Spurgeon, Charles Haddon - Der göttliche Ruf an Missionare

„Und ich hörte die Stimme des Herrn, daß Er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich.“
Jes. 6,8

Brüder, die Heiden sterben dahin, und es ist nur ein Weg des Heils für sie, denn es ist nur ein Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem sie sollen selig werden. Gott in der herrlichen Einheit seiner göttlichen Natur ruft nach Boten, die den Menschen den Weg des Lebens verkünden. Aus der dichten Finsternis heraus kann mein Ohr jenen geheimnisvollen und göttlichen Ton hören: „Wen soll ich senden?“ Wenn ihr nur mit dem Glaubensohr horchen wollt, so könnt ihr es in diesem Hause heute hören: „Wen soll ich senden?“ Weil die Welt unter dem Fluche der Sünde liegt, so sucht der lebendige Gott, der nicht will, daß jemand verloren gehe, sondern daß er Buße tue, nach Herolden, die seine Gnade verkünden; Er fragt sogar im bittenden Ton nach solchen, die ausgehen wollen zu den sterbenden Millionen und die wunderbare Geschichte von seiner Liebe erzählen. „Wen soll ich senden?“ Wie um die Stimme mächtiger durch ein dreifaches Aussprechen zu machen, hören wir die heilige Dreieinigkeit fragen: „Wer will unser Bote sein?“ Der Vater fragt: „Wer will mein Bote sein und meine weit entfernten Kinder auffordern, zurückzukehren?“ Der Sohn fragt: „Wer will für mich meine erlösten, aber verirrten Schafe suchen?“ Der Heilige Geist fragt: „In wem soll ich wohnen, und durch wen soll ich sprechen, um den Massen, die ins Verderben gehen, Leben zu bringen?“ Gott in der Einheit seiner Natur ruft aus: „Wen soll ich senden?“ und in der Dreieinigkeit seiner Personen fragt Er: „Wer will unser Bote sein?“ Glücklich werden wir heute sein, wenn ernste Antworten in diesem Hause gehört werden. „Hier bin ich, sende mich.“ Es ist auf jeden Fall unsre Aufgabe, euch die Sache im höchsten Ernste vorzulegen, Brüder in Christo, und während wir versuchen, die Sache Jehovahs zu führen, vertrauen wir, daß der Heilige Geist hier sein wird, und von dem einen und andern, uns ganz Unbekannten, sprechen wird: „Sondert mir aus Barnabas und Saulus zu dem Werk, dazu ich sie berufen habe.“ Ja, möge die zwingende Stimme des besonderen Gnadenrufes zu dem Ohr einiger hier Anwesenden kommen, die wie der junge Samuel antworten und sprechen: „Hier bin ich, denn Du hast mich gerufen.“

Zuerst wollen wir heute morgen betrachten das Gesicht der Herrlichkeit, mit bezug auf das Anerbieten zum Dienste, das der Prophet machte: das Gesicht, das er sah; und zweitens das Gesicht der Ordination, welches er mehr als sah, denn seine Lippen wurden berührt; drittens wollen wir von der göttlichen Stimme sprechen; und schließen, indem wir bei der ersten Antwort verweilen.

I.

Ehrfurchtsvoll und mit ganzer Aufmerksamkeit unsres Herzens laßt uns schauen auf das Gesicht der Herrlichkeit, das Jesajas sah. Es war notwendig für ihn, es zu sehen, um in den Zustand des Herzens gebracht zu werden, in welchem er die völlige Hingabe erreichte, die sich ausdrückt in dem „Hier bin ich, sende mich.“ Bemerkt, was er sah. Er sah zuerst die erhabene Herrlichkeit Gottes. „Ich sah,“ spricht er „,Adonai sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl und sein Saum füllte den Tempel.“ War es Jesus, den er sah? War dies eins der Vorbilder seiner künftigen Menschwerdung? Wahrscheinlich so, denn Johannes schreibt (12, 41): „Solches sagte Jesajas, da er seine Herrlichkeit sah und redete von Ihm,“ was auf den Herrn Jesum geht. Wir wollen indes nicht auf dieser Deutung bestehen, denn das Wort Adonai schließt ohne Zweifel zuzeiten die ganze Gottheit ein, und deshalb kann das Gesicht den Herrn selber in sichtbarer Gestalt geoffenbart haben. Sein Wesen an sich, das kann vom Auge nicht geschaut werden, aber Er läßt sich zu einer Erscheinung herab, und erscheint den Menschen in einer Gestalt, die ihren Sinnen wahrnehmbar ist. Nun, Brüder, wir kennen nichts, das einen bessern Beweggrund für Missionswerk oder für christliche Arbeit irgend einer Art geben wird, als ein Anblick der göttlichen Herrlichkeit. Dies ist eine der stärksten Triebfedern, die eine Seele fühlen kann. Schaut ihr, die ihr an das göttliche Wort glaubt, bis auf diesen Tag ist Gott der Herr, Jehovah, nicht entthront, sondern sitzt auf dem Throne seiner Herrlichkeit. Einige kennen Ihn nicht, und andre verleugnen Ihn und lästern Ihn, aber Er ist immer noch der hochgelobte Gott in Ewigkeit.

Seht die Geduld seiner unendlichen Majestät, - Er sitzt in ruhiger Herrlichkeit auf seinem ewigen Throne. Die Völker toben und erfinden eitle Dinge „,aber der im Himmel wohnt, lacht ihrer und der Herr spottet ihrer.“ Seine Zwecke werden noch immer erfüllt und seine Seele bleibt in seliger Ruhe; Er ist Derselbe und seine Jahre nehmen kein Ende. Er sitzt als König, beachtet das, auf einem Throne; Er gibt nie seine Herrschaft und Gewalt auf. Alle Dinge fühlen noch die Allmacht der Regierung Gottes. „Der Herr hat seinen Stuhl im Himmel bereitet und sein Reich herrscht über alles.“ Die Empörungen der Menschen, können sie je seine feste Herrschaft erschüttern? Nein, sondern aus ihrem wildesten Aufruhr heraus bildet Er Ordnung, und durch ihren heftigsten Widerstand wirkt Er für seine eignen Ziele. Trotz all diesem regiert der Herr; des freue sich das Erdreich und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer ist. Dennoch, ungeachtet alles Krieges, Tumults und aller Bosheit der Menschen in den finsteren Örtern der Erde, und der abscheulichen Lästerungen der Heiden gegen den Allerhöchsten, sitzt der Herr auf einem Throne, der nie erschüttert werden kann.

Auch ist es kein geringer Thron oder einer von wenig Würde; er ist „hoch und erhaben.“ Er ist nicht nur über allen andern Thronen wegen seiner größeren Macht, sondern auch über ihnen allen wegen der höchsten Herrschaft über sie, denn Er ist der König der Könige und der Herr der Herren. Ich wünsche, lieben Brüder, wir könnten einen Blick haben auf die Herrlichkeit und Macht und Herrschaft, die dem Höchsten gehören, denn wenn wir ihn hätten, obgleich er uns gewiß in den Staub demütigen würde, so würde es uns doch mit heiligem Zorn gegen die anfeuern, die andre Götter aufsetzen; es würde uns mit geweihtem Mut füllen, alles gegen diese blinden und tauben und stummen Gottheiten zu tun und zu wagen, für die es fast zu große Ehre ist, wenn man Verachtung auf sie ausschüttet; und er würde uns Zuversicht fühlen lassen auf den endlichen Sieg der Sache und des Reiches des lebendigen Gottes. Da Er sogar jetzt, wo Er seine Hand noch zurückhält, auf einem hohen und erhabenen Throne sitzt, und selbst jetzt der Herrscher der Völker ist, so wird sicher der Tag kommen, wo alle Völker seinen Thron sehen und sich davor beugen werden und Gott als der Herr über alles gesehen werden wird. Der Gott, dem wir dienen, ist imstande, seiner eignen Sache den Sieg zu verleihen. Hier ist ein Antrieb für uns alle, zu streiten für seine Sache und Krone. Wenn ihr den Text nehmen wollt in Beziehung auf den Herrn Jesum Christum, was für eine Wonne ist es für uns, zu denken, daß für Ihn keine Dornenkrone mehr da ist, kein grausamer Speer und verächtlicher Speichel, sondern daß Er, der sein Haupt im Tode neigte, die Toten verlassen hat, um nicht mehr zu sterben, und hinaufgefahren ist zur Rechten Gottes, des Vaters; und daß Gott Ihn so hoch erhöht hat, daß Er nun auf einem hohen und erhabenen Throne sitzt. Dies ist in der Tat der Ursprung unsres Auftrages: „Geht hin und lehrt alle Völker und tauft sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Weil Ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist, deshalb sollen wir ausgehen und die Völker unter seine Füße bringen. O, wann wird sein Volk völlig an die Herrlichkeit seines Herrn glauben und sich darin freuen, so daß seine Macht es füllt, wie sein Saum vormals den Tempel füllte. Wenn wir nicht seine größten Herrlichkeiten sehen können, so beten wir doch, daß seine Gegenwart durch den Heiligen Geist wie der Weihrauch und die glänzenden Säume seiner Gewänder unter uns bekannt sein mögen und uns mit Anbetung erfüllen. Bebten die Pfosten der Tür in der erhabenen Gegenwart? Laßt unsre Herzen auch beben, wenn wir in demütiger Anbetung vor Ihm uns beugen, der unser Herr und Christ ist. Aber Jesajas sah auch den Hof des großen Königs; er sah die herrlichen Diener, welche beständig Ihm Ehrfurcht erwiesen, am nächsten seinem Throne. Er sagt: „Seraphim standen über Ihm,“ er deutet nicht an, daß ihre Füße auf der Erde ruhten oder auf irgend einer andern festen Substanz, sondern, daß sie um und über dem großen König ihren bleibenden Aufenthalt hatten, in einem Kreise mitten in der Luft stehend, wie ein Regenbogen um den Thron, oder wie eine Leibwache den Thron der Majestät umgebend. Da waren sie, seines Winkes harrend, bereit, jede Botschaft auszurichten, und beteten an, während sie warteten. Diese Seraphim mögen uns ein Muster für christlichen Dienst sein; wie der Thron Gottes der Antrieb für diesen Dienst wird, so laßt diese uns als Muster dienen. Sie weilen in der Nähe des Herrn, Er ist ihr Mittelpunkt und ihre Seligkeit, ebenso sollte Er beides für uns sein. Aber ich bemerke besonders, daß sie Brennende waren, denn das ist die Bedeutung des Wortes Seraphim, ein Ausdruck, mit dem im Hebräischen die feurigen, fliegenden Schlangen der Wüste bezeichnet werden. Die Hofbeamten des großen Königs waren feurige Wesen, glühend von Wärme; ganz flammend und leuchtend verehren sie Ihn, der „seine Engel Geister macht und seine Diener Feuerflammen.“ Jehovah, der ein verzehrendes Feuer ist, können nur solche angemessen dienen, die voll Feuer sind, seien sie Engel oder Menschen. Daher jene feierliche Frage: „Wer ist unter uns, der bei einem verzehrenden Feuer wohnen möge? Wer ist unter uns, der bei der ewigen Glut wohne?“ (Jes. 33, 14.) Niemand kann dies, als der, welcher von der göttlichen Liebe entflammt ist. In der Gegenwart jenes verzehrenden Feuers ist es für die Lauheit oder Gleichgültigkeit nicht möglich zu existieren, sie würden ganz verbrannt. werden. Als Hofbeamter vor dem brennenden Thron Gottes zu handeln, das erfordert einen seraphischen oder brennenden Geist, und wenn wir schläfrig und seelenlos werden, so werden wir's nicht wert sein, mit göttlichen Botschaften betraut zu werden. Weit entfernt laßt denn alle Kälte der Liebe und allen Schlummer des Geistes von euch sein. Möge der Herr uns, wie Johannes den Täufer, zu brennenden und scheinenden Lichtern machen.

Diese Hofbeamten Gottes waren Brennende und sie werden uns auch dargestellt, denn, erinnert euch, sie sind nur Abbilder von unsichtbaren Dingen und nur in einem Gesicht gesehen, mit sechs Flügeln. So sind seine Diener, voll Bewegung, voll Leben. Ich kenne einige, die behaupten, dem Herrn zu dienen, aber gar keine Flügel zu haben scheinen, sondern tölpelhaft und untätig sind, mehr dem Faultier gleichen, als dem Seraph, und mehr Schwere als Schnelligkeit haben. Die, welche in seine Nähe kommen, sollten ganz Bewegung sein, rasch, tätig, willig, wach, tatkräftig, bereit, zum Werk des Herrn zu fliegen mit mächtiger Schnelligkeit, mit einem Wort, sechsfach sollten ihre Flügel sein, daß sie nicht matt noch müde werden und nicht zögern und zaudern auf dem Wege. Haben wir solche Bereitwilligkeit?

Diese herrlichen Geister, mit ihrem Leben und ihrer Bewegung, brauchen ihre Kräfte mit Weisheit und Umsicht. Sie brauchen nicht alle ihre Flügel zum Fliegen, sondern mit zweien deckten sie ihr Antlitz, denn selbst sie können nicht auf den blendenden Glanz von Jehovahs Thron schauen, und deshalb beten sie in demütiger Scham der Ehrfurcht mit verschleiertem Antlitz an! „Mit zweien deckten sie ihre Füße,“ oder ihren Körper, oder ihre unteren Teile, denn der Seraph gedenkt daran, daß er, obgleich sündlos, doch ein Geschöpf ist, und deshalb verbirgt er sich als ein Zeichen seines Nichts und seiner Unwürdigkeit in der Gegenwart des dreimal Heiligen. Das mittlere Flügelpaar wurde zum Flug benutzt, denn bloße Schamhaftigkeit und Demut kann nicht vollständige Anbetung beweisen, es muß tätiger Gehorsam und Bereitschaft des Herzens zum Dienste da sein. So haben sie vier Flügel zur Anbetung und zwei für tätige Energie; vier, um sich zu verbergen und zwei, womit sie sich im Dienste beschäftigen; und wir können von ihnen lernen, daß wir Gott am besten dienen werden, wenn wir am ehrfurchtsvollsten und demütigsten in seiner Gegenwart sind. Verehrung muß in größerem Verhältnis da sein als Stärke; Anbetung muß die Tätigkeit übertreffen. Wie Maria zu Jesu Füßen den Vorzug hatte vor Martha und ihrem vielen Dienst, so. muß heilige Ehrfurcht den ersten Platz einnehmen und energischer Dienst zu seiner Zeit folgen. Die Engel richten seine Befehle aus, horchen auf die Stimme seines Wortes, und sind deshalb trefflich. Unsre Trefflichkeit muß derselben Art sein: die Einheit von Verehren und Wirken in gehörigem Verhältnis. Das Bedecken des Antlitzes ist so nötig, wie das Fliegen; der Brennende ist ebenso seraphisch in dem Verschleiern seiner Füße, als in dem Entfalten seiner Flügel. Laßt uns den Herrn bitten, uns mit der göttlichen Begeisterung zu füllen, die das Werk des Heiligen Geistes ist, und uns so zu Brennenden zu machen; und dann, wenn Er uns mit heiliger Tatkraft beflügelt hat, möge Er uns demütig im Geiste machen, alle eitle Neugier von uns hinwegnehmen, so daß wir nicht versuchen, mit unbedecktem Auge auf den großen Unbegreiflichen zu schauen, und uns von aller unheiligen Vermessenheit befreien, so daß wir keine stolze Prahlerei haben, sondern unsre Füße in der feierlichen Gegenwart des Heiligen bedecken. Laßt uns Gott bitten, uns zu jedem guten Wort und Werk fertig zu machen, schnell überall hinzugehen, wohin Er uns ruft, sozusagen, sechsfach geflügelt im Dienste unsres Gottes zu sein.

Wiederum ein andrer Teil in dem Gesicht des Jesajas im Tempel war der beständige Gesang, denn diese heiligen Wesen riefen immerwährend: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll.“ Brüder und Schwestern, laßt diesen Ruf bei jedem von uns das Lied seines Lebens sein. Betet den heiligen Gott an, der die Vollkommenheit selber ist. Was immer Er mit euch tut, lobt Ihn und nennt Ihn heilig. Tadelt nicht seine Schickungen; wagt niemals zu murren über einen seiner Wege. Heilig, heilig, heilig ist Er in allen Dingen. In der Schöpfung, Vorsehung und Erlösung ist Er heilig, heilig, heilig. Preist Ihn mit Wärme; seid nicht zufrieden, Ihn einmal heilig zu nennen, sondern verweilt bei diesem Thema. Erhebt den Herrn mit all eurer Macht; stimmt wieder und wieder und wieder den heiligen Gesang an. Betet nicht allein den Vater an, sondern auch den Sohn und den hochgelobten Geist: laßt die Dreieinigkeit in der Einheit den Gegenstand eurer immerwährenden Anbetung sein.

„Lobe den Herren. den mächtigen König der Ehren!
Stimme du, Seele, mit ein zu den himmlischen Chören!
Kommet zuhauf;
Psalter und Harfe, wacht auf,
Lasset den Lobgesang hören.“.

Wenn ihr seine Heiligkeit lobt, so vergeßt nicht seine Macht, sondern betet Ihn an als „Jehovah Zebaoth.“ Er ist ebenso groß als gut, ebenso hoch als heilig, ebenso mächtig als mild. Er erschuf die Himmel und die Erde und ihr ganzes Heer. Legionen Engel vollziehen sein Geheiß; Heere von Geistern warten auf seinen Ruf; alle Kräfte der Natur, lebendige und leblose, regen sich auf seinen Befehl; von dem Rollen des Donners bis zum Fluge eines Insektes sind alle Dinge seines Winkes gewärtig. Heere von Vögeln ziehen nach seiner Anordnung, Heere von Fischen erfüllen das Meer auf seinen Ruf; Heere von Heuschrecken und Raupen verwüsten die Felder auf sein Gebot. Seine Armeen sind unzählbar, und alle lebenden Wesen in ihren Reihen sind ein Teil seines Lagers, das sehr groß ist. Die Menschen auch, ob sie wollen oder nicht, sind seiner Oberherrschaft unterworfen; ihre Armeen und ihre Flotten vollziehen seine Ratschlüsse, selbst wenn sie nicht an Ihn denken. Er ist der Herr über alles. Freut euch hierin und laßt eure Herzen voll Mutes sein. Und dann verweilt, damit ihr einen Missionsdrang fühlen mögt, bei jenem letzten Teil des Gesanges: „Alle Lande sind seiner Ehre voll.“ „Die ganze Erde ist erfüllt mit seiner Ehre“ (engl. Übers.), denn in einem Sinne ist es wirklich so. „Jehovah Zebaoth ist die Fülle der ganzen Erde.“ Gott ist glorreich in der ganzen Welt: Himmel und Erde sind voll der Majestät seiner Ehre, jedes Ding betet Ihn an, ausgenommen das verirrte und eigensinnige Geschöpf, der Mensch wandelt diese Beschreibung in einen Wunsch um, denn sie kann so gelesen werden: „Laßt die ganze Erde erfüllt werden mit seiner Ehre.“ Lest es, wenn ihr wollt, als eine Weissagung: „Die ganze Erde soll mit seiner Ehre gefüllt werden,“ und dann geht aus, ihr Diener des Höchsten, mit diesem Entschluß, daß ihr in seiner Hand das Mittel sein wollt, diese Weissagung zu erfüllen, indem ihr die Kenntnis seines Namens unter den Menschenkindern ausbreitet. Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, und Er muß über sie herrschen. Wollt ihr der neuen Lehre euch unterwerfen, daß die Welt niemals zu Gott bekehrt werden wird? Soll die Menschengeschichte mit dem Triumph des Teufels über die Gemeinde Gottes enden? Ist der Herr im Begriff, den gegenwärtigen Kampf des Guten und Bösen mit schwachen Menschen als Werkzeugen aufzugeben und sollen die Bedingungen des Streites ganz verändert werden? Soll der Heilige Geist sein Ziel verfehlen, bis ein irdisches Königreich für den Herrn Jesum errichtet ist? Soll das Evangelium niemals sich unter den Heiden ausbreiten? Soll Christus auf. eine unerleuchtete heidnische Welt herabkommen, wo Mohammed, der falsche Prophet, noch unbesiegt ist und die römische Hure noch auf ihren sieben Hügeln sitzt und alle Götzen an ihrem Ort? Soll der Kampf, welcher jetzt Gott Ehre bringt durch die Schwäche der Menschen, auf andre Weise ausgefochten werden? Ihr mögt es glauben, wenn ihr wollt, und in das Bett eurer unrühmlichen Trägheit euch legen; aber mich dünkt, es gibt etwas, das mehr des Glaubens wert ist, als dies, nämlich, daß Gott auf der ganzen Linie siegreich sein wird in der gegenwärtigen Schlacht und in der gegenwärtigen Kampfesart. Durch seine Gemeinde, sein Wort und seinen Geist beabsichtigt Er, den Sieg zu gewinnen; durch das Zeugnis schwacher, geringer Menschen von dem Evangelium seiner Gnade beabsichtigt Er, die Mächte der Finsternis zu überwinden. Mann gegen Mann hat Er gefochten mit dem Satan, seit unser Herr zum Himmel auffuhr, beinahe diese 2000 Jahre, und Er. will nicht dieses Ringen enden, bis Er seinen Feind gestürzt und das Siegesgeschrei von einer erlösten Erde aufsteigen wird: „Halleluja! Halleluja! denn Gott, der allmächtige Herr, regiert.“ Unsre Gebete werden nie beendet sein, bis wir den Wunsch des Psalmisten erfüllt sehen, wenn er sprach: „Alle Lande müssen seiner Ehre voll werden. Amen. Amen. Ein Ende haben die Gebete Davids, des Sohnes Isais. Amen.“ Wir streben und arbeiten für diesen Ausgang und wir glauben, daß wir ihn verwirklicht sehen werden, obgleich es höchst unwahrscheinlich aussieht, besonders gerade jetzt, wo die Heiden unsre Missionare bekehren, anstatt unsre Missionare die Heiden, wo wir Bischöfe in Zulus verwandelt sehen, anstatt Zulus in Christen, und mehrere andre Beispiele, die weniger bekannt und berüchtigt sind. Wir glauben an die Eroberung der Welt, weil wir an die Allmacht Gottes glauben. Nichts Geringeres als „Herrschaft von Meer zu Meer“ dürfen wir im Gebet bitten oder im Dienst suchen für unsern Herrn Jesum. Die Götzen müssen abgeschafft werden, Irrtum und Sünde müssen fliehen vor dem Licht der Wahrheit und Heiligkeit, die Enden der Erde müssen noch das Heil unsres Gottes sehen und die ganze Erde muß seiner Ehre voll werden…

II.

Laßt uns nun unsre Gedanken auf das Gesicht der Ordination wenden. Dieser Mann Jesajas sollte in Jehovahs Namen ausgehen, aber zur Vorbereitung für eine so hohe Sendung mußte er sich einem eigentümlichen, aber notwendigen Verfahren unterwerfen. Er wurde in einen Zustand versetzt, der ihn nach menschlichem Urteil für künftige Wirksamkeit ganz untüchtig machen mußte, der allen Mut aus ihm heraus preßte und ihn wie ein zerstoßenes Rohr ließ.. Das herrliche Gesicht, das er sah, nahm ihm alle Kraft; er war so tief daniedergeworfen, als er nur konnte, durch ein Gefühl seiner eigenen Unwürdigkeit und fühlte sich weniger als nichts. In der Gegenwart Gottes rief er: „Wehe mir, ich vergehe, denn ich bin unreiner Lippen.“ „Ach, ach, ach,“ sagte er „,Wehe ist über meine Seele gekommen, ich bin dadurch vernichtet.“ Ja, lieber Bruder, und dies ist unser Weg zum Erfolg; Gott will niemals irgend etwas mit uns tun, ehe Er uns zuerst vernichtet hat. Wir müssen zuerst in Stücke zerlegt und einem Verfahren unterworfen werden, das sehr der Zerstörung gleicht, und dann sollen wir neugebildet werden nach einer edleren Form, die mehr für den Gebrauch unseres großen Herrn paßt. Es wird mir nicht leid tun, wenn jeder Bruder, der hier zum Werk des Herrn berufen ist, fühlt, als wenn er nicht damit fortfahren könnte und täglich seine Unfähigkeit, seine Unwürdigkeit und Mängel betrauert; denn es ist gut für uns, in den Staub gelegt zu werden. Hinunter ins Zerbrochen-, Zertreten-, Zermalmt-, Zu-Staub-Werden müssen wir gehen, denn dies ist der Weg, um stark in dem Herrn zu werden, und in der Kraft seiner Macht. Der Tod des Selbst ist das Leben der Gnade. Wenn wir schwach sind, dann sind wir stark. Wir können zur Fähigkeit für die höchsten Aufträge nur gelangen, indem wir von aller Selbstgenügsamkeit leer werden und mit dem allgenugsamen Geist gefüllt.

Bemerkt danach, daß er ein Sündenbekenntnis ablegte, während er so niedergebeugt war. Er sagte: „Ich bin unreiner Lippen.“ Warum beklagt er die Unbeschnittenheit seiner Lippen mehr als das Böse seines Herzens? Es war zum Teil, weil er sich sehnte, in den Gesang der Seraphim einzustimmen, aber seine Lippen untüchtig. fühlte; und noch mehr, weil er ein Prophet war, und deshalb seine Lippen das Werkzeug seines Amtes waren und er sich am meisten der Sünde bewußt war, wo er sich. am meisten der Gnade bedürftig fühlte. Ich weiß nicht, daß Jesajas jemals einen Teil der Wahrheit zurückgehalten hatte, oder daß er in ungeziemendem Tone gesprochen, oder daß er in seinem Prophetenwerk irgendwie untreu gewesen, aber er fühlte seine. Mängel. Es war nichts an ihm, das ihr und ich hätten tadeln können, aber er sah es und fühlte es, und welchen Prediger gibt es, den Gott wirklich gesandt hat, der nicht, wenn er sein Amt überschaut, fühlt, daß er unreiner Lippen ist? Oft und oft spricht unsre Seele: „O, daß diese Lippen eine Sprache hätten, sie sind armselige, stumme Dinger, die nicht recht sprechen. O, daß sie Flamme anstatt Fleisch wären, daß wir einen brennenden Strom von Überredung, Flehen und Bitten ausströmten, der die Massen ergriffe, wie ein Feuer die dürren Stoppeln.“ Aber es ist nicht so mit uns;. wir sind oft kalt und leblos, und deshalb gezwungen, zu trauern, daß wir unreine Lippen haben. Wer, der jemals die Herrlichkeit Gottes sah oder die Liebe Christi, würde sich weigern, in dies Bekenntnis einzustimmen.

Und dann, dieser Mann Gottes hatte ein tiefes Gefühl der Sünde des Volkes, unter dem er wohnte. Er rief: „Ich wohne unter einem Volke unreiner Lippen.“ Ich glaube nicht, daß ein Mann ein guter Missionar sein kann, wenn er Nachsicht mit der Sünde hat, die ihn umgibt. Wenn sie nicht stinkt in seiner Nase, wenn sie nicht seine Seele vor heiligem Unwillen sieden macht, wenn nicht sein Geist, wie der des Paulus, in ihm ergrimmt, wie kann er sprechen so, wie er die Botschaft seines Gottes sprechen sollte? Vertrautheit mit Bösem nimmt zu oft die Scheide des zarten Gefühls hinweg; die Menschen hören leicht auf, über die Sünde zu weinen, die immer vor ihren Augen ist. Ihr könnt auf den Aberglauben Roms blicken, bis ihr beinahe das stattliche Gepränge bewundert, und ich vermute, ihr könnt heidnische Tempel betrachten, bis die Majestät ihres Baues euch die Schändlichkeit ihres Zweckes vergessen läßt; aber es darf nicht so sein; wir müssen fühlen, daß wir unter einem Volke unreiner Lippen wohnen, und wir müssen ihre Sünde auf unserm Herzen tragen, Buße für sie tuend, wenn sie nicht Buße tun, und unsre Herzen müssen brechen, weil ihre Herzen so hart wie Demant gegen ihren Gott sind. Nur in solcher Herzensstimmung werden wir geeignet sein, in Gottes Namen auszugehen.

Und bemerkt ihr, daß eine heilige Ehrfurcht über ihn kam in der göttlichen Gegenwart? Ihr seht, wie niedergebeugt er war, weil seine Augen den König, den Herrn Zebaoth, gesehen. O, begnadigter Diener Gottes! Jesajas, du bist geehrt weit über deine Mitknechte, Gottes Thron und Ehre zu sehen! Was hätten ihr und ich nicht gegeben, wenn wir nur hätten in dem Tempel stehen können und durch die Tür geblickt und in den Rauch geschaut und einigen Schimmer von dem Glanze gesehen; aber er erhob sich deshalb nicht, im Gegenteil, er rief: „Wehe mir!“ Da ist kein Gedanke an die Würde, die dieser wunderbare Anblick ihm gegeben, sondern tief im Staube ruft er: „Ich vergehe, denn ich habe den König, den Herrn Zebaoth, gesehen.“ Nun, dieses ehrfurchtsvolle Gefühl der göttlichen Gegenwart ist notwendig, damit ein Mensch dem Herrn angemessen und annehmbar diene. Vergiß, daß Gott rund um dich her ist, vergiß, daß du in seiner Gegenwart lebst und sein Diener bist, lebe fern von Ihm, und du kannst sorglos sein, du kannst deinen Eifer zurückhalten und dein Gewissen mag ruhig sein; aber laßt einen Menschen nur fühlen, daß Gott ihn sieht, und wissen, daß er unter seiner unmittelbaren Leitung ist, und er wird sogleich erweckt werden, den Willen des Herrn auf Erden zu tun, nach der Art, wie er im Himmel getan wird. Er wird alle seine Kräfte anstrengen, weil wir Gott nach bestem Vermögen dienen sollten; aber in dem Bewußtsein, daß, wenn er sein Bestes getan, er doch des Ruhms ermangelt, den er vor Gott haben soll, wird er sehr demütig sein, wie diejenigen sein sollten, die in solcher Gegenwart sind. O, Herr Jesus, gib uns durch Deinen Heiligen Geist ein überwältigendes Gefühl von Deiner Gegenwart jetzt. Wenn Du dies tun willst, so werden wir ein Tabernakel voll Anbetender erst und dann Arbeiter haben, und werden Dich fröhlich verehren und für Dich wirken. In diesem zweiten Teil des Gesichtes ist das Bemerkenswerteste die Art, in welcher Gott die Schwachheit seines Knechtes hinwegnahm. Seine unreinen Lippen waren ein großes Hindernis; wo er am meisten der Kraft bedurfte, da fühlte er am meisten seine Schwäche, und deshalb kam ein Seraph mit der goldenen Zange und nahm eine glühende Kohle von dem Altar und berührte seine Lippen damit. Was bedeutet dies? Wir haben die Erklärung: „Daß deine Missetat von dir genommen und deine Sünde versöhnt sei.“ Gemeinschaft mit dem großen Opfer, Auflegen einer der Kohlen, die Jesum verzehrten, ist der Weg, unsre Lippen zum Predigen bereit zu machen. Ich glaube, daß die glühende Kohle die Herzen der meisten meiner lieben Zuhörer berührt hat, so daß diese damit gereinigt sind, denn wir glauben an Ihn, der für uns starb und ruhen in seinem großen Opfer. Aber um zum Dienst bereit zu sein, muß dies Wort uns wiederum berühren, bis wir das Feuer fühlen. Wir bedürfen der Gemeinschaft mit den Schmerzen und Leiden Christi; wir müssen fühlen, als wenn auch wir für andre verzehrt werden möchten, wie Christus es für uns wurde. Die selbstlose Liebe, die Ihn sterben ließ, muß kommen und uns beeinflussen, daß wir willig gemacht werden, für andre zu sterben. Das ist's gerade, was uns not tut. Freutet ihr euch nicht neulich über eure Mitmenschen, als ihr von den armen Leuten in den Kohlengruben laset und ihren tapferen Befreiern? Man freut sich, daß sich solcher Heldenmut in der Menschheit findet.

„Wir können nicht mehr tun,“ sagten einige „,es bedeutet den Tod, wieder in die Grube hinab zu gehen; wir können die Armen nicht retten, und es ist unnütz, das Leben umsonst hinzugeben.“ Die mutigen Männer, die da in dem Innern der Erde gearbeitet hatten, und sich nun einem beinahe gewissen Tode gegenüber fanden, hätten wohl zurücktreten können; aber nicht so die kühnen Walliser. Der eine sprach: „Wenn es Tod ist, hinzugehen und sie zu retten, so will ich gehen, Tod oder nicht,“ und darauf traten andre vor, und sagten, sie wollten auch gehen. Wäre ich dabei gestanden, so hätte ich mich bereit gefühlt zu weinen, denn, unerfahren in der Bergmannskunst, wäre ich unfähig gewesen, ihnen beizustehen, aber mein herzlichstes Glückauf und meine heißesten Gebete hätten ihnen nicht gefehlt, noch irgend etwas andres, wozu ich imstande gewesen wäre. Gewiß, da Jesus Christus für uns gestorben ist, so sollten wir. etwas von demselben Eifer für die Errettung andrer vom ewigen Verderben fühlen. Eine Kohle von dem Altar, auf dem Er verzehrt war, muß auf uns gelegt werden, daß wir willig werden, jedes Opfer um seinetwillen und für die Seelen der Menschen zu bringen. Jenes Anrühren der Lippen war des Herrn Weg, den Propheten in Flammen zu setzen, als die Flamme nötig war. Er brauchte Lippen, versengt von den Schmerzen Christi und brennend vor Liebe zu den Seelen der Menschen, und ihm wurden solche Lippen von seinem Gott verliehen, und dann war er geeignet zu gehen und im Namen des Herrn zu predigen.

Hier ist die wahre Ordination für einen christlichen Arbeiter. Du selbst nichts, im Staube liegend mit dem Bekenntnis der Sünde; aber gereinigt durch das große Opfer auf Golgatha, und deine Zunge gezwungen, die Geschichte zu erzählen, weil du solche königliche Gnade empfunden hast, solche freie Gnade, solche unaussprechliche Gnade, daß, wenn du nicht davon zeugtest, die Steine auf der Gasse gegen dich schreien würden. Du hast dies zu deiner Bereitung nötig, und wenn du es hast, mein Bruder, so hast du deine Ordination von dem großen Hirten und Bischof unsrer Seelen und du brauchst keine andre.

III.

Wenn ein Mann zum heiligen Werk vorbereitet ist, so dauert es nicht lange, bis er einen Auftrag erhält. Wir wollen nun an den göttlichen Ruf denken. Ich fühle in meiner Seele, obgleich ich es nicht aussprechen kann, ein innerliches, trauerndes Mitgefühl mit Gott, daß Gott selber von seinem Throne zu rufen hat: „Wen soll ich senden?“ Ach, mein Gott, sind keine Freiwillige da für Deinen Dienst!. Was, alle diese Priester und Söhne Aarons, will keiner von diesen Deine Botschaft ausrichten? Und alle diese Leviten, will nicht einer von ihnen sich anbieten? Nein, nicht einer. Ach, es ist traurig, traurig über alle Begriffe, daß solche Mengen Männer und Frauen in der Gemeinde Gottes sind, die dennoch untüchtig scheinen, zu des Meisters Werk gesandt zu werden, oder wenigstens niemals sich anbieten, zu gehen und daß Er zu rufen hat: „Wen soll ich senden?“ Was, unter all diesen Erretteten keine willigen Boten an die Heiden! Wo sind seine Prediger? Will keiner von diesen übers Meer in die Heidenländer fahren? Hier sind Tausende von uns, die daheim arbeiten. Ist keiner von uns berufen, in die Fremde zu. gehen? Will niemand von uns das Evangelium in ferne Regionen bringen? Ist keiner von uns verpflichtet, zu gehen? Spricht die göttliche Stimme zu. den Tausenden unsrer Prediger und findet keine Antwort, so daß sie wiederum ruft: „Wen soll ich senden?“ Hier sind große Mengen solcher, die sich Christen nennen, die Geld verdienen, reich werden, das Fette essen, das Süße trinken, ist nicht einer da, um für Christum zu. gehen? Die Menschen reisen weit um des Handels willen, wollen sie nicht für Jesum gehen? Sie wagen selbst ihr Leben in dem ewigen Schnee, sind keine Helden da für das Kreuz? Hier und da bietet sich vielleicht ein junger Mann mit wenig Befähigung und gar keiner Erfahrung an, und mag oder mag nicht angenommen werden, aber kann es wahr sein, daß die Mehrzahl der gebildeten, intelligenten, christlichen jungen Männer lieber die Heiden verdammt sehen wollen, als die Schätze der Welt in andre Hände gehen lassen? Ach, aus dem einen oder andren Grunde will ich nicht nach den Ursachen fragen, Gott selber mag über seine Gemeinde blicken und, wenn Er keine Freiwilligen findet, den schmerzlichen Ruf tun: „Wen soll ich senden und wer will unser Bote sein?“.

Aber da waren diese sechsfach geflügelten Seraphim. Warum sandte der Herr sie nicht? Ach, Brüder, das hätte Er tun können, aber es ist nicht der Ordnung des Evangeliums gemäß, denn es gefällt Ihm, durch törichte Predigt diejenigen zu erretten, die glauben, und die Prediger müssen den übrigen Menschen gleich sein. Es ist eine große Herablassung von seiner Seite, daß Er Menschen erwählt hat und den Engeln hat Er nicht die zukünftige Welt untergeben, von der wir sprechen, sondern Er hat diese Ehre uns gegeben, und seinen Schatz in irdene Gefäße getan, daß der Ruhm der Macht ganz sein eigen sein möge. Wir sollten uns darüber freuen, aber es ist traurig, über alle Beschreibung traurig, daß aus den Myriaden williger Seraphim Gottes Ruf zu unwilligen Menschen kommt: „Wen soll ich senden und wer will unser Bote sein?“ Ich weise eure Aufmerksamkeit wieder auf die Tatsache, daß dies die Stimme des einen Gottes ist und auch die Frage der heiligen Dreieinigkeit: „Wen soll ich senden und wer will unser Bote sein?“ Der Vater, Sohn und Geist fragen uns so, soll die dreifache Stimme nicht beachtet werden? Bemerkt die besondere Art von Menschen, welche die Stimme sucht. Es ist ein Mann, der gesandt werden muß, ein Mann unter Antrieb, ein Mann unter Autorität - „Wen soll ich senden?“ Aber es ist ein Mann, der ganz willig ist, zu gehen, ein Freiwilliger, einer, der in seinem innersten Herzen sich freut, zu gehorchen - „Wer will unser Bote sein?“ Was für eine sonderbare Mischung ist dies! „Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht predigte,“ und doch „weidet die Herde Christi, nicht gezwungen, sondern freiwillige.“ Unwiderstehlicher Antrieb und freudige Wahl, allmächtiger Zwang und fröhlicher Eifer geheimnisvoll verbunden! Wir müssen eine Mischung von diesen beiden haben. Ich weiß nicht, wie ich dies wunderbare Gefühl von Freiwilligkeit und überwältigendem Antrieb, von Notwendigkeit und Freiheit in Worten sagen kann, aber unsre Erfahrung versteht, was unsre Sprache nicht auszudrücken vermag. Wir sind willig, und doch ist eine Macht über uns; wir sind willig an dem Tage der Macht, kommen heraus so frei, wie die Tautropfen aus dem Schoße des Morgens, und doch ebenso wahrhaft das Erzeugnis der göttlichen Macht, wie sie es sind. So müssen Gottes Diener sein. Ich möchte wissen, wenn ich heute morgen das Wort Gottes erschallen und wieder erschallen lasse, ob es unter den Tausenden in diesem Hause und den Tausenden, die es vielleicht lesen werden, eine Antwort der Liebe in wenigstens einigen auserwählten Herzen finden wird. „Wen soll ich senden?“ - es ist Jehovahs Stimme. „Und wer will unser Bote sein?“ - es ist die Stimme des blutenden Lammes, es ist die Stimme des liebenden Vaters, es ist die Stimme des hochgelobten Sohnes. Springt keiner auf in diesem Augenblick und bietet sich freiwillig an? Muß ich vergeblich sprechen? Ach, das wäre ein Geringes - muß die Stimme vom Himmel vergeblich sein? Erwiderte der Knabe Samuel: „Hier bin ich, Du hast mich gerufen,“ und will. kein erwachsener Mann der Stimme des Ewigen antworten? Ich lege euch die Sache auf Herz und Gewissen.

IV.

Nun kommt der letzte Punkt, und der ist die ernste Antwort. Die Erwiderung des Jesajas war: „Hier bin ich, sende mich.“ Ich meine, ich sehe in dieser Antwort ein Bewußtsein davon, daß er in einer Stellung war, die kein andrer übernahm, so daß es ihm oblag, zu sagen: „Hier bin ich.“ Es war niemand anders im Tempel, niemand anders sah das Gesicht, und deshalb kam die Stimme des Herrn so persönlich und direkt zu ihm, als wenn kein andrer Mensch in der Welt gewesen wäre. „Hier bin ich.“ Nun, Brüder, wenn zu irgend einer Zeit es im Missionsfeld an Arbeitern fehlt (es ist traurig, daß es sich so verhält, aber es ist so), sollte nicht diese Tatsache jeden veranlassen, in sein Inneres zu sehen, und zu sagen: „Wo bin ich? Welche Stellung nehme ich zu diesem Werke Gottes ein? Mag ich nicht gerade dahin gestellt sein, wo ich bin, weil ich tun kann, was andre nicht können?“ Einige von euch jungen Männern insonderheit, ohne Familienbande, die euch in diesem Lande halten, ohne eine große Gemeinde um euch her, oder noch nicht hineingetaucht in das Meer des Geschäftes, ihr, sage ich, steht, wo in der Wärme eurer ersten Liebe ihr passend sagen könntet: „Hier bin ich.“ Und wenn Gott dir Reichtum verliehen, dir Talent gegeben, und dich in eine günstige Lage gestellt, so bist du der Mann, der sagen sollte: „Vielleicht bin ich in das Reich gekommen gerade für solche Zeit, wie diese ist; ich bin vielleicht absichtlich hingestellt, wo ich bin, damit ich der Sache Gottes wesentliche Hilfe leiste. Hier bin ich auf jeden Fall; ich fühle die Gegenwart des herrlichen Gottes, ich sehe den Saum seines Gewandes, wie Er sich mir offenbart, ich höre fast das Rauschen der Seraphsflügel, wenn ich wahrnehme, wie nahe der Himmel der Erde ist, und ich fühle in meiner Seele, daß ich mich Gott hingeben muß. Ich fühle in meinem tiefsten Herzen, welche Schuld ich gegen den Christ Gottes habe; ich sehe die Not der Heiden, ich liebe sie um Jesu willen; die feurige Kohle berührt meine Lippen eben jetzt: „Hier bin ich.“ Du hast mich hingestellt, wo bin ich; Herr, nimm mich, wie ich bin, und brauche mich, wie Du willst.“ Möge der göttliche Geist einige von euch, die meinen Herrn sehr lieb haben, beeinflussen, bis ihr alle dieses fühlt.

Dann bemerkt, daß er sich völlig übergibt. „Hier bin ich.“ Herr, ich bin, was ich bin, durch Deine Gnade, aber hier bin ich; bin ich ein Mann mit einem Talent? hier bin ich; bin ich ein Mann mit zehn? hier bin ich; stehe ich in jugendlicher Kraft? hier bin ich; wenn in reiferen Jahren? hier bin ich. Habe ich Vermögen? hier bin ich. Gebricht es mir an Fähigkeiten? Aber ich habe ja meinen Mund nicht selbst gemacht, und meine Schwachheiten nicht geschaffen; hier bin ich. Gerade wie ich bin, wie ich mich Deinem lieben Sohn hingab, um erlöst zu werden, so gebe ich mich wieder hin, um zu Deinem Ruhm gebraucht zu werden, weil ich erlöst bin und nicht mein eigen, sondern teuer erkauft. „Hier bin ich.“

Jesajas gab sich dem Herrn nicht weniger völlig hin, darum, weil seine Botschaft so sehr traurig war. Er sollte nicht Menschen gewinnen, sondern ihr Urteil besiegeln, indem er ihnen die Wahrheit vor Augen stellte, welche sie sicher verwerfen würden. Wir lesen: „Und Er sprach: gehe hin und sprich zu diesem Volk: Höret's und verstehet's nicht; sehet's und merket's nicht. Verstocke das Herz dieses Volkes und laß ihre Ohren dicke sein und blende ihre Augen, daß sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihrem Herzen, und sich bekehren und genesen.“ Gott sei Dank, unsre Aufgabe ist keine so schwere; der Geist Gottes ist mit uns, und Menschen bekehren sich von der Finsternis zum Lichte. Sollten wir nicht um so eifriger sein, zu gehen? Es ist ein Punkt von großem Gewicht, ein schlagender Beweisgrund. Weigert euch nicht, seine Macht zu fühlen, sondern gebt euch Gott hin, da Er euch zu dem fröhlichsten und gesegnetesten Werke beruft, welches Er euch nur anvertrauen konnte.

Damit kommt Jesajas Gebet um Vollmacht und Salbung. Wenn wir diese Stelle richtig lesen, werden wir nicht immer den Nachdruck auf das letzte Wort legen „mich,“ sondern es so lesen: „Hier bin ich, sende mich.“ Er ist willig, zu gehen, aber er will nicht gehen, ohne gesandt zu sein, deshalb ist das Gebet: „Herr, sende mich.“ Ich flehe Dich bei Deiner unendlichen Gnade, befähige mich, öffne mir die Tür und zeige mir den Weg. Ich habe nicht nötig, gezwungen zu werden, aber ich möchte beauftragt werden. Ich bitte nicht um Gewalt, aber um Leitung. Ich möchte nicht nach meinem eignen Kopfe handeln in der Meinung, Gott zu dienen. Sende mich denn, o Herr, wenn ich gehen darf; leite mich, unterrichte mich, bereite mich, und stärke mich.„ Es ist eine Verbindung von Freiwilligkeit und heiliger Klugheit. - „Hier bin ich; sende mich. Ich bin gewiß, daß einige von euch Verlangen tragen, für meinen Herrn und Meister zu gehen, wohin Er bestimmt. Bleibt nicht zurück, ich bitte euch. Bruder, mache keine Bedingungen mit Gott. Sprich: „Hier bin ich, sende mich - wohin Du willst, in die wildeste Gegend, ja, in den Rachen des Todes. Ich bin Dein Krieger; stelle mich ins Vordertreffen, wenn Du willst, oder heiße mich in den Laufgräben liegen; laß mich tapfer feuern an der Spitze meines Regiments oder laß mich still den Grund der feindlichen Festungen sappen und unterminieren. Brauche mich, wie Du willst; sende mich, und ich will gehen. Ich überlasse alles andre Dir; aber hier bin ich, Dein williger Knecht, Dir ganz geweiht.“ Das ist der rechte Missionsgeist, und möge es Gott gefallen, ihn auf euch alle auszugießen und auf sein Volk in der Welt. Mir scheint es, wenn Hundert aufsprängen und jeder ausriefe: „Hier bin ich, sende mich,“ es wäre kein Wunder. Bei der Liebe, den Wunden und dem Tode Christi, bei eurer eignen Seligkeit, bei eurer Schuld der Dankbarkeit gegen Jesum, bei dem furchtbaren Zustand der Heiden und bei jener schrecklichen Hölle, deren gähnender Schlund vor ihnen ist, solltet ihr nicht sprechen: „Hier bin ich, sende mich!“? Das Schiff ist gescheitert, die Matrosen ertrinken; sie klammern sich an das Takelwerk, so gut sie können; sie werden einer nach dem andern hinweggespült! Guter Gott, sie sterben vor unsern Augen, und doch ist da das Rettungsboot, stark und wohlgebaut. Wir brauchen Männer! Männer, um das Boot zu bemannen! Hier sind die Ruder, aber kein Arm, sie zu führen! Was ist zu tun? Hier ist das schöne Boot, imstande, von Welle zu Welle zu hüpfen, nur Männer fehlen! Sind keine da? Sind wir alle Memmen?

Ein Mann ist kostbarer als das Gold von Ophir. Nun, meine mutigen Brüder, wer will hineinspringen und ein Ruder nehmen aus Liebe zu Jesu und jenen sterbenden Menschen? Und ihr, mutige Frauen, ihr, die ihr Herzen habt, wie das der Grade Darling, wollt ihr nicht die Trägen beschämen und dem Sturm trotzen aus Liebe zu Seelen, die in Gefahr des Todes und der Hölle sind? Wägt meine Mahnung ernstlich und sogleich, denn es ist die Mahnung Gottes. Sitzt nieder und horcht auf jene schmerzliche und doch majestätische Frage: „Wen soll ich senden, und wer will unser Bote sein?“ und dann antwortet: „Bereit, ja, bereit, bereit für alles, wozu unser Erlöser uns ruft.“ Laßt die, welche Ihn lieben, wenn sie rund um sich her die Zeichen von der schrecklichen Not der Welt sehen, in der Angst christlicher Liebe ausrufen: „Hier bin ich, sende mich.“ Amen. 

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