein Haupt ohne einen Leib, und ein Hirte ist kein Hirte ohne Schafe. Die Vorstellung von dem großen Hirten schließt die auserwählte Herde ein: sein Zurückführen von den Toten als Hirte schließt ihr Hinaufführen in Ihm ein. Die Auferstehung und Herrlichkeit Christi sind sonach die Auferstehung und die Herrlichkeit seiner ganzen Herde, für die Er sein Leben hingab. Ehre sei seinem Namen dafür! Nun seht ihr die Gewalt dieser Bitte, die so ausgelegt werden kann: Herr, Du hast Dein Volk von den Toten heraufgeführt durch Christum, deshalb bringe sie ganz aus dem Tode der Sünde herauf; mache sie lebendig in aller Fülle des Lebens; mache sie vollkommen in allem guten Werk, Deinen Willen zu tun; wirke in ihnen das, was vor Dir gefällig ist: weil dies ihre geistliche Auferstehung ist, so gibst Du ihnen damit das, was Du Christo für sie gegeben hast, und deshalb erfülle es an ihnen.

Geliebte, dieselbe Macht ist nötig, um uns heilig zu machen, die nötig war, unsern Heiland von den Toten auszuführen. Dieselbe Macht, die den toten Leib Christi auferweckte, muß uns von unsrem Tode auferwecken; und dieselbe Macht, die den lebendigen Christum instandsetzte, von der Erde zum Himmel zu steigen, und seinen Thron einzunehmen, muß in lebendigen Heiligen wirken, um sie von einem Grad der Heiligkeit zum andern empor steigen zu lassen, bis sie ohne einen Flecken, Runzel oder dergleichen vor des Vaters Angesicht dargestellt werden. Ja, und diese Macht kommt zu uns, weil Christus auferstanden ist. „Weil ich lebe,“ spricht Er „,sollt ihr auch leben;“ und weil Er lebt und Fürbitte tut, deshalb werden die Seinen vor dem Übel bewahrt. Satan begehrt uns, daß Er uns möchte sichten wie den Weizen; aber der große Hirte, der von den Toten ausgeführet ist, wacht täglich über uns und bittet für uns, und die Macht seines Lebens und seines Reiches und seiner Fürbitte wird in uns offenbar, so daß wir die Versuchung überwinden und von Kraft zu Kraft fortgehen in unsrer Pilgerschaft zum Himmel. Der Text ist ganz aus eine m Stücke, und jedes Wort ist notwendig und wichtig. Wir haben hier keine fromme, ohne Grund aneinander gereihte Ausdrücke, sondern jede einzelne Silbe trägt zu dem Gewicht des Ganzen bei.

Das in diesem Text beschriebene Werk muß in uns von dem Geist Gottes gewirkt werden. Jesus ist das Vorbild, dem wir gleichförmig gemacht werden müssen. Geliebte, ihr müßt hinab in den Tod gehen und mit Ihm begraben werden, damit ihr mit Ihm aufersteht. Es muß in euch der Tod aller fleischlichen Kraft und Stärke sein, sonst kann die Kraft Gottes nicht in euch offenbar werden. Ihr müßt die Tiefen kennen, wie Mose es tat, die Tiefen, in denen die stolze Selbstgenugsamkeit ertränkt ist; ihr müßt in der Wolke und in dem Meer getauft werden; ihr müßt das Verdammungsurteil über euch aussprechen hören; ihr müßt in eurer eignen Seele anerkennen, daß in eurem Fleisch nichts Gutes wohnt, und daß ihr unter dem Gesetz verdammt seid; und dann müßt ihr lebendig gemacht werden und aus dem Ort der Verdammung und des Todes hervorkommen. Glücklich ist der, welcher aus dem Grabe seines vorigen eitlen Wandels herausgekommen ist, die Grabgewänder der Weltlichkeit und der Sünde dahinten gelassen und herauf gekommen, um mit einem himmlischen Sinne bekleidet zu werden und ein neues Leben zu führen, geheim. und göttlich, gleich dem des auferstandenen Heilandes; ja, gleich dem des gen Himmel gefahrenen Herrn, denn „Er hat uns samt Ihm auferwecket und samt Ihm in das himmlische Wesen versetzt, in Christo Jesu.“ „Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott.“ Habt ihr das erfahren? Viele von euch sind in der Taufe begraben worden, aber nahmt ihr damals teil an dem Tode eures Herrn? Ihr hattet kein Recht, begraben zu werden, wenn ihr nicht wirklich tot wart. Wußtet ihr wirklich, daß der Tod über euch dahin gegangen war, ehe ihr mit eurem Heiland begraben wurdet? Und fühlt ihr nun das Leben Gottes in euch, das ein neues Leben in euch schafft? Wenn das, so wird es euch täglich zu etwas Besserem und Edlerem erheben, bis ihr zuletzt dahin gelangt, wo ihr nie wieder von Sünde befleckt werden sollt, wo der Satan unter eure Füße getreten und der Gott des Friedens herrschen wird. Wenn ihr in vollkommener Heiligkeit weilen werdet, dann sollt ihr in vollkommenem Frieden herrschen. Möge Er, der unsern Herrn Jesum vom Grabe zur Herrlichkeit brachte, auch euch den Weg aufwärts bringen, bis ihr bei Ihm seid und Ihm gleicht auf ewig.

III.

Drittens laßt uns beachten die sehr merkwürdige Art, in welcher die Heiligkeit, um die der Apostel betet, beschrieben wird in dem Text: „Mache euch vollkommen in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen.“ So steht es hier, aber die Übersetzung ist nicht ganz richtig. Die Stelle lautete besser: „Mache euch tüchtig in jedem guten Werk, zu tun seinen Willen,“ und das griechische Wort (ich habe zwar nicht bemerkt, daß Ausleger es beachtet haben, aber jeder, der das Lexikon aufschlägt, kann es sehen) bedeutet eigentlich einen verrenkten Knochen wieder einrenken. Der Sinn des Textes ist dieser: Durch den Fall sind alle unsre Knochen aus dem Gelenk, so daß wir nicht den Willen Gottes tun können, und der Wunsch des Apostels ist, daß der Herr die Knochen wieder an den rechten Ort bringe und uns so instandsetze, mit jeder Fähigkeit und in jedem guten Werk seinen Willen zu tun. Wenn wir das Armgelenk zur Erläuterung nehmen, so wünscht er es so gut gesetzt, daß es zu jeder Bewegung fähig sei, für die ein Arm ursprünglich von der unendlichen Weisheit eingerichtet ward. Ein verrenkter Knochen kann so schlecht eingerenkt werden, daß er nur zu einem Teil der ihm natürlichen Bewegungen fähig ist; es mag ein Fehler bei der Heilung gewesen sein, so daß gewisse Bewegungen nicht vollzogen werden können; es mag Steifheit und Unbeholfenheit, ja, sogar völlige Unfähigkeit zu gewissen Bewegungen da sein; dies kann man bei den Gemütern einiger Menschen sehen, aber es ist keineswegs wünschenswert. Der Apostel möchte jeden Knochen in uns gut eingerichtet haben und unsern ganzen Menschen tauglich zu jeder Form guter Werke, um den Willen Gottes völlig zu tun. Was für ein herrliches Gebet! O Herr, Du hast Deinen Sohn in Vollkommenheit auferweckt, keines seiner Gebeine war zerbrochen; und nun müssen wir, die wir sein Leib sind, zusammengesetzt und befestigt werden, jedes Gelenk an seinem Platz, und die ganze Gemeinde eng zusammengefügt durch ihre Bänder und Sehnen, so daß sie in vollkommener Ordnung sei, um des Herrn Willen zu tun. Ich vermute, daß unser Text sich nicht sowohl auf einen einzelnen Gläubigen als auf die ganze Gemeinde bezieht, denn der Apostel spricht von dem großen Hirten der Schafe, womit er die ganze Gemeinde meinen muß; der Apostel betet, daß der Herr seine Gemeinde vollkommen zusammenfügen, sie in harmonische Vereinigung bringen und sie so tüchtig machen wolle, alles zu tun, wovon Gott will, daß die Gemeinde hienieden es tun soll. Wann werden wir unsre Gemeinden in solchem Zustande sehen? Ach, die aus dem Gelenk gebrachten Glieder unsrer Gemeinden verursachen dem Körper viel Schmerz und Schwachheit, und nur Heiligkeit kann sie in ihre richtige Lage bringen. Wenn ich den Text als sich auf jeden einzelnen beziehend nehmen muß, so ist das Gebet, daß ihr und ich tauglich werden mögen, den göttlichen Willen überall zu tun, - tauglich zu leiden, tauglich zu arbeiten, tauglich zu dem niedrigsten Amt in der Gemeinde (was beiläufig gesagt, sehr viel Tauglichkeit erfordert) und tauglich zum höchsten Werk in der Gemeinde, und tauglich zu allem, was Gott von uns getan wünscht; so daß wir nicht nur für eine Reihe von Pflichten tüchtig sind, sondern zu allen Dingen fertig. Wir werden Gott sehr verherrlichen, wenn wir einen vollständigen Charakter haben, in dem jede Gnade sich offenbart und in dem keine einzige Sünde gesehen wird, die ihn entstellt. Dieser Art ist das Gebet. Wer kann dies wirken, guter Herr? Wer kann dies in uns wirken? Du kannst es, o Gott des Friedens, denn Du brachtest Deinen Sohn empor aus dem Grabe zum Throne, und Du kannst unsre verstümmelte Natur herauf bringen und sie vervollkommnen, bis sie fähig ist, an dem Erbe der Heiligen im Licht teilzunehmen ewiglich. Der erste Teil des Gebetes ist also um Tauglichkeit zur Heiligkeit.

Der zweite ist um werktätigen Dienst: „und schaffe in euch, was vor Ihm gefällig ist.“ Und hier bitte ich euch zu beachten, wie alle Dinge von Gott sind. Wir hätten denken können, der Apostel würde gesagt haben: „Herr, wenn Du uns tauglich gemacht hast, für Dich zu arbeiten, dann hilf uns, Dir zu dienen;“ aber er sagt das nicht, er spricht sein Gebet in einer demütigen Art aus und bittet den Herrn, in uns zu schaffen. Was für ein schwerer Schlag für allen Selbstruhm! Wie lehrreich für uns! Lieber Bruder, wenn der Herr dich tauglich zu jedem guten Werke macht, so wirst du doch kein gutes Werk tun, wenn Er es nicht in dir wirkt. Sogar derjenige, welcher sich am meisten zur Ausübung der Tugend und Heiligkeit eignet, übt doch diese nicht aus, bis der Herr in ihm das Wollen und Vollbringen nach seinem Wohlgefallen wirket. Außer, dieser Art, in der alle Ehre Gott zugesichert wird, beachtet auch noch den nächsten Zusatz „,durch Jes um Christum.“ Das, was wir tun selbst wenn der Herr in uns wirkt, tun wir nur durch Jesum Christum. Wir sind nichts ohne unsern Herrn, und obwohl wir tun, was vor dem Herrn annehmbar ist, so ist es doch nur annehmbar durch Jesum Christum. Was für ein Nichts sind wir! Selbst wenn der Herr das Beste für uns tut, das getan werden kann, so daß wir vor seinem Angesicht weilen und unsre Handlungen Ihm gefällig werden und Er uns mit Freuden anblickt, selbst dann sind wir nichts. Es ist der Herr, der alles in uns gewirkt hat, der Gott des Friedens, der alles in allem ist. Zu jedem fruchtbaren Zweig spricht Er: „An mir wird deine Frucht gefunden.“ Wenn eure Kleider funkeln wie die Sonne, so ist Er es, der euch verklärt; wenn euer Antlitz glänzt wie Mose's nach der verborgenen Gemeinschaft auf dem Berge, so ist es Gottes Glanz, der eure Stirn erleuchtet. Unser Gutes ist nicht unser eigen „,denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, zu welchen Gott uns zuvor bereitet hat, daß wir darinnen wandeln sollen.“

IV.

Unser vierter Punkt geht ganz natürlich aus den andern hervor, denn wir haben schon gesehen, daß das Ganze mit einer sehr angemessenen Lobpreisung schließt: „Welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Gott zu verherrlichen ist der Zweck dieses alles. Wir vergessen dies zu sehr. Das Lob ist die Blume, um deren Willen der Stengel des Gebets existiert. Lob Gottes ist die Essenz aller Blumen der Heiligkeit, der höchste Wohlgeruch aller Rosen im Garten der Gemeinde. Gottes Ehre ist die Ernte, für die alles Pflügen und Säen des Predigens und Evangelisierens getan werden muß. Ehre sei Gott in der Höhe und Ehre seinem eingeborenen Sohn von Ewigkeit zu Ewigkeit - dies ist das reine Gold, um deswillen wir in den Bergwerken des Dienstes Gottes graben. Es würde eine sehr schwierige Frage sein, zu entscheiden, auf wen dieser letzte Zusatz geht, ob auf den „Gott des Friedens“ oder auf „unsern Herrn Jesum,“ und deshalb, denke ich, es ist der sicherste Weg, sie beide zusammen zu nehmen, denn sie sind eins. „Welchem,“ das ist Gott; „Welchem,“ das ist dem Herrn Jesu „,sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.“ Laßt es so sein, es sollte so sein, es muß so sein, es kann nicht anders sein. Amen. Amen.

Verweilt noch eine Minute, während wir dem dreieinigen Gott die Ehre geben. O, ihr Herzen, die ihr Ihn liebt, rühmt Ihn zuerst als den Gott des Friedens, der Gedanken des Friedens hatte und Absichten des Friedens und einen Bund des Friedens um unsertwillen vollzog. Rühmet Ihn, der heute im Frieden ist mit all seinen Gläubigen. Er legt seinen Donner beiseite, Er hängt. seinen Bogen in den Wolken auf als das Zeichen seiner Liebe; Er legt Spieß und Schild hinweg; Er liebt, Er lächelt, Er spricht in Huld. Er ist der Gott des Friedens, naht euch Ihm mit heiliger Freude; betet Ihn an; rühmet seinen Namen immerdar.. Dann rühmt Ihn ferner, weil Er für uns einen Hirten gefunden hat. Wir waren wie die Schafe, die in der Irre gingen, und Er sandte seinen Sohn als unsern Hirten; Er nahm von seinem Busen seinen Ihm gleichen und ewigen Sohn und sandte Ihn hierher, uns aus der Wüste zu sammeln und uns vor den Wölfen zu retten. Ehre sei Dir, Du Hirte Israels, und Deinem Vater, der Dich zu diesem Zweck sandte.

Rühmt Ihn danach, um des Bundes willen. Was für eine Barmherzigkeit ist es, daß Gott in einen Bund mit den Menschen eintritt! Betet Ihn an wegen des Bundesblutes, daß Er seinen Eingeborenen in den Tod gab, um seinen Bund gewiß zu machen, damit der erkaufte, durch Blut erworbene Besitz niemals wieder einem von denjenigen genommen werden könnte, für die Er sein Leben dahin gegeben. Ehre sei dem Vater, dem Sohne und dem Heiligen Geiste. Preiset Ihn, preiset Ihn, preiset Ihn, ihr bluterkauften Menschen! Erhebet eure Herzen mit Dankbarkeit und Freude, und lobt den Herrn, der den sterbenden Hirten wiederum ausführte, daß Er lebe und herrsche für euch. Und dann betet Ihn an, weil Er die Macht, die Er auf Christum ausübte, jetzt auf euch ausübt. Ihr seid noch nicht vollkommen, aber in eurem Maße seid ihr doch tauglich zu jedem guten Werke. In vieler Weise macht euch der Herr zum Dienste tüchtig. In einigen von euch wirkt Er, zu tun, und in andren, zu leiden nach dem Wohlgefallen seines Willens. Lobt Ihn für jede empfangene Gnade, für Glauben, wie klein er auch sei, für Liebe, auch wenn sie nicht brennt, wie ihr es wünschtet; lobt Ihn für jede besiegte Sünde, lobt Ihn für jede eingepflanzte Gnade, lobt Ihn immerdar. Lobt Ihn, daß Er mit euch durch Jesum Christum verhandelt. Durch den Mittler ist alles Gute zu uns gekommen, und durch den Mittler wird es immer noch kommen bis zu dem Tage, wenn Er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, auf daß Gott sei alles in allem. Inzwischen wollen wir den Mittler loben, und den Vater und den tröstenden Geist erheben. Schon jetzt vereinen wir uns mit Cherubim und Seraphim und beten Ihn an, dem alle Anbetung gebührt. 

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