Spurgeon, Charles Haddon - Ermuthigung zu Bekehrungen.

Gehalten am Sonntag, den 12. März 1876.

„Wenn du aber daselbst den Herrn, deinen Gott, suchen wirst, so wirst du ihn finden, wo du ihn wirst von ganzem Herzen und von ganzer Seele suchen. Wenn du geängstigt sein wirst und dich treffen werden alle diese Dinge, in den letzten Tagen; so wirst du dich bekehren zu dem Herrn, deinem Gott, und seier Stimme gehorchen. Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott,; er wird dich nicht lassen, noch verderben, wird auch nicht vergessen des Bundes, den er deinen Vätern geschworen hat.“ –

5. Mos. 4,29-31

An dem letzten Sonntag war das Thema meiner Predigt „Gewünschte Bekehrungen“, und mein ernstes Gebet zu Gott ist gewesen, daß die Wirkung der heutigen Morgenpredigt vollbrachte Bekehrungen sein möchten. Ich kann nicht glücklich sein, wenn ich mich nicht der Hoffnung hingebe, daß Einige sich heute Morgen mit vollem Entschluß ihres Herzens zu Gott kehren werden, durch die Kraft des heiligen Geistes dahin geleitet. Hiefür habe ich den Herrn gesucht und hierauf will ich abzielen. Ich fragte mich: „Was wird am leichtesten in der Hand des heiligen Geistes als Mittel dienen, die Menschen zu Gott zu leiten? Soll ich die Schrecken des Herrn predigen oder soll ich die Lieblichkeit der göttlichen Gnade verkünden? Jedes von beiden hat seinen eignen Nutzen, aber welches wird am wahrscheinlichsten unserm Zweck entsprechen?“ Ich erinnerte mich der Fabel von der Sonne und dem Wind. Diese nebenbuhlerischen Mächte wetteiferten, wer den Reisenden zwingen könnte, seinen Mantel wegzuwerfen. Der Wind blies ungestüm und zauste das Gewand, als wenn er es von des Reisenden Schultern reißen wollte, aber er knöpfte es nur enger um sich hielt es fest mit seiner Hand. Der Sieg war nicht auf Seite des Starken und Drohenden. Da brach die Sonne hinter einer Wolke hervor, als der Wind mit Brausen aufgehört, und lächelte auf den Reisenden mit der Wärme der Freundlichkeit, bis er seinen Mantel löste und bald froh war, ihn ganz abzunehmen: der sanfte, liebliche Einfluß der Sonne hatte gesiegt, wo der Sturm vergeblich gerast. So dachte ich, vielleicht, wenn ich die liebreiche Barmherzigkeit Gottes und seine Bereitschaft zum Vergeben predige, mag dies meinen Hörern sein, wie die warmen Strahlen der Sonne dem Reisenden und sie werden die Gewänder der Sünde und Selbstgerechtigkeit wegwerfen. Ich weiß, die Pfeile der Liebe sind scharf und verwunden viele Herzen, die dem Schwerte des Zornes undurchdringlich gewesen sind. O, daß diese heiligen Wurfspieße heute den Sieg gewinnen möchten! Wenn die Schiffe auf der See einen Sturm befürchten, so werden sie froh in einen offnen Hafen eilen, aber wenn es zweifelhaft ist, ob sie in denselben einlaufen können, so trotzen sie lieber dem Sturm, als daß sie Gefahr laufen, nicht in die Mündung der Bucht einfahren zu können. In einige Häfen kann man nur zur Fluthzeit hinein kommen und deshalb wagt der Capitain es nicht: aber wenn die wilkommenen Signale wehen, und es klar ist, daß reichlich Wasser vorhanden, und daß sie sicher hinter die Ankerboje gehen können, so zaudern sie nicht länger, sondern segeln auf den schützenden Platz zu. Laßt die suchenden Sellen wisssen, daß heute des Herrn Zufluchtshafen offen ist, die Bucht der freien Gnade kann erreicht werden, es ist Seebreite für den größten Uebertreter da, und Liebe genug, den größten Sünder in den Hafen zu fluthen. Ha, ihr vom Sturm und Wetter mitgenommenen Schiffe, kommt und seid willkommen! Ihr habt nicht nöthig, auch nur eine einzige Stunde lang euch der Gefahr des Sturmes des allmächtigen Zornes auszusetzen; ihr seid eingeladen, Schutz zu suchen und jetzt zu genießen.

Es ist eigenthümlich, daß ich mit diesen Vorstellungen in meinen Gemüthe und mit dem Wunsche, freie Gnade und reichliche Barmherzigkeit zu predigen, meinen Text im fünften Buche Mosis gefunden habe. Wie! Das ist ein Buch des Gesetzes und ist reichlich besäet mit schrecklichen Drohungen und doch finde ich ein evangelistisches Thema darin; ja, und eins der allerreichsten! Wenn ich es lese, so bewundre ich es, sowohl um seines Zusammenhanges, als um seiner eignen Fülle wegen, es scheint mir so lieblich, diese Lilie unter den Dornen zu finden. Wie man in den Wintermonaten am Anfange des Jahres einen Krokus aufblühen sieht aus dem kalten Boden und in seinem goldnen Kelche uns einen Vorgeschmack von dem Sonnenlichte bieten, das der Sommer völliger bringen wird, so sehe ich unter den starren Blättern des Gesetzes diesen köstlichen evangelistischen Ausspruch, der gleich der Frühlingsblume uns versichert, daß Gottes Liebe noch lebendig ist und uns glücklichere Zeiten bringen wird. Meine Gedanken verglichen auch diese Stellen mit dem Wasser, das aus dem Felsen quoll, denn das Gesetz ist gleich einem Felsen und der Pentateuch ist hart und starr wie Granit; aber hier mitten in seinem Innern finden wir einen kyrstallnen Quell, aus dem die Durstigen trinken können. Ich verglich den Text auch mit dem Manna, das auf dem Wüstensand lag, das Himmelsbrod, glänzend wie eine leuchtende Perle, auf dem unfruchtbaren Boden der Wildniß. Hier unter den flammenden Statuten des Gesetzes, und den furchtbaren Gerichten, mit denen der Gott Sinais droht, seht ihr das Manna der Barmherzigkeit um eure Zelte liegen, so frisch, hoffe ich, als wenn es eben erst gefallen wäre. Möget ihr davon essen und ewiglich leben.

Laßt uns nun sogleich zu unserm Text uns wenden. Der Herr ermuthigt hier Sünder, sich zu ihm zu bekehren und reichliche Gnade zu finden. Er ermuthigt Sünder, welche seine klarsten Gebote hatten, die Götzen gemacht und sich so verderbt hatten, und in Folge dessen mit Gefangenschaft und andern Züchtigungen heimgesucht waren, er forert sie auf, von ihren bösen Wegen sich zu kehren und sein Angesicht zu suchen. Ich fühle mich gedrungen, am Anfang dieser Predigt zu sagen, daß, wenn der Text irgendwie begrenzt ist, wenn er als zu einer besondern Classe von Uebertretern gesprochen betrachtet werden soll, daß er dann besonder den Rückfälligen angehört, denn das Volk, an das er zuerst gerichtet war, war das Volk Gottes, aber sie hatten Götzen errichtet und waren irre gegangen; und an sie hauptsächlich, obleich nicht ausschließlich an sie, wurden diese Ermuthigungen zur Buße gerichtet. Da wahrscheinlich hier einige Rückfällige sind, die einst in der Kirche Gottes standen, aber von ihr ausgeschlossen wurden, die einst sehr eifrig und ernst in der Sache Gottes waren, aber jetzt ganz gleichgültig gegen alle Religion geworden sind, so bitte ich diese, den Text sich anzueignen. Nimm jede Sylbe desselben in dein Herz auf, Rückfälliger. Lese, merke, lerne und verarbeite ihn innerlich, und möge er dich auf deine Knie und zu deinem Gott zurückbringen. Er giebt dir eine bestimmte Aufforderung, von deinen Irrwegen zurückzukehren und deine elenden Rückfälle zu beenden, indem du noch einmal zu deines Vaters Hause zurückkehrst, denn er will dich nicht verlassen, noch dich verderben, noch den Gnadenbund vergessen, den er mit euch gemacht hat. Glücklich seid ihr, daß ihr wiederkehren dürft; glücklich werde ich sein, wenn ihr wiederkehrt. Ich dachte, ich wollte dieses besonders betonen, weil der Herr selber und seine Knechte mit ihm, mehr über Ein verlornes Schaf sich freuen, das zu dem Hirten der Seelen zurückkehrt, als über neun und neunzig, die niemals sich verirrten. Es ist Freude da, wenn Jemand einen Schatz findet, den er nie vorher hatte, aber sie gleicht kaum der Freude des Weibes, die den Groschen fand, der schon ihr war, den sie aber verloren hatte. Froh ist das Haus, wenn das Kindlein geboren ist, aber tiefer ist die Freude, wenn der verlorne Sohn wieder gefunden ist. Meine Seele verlangt darnach, dem Herrn einge seiner Verbannten heimbringen zu sehen und das Werkzeug zu sein, um seine Zerstreuten zu sammeln.

Doch, der Text ist völlig anwendbar auf alle Sünder – alle, die sich verderbt haben und übel vor dem Herrn thun und ihn zum Zorn reizen. Der Ewig-Barmherzige ermuthigt sie, mit vollem Entschluß des Herzen zu ihr zurückzukehren, indem er versichert, daß er sie nicht verlassen will. Es scheinen mir drei Punkte in dem Text zu sein, die zu einem sofortigen ersten Suchen seines Antlitzes bewegen sollten, denn hier wird zuerst eine Zeit genannt; zweitens, ein Weg bestimmt und drittens, eine Ermuthigung gegeben.

I.

Erstens also, in dem Text wird eine Zeit genannt. Seht nur hin: „Wenn du aber daselbst den Herrn suchen wirst. … Wenn du geängstigt sein wirst, und dich treffen werden alle diese Dinge, in den letzten Tagen.“

Die Zeit, zu welcher der Herr euch ihn suchen heißt, o ihr, deren Sünde noch nicht vergeben ist, ist zu allerst „daselbst“, da heißt, in dem Zustand, in den ihr hinein gerathen seid oder der Lage, in der ihr euch befindet. Nach Zusammenhang des Textes wird hier von den frevelnden Israeliten gesprochen, als in der Gefangenschaft befindlich, unter verschiedene Völker zerstreut, an Wohnplätze, wo sie gezwungen waren, Götter von Holz und Stein anzubeten, die weder sehen noch hören, noch essen und riechen konnten; doch „daselbst“ – in den unheiligen, heidnischen Dröfern, in ihren einsamen Schmerzen an den Wassern Babylons, in ihrer Gefangenschaft in dem fernen Chaldäe, ward ihnen geheißen, sich zum Herrn zu kehren und seiner Stimme zu gehorchen. Ihre Umgebung solt ihr Gebt nicht hindern. Vielleicht, lieber Freund, wohnst du zur Zeit unter ungöttlichen Verwandten; wenn du von Religion zu sprechen beginnst, so wirst du gleich zum Schweigen gebracht, du hörst nichts, was dir eine Hülfe im Guten ist, sondern vieles, das dich hindern möchte; dennoch, schiebe es nicht auf, sondern „daselbst“, eben suche den Herrn, denn es steht geschrieben: „So du ihn suchen wirst, so wirst du ihn finden.“ Mag sein, daß du in einer Umgebung lebst, wo alles dem Evangelium Jesu Christi feindselig ist und selbst deiner Sittlichkeit nachtheilig. Es war eine Zeit und du denkst ihrer villeicht mit Sehnsucht, wo du ein Kind auf dem Schoße einer frommen Mutter warst, wo du deine Sabatthe in der Sonntagsschule zubrachtest, wo die Bibel täglich im Hause gelesen ward, aber nun sind alle diese Hülfen dir genommen, und alles um dich her zieht dich nieder zu größerer und immer größerer Sünde. Mache dies indeß nicht zu einem Grunde des Aufschiebens; eben so wohl könnte sich Jemand weigern, zu einem Arzte zu gehen, weil er an einem ungesunden Orte lebt oder ein Ertrinkender deas Rettungsboot verschmähen, weil ein tobendes Meer ihn rings umher umgiebt. Beschleunige lieber deine Eile, als daß du sie mäßigest. Zaudre nicht, bis deine Lage sich bessert; warte nicht, bis du in eine gottesfürchtige Familie kommst, oder in größerer Nähe der Gnadenmittel lebst, denn wenn du ihn „daselbst“ suchest, so wirst du ihn finden.

Aber du sagst mir, du bedauerst nicht sowohl, daß Andere, unter denen du lebst, ungöttlich sind, sondern daß du selber in einem elenden Herzenszustande bist, denn du bist einer Sünde gefolgt und einer andern, bis Uebelthun dir zur Gewohnheit geworden ist und du kannst es nicht abschütteln. Wie vom Wirbelwind getrieben, rollst du daher; eine furchtbare Macht drängt dich vom Schlechten zum Schlimmern. Richte dich auf, Mann, zum augenblicklichen Handeln, denn wenn du wartest, bis du diese böse Macht durch deine eigne Kraft besiegt hast, wenn du die Bekehrung aufschiebst, bis du frei von der Sündenherrschaft bist, dann wirst du sicherlich für immer warten und in deiner Thorheit umkommen. Wenn du das Böse in eigner Kraft überwinden könntest, so hättest du nicht nöthig, den Herrn zu suchen, denn du hättest das Heil in dir selber gefunden; aber sei nicht so unsinnig, von dem etwas zu träumen. Heute, „daselbst“, von dem Platze, wo du nun bist, wende dein Antlitz zu deinem Vater , der im Himmel ist und suche ihn durch Jesum Christum. Denke an das Lied, das an jedem Sabbath in unsern Versammlungen gesungen werden sollte:

„Grad‘ wie ich bin, nicht zaudre ich,
Bis meine Seel‘ gereinigt sich,
Zu dir, deß Blut mich waschen kann,
Zu dir komm‘ ich, o Gottes Lamm.“

Jeder Vers beginnt mit: „Grad‘ wie ich bin,“ und so muß dein Gebet, dein Glaube, deine Hoffnung beginnen. Der ganze Gesang beginnt: „Grad‘ wie ich bin,“ und von da muß unser christliches Leben seinen Anfang nehmen.

Der Herr fordert euch auf, wie ihr seid und wo ihr seid. Bist du Einer aus einer gottlosen Familie, der Einzige im Hause, der überhaupt einen ernsten Gedanken gehabt hat? Komm denn und zögere nicht, der Herr ladet dich ein. Bist du der Ein Mann in einer Werkstatt, wo alle Andern ohne Religion sind? Bewundere seine unumschränkte Gnade, nimm den Ruf an und sei fortan des Herrn. Der Herr ladet diejenigen von euch ein, die bis an die Enden der Erde in Sünden gegangen sind und sich durch ihre Empörung in Gefangenschaft gebracht haben. Heute, ja heute, heißt er euch, ihn suchen „von ganzem Herzen und ganzer Seele.“

In Bezug auf die Zeit unserer Bekehrung, ist es wohl unsrer Beachtung werth, daß wir besonders ermuthigt werden, zum Herrn uns zu wenden, wenn wir in Leiden sind. Unser Text sagt: „Wenn du geängstigt sein wirst.“ Bist du krank? Hast du dich seit längerer Zeit unwohl gefühlt? Nimmt deine Schwäche zu? Fürchtest du, daß diese Krankheit zum Tode sein könnte? Wenn du so geängstigt wirst, dann magst du dich zu ihm kehren. Ein kranker Körper sollte uns dahin bringen, um so ernstlicher Heilung für unsre kranke Seele zu suchen. Bist du arm, bist du von Wohlhabenheit herabgesunken zu harter Arbeit und dürftiger Versorgung? Wenn du in solcher Trübsal bist, dann kehre dich zum Herrn, denn er hat dir diese Dürfigkeit geschickt, um dich das empfinden zu lassen, was du noch weit mehr bedarfst, nämlich ihn selber. Die leere Börse sollt dich an die Armuth deiner Seele erinnern, die leere Vorrahthskammer sollte dich die Vergeblichkeit aller deiner fleischlichen Hoffnungen sehen lassen, und angehäufte Schulden sollten dich zwingen, zu berechnen, wie viel du dem Herrn schuldig bist. Es ist möglich, daß deine Leiden in diesem Augenblick sehr bitter sind, weil du fürchtest, Jemanden zu verlieren, den du sehr lieb hast, und dies ist, als wenn dein halbes Sein von dir gerissen würde. Ein liebes Kind ist kaum kalt in dem Grabe und dein Herz blutet, wenn du an den Verslust denkst – und nun kränkelt ein anderes und wird dem ersten folgen. Wenn du so geängstigt wirst, dann suche ja den Herrn, denn sein mitleidsvolles Herz ist dir offen und er wird dir diesen Schmerz weihen zu den edelsten Zwecken. Ist es möglich, daß ich zu Jemand spreche, dessen Sünden so offen geworden sind, daß das Landesgesetz sie bestraft hat? Hast du deinen guten Namen verloren? Will Niemand dir mehr Arbeit geben? Wenn du so geängstigt bist, dann kehre dich zum Herrn, denn er will die Ausgestoßenen der Erde aufnehmen und Verbrecher zu seinen Kindern machen. Hast du unter dem gerechten Urtheil der Menschen gelitten, weil du lasterhaft, unredlich und ehrlos bist? Bist du jetzt verachtet und herabgekommen? Dennoch, auch zu dir sage ich, wenn du so geängstigt bist, wenn jede Thür verschlossen ist, wenn alle Hände wider dich erhoben sind, dann, selbst dann, suche den Herrn und du wirst ihn finden. Wenn dein Vater kaum wagt, an deinen Namen zu denken, wenn du ein Kummer für das Herz deiner Schwester gewesen bist und die grauen Haar deiner Mutter mit Schmerzen in’s Grab gebracht hast, dennoch, jetzt, selbst in diesem schmachvollen Zustand, wo du so geängstigt bist, bekehre dich zudem Herrn, deinem Gott.

Ohne Zweifel gibt es einige Leute, die niemals errettet werden, bis sie in Trübsal gerathen. Ihr Vermögen muß aller verthan sein und eine große Theurung muß über sie kommen, die Bürger des Landes müssen ihnen Hülfe verweigern und mit hungerdem Bauche müssen sie an dem Trog stehen und beghre, mit den Säuen zu essen, eher kommt es ihnen nicht in den Sinn, zu sagen: „Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen.“ Wie tief auch eure Noth ist, das Sicherste und Weiseste für euch ist, zu Gott in Christo Jesu zu fliehen und euer Vertrauen auf ihn zu setzen.

Bemerkt ferner; wenn ihr fühlt, daß die Gerichte Gottes anfangen, über euch zu kommen, dann könnt ihr zu ihm fliehen: „Wenn du geängstigt sein wirst und dich treffen werden alle diese Dinge“ – diese angedrohten Dinge. Es giebt Viele in dieser Welt, welche fühlen, als wenn ihr Sünde sie zuletzt ausfindig gemacht hätte und begonnen, eine Hölle für sie zu sein. Der Todtschläger hat sie eingeholt und führt furchtbare Streiche auf sie. „Ach,“ sagt der Eine, „meine großen Sünden haben endlich Gott erzürnt und alle Menschen können sehen, was er an mir gethan, denn er hat mir meine thersten Güter genommen. Ich verachtete eines Vaters Lehre – dieser Vater ist todt; ich achtete nicht meiner Mutter Thränen – meine Mutter schläft unter dem Rasen. Mein lies Weib pflegte mich zu bitten, mit ihr zum Gotteshause zu gehen; ich schätzte das gering und behandelte sie mit Unfreundlichkeit, und der Tod hat sie von meinem Herzen genommen. Das kleine Kind, das auf mein Knie zu klettern pflegte, um seine kleinen Lieder zu singen und mich zu überreden, zu beten, ist auch dahin! Gott hat mich zuletzt gefunden und angefangen, mich arm zu machen. Dies find nur die ersten Tropfen eines furchtbaren Ergusses seines Zorns, dem ich nicht entrinnen kann. Ach, während ein Gut nach dem andern mir genommen wird, sind meine frühern Freuden mir verbittert und sind keine Freuden mehr. Ich gehe zu Theater, wie ich zu thun pflegte, aber ich habe keinen Genuß daran. Ich blicke hinter die Schminke und die Vergoldung und es scheint ein Spott auf mein Elend. Meine alten Gefährten kommen, um mich zu besuchen, und sie wollen mir die alten Lieder singen, aber ich kann sie nicht ertragen; ihre Fröhlichkeit schnarrt nur in’s Ohr, zuweilen scheint es mir ein blödsinniges Gekreisch. Ich pflegte in die Einsamkeit mir Trost zu gehen und über manche Dinge zu philosophiren und zu faseln, die mir Trost gewährten, aber nun finde ich keine Erleichterung darin – ich habe jetzt keine Freude an meinen Gedanken. Die Welt ist de und meine Seele ist müde. Ich bin wie das dürre und gelbe Blatt und ganze Welt welkt mit mir. Das bischen Freude, das ich früher hatte, ist gänzlich hin, und keine neue Freude kommt. Ich bin weder für Gott, noch für den Teufel passend. Ich kann keinen Frieden in der Sünde finden und keine Ruhe in der Religion. In den schmalen Pfad, fürchte ich, kann ich nicht eintreten und auf dem breiten Wege werde ich so umher gestoßen, daß ich nicht weiß, wie ich weiter kommen soll. Das Schlimmste von Allem ist, daß vor mir eine schreckliche Aussicht ist; ich bin mit entsetzlichem Bangen erfüllt vor dem furchtbaren Jenseits. Ich fürchte die Ernte, die auf die schlechte Saat meines vergeudeten Lebens folgen wird. Ich habe eine Furcht vor dem Tode in mir; ich weiß nicht, wie nahe er mir vielleicht ist, aber er ist zu nahe, das weiß ich, und ich bin nicht auf ihn vorbereitet. Ich bin überwältigt von dem Gedanken an das zukünftige Gericht. Ich höre die Boten des göttlichen Gerichtes mich vorfordern und sprechen: „Komm zum Gericht, komm zum Gericht, komm hinweg.“ Ein schrecklicher ton ist in meinen Ohren und ich, wohin soll ich gehen? Höre, o Mensch, und sei getrost, denn jetzt ist die bestimmte Zeit für dich, den Herrn zu suchen, denn unser Text spricht: „Wenn dich treffen werden alle diese Dinge, so du dich bekehren wirst zu dem Herrn deinem Gott, so wird er dich nicht lassen, noch verderben.“

Es ist noch ein Wort mehr da, was mir viel Trost zu enthalten scheint, und es ist dies: „in den letzten Tagen!“ Dieser Ausdruck mag sich auf die letzten Tage der jüdischen Geschichte beziehen, obgleich ich kaum glaube, daß er dies thut, denn die Juden machen sich jetzt keiner Abgötterei schuldig. Ich glaube eher, daß er sich auf die letzten Tage einer ihrer Gefangenschaften beziehen muß und für uns auf die letzten Lebenstage. Indem ich um mich blicke, sehe ich, daß eurer Viele in vorgerückten Jahren sind, und wenn ihr unbekehrt seid, so danke ich Gott, daß ich die Freiheit habe, euch Christum zu predigen, als wenn ihr Kinder oder junge Leute wäret. Wenn ihr sechzig oder siebenzig Jahre in Empörung wider Gott zugebracht habt, so könnt ihr zurückkehren, selbst „in diesen letzten Tagen.“ Wenn euer Tag beinahe zu Ende ist und ihr bei der elften Stunde angekommen seid, wo die Sonne den Horizont berührt und die Abendschatten länger werden, doch kann er euch in seinen Weinberg berufen und am Schlusse des Tages euch euren Groschen geben. Er ist langmüthig und voll Barmherzigkeit und will nicht, daß Jemand verloren gehe, und deshalb sendet er mich als seinen Boten aus, euch zu versichern, wenn ihr ihn suchet, so werdet ihr ihn finden, selbst „in den letzten Tagen.“ Es ist ein herrlicher Anblick, obgleich er mit viel Traurigkeit vermischt ist, einen sehr alten Mann ein Kindlein in Christo werden zu sehen. Es ist lieblich, ihn, nachdem er so viele Jahre lang stolz, verkehrt, selbstvertrauend, sein eigner Herr gewesen, endlich Weisheit lernen zu sehen und zu Jesu Füßen sitzen. Man hängt in den Domen und Rathshäusern alte Banner auf, die lange vom Feinde in Schlachtgedränge empor gehalten wurden. Je mehr sie von Kugeln oder Granaten zerrissen sind, um so mehr schätzen die Sieger sie; je älter die Fahne, desto mehr Ehre scheint es zu bringen, sie als Siegeszeichen zu ergreifen. Die Menschen rühmen sich, wenn sie davongetragen:

„Die Flagg’, die tausend Jahr getrotzt
Den Schlachten und den Stürmen.“

O, wie wünsche ich, daß euer Herr und Meister einige von euch abgenutzten Sündern ergreifen möchte, euch, die ihr vom Teufel als Standarten der Sünde aufgepflanzt seid. O, daß der Fürst aller Könige der Erde euch zwingen möchte, zu sprechen: „Die Liebe hat selbst mich besiegt.“

Ich will diesen Theil nicht verlassen, bis ich gesagt habe, daß es mir große Freude macht, daß ich euch ein augenblickliches Evangelium predigen darf – ein Evangelium, das euch zu Gott kehren und sofortige Errettung finden heißt. Nehmt einen Augenblick an, das Evangelium lautete so: „Du, Sünder, sollst nach einem Jahr errettet werden, wenn du dich zu Gott bekehrst.“ O, Menschen, ich würde die Tage für euch zählen, bis das Jahr vorüber wäre. Wenn geschrieben stände: „Ihr werdet mich im März 1877 finden,“ ich würde mich um euch sorgen, bis die günstige Zeit gekommen wäre, und sagen: „Vielleicht werden sie sterben, ehe die Stunde der Barmherzigkeit geschlagen hat, schone ihrer, gütiger Herr.“ Ja, und wenn es wahr wäre, daß Gott euch nicht vor nächsten Sabbath hören wollte, so würde ich wünschen, euch einzuschließen, um euch vor allem Schaden zu hüten, wenn ich könnte, bis die Zeit da wäre, damit ihr nicht vor der verheißenen Stunde stürbet. Wenn es eine Art gäbe, euer Leben zu versichern, ob ihr auch alle, was ihr besäße, für eure Seele geben müsstet, so könntet ihr doch froh sein, euer Leben bis zum nächsten Sonntage zu versichern. Aber, Gott sei gelobt, die Verheißung zögert nicht; sie ist nun! „Heute, wenn ihr seine Stimme höret.“ Das Evangelium heißt euch nicht einmal warten, bis ihr wieder nach Hause kommt, oder in euer Schlafkämmerlein kommt, sondern hier und nun, in jenem Stuhl und in diesem Augenblick, wenn ihr von ganzem Herzen sucht und von ganzer Seele, werdet, ihr den Herrn Jesum finden, und werdet euch des Heils augenblicklich erfreuen. Ist es nicht ermuthigend zu denken, daß gerade jetzt der Herr darauf harret, gnädig zu sein?

II.

Aber nun zweiten, laßt uns den bestimmten Weg ansehen. Um Gnade zu finden, was wird uns geheißen zu thun? „Wenn du aber daselbst den Herrn, deinen Gott, suchen wirst.“ Wir haben also nichts vor Gott zu bringen, sondern ihn zu suchen. Wir haben nicht eine Gerechtigkeit zu suchen, um sie ihm zu bringen, noch einen Herzenszustand zu suchen, der uns für ihn geeignet macht, sondern ihn sogleich zu suchen. Sünder, du hast Gott beleidigt, Niemand als Gott kann dir vergeben, denn Beleidigungen sind gegen ihn selber. Suche ihn denn, damit er dir vergebe. Es ist wesentlich, daß du ihn suchest als Einen, der in Wahrheit existirt, als eine wirkliche Person, du mußt glauben, daß er sei, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein werde. Es ist vergeblich, die Sakramente zu suchen, du mußt ihn suchen; es ist eitel, Gebetsformeln herzusagen oder gewohnheitsmäßig Worte der Andacht auszusprechen, ihr müßt ihn suchen. Dein Heil liegt in Gott, Sünder, und dein Suchen muß nach Gott sein. Verstehst du dies? Es nicht das Gehen zu deinem Priester oder deinem Geistlichen, zu deiner Bibel oder zu deinem Gebetsbuch, nicht einmal das Niederknieen zu einem formellen Gebet; du mußt dich Gott nahen in Christo Jesu, und du mußt ihn finden, wie ein Mensch einen Schatz findet und ihn als sein Eigenthum an sich nimmt. „Aber wo soll ich ihn finden?“ sagt Jemand. Wenn sie vor Zeiten Gott suchten, so gingen sie zum Gnadenstuhl, denn der Herr hatte verheißen, dort mit ihnen zu reden. Wohlan, der Herr Jesus Christus ist jener Gnadenstuhl, besprengt mit kostbarem Blute, und wenn ihr Gott finden wollt, müßt ihr ihn in der Person Jesu des Nazareners finden, der auch der Sohn des Höchsten ist. Ihr werdet Jesum finden, indem ihr an ihn glaubt, ihm traut, auf ihn euch verlaßt. Wenn ihr Jesu vertraut, so habt ihr Gott in Jesu gefunden, denn er hat gesagt: „Wer mich siehet, der siehet den Vater.“ Dann seid ihr zu Gott gekommen, wenn ihr an Jesum Christum glaubt. Wie einfach ist dies! Wie so gar nicht erschwert durch Spitzfindigkeiten und Schwierigkeiten! Wenn Gott Gnade giebt, wie leicht und einfach ist es zu glauben. Die Errettung ist nicht durch Thun, nicht durch Sein, noch durch Fühlen, sondern nur durch den Glauben. Wir sollen nicht zufrieden mit unserm Ich sein, sondern den Herrn suchen. Da wir in uns selber Nichts sind, so sollen wir aus uns selber ausgehen zu ihm hin. Da wir selbst unwürdig sind, sollen wir Würdigkeit in Jesu finden.

Wir sollen auch den Herrn erfassen, als unser, denn der Text sagt: „Du sollst den Herrn, deinen Gott.“ Sünder, das ist ein Theil des seligmachenden Glaubens, Gott als euren Gott anzusehen; wenn er nur eines Andern Gott ist, kann er euch nicht erretten, er muß euer sein, euer, gewißlich euer, euer, ihm zu trauen, ihn zu lieben und ihm zu dienen all’ euer Lebenlang, sonst seid ihr verloren.

Nun, merkt euch Gottes Vorschriften: „Wenn du ihn suchest von ganzem Herzen und von ganzer Seele.“ Dies Suchen muß kein vergebliches sein. Wenn ihr es wünscht, errettet zu werden, so muß kein Spielen und Tändeln, kein Verstellen und Heucheln dabei sein. Das Suchen muß wirklich sein, aufrichtig und ernst, innig, stark, tiefgehend, sonst wird es fehlschlagen. Ist dies zu viel verlangt? Gewiß, wenn irgend etwas in der Welt Ernst verdient, so ist es dieses. Wenn irgend etwas alle Kräfte des Menschen aufwecken sollte, so ist es das Heil seiner Seele. Ihr könnt nicht Gold gewinnen und Reichthum erwerbe, ohne ernst im Streben darnach zu sein, aber welchen Ernst verdient dies? Dies Erlangen des ewigen Lebens, Befreiung vom ewigen Tode, Annahme in dem Geliebten, endlose Seligkeit? O Menschen, wenn ihr bei irgend etwas schlaft, auf jede Fall seid hierbei wach! Wenn ihr mit irgend welch’ wichtigen Dingen scherzet, so seid auf jeden Fall doch hier ernst, feierlich, beharrlich. Hier muß keine Trägheit, kein Aufschieben sein. Bemerke, daß eine Wiederholung im Text ist. „Wenn du ihn suchest von ganzem Herzen und von ganzer Seele,“ wir müssen es doppelt ernst nehmen, Herz und Seele müssen bei dem Streben sein. Halbherziges Suchen ist gar kein Suchen. Gott um Gnade bitten und zu gleicher Zeit willig sein, auch ohne sie zu bleiben, das ist nur ein Scheingebet. Wenn ihr zufrieden seid, mit einem geringen Segen vorlieb zu nehmen, so sucht überhaupt den Herrn nicht. Ich erinnere mich eines Mannes, der jetzt Mitglied dieser Kirche ist, der in einem verzweifelten Anfall von Seelenangst feierlich zu Einem von uns sagte: „Ich will niemals wieder an die Arbeit gehen, ich will weder essen noch trinken, bis ich den Heiland gefunden habe,“ und mit diesem feierlichen Entschlusse, da dauerte es nicht lange, bis er gefunden hatte. O Mann, gesetzt, du gingest verloren! Gesetzt, du führest in’s Verderben, während ich spreche! Ich weiß keinen Grund, warum dein Puls fortfahren sollte zu schlagen, oder der Odem in deiner Nase bleiben, und wenn du in diesem Augenblick sterben solltest, so würdest du in dieser selben Minute in die Flammen der Hölle stürzen. Entrinne deshalb sogleich. Jetzt im Augenblick laß die Angelegenheit deiner Seele deine einzige Sorge sein. Was du auch sonst zu thun hast, laß es bleiben und siehe erst nach der Hauptsache, dem Heil deiner Seele. Ein Mann in einem untergehenden Schiff mag sich mit dem Studium der Classiker beschäftigen, aber er wird nicht daran denken, da zu bleiben, um eine Ode de Horaz zu übersetzen; er mag ein Mathematiker sein, aber er wird sich nicht niedersetzen, um eine Gleichung zu Stande zu bringen; er wird sofort von dem sinkenden Schiff in’s Boot springen, denn er wird sein Leben retten wollen. Und sollte es nicht eben so mit unserm ewigen Leben sein? Meine Seele, meine Seele, die muß errettet werden und von ganzem Herzen will ich Gott in Christo Jesu suchen, daß ich die Errettung finde.

Der Text fügt ferner hinzu, daß wir uns zu ihm bekehren sollen. Beachtetet ihr den dreißigsten Vers – „so wirst du dich bekehren zu dem Herrn, deinem Gott.“ Es muß eine völlige Umkehr sein. Du siehst jetzt nach der Welt hin, - du mußt dich nach der entgegengesetzten Richtung kehren und Gottwärts blicken. Es muß keine scheinbare Umkehr sein, sondern eine wirkliche Aenderung des Herzens, eine Bekehrung mit Reue über die Vergangenheit, mit Vertrauen auf Christum für die Gegenwart und mit heiligen Wünschen für die Zukunft. Herz, Seele, Leben, Rede, Handeln, alles muß verwandelt werden. Es sei denn, daß ihr umkehret, so könnet ihr nicht in’s Reich Gottes eingehen. Möge Gott euch eine solche Umkehr verleihen, und zu dem Ende betet: „Bekehre du mich, so werde ich bekehret.“

Dann ist noch hinzugefügt: „und seiner Stimme gehorchen,“ denn wir können nicht im Ungehorsam errettet werden; Christus ist nicht gekommen, sein Volk selig zu machen in ihren Sünden, sondern von ihren Sünden. „Wollt ihr mir gehorchen, so sollt ihr des Landes Gut genießen, weigert ihr euch aber und seid ungehorsam, so sollt ihr vom Schwert gefressen werden.“ Seht ihr, meine lieben unbekehrten Hörer, was Gott euch räth? Dies, daß ihr jetzt seinem Evangelium gehorcht und euch dem Scepter seines Sohnes Jesu beugt. Er will, daß ihr eingesteht, ihr habet geirrt und bittet, künftig vorm Irregehn bewahrt zu bleiben. Euer stolzer Selbstwille muß nachgeben und euer Selbstvertrauen muß aufgegeben werden, und ihr müßt euer Ohr neigen und zu ihm kommen, „höret, so wird eure Seele leben.“ Sein heiliger Geist wird euch Gnade geben, dies zu thun. Es ist das Wenigste, was von euch gefordert werden kann; ihr konntet nicht erwarten, daß der große König Empörern verzeihen würde und ihnen gestatten, in der Empörung zu verharren; er konnte euch nicht erlauben, in der Sünde zu verbleiben und doch an seiner Gnade theilzunehmen. Ihr wisst, solche Handlungsweise wäre eines heiligen Gottes nicht würdig.

Fühlt ihr euch in diesem Augenblick geneigt, zu dem Herrn zu kehren? Zieht euch eine sanfte Kraft, die ihr nie vorher gefühlt habt, über euch selbst hinaus? Empfindet ihr es, daß es gut für euch sein würde, mit eurem Gott und Vater versöhnt zu sein? Fühlt ihr einige Regungen von Reue, einige Funken guten Verlangens? Dann folgt dem Antriebe; ich hoffe, es ist der heilige Geist, der in euch wirket, beides das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen. Gebt euch ihm hin, sogleich; völlig gebt euch hin und er wird euch einen Weg führen, den ihr nicht kennt und euch zu Jesu bringen, und in ihm werdet ihr Friede und Ruhe finden, Heiligkeit, Glück und den Himmel. Laßt heute den glücklichen Tag sein. Beugt euch vor des Geistes Hauch, wie das Rohr im Winde sich beuget. Dämpfet nicht den Geist, betrübet ihn nicht länger.

„Die Zeit des Heiles, einmal verscherzt,
Möcht’ nimmer wiederkehren.“

Hütet euch, die blutende Liebe möchte vielleicht niemals wieder um euch werben, die mitleidsvolle Gnade möchte euch niemals wieder bitten und die freundliche Barmherzigkeit möchte nie wieder ihre Bande um euch schlagen. Die Braut sprach: „Ziehe mich dir nach, so laufen wir.“ Thut ihr dasselbe. Siehe, vor euch ist eine offne Thür und in der Thür ein wartender Heiland, wollt ihr auf der Schwelle umkommen?

III.

Drittens, der Text enthält sehr reiche Ermuthigungen. Wie lautet er? „Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott; er wird dich nicht lassen.! Ergreife dies, Sünder, „Er wird dich nicht lassen.! Wenn er spräche: „Ephraim hat sich zu den Götzen gewandt, so laß ihn hinfahren,“ so würde alles für dich vorüber sein; aber wenn du ihn suchst, so will er nicht sagen: „„aß ihn hinfahren,““noch will er seinen heiligen Geist von dir nehmen. Du bist noch nicht augegeben, hoffe, sonst würdest du Heute Morgen nicht hier sein, um diese Predigt zu hören.

Ich dachte, als ich heute Morgen erwachte und den Schnee und mitleidslosen Schloffen (?) von dem heftigen Winde daher getrieben sah, es sein Scahad, da´ich gerade einen solchen Gegenstand zum Thema gewählt, denn ich hätte gern das Haus ganz voll von Sündern gehabt, und es ist nicht so wahrscheinlich, da´sie in schlechtem Wetter herauskommen. Eben da erinnerte ich mich, da´es gerade an einem solchen Morgen war, wie der heutige, da ich selber den Heiland fand, und der Gedanke gab mir viel Muth im Herkommen. Ich dachte, die Versammlung kann nicht kleiner sein, als die, bei der ich anwesend war an jenem glücklichen Tage, wo ich zu Christo aufschaute. Ich glaube, Viele werden heute Morgen erkauft und errettet werden, denn der Herr hat nicht diese Versammlung verlassen. Ich meinte, daß er mich aufgegeben hätte und mir keine Barmherzuigekeit erzeigen wollte, nachdem ich so lange vergeblich gesucht hatte, aber er hatte mich nicht verlassen und er hat dich nicht verworfen, o Sünder! Wenn du ihn von ganzem Herzen suchst, so kannst du versichert sein, daß er dich nicht verlassen will.

Und dann steht dabei, „noch verderben.“ Du bist bange gewesen, er würde es; du hast oft gedacht, die Erde würde sich aufthund und dich verschlingen; du hast dich gefürchtet, einzuschlafen, weil du vielleicht nimmer wieder erwachen würdest; aber der Herr will dich nicht verderben; nein, er will seine rettende Macht an dir beweisen. Es ist ein noch lieblicheres Wort im neunundzwanzigsten Verse: „Wenn du ihn suchest, wirst du ihn finden.“ Ich wollte, ich könnte singen und könnte ein bischen Musik improvisiren, dann wollte ich hier stehen und diese Worte singen: „Wenn du ihn suchest, wirst du ihn finden.“ Jedenfalls haben diese Worte einen lieblichen Klang für mein Ohr und Herz: Wenn du ihn suchest, wirst du ihn finden. Ich möchte den Spruch leise dem Kranken zuflüstern und ihn laut dem Geschäftigen zurufen. Er sollte lange in eurem Gedächtniß nachklingen und in eurem Herzen bleiben: „Wenn du ihn suchest, wird du ihn finden.“ Was mehr, armer Sünder, was mehr kannst du begehren?

Dann werden zwei Gründe gegeben: „Denn der Herr, dein Gott, ist ein barmherziger Gott.“ O, schuldbeladene Seele, der Herr will dich nicht verdammen, er wünscht nicht, dich zu verderben. Das Gericht ist ein fremdartiges Werk für ihn. Hast du je dein Kind zu züchtigen gehabt? Wenn du dich verpflichtet gefühlt hast, strenge zu strafen, um eines großen Fehlers wegen, ist es nicht eine harte Sache für dich gewesen? Du hast dir hundertmal gesagt: „Was soll ich thun? Was soll ich thun, um dem Elend zu entgehen, meinem lieben Kinde Schmerz zu verursachen?“ Du bist gezwungen gewesen, es zu strafen, sonst hättest du es nicht gethan. Gott sendet nie einen Sünder zur Hälle, bis die Gerechtigkeit es verlangt. Er findet keine Freude am Strafen. Er schwört: „ So wahr ich lebe, ich habe keinen Gefallen am Tode des Sterbenden, spricht der Herr, Herr.“ Seht den Richter an, wenn er das schwarze Darett aufsetzt, thut er das mit halberstickter Stimme und mit vielen Thränen, wenn sie zu dem Gefangenen sagen: „Du mußt an den Ort zurückgeführt werden, von dem du gekommen bist, um dort aufgehangen zu werden is du todt bist.“ Gott setzt nie das schwarze Barett auf, ohne daß sein Herz ihm wehe thut für die Menschen. Seine Güte währet ewiglich und er hat Freude an der Barmherzigkeit.

Beachtet, wie der Herr uns durch sein e Vergleichungen lehrt, welche Sorge er selbst für die Schuldigen trägt. „Welcher Mensch ist unter euch, der ein Schaf verliert, der nicht hingehe nach dem Verlornen, bis daß er’s finde? Welcher ist unter euch, dem sein Ochse oder Esel in den Brunnen fällt und er nicht alsobald ihn herausziehet?“ Jedes Thier, das uns gehört, verursacht uns Unruhe, wenn wir es verlieren oder es in Noth geräth. Ich bemerkte neulich Abend, wie nicht einmal ein junges Kätzlein vermißt werden konnte, ohne Sorge im Hause zu verursachen. Was für ein Rufen und Suchen! Rauhere Naturen möchten sagen: „Wenn das Kätzlein die ganze Nacht draußen bleiben will, so laß es das thun.“ Aber die Eigenthümerin dachte nicht so, denn die Nacht war kalt und naß. Ich habe große Unruhe gesehen, wenn ein Vogel durch die offene Käfigthür geflogen war, und manches vergebliche Bemühen, ihn wieder zu fangen. Was für Aufregung im Hause um ein kleines kurzlebiges Thier! Wir verlieren nicht gern einen Vogel oder ein Kätzchen, und denkt ihr, der gütige Gott würde gern Die verlieren, die er nach seinem eignen Bilde gemacht hat und die ewig existiren sollen? Ich habe ein sehr einfaches und häusliches Bild gebraucht, aber es emphielt sich dem Herzen. Du weißt, was du thun würdest, um einen verlornen Vogel wieder zu gewinnen, und was wird Gott nicht thun, um eine Seele zu retten. Ein unsterblicher Giest ist besser, als zehntausend Vögel. Legt Gott Werth auf Seelen? Ja, das thut er, und als Beweis dafür ist Jesus gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloeren ist. Der Hirte kann nicht ruhen, so lange eins aus seiner Heerde in Gefahr ist. „Es ist nur Ein Schaf! Du hast neunundneunzig mehr, guter Mann, was quält und kümmerst du dich um Eins?“ Er kann nicht beruhigt werden. Er überlegt, wo das Schaf sein mag. Er stellt sich alle Arten von Gefahr und Noth vor. Vielleicht liegt es auf seinem Rücken und kann sich nicht umdrehen, oder es ist in eine Grube gefallen, oder hat sich in den Dornen verfangen, oder der Wolf ist im Begriff, es zu erhaschen. Es ist nicht blos der Werth, den es an sich hat, sondern er ist darum bekümmert, weil es sein Schaf ist, und der Gegenstand seiner Sorge. O, Seele, Gott hat solche Sorge für den Menschen. Er harret darauf gnädig zu sein und sein Geist geht den Sünder entgegen; darum kehret zu ihm zurück.

Nun verweilt bei dem letzten Beweisgrunde – er wird nicht vergessen des Bundes, den er deinen Vätern geschworen hat. Der Bund hält immer den Weg offen zwischen Gott und den Menschen. Der Herr hat in Betreff armer Sünder einen Bund mit seinem Sohne Jesus Christus gemacht. Er hat einen Held erwecket, der helfen soll und hat ihn zum Bund unter das Volk gegeben. Er gedenket stets an Jesus und wie er diesen Bund gehalten; er ruht sich seine Seufzer zurück, seine Thränen , sein Stöhnen und sein Todesängste und er erfüllt seiner Verheißungen um des großen Leidenden willen. Gott hat seinen Bund in Bezug auf die Menschen gehalten; Gott ist gerne bereit zu vergeben, daß er Christum belohnen möge und ihne seine Sust sehen lasse darum, daß seie Seele gearbeitet hat. Nun, höret mir zu, ihr, die ihr noch unbekehrt seid. Was für ein sichrer Grund ist hier für eure Hoffnung? Wenn der Herr mit euch handeln wollte nach dem Bund der Werke, was könnte er thun, als euch verderben? Aber es ist ein Gnadenbund für Sünder in Jesu Christo gemacht, und alle, die an Jesum glauben, haben aan diesem Bunde Theil und an den unzähligen Segnungen, die er uns sichert. Glaube an Jesum. Werfe dich auf ihn und bei der Bundesgnade Gottes, du wirst sicher errettet werden.

Ihr habe mich dies schon früher predigen hören, nicht wahr, viele Male schon? Ja, und ich fürchte manchmal, Gottes Volk möchte dieser Art von Predigten müde werden; aber ihr habt es wieder und wieder nöthig. Wie viele Male werden Einige von euch es nöthig haben, sich dies sagen zu lassen? Wie viele Male muß euch noch die große Barmherzigkeit Gottes vorgestellt werden? Sollen wir fortfahren, euch einzuladen wieder und wieder und wieder mit keiner günstigen Antwort von euch zurückkehren? Ich habe mich Nachts in wachen Stunden darüber befragt und gesprochen: Diese Leute sind unbekehrt, ist es mein Fehler? Fehle ich beim Ausrichten der Botschaft meines Herrn? Thue ich dem Evangelium Schaden? „Wohl,“ dacht ich, „wenn es so ist, so will ich sie doch bitten, sich nicht meines Fehlers theilhaftig zu machen.“ Brüder und Schwestern, Gottes Barmherzigkeit ist so reich, daß sie selbst, wenn sie schlecht verkündet wird, doch unser Herz beeinflussen sollte. Es ist etwas so Großes, daß Gott in Christo durch ein wunderbares Opfer die Welt mit ihm selber versöhnt hat, daß, wenn ich stotterte und stammelte, ihr doch froh sein solltet, es zu hören; wenn ich es euch sagte in Ausdrücken, die dunkel wären, solltet ihr so eifrig streben, es kennen zu lernen, daß ihr meine Meinung zu erforschen trachtetet. In geheimer Correspondenz werden oft Chiffern gebraucht, aber wißbegierige Leute lernen diese schnell, sollte man nicht noch mehr Theilnahme für das Evangelium zeigen? Aber, meine Freunde, wich spreche nicht dunkel. Ich spreche so deutlich, wie ihr nur Jemand eine Tagesreise weit umher finden könnt; und mit ganzen Herzen habe ich euch jetzt Christum vorgestellt und euch auf ihn trauen heißen; wollt ihr das heute Morgen thun oder wollt ihr’s nicht? Seht, wie dunkel es draußen ist, sogar um die Mittagsstunde. Gott hat den Himmel selber in Trauer gehüllt. Fürchtet aber nicht, die Sonne wird bald hervorbrechen und den Tag erleuchten, und eben so:

„Kommst du in unser Herz, so bricht
Der Morgen an, des Mittags Licht
Scheint, wo du bleibest, hell und klar,
Macht deine Liebe offenbar.

Du sendest Licht in unsre Brust,
Du schaffst dem Herzen Himmelsluft,
Erfreuender als alle Freud‘
Ist deiner Liebe Lieblichkeit.“



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