Spurgeon, Charles Haddon - Der Gerechte wird seines Glaubens leben

„Der Gerechte wird seines Glaubens leben.“
Gal. 3,11

„Der Gerechte wird leben durch den Glauben.“ (N. d. engl. Übers.)

Der Apostel zitiert aus dem Alten Testament den vierten Vers des zweiten Kapitels des Propheten Habakuk, und bestätigt so die eine von Gott eingegebene Aussage durch eine andre. Selbst die Gerechten werden nicht durch ihre eigne Gerechtigkeit gerechtfertigt, sondern leben durch den Glauben; es folgt daraus sehr bestimmt, daß kein Mensch durch das Gesetz in den Augen Gottes gerechtfertigt wird. Wenn die besten der Menschen finden, daß ihnen durch ihre persönlichen Tugenden keine Rechtfertigung zu teil wird, sondern daß sie nur durch den Glauben angenommen werden, wieviel mehr ist das der Fall bei solch unvollkommenen Wesen, die so häufig sündigen, wie wir?

Menschen, die durch den Glauben errettet sind, werden gerecht. Der Glaube wirkt auf das menschliche Herz so, daß er Liebe erzeugt, und durch die Liebe Gehorsam, und Gehorsam gegen das göttliche Gesetz ist nur ein andrer Name für Sittlichkeit oder, was die göttlichere Form davon ist, für Heiligkeit; und doch, wo immer diese Heiligkeit sich findet, da können wir gewiß sein, daß nicht die Heiligkeit die Ursache des geistlichen Lebens und unsrer Sicherheit ist, sondern daß der Glaube der Quell von dem allen ist. Vor ein paar Wochen saht ihr den Weißdorn bedeckt mit einer köstlichen Menge schneeweißer Blumen, welche die Luft mit angenehmen Düften erfüllten; nun, keiner der bewundernden Beschauer nahm an, daß diese lieblichen Maiblüten die Ursache seien, weshalb der Weißdorn lebe. Nach einer Weile saht ihr den Kastanienbaum geschmückt mit seinen bezaubernden Blumenpyramiden, aber niemand von euch setzte törichterweise voraus, daß der Kastanienbaum durch seine Blüte erhalten und geschaffen sei: ihr verstandet, daß diese Schönheitsgebilde Erzeugnisse des Lebens, und nicht die Ursache desselben seien. Ihr habt hier in den Sinnbildern der Natur die wahre Lehre vom inneren Leben. Heiligkeit ist die Blume der Natur. Sie ist unaussprechlich lieblich und unendlich wünschenswert; ja, sie muß zu ihrer Zeit hervorgebracht werden, sonst können wir mit Recht an der Echtheit des Bekenntnisses eines Menschen zweifeln; aber die schönen Eigenschaften der Heiligkeit erretten nicht und geben kein geistliches Leben und erhalten es auch nicht, sie sind Bächlein von der Quelle, und nicht die Quelle selber. Der kräftigste Mensch der Welt lebt nicht dadurch, daß er kräftig ist, sondern er ist kräftig, weil er lebt und weil er zu einer Vollkommenheit der Körperkraft herangebildet ist. Der unternehmungslustigste Kaufmann besitzt sein persönliches Eigentum nicht auf Grund seines Charakters oder seines Verdienstes, sondern auf Grund seiner bürgerlichen Rechte als Staatsbürger. Ein Mann kann sein Land kultivieren bis zur höchsten Ertragsfähigkeit, aber sein Recht hängt nicht von der Art seines Ackerbaues, sondern von seinen Dokumenten ab. So sollte der Christ nach dem höchsten Grad geistlicher Kultur und himmlischer Vollkommenheit streben, und doch hängt seine Errettung, was ihre Gerechtigkeit und Sicherheit anbelangt, nicht von seinen Vorzügen ab, sondern beruht auf seinem Glauben an einen gekreuzigten Erlöser, wie es in dem Spruch geschrieben steht: „Der Gerechte wird durch den Glauben leben.“ Der Glaube ist die fruchtbare Wurzel, der innere Kanal des Saftes, die große Lebensgnade in jeder Rebe des Weinstocks. Indem wir heute den Text behandeln, werden wir ihn gebrauchen außerhalb der Verbindung, in der er steht, aber doch nicht getrennt von dem, was der Heilige Geist darunter verstanden haben will, noch fern von der Absicht des Apostels, wenn nicht hier, so doch an andern Stellen.

I.

Zuerst, in dem reinsten, geistlichen Sinne ist es wahr, daß der Gerechte durch den Glauben leben wird.

Der Glaube ist es, durch den der Mensch gerecht wird, denn ohne diesen ist er vor dem Gesetz der Ungerechtigkeit überführt: nachdem er durch den Glauben gerechtfertigt ist, ist er unter die Gerechten eingeschrieben. Der Glaube ist es, durch den er zuerst lebendig gemacht wurde und die Himmelsluft atmete, denn von Natur war er tot in Übertretungen und Sünden. Der Glaube ist das erste sichere Zeichen des geistlichen Lebens in der menschlichen Brust. Der Mensch bereut die Sünde und blickt auf Jesum, weil er dem Zeugnis des Sohnes Gottes glaubt; er glaubt diesem Zeugnis, weil er ein neues Leben empfangen hat. Er vertraut auf das versöhnende Blut Jesu, weil sein Herz die Kraft dazu empfangen hat durch das geistliche Leben, die Gabe des Heiligen Geistes. Und auch nachher werdet ihr stets die Kraft seines inneren Lebens nach dem Zustande seines Glaubens beurteilen: wenn sein Glaube außerordentlich wächst, dann nimmt auch sein Leben an Kraft zu; wenn sein Glaube abnimmt, dann, verlaßt euch darauf, brennt der Lebensfunke spärlich. Laßt Ebbe im Glauben eintreten, so wird auch Ebbe in den Lebensfluten sein. Laßt den Glauben hereinrollen mit mächtiger Gewalt, in einer Flutzeit voller Glaubensgewißheit, so steigen die verborgenen Lebensfluten im Menschen und füllen ihn mit heiliger Energie. Wäre es möglich, daß der Glaube sterben könnte, so müßte das geistliche Leben auch sterben; daß der Glaube unvergänglich ist, das ist zum großen Teil der Grund, weshalb das neue Leben unverweslich ist. Ihr werdet finden, daß die Menschen nur in dem Maße vor Gott leben, wie sie an Gott glauben und sich auf das Verdienst seines lieben Sohnes verlassen; und in dem Verhältnis, wie sie dies tun, werden sie auch in näherer Gemeinschaft mit dem Himmel leben. Große Heilige müssen große Gläubige sein: Kleinglaube kann nie ein gereifter Heiliger sein.

Beachtet, daß diese Wahrheit sich auch in allen Merkmalen des geistlichen Lebens erprobt. Der Adel des inneren Lebens - wer hat ihn nicht wahrgenommen? Ein Mann, dessen Leben mit Christo in Gott verborgen ist, ist einer der Vornehmen dieser Welt. Wer nichts von dem inneren Leben weiß, steht nur wenig über dem bloßen Tier, und ist durchaus nicht zu vergleichen mit den Kindern Gottes, denen das königliche Priestertum, das Erbteil der Heiligen, gegeben ist. In dem Maße, wie das geistliche Leben entwickelt ist, nimmt der Mensch an Würde zu und wird dem Fürsten der Herrlichkeit ähnlicher, doch die wahre Wurzel und Quelle der Würde des heiligen Lebens liegt im Glauben. Nehmt ein Beispiel. Das Leben Abrahams ist merkwürdig durch seine edle Gelassenheit. Er scheint zu keiner Zeit aufgeregt zu sein. Umgeben von Räuberbanden, wohnt er so ruhig in seinem Zelt wie in einer ummauerten Stadt. Abraham wandelte vor Gott, und scheint seinen Schritt nie rascher oder langsamer gemacht zu haben; sein Wandel war stets gelassen und gehorsam, er eilte nie aus Furcht und zögerte nie aus Trägheit; er hielt liebliche Gemeinschaft mit seinem Gott - und was für ein edles Leben war das seine! Der Vater der Gläubigen steht keinem Charakter in der Geschichte nach; er war ein königlicher Mann, ja, ein Überwinder von Königen und größer als diese. Wie ruhig ist sein gewöhnliches Leben! Lot, der seiner fleischlichen Klugheit folgt, wird in Sodom beraubt und verliert zuletzt alles: Abraham, der seinem Glauben folgt, verharrt gleich einem Pilger, und ist sicher. Lot wird als Gefangener aus einer Stadt weggeführt, aber Abraham wohnt sicher in einem Zelt, weil er sich auf seinen Gott verläßt. Wann fehlte Abraham? Wann fällt dieser mächtige Adler plötzlich wie mit einem verwundeten Flügel nieder? Da, als der Pfeil des Unglaubens ihn durchbohrt: er beginnt für Sara, sein Weib, zu zittern; sie ist schön, vielleicht wird der König der Philister sie ihm wegnehmen; da spricht er in einem ungläubigen Augenblick: „Sie ist meine Schwester.“ Ach, Abraham, wo ist dein Adel jetzt? Der Mann, der so ruhig und zuversichtlich mit Gott wandelte, so lange er glaubte, erniedrigt sich, etwas zu sagen, das nicht wahr ist, und sinkt so auf die gewöhnliche Stufe der Falschheit herab.

Genau so werdet ihr, ja, ein jeder von uns wird stark oder schwach, edel oder gefallen sein, je nachdem unser Glauben ist. Wenn du vertrauensvoll mit Gott wandelst und auf den ewigen Arm dich lehnst, so wirst du wie ein himmlischer Fürst sein, der von dienstbaren Geistern umgeben ist, dein Leben wird glücklich und heilig sein und daneben glorreich vor dem Herrn; aber in dem Augenblick, wo du deinem Gott mißtraust, wirst du versucht werden, erniedrigenden Methoden schlechter Politik zu folgen, und du wirst dich mit vielen Schmerzen durchbohren.

Wie die Würde, so hängt die Energie des geistlichen Lebens vom Glauben ab. Das geistliche Leben ist, wenn es gesund ist, ungemein energisch;. es kann alles tun. Nehmt die Apostel als ein Beispiel und seht, wie sie über Meer und Land, trotz Verfolgungen und Leiden doch vorwärts drangen im heiligen Krieg und Christum unter allen Völkern verkündigten. Wo immer das geistliche Leben den Menschen durchdringt, da ist dasselbe eine Kraft, die nicht gebunden, gefesselt oder unterdrückt werden kann; es ist eine heilige Wut, ein heiliges Feuer in den Gebeinen. Regeln, Gewohnheiten und Sitten zerbricht es, wie das Feuer Bande von Stricken zerbricht. Aber seine Energie hängt ganz. von dem Dasein und der Macht des Glaubens ab. Laßt einen Mann durch Zweifel an der von ihm angenommenen Religion oder an seinem eignen Anteil an den Vorrechten, die sie gewährt, beunruhigt werden, so werdet ihr bald finden, daß alle Energie seines geistlichen Lebens geschwunden ist - er wird wenig mehr haben als den Namen, daß er lebet, im Handeln wird er machtlos sein. Nehmt wiederum Abraham. Er findet, daß einige Könige vom Osten die Städte der Ebene überfallen haben. Es liegt ihm nicht viel an Sodom oder Gomorrha, aber mit den Gefangenen ist auch sein Neffe Lot hinweggeführt. Nun, er hat eine große Zuneigung für seinen Verwandten, und beschließt, seine Pflicht zu tun und ihn zu befreien. Ohne sich mit der Frage aufzuhalten, ob seine kleine Schar hinreichend sei, vertraut er ganz auf den Herrn, seinen Gott, und eilt mit seinen Knechten und Nachbarn den Plünderern nach, zweifelt nicht, sondern erwartet Hilfe von dem höchsten Gott. An dem Tage gab Jehovah, der den Gerechten vom Aufgang erweckt hatte, seine Feinde seinem Schwert und seinem Bogen, wie zerstreute Stoppeln, und der Patriarch kehrte von dem Kampf wider die Könige mit Beute beladen zurück. Er konnte nicht anders als kämpfen, so lange er glaubte. Es war unmöglich für ihn, still zu sitzen und doch an Gott zu glauben; aber wenn er nicht geglaubt hätte, würde. er gesagt haben: „Es läßt sich nichts dagegen tun; es ist ein trauriges Unglück, aber mein Neffe muß es tragen: vielleicht wird Gott ihn irgendwie retten.“ Der Glaube glaubt an die Vorsehung Gottes, aber er ist voller Tätigkeit und seine durch das Vertrauen auf die Vorsehung angeregte Tätigkeit führt gleich einem Rad in einem andern Rad zur Erfüllung des Ratschlusses der Vorsehung. Meine Brüder, es ist notwendig für uns, viel an Gott zu glauben, sonst werden wir nur wenig für Ihn tun. Glaube, daß Gott mit dir ist, so wirst du eine unersättliche Begierde haben, des Heilandes Reich auszudehnen. Glaube an die Macht der Wahrheit und an die Macht des Heiligen Geistes, der mit der Wahrheit geht, so wirst du nicht zufrieden sein mit den armseligen Plänen des neueren Christentums, sondern wirst mit eines Seraphs Feuer glühen und brennen, dich sehnen und wünschen, sogar mehr zu tun, als du tun kannst, und wirst tatsächlich mit deiner äußersten Geschicklichkeit das ausführen, was dein Herz für die Ehre des Herrn zu tun wünscht.

Ferner, es ist ganz gewiß, daß alle Freude des geistlichen Lebens vom Glauben abhängt. Ihr alle wißt, daß in dem Augenblick, wo euer Glaube aufhört, einfach an Jesu zu hangen, oder wo er auch nur ein wenig nachläßt, eure Freude schwindet. Die Freude ist ein willkommener Engel, aber sie bleibt nicht, wenn der Glaube sie nicht bei sich aufnimmt. Geistliche Freude ist ein Vogel des Paradieses, der sein Nest nur unter den Zweigen des Glaubens bauen will. Der Glaube muß pfeifen, sonst wird die Freude nicht tanzen. Der ungläubige Jakob findet seine Lebenszeit wenig und böse, aber der gläubige Abraham stirbt alt und lebenssatt. Wenn du dein Haupt salben und dein Angesicht waschen willst, und die Asche und den Sack hinwegtun, dann mußt du fester auf die Treue des Herrn, deines Gottes, bauen. Zweifel und Befürchtungen können nie auch nur einen Funken schlagen, um das kleinste Licht anzuzünden, mit dem man einen Christen aufheitern könnte; aber einfaches Vertrauen läßt die Sonne aufgehen in ihrer Kraft mit Heil unter ihren Flügeln, selbst über die, welche im Tal des Todesschattens sitzen. In dem Maße, wie du dich auf Christum lehnst, wird die Bürde des Lebens leicht, des Himmels Freuden wirklich und dein ganzes Leben erhabener werden.

Auf der andern Seite laßt mich sagen, daß einige Christen zu versuchen scheinen, durch Erfahrung zu leben. Wenn sie sich heute glücklich fühlen, so sagen sie, sie sind errettet, wenn sie sich aber morgen unglücklich fühlen, so schließen sie daraus, daß sie verloren sind. Wenn sie in einem Augenblick fühlen, daß sich eine tiefe Ruhe über ihren Geist breitet, so fühlen sie sich sehr gehoben; aber wenn die Winde wehen und die Wellen hoch schlagen, so nehmen sie an, daß sie nicht zu den Kindern Gottes gehören. Ach, elender Zustand der Ungewißheit! Durch das Gefühl leben ist ein sterbendes Leben; ihr wißt nicht, wo ihr seid, noch was ihr seid, wenn eure Gefühle das Barometer eures geistlichen Zustandes sein sollen. Geliebte, ein einfacher Glaube an Christum wird euch instand setzen, ruhig zu bleiben, selbst wenn eure Gefühle das Gegenteil von fröhlich sind; vertrauensvoll zu bleiben, wenn eure Empfindungen sehr weit von Entzücken entfernt sind. Wenn wir in der Tat durch Jesum Christum errettet sind, so liegt der Grund unseres Heils nicht in uns, sondern in dem Gekreuzigten, der jetzt in der Herrlichkeit herrscht. Wenn Er sich ändert, ach, welche Veränderungen müssen dann über uns kommen! Aber da Er derselbe ist, gestern, heute und in Ewigkeit, warum braucht dann unsre Festigkeit so schnell erschüttert zu werden? Glaube an Jesum, liebes Herz, wenn du nicht einen Funken Gnade in dir selber finden kannst; wirf dich als ein Sünder in des Heilandes Arme, auch wenn du keinen guten Gedanken zu denken oder einen guten Wunsch hinaufzusenden vermagst; wenn deine Seele fühlt, als wäre sie eine dürre Wüste, die nicht einmal einen grünen Halm der Hoffnung, der Freude oder der Liebe hervorbringt, so blicke doch hinauf zu dem großen Gärtner, der die Wüste in einen Garten wandeln kann. Habe zuversichtlichen Glauben an Jesum zu allen Zeiten, denn wenn du an Ihn glaubst, so bist du errettet und kannst nicht verdammt werden. Wie gut oder schlecht dein Zustand ist, das berührt die Frage nicht; du glaubst, deshalb sollst du errettet werden. Gib es auf, in dieser armseligen Weise von wechselnden Stimmungen und Empfindungen von Hand zu Mund zu leben, und harre allein des Herrn, von dem dein Heil kommt.

Viele Christen sind noch schlimmer: sie probieren es durch Versuche zu leben. Mir ist bange, viele unter den Dissidenten sind von dieser Art. Sie müssen wenigstens einmal jede Woche eine Erweckungsversammlung haben; wenn sie nicht ganz so oft eine große Schaustellung bekommen, so fangen sie an schrecklich herunterzukommen. Sie verlangen nach einer aufregenden Versammlung, wie Trunkenbolde nach berauschenden Getränken. Es ist ein armseliges geistliches Leben, das an beredten Predigten und dergleichen Reizmitteln hängt. Diese mögen gute Dinge sein und tröstliche Dinge: seid dankbar dafür, aber ich bitte euch, laßt nicht euer geistliches Leben davon abhängen. Das ist fast ebenso, als wenn ein Mensch nach dem Ausdruck der Schrift sich weidet vom Winde und dem Ostwinde nachläuft; denn euer Glaube soll nicht ruhen auf der Weisheit der Menschen oder auf hohen Worten oder auf dem Ernst eurer Mitchristen, sondern es soll einfacher Glaube sein an Ihn, der da ist, der da war und der da kommt, und der der Heiland der Sünder ist. Ein echter Glaube an Christum wird euch instand setzen, glücklich zu leben, selbst wenn euch die Gnadenmittel versagt sind; wird machen, daß ihr froh seid an Bord eines Schiffes, den Sonntag haltet, auf einem Krankenbett feiert und euer Wohnhaus in einen Tempel wandelt, selbst wenn ihr eine Hütte von Baumstämmen im fernen Westen habt oder ein Obdach im Busch von Australien. Habt nur Glauben, so braucht ihr nicht nach diesen Aufregungen auszuschauen, ebensowenig wie die Berge nach der Sommersonne aussehen, um fest stehen zu bleiben.

Habe ich nötig, noch ferner zu sagen, als eine Warnung, daß mir bange ist, viele Bekenner Christi leben irgendwie. Ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Sie haben nicht Vorsicht genug, um auf ihre innere Erfahrung zu blicken; sie haben nicht Kraft genug, um sich um Aufregungen zu kümmern, sondern führen eine Art gleichgültiges, träumerisches, schlafsüchtiges Leben. Ich meine, einige von euch. Ihr glaubt, daß ihr vor mehreren Jahren errettet wurdet. Ihr verbandet euch mit einer christlichen Gemeinde, ließet euch taufen, und nun schließt ihr, daß alles recht ist. Ihr habt eure Bekehrung in eure geistlichen Rechnungsbücher eingeschrieben als einen guten Besitz, ihr haltet sie für eine sehr klare Sache. Mir ist bange, daß sie etwas zweifelhaft ist; indes, ihr haltet sie für sicher. Seit der Zeit habt ihr die Sitte des Gebets aufrecht gehalten, ihr seid ehrlich gewesen, ihr habt zu der Gemeinde Bedürfnisse beigesteuert, habt äußerlich eure Pflicht als Christen erfüllt, aber es ist wenig Leben in eurer Gottseligkeit gewesen; sie ist ein oberflächliches Werk gewesen, nicht tiefer als die Haut gedrungen. Ihr habt nicht viel Schmerz über Sünde empfunden, seid nicht niedergebeugt gewesen von dem Gewicht des innerlichen Verderbens; ebensowenig seid ihr andrerseits fröhlich gewesen durch ein Gefühl der göttlichen Liebe und eine wonnevolle Empfindung eines eignen Anteils daran. Ihr seid träumerisch weiter gegangen, wie ich gehört habe, daß Soldaten weiter marschieren im Schlafe. O, daß ein Donnerschlag käme, euch aufzuwecken, denn dies ist ein gefährliches Leben! Von allen Arten des Lebens ist dies eine der. gefährlichsten, wenn du ein Christ bist; und wenn du kein Christ bist, so ist sie eine der verführerischsten, denn während man dem, der in äußern Sünden lebt, durch das Evangelium beikommen kann, so bist du beinahe über den Bereich der evangelischen Predigt hinaus, weil du nicht zugeben willst, daß Warnungen dich angehen. Du wickelst dich ein und sprichst: „Es steht alles gut mit mir“, während du in Wahrheit nackt und arm und elend in den Augen Gottes bist. O, wenn du nur dahin zurückkommen könntest, durch den Glauben zu leben!

II.

Zweitens „,der Gerechte wird durch den Glauben leben“ - dies bedeutet, daß der Glaube in unserm täglichen Leben wirksam ist.

Er ist in einfacher Weise wirksam, aber drei Bemerkungen werden genügen. Der Glaube ist die große aufrechthaltende Kraft für den Gerechten unter all seinen Prüfungen, Schwierigkeiten, Leiden oder Arbeiten. Manche haben die Vorstellung, daß wahre Religion bestimmt sei, in Kirchen und Kapellen verschlossen zu bleiben als etwas, was sich für den Sonntag schickt, weil ein Mann nicht respektabel ist, wenn er sich nicht irgendwo einen Kirchenstuhl mietet, selbst wenn er nicht darin sitzt oder, wenn er da sitzt, auf das gepredigte Wort nicht mehr Achtung gibt, als auf einen Straßensänger; es gibt eine Anstandsreligion, welche die Leute in der Regel aufrechthalten müssen, um in der Gesellschaft empfangen zu werden; aber die Vorstellung, die Religion hinab an den Frühstückstisch zu bringen, sie in das Besuchszimmer einzuführen, sie in die Küche mitzunehmen, sie bei der Hand zu haben im Laden, in der Werkstatt oder an der Börse, sie auf das Meer in eurem Schiff zu tragen - dies wird von den meisten für schierer Fanatismus gehalten; und doch, wenn irgend etwas durch die Offenbarung Jesu Christi gelehrt wird, so ist es gerade dies, daß die Religion eine Sache des gewöhnlichen, alltäglichen Lebens ist; und kein Mensch versteht überhaupt die christliche Religion, bis er sie völlig angenommen hat als etwas, das nicht nur für Sonntags und für gewisse Orte und gewisse Zeiten ist, sondern für alle Zeiten und Orte und alle Bedingungen und Formen des Lebens.

Ein tätiger, wirksamer Glaube wird durch den Heiligen Geist dem Christen eingepflanzt und er wird ihm gesandt, um ihn unter Leiden aufrecht zu halten. Ich werde dies einigen von euch als einen Prüfstein vorlegen, wobei ihr prüfen könnt, ob ihr den Glauben der Erwählten Gottes erhalten habt. Du hast eine große Summe Geldes verloren: wohl, bist du verwirrt und zerrüttet? Verlierst du fast deinen Verstand? Murrst du gegen Gott? Dann frage ich dich, worin bist du besser als ein Mann, der gar keine Religion hat? Bist du nicht ein Ungläubiger? Denn wenn du glaubtest, daß alle Dinge dir zum Besten dienten, würdest du dann so aufrührerisch sein? Und doch ist dies Gottes eigne Erklärung. Nun ist die Zeit, wo dein Glaube an Gott dich fähig machen sollte zu sagen: „Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobet!“ Was tust du mehr als andre, wenn du nicht mit Unterwerfung und Ergebung so sprechen kannst - ja, mit Heiterkeit sogar? Wo ist deine neue Natur, wenn du nicht sprechen kannst: „Es ist der Herr, Er tue, was Ihm wohlgefällt?“ Hierbei wirst du erproben, ob du Glauben hast oder nicht? Oder es mag sein, daß du ein liebes Kind verloren hast, und daß dieser Verlust dich bis ins Innerste getroffen. Es ist dir noch kaum möglich, dich darin zu finden, dennoch hoffe ich, daß du nicht so trauerst, daß du deinen Gott der Grausamkeit anklagst, sondern ich vertraue darauf, daß dein Glaube dir sprechen hilft: „Ich werde zu Ihm gehen, obwohl es nicht wieder zu mir zurückkommen wird; ich möchte es nicht anders haben, als mein himmlischer Vater es beschlossen hat.“ Hier wird ein Schmelztiegel für deinen Glauben sein. Diese zwei Beispiele mögen als Proben dienen. In allen Lagen des Lebens ist ein wirklicher Glaube für den Christen wie Simsons Haar, in dem seine große Kraft lag. Er ist sein Mosesstab, der Meere von Schwierigkeiten teilt, sein Eliaswagen, in dem er über die Erde hinaufsteigt. So auch bei schwierigen Arbeiten, z. B. bei Arbeiten in Christi Sache; ein Mann, der es als seine Pflicht fühlt, Gutes in seiner Nachbarschaft zu tun, mag doch sagen: „Ich weiß nicht, was ich tun kann, ich fürchte mich, eine so große Sache anzufangen, denn ich fühle mich so untauglich und so schwach.“ Mein lieber Freund, wenn es deine Pflicht ist, es zu tun, so kann deine Unfähigkeit dich nicht entschuldigen, wenn du nur hinzugehen brauchst und deinem himmlischen Vater von deiner Schwachheit erzählen und Ihn um Kraft bitten, so wird Er sie reichlich geben. Einige von uns, die jetzt mit Leichtigkeit reden können, waren einst sehr schüchtern beim öffentlichen Sprechen. Diejenigen Prediger, die jetzt am meisten wirken, waren arme Stammelnde, ehe ihre Gaben entwickelt waren, und die, welche unsre besten Lehrer sind und sehr viel Erfolg im Seelengewinnen haben, waren nicht immer so; aber sie hatten Glauben und drangen vorwärts, und Gott half ihnen.

Wenn deine Religion dir nichts wert ist, so wirst du nicht in heiligem Werk beharren; aber wenn sie wirklich wahrhaft ist, so wirst du durch alle Schwierigkeiten dringen, und fühlen, daß es notwendig für dein Dasein ist, des Erlösers Sache zu fördern. Ich wollte ebenso lieb gar nicht leben, als leben, um ein unnützes Ding zu sein. Viel besser ist's, die Felder mit seinem Leichnam fett zu machen, als über dem Boden in Trägheit zu faulen. Ein Krieger in den Reihen Immanuels, und niemals fechten, niemals eine Bürde tragen, nie ein Banner aufrecht halten, nie einen Pfeil schleudern - nein, besser, daß die Hunde mein wertloses Aas fräßen, als daß dies der Fall wäre. In diesem Gefühl denn werdet ihr vorwärts dringen mit der kleinen Kraft, die ihr habt, und neue Kraft wird über euch kommen, und so werdet ihr beweisen, daß euer Glaube aufrichtig ist, weil er in der gewöhnlichen Arbeit des christlichen Lebens zu eurer Unterstützung dient. Unter allen Schwierigkeiten und Arbeiten also wird der Gerechte durch den Glauben leben.

Ferner, der Glaube hat im gewöhnlichen Leben eine Wirkung auf die Schickungen der göttlichen Vorsehung. Es ist ein Rätsel, das wir nicht lösen können, wie alles von dem ewigen Ratschluß vorherbestimmt ist, und doch das Gebet des Glaubens den Arm Gottes bewegt. Obwohl das Rätsel nicht erklärt werden kann, so kann doch die Tatsache nicht geleugnet werden. Meine Brüder und Schwestern, man mag mich für fanatisch halten, aber es ist mein fester Glaube, daß ihr in gewöhnlichen Dingen, wie die Erwerbung eures Lebensunterhaltes, die Erziehung eurer Kinder, das Regiment eures Hauses, ebenso auf Gott vertrauen müßt wie in der großen Sache der Errettung eurer Seele. Die Haare auf eurem Haupte sind alle gezählt: geht also zu Gott mit euren Kleinigkeiten. Kein Sperling fällt auf die Erde ohne euren Vater: werft eure geringeren Leiden auf den Herrn. Denkt niemals, daß irgend etwas zu gering sei, als daß eures himmlischen Vaters Liebe daran denken sollte. Er, der auf dem Sturme daher fährt, wandelt im Garten am Abend beim kühlen Hauch des Zephyrs; Er, der die Lawine von ihrer Alp herab schüttelt, läßt auch das dürre Blatt schimmern, wenn es von der Espe fällt; Er, dessen ewige Macht die Sphären in ihren immerwährenden Kreisen leitet, lenkt auch jedes Staubkorn, das von des Sommers Dreschtenne geblasen wird. Vertraut Ihm im Kleinen sowohl wie im Großen, und ihr werdet nicht finden, daß Er euch im Stiche läßt. Ist Er nur der Gott der Berge, und nicht auch der Gott der Täler?

„Erwarten wir denn Wunder?“ sagt einer. Nein, aber wir erwarten dieselben Resultate wie die, welche durch Wunder bewirkt werden. Ich habe zuweilen gedacht, wenn Gott mit einem Wunder dazwischen tritt, um einen Zweck auszuführen, so ist das eine etwas plumpe Methode, wenn es mir erlaubt ist, ein solches Wort zu gebrauchen, aber, wenn Er dasselbe zustandebringt, ohne in die Räder seiner Vorsehung einzugreifen, so scheint mir das noch mehr und noch völliger eine göttliche Methode. Wenn ich heute hungrig wäre, und Gott verheißen hätte, mich zu speisen, so wäre es ebensosehr eine Erfüllung seiner Verheißung, wenn mein Freund hier mir unerwartet Speise brächte, als wenn die Raben sie brächten. Das Bringen derselben auf gewöhnlichem Wege würde um so deutlicher beweisen, daß Gott zugegen war, nicht um die Maschinerie seiner Vorsehung in ihrem Gang zu hindern, sondern um sie so zu lenken, daß sie den beabsichtigten Zweck erreicht. Gott will nicht Steine für dich in Brot verwandeln, aber vielleicht wird Er dir Steine zum Brechen geben, und so wirst du dein Brot erwerben. Gott mag nicht Manna vom Himmel regnen lassen, und doch bringt jeder Regenschauer, der auf deinen Garten fällt, dir Brot. Es wird besser für dich sein, daß du dein Brot verdienst, als daß es dir durch Raben zugebracht wird, oder besser, daß christliche Liebe für dich sorgt, als daß ein Cad und Ölkrug, beide unerschöpflich, in deinen Schrank gestellt würden. Irgendwie soll dein Brot dir gegeben werden und dein Wasser dir sicher sein. Mein Zeugnis ist, und ich sage es zur Ehre Gottes, daß Gott ein guter Versorger ist. Ich bin auf die Vorsehung Gottes geworfen worden seit der Zeit, da ich mein Vaterhaus verließ, und in allen Fällen ist Er mein Hirte gewesen und ich habe keinen Mangel gekannt. Mein erstes Einkommen als christlicher Prediger war wahrlich klein genug, es überstieg nie vierzig Pfund, doch war ich damals so reich wie jetzt, denn ich hatte genug; und ich hatte nicht mehr Sorgen, nein, nicht halb so viele, als ich jetzt habe; und wenn ich damals mein Gebet vor Gott brachte, wie ich es jetzt tue, betreffs aller zeitlichen und geistlichen Dinge, so fand ich Ihn immer bereit, mich in jeder Verlegenheit zu erhören - und in Verlegenheit war ich sehr oft. In mancher Geldverlegenheit bin ich seitdem gewesen in Verbindung mit dem Werk am Kollege, dessen Einkommen ganz davon abhängt, daß der Herr die Seinen zur Freigebigkeit bewegt: mein Glaube ist oft geprüft worden, doch Gott ist immer treu gewesen und hat die Mittel in der Stunde der Not gesandt. Wenn mir jemand sagen sollte, daß das Gebet zu Gott nur ein Stück Aufregung wäre, und die Idee, daß Gott der Menschen Rufen erhörte, sei absurd, so würde ich die Behauptung nur verlachen, denn meine Erfahrung ist nicht die von zwei oder drei einzelnen Beispielen, sondern von Hunderten von Fällen, in denen des Herrn Dazwischentreten für das, was seinem Werke not tat, ebenso deutlich war, als wenn Er die Wolken zerrissen und seinen bloßen Arm und seine freigebige Hand hervorgestreckt, um seinem Knechte das zu geben, dessen er bedurfte. Dieses mein Zeugnis ist nur das Echo von dem Zeugnis der Gotteskinder überall. Wenn sie zurückblicken, so werden sie. sagen, daß Gott gut gegen Israel ist, und daß sie nie gefunden, daß Gott sie im Stiche gelassen, wenn sie im Glauben gewandelt. Das rote Meer der Not teilte sich, die Wasser standen aufrecht wie Mauern, und die Tiefe wallte voneinander mitten im Meer; und ihre Zweifel und Befürchtungen, die wurden wie die Ägypter vom Meer bedeckt, daß nicht einer aus ihnen übrig blieb; und wenn sie am andern Ufer standen und auf das Vergangene zurückblickten, so riefen die Erlösten des Herrn laut: „Singet dem Herrn, denn Er hat eine herrliche Tat getan.“ Der Glaube hatte alle Schwierigkeiten besiegt und Vorrat für all ihre Bedürfnisse gebracht. Laßt mich indes nicht mißverstanden werden. Der Glaube ist niemals als eine Belohnung für den Müßiggang zu betrachten. Wenn ich niedersitze, die Arme übereinanderschlage und spreche: „Der Herr wird's versehen,“ so wird Er mich wahrscheinlich mit einer Vorladung vor die Behörde und einem Platz im Arbeitshaus versehen. Gott hat niemals trägen Leuten irgend eine Verheißung gegeben, daß Er für sie sorgen will, und deshalb haben sie kein Recht zu glauben, daß Er es tun wird. Gott vertrauen, daß Er unsre Faulheit gut machen werde, ist nicht Glaube, sondern gottlose Vermessenheit. Ebensowenig gewährt die Macht des Glaubens Grund für Fanatismus. Ich habe kein Recht zu sagen: „Ich möchte gern dies und das haben, ich will darum bitten und ich werde es erhalten.“

Gott hat nie verheißen, uns alles zu geben, was unsre Launen sich aussuchen mögen. Wenn wir wirklich etwas Gutes wünschen, so mögen wir uns auf die Verheißung berufen: „Er wird kein Gutes mangeln lassen dem Frommen,“ aber wir müssen niemals wähnen, daß Er unsern Narrheiten nachgeben wird. Der Gott der Weisheit will nichts mit unsern bloßen Grillen zu tun haben. Ebensowenig soll der Glaube ein Ersatz für Klugheit und Sparsamkeit sein. Ich habe einige gekannt, die sich in großem Maße energischer Tätigkeit enthielten, weil sie fürchteten, in des Herrn Tun einzugreifen. Die Furcht verwirrt mich nie. Mein Glaube führt mich nie dahin, zu meinen, daß Gott für mich tun werde, was ich selber tun kann. Ich glaube nicht, daß der Herr unnötigerweise wirkt. Bis zu der höchsten Stufe, wohin meine eigne Klugheit, Kraft und Urteil mich tragen können, soll ich gehen im Vertrauen auf die göttliche Führung; dann halte ich inne, denn ich kann nicht weiter gehen: und ich wende mich an meinen Vater und bitte so: „Nun, Herr, die Verheißung geht weiter als dies, es ist Deine Sache, den Mangel zu ergänzen.“ Da halte ich inne, und Gott hält sein Wort. Aber wenn ich stehen bleibe, wo ich vorwärts gehen sollte, wie kann ich dann wagen, den Herrn zu bitten, meiner Trägheit Vorschub zu leisten? Ich glaube, in christlichen Werken sollten wir uns für Gott aufs äußerste anstrengen, sowohl im Geben von unserm Vermögen, als im Sammeln von Beiträgen von unsern Mitchristen; wir sollten im Glauben und Gebet zum Herrn kommen, um Hilfe zu erlangen. Der Glaube ist wirksam im Lande des Unsichtbaren, nicht des Sichtbaren. Der Glaube soll zu eurer Hilfe kommen, wo die Macht des Geschaffenen nicht mehr hinreicht. Bis zu dem Punkt, wo ihr arbeiten könnt, müßt ihr arbeiten, und mit Gottes Segen wird euer Werk nicht euren Glauben hindern, sondern eine Darstellung und Bezeugung desselben sein.

Mit einem einfachen Glauben an Gott, keinem fanatischen, keinem trägen, sondern einem, der auf dem Pfad der Klugheit weiter geht und Gott zu ehren wünscht, werdet ihr finden, daß alle Schwierigkeiten verschwinden und Zweifel und Befürchtungen verfliegen werden. Merket wohl, daß der Glaube selber keine Gewähr gegen Leiden und gegen Armut sein wird, denn es ist gut für Gotteskinder, versucht zu werden, und es gibt einige von ihnen, die Gott nicht verherrlichen würden, wenn sie nicht arm wären. Deshalb müßt ihr nicht voraussetzen, daß ihr keinen Glauben habt, weil ihr in Not seid, und müßt auch nicht erwarten, daß Gott in Erhörung eures Gebetes euch notwendig in guten Umständen erhalten wird. Wenn es am besten für euch ist, daß ihr nicht arm seid, so wird Er die Armut fern von euch halten. Die Ergebung sollte Hand in Hand mit dem Glauben gehen, dann wird das eine zur Schönheit des andern beitragen.

III.

Zuletzt, dies ist auch wahr in der Geschichte der christlichen Gemeinde im ganzen.

Die christliche Gemeinde lebt durch den Glauben. Sie lebt durch den Glauben im Gegensatz zur Spekulation. Ja, dann und wann wird die Gemeinde von einem Anfall spekulativer Philosophie ergriffen, und dann welkt ihre Lebenskraft dahin. In den Tagen der Scholastik, gerade vor Luthers Zeit, stritten und zankten sich gute Männer vom Morgen bis Abend und sammelten sich gleich Aaskrähen um den toten Körper des Aristoteles und stritten, niemand weiß, worüber. Es wird gesagt, daß sie weise Erörterungen darüber hielten, wie viele Engel auf einer Nadelspitze stehen könnten! Während solche törichte und ungelehrte Fragen aufgeworfen wurden, litten die Armen in der christlichen Gemeinde Hunger, und die Gemeinde verlor all ihre Tatkraft, Sünder wurden nicht bekehrt, Grundwahrheiten wurden verachtet. Dann kam Luther in die bemerkenswerte Erweckung. In den neueren Zeiten, in der Periode nach Doddridge und Watts, war unter den Dissidenten die Gewohnheit des Philosophierens über die Dreieinigkeit allgemein. Die Brüder versuchten, sehr genau und bestimmt zu sein, ebenso genau und bestimmt, wie das Athanasianische Glaubensbekenntnis, während andre ihren Dogmatismus bekämpften, und das Resultat war, daß eine große Zahl Dissidentengemeinden einschliefen, so weit es die Tätigkeit betraf, und in der Lehre ausartete, so daß der Socinianismus das innerste Leben des evangelischen Dissidententums zu verzehren drohte. Die Spekulation ist nicht das Leben der christlichen Gemeinde, sondern der Glaube, ein Aufnehmen der Bibelwahrheit in ihrer Erhabenheit und Autorität; ein gehorsamer Glaube an die Offenbarung, nicht weil wir alle ihre Lehren verstehen, sondern weil wir, auch wenn wir sie nicht verstehen, des Herrn Wort auf das ipse dixit des Allerhöchsten hin annehmen. Wann immer die Gemeinde so einfältigen Sinnes gewesen ist, keine Außenwerke für ihren Glauben zu verlangen, sich wenig um Beweise zu kümmern, äußere und innere, sondern den Kampf auf Grund der göttlichen Autorität zu kämpfen und zu sprechen: „Dies ist von Gott und verwerft es auf eure Gefahr hin“, so ist sie „schön wie der Mond, auserwählet wie die Sonne, schrecklich wie die Heeresspitzen“ gewesen; laßt sie beginnen, Haare zu spalten; versuchen, Einwürfe zu beseitigen und all ihre Zeit an ihre Außenwerke verwenden, dann schwindet ihre Herrlichkeit dahin.

Ferner, der Glaube ist das Leben der Gemeinde, im Gegensatz zur Verzagtheit, die sich zurückzieht. In unsern eignen Gemeinden pflegten unsre Freunde sehr zufrieden zu sein, wenn sie eine Kapelle in dem schlechtesten Stadtteil hatten, welche hinter zwei Höfen, drei schmalen Gäßchen und dann um die Ecke lag; und was die Besuche des Gottesdienstes betraf, so schienen die Mitglieder höchst besorgt, alles, was der Aufregung einer großen Menge ähnlich sah, zu vermeiden. Sie waren in der Regel ein sehr zurückgezogenes Volk, aber das in den Vordergrund treten, ihre Stadt auf einen Berg zu setzen und ihr Licht leuchten zu lassen, dadurch daß sie die Massen evangelisierten, das war eine ganz vergessene Sache. Gegenwärtig hört man von andern Seiten beständig Ausdrücke, die mit memmenhafter Furchtsamkeit befleckt sind und die schmählichste Feigheit kundgeben. Zum Beispiel haben wir kürzlich gehört: „Die Gemeinde ist in Gefahr!“ „Die Gemeinde ist in Gefahr!“ Christen mit ihren Bibeln und allen Wahrheiten in den Bibeln; mit ihren Predigern und deren Ernst, mit dem Heiligen Geist, mit Gottes Verheißungen, mit den Grundlagen, welche die Pforten der Hölle nicht überwältigen sollen, und doch in Gefahr! Wahrlich, solche Bemerkungen und solche Befürchtungen sind der Männlichkeit derer, welche an die Göttlichkeit der christlichen Lehre glauben, ganz unwürdig. Keine Gemeinde kann Fortschritte machen, bis sie genug an ihren Gott glaubt, um sicher zu sein, daß sie stark in Ihm ist. So lange sie sich einbildet, schwach zu sein, ist sie schwach, Furcht lähmt sie, Schrecken tötet ihre Tatkraft; aber wenn sie an die göttliche Kraft glaubt, mit der sie wie mit einem goldnen Gürtel umgeben ist, dann zieht sie vorwärts mit der Gewißheit des Triumphes. Mögen wir als eine Gemeinde stets glauben, daß nichts uns schaden kann, wenn wir auf Gottes Kraft bauen: ich fordere das Haus der Lords, das Haus der Gemeinen, den Papst, den Türken und alle Völker in der ganzen Welt und alle Teufel in der Hölle heraus, diese Gemeinde in Gefahr zu bringen. Ich weiß nichts'. das sie uns wegnehmen könnten, denn ich weiß nichts, das sie uns gegeben haben. Wenn sie uns begabt und bestätigt hätten, so könnten sie wegnehmen, was sie uns gegeben, aber da sie uns nicht einen Faden, noch einen Schuhriemen gegeben haben, so können sie tun, was ihnen beliebt, und wir werden nicht einmal eine Gemeindeversammlung berufen, um es zu erwägen.

Doch hier sind andre Gemeinden mit Lordbischöfen und Dechanten und Präbenden, und ich weiß nicht, was noch mehr, die schrecklich erbeben, weil ein Arm von Fleisch sie im Stiche läßt. Die Bezahlung ihrer Prediger wird nach und nach, aber gewißlich, zurückgezogen werden, und sie zittern für die Lade des Herrn! Schämt ihr euch nicht, so bange zu sein! Ihr habt das Vertrauen auf die Wahrheit und auf Gott verloren, sonst würdet ihr euch nicht fürchten wegen der Zentner Gold, die man euch gerechterweise vorenthalten wird.

Gedenkt daran, daß die mit der irdischen Macht verbündete Wahrheit oft von dem Irrtum besiegt worden ist, aber die Wahrheit allein hat immer den Irrtum besiegt, selbst wenn der Irrtum menschlichen Arm auf seiner Seite hatte. Laßt die Wahrheit freies Spiel haben und allein stehen. Sie ist am stärksten, wenn sie am wenigsten durch menschliche Kraft gehindert wird, und wird am sichersten siegen, wenn sie keine Macht hat, als die, welche in ihr selber wohnt oder von ihrem Gott kommt.

Weiter, die christliche Gemeinde lebt durch den Glauben, das ist, Glauben im Gegensatz zu der über großen Zartheit, die ich heutzutage aufkommen sehe betreffs der Wahl der Werkzeuge. Laßt mich verstanden werden. Ich höre, daß man sagt: „Warum diesen Männern erlauben, in der Straße zu predigen? Ist es nicht schade, daß diese ungelehrten Leute überhaupt predigen? Einige von ihnen sprechen sehr ungrammatisch, und wirklich, was sie sagen, ist nur so, so. Ist es nicht besser, daß nur gut ausgebildete Männer zum Predigen angestellt werden?“ Dann wird gesagt, für die Mission sollten nur die auserlesensten Männer ausgesandt werden. Junge Männer, die voll Eifer sind, aber noch keine Erfahrung gehabt und nicht alle Klassiker gelesen haben und nicht in der Mathematik gehörig bewandert sind, - es nützt nichts daran zu denken, solche auszusenden. Manche Gemeinde meint in der Tat, daß all ihre Beamten reich sein sollten, alle ihre Prediger gelehrt, alle ihre Angestellten wenigstens Magister, wenn nicht Doktoren der Theologie. Dies war nicht so in alten Zeiten. So war es nicht, als die Gemeinde Gottes mächtig wuchs, denn vor alters hatte die Gemeinde Gottes Glauben - woran? Nun, Glauben an Schwachheit, Glauben an das, was nichts ist. Glaubte sie nicht, daß: „Nicht viel Weise nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen; sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, daß Er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählet, daß Er zuschanden mache, was stark ist; und das Unedle vor der Welt und das Verachtete hat Gott erwählet.“ Es ist sehr denkwürdig, daß in den Katakomben Roms unter jenen merkwürdigen Inschriften, die jetzt mit so viel Sorgfalt als Denkzeichen abgeschiedener Heiliger aufbewahrt werden, selten eine Inschrift sich findet, die völlig richtig buchstabiert ist, welches beweist, daß die Personen, welche sie schrieben, die doch ohne Zweifel die auserlesensten der Christenschar waren, weder richtig schreiben noch buchstabieren konnten; und doch waren dies die Männer, die den ganzen Erdkreis erregten. Als Wesley seine Laufbahn begann, waren unsre Gemeinden beinahe tot durch die Krankheit, welche „Schicklichkeit“ genannt wird, aber Wesley stellte Männer an, von denen einige ganz ungelehrt waren, die umherzogen und predigten, und durch diese Männer wurde das Volk wieder lebendig gemacht. Bis auf diesen Tag tun unsre Freunde, die primitiven Methodisten, ein großes und edles Werk, weil sie fast jeden Mann gebrauchen, den sie haben, und sie gebrauchen die Männer, bis sie tüchtig zum Gebrauch werden, geschult und ausgebildet durch Übung. In dieser Gemeinde habe ich, Gott sei Dank, immer jeden Bruder und jede Schwester ermutigt, alles zu tun, was sie können, und ich treibe immer noch alle an, dies zu tun. Ich hoffe, es ist kein junger Mann hier, der sagen kann, daß ich ihn je zurückgehalten hätte, wenn er wünschte, seinem Meister zu dienen. Wenn ich es habe, so tut es mir sicherlich sehr leid. O, tut ihr alle alles, was ihr könnt; denn diese Gemeinde jedenfalls hat Vertrauen zu euch allen, daß, ob ihr auch tausend Mißgriffe macht, es doch besser ist, daß das Evangelium mit Mißgriffen gepredigt wird, als gar nicht; und so lange drei Millionen und mehr in London aus Mangel an Kenntnis umkommen, ist es besser, daß ihr ungrammatisch sprecht und noch so viele Versehen macht, als daß ihr Jesum Christum gar nicht predigt. Gott wird nicht zornig auf euch sein wegen all eurer Unwissenheit, wenn ihr nur das eine, was not ist, wißt.

So, Brüder, läuft es darauf hinaus, daß wir als eine christliche Gemeinde nicht unsre Hilfsquellen berechnen müssen, oder unsre Notizbücher herausnehmen und zusammenzählen, auf wieviel wir uns verlassen dürfen. Der Schatz der Gemeinde ist die Freigebigkeit Gottes; die Kraft der Gemeinde ist die Allmacht Jehovahs; die Überredungen der Gemeinde sind die unwiderstehlichen Einflüsse des Heiligen Geistes; die Bestimmung der Gemeinde ist ein endgültiger Sieg über alle Menschenkinder. Rückt denn vor, jeder von euch, zum Kampf, denn ihr rückt auch zum Siege vor! Verlaßt euch auf Ihn, der gesprochen: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!“ und ihr werdet finden, daß ihr als die Gerechten durch den Glauben leben werdet; während ihr, wenn ihr niedersitzt und die Zeit vergeudet oder den Rücken wendet und euch vom Kampf zurückzieht, unter die Feiglinge geschrieben werdet, deren Denkmal im Staube ist; aber wenn ihr fest steht und unbeweglich „und immer zunehmet in dem Werke des Herrn“, so wird euer Name droben eingeschrieben sein, und euer Teil wird sein zur Rechten des Vaters, wo Christus sitzet und wo ihr auch sitzen sollt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Gott segne diese Worte um seines Namens willen. Amen.

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