Spurgeon, Charles Haddon - Die Fürbitte

„Denn ich bete stets, daß sie mir nicht Schaden tun.“
Ps. 141,5

„Dennoch soll mein Gebet auch in ihrem Unglück sein.“ (N. d. engl. Übers.)

Dies ist eine sehr schwierige Stelle im Original, und es ist nicht leicht, ihren Sinn mit absoluter Gewißheit festzustellen. Indessen ist es eben jetzt nicht meine Aufgabe, auf die verschiedenen Deutungen derselben näher einzugehen, denn ich ziele auf etwas andres ab, und für mein gegenwärtiges Vorhaben ist unsre Übersetzung durchaus genügend. Der Sinn, den unsre Übersetzer der Stelle gegeben haben, ist dieser: David sagt, obwohl der Gerechte ihn ernst strafe, so daß er sein Gewissen träfe, und ihm sein Unrecht vorhielte, und selbst, wenn er. dieses mit großer Strenge täte, wolle er doch nicht unwillig über ihn werden, sondern ihn um so lieber haben und ihm dankbar sein für seine Treue, und seine Liebe wolle er dadurch beweisen, daß er fortführe, für seinen Tadler zu beten, wenn den frommen Mann zu irgend einer Zeit Unglück treffen sollte. David wollte stets seinem ehrlichen Tadler einen warmen Platz in seinen Gebeten gönnen.

Nun, wenn dies der Sinn ist, und ich glaube das, so zeigt es uns, daß David die Gewohnheit hatte, für die Heiligen zu beten; denn wäre das nicht der Fall gewesen, dann hätte er nicht sagen können, daß selbst in ihrem Unglück seine Gebete für sie emporsteigen sollten. Er hatte es sich zur täglichen Gewohnheit gemacht, in seinen Gebeten die Namen der Gerechten vor Gott zu bringen, sonst, sage ich, würde er nicht die Bemerkung gemacht haben, daß selbst, wenn einige ihn tadeln und strenge strafen sollten, er doch fortfahren wolle, für sie zu beten.

Unser Thema soll heute morgen die hohe Pflicht der Fürbitte sein, eine in unsern Tagen zu wenig beachtete Pflicht. Wir werden zuerst davon reden, wie der Text uns dazu anleitet, mit Bezug auf Heilige, und zweitens werden wir euch dazu antreiben in betreff der Sünder.

I.

Zuerst also haben wir zu reden von der Pflicht der Fürbitte für das Volk Gottes.

Um Ordnung in unsre Gedanken zu bringen, wollen wir als unsern ersten Schlüssel das Wort Verpflichtung nehmen. Es liegt jedem Kinde Gottes ob, für die übrigen Mitglieder der heiligen Familie zu beten. Lehrt nicht die Natur selber uns dies? Ich meine nicht die alte Natur, sondern die neue, vom Heiligen Geist in uns erschaffene. Habt ihr nicht gefunden, meine Brüder, daß ihr, sobald ihr selbst das göttliche Leben besaßet, ohne irgend eine Ermahnung anfingt, für andre zu beten? Eure ersten gläubigen Rufe begannen mit „Unser Vater, der Du bist im Himmel,“ und schlossen so andre mit ein. Unter den frühesten Gebeten, die ein erneuertes Herz darbringt, wird eins für den Mann sein, durch den er zu Jesu gebracht wurde. Kein Neubekehrter vergißt, für den Prediger zu beten, der das Werkzeug seiner Bekehrung gewesen. Die eben befreite Seele bittet auch für andre, die noch in der bejammernswerten Lage sind, der sie durch Gottes Gnade entflohen ist. „Du hast meine Seele aus dem Gefängnis herausgeführt, Herr, setze meine Mitgefangenen in Freiheit. In Deiner Güte und Freundlichkeit laß andre auch die Süßigkeit Deines Heils schmecken.“ Dann werden ebenfalls die christlichen Leute, die zu irgend einer Zeit mit dem Bekehrten gesprochen, ihm Trost oder Unterricht erteilt, sicherlich einen Anteil an seinen Gebeten bekommen, denn ein erneuertes Herz ist ein sehr dankbares Herz, und ein Mensch ist nicht von oben geboren, der keine Dankbarkeit gegen ernste Freunde hienieden fühlt. Laßt einen Vogel aus dem Käfig in Freiheit, so wird er euch seinen Dank singen, wenn er sich in die Luft schwingt, und ebenso werden geknechtete Seelen, wenn ihr imstande gewesen seid, die Türen ihres Gefängnisses zu öffnen, eure liebevollen Anstrengungen mit Gebet euch lohnen.

Ich sage, es ist ein natürlicher Instinkt des neugeborenen Gläubigen, daß er für andre zu beten beginnt, und dieser Instinkt bleibt ihm sein ganzes Leben hindurch. Es ist eins der Dinge, die er tun muß; es ist eine Freude für ihn, es zu tun; es würde ihm unmöglich sein, ganz damit aufzuhören, denn der inwohnende Geist Gottes in seinem Herzen tut Fürbitte für die Heiligen nach dem Willen Gottes.

Und, Brüder, wie es ein Instinkt der vom Himmel geborenen Natur ist, so ist es ein Gesetz des auserwählten Haushalts. Die Heiligen können in der ihnen gebührenden Ordnung beschrieben werden als die, welche „stets beten in allem Anliegen mit Bitten und Flehen im Geist, und wachen dazu mit allem Anhalten und Flehen für alle Heiligen.“ Jedem Gläubigen ist in Sachen des Gebetes der. Platz eines Wächters angewiesen, und er ist verpflichtet, nicht zu schweigen, sondern dem Herrn keine Ruhe zu lassen, bis daß „Jerusalem gesetzt werde zum Lobe auf Erden.“ Wir sind alle gleichmäßig verbunden, für den Frieden Jerusalems zu beten, und unser eignes Wohlergehen hängt damit zusammen. Das neue Gebot, das der Herr uns gegeben hat, in dem Er uns „einander lieben“ heißt, macht unser Beten für einander notwendig. Wie kann ein Mensch behaupten, daß er seinen Bruder liebt, wenn er niemals bei Gott für ihn eintritt? Kann ich fortwährend mit meinen Mitgläubigen leben und ihre Leiden sehen, und nie für sie zu Gott schreien? Kann ich ihre Armut, ihre Trübsale, ihre Versuchungen, ihre Traurigkeit bemerken, und sie dann in meinem Flehen vergessen? Kann ich ihr Werk des Glaubens und ihre Arbeit der Liebe sehen, und nie einen Segen auf sie herabbitten? Kann ich mich in mich selber einwickeln, und gleichgültig sein gegen die, welche meine Brüder in Christo Jesu sind? Unmöglich. Ich müßte zu einer andern Familie, als zu der Gottes gehören, denn in der Familie der Liebe leitet das gemeinsame Mitgefühl zu beständiger Fürbitte. Gott verhüte, daß wir gegen den Herrn sündigen dadurch, daß wir aufhören für unsre Brüder zu beten. Jede Biene im Bienenstock der Kirche sollte ihren Beitrag von Honig zu dem allgemeinen Vorrat herzubringen. Wie alle Würzelchen eines Baumes die Erde nach Nahrung durchsuchen und alle Vorrat einsaugen zum Nutzen aller, so sollte jeder Gläubige mit dem offenen Munde des Gebetes geistliche Segnungen suchen und einsaugen zum Besten der ganzen Kirche. Vergeßt also nicht, meine Brüder, die liebliche Verpflichtung, die euch durch eure Verwandtschaft mit den Heiligen und ihrem hochgelobten Herrn aufgelegt ist.

Überdies, Geliebte, erkennen wir eine sehr nahe Gemeinschaft unter den Gläubigen an, eine Einheit sehr inniger Art. Wir sind nicht bloß Brüder, sondern „Glieder eines Leibes.“ Christus ist das Haupt seines Leibes, der Kirche, und wir sind alle Glieder seines Leibes. Nun, wie in dem menschlichen Körper jedes besondere Glied, jedes Organ, jede Ader, jeder Nerv dem Ganzen nötig ist, so ist in der Kirche jeder Gläubige den übrigen Gläubigen nötig, und diese sind ihm nötig. Wir mögen nicht imstande sein, zu zeigen, was für einen besonderen Schaden der Arm durch eine Verletzung des Knies erleiden würde, aber seid gewiß, er würde in Mitleidenschaft gezogen werden. Keine einzige Zelle des Organismus kann in Unordnung sein, ohne daß dies in einem gewissen Grade auf den ganzen Körper Einfluß hat. Ebenso hat Gott uns abhängig voneinander gemacht, weit mehr als wir denken. In der Gemeinde als Gesamtheit trägt ein jeder zur Gesundheit oder Krankheit der ganzen Körperschaft bei und kann nicht umhin, so zu tun. Keiner lebt sich selber in der Gemeinde Gottes, und keiner stirbt sich selber. Wenn ein Gläubiger in der Gnade wächst, so ist er nicht für sich selbst allein bereichert, die christliche Gemeinschaft hat ihren geistlichen Reichtum durch seinen Gewinn vermehrt. Wenn anderseits ein Mensch in göttlichen Dingen abnimmt, und solchergestalt arm und schwach wird, so geschieht der Schade nicht bloß ihm selber, sondern in einem gewissen Maße ist die Kirche ärmer geworden, geschwächt und geschädigt.

O Brüder, da dies der Fall ist, so laßt uns reichlich die Pflichten erfüllen, die wir dem Leibe schuldig sind, von dem wir einen Teil bilden; und in der fröhlichen Übung des Gebetes laßt uns immer fleißiger werden. Die Fürbitte sollte wie der Pulsschlag durch den ganzen Körper fühlbar sein, so daß jedes lebendige Glied den heiligen Impuls fühlte. Fürbitte ist eins der geringsten Dinge, die wir tun können, und dennoch eins der größten: laßt uns darin nicht träge sein. Ein gebetsloses Mitglied der Gemeinde ist ein Hindernis, es ist im Körper wie ein faulender Knochen oder ein hohler Zahn, und wird binnen kurzem, da es nicht zum Wohle seiner Brüder beiträgt, eine Gefahr und ein Leiden für sie werden. Brüder, laßt es mit keinem von uns so sein.

Und ferner, wenn noch ein Grund nötig wäre, um unsre Herzen zu rühren, so liegt der nicht sehr ferne. Wir selber verdanken den Gebeten andrer vieles. Viele Christen können ihre Bekehrung zurückführen auf die Gebete ihrer Mutter, die für sie zum Himmel emporstiegen, als ihre kindlichen Zungen noch nicht den Namen des Heilandes aussprechen konnten. Eine Mutter brachte sie zu Jesu und bat Ihn, die Hände auf sie zu legen und sie zu segnen. Viele von euch verdanken ihre Bekehrung dem Flehen der Sonntagsschullehrer oder den Gebeten der Prediger, oder andern ernsten Christen, die Fürbitte für sie darbrachten. Nun, wenn ihr durch Gebet einen Segen empfangen habt, so zeigt eure Dankbarkeit dadurch, daß ihr für andre betet. Versucht, den Segen in derselben Weise zu übertragen, wie ihr ihn empfangen habt. Für mich persönlich, sage ich heute morgen, daß niemand mir eine wahrere Freundlichkeit erzeigen kann in dieser Welt, als wenn er für mich betet. Ich halte dafür, Brüder, je mehr Gebete ich habe, je reicher bin ich an Gütern, die besser sind als Gold und Silber. Ein alter Puritaner bemerkt, wenn ein Mann guten Fortgang im Geschäft hat, so setzt er viele Hände für sich in Bewegung, und er fügt hinzu, wenn die Tätigkeit eines Mannes in christlichen Dingen zunimmt, so bringt er viele Seelen dahin, für ihn zu beten, und so wird seine Wirksamkeit fortgeführt. Je mehr Gnade ein Knecht Gottes für sein Wirken nötig hat, desto mehr Fürbitte bedarf er von seinen Brüdern und Schwestern, damit er sein Werk unter dem göttlichen Segen fortzuführen vermag. Ich bin verpflichtet, meine Brüder, für euch zu beten, weil ich weiß, daß viele von euch beständig für mich am Gnadenthron flehen. Ich stelle euch deshalb die Frage, wenn ihr Segnungen empfangen habt durch die Fürbitte der Heiligen, würdet ihr nicht sehr undankbar sein, wenn ihr nicht eurerseits für andre bitten wolltet? Brachten einer Mutter Gebete dich zu Christo? Dann, liebe junge Mutter, sende deine Fürbitten hinauf für dein Kindchen. Leitete das Flehen eines Vaters dich zum Heil? Dann, junger Mann, unterstütze deinen Vater durch beständige Fürbitte, und bereichere so seine letzten Tage. Umsonst habt ihr es empfangen, umsonst gebt es auch. Der durch den Tau fruchtbar gemachte Boden gibt seine Ernte zurück, so gib auch du der Gemeinde etwas zurück, durch die du Segen erhalten hast. Es ist deshalb heute keine Sache der freien Wahl für uns, ob wir für unsre Brüder in Christo beten wollen oder nicht. Geliebte Brüder, ihr lebt nicht für Gott, ihr habt nicht den Instinkt des neuen Lebens, wenn ihr nicht für die Gemeinde betet. Ihr habt nicht die Liebe, die von Gott ist und die das sichere Zeichen der Wiedergeburt ist, wenn ihr die Fürbitte vergeßt: ihr seid eurer Schuld uneingedenk und handelt eurer behaupteten Einheit der Gemeinde unwürdig, wenn ihr die Fürbitte versäumt. Wie mit einem Posaunenton möchte ich euch, meine Brüder und Schwestern, zu wirksamem, ernstem Gebet für die Familie des lebendigen Gottes aufrufen.

Laßt uns unser Losungswort ändern und statt Verpflichtung Ehre sagen. Was für eine Ehre ist es, wenn uns erlaubt wird, für die Heiligen zu beten! Denn, beachtet, dies bringt uns in die engste, nur denkbare Gemeinschaft mit dem Herrn Jesu Christo selber. Wir können keinen Beistand leisten bei der Darbringung einer Sühne für die menschliche Sünde. „Es ist vollbracht,“ sagte der Heiland, und vollbracht ist es. In diesem Werk können wir keine Gemeinschaft mit Ihm haben außer dadurch, daß wir an den Ergebnissen desselben teilnehmen, denn „Er trat die Kelter allein und war niemand unter den Völkern mit Ihm.“ Wenn wir jetzt das Evangelium predigen, so üben wir ein Amt aus, an dem unser Herr Jesus keinen Anteil hat; der Heilige Geist hilft uns, aber der Mensch Christus Jesus ist zur Rechten des Vaters, und seine Stimme hören wir nicht die frohe Botschaft verkünden. Deshalb haben wir in mancher Hinsicht verschiedene Beschäftigungen und üben verschiedene Ämter aus, aber in dem Geschäft der Fürbitte sind wir eins: In diesem Augenblick bittet unser Herr vor dem Thron, und wenn wir für sein Volk beten, so tun wir genau dasselbe. Wir haben in der Fürbitte für die Heiligen tatsächliche, gegenwärtige Gemeinschaft mit unserm großen Hohenpriester, der im Allerheiligsten für uns bittet. Ich sage wiederum, ich predige heute, doch Christus predigt nicht, aber wenn ich bete, so ist meine Stimme im Einklang mit der seinigen. Wenn ich für die Brüder bete, so denke ich daran, daß Er vor dem Thron der Herrlichkeit steht mit dem Brustschildlein, auf dem die Namen aller seiner Erwählten in Edelsteinen schimmern. Ist es denn nicht etwas Köstliches, mit dem Sohne Gottes an dem Amt der Fürbitte teilzuhaben? In diesem Dienst hat Er uns zu Priestern vor unserm Gott gemacht. Er ist der große Engel mit dem goldenen Rauchfaß, und der Rauch des Rauchwerks, das Er darbringt, steigt mit den Gebeten der Heiligen vor dem Herrn auf. Geliebte, wenn ihr in eurem Dienste dem Herrn Jesu gleich sein wollt, so ist die Gelegenheit zur Hand; tut viel Fürbitte für die Heiligen.

Und welch eine Ehre ist es, daß wir, die vor so kurzer Zeit für uns selber an der Tür der Barmherzigkeit bettelten, jetzt so sehr die königliche Gunst erlangt haben, daß wir es wagen dürfen, ein Wort in des Königs Ohr für andre zu sprechen. Es war unumschränkte Gnade, die uns erlaubte, zu sagen: „Habe Erbarmen mit mir!“ Aber was für eine Herablassung ist es, die uns so nahe an sich gezogen, daß wir jetzt zu dem Herrn kommen können und sprechen: „Ich wollte gern ein Wort mit Dir für meinen Bruder sprechen; ich möchte um Gaben von Deiner Hand, mein Vater, bitten, für eine Schwester, die Erbarmen nötig hat.“ Sehet, meine Brüder, wie sehr ihr erhoben seid, ihr seid zu dem hohen Amt verordnet, des „Königs Erinnerer“ zu sein, wegen der Güter seines Bundes bei Ihm nachzusuchen. Ihr seid zu Almosenpflegern des Königs aller Könige gemacht; Er öffnet seine Schatzkammern vor euch und heißt euch bitten, was ihr wollt. O, unschätzbare Gnade! wenn du, o Gläubiger, im Glauben zu bitten verstehst, so kannst du deinen Brüdern Reichtümer austeilen, die köstlicher sind, als das Gold von Ophir; denn die Fürbitte ist der Schlüssel zu den elfenbeinernen Palästen, in denen die grenzenlosen Schätze Gottes enthalten sind. Heilige erreichen in der Fürbitte einen Platz, wo Engel nicht stehen können. Diese heiligen Wesen freuen sich über bußfertige Sünder, aber wir lesen nicht, daß sie als Fürbitter für Heilige zugelassen werden. Doch wir, unvollkommen wie wir sind, haben diese Gunst; uns ist erlaubt, unsern Mund vor dem Herrn aufzutun für die Kranken und die Leidenden, für die Beunruhigten und Niedergeschlagenen mit der Versicherung, daß wir das empfangen sollen.' um das wir gläubig im Gebet nachsuchen. In dieser Sache ist uns große Ehre zu teil geworden..

Brüder, benutzt diese Ehre. Ich weiß sehr wohl, wenn Ihre Majestät einem von euch gestattete, in dem Palast zu erscheinen, und für seine Freunde zu bitten, was er wollte, so würde er die Gelegenheit nicht versäumen. Es kommt in unsern Tagen selten vor, daß ein Mann, der denkt, daß er bei einem Mitglied des Parlaments oder bei einem Mächtigen etwas gilt, die Gelegenheit versäumt, für seinen Vetter oder Sohn zu sprechen, der ein Amt wünscht, wo wenig zu tun und viel einzunehmen ist. In der ganzen Welt ist Überfluß an Ämterjägern, und einflußreiche Männer, die bei den Autoritäten etwas gelten, werden immer gedrängt, dies soviel nur möglich zu benutzen. Und dennoch muß ich hier heute morgen stehen und euch, liebe Brüder, die ihr Gehör bei Gott erlangen könnt, antreiben, euer köstliches Vorrecht zu gebrauchen. Ihr habt Verheißungen von Gott, daß Er euer Gesuch gewähren will, und viele sagen: „ich möchte, daß ihr beim König für mich sprächet,“ da seid nicht träge im Helfen. Benutzt die Freiheit, welche euer Fürst euch gegeben, und betet für eure Brüder. Wenn kein andrer da ist, der eure Gebete nötig hat, so bitte ich eifrig um einen Platz in denselben. „Brüder, betet für uns,“ sagte ein Apostel, wieviel mehr kann ich das sagen. Da wir täglich in heiligen Dingen zu dienen haben, so sind unsre Verantwortlichkeiten und Bedürfnisse sehr groß; deshalb vergeßt uns nicht, wenn es gut mit euch steht. Sprecht ein freundlich Wort beim König für seine Diener und bittet Ihn, uns mehr von seiner Gnade zu gewähren.

Wir wollen das Wort jetzt wechseln und statt Ehre Vortrefflichkeit sagen. Fürbitte ist etwas Vortreffliches; denn erstens bringt. sie denen Nutzen, die sie tun. Ich weiß, ihr wünscht, Geliebte, der Gemeinde Gottes wirkliche Dienste zu leisten. Ich hoffe, wir haben keine Glieder dieser Gemeinde, die zufrieden sind, ihre Namen im Gemeindebuch zu haben, Gottesdienste zu besuchen, und die fühlen, daß alles getan ist, wenn dies getan ist. Nein, ihr wünscht, wirklich hilfreich zu sein und Gott Ehre zu bringen. Wohlan, ich rühme euch zu diesem Zweck die Trefflichkeit der Fürbitte. Zuerst, Brüder, sie wird euch dazu leiten, die Brüder kennen zu lernen. Ihr könnt nicht wohl für diejenigen beten, von denen ihr nichts wißt. Ihr. werdet darum nicht in den Versammlungen ein- und ausgehen, ohne die Person zu kennen, die neben euch im Stuhl sitzt, sondern ihr werdet euch erkundigen, wie es den Brüdern geht, und wenn ihr von einem hört, der in geistiger oder leiblicher Not ist, so werdet ihr bereit sein, davon Notiz zu nehmen, um für ihn beten zu können, und dann werdet ihr in teilnehmender Bekanntschaft mit euren Brüdern stehen. Paulus will, daß wir die kennen, die unter uns arbeiten und über uns gesetzt sind in dem Herrn! und ich wünschte, alle Glieder der Gemeinde wüßten mehr von ihres Hirten Kämpfen und Leiden und Freuden, damit sie mehr Mitgefühl mit ihm hätten, und dasselbe gilt von allen übrigen Brüdern; je mehr ihr kennt und mitfühlt, desto besser wird euer Gebet sein, und weil ihr kennen müßt, um Fürbitte zu tun, deshalb nenne ich diese eine vortreffliche Übung.

Ernste Fürbitte wird sicherlich Liebe mit sich bringen. Ich glaube nicht, daß ihr einen Menschen hassen könnt, für den ihr beständig betet. Wenn ihr irgend einen christlichen Bruder nicht mögt, so betet doppelt für ihn, nicht nur um seinetwillen, sondern um eurer selbst willen, damit ihr vom Vorurteil geheilt und von allem unfreundlichen Gefühl befreit werdet. Denkt an die alte Geschichte von dem Manne, der zu seinem Pastor kam, um ihm zu sagen, daß er keinen Gefallen an seinen Predigten fände. Der Prediger sagte weislich: „Mein lieber Bruder, ehe wir über die Sache reden, wollen wir zusammen beten,“ und nachdem sie beide gebetet, fand der Klagende, daß er nichts zu sagen hätte, außer dem Bekenntnis, daß er selber sehr nachlässig im Gebet für ihn gewesen und daß dies schuld daran sei, daß er von den Predigten keinen Gewinn gezogen. Ich schreibe den Mangel der brüderlichen Liebe der Abnahme der Fürbitte zu. Betet für einander ernstlich, beständig, herzlich, und ihr werdet eure Herzen in Liebe verbinden, wie das Herz eines Mannes. Dies ist der Kitt, mit dem die Steine der Gemeinde gelegt werden müssen, wenn sie zusammenhalten sollen.

Liebe Brüder, wenn ihr für einander betet, so wird nicht nur eure Liebe und Teilnahme wachsen, sondern ihr werdet euch gegenseitig freundlicher beurteilen. Wir urteilen immer gelinde über diejenigen, für die wir beten. Wenn ein Verleumder meinen Bruder in einem sehr schwarzen Lichte darstellt, so läßt meine Liebe mich fühlen, daß er sich irrt. Betete ich nicht heute morgen für ihn, wie kann ich ihn denn jetzt verurteilen hören? Wenn ich gezwungen bin, ihn für schuldig zu halten, so tut es mir sehr leid, aber ich will ihm nicht zürnen, sondern den Herrn bitten, ihm zu vergeben und ihn wieder zurecht zu bringen, und will daran denken, daß auch ich versucht werden kann. Wir halten unsre Kinder für schön, weil sie unsre eignen sind und einen Platz in unsrem Herzen haben, und ebenso nehmen wir schnell jeden schönen Charakterzug in denjenigen wahr, für die wir beten, und sind willig, Entschuldigungen für ihre schwachen Seiten aufzufinden. Das Gebet vereint wunderbar die Herzen und hat viel Kraft, Liebe zu erzeugen..

Fürbitte ist sehr wirksam, die Wachsamkeit zu pflegen. Gesetzt, du würdest als ein Mitglied dieser Gemeinde in Berührung mit Rückfälligen gebracht und suchtest ihre Wiederaufrichtung, so würden deine Gebete dich ganz natürlich dahin führen, auch zu beten: „Herr, bewahre mich vor diesem Übel, behüte mich vor Rückfall, bewahre mich davor, kalt und gleichgültig zu werden, wie diese Brüder es geworden sind.“ Wenn wir mit solchen zusammentreffen, die ein christliches Bekenntnis abgelegt haben und jetzt in Trunksucht gefallen sind, und ernstlich den Herrn anflehen, sie aus dieser schrecklichen Grube zu befreien, so fühlen unsre Seelen Ekel vor dieser Sünde und sind auf der Hut gegen dieselbe. Wenn wir bemerken, daß zwei Brüder uneinig geworden und nicht zum Frieden gebracht werden können, und Gott bitten, daß die Einigkeit zwischen ihnen hergestellt werden möge, so werden wir auch dahin geführt, zu bitten, daß wir sanften und ruhigen Geistes seien und keinen Streit verursachen, und daß wir, wenn wir jemals solchen verursacht haben, bereit sein möchten, unser Unrecht zu bekennen und wieder gut zu machen. So werden die Gegenstände unsrer betenden Sorge zu Warnungszeichen für uns. Wenn du andre mit tadelsüchtigem Auge betrachtest, sie eifrig kritisierst, und von Haus zu Haus gehst, um das üble Gerücht zu verbreiten, so wird deine unheilige Handlungsweise Selbstgerechtigkeit in dir erzeugen; aber wenn du zu dem Herrn gehst mit Schmerz über alles schlechte Tun der Brüder, und eifrig die Wiederbringung der Irrenden suchst, so wirst du in deinem eignen Herzen Zartheit des Gefühls und Wachsamkeit gegen Sünde nähren. Die, welche viel für andre flehen, werden häufig auf den eignen Lippen das Gebet finden: „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz; prüfe mich, und erfahre, wie ich es meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.“ Ich kann nicht dabei verweilen, euch zu sagen, was noch sonst für treffliche Dinge mit der Übung der Fürbitte verbunden sind, aber ich bin überzeugt, daß es eine der heiligsten, wohltätigsten und himmlischsten Übungen ist, mit der sich ein Frommer beschäftigen kann.

Denkt ihr nicht, liebe Brüder, daß, wenn jeder von uns auf der Stelle Rechenschaft von der Erfüllung dieser Pflicht ablegen müßte, die meisten sich zu schämen haben würden? Darf ich wagen, jedem Christen hier die Frage vorzulegen: Hast du Gott und seiner Gemeinde deinen angemessenen Teil an Fürbitte dargebracht? Wir haben nicht zu viel darin getan, des bin ich gewiß, denn von diesem Salz kann gesagt werden: „Salz ohne Maß.“ Kein Mensch betet zu viel für seinen Mitmenschen. Haben wir genug gebetet? Ich gebe euch Zeit und mache eine Pause, in der ihr euch die Frage stellen mögt. Ich will euch meine eigne Antwort geben. Ich bin rein, was meine Pflicht gegen diese Gemeinde in Sachen des Predigens betrifft, denn ich habe es nicht gescheut, den ganzen Rat Gottes zu verkünden. Wenn ich lernen könnte, besser zu predigen, so wollte ich es gern tun. Ich bin mir meiner Mängel bewußt, aber ich habe euch herzlich und treulich vor Gott auf dieser Kanzel gedient. Aber ich kann nicht das Gleiche von meiner Fürbitte sagen. Ich habe Gott viele Bekenntnisse von Versäumnissen in diesem Fache abzulegen, und mir ist bange, daß eine große Zahl meiner Mitarbeiter sich auch in dieser Hinsicht schuldig bekennen muß. Du hast noch nie in deiner Klasse am Sonntag gefehlt, du bist immer rechtzeitig bei deiner Arbeit und hast die Bibellektion gut studiert; das ist recht, aber, lieber Bruder, betest. du immer die Lektion in deine Seele hinein? Liebe Schwester, hast du es dir zur Gewohnheit gemacht, für die Mädchen unter deiner Obhut einzeln, mit inniger Wärme zu beten? Ich klage dich nicht an, aber ich bitte dich, in deine eigne Seele zu blicken, denn der Fehler ist kein geringfügiger, sondern einer, der uns selbst und der Gemeinde keinen kleinen Schaden verursacht. Älteste und Diakonen dieser Gemeinde, seid ihr rein in Sachen der Fürbitte? Einige unter uns mögen ohne Tadel in dieser Beziehung sein, aber mir ist bange, daß die meisten von uns andre Pflichten in weit größerem Maße erfüllt haben, als diese. Wir haben öffentlich in den Gebetsstunden gebetet, und wir haben an dem Hausaltar nicht die Fürbitte für die Heiligen vergessen, und sie ist, wie ich hoffe, auch nicht fremd in unsrer Privatandacht; aber dennoch, wenn wir für unsre Brüder zehnmal soviel oder selbst hundertmal soviel gebetet hätten, so wären wir nicht zu weit gegangen. Wir stehen zuweilen auf der öffentlichen Rednerbühne und klagen die Gemeinde Gottes der Kälte an; laßt uns die Frage an uns selber tun: Haben wir durch unsre Gebete zu ihrer Wärme beigetragen? Haben wir um ihre Neubelebung gefleht? Wir tadeln die Missionsgesellschaften, weil nur geringe Erfolge sichtbar werden. Beten wir für die Mission, wie wir sollten? Ich höre eine traurige Klage über das gegenwärtige und neu aufkommende Geschlecht von Predigern; haben wir für Studenten und für Pastoren gebetet, wie wir es sollten? Ich höre die Leute von Christen als von weltlichen, oberflächlichen oder stolzen Menschen sprechen. Habt ihr sie aus ihrer Weltlichkeit und ihrem Stolz heraus gebetet? Ist es nicht wahrscheinlich, daß ihr. viel besser getan hättet, für sie zu beten, als sie zu tadeln? Ja, und mögen nicht die Irrtümer, die ihr in ihnen seht, in einem beträchtlichen Maße auf die Vernachlässigung eures Amtes der Fürbitte zurückzuführen sein?

O, laßt es vorbei sein mit dem Murren und Klagen, dem Kritisieren und Tadeln, und nehmt das Ganze hinauf zum Gnadenstuhl, denn, wenn die Hälfte des Odems, der vergeblich in tadelnden Klagen verschwendet wird, in Fürbitte verwandelt würde, so wäre mehr Heiligkeit in der Gemeinde. Nun muß ich wieder zu dem Text kommen und euch ein andres Wort geben, das ist Ausdehnung. David sagt im Text: „Dennoch soll mein Gebet auch in ihrem Unglück sein;“ und seine Meinung ist, wenn einige der Heiligen Gottes ihm durch ihre Treue gegen seine Seele mißfallen sollten, so wollte er dessenungeachtet für sie beten. Brüder, wir sollen unsre Gebete nicht auf die beschränken, die uns in ihren Reden gefallen, sondern wir sollen liebevoll für die beten, die zu scharf, zu hart, zu schneidend in ihren Bemerkungen sind. Gesetzt, sie wären so strenge, daß sie unsre Seele betrübten, gesetzt, ihre Vorwürfe erschienen unberufen, ehrenrührig und ungerecht, so sind wir doch verbunden, für sie zu beten. David scheint in dem Text zu sagen, daß er für die Gerechten in ihrem Unglück beten wolle, wie sie auch gegen ihn handeln mögen; und ich dringe in euch, meine Brüder, daß ihr, wenn irgend ein Mitglied dieser Gemeinde euch unfreundlich behandelt hat, euch dadurch rächt, daß ihr ihn zehnmal mehr liebt als je zuvor, und beständiger und ernster für ihn betet. Wenn auch ein Bruder euch gekränkt und tief verwundet hat, so daß der Gedanke an ihn euch Schmerz verursacht, so ist doch die beste Heilung für die Wunde, zu Gott im Gebet zu gehen und herzlich für ihn zu beten; bittet den Herrn, ihm einen großen Segen zu geben und ihn zu einem besseren Christen zu machen, ihn mit göttlicher Liebe zu erfüllen; und dann, wenn ihr seht, daß er besser geworden, werdet ihr entweder denken, daß ihr euch in eurem Urteil über das, was er sagte, geirrt und das verkehrt aufgefaßt, was er in guter Meinung äußerte, oder ihr werdet finden, daß er zu euch kommt und sagt: „Ich hatte unrecht, Bruder,“ oder wenn er es nicht in Worten bekennt, so wird er es durch besondere Freundlichkeit gegen euch in seinen Taten bekunden.

Und, Brüder, wenn wir je einen Mitchristen im Unglück sehen, sollen wir doppelt für ihn beten. Die Weltmenschen verlassen ihre Gefährten, wenn sie in Not sind, wie die Herde den verwundeten Hirsch verläßt. Wir haben viele Freunde, wenn alles gut geht, wir haben sehr wenige, wenn die bösen Tage sich auf uns herabsenken. Aber mit den Christen sollte es nicht so sein, wir sollten treue Freunde sein; wir sollten freundlicher gegen die sein, die arm werden, als wir gegen andre sind; und wenn wir einen Mitchristen treffen, der ohne Trost und verzagt ist, auch wenn seine Gesellschaft uns nicht angenehm ist und sogar einen niederdrückenden Einfluß auf uns selber hat, sollten wir doch für ihn desto mehr beten und versuchen, ihm aus dem Sumpf der Verzagtheit aufzuhelfen. Besonders, wenn ein Bruder in Christo verleumdet wird, sind wir verbunden, zu ihm zu stehen. Zu viele folgen der schlechten Gewohnheit, dem Verleumdeten aus dem Wege zu gehen. „Jemand hat eine Handvoll Schmutz auf einen Christen geworfen: laßt uns fern bleiben, der Schmutz könnte auch auf uns fallen.“ So sprechen Feiglinge, aber wir sprechen nicht so. Nein, Bruder, wenn du zum Heere Immanuels gehörst, und unser verfolgter Bruder kein Unrecht getan hat, so laßt uns mit ihm stehen oder fallen. Laßt uns nie einen Kameraden verlassen. Wenn die Welt sagt: „Nieder mit ihm! nieder mit ihm! nieder mit ihm!“ so laßt uns, wie der alte griechische Held, zu Hilfe eilen und unsern Schild über den Gefallenen halten und für ihn kämpfen, bis er wieder aufstehen kann; denn eines Tages mögen auch wir zu Boden fallen und eines Mitsoldaten bedürfen, der uns vor dem Feinde deckt. Laßt uns unsre Brüder aus ihrer Not herausbeten und sie nicht verlassen, und wenn es lange dauern sollte, bis das Gebet erhört wird, so laßt uns beharrlich und dringend darin sein und mit David sprechen: „Dennoch soll mein Gebet in ihrem Unglück sein.“

Ich werde nichts mehr über diese Sache der Fürbitte für die Heiligen sagen, sondern sie vor dem ewigen Thron und eurem eignen Gewissen lassen. Ich bitte euch, wenn ihr nicht Verräter Christi seid, wenn ihr Glieder der wahren Einheit seid, wenn eure Seelen durch den Heiligen Geist verbunden sind, so ringt viel für einander, und laßt den Bundesengel nicht gehen, bis ein Segen auf das ganze Haus Gottes kommt, und von da auf die übrige Welt strömt.

II.

Nun zweitens, das hohe Amt der Fürbitte für Sünder. Hierüber werde ich kurz, aber wie ich hoffe, ernst sprechen. Als eine Gemeinde haben wir eine Krone gehabt, und viele Jahre lang haben wir sie behalten; aber ich möchte die Worte Christi in der Offenbarung Johannes gebrauchen, wenn er zu der einen Gemeinde spricht: „Halte, was du hast, daß niemand deine Krone nehme.“ Nun, was ist unsre Krone als Gemeinde gewesen? Es ist nicht unser Reichtum gewesen, denn darin tun wir uns nicht hervor. Es ist nicht unsre Gelehrsamkeit gewesen, denn die tragen wir nicht zur Schau. Es sind nicht unsre geschmackvollen Gottesdienste, die Schönheit unsrer Musik und die Lieblichkeit unseres Gesanges gewesen. Nein, wir kümmern uns nicht um solche Dinge, sondern wir lieben die Einfachheit. Unsre Krone ist dies eine gewesen: wenn es eine Gemeinde in der Christenheit gibt, die sich dem Gewinnen von Seelen widmet, so hat diese Gemeinde es getan. Unsre Predigt hat stets darauf abgezielt, Brände aus dem Feuer zu reißen, Sünder aus der Finsternis in das wunderbare Licht zu bringen; und ich lasse euch nur einfache Gerechtigkeit widerfahren, meine Brüder, wenn ich sage, daß bei weitem der größere Teil dieser Gemeinde wirklich strebt, Seelen zu gewinnen. Es tut meinem Herzen wohl, mit verschiedenen kleinen Gesellschaften von Brüdern unter euch zusammenzutreffen, die überall in dieser Stadt anspruchslos, aber erfolgreich wirken, um Seelen zu Christo zu bringen. Ich hoffe, es wird immer so sein. Halte fest, o Gemeinde, was du hast, daß niemand deine Krone nehme. Laßt es immer unsre Freude und Ehre sein, daß Gott uns geistliche Kinder gibt und Seelen für Ihn geboren werden. Nun, wenn wir wünschen, dies zu tun, und ich bin gewiß, wir tun es, so müssen wir uns mehr der Fürbitte für die Seelen der Unbekehrten befleißigen. Betet zuerst, denn dies ist das Wesentlichste. Was können ihr und ich allein tun in der Bekehrung eines Menschen? Wir können nicht sein Herz ändern, wir können kein Leben in ihn hinein bringen - wir könnten ebensowohl daran denken, eine Seele in den Rippen des Todes zu erschaffen. Es ist Gottes Werk, Seelen wiederzugebären. Was denn? Wenn ich sein Werkzeug dabei sein soll, so muß mein Erstes sein, auf meine Knie zu fallen und zu beten: „O Gott, wirke durch mich.“ Du gehst heute nachmittag zu deiner Sonntagsschule oder zu deinem Straßenpredigen; nun, wenn du das Werk tun könntest, so würde ich dich nicht antreiben, Zeit damit zu verschwenden, daß du Gott bittest, zu tun, was du allen tun könntest; aber da du völlig machtlos bist, eine einzige Seele für Jesum zu gewinnen ohne den Heiligen Geist, so laß dein erstes Tun sein, zu beten: „O göttliche Macht, komme und bekleide mich! O, feurige Zunge, werde mir gegeben; und Du heiliger, brausender, mächtiger Wind, komme Du, um Leben in tote Seelen zu hauchen!“ Gebet ist das Wesentlichste, um Sünder von dem Irrtum ihres Weges zu bekehren. Dann wird die Fürbitte dich geeignet machen, ein Werkzeug Gottes zu werden. Wenn ich für die Bekehrung einer Person bete, besonders wenn ich einen bestimmten Einzelnen dazu aussondere, dann wird mein Herz zur Liebe für diesen erwärmt, wenn ich im Gebet über seinen Zustand und seine Lage nachdenke. Nun wohl, das lehrt mich und hilft mir, ihm das passende Wort zu sagen, wenn ich ihm nahe komme. Ich bin wie ein Wundarzt, der, wenn er die Lanzette zu brauchen hat, genau weiß, wo jeder Knochen ist und auch, welcher Teil beschädigt worden. Mein Gebet hat mir eine Diagnose von dem Zustande des Mannes gegeben. Ich habe ihn erforscht und in meinen Gebeten betrachtet, und wenn ich an ihm zu arbeiten beginne, so werde ich durch den Geist Gottes weise sein, das Rechte zu tun und auf die rechte Weise. Wenn wir wünschen, einen Menschen auf eine Lehranstalt zu senden, um ihn zu einem guten Helfer für bekümmerte Herzen zu machen, so würden wir ihn auf die des Gebetes-für-alle senden, denn Fürbitte ist das Mittel, weise im Gewinnen von Seelen zu sein.

Und, Brüder, das Gebet wird diese Wirkung auf euch haben, daß ihr hoffnungsvoll ans Werk gehen werdet. Es ist etwas Entsetzliches, an Personen zu denken, die lebendig begraben von ihren Angehörigen in ihrem Sarge in die Erde gelegt sind, während noch Odem in ihrem Leibe war. Laßt uns achthaben, daß wir niemals eine Seele lebendig begraben; - ich fürchte, wir haben die Gewohnheit, es zu tun. Wir sprechen das Urteil über den und den, daß er nie bekehrt werden würde, und alle Anstrengungen nutzlos seien. Wir meinen von einem andern, er sei so verworfen, daß wir ihn wohl aufgeben und unsre Mühe an hoffnungsvollere Fälle wenden könnten. In all diesem haben wir unrecht, da wir kein Recht haben, das Todesurteil einer Seele zu unterschreiben oder zur Gnade Gottes zu sagen: „Bis hierher kannst du kommen und nicht weiter.“ Glaubt, daß, so lange ein Mensch in dieser Welt lebt, die Möglichkeit der Gnade für ihn da ist. Bringt ihn in euren Armen vor Gott im Gebet, und wenn ihr für ihn zu beten beginnt, so werdet ihr fühlen, daß Hoffnung da ist, und werdet hernach mit ihm auf eine hoffnungsvolle und vielleicht gläubige Art reden. Ich glaube nicht, daß je ein Mensch dadurch errettet worden ist, daß jemand mit ihm in einem Tone der Verzweiflung gesprochen hat; aber das fröhliche Wort hoffnungsvoller Liebe bricht sich Bahn. Glaubt, daß das harte Herz gebrochen, des Lästerers Zunge gereinigt, des Verfolgers Gemüt geändert, und daß der Empörer noch zum Gehorsam gegen den gekreuzigten Christum gebracht und ein heller Stern im Himmel Gottes werden kann. Liebe Brüder, ich bitte euch also, da die Macht von Gott ist, und da die Fürbitte euch tauglich macht, von Gott gebraucht zu werden, und euch auch viel Hoffnung gibt in Bezug auf die, mit denen ihr es zu tun habt, so übt euch mehr denn je in der Fürbitte. Dies ist ein Werk, worin ihr alle helfen könnt. Wenn ich heute morgen zu euch käme, und sagte: „Brüder und Schwestern, des Herrn Sache erfordert Geld,“ so weiß ich aus langer Erfahrung, daß ihr euer Bestes tun würdet; doch sind einige hier, die gezwungen wären, zu erwidern: „Die Bedürfnisse meiner Familie erlauben mir nicht, in dieser Richtung etwas zu tun.“ Aber wenn wir um Fürbitte nachsuchen, so kann kein Christ sagen: „Ich vermag nicht bei Gott zu bitten.“ Wenn ich in diesem Augenblick euch die Notwendigkeit für mehr öffentliches Predigen ans Herz legen wollte, so würden viele meiner Hörer sich mit Recht entschuldigen können, denn sie haben eine schwere Zunge und sind ohne Redegabe. Aber, o Brüder und Schwestern, wenn es zum Fürbitten kommt, so könnt ihr alle dies Amt erfüllen, und könnt dadurch einen Anteil an allen großen Werken der Gemeinde haben. Ich habe von einer heiligen Frau gehört, die zu sagen pflegte: „Ich kann nicht predigen, aber ich kann meinem Prediger durch mein Gebet helfen, es zu tun: deshalb will ich jedesmal, wenn ich ihn auf die Kanzel treten sehe, beten, daß Gott sein Wort segne, und so werde ich einen Anteil an dem haben, was er tut.“ Wenn ihr von einem Missionar hört, der irgendwo in einem fremden Lande arbeitet, so betet für ihn, dann werdet ihr seine Mitarbeiter. Geliebte, einige von euch sind oft körperlich leidend, und haben während der langen Nacht nur wenig Schlaf - wißt ihr, warum der Herr euch wach hält? Damit ihr, während andre schlafen, für sie beten möget. Gott muß einige haben, die Nachtwachen zu halten. Er bestimmt, daß eine Gebets-Wache um seine Gemeinde Tag und Nacht Wache halte - ihr seid die Posten dieser Wachen. Ihr könnt nichts andres tun, aber ihr könnt beten, und dadurch könnt ihr einen Anteil an den edelsten Arbeiten der Gemeinde erhalten.

Nun beachtet, David deutet uns hier an, daß manche von denen, für die wir beten, nichts um unsre Gebete geben und durch ihre Sünden in großes Unglück kommen; dann ist unsre Zeit, wo wir ernster in der Fürbitte für sie sein sollten. Wenn ich viele Jahre lang zu einem ungöttlichen Mann gesprochen habe, und er über alles gelacht hat, was ich sagte, dann will ich den Entschluß fassen: „Ich will nie aufhören, für ihn zu beten. Vielleicht werde ich ihn eines Tages krank finden, und dann wird er um die Gebete bitten, die er jetzt verwirft. Vielleicht werde ich ihn mit einem zerbrochenen Herzen finden, und dann werden die Worte, die er jetzt verspottet, seinem Geschmack sehr süß sein.“ Ihr, die ihr nach Seelen sucht, müßt die Jagd aufrecht zu halten wissen: die, welche beim Seelen-Gewinnen kurzatmig sind, werden nicht viel Erfolg haben. Folgt ihnen! folgt ihnen! folgt ihnen bis an die Pforten der Hölle! Wenn sie einmal durch diese Pforten gegangen sind, so sind eure Gebete unzulässig und unwirksam, aber bis an den Rand des höllischen Abgrundes folgt ihnen, folgt ihnen mit eurem Beten. Wenn sie euch nicht sprechen hören wollen, so können sie doch nicht euer Beten hindern. Spotten sie über eure Ermahnungen? Sie können euch nicht in euren Gebeten stören, denn sie wissen nicht, wann ihr sie darbringt. Sind sie weit weg, so daß ihr sie nicht erreichen könnt?' Eure Gebete können sie erreichen; ihr könnt sie immer noch segnen. Haben sie erklärt, daß sie euch nie wieder anhören, noch euer Gesicht sehen wollen? Tut nichts, Gott hat eine Stimme, die sie hören müssen - sprecht zu Ihm, und Er wird machen, daß sie fühlen. Obwohl sie euch jetzt verächtlich behandeln und Gutes mit Bösem vergelten, folgt ihnen, folgt ihnen, folgt ihnen mit euren Gebeten; laßt sie niemals umkommen aus Mangel an Fürbitte.

Die Zeit mag kommen, wo die, bei welchen es am längsten gedauert, ehe sie ihre Herzen Christo ergaben, uns tausendmal für alle unsre Anstrengungen und Fürbitten belohnen werden. Ich habe zuweilen einen großen Sünder, wenn er gerettet war, ebenso nützlich werden sehen, wie zwanzig gewöhnliche Bekehrte, denn in dem Maße, wie er schwer zu gewinnen war, wurde er nützlich, als er gewonnen war. Wir erwarten nicht, daß jeden Tag ein Saulus zu einem Paulus gemacht werde, aber wenn es geschieht, dann ist die Kirche in der Tat reich, denn ein Paulus ist tausend gewöhnliche Gläubige wert. Diese Perlen der tiefen See sind kostbar. Jene schwierigen Fälle mögen sich noch als Paulusse erweisen; deshalb haltet an, es sei zu rechter Zeit oder zur Unzeit, mit Beten für sie, bis sie zu Christo gebracht werden.

Das eine, was ich heute morgen wünsche, ist, daß meine lieben Brüder und Schwestern sich verpflichteten, dringender im Gebet für Sünder um uns her zu sein. Wie vor Abraham, liegt auch vor uns eine große Stadt, laßt uns für sie beten; wie Moses wohnen wir unter einem sündigen Volke, laßt uns wider den Riß stehen. Ich beschwöre jedes Glied dieser Gemeinde bei seiner Treue gegen Gott, wenn es nicht bei dem abgelegten Bekenntnis eine Lüge gesprochen, dringend, für die Ungöttlichen zu beten, daß sie zu Jesu gebracht werden mögen. Fleht vor Jehovah, fleht; Er liebt eure Gebete; eure Fürbitten sind wie der süße Weihrauch auf dem goldenen Altar. Fleht zu Ihm, und ihr werdet es erleben, einen Lohn für euer Flehen in der Bekehrung von Menschenkindern zu sehen. Gehet heim, und macht eure Kinder zu besonderen Gegenständen eurer Gebete heute nachmittag; fleht den Herrn an, euren Gatten oder eure Gattin, eure Verwandte und eure nächsten Nachbarn zu erretten. Fleht einen Segen herab auf die regelmäßigen Zuhörer in diesen Versammlungen, die unwiedergeboren bleiben; dann nehmt die Straßen, nehmt die Distrikte, in denen ihr lebt, und betet um eine Gnadenheimsuchung - es wird euch nie an Personen fehlen, für die ihr beten könnt, deshalb haltet an mit Flehen. Es ist erst einige Tage her, daß ich vier Ehemänner sah, die zu Gott bekehrt waren, aber ihre Frauen waren außerhalb der Gemeinde geblieben, und diese vier Brüder, wahrscheinlich alle heute hier, kamen zum Gebet für die Bekehrung ihrer Frauen, zusammen, und am ersten Abendmahlsonntag im letzten Monat wurden alle vier Frauen in die Gemeinde aufgenommen in Erhörung des Gebets der vier Männer. „Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.“ Gott helfe uns, zu glauben und Fürbitte zu tun, und dann sende Er seinen Segen um Christi willen. Amen.

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