Spurgeon, Charles Haddon - Familienreform; oder: Jakobs zweiter Besuch zu Bethel.

„Und Gott sprach zu Jakob: Mache dich auf, und ziehe gen Bethel, und wohne daselbst.“ 1. Mose 35. 1.

Es gibt kritische Zeiten in den meisten Familien: Zeiten, wo viel Entschiedenheit des Charakters von seiten des Vaters nötig ist, um die Sachen richtig zu leiten. Man sagt, es sei ein Skelett in jedem Hause, und wenn das, so möchte ich hinzufügen, daß gelegentlich der ruhelose Geist den Haushalt zu stören anfängt und gebannt werden muß. Es gibt Zeiten, wo das Böse in den Herzen der Kinder und in der Natur der Eltern besonders thatkräftig wird und Schwierigkeiten und Verlegenheiten veranlaßt, so daß, wenn ein falscher Weg eingeschlagen würde, das furchtbarste Unheil entstände; und doch, wenn Gnade in den Herzen einiger oder aller Familienglieder ist, kann eine starke und fromme Hand am Helm des Schiffes es tapfer durch die Brandung steuern und es sicher aus den Gefahren herausbringen, so daß es seine Reise künftig weit glücklicher fortsetzt. Nun, eine solche Krisis war in Jakobs Familie eingetreten: die Sachen waren in einen traurigen Zustand geraten, und etwas mußte gethan werden; alles schien aus dem Geleise gekommen, und die Dinge konnten nicht länger so bleiben, wie sie waren. Das Ganze war in Unordnung, und drohte noch schlimmer zu weiden. Selbst die Heiden draußen begannen den schlechten Geruch der zerrütteten Familie Jakobs zu spüren, und die eine Wahl war: wenden oder enden.

Das Haupt der Familie mußte einen festen Standpunkt einnehmen. Es mußte eine Reform im Hause sein und eine Belebung der Religion in der ganzen Familie. Wenn ihr es bemerkt, Jakob selbst war auf schlechtem Wege. Seine Sache war es, in Kanaan ein bloßer Pilger zu bleiben, der in Zelten wohnte, nicht einer von dem Volke, sondern unter ihm umherziehen und zu bezeugen daß er auf „eine Stadt wartete, die einen Grund hat, welcher Baumeister und Schöpfer Gott ist.“ Er erwartete, das Land zu ererben, aber für jetzt sollte er ein Fremdling und Pilger sein, wie seine Väter Abraham und Isaak es gewesen. Doch in Suchoth, lesen wir, baute er Hütten — kaum Häuser, nehme ich an, aber mehr als Zelte. Es war ein Kompromiß, und ein Kompromiß ist oft schlimmer, als ein direkter und offener Ungehorsam gegen das Gebot. Er wagt nicht, ein Haus zu errichten, aber er baut eine Hütte, und zeigt so sein Verlangen nach einem ansässigen Leben; und obgleich es nicht unsre Sache ist, den Ankauf des Landes in Sichem zu richten, so sieht es doch ähnlich aus. Jakob versucht, eine Ruhestätte zu finden, wo Abraham und Isaak keine hatten. Ich will nicht zu bestimmt sprechen, aber des Patriarchen Handlungen haben den Anschein, als wenn er wünschte, ein Haus für sich zu finden, wo er ruhen könnte und auf freundschaftlichem Fuße mit den Einwohnern des Landes zu sein. Nun, der Herr, sein Gott, wollte es nicht so haben. Die erwählte Familie sollte nach dem göttlichen Ratschlüsse allein wohnen und einen eigentümlichen, abgesonderten Wandel führen. Der Same Abrahams war verordnet, im höchsten Sinne ein nonkorformistischer Stamm, ein Geschlecht von Separatisten zu sein. Ihr Gott wollte, daß sie ein besonderes Volk wären, ganz getrennt von allen Völkern, unter denen sie wohnten; und das mußten sie sein, aber die Neigung, ihren Nachbarn gleich zu werden, zeigte sich sehr deutlich in Jakobs Familie.

Der Zauber von Esaus Größe hatte ohne Zweifel Einfluß auf Jakobs Angehörige gehabt: sie hatten, vom Patriarchen selber bis hinab zum jüngsten Kinde, sich sehr willig geneigt vor „meinem Herrn Esau,“ und die dargebrachte Huldigung war nicht ohne ihre Wirkung geblieben. Jenes Neigen war eine Handlung, die wir von manchen Gesichtspunkten aus nicht verurteilen können, aber es war kaum geziemend für einen, der ein Fürst bei Gott war. (1 Mose 32, 28: „Als ein Fürst hast du Macht bei Gott und bei Menschen und bist obgelegen,“ engl. Übers.) und erwählt von dem Höchsten; und die Wirkung davon konnte nicht veredelnd sein. Die Söhne scheinen sehr gern dem profanen Esau Huldigung dargebracht zu haben, obgleich sie nicht kleine Kinder, sondern junge Männer waren; sie neigten sich vor ihrem vornehm aussehenden Onkel mit seiner großen Kriegerschar, und waren vielleicht geblendet vom Zauber eines so kriegerischen Gliedes der Familie, dessen Söhne Fürsten und Große im Lande waren. Es gab den Hirten mehr Gewicht, zu fühlen, daß sie mit einem großen Häuptling verwandt seien. Nun, da sie nach Sichem gekommen und ihr Vater da ein Stück Land gekauft und Hütten gebaut hatte, fühlten sie sich von einiger Bedeutung und mußten Hingehen und Besuche machen, denn jedermann liebt Umgang. Und nun kommt das Unheil. Jakobs einzige Tochter muß einen Besuch beim Fürsten des Landes machen. Die Tochter Israels wird eingeladen zu den Tänzen und Gesellschaften der höchsten Kreise des Landes. Der Vater drückt möglicherweise ein Auge dabei zu, und die Brüder helfen, und treiben dazu an. Sie ist oft in dem Wohnort des Sichem, des feinen, jungen, hevitischen Prinzen, eines sehr respektablen Herrn in der That, mit schönem Haus und Ländereien; aber da kommt eine böse Sache, die nicht genannt werden kann. Darauf stürzen ihre Brüder sich in ihrem heißen Zorn in eine Sünde, die ganz so böse war, wie Sichems Verbrechen; als Schadenersatz für ihrer Schwester Befleckung erschlagen sie mit feiger Verräterei alle Einwohner der Stadt und bringen so die Schuld des Mordes auf eine Familie, die da hätte „Heiligkeit des Herrn“ sein sollen.

Kinder Gottes können sich nicht ohne Unheil mit der Welt verbinden. Die Welt thut uns Schaden und wir ihr, wenn wir einmal beginnen, von der Welt, und ihr gleich zu sein. Es ist eine unpassende Partie. Feuer und Wasser waren nie bestimmt, sich miteinander zu vermischen. Der Same des Weibes darf sich nicht mit dem Samen der Schlange verbinden. Als die Söhne Gottes nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren, und zu Weibern nahmen, welche sie wollten, da kam die Sündflut und raffte die Bevölkerung der Erde dahin. Sehr viel Übel entsteht daraus, wenn man zusammenfügt, was Gott geschieden hat. Die Leichen der Sichemiten und der Zorn aller, die von der faulen That hörten, waren die direkte Folge des Versuches, Israel mit Kanaan zu verbinden. Und nun ist Jakobs Haus voller Furcht, und der alte Mann selber — ein großartiger Mann und ein Gläubiger, aber sehr weit davon entfernt, vollkommen zu sein — ruft seinen Söhnen zu in großer Traurigkeit: „Ihr habt mir Unglück zugerichtet, daß ich stinke vor den Einwohnern dieses Landes, den Kananitern und Pheresitern; und ich bin ein geringer Haufe. Wenn sie sich nun versammeln über mich, so werden sie mich schlagen. Also werde ich vertilget samt meinem Hause.“ Hierauf erwiderten die Söhne nur: „Sollten sie denn mit unsrer Schwester als mit einer Hure handeln?“ — sie nahmen diesen Verweis in rauher Art auf und zeigten durchaus kein Gefühl der Scham. Sie scheinen nicht die schlimmsten seiner Söhne gewesen zu sein, und doch war ihre Wut und ihre Grausamkeit entsetzlich; und als ihr Verbrechen ihnen vorgehalten ward, rechtfertigten sie es. Elend war in der That der Zustand von Jakobs Hause!

Diese Familie war schlecht eingerichtet vom ersten Anfang an. Die Schrift brauchte die Vielweiberei nicht mit den Worten zu verurteilen, weil die Proben, die sie davon gibt, alle so gründlich schlecht sind, daß niemand daran zweifeln kann, daß die Sache, auch in ihrer mildesten Form, von Grund aus lasterhaft ist. Sie hatte viel Anstößiges zur Folge bei Jakob. Sein Weib Rahel, die er so sehr liebte, hatte, fürchte ich, in der Familie den Götzendienst in Form der Teraphim, oder Symbolverehrung eingeführt. Sie hatte dies von ihrem Vater Laban gelernt und setzte es im geheimen fort; und wenn Jakob es halb und halb wußte, so mochte er ihr, seinem Liebling, der Königin seines Herzens, doch nichts sagen. Jene glänzenden Augen, die ihn vor Jahren so entzückt hatten, wie konnte er sie durch Thränen trüben? Die Kinder Leas standen auf ihrer Mutter Seite, die Söhne der Mägde nahmen für diese Partei, und das verursachte oft Not. Die vielen Mütter der Familie gaben Anlaß zu Schwierigkeiten und Verwirrungen aller Art, so daß der Haushalt schwer einzurichten und in Ordnung zu halten war. Er war nicht, was ein gläubiger Haushalt sein sollte, und es ist nicht zum Verwundern, daß die Sachen so gründlich schief gingen, daß es schien, als wenn sogar das Salz dumm würde, und der gute Same stürbe, ehe er in die Erde gesäet werden und Frucht tragen konnte. Ein Halt mußte gemacht werden. Etwas mußte gethan werden, und Jakob mußte es thun. Der Herr tritt dazwischen und spricht mit Jakob, und da sein Herz aufrichtig an Gottes Geboten hing, so brauchte der Herr nur zu sprechen, und er gehorchte. Die Zügel wurden straff angezogen, er mußte nachsehen, wie die Sachen standen, und sein Haus in Ordnung bringen, und er that es mit jener Entschlossenheit des Charakters, die an Jakob hervortritt, wenn er in die Enge getrieben wird, die aber zu andren Zeiten nicht wahrzunehmen ist.

Wir wollen heute diesen Vorfall betrachten, und möge Gott geben, daß wir mit Hilfe seines Heiligen Geistes darin praktische Lehren finden, für uns selber und für unsre Familien. Bemerkt zuerst, was, nachdem Gott Jakob erschienen war, zu thun war, zweitens, was während des Thuns geschah, und drittens, was darauf folgte.

I. Zuerst also, was war zu thun?

Das erste war eine entschiedene Abkehr. Gott sprach zu Jakob: „Mache dich auf, und ziehe gen Bethel, und wohne daselbst.“ Du mußt hinwegeilen von Sichem, mit seinen fruchtbaren Ebenen, und eine Bergreise gen Bethel machen und dort wohnen. Du bist lange genug in der Nähe dieser Sichemiten gewesen; Unheil ist daraus entstanden, daß du so gute Freundschaft mit der Welt hattest. Du mußt einen Graben ziehen zwischen dir und den Verbindungen, die du angeknüpft hast, und du mußt hinauf nach Bethel ziehen und dort eine Weile bleiben. Ja, dann und wann, liebe Brüder und Schwestern, werden wir es nötig finden, zu uns und unsrer Familie zu sagen: „Wir müssen von den Weltlingen ausziehen, wir müssen abgesondert sein. Wir schließen Verbindungen, die uns schädlich sind, und müssen die trügerischen Bande zerreißen. Wir geraten in Gewohnheiten und Sitten bei der Führung unsres Hausstandes, die nicht so sind, wie Gott sie billigen würde. Wir thun dieses, um uns die Gunst des einen zu sichern, und thun jenes, um der Mißbilligung des andren zu entgehen, und wir wandeln nicht aufrecht vor dem Herrn, und deshalb, um wieder festen Ankergrund zu bekommen, müssen wir ganz weggehen und nach Bethel ziehen, nach dem Ort, wo Gott uns zuerst erschien. Wir müssen zu diesem ersten Begegnungsort zurückkehren und unsren Herr wieder finden, koste die Reise, was immer: obwohl einige es als ein Kreuz empfinden mögen, müssen wir doch wieder anfangen und nach der alten Weise handeln. Zurück zu unsrem alten Puritanismus und unsrer Genauigkeit müssen wir kommen und unsre Gelübde erneuern. Laßt uns ganz weggehen von aller Weltlichkeit, und zum Bethel der Absonderung gelangen und Gott wiederum nahen. Habt ihr nie gefunden, Geliebte, wenn ihr sehr tief in Geschäften oder viel in der Welt gewesen seid, daß euer Herz beginnt, sich krank zu fühlen, und daß ihr ruft: „Es geht nicht, ich muß hier heraus; ich muß in eine heilige Einsamkeit mich zurückziehen und etwas ruhige Gemeinschaft mit Gott genießen?“ Habt ihr nicht in betreff eurer Familie zuweilen gefühlt: „Wir dienen dem Herrn nicht recht, wir werden nicht heiliger oder hingebender, alles scheint bergab zu gehen. Wir müssen nach der andren Seite steuern. Wir müssen im Namen Gottes diesem Sinken Einhalt thun, sonst können wir nicht auf seinen Segen hoffen.“ Ich weiß, daß ihr in solche Lage gekommen seid und euch entschlossen habt, einen entschiedenen Schritt zu thun. Möge der Herr uns allen helfen, wenn wir klar sehen, daß etwas zu thun ist. Mögen wir Gnade haben, sündiges Zaudern zu enden, und auf alle Gefahr hin die Hand auf Bessern legen.

Nun mußten sie alte Erinnerungen neu beleben. „Ziehe gen Bethel, und wohne daselbst, und mache daselbst einen Altar dem Gott, der dir erschien, da du flohest vor deinem Bruder Esau.“ Eine Neubelebung alter Erinnerungen ist uns oft sehr nützlich, besonders das Andenken an unsre Bekehrung neu zu beleben. Die Erinnerung an die „Liebe der Verlobung, da wir dem Herrn in die Wüste folgten“ und ganz zufrieden waren, voll allen verleugnet und verkannt zu werden, wenn wir nur in seiner Nähe weilen durften — diese Erinnerung ist sehr wohlthätig für uns. Es ist gut, jener heiligen Stunde zu gedenken, wo wir zum erstenmal einen Hausaltar errichteten und mit unsren Lieben uns vor dem Herrn beugten; da fühlten wir, daß der abgesonderte Platz ein sehr lieblicher sei, und wir waren recht froh, ganz von der Welt wegzugehen und mit Christus und in Christus und für Christus und wie Christus zu leben. Wir können nicht umhin, zu erröten, wenn wir jener ersten Tage gedenken. Wir dachten nicht, daß wir soweit hinter unsrem Ideal zurückbleiben würden. Laßt also die Erinnerung an Bethel über uns kommen, damit wir an die Freundlichkeit des Herrn gedenken und über unsre geistliche Abnahme trauern. Singt ihr:

„Vater, ich bin irr' gegangen,
Komm doch wieder hin zu Dir
Mit ganz sehnlichem Verlangen.
Vater, gib, ach, gib doch mir
Wieder, was verloren ist,
Weil Du ja mein Vater bist.“

Dann müßt ihr zurückkehren zu den ersten Stunden der Gemeinschaft. Wo ihr eure Freude verloren habt, werdet ihr sie finden, denn sie bleibt, wo ihr sie ließet. Wenn ihr das Betkämmerlein vernachlässigt habt, wenn ihr aufgehört habt, im Worte Gottes zu forschen, wenn ihr vom Wandel in Christi Nähe abgewichen seid, und wenn ihr und eure Familien in einen so niedrigen Zustand gesunken seid, daß Fremde, die hineinblicken, kaum wissen, ob euer Haus ein gottesfürchtiges sei oder nicht — wenn es so ist, dann geht trauernd und seufzend nach Bethel zurück und betet, daß die alten Empfindungen in euch neu belebt werden. Gott gebe, daß es geschieht. Und mögt ihr dann dahingebracht werden, zu rufen: „Wie konnte ich so weit von dem lebendigen Gott abweichen? Wie konnte ich so thöricht sein, so herumzustreifen, während ich noch jetzt hätte in Frieden ruhen können, wenn ich in Gottes Nähe gelebt hätte?“ Dies also war das Werk, das Jakob zu thun hatte, zuerst eine entschiedene Abwehr, und zweitens ein Neubeleben alter Erinnerungen: habt ihr einen Ruf zu gleicher Handlungsweise? Wenn das, so sehet wohl zu.

Aber nun ferner, Jakob mußte ein altes Gelübde erfüllen. Ich erinnere mich nicht genau, wie viele Jahre dies Gelübde alt war, aber ich nehme an, ungefähr dreißig oder so; dennoch hatte er es nicht erfüllt. Er war viel jünger, da er niederkniete und sprach: „So Gott wird mit mir sein usw.,“ „und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Mal, soll ein Gotteshaus werden;“ und er hatte dieses Gelübde vergessen, oder wenigstens hatte er es nicht erfüllt an diese Jahre lang. Seid sehr langsam, Gelübde zu thun, Brüder — sehr langsam. Sie sollten nur sehr selten dargebracht werden, weil ihr so wie so schon verpflichtet seid, alles, was ihr könnt, für Gott zu thun; und ein Gelübde ist oft ein Überfluß an Aberglauben. Aber wenn das Gelübde gethan ist, so laß es nicht über seine Zeit hinaus warten und dich bei deinem Gott verklagen. Ein altes und vergessenes Gelübde wird faulen und in deinem Herzen ernste Beunruhigung erzeugen; zuerst wird es an deinem Gewissen nagen, und wenn dein Gewissen zuletzt hart wird, so werden andre deiner Kräfte denselben Versteinerungsprozeß erleiden. Überdies, ein vergessenes Gelübde wird dir Züchtigung bringen, und vielleicht wird die Rute auf deine Familie fallen. Die Verbindung zwischen Jakobs Nicht-nach- Bethel-Gehen und dem Unheil, das seiner Tochter Dina widerfuhr, und der Sünde seiner Söhne Simeon und Levi mag nicht deutlich zu verfolgen sein, aber ich bin überzeugt, daß eine solche Verbindung da war, — die Unterlassungssünde des Vaters führte zu den Begehungssünden der Söhne. Mit den Sünden seiner Kinder züchtigte der Herr Jakob für den Bruch seines Versprechens! Beachtet, daß der Herr Jakob nicht an sein Unrecht erinnert, noch ihn dafür schilt, aber Er bringt ihn in eine Lage, in der er sich selbst daran erinnern wird. Es ist so milde — ich hätte fast gesagt, so höflich von unsrem Gott; Er ist so milde, so sanft, daß Er lieber wollte, sein Knecht sollte selbst an das Gelübde denken, als daß es ihm deutlich in Worten gesagt würde. Seht also, Jakob ist verbunden, zu gehen und nach seinem feierlichen Gelöbnis zu thun. Nun, lieber Freund, es mag sein, daß ein Teil dessen, was du und ich zu thun haben, um unsre Familien in die rechte Ordnung zu bringen, ist, an etwas zu gedenken, wovon wir vor Jahren sagten, daß wir es thun wollten, aber es nicht gethan haben. Wir haben die Fähigkeit dazu schon lange gehabt, aber es hat an der Willigkeit gefehlt; laßt uns jetzt uns aufraffen und unser Gewissen in dieser Sache erleichtern. Gott allein weiß davon: laßt nicht diese geheime Sache in unsrem Herzen liegen und schwären und den Heiligen Geist betrüben. Ich spreche, glaube ich, sehr ins Herz hinein zu einigen meiner Hörer. Vielleicht ist die Botschaft deutlich genug und ich thue besser, nicht mehr davon zu sagen, sondern es euren Herzen zu über lassen, sich an vernachlässigte Versprechungen zu erinnern.

Es erschien dann zunächst Jakob notwendig, wenn er sein Gelübde erfüllen sollte, sein ganzes Haus zu reformieren; denn er konnte nicht dem Herrn dienen und andre Götter verehren. Er sagte zu allen, die mit ihm waren — zu seinen Söhnen zuerst und dann zu seinen gemieteten Knechten und den übrigen: „Thut von euch die fremden Götter, so unter euch sind.“ Ja, dahin muß es kommen. Wenn ich zu meiner alten Stellung zu Gott zurückkehren soll, muß ich meine Götzen zerbrechen.

„Ist etwas, das ich neben Dir
In aller Welt sollt' lieben,
So nimm es hin, bis nichts in mir,
Als Du sei überblieben.“

Die Götzen der Familie: die Thaten und Handlungen der jungen Leute, welche Gott betrüben, das Thun der Älteren, das nicht vereinbar ist mit dem Glauben an Jesum, die bösen Launen, denen man freien Lauf gelassen, die Teilung des Herzens, die in der Familie entstanden, und alles, was sündig und unliebenswert ist, muß fort, wenn wir wieder in den rechten Stand zurückkehren sollen. Es muß ein allgemeines Zerbrechen und Begraben der Götzen da sein, sonst können wir den Gott von Bethel nicht verehren.

Und darauf sprach er: „und reiniget euch.“ Es sollte ein allgemeines Waschen stattfinden, das eine Reinigung des Herzens bedeuten sollte, indem man bußfertig zu Gott kam und Vergebung suchte. Jakob sagte auch: „Ändert eure Kleider.“ Dies war ein Sinnbild einer gänzlichen Erneuerung des Lebens, obwohl ich fürchte, sie wurden nicht alle erneuert. Jedenfalls ist es das, was durch das Ändern der Kleider abgebildet werden sollte. Ach, es ist leichter, dies zu unsren Familien zu sagen, als sie dahin bringen, es zu thun. Und wundern wir uns dessen? Da es doch so viel leichter für uns selbst ist, es zu sagen, als zu thun. Dennoch, Geliebte, wenn euer Wandel in Gottes Nähe sein soll, wenn ihr mit dem Gott von Bethel Gemeinschaft haben sollt, so müßt ihr gereinigt werden. Der Herr kann nicht Gemeinschaft mit uns haben, so lange wir in Sünden wandeln. „Was für Gemeinschaft hat Christus mit Belial?“ Die Sünde muß abgethan werden. Der beste Gläubige, der lebt, muß seine Füße waschen, wenn er sich Gott nahen soll, wie er es vorzeiten gethan hat. Alles dieses mußte Jakob unternehmen, Und für ihn, der so lax in seinem Hause geworden, war es nichts Geringes, seinen Mut zusammenzuraffen, und zu Rahel und ihnen allen zu sagen: „Thut von euch die fremden Götter, so unter euch sind, und reiniget euch, und ändert eure Kleider.“ Wohlan, das weitere und letzte, was sie zu thun hatten, war, einen besonderen Gottesdienst zu feiern. „Lasset uns auf sein und gen Bethel ziehen, daß ich daselbst einen Altar mache dem Gott, der mich erhöret hat zur Zeit meiner Trübsal, und ist mit mir gewesen auf dem Wege, den ich gezogen bin.“ Wenn wir auf unrechte Wege kommen und fühlen, daß eine entschiedene Änderung stattfinden muß, so müssen wir besondere Zeiten der Andacht ansetzen. Wir müssen zu unsrer Seele sagen: „Seele, Seele, du hast in letzter Zeit so wenig Nahrung gehabt. Diese deine Magerkeit kommt von dem Versäumen geistlicher Feste. Komm, du mußt dich demütigen; du mußt dich vor Gott tief beugen, und dem Herrn mit Ehrfurcht nahen und Ihn bitten, dich mit seiner Gegenwart zu erquicken. Du mußt mehr Zeit dazu ansetzen, um dich von Christo und seinem Worte zu nähren, und nie ruhig sein, bis du wieder voll Gnade und voll des Heiligen Geistes wirst.“ In Familien ist es oft gut, wenn man sieht, daß die Sachen verkehrt gehen, die Hausgenossen zusammen zu rufen und zu sagen: „Wir müssen uns Gott mit besonderem Ernste nahen, denn wir gehen irre. Wir haben die Hausandacht nicht aufgegeben, aber wir müssen sie nun speziell mache und mit doppeltem Eifer Gott nahen.“ Ich fürchte, einige von euch vernachlässigen die Hausandacht. Wenn ihr es thut, so bin ich gewiß, es wird Böses in eurem Haushalt bewirken. Die Sitte der Hausandacht ist die Burg des Protestantismus. Es ist das große Bollwerk gegen alle Angriffe einer Priesterkaste, die ihre Tempel errichtet, und uns befiehlt, dort zu beten, und mit ihren Gedanken zu beten. Nein, unsre Häuser sind Tempel und jeder Mann ist ein Priester in seinem eignen Hause. Dies ist eine eherne Mauer der Verteidigung gegen Aberglauben und Pfaffentum. Hausandacht ist die Nahrung der häuslichen Frömmigkeit, und wehe denen, die sie aufhören lassen. Ich las neulich von Eltern, die sagten, sie könnten keine Hausandacht haben, und jemand that die Frage: „Wenn ihr wüßtet, daß eins der Kinder krank würde durch Versäumung der Hausandacht, würdet ihr sie dann nicht halten? Wenn eins der Kinder jeden Morgen, wo ihr das Gebet unterließet, vom Fieber ergriffen würde, wie dann?“ O, dann würden wir sie halten. „Und wenn es ein Gesetz gäbe, daß ihr fünf Mark Buße bezahlen solltet, wenn ihr nicht zum Gebet zusammenkämt, würdet ihr Zeit dazu finden?“ Ja. „Und, wenn hundert Mark allen gegeben würden, die Hausandacht hielten, würdet ihr nicht auf irgend eine Weise es so einrichten, daß ihr sie hättet?“ Ja. Und der Fragende fuhr weiter mit noch andren Fragen fort, und schloß zuletzt: „Dann ist es nur eine leere Entschuldigung, wenn ihr, die ihr euch als Diener Gottes bekennt, sagt, daß ihr keine Zeit und Gelegenheit zur Hausandacht habt!“ Sollten eitle Entschuldigungen Gott seiner Ehre und unsre Familien eines Segens berauben? Beginnt, mit eurer Familie zu beten, und besonders, wenn etwas ins unrechte Geleise gekommen ist, bringt es wieder ins rechte, dadurch, daß ihr euch Gott noch bestimmter nahet. Hörte ich euch sagen: „Wir wollen keine Formalisten sein.“ Nein, mir ist nicht bange, daß ihr es werdet. Mir ist bange, daß ihr etwas vernachlässigt, das zum Wohle eures Hauses und zu eurem eignen geistlichen Wachstum dient, und deshalb bitte ich euch, vertraget euch mit Gott, und habet Frieden. Nahet euch dem Herrn wiederum, gründlicher, als ihr es zuvor gethan, denn dies ist die einzige Weise, von der man annehmen darf, daß dadurch die Rückfälle voll einzelnen wie von Familien zurechtgebracht werden. Gott gebe diesen Worten seinen Segen durch die Kraft des Heiligen Geistes.

II. Und nun komme ich zu meinem zweiten Punkt. — Was geschah, während es gethan ward?

Wohl, manche Dinge geschahen, und ein oder zwei davon waren überraschend. Das erste war, daß alle von Herzen auf das Werk der Reform eingingen. Ich bin sicher, daß sie es thaten, weil der vierte Vers sagt: „Da gaben sie ihm alle Götter, die unter ihren Händen waren“ — alle — „und ihre Ohrenspangen.“ Er hatte nichts von Ohrenspangen gesagt. War irgend etwas Schädliches in ihren Ohrringen? Wenn eine Frau einen Ohrring trägt, das ist nicht etwas so Schreckliches, nicht wahr? Vielleicht nicht, aber ich setze voraus, daß diese Ohrringe Zaubermittel waren und bei gewissen Beschwörungsformeln und heidnischen Sitten gebraucht wurden. Es muß für Jakob, der selbst dergleichen nicht hätte ertragen können, eine sehr traurige Entdeckung gewesen sein, zu finden, daß gottloser Aberglaube in seine Zelte eingedrungen war und durch seine Nachsicht bei den Teraphim. Das Übel hatte im geheimen Fortschritte gemacht, und obwohl geargwöhnt, war es doch nicht wirklich unter Jakobs Augen. Ich vermute, er war nicht ganz gewiß, daß die Teraphim im Zelt waren, und wollte nicht ganz gewiß sein, weil es ja Rahel war, die sie hatte, und sie — nun, sie war Rahel — und ihre Erziehung war so verschieden von der seinigen gewesen, daß er vielleicht dachte, er müßte sie in diesem Punkte nicht zu sehr drängen. Vielleicht sagte er zu sich selber: „Wenn ich mit ihr spreche, scheint sie durchaus nicht abgöttisch; ich glaube, sie ist eine fromme Frau, und ich muß daran denken, wie sie erzogen ist, und da sie aus einer hochkirchlichen Familie stammt, muß ich ihr ihre kleinen Symbole lassen; ich weiß nicht bestimmt, daß sie einen Teraph hat; ich habe ihn nie wirklich gesehen,“ — aber er war da und er war der Kern, um den sich der Aberglaube herum bildete. Sie und ihre Umgebung waren von dem Aberglauben der Heiden angesteckt worden, und diese Ohrringe waren die Anzeichen ihres abergläubischen Gefühls, wenn nicht die Werkzeuge der Wahrsagerei.

Nun, sobald Jakob spricht, geben sie alle ihre Götzen und ihre Ohrringe hin. Dies gefällt mir. Es ist eine gesegnete Sache, wenn ein Mann Gottes einen festen Standpunkt einnimmt, und spricht, und findet, daß seine Familienglieder alle bereit sind, zu folgen. Vielleicht war es die Furcht, in der sie gerade damals waren, die Furcht vor den umwohnenden Völkern, die sie so gehorsam machte. Ich bin nicht gewiß, daß es ein Werk der Gnade war; aber doch, so weit es den äußeren Anschein betraf, gaben sie willig alles auf, was den Herrn betrübt haben konnte. Und ihr werdet euch zuweilen freuen, christliche Freunde, wenn die Sachen verkehrt gegangen sind, und ihr entschlossen seid, sie zurecht zu bringen, zu sehen, wie andre eurer Entschlossenheit nachgeben. Ihr solltet hieraus Mut schöpfen. Vielleicht wird gerade derjenige, den ihr am meisten fürchtetet, am bereitwilligsten sein, nachzugeben, und am eifrigsten, zu helfen. Du bist bange vor Rahel gewesen, aber sie hat solche Liebe für dich, daß sie alles für dich thut und sogleich ihre Teraphim hingibt. Die Söhne, die so rauh gegen dich waren, als du in deinem eignen Namen und von dir selber sprachst und sagtest: „Ihr habt nur Unglück zugerichtet“ usw., werden sehr viele anders antworten, wenn du in Gottes Namen sprichst. Es wird eine solche Kraft mit dem Worte Gottes sein, daß sie freiwillig und von Herzen nachgeben werden. Sie thaten es hier in diesem Falle. Alle gaben ihre Götzen auf, und begruben sie in der Erde unter der Eiche. Wollte Gott, ein Tag käme für das alte England, wo alle Kruzifixe und Priestergewänder, und alle Symbole und Embleme des Aberglaubens unter einer großen, alten Eiche des Evangeliums begraben würden, um nie wieder ausgegraben zu werden. Wenn wir dies nicht bei dem Volke sehen, wollen wir es wenigstens in unsren eignen Häusern uns sichern.

Ein andrer Umstand ereignete sich nämlich, daß ihm Schutz gewährt wurde, unmittelbar und vollständig. „Sie zogen aus. Und es kam die Furcht Gottes über die Städte, die um sie her lagen, daß sie den Söhnen Jakobs nicht nachjagten.“ Auf ihrem Wege lagen sehr viele Städte, sie waren fest davon umschlossen, und die Leute hätten herauskommen und den kleinen Stamm Israels in Stücke hauen können, aber eine Botschaft war von dem Herrn der Heerscharen ergangen: „Tastet meine Gesalbten nicht an, und thut meinen Propheten kein Leid;“ und so reisten sie in Sicherheit. „Wenn jemandes Wege dem Herrn wohlgefallen, so macht Er auch seine Feinde mit ihm zufrieden;“ und nun, da Jakob entschlossen war, alles in das rechte Geleise zu bringen, wandelt er, ohne daß ihm etwas zu Leid geschieht. Ihr wißt nicht, wieviel persönliche Not, die ihr jetzt zu tragen habt, aufhören wird, sobald ihr euch erschließt, fest zu Gott zu stehen. Ihr wißt nicht, wieviel Schwierigkeiten in der Familie, die euch jetzt mit Furcht erfüllen, verschwinden werden, wenn ihr selber den Herrn gefürchtet habt und entschieden und entschlossen aufgetreten seid, um das Rechte zu thun. Keine Gefahr soll dem Mann nahen, der mit Gott wandelt, denn mit einem solchen Gefährten atmet die Malaria Gesundheit, und Flüche werden Segen; aber ihr wißt nicht, wohin ihr geht, und in welche dichten Wälder ihr euch stürzt, wenn ihr einmal den Herrn verlaßt und seinem Sinne zuwider wandelt. Der Herr dein Gott ist ein eifersüchtiger Gott, und wenn du nicht seine Eifersucht ehrst, und vor Ihm mit heiliger Furcht wandelst, so wirst du seinen Zorn fühlen müssen. Weil Er „aus allen Geschlechtern auf Erden euch allein erkannt“ hat, gerade darum will Er euch auch heimsuchen in eurer Missethat. Dieser Plage der Übel wird gewehret werden, wenn ihr eure Götzen abthut, aber nicht eher.

Ferner ward das Gelübde vollzogen. Sie kamen nach Bethel, und ich könnte fast die dankbare Freude Jakobs malen, als er auf jene großen Steine blickte, unter denen er sich zum Schlafen niedergelegt hatte, ein einsamer Mann. Vielleicht suchte er noch den Stein aus, der sein Kissen gewesen war; wahrscheinlich stand er noch aufrecht als Teil des Mals, das er zum Gedächtnis der Güte Gottes und des Gesichtes, das er gesehen, errichtet hatte. Es war viel Bedauern, viel Bekennen, viel Danken zu Bethel. „Mit meinem Stab kam ich an diesen Ort, und nun bin ich zwei Heere geworden. Seht her, meine Söhne, sieh' Rahel! Seht alle her: dies ist die Stelle, wo ich mich niederlegte, als ich vor Esau floh mit nichts als meinem Stab und meiner Reisetasche, und wo der Herr mir erschien; und Er hat mich mein ganzes Leben lang behütet. Kommt, helft mir, die unbehauenen Steine aufeinander zu legen, um einen Altar zu machen; und dieser große Stein, seht, wir wollen Öl oben darauf gießen, und wir wollen zusammen lobsingen dem Gott des Hauses Gottes, dem Gott, der ein Haus für sein Volk ist, dem Gott, der einen Haushalt hat, von dem wir einen Teil bilden, dem Gott, unter dessen Flügeln wir Zuflucht suchen.“ Ich zweifle nicht, daß Jakob und sein Haus eine sehr glückliche Zeit zu Bethel verlebten, wo Trauer die Dankbarkeit milderte, und Freude die Buße versüßte, wo jede heilige Leidenschaft in des Patriarchen Seele ihren Ausdruck fand und sich vor dein Herrn ergoß. Er dachte der Vergangenheit, freute sich der Gegenwart, und hoffte für die Zukunft, denn nun war er dahin gekommen, mit Gott zu sein und sich Ihm zu nahen.

Aber was geschah sonst noch? Nun, es kam ein Tod und ein Begräbnis, Debora, der Rebekka Amme, starb. Und wir haben selbst alte Dienerinnen gehabt, nicht wahr, die wie fleißige Bienen in unsrem Haushalte gewesen sind? Die alte, liebe Debora wartete unsre Mutter, und wartete uns und ist noch stets willig, unsre Kinder zu warten. Jetzt wächset die Art von Dienern nicht mehr, sagt man mir. Ich fürchte, dieselbe Art von Herren und Herrinnen wachset nicht mehr, die wir in früheren Jahren zu haben pflegten. Ich bin dessen nicht gewiß, aber ich glaube, wenn es mehr Rebekkas gäbe, würden mehr Deboras sein. Ich denke, im allgemeinen werden wir ungefähr ebenso gut behandelt, wie wir andre behandeln, und man gibt uns meist dasselbe Maß in unsren Schoß, das wir selbst ausmessen. Es mögen Ausnahmen sein, und es sind solche, aber dies ist die allgemeine Regel. Wohl, die liebe, alte Debora hatte Labans Haus verlassen und war mit Jungfrau Rebekka gegangen, als sie in das ferne Land zog, um verheiratet zu werden; und sie hatte die beiden Knaben ihrer Herrin, Esau und Jakob, in ihre Obhut genommen, und ihr Herz hing an demselben Knaben, den die Mutter so sehr liebte, sie hatte »lit Rebekka getrauert, als er, nachdem er erwachsen, gezwungen war, aus seines Vaters Hause zu fliehen, um sein Leben zu retten. Ich kann nicht sagen, wann sie zu Jakob kam. Vielleicht schickte Rebekka sie zu dem Hause ihres Lieblingssohnes, weil sie dachte, es seien so viele in der Familie, daß jemand nötig wäre, um nach ihnen allen zu sehen — eine alte' und besonnene Person, um zwischen Jakob und die beständigen Mißhelligkeiten seines Hauses zu treten. Ohne Zweifel fand Jakob es oft angenehm, die gute, alte Seele zur Vertrauten in seinen Nöten, zu machen. Und nun stirbt sie, und sie begraben sie unter der Eiche, die sie die Klageiche nennen. Ist es nicht sonderbar, daß, wenn ihr versucht, besser zu werden, ein großer Schmerz kommt? Nein, es ist nicht sonderbar; denn ihr versucht, den alten Sauerteig auszufegen, und der Herr will euch helfen. Ihr versucht, alles mit Ihm in den rechten Stand zu bringen, und Er kommt und nimmt einen der Besten in eurem Hause hinweg, der euch am meisten half, einen der bewährtesten alten Christen, die ihr je gekannt, von dem ihr gewünscht hättet, er möge für immer leben, und Gott thut es nicht, um euch in eurer Arbeit zu hindern, sondern euch zu helfen. Er weiß es am besten; der Weinstock Israels brauchte gerade einen Schnitt mit dem Messer, um mehr Frucht zu tragen. Die gute Amme starb, als man ihrer am meisten zu bedürfen schien, aber es war besser für sie, jetzt zu sterben, als wenn sie geschieden wäre, da Dinas Schande und Simeons Verbrechen das Haus verdunkelt hatten. Es war besser, daß sie es erlebte, sie alle von Götzen gereinigt, und auf dem Wege zu ihrem alten Herrn Isaak zu sehen, denn nun fühlte sie, als ob sie sprechen könnte: „Nun lässest Du Deine Dienerin in Frieden fahren, wie Du gesagt hast, denn meine Augen haben Dein Heil gesehen.“ Die Moral des Zwischenfalls ist, daß der Herr die Hitze des Feuers vielleicht um so mehr verstärken wird, wenn Er den Läuterungsprozeß vor sich gehen sieht, und wir müssen das fernere Leiden als ein Zeichen der Liebe und nicht des Zorns annehmen, falls Er uns schwer schlägt, wenn wir redlich uns bemühen, sein Angesicht zu suchen.

III. Dies ist es, was geschah, während sie es thaten. Nun schließen wir mit dem dritten Teil, was darauf folgte.

All dieses Abthun der Götzen und das Ziehen nach Bethel — kam etwas daraus? Ja! Zuerst, es war eine neue Erscheinung Gottes da. Leset den neunten Vers. „Und Gott erschien Jakob abermal, nachdem er aus Mesopotamien gekommen war, und segnete ihn.“ Dies war eine neue Erscheinung Gottes. Einige von euch werden nicht verstehen, was ich sage, aber ich überlasse es denen, welche den Herrn kennen: es gibt Zeiten, wo Gott uns sehr nahe ist, ich wünschte, es wäre immer so; aber manche von uns können Epochen in unsrer geistlichen Geschichte bezeichnen, wo wir uns wunderbar bewußt waren, daß Gott uns nahe kam. Wir fühlten seine heilige Gegenwart, und waren froh. Der Herr schien uns in eine Felsenkluft zu stellen, und seine Herrlichkeit an uns vorübergehen zu lassen. Ich habe solche Zeiten gekannt. Wollte Gott, ich kennte sie häufiger! Es ist der Mühe wert, uns reinigen und läutern zu lassen und uns allein zu unterwerfen, um mit einem jener göttlichen Besuche begnadigt zu werden, in denen wir fast mit Paulus ausrufen möchten: „Ob in dem Leibe oder außer dem Leibe, ich weiß es nicht, Gott weiß es.“ Ein klarer Blick auf Gott in Christo Jesu und ein lebhaftes Gefühl von Jesu Liebe ist ein süßer Lohn für zerbrochene Götzen und Bethel-Reformationen.

Das Nächste, was darauf kam, war eine Bestätigung seines Fürstentitels, die der ganzen Familie eine Würde verlieh. Wenn der Vater ein Fürst ist, so adelt dies das ganze Geschlecht. Gott verleiht ihnen eine andre Würde und einen Adel, den sie vorher nicht gekannt hatten, denn ein heiliges Volk ist ein edles Volk. Ihr, die ihr in Gottes Gegenwart lebt, seid der Adel des Himmels. „Er hebet auch den Dürftigen aus dem Staube, und erhöhet den Armen aus dem Kot, daß Er ihn setze unter die Fürsten, ja, unter die Fürsten seines Volkes.“ Er macht sie zuerst zu Fürsten, und dann zu Fürsten der Fürsten, denn, wenn all die Seinen Fürsten sind, so folgt daraus, daß die, welche Fürsten unter seinem Volke sind, Fürsten unter den Fürsten sind. Der Herr verleiht hohe geistliche Würden denen, welche suchen, ihr Haus recht zu ordnen, und ihre Herzen rein und keusch vor Ihm zu erhalten. Solche Ehre haben alle Heiligen, welche dem Herrn völlig folgen. Gott helfe uns, in Jesu Nähe zu bleiben und tägliche Gemeinschaft mit Ihm zu genießen.

Und dann ferner wurde Jakob und seiner Familie eine große Verheißung gegeben, die in gewissem Grade eine Erweiterung der Verheißung war, die Abraham und Isaak früher gegeben war: „Ich bin der allmächtige Gott, sei fruchtbar und mehre dich; Völker und Völkerhaufen sollen von dir kommen, und Könige sollen aus deinen Lenden kommen.“ Ich erinnere mich nicht, daß zu Abraham etwas gesagt ward von Völkerhaufen oder von Königen, die aus seinen Lenden kommen sollten, aber aus den Lenden Israels, eines Fürsten, können Fürsten kommen. Gott gibt seiner Verheißung eine gewisse Frische der Weite und Unendlichkeit, nun Jakob sich Ihm genaht hat. Brüder, Gott wird uns keine neuen Verheißungen geben, aber Er wird die alten Verheißungen wunderbar neu aussehen machen. Er wird unser Gesicht erweitern, so daß wir sehen sollen, das wir nie zuvor sahen. Habt ihr je ein Gemälde gehabt, das vernachlässigt in einem Hinterzimmer hing? Kam euch eines Tages der Gedanke, es einrahmen und in gutem Lichte aufhängen zu lassen? Wenn ihr es dann an der rechten Stelle saht, rieft ihr da nicht aus: „O! ich beachtete das Bild früher nie. Wie wundervoll macht es sich nun!“ Und manche und manche Verheißung im Worte Gottes wird niemals von euch beachtet werden, bis sie in einen neuen Rahmen der Erfahrung gefaßt ist. Dann, wenn sie vor euren Augen aufgehängt ist, werdet ihr euch in Bewunderung verlieren. Die Sünde macht die Verheißungen den alten Gemälden gleich, die mit Schmutz überzogen sind. Wir müssen uns reinigen, und dann wird dies einer sorgfältigen Reinigung des Gemäldes gleichen, bei der keine der Farben leidet, sondern alle neuen Glanz erhalten. Gott wird seine Bibel euch als ein neues Buch erscheinen lassen. Ihr werdet Freude auf jeder Seite finden, und eure Seele wird vor Freuden tanzen, wenn ihr die großen Dinge seht, die Gott für euch bereitet hat, ja, und auch für eure Kinder, wenn sie in der Wahrheit wandeln, denn „unser und unsrer Kinder ist die Verheißung, und aller, die ferne sind, welche Gott, unser Herr, herzurufen wird.“ Dem Jakob wurde durch die neue Erscheinung das Erbe bestätigt, denn so lautet das Wort: „Das Land, das ich Abraham und Isaak gegeben habe, will ich dir geben, und will es deinem Samen nach dir geben.“ So, lieben Freunde, soll der ganze gesegnete Gnadenbund mit allem, was dazu gehört, deutlich und klar euer werden, wenn ihr nach Bethel geht und mit heiliger Entschiedenheit euch dem Herrn, eurem Gott, nahet.

Ich will euch nicht länger aufhalten, außer um zu sagen, daß ihr sehr vertrauliche Gemeinschaft erwarten könnt. Beachtet den dreizehnten Vers: „Also fuhr Gott auf von ihm, von dem Ort, da Er mit ihm geredet hatte“. Geredet mit ihm! Es ist ein so vertrauliches Wort. Gott mit Menschen redend. O, die Herablassung Gottes, wenn Er zu uns in vertraulichen Tönen von seiner großen Liebe in Christo Jesu spricht. Es gibt eine Art des Gesprächs mit Gott, die keine Zunge erklären kann. Nur diejenigen kennen sie, welche sie genossen haben. Brüder, es gibt eine Gemeinschaft mit Gott, von der eine große Zahl Christen gar keine Vorstellung hat. Er, der sich beugt, um das zu sehen, was im Himmel und auf Erden ist (Psalm 113, 6, engl. Üb.), wohnet bei den Demütigen. Götzen zerbrochen, und Kleider gewechselt, und Altäre gebaut, und die Seele in Gottes Nähe gehalten, dann ist „das Geheimnis des Herrn mit denen, so Ihn fürchten, und seinen Bund läßt Er sie wissen.“ Dies ist ein so unaussprechlich köstliches Gut, daß ich euch antreibe, es zu suchen, und mich selbst am meisten antreibe.

Das Kapitel schließt mit dem Tode Rahels, und so mag vielleicht, wenn wir Gott am nächsten sind, ein andres Leiden kommen. Die alte Überlieferung war, daß kein Mensch Gottes Angesicht sehen und leben könne. Dies war nicht wahr, aber es enthielt eine Wahrheit, denn kaum vermag ein Mensch in „den verborgenen Ort des Donners“ (Psalm 81, 8) einzugehen, und mit Gott Gemeinschaft zu haben ohne eine besondere Prüfung. Ja, so ist es, denn „unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ Er thut die Frage: „Wer ist, der bei der ewigen Glut wohnen möge?“ und die Antwort ist: „Wer Unrecht hasset samt dem Geiz, und seine Hände abziehet, daß er nicht Geschenkt nehme, wer seine Ohren zustopfet, daß er nicht Blutschulden höre rc., der wird in der Höhe wohnen.“ Wenn wir dahin kommen, bei Ihm zu wohnen, der Feuer ist, so heiß das Feuer brennen, und wir müssen es fühlen. Jene heilige Flamme wird vieles verzehren, was unser unheiliges Fleisch gern behielte, und es wird keine Glut da sein, ohne daß wir scharfe Pein und Schmerz erdulden. „Gottes Herd ist in Zion und sein Feuer in Jerusalem. Er wird die Söhne Levis läutern, wie das Silber geläutert wird.“ „Wer wird aber den Tag seiner Zukunft erleiden mögen? Denn Er ist wie das Feuer eines Goldschmiedes, und wie die Seife der Wäscher.“ Doch ist dies gerade, was wir wünschen, wenn wir im rechten Zustande sind. O, daß unsre Sündigkeit ganz verbrannt würde! - Leiden ist willkommen, wenn die Sünde nur überwunden wird. Sogar Rahel mag sterben, wenn Jesus desto mehr in uns lebt. Herr, gib uns Gnade und Deine Gegenwart, selbst wenn wir infolge davon tausendmal durch den Feuerofen gehen müssen. Höre uns, um Jesu willen. Amen.

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