Spurgeon, Charles Haddon - Die Freisprechung der bankrotten Schuldner

«Da sie aber nicht hatten zu bezahlen, schenkte Er es beiden.»
Luk. 7,42

Die Größe der Schuld der beiden Schuldner war sehr verschieden; der eine schuldete fünfzig Groschen, der andere fünfhundert. Es gibt Unterschiede in der Schuld der Sünder und in dem Grade der menschlichen Strafbarkeit. Es würde sehr verkehrt und ungerecht sein, wenn man sagen wollte, daß alle Menschen völlig gleich wären bezüglich der Verschiedenartigkeit ihrer Übertretungen. Manche Menschen sind ehrlich und aufrichtig, freundlich und freigebig, selbst wenn sie unbekehrt sind, während andere eine boshafte, neidische, selbstsüchtige Natur zu haben scheinen und sich in das Böse stürzen und sozusagen mit beiden Händen sündigen. Der Mensch, der moralisch, nüchtern und fleißig ist, ist nur ein Fünfzig-Groschen-Schuldner, verglichen mit dem lasterhaften, betrunkenen Spötter, dessen Schuld sich auf fünfhundert Groschen beläuft. Der Heiland erkannte diesen Unterschied, weil er da ist und gerechterweise nicht übersehen werden kann. Es gibt Verschiedenheiten bei den unbekehrten Menschen, sehr große Verschiedenheiten. Ein solcher, ein junger Mensch, kam zu Jesus, und er hatte so gute Charakterzüge, daß der Herr ihn liebte, als Er ihn ansah, während Er, wenn die Pharisäer Ihn umringten, mit Unwillen auf sie blickte. Der Boden, der noch nicht mit dem guten Samen besät war, war sehr verschiedener Art, und etwas davon war ehrlicher, guter Grund, ehe der Sämann hinkam. Die Sünder unterscheiden sich voneinander.

Ich bitte nun, besonders zu beachten, daß bei aller Verschiedenheit dieser beiden Schuldner sie doch in drei Punkten gleich waren. Sie waren beide Schuldner, und so haben alle Menschen gesündigt, sei es wenig oder viel. Und zweitens waren beide zahlungsunfähig. Keiner konnte Zahlungen leisten. Der, der fünfzig Groschen schuldig war, konnte ebenso wenig bezahlen wie der, der fünfhundert schuldete. Aber welche Gnade, daß sie aber in einem dritten Punkte gleich waren: denn da sie nicht hatten zu bezahlen, schenkte Er es beiden.

Meine lieben Zuhörer, wir sind alle gleich in den beiden ersten Punkten. O, möchten wir auch in dem dritten gleich sein, daß der Herr, unser Gott, einem jeden von uns die freie Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade in Christus Jesus zu teil werden lasse! Warum sollte das nicht sein, da Jesus erhöht ist, zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden? Bei Gott ist Vergebung, denn Er ist gerne gnädig. Er kann alle unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen, daß sie nie wieder gegen uns erwähnt werden können. Da es nun eine Tatsache ist, zwei Drittel des Weges zusammen zu gehen wäre es doch zu bedauern, wenn wir uns beim letzten Drittel trennen müßten! Die ersten beiden Drittel des Weges sind sehr schmutzig und morastig, und wir durchwaten sie zusammen mit Angst und Sorgen - alle schuldig und alle unfähig, zu zahlen - aber der letzte Teil ist gut, geebnet und angenehm für die Wanderer und führt in die Gärten der Glückseligkeit. Möchten wir ihn betreten und freie Vergebung bei Gott finden! Freie Vergebung für uns alle ohne Ausnahme! Warum nicht? Gott gibt sie aus Seiner freien Gnade in dieser Stunde. Um dieser Sache willen will ich zu euch reden, liebe Freunde, denn ich glaube, daß der Herr Jesus euch etwas zu sagen hat, und ich bitte Ihn, eure Herzen zu öffnen, daß ihr sagen werdet: «Meister, sage an.»

Unser erster Teil der Betrachtung ist ihr Bankrott, «sie konnten nicht bezahlen.» Der zweite Teil ihre völlige Entlastung, «Er schenkte es ihnen beiden.» Und der dritte Teil ist die Verbindung dieser beiden Wahrheiten, das Wörtchen «da». «Da sie nun nicht hatten zu bezahlen, schenkte Er es beiden.»

I.

Zuerst wollen wir an ihren Bankrott denken. Das war ihre Lage. Sie waren ohne Frage in Schulden. wenn sie der Forderung des Gläubigers hätten nachkommen können, so würden sie es ohne Zweifel getan haben. Wenn sie sich hätten darauf berufen können, daß sie nichts schuldig seien oder die Schuld schon bezahlt hätten, so würden sie das mit Freuden getan haben, aber das war ihnen nicht möglich, denn ihre Schuld konnte nicht geleugnet werden. Eine andere Tatsache war ihnen auch klar, nämlich daß sie nichts hatten, ihre Schuld zu bezahlen. Ohne Zweifel hatten sie fleißig gesucht in ihren Taschen und Geldkästen, aber nichts gefunden. Auch ihr Hausgerät war schon Stück für Stück verschwunden. Sie hatten weder etwas im Hause, noch etwas ausstehen, was zu ihrer Rettung dienen konnte. Es stand so mit ihnen, daß sie weder Geld, noch Waren, noch irgend welche Aussichten hatten, und es blieb ihnen nichts anderes übrig als der Bettelstab. Dabei drängte ihr Gläubiger zur Begleichung der Schuld. Dieser Gedanke liegt im Text. Der Gläubiger hatte ihnen die Rechnung gesandt und bemerkt, daß ein Ende gemacht und die Rechnung beglichen werden müsse. Sie waren dahin gebracht worden, die Schuld anerkennen zu müssen und demütig zu bekennen, daß sie nichts hätten, die Schuld zu bezahlen. Die Zeit zum Zahlen war gekommen, aber sie hatten keinen Pfennig. Eine elendigere Lage konnte es nicht geben.

So lautet das Gleichnis, und es zeigt sehr deutlich die Lage eines jeden Menschen, der nicht zu Jesus gekommen ist und bei Ihm die volle Vergebung seiner Sünden erhalten hat. Damit wollen wir uns näher beschäftigen. Wir sind alle durch Natur und Leben in Schulden geraten, und das ist in folgender Weise geschehen. Hört und beachtet es. Als Geschöpfe Gottes sind wir Ihm von Anfang an Gehorsam schuldig. Wir sind verpflichtet, unserem Schöpfer zu gehorchen. Er hat uns gemacht und nicht wir selbst, und wir sind deshalb verpflichtet, unseren Schöpfer ehrend anzuerkennen, Ihn zu lieben, zu verehren und Ihm pflichtgemäß zu dienen. Dies ist eine so natürliche und vernünftige Verpflichtung, daß niemand sie bestreiten kann. Wenn ihr Geschöpfe Gottes seid, ist es nicht mehr als recht, daß ihr Ihn ehrt. Wenn ihr täglich die Luft, die ihr atmet, oder die Nahrung, die ihr genießt, von Ihm bekommt, dann seid ihr Ihm zur Dankbarkeit verbunden und solltet seinen Willen tun.

Aber, liebe Freunde, wir haben Seinen Willen nicht getan. Wir haben unterlassen, was wir hätten tun sollen, und wir haben getan, was wir nicht hätten tun sollen, und dadurch sind wir in einem zweiten Sinne Seine Schuldner geworden. Wir sind nun der Strafe ausgesetzt, ja, wir sind schon verurteilt. Nach dem gebrochenen Gesetz sind wir Gott Leiden und Tod schuldig, und im Worte Gottes finden wir, daß die gerechte Strafe für die Sünde äußerst überwältigend ist. «Fürchtet euch,» sagt Jesus, «vor dem, der Leib und Seele verderben mag in die Hölle. Ja, ich sage euch, vor dem fürchtet euch.» Sehr schrecklich sind die Bilder und Vergleiche, wodurch der Heilige Geist das Elend einer Seele beschreibt, auf welche der Herr seinen feurigen Zorn ausgießt. Der Schmerz des Verlustes und der Schmerz des Zorns, die die Sünde endlich über die Menschen bringt, ist unbeschreiblich. Sie werden «der Schrecken des Herrn» genannt. Es ist niemand unter uns, getrennt vom Herrn Jesus Christus, der dem Gesetz gegenüber nicht eine Schuld hat, die die ganze Ewigkeit nicht gut machen kann, selbst wenn sie mit Todesangst und Jammer ausgefüllt wird. Ein Leben der Gottvergessenheit und das Brechen seines Gesetzes muß durch ein zukünftiges Leben der Strafe geahndet werden. So steht es mit uns. Kann irgend jemand ruhig sein, der Gott so gegenüber steht? Wir sind Schuldner; die Schuld ist überwältigend und zieht im höchsten Grade schreckliche Folgen nach sich.

Wir sind gänzlich außerstande, etwas daran zu ändern. Wenn Er uns begegnet und uns zur Rechenschaft zieht, so können wir Ihm auf tausend nicht eins antworten. Wir können uns nicht entschuldigen, und es ist keine Möglichkeit vorhanden, Ihm zu geben, was wir Ihm schuldig sind. Wenn jemand meint, daß er es kann, so muß ich ihn daran erinnern, daß er, wenn er seine Schuld bei Gott bezahlen will, sie ganz zahlen muß. Gott verlangt mit Recht von uns, Sein ganzes Gesetz zu halten. Er sagt uns, wer an einem sündigt, ist es ganz schuldig, denn Gottes Gesetz ist wie eine schöne Alabaster-Vase, lieblich, wenn sie ganz ist, aber wenn sie an irgend einer Stelle beschädigt ist, kann sie nicht an Seinem Hof gezeigt werden. Der geringste Sprung darin zerstört ihre Vollkommenheit und ihren Wert. Ein vollkommener Gehorsam gegen ein vollkommenes Gesetz wird von der Gerechtigkeit des Höchsten verlangt. Ist irgend jemand unter uns, der dieses tun oder die Strafe für das Unterlassene zahlen kann? Unsere Unfähigkeit, gehorsam zu sein, ist unsere eigene Schuld und ein Teil unseres Verbrechens. Möchte doch niemand von uns die Strafe zu tragen haben, von seiner Gegenwart und seiner Herrlichkeit verworfen zu werden! Auf ewig aus aller Hoffnung und Freude und allem Licht verstoßen zu sein! Ja, es gibt in diesem Augenblick solche im Abgrund der Qual, die schon Jahrtausende die schwere Hand der Gerechtigkeit erduldet haben, und doch ist ihre Schuld bis jetzt stehen geblieben, denn sie haben noch vor dem Richterstuhl Christi zu erscheinen und Rechenschaft abzulegen an jenem Tage. Es ist sicher, daß die ganze Zahlung eine Unmöglichkeit ist und weder durch Gehorsam noch durch die Erduldung der Strafe geleistet werden kann. Es würde alles umsonst sein, wenn wir den Versuch machen wollten.

Bedenkt ferner, wenn es irgend etwas gibt, was wir für Gott im Gehorsam tun können, so sind wir Ihm das schon schuldig. Alles, was ich tun kann, wenn ich Gott von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit allen Kräften liebe und meinen Nächsten wie mich selbst in meinem ferneren Leben, so bin ich Ihm dies schuldig. Ich erfülle nur neue Pflichten; was hat das mit dem früheren Ungehorsam zu tun? Wie kann ich mich dadurch von den früheren Flecken reinigen, wenn ich mich entschließe, mich vor neuen Flecken zu hüten? Kannst du deine Hand, wenn sie blutrot ist, dadurch reinigen, daß du dir vornimmst, sie nicht wieder in die Farbe zu tauchen? Du weißt, daß es nicht geht, begangene Sünden durch zukünftige Sorgfalt zu entfernen. Wir haben nichts in Händen, unsere Verbindlichkeiten auszugleichen, weil alles, was wir in der Zukunft möglicherweise erlangen können, der Gerechtigkeit schon gehört; also haben wir nichts Eigenes, was nicht schon verpfändet ist.

Dazu ist die Schuld ungeheuer und unberechenbar! Fünfzig Groschen ist nur ein kleiner Vergleich von dem, was die gerechteste Person schuldet. Fünfhundert Groschen ist nur eine bedeutungslose Summe, verglichen mit den Übertretungen größerer Sünder. O, meine lieben Freunde, wenn ich an mein Leben denke, so scheint es mir zu sein wie ein Meeresufer, dessen Sand nicht zu zählen und zu wägen ist. Meine Fehler sind ganz unzählbar, und durch einen jeden habe ich den ewigen Tod verdient. Unsere Sünden, unsere schweren Sünden, unsere Sünden gegen Licht und Erkenntnis, unsere schmutzigen Sünden, unsere wiederholten Sünden, unsere schwerwiegenden Sünden, unsere Sünden gegen unsere Eltern, unsere Sünden gegen unsere Verwandten, unsere Sünden gegen unseren Gott, unsere Sünden mit dem Leibe, unsere Sünden mit dem Geiste, unsere Sünden der Vergeßlichkeit, unsere Sünden der Gedanken, unsere Sünden der Einbildung - wer vermag sie vor Gott aufzuzählen! Schon der Gedanke, daß wir einer solchen Schuld etwas entgegnen können, ist ein falsches Ruhekissen und eine äußerst verwerfliche Meinung. Nein, wir können nichts bezahlen!

Und nun gehe ich etwas weiter. Selbst, wenn diese Sünden noch zu zählen und wir nicht für die Zukunft verpflichtet wären, was könnten wir tun? Sagt nicht Paulus, daß wir nicht fähig sind, etwas zu denken von uns selber? Sagt nicht der Herr zu dem alten Israel: «An mir soll man deine Frucht finden?» Sagt nicht Jesus zu seinen Jüngern, selbst zu den Aposteln: «Ohne mich könnt ihr nichts tun?» Was kannst du denn tun, du bankrotter Sünder? Du mußt erst das gute Werk von Gott haben, ehe du es selbst verrichten kannst. Es ist wahr, du sollst mit Furcht und Zittern deine Seligkeit schaffen, aber was muß zuerst kommen? Lies die Stelle: «Denn Gott ist es, der in euch wirkt, beides, das Wollen und das Vollbringen nach seinem Wohlgefallen.» Wenn nicht der Herr das Wollen und das Vollbringen in uns wirkt, können wir unsere Seligkeit nicht mit Furcht und Zittern schaffen. Alles Gute im Menschen ist von Gott, das Werk des Geistes Gottes, der auf sein Herz und seinen Geist wirkt. Die Menschen sind tot in Übertretungen und Sünden, tot für alles Heilige und Gott Wohlgefällige, und das Leben selbst ist eine Gabe. Was können Sünder denn tun? Ihr Bankrott ist sicher. So steht es mit jedem, der noch ohne Christus ist; er ist ein Schuldner und kann nicht bezahlen.

Da es nun so ist, will ich einige Minuten daran wenden, einige Versuchungen zu erwähnen, die allen bankrotten Sündern drohen. Eine davon ist, zu versuchen, ihren geistlichen Zustand zu vergessen. Einige von euch haben noch nie mit Ernst an ihre Seele und ihr Verhältnis zu Gott gedacht. Es ist eine unangenehme Sache. Ihr vermutet, daß sie noch unangenehmer wird, wenn ihr darüber nachdenkt. Ihr wünscht Vergnügen und Zeitvertreib, weil ihr den Zustand eures Herzens vor Gott nicht prüfen wollt. Salomo ermahnt den Fleißigen, den Zustand seiner Herde zu erkennen und darauf zu achten; wer aber sorglos und faul ist, kümmert sich um solche Sachen nicht und läßt die Dinge gehen, wie sie wollen. Der Mann, der im Geschäft Verluste macht, hat keine Lust, den Lagerbestand aufzunehmen. «Ach,» sagt er, «bringt mir meine Bücher nicht. Ich kann des Nachts nicht schlafen, wenn ich sie sehe.» Er weiß, daß er immer mehr herunterkommt und bald ein ruinierter Mann sein wird, und die einzige Weise, wie er sein Leben ertragen kann, ist, die trüben Gedanken durch Trinken zu verscheuchen, oder sie in Gesellschaften und eitlen Vergnügungen zu vergessen. Er arbeitet, um die Stunden zu vertreiben, damit er seinen wahren Zustand vor sich selbst verberge. Aber welch ein Narr ist er! Würde es nicht unendlich weiser sein, der Sache ins Gesicht zu schauen und zu ergründen, wie sein wahrer Zustand ist.? Solche Unwissenheit, die er erwählt, ist für einen rechtschaffenen Mann keine Freude, sondern ein elender Aufschub. Ich habe oft gebeten: «Herr, laß mich meinen Zustand vollständig erkennen», denn ich wünsche keine Hoffnung zu haben, die mich letztendlich täuscht. Die Enttäuschung ist um so bitterer, als die falsche Hoffnung süß war. Es ist eine Versuchung der bankrotten Seele vor der unwillkommenen Wahrheit die Augen zu verschließen. Von dem Strauß vermutet man, daß er in der Gefahr den Kopf in den Sand steckt und glaubt, daß der Jäger fort sei, wenn er ihn nicht sieht. Aber er ist nicht fort. Die unsichtbare Gefahr ist ebenso gewiß, als wenn wir sie sehen. So vergeßlich ihr auch seid, Gott vergißt eure Sünden nicht.

Eine andere Versuchung ist, sich ein äußeres Ansehen zu geben. Ein Mensch, der dem Bankrott nahe ist, macht oft durch besonderen Aufwand auf sich aufmerksam. Welches Pferd reitet er, wenn er zum Geschäft kommt! Welche Gesellschaften gibt er! Er sucht dadurch seinen Kredit so lange zu erhalten, wie er kann. Es muß irgendwann ein Ende haben, aber eine Zeitlang spielt er den Herrn, und jeder glaubt, daß er Geld genug und übrig habe. Ein Befehlshaber einer belagerten Stadt ließ Brote über die Mauer werfen, damit die Belagerer glauben sollten, sie hätten noch die Hülle und Fülle, obwohl sie schon verhungerten. So machen es auch einige Sünder. sie haben nichts, was sie Gott anbieten können, aber dabei treten sie in glänzender Selbstgerechtigkeit auf. Sie sind so gut gewesen, ganz vorzügliche Leute von Jugend auf und haben nie etwas Böses getan. Es mögen hier und dort einige Flecken auf ihren Gewändern sein, aber dieselben sind leicht auszubürsten, wenn sie trocken sind. Sie stellen eine schöne Erscheinung dar mit ihrer Moral, (ihrem Formelwesen?) und ihrer scheinbaren Freigebigkeit. Dabei bekennen sie, religiös zu sein. Sie besuchen den Gottesdienst und geben ihren Beitrag. Wer kann irgend einen Fehler an diesen guten Leuten finden? Gerade wie oben. Dieses Bekenntnis ist das schöne Fuhrwerk, womit sie noch Aufwand treiben, ehe sie vor Gericht kommen. Es ist nichts in euch und war nie etwas in euch, wenn ihr seid, wie die Natur euch gemacht hat. Warum versucht ihr denn, so unverschämt zu sein und etwas zu scheinen, während ihr nichts seid? Ihr könnt euch damit selbst betrügen, aber Gott werdet ihr nicht betrügen.

Noch eine andere Versuchung, die auf dem Wege eines bankrotten Sünders lauert, ist die, Versprechungen zu machen, was er tun will. Leute mit Schulden sind gewöhnlich solche, die viel versprechen. Nächste Woche wollen sie gewiß bezahlen, aber wenn die nächste Woche gekommen ist, meinen sie die folgende, aber dann gewiß. Aber es geht noch weiter so, oder sie geben einen Wechsel. Ist das nicht ein kostbares Dokument? Ist es nicht ebenso gut wie bares Geld? Sie denken so, denn sie fühlen sich genau so ruhig, als hätten sie die Schuld bezahlt. Aber wenn der Wechsel fällig ist, was dann? Er verfällt und nützt nichts mehr. Ach, ein Wechsel ist oft nur eine Lüge mit einem Stempel darauf. So machen es die Schuldner, so lange sie können. Es ist dasselbe, was jeder Sünder tut, ehe er von der unumschränkten Gnade Gottes aufgeklärt wird. Er sagt: «Ich will es besser machen.» Nein, sage uns nicht, was du tun willst, sondern tue es. Durch das falsche Versprechen vergrößerst du deine Sündenschuld nur. «O, du weißt, daß ich nicht die Absicht habe, auf diesem Wege weiter zu machen. Es ist ein langer Weg, der keine Biegung hat. Ich werde es in einigen Tagen anders anfangen, wie du sehen wirst.» Was werden wir sehen? Was wir sehen werden, wird nicht viel sein. Wir werden sehen, daß das Versprechen und der Entschluß verschwindet wie der Tau und die Morgenwolke. Lieber Mensch, du kannst unsere Hoffnung nicht erregen. Weder Gott noch Menschen werden dir trauen. Das hat du schon zwanzig Jahre versprochen, und in keinem Jahre hast du einen Versuch gemacht, in die rechte Richtung zu kommen. Du hast nicht nur Menschen, sondern Gott belogen, und wie willst du dich verantworten? Weißt du nicht, daß jedes Versprechen, das du Gott gibst und nicht hältst, die Zahl deiner Übertretungen vergrößert und das Maß deiner Sünden voll machen hilft? Gib das Lügen auf, ich bitte dich.

Eine andere Versuchung ist, immer um Zeit zu bitten, als wenn weiter nichts nötig wäre. Als der Schuldner, wie uns ein einem anderen Gleichnis berichtet wird, vor den Gläubiger gebracht wurde, sagte er: «Habe Geduld mit mir; ich will dir alles bezahlen.» Wir können heute keine einzige unserer Schulden bezahlen und sind so kindisch, uns auf morgen zu verlassen. Ja, es scheint eine Beruhigung zu sein, noch etwas Zeit zu gewinnen, ein schwacher Schatten der Hoffnung scheint die kommenden Monate zu durchdringen. Der Sünder sagt: «Gehe hin auf diesmal; wenn ich gelegene Zeit habe, will ich dich her rufen lassen. Es ist jetzt gerade nicht gelegene Zeit, aber warte ein wenig, dann wird eine passende Stunde kommen.» Durch diese Versuchung, um Aufschub nachzusuchen, anstatt sogleich zum Ziel zu kommen und um Vergebung zu bitten, hat der Satan eine Masse Menschen verdorben. Was sind die fabelhaften Tugenden des morgigen Tages? Warum bauen die Menschen auf die unsichere Zukunft? Zur sofortigen Entscheidung dränge ich euch in diesem Augenblick. Möge der Geist Gottes euch befreien wie einen Vogel aus der Hand des Vogelfängers, damit ihr nicht länger aufschiebt und eure Lebenszeit im Ungehorsam verschwendet.

Da dieses die Versuchungen sind, will ich nun denen, die bankrott sind, andeuten, was wirklich weise wäre. Es wäre weise von euch, die Geschichte eurer Seele zu bedenken. Die Angelegenheiten deiner Seele sind die wichtigsten Dinge, die auf der Hand liegen, denn wenn du deinen Reichtum verlassen mußt und deine Besitzungen nicht mehr siehst, wenn dein Körper tot ist, wird deine Seele fortleben in ewiger Glückseligkeit oder endlosem Weh. Laß darum deinen Zustand Gott gegenüber keinen Aufschub erlauben. Es ist die wichtigste Sache, darum räume ihr den ersten Platz ein und bringe sie in Ordnung, ehe du etwas anderes beginnst.

Sei besorgt, es ehrlich anzufassen und nicht als jemand, der aus der schlechten Geschichte das Beste zu machen sucht. Obwohl es schlecht steht, so ist es doch das Beste, was du tun kannst, in Wahrheit und Nüchternheit vor den Herrn zu treten, denn es besteht noch Hoffnung. Laß die Gefahr sich nicht verbergen wie ein Dieb, der eingeschlichen ist und auf die Stunde wartet, daß er stehlen kann. Lösche das Feuer aus, ehe du einschläfst. Wenn du daran gehst, so sei ehrlich und aufrichtig gegen dich selbst und gegen Gott, denn du hast es nicht mit Gläubigern zu tun, die zu täuschen sind, sondern mit jemand, der die geheimsten Gedanken und Absichten deines Herzens kennt. Vor Gott kann nichts als Wahrheit bestehen; der verborgene Heuchler wird sogleich entdeckt. Der Herr reißt alle Masken herunter, und die Menschen stehen vor Ihm, wie sie wirklich sind, und nicht, wie sie scheinen möchten, darum sei ehrlich gegen dich. Nimm nicht die Feder und schreibe flugs sechzig, wenn es hundert sind, sondern schreibe dann auch hundert. Kniffe und Tricks sollten ein für allemal verbannt sein, wenn wir mit Gott handeln.

Noch eins. Es wird weise von dir sein, alle Versuche, bezahlen zu wollen, aufzugeben, denn du hast nichts zum Bezahlen. Täusche dich nicht mit dem Gedanken, daß du eines Tages bezahlen willst, denn du wirst es nie tun können. Mache nicht den geringsten Versuch zum Bezahlen, denn du kannst es nicht, sondern fange es gleich anders an, bekenne deine gänzliche Armut und bitte um Gnade. Sage: «Herr, ich habe nichts; ich bin nichts; ich kann nichts tun. Ich muß mich Deiner Gnade unterwerfen.» Von dieser Gnade werde ich nun sprechen. Möge ich so sprechen, daß ich euch, die ihr bankrott seid, ermutige, zum Herrn zu kommen, damit Er euch alles vergebe.

II.

Unser zweiter Punkt ist: ihre völlige Entlastung. «Er schenkte es ihnen beiden.» Welchen Segen empfingen sie, da sie ihr Schuld zugaben! Als diese beiden armen Schuldner in die Schreibstube ihres Herrn gingen, zitterten sie am ganzen Körper, denn sie besaßen nichts, womit sie zahlen konnten und steckten tief in der Schuld. Aber siehe, mit leichtem Herzen kamen sie wieder heraus, denn die Schuld war gänzlich getilgt, die Rechnungen quittiert und die Schuldscheine vernichtet. So hat der Herr ausgetilgt die Handschrift, so wider uns war, und hat sie aus dem Mittel getan und an das Kreuz geheftet.

In dieser vollständigen Entlastung bewundere ich vor allem die große Güte des Gläubigers. Welch gnädiges Herz hatte er! Welche Güte zeigte er! Er sagte: «Arme Seelen, ihr könnt mir nie bezahlen, aber ihr habt es deshalb nicht nötig, niedergeschlagen zu sein, denn ich kann eure Schuld ausstreichen.» O, diese Güte! O, die Größe des Herzens Gottes! Ich habe kürzlich von Julius Cäsar gelesen. Er führte einen blutigen Krieg mit Pompejus und besiegte ihn endlich. Unter dem Raube fand er Pompejus` Schriften, unter denen sich sehr viele Briefe von verschiedenen römischen Senatoren und Patriziern, die ihm zur Seite gestanden hatten, befanden. In manchen Briefen fand er schlimme Beweise gegen einige vornehme Römer; aber was tat Cäsar? Er vernichtete jedes Dokument. Er wollte keine Kenntnis von seinen Feinden haben, denn er vergab ihnen vollständig und wollte davon nichts mehr wissen. Hier bewies Cäsar, daß er fähig war, ein Volk zu regieren. Blicke auf die Gnade Gottes, der alle unsere Sünden hinter sich wirft und vernichtet. Wenn die Sünden seines Volkes gesucht werden, so sind sie nicht zu finden. Er wird sie nie wieder gegen uns erwähnen. O, die Güte des ewigen Gottes, dessen Gnade ewiglich währt! Beuge dich vor dieser Güte mit Freuden.

Dann beachte die Freigebigkeit. «Er schenkte es beiden.» Sie standen dort nicht und sagten: «O, guter Herr, wir können nicht bezahlen» und baten wie um ihr Leben. Nein, er sagte frei zu ihnen: «Ihr könnt nicht bezahlen, aber ich kann vergeben. Ihr hättet nie bei mir in Schulden kommen und euer Versprechen nicht brechen sollen, aber ich mache dieser traurigen Sache ein Ende. Ich tilge alle eure Verbindlichkeiten.» Hat dieses ihnen nicht die Tränen in die Augen getrieben? Eilten sie nicht nach Hause, um Frau und Kindern zu erzählen, daß sie schuldenfrei seien, da der gütige und geliebte Herr ihnen alles vergeben habe? Dieses ist ein schönes Bild der Gnade Gottes. Wenn ein armer Sünder bankrott zu Ihm kommt, sagt Er: «Ich vergebe dir aus freier Gnade alle deine Sünden. Deine Übertretungen sind fort. Ich verlange nicht, daß du dir durch deine Tränen, deine Gebete und deine Seelenangst die Vergebung erwirbst. Du hast mich nicht gnädig zu stimmen, denn ich bin schon gnädig, und mein lieber Sohn Jesus Christus hat eine solche Genugtuung vollbracht, daß ich gerecht sein und doch alle Sünden vergeben kann. Darum geht hin in Frieden.»

Ferner war diese Schuld vollständig hinweg getan. Der Gläubiger sagte nicht: «Kommt, gute Freunde, ich will die Hälfte erlassen, das übrige müßt ihr bezahlen.» Da sie nichts bezahlen konnten, wären sie dadurch nicht besser dran gewesen; auch nicht, wenn er neunundneunzig von hundert gestrichen hätte. Hätte er die Hälfte erlassen, so wäre ihr Schuld nur halb so groß gewesen, aber ihr Zustand doch hoffnungslos geblieben, da sie keinen Pfennig zum Bezahlen hatten. Wenn der Herr die Sünden seines Volkes austilgt, bleibt keine Spur davon zurück.. Meine Überzeugung ist, daß der Herr, als Er am Kreuze starb, ein Ende mit allen Sünden seines Volkes machte und vollständige Zahlung leistete für alle, die je an Ihn glauben werden. Alle Sünden der Gläubigen sind ein für allemal in die Wüste der Vergessenheit getragen worden von unserem großen Sündenträger, und niemand wird je eine Sünde wiederfinden, die Erwählten zu verdammen. Für die Gläubigen ist keine Schuld zurückgeblieben, nicht ein Pfennig. richtet das Wort Gottes nicht selbst die Frage an uns? «Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?» Der Herr hat ihre Schuld frei vergeben, nicht teilweise, sondern vollständig. Von unserer Sünde können wir sagen: «Das Meer bedeckt sie. Es ist nicht eine von ihnen übrig geblieben.»

Beachtet ferner, daß es eine sehr wirkungsvolle Vergebung war. Die einzige Person, die eine Schuld vergeben kann, ist diejenige, dem sie etwas schuldet. Nur Gott kann Sünden vergeben, denn es ist eine Schuld gegen Ihn. Was denkt ihr von solchen Leuten, von denen es heißt, daß sie euch für eine Mark die Sünden vergeben können? Ich denke, ihnen eine Mark zu geben, heißt, hundert Pfennige wegzuwerfen. Was nützt es euch, wenn ihr von ihnen Vergebung habt? Stellt euch vor, ich würde euch eine Beleidigung vergeben, die ihr gegen jemand anderes ausgesprochen habt. Was würde euch meine Vergebung nützen? Derjenige, gegen den ich mich vergangen habe, ist der einzige, der die Vergebung aussprechen kann, und wenn er mich freispricht, wie wirkungsvoll ist dieses Wort! Wenn der Gläubiger sagt: «Ich vergebe euch beiden», so ist es geschehen. Seine Lippen haben die Macht, er kann die Schuld durch Sein Wort wegnehmen. Und wenn der Herr Jesus von einem Sünder mit dem Glaubensauge angeblickt wird, so kommt eine Stimme von Seinen teuren Wunden, die dem armen, zitternden, bankrotten Sünder zuruft: «Deine Sünden, so viele ihre sind, sind vergeben. Ich tilge deine Missetat wie eine Wolke, und deine Sünde wie den Nebel.» Welch eine wirkungsvolle Vergebung ist es!

Und ich denke, daß ich noch eine andere Eigenschaft hinzufügen kann - es ist eine ewige Vergebung. Der Gläubiger konnte diese Schuldner nie wieder vorladen wegen der Schulden, die er getilgt hatte. An so etwas konnte er mit Recht nie wieder denken. Er hatte ihnen vergeben und dabei blieb es. Gott spielt kein Versteck mit seinen Geschöpfen; Er vergibt ihnen nicht und bestraft sie dann doch noch. Ich werde nie glauben, daß Gott heute einen Menschen liebt und ihn morgen verwirft. Gottes Gaben und Berufung mögen Ihn nicht gereuen. Die Rechtfertigung ist keine Tat, die zurückgenommen werden kann, worauf dann später doch noch die Verdammung folgt. Nein, nein. «Welche Er aber gerecht gemacht hat, die hat Er auch herrlich gemacht.» Durch seinen Tod hat unser Erlöser ein für allemal die Sünden gänzlich hinweg getan und uns vom Fluche des Gesetzes erlöst. Das Opfern der Ochsen und Lämmer geschah nur zum Gedächtnis der Sünden, denn es ist unmöglich durch Ochsen- und Bocksblut Sünden wegzunehmen. Der Apostel schreibt: «Dieser aber, da Er hat ein Opfer für die Sünden gebracht, das ewiglich gilt, sitzt nun zur Rechten Gottes.»

Noch eine Bemerkung über diesen Punkt. Diese freie Vergebung bezog sich auf beide, «Er vergab beiden.» Derjenige, der nur fünfzig Groschen schuldete, bedurfte sowohl der Vergebung als derjenige, der fünfhundert Groschen schuldete, denn wenn er auch nicht tief im Schlamm saß, so war er doch gewiß im Morast. Wenn jemand im Schuldgefängnis saß, wie es nach früheren Gesetzen geschah, so war er ebenso fest hinter Schloß und Riegel, wenn er nur fünfzig Groschen schuldig war, als wenn er fünfhundert schuldete. Er konnte ebensowenig ohne Zahlung seiner Verbindlichkeiten oder Tilgung derselben frei werden wie der andere Schuldner. Ein Vogel an einer Schnur ist eben sowohl ein Gefangener wie ein Bulle an einem Tau. Nun, ihr guten Leute, die ihr immer gesagt habt, eure Pflicht getan zu haben und unter die «Fünfzig-Groschen-Schuldner» gerechnet werdet, ihr müßt bekennen, daß ihr in Gottes Schuld steht durch ein gewisses Maß an Sünden. Merkt euch, daß ihr nicht errettet werden könnt ohne freie Vergebung von Gott durch das köstliche Blut Christi. Der «Fünfzig-Groschen-Schuldner» muß seine Entlastung durch die Gnade allein erhalten. Es ist auch ein seliger Gedanke, daß Er dem «Fünhundert-Groschen-Schuldner» mit gleicher Freigebigkeit vergab. Vielleicht sind hier einige anwesend, Männer und Frauen, die nie den Anspruch erhoben haben, gut zu sein, sondern die von Kindheit an schlechter und schlechter geworden sind. In diesem Augenblick ist eine freie und sofortige Vergebung für euch möglich. Ihr, die ihr bis über die Ohren bei Gott in Schulden steckt, könnt Vergebung bei demselben Herrn finden, der den kleinen Schuldnern vergibt. Wenn jemand die Feder in der Hand hat und Quittungen schreibt, so macht es ihm nicht mehr Mühe, fünfhundert Groschen zu quittieren, als fünfzig; dieselbe Unterschrift genügt. Und wenn der Herr die Feder seines Geistes in der Hand hat und im Begriff ist, auf ein Gewissen den Frieden zu schreiben, der aus der Versöhnung kommt, kann er dieses sowohl auf das eine wie auf das andere Herz schreiben. Komm her, der du eine kleine Rechnung hast, damit die Gnade darauf schreibe: «Erhalten.» Komm her, der du eine große Rechnung hast, lege sie vor die gnädige rechte Hand Gottes, denn wenn die Rechnung auch noch so groß ist, so kann die Hand der göttlichen Liebe doch in einem Augenblick «erhalten» darauf schreiben. Ich bin höchst erfreut, euch ein solches Evangelium predigen zu können. Wie groß euere Schuld auch sei, mein gnädiger Gott ist bereit zum Vergeben um Jesus willen, denn Er freut sich, gnädig zu sein.

III.

Nun bitte ich um besondere Aufmerksamkeit für den letzten Punkt, und das ist die Verbindung zwischen diesem Bankrott und der freien Vergebung. Es heißt: «Da sie aber nicht hatten zu zahlen, schenkte Er es beiden.» Zu dem Zeitpunkt, in dem die Vergebung geschieht, verschwindet auch die Selbstgenügsamkeit. Wenn jemand hier im eigenen Gewissen zu der Überzeugung kommt, daß er nicht bezahlen kann, dann ist er bei dem Punkte angekommen, wo Gott bereit zum Vergeben ist. Wer seine Schuld anerkennt und auch seine Zahlungsunfähigkeit bekennt, wird erkennen, daß Gott sie freiwillig austilgt. Der Herr wird uns nicht eher vergeben, bis es mit unserem Stolz und Rühmen zum Sterben gekommen ist. Ein Gefühl des geistlichen Bankrotts zeigt, daß ein Mensch nachdenklich geworden ist, und das gehört wesentlich zur Errettung. Wie können wir sagen, daß ein gedankenloser Mensch ein erretteter ist? Wenn wir so über unseren Zustand nachdenken, daß wir über die Sünde trauern und ihre Abscheulichkeit fühlen, und wenn wir unser Herz und Leben durchsuchen und finden, daß wir keinen Verdienst und keine Macht haben, dann sind wir vorbereitet, im Glauben zu sagen: «Im Herrn habe ich Gerechtigkeit und Stärke». Müssen nicht ernste Gedanken da sein, ehe wir auf Gnade hoffen können? Wolltet ihr, daß Gott uns errettet, während wir schlafen, während wir leichtfertig und sorglos leben und uns wegen unserer Sünden keine Sorgen machen? Wahrlich, das wäre der Torheit Vorschub geleistet! So handelt Gott nicht. Er will, daß wir den Ernst unserer Gefahr erkennen, denn sonst würden wir die ganze Sache mit Leichtigkeit behandeln, und wir würden die notwendige Vergebung und Gott Seinen Ruhm verlieren.

Ferner, wenn wir dahin gekommen sind, unseren Bankrott zu fühlen, dann geben wir ein ehrliches Bekenntnis ab, und einem solchen ist die Verheißung gegeben: «So wir unsere Sünden bekennen, so ist Er treu und gerecht, daß Er uns die Sünden vergibt.» Die beiden Schuldner hatten ihre Schuld anerkannt, und sie hatten sie auch bekannt, obwohl es ein wenig gegen ihr Gefühl gewesen sein muß, daß sie nicht zahlen konnten. Sie demütigten sich vor ihrem Gläubiger, und dann sagte Er: «Ich vergebe euch.» Wenn einer dieser Schuldner geprahlt hätte: «O, ich kann bezahlen», so würde er aller Wahrscheinlichkeit nach ins Gefängnis gekommen sein. Was dich betrifft, armer Zitternder, ich weiß nicht, wo du diesen Morgen stehst, aber hier ist Trost für dich. Wenn du in dein Kämmerlein gehst und zu Gott sagst: «Herr, habe Gnade mit mir, denn ich bin schuldig. Ich kann mich nicht vor Dir rechtfertigen oder entschuldigen,» dann kann und wird Er zu dir sagen: «Sei getrost. Ich habe deine Sünden vergeben, du sollst leben.» Wenn du nicht zahlen kannst und dieses reumütig bekennst, wird dir die Schuld erlassen werden. Es geschieht nur in der äußersten Not, daß die Menschen die Vergebung schätzen. Wenn Gott einem jeden sofort seine Gnade erweisen würde, ohne daß er Erkenntnis seiner Sünden hätte, so würden die Menschen diese für gering ansehen und nichts davon halten. «Gott ist gnädig», hört man allenthalben sagen, aber dieses wird so leichtfertig ausgesprochen, daß man merkt, wie wenig es geschätzt wird. Sie beten Ihn nicht an für Seine Barmherzigkeit und dienen Ihm nicht für Seine Gnade. Sie sagen: «Gott ist barmherzig» und fahren dann fort, ärger denn je zu sündigen. Dieser Gedanke hat keinen Einfluß auf ihr Herz und Leben. Sie haben keine Achtung vor der Barmherzigkeit, von der sie sprechen. Darum sorgt der Herr dafür, daß der Sünder das Bedürfnis der Gnade durch Gewissensbisse und den Schrecken des Gesetzes erkennt. Wenn ich so sagen darf, schickt Er ihm den Gerichtsvollzieher auf den Hals, läßt eine Pfändung im Herzen vornehmen und überzeugt den Menschen von der Sünde, vom Gericht und von der Gerechtigkeit. Der Herr schickt einen Zahlungsbefehl ins Herz und wenn das arme Geschöpf ruft: «Ich habe nichts zu bezahlen», gibt es eine freie Vergebung und dieselbe wird von dem Empfänger dann hoch geschätzt. Wenn unsere Rechnung groß und schwer ist, dann ist es köstlich, zu sehen, wie Gott Sein «erhalten» darunter schreibt und die ganze Schuld vom Meer der Liebe verschlungen wird. Christus ist köstlich, wenn die Sünde bitter ist. Ist es nicht weise von Gott, daß die Quittung der Schuld kommt, wenn wir nichts haben, womit wir zahlen können und daher bereit sind, eine freie Vergebung zu schätzen.?

Wenn eine arme Seele überzeugt ist, sieht sie die Wirklichkeit der Sünde und der Vergebung. Mein lieber Zuhörer, du wirst nie an die Wirklichkeit der Vergebung glauben, bis du die Wirklichkeit der Sünde gefühlt hast. Ich erinnere mich noch, als ich die Bürde der Sünde fühlte, daß mein Herz, obwohl ich noch ein Kind war, vor Angst bebte und ich in den Staub geworfen wurde. Die Sünde war kein Trugbild, mich zu erschrecken, sie war eine schreckliche Wirklichkeit und riß mich wie ein Löwe in Stücke. Und jetzt kenne ich die Wirklichkeit der Vergebung; es ist keine Einbildung, kein Traum, denn mein Inneres fühlt ihre Macht. Ich weiß, daß meine Sünden vergeben sind und ich freue mich darüber, aber ich würde nie die wirkliche Wahrheit dieser glücklichen Lage erkannt haben, wenn ich nicht die drückende Bürde der Sünde im Gewissen gefühlt hätte. Ich konnte mit der Bekehrung nicht spielen, denn die Sünde war eine schreckliche Tatsache in meiner Seele. Unser himmlischer Vater wünscht nicht, daß wir es leicht nehmen mit der Sache, für die Jesus sein Blut vergossen hat, und darum bringt es uns in Seelennot und darauf in eine lebendige Gewißheit der freien Gnade. Er läßt die Peitsche auf unsere Schultern fallen, bis wir bluten, und dadurch werden wir der Sklaverei der Sünde überdrüssig. Er läßt Gewissen und Gesetz auf uns wirken, und diese beiden Kerkermeister werfen uns in das innerste Gefängnis und legen unsere Füße in den Stock. Alles dieses bereitet uns vor auf die befreiende Macht, die die Mauern des Gefängnisses erschüttert, alle Bande löst und auf die zarte Liebe, die uns die Striemen abwäscht und uns ein Mahl bereitet.

Ich glaube, daß der Herr uns seine Quittung gibt, wenn wir bis zum letzten Heller gekommen sind und nicht eher, weil wir erst dann auf den Herrn Jesus Christus blicken. Ach, meine lieben Freunde, so lange wir noch etwas anderes haben, auf das wir blicken können, werden wir nicht auf Christus schauen. Dieser gesegnete Hafen, in welchen nie ein Schiff beim Sturm eingelaufen und wo Schutz zu finden ist, wird von all euren tapferen Schiffen gescheut. Sie laufen viel lieber in einen Hafen an der Küste der Selbsttäuschung als in den Hafen, der durch die beiden Leuchttürme «freie Gnade» und «sterbende Liebe» bezeichnet ist. So lange der Mensch das Mehlfaß noch auskratzen kann und noch ein wenig findet, so lange der Ölkrug noch tropft, und wenn es auch in einer Woche nur ein Tropfen ist, so lange wird er nicht zu Christus kommen, um himmlische Lebensmittel zu erhalten. So lange er noch einen nachgemachten Pfennig in einer verborgenen Ecke seines Geldkastens hat, wird der Sünder nicht die Schätze der erlösenden Liebe annehmen.; aber wenn es mit ihm zu Ende ist, wenn er nichts mehr in Küche und Keller hat, wenn er weder Rock noch Stock hat, dann schätzt er Jesus und Seine Erlösung. Wir werden entleert, um gefüllt zu werden. Wenn wir nichts geben können, kann Gott vergeben. Wenn jemand von euch noch Gutes in sich selbst hat, so wird er ewig verderben. Wenn ihr noch irgend etwas Eigenes habt, worauf ihr vertraut, werdet ihr so gewiß verloren sein, als ihr lebendige Männer und Frauen seid, aber wenn ihr bis zum Äußersten gekommen seid, und Gottes heftiger Zorn gegen euch zu brennen scheint, dann könnt ihr nicht nur Gnade haben, sondern die Gnade ist schon euer. Selig seid ihr Armen, denn ihr sollt reich sein. Selig seid ihr Hungrigen, denn ihr sollt gesättigt werden. Selig seid ihr, die ihr leer seid, den ihr sollt gefüllt werden. Aber wehe euch, die ihr reich seid an Gutem und nichts bedürft und euch eurer «Gottheit» rühmt. Christus hat nichts mit euch zu tun und wir haben euch nichts zu predigen, als das eine: «Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht.» Der himmlische Arzt ist nicht gekommen, um die zu heilen, die keiner Heilung bedürfen. Bist du ein Sünder? Jesus ist der Heiland der Sünder. Gib Ihm die Hand im Glauben und die Sache ist abgemacht; du bist errettet. Gott segne euch um Jesus willen. Amen.

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