Spurgeon, Charles Haddon - Die erste Auferstehung

„Und ich sah Stühle, und sie setzten sich darauf, und ihnen wurde gegeben das Gericht; und die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses Jesu und um des Wortes Gottes willen, und die nicht angebetet hatten das Tier, noch sein Bild, und nicht genommen hatten sein Malzeichen an ihre Stirn und auf ihre Hand: diese lebten und regierten mit Christus tausend Jahre.
Die übrigen Toten aber wurden nicht wieder lebendig, bis die tausend Jahre vollendet würden. Dies ist die erste Auferstehung.
Selig ist und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung; über diese hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit Ihm regieren tausend Jahre.“

Off. 20,4-6

„Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, stehen vor Gott, und Bücher wurden aufgetan; und ein anderes Buch wurde aufgetan, das ist das Buch des Lebens. Und die Toten wurden gerichtet aus dem Geschriebenen in den Büchern nach ihren Werken.“
Off. 20,12

Ihr müßt mir bezeugen, teure Freunde, daß ich mich nur sehr selten darauf einlasse, von den Geheimnissen der Zukunft zu reden, nämlich von der zweiten Zukunft, vom tausendjährigen Reich, oder von der ersten und zweiten Auferstehung. So oft wir in unsren Betrachtungen darauf stoßen, weichen wir zwar nicht aus, aber wenn uns ein Vorwurf trifft, so. ist es eher der, daß wir zu wenig, als daß wir zu viel darüber sagen. Und wenn wir uns nun heute diesen Gegenstand ansehen, so möchte ich vorausschicken, daß es nicht geschieht, um eure Neugierde mit etwas Neuem zu befriedigen, oder daß ich meine, ich hätte den richtigen Schlüssel zu den noch unerfüllten Weissagungen gefunden. Ich glaube kaum, daß ich zu rechtfertigen wäre, wenn ich meine Zeit auf Forschungen über die Weissagungen verwenden wollte, wozu mir die notwendige .Begabung fehlt, auch ist dies nicht der Beruf, zu dem mich mein Herr und Meister berufen hat. Es kommt mir vor, daß mancher Prediger das Heil der Kinder Gottes weit mehr fördern würde, wenn er mehr von der ersten und weniger von der zweiten Zukunft spräche. Aber ich habe diesen Gegenstand gewählt, weil ich glaube, daß er fruchtbare Beziehungen bietet und auf uns alle nützlich, belehrend und anregend wirken kann. Ich sehe, daß die strengsten puritanischen Prediger es nicht verschmähten, sich in diesen geheimnisvollen Gegenstand zu vertiefen. Ich erinnere an Richard Baxter, einen Mann, der mehr als irgendeiner die Menschenseelen lieb hatte; der mehr als je ein Mensch, mit Ausnahme des Apostels Paulus, mit Schmerzen Seelen gebar, damit Christus in ihnen eine Gestalt gewinne (Gal. 4, 19); und ich sehe, wie er aus der Lehre von der Zukunft des Herrn einen beschwingten Pfeil bereitet, und diese große Wahrheit in die Herzen und Gewissen der Ungläubigen schleudert, wie wenn sie das Himmelsschwert selber wäre. Und auch John Bunyan, der einfache, ehrliche Bunyan, der so einfältig predigte, daß ihn ein Kind verstehen konnte, und der gewiß am allerwenigsten beschuldigt werden konnte, er habe an seiner Stirn den Namen „Geheimnis“ geschrieben; auch er spricht von der Zukunft Christi und von den Herrlichkeiten danach (1 Petrus 1, 11), und braucht diese Lehre als Stachel für die Heiligen und als Warnung für die Gottlosen. Darum fürchte ich mich nicht sehr vor dem Tadel, ich bringe euch unnütze Dinge vor. Es wird, wenn Gott seinen Segen dazu gibt, nicht nutzlos bleiben; und wenn es nur Gottes Wort ist, so dürfen wir seines Segens gewiß sein, und wenn wir es auch ganz predigen. Aber diesen Segen wird Er uns entziehen, wenn wir uns in unserer eingebildeten Weisheit sträuben, irgendeinen Teil seines ewigen Rates zu verkündigen, weil wir meinen, er hätte keinen wirklichen Nutzen.

Wenn ich jetzt, teure Freunde, diese Schriftworte euch vorführe, so bemerke ich, daß der erste Teil, der sich auf das Volk Gottes bezieht, uns drei große Vorrechte zuspricht; und im zweiten Teil, der von den Gottlosen handelt, die nicht in dem Gnadenbund Christi stehen, ist von drei großen und schrecklichen Dingen die Rede, die deutlich genug gekennzeichnet sind.

I.

Wir wollen zuerst uns mit dem ersten Teile unserer Schriftstelle beschäftigen, der die drei Vorrechte hervorhebt. „Selig ist und heil, der teil hat an der ersten Auferstehung: über diese hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit Ihm regieren tausend Jahre.“ Ehe wir näher auf diese Vorrechte eingehen, muß ich bemerken, daß dieser Vers auf zwei verschiedene Arten erklärt zu werden pflegt, die beide gleich unhaltbar sind. Die einen glauben,. die erste Auferstehung bedeute eine Auferstehung geistiger Kräfte, eine Auferstehung der Geduld, des unerschütterlichen Glaubensmutes, der heiligen Kühnheit und Standhaftigkeit der alten Blutzeugen. Sie sagen, diese großen Tugenden seien in Vergessenheit geraten und begraben; und während der geistlichen Herrschaft Christi, die kommen werde, werden diese Kräfte zur Auferstehung gelangen. Nun frage ich euch, kann dies wohl bei vorurteilsfreier Betrachtung der Sinn dieser Worte sein? Würde irgend jemand glauben, das sei ihre Bedeutung, wenn er nicht irgendeine besondere Ansicht damit verfechten will? Das kommt eben daher, daß wir beim Lesen der Heiligen Schrift oft an das denken, was sie nach unserer Meinung hätte sagen sollen und nicht, was sie wirklich sagt. Ich behaupte unumwunden, daß ein jeder Unbefangene, der gern in den Sinn der Heiligen Schrift eindringen möchte und nicht etwa sucht, wie die Worte so gewendet und gedeutet werden könnten, daß sie seiner vorgefaßten Meinung zur Bestätigung dienen, bekennen muß, die Auferstehung der Kräfte oder die Auferstehung der Lehren gebe nicht den richtigen Sinn der angeführten Worte. Liebe Brüder, müßt ihr nicht auf den ersten Blick erkennen, daß die Auferstehung von Menschen gemeint ist? Und ist dies nicht buchstäblich eine Auferstehung? Heißt es denn nicht: „Ich sah die Seelen der Enthaupteten um des Zeugnisses Jesu willen?“ Steht nicht geschrieben: „Die übrigen Toten wurden nicht wieder lebendig?“ Sind damit die übrigen toten Kräfte gemeint? Die übrigen toten Lehren? So könnt und dürft ihr es nicht auffassen. Es handelt sich - und da geben wir nicht dem leisesten Zweifel Raum - um eine buchstäbliche Auferstehung der Heiligen Gottes und weder der Kräfte noch der Lehren.

Man hat aber noch eine andere Deutung vorgeschlagen. Ich hatte einmal das zweifelhafte Glück, einem lieben Freunde zuzuhören, der über eben diese Worte predigte, und ich muß gestehen, daß ich seiner Auseinandersetzung nicht mit allzu großer Geduld zuhörte. Er sagte, das wolle soviel heißen: Selig ist der und heilig, der wiedergeboren ist, der erneuert ist, und so auferstanden ist von toten Werken durch die Auferstehung des Herrn Jesus Christus. Während er predigte, kam mir unwillkürlich der Wunsch, ich möchte ihm nur die Schwierigkeit entgegenhalten, wie er diese geistliche Deutung mit der buchstäblichen Tatsache, daß die übrigen Toten nicht wieder lebendig würden bis zur Vollendung der tausend Jahre, in Übereinstimmung zu bringen gedächte? Denn wenn die hier genannte erste Auferstehung eine bildliche, geistliche, gleichnisweise so genannte Auferstehung ist, so müssen ja auch die Worte, wo von der Auferstehung der übrigen Toten die Rede ist, nur eine bildliche, geistliche und gleichnisweise sein. Aber niemand wird dies zugeben. Ihr wißt, daß man bei Lesung eines Kapitels nicht sagen kann: „Dieser Teil ist sinnbildlich und muß so gelesen werden, und das Folgende ist buchstäblich zu verstehen.“ Liebe Brüder, der Heilige Geist vermengt Tatsachen und Bilder nicht miteinander. Ein sinnbildliches Buch enthält Andeutungen genug, daß es so verstanden sein will, und wenn ihr in einem Gleichnis-Kapitel auf eine buchstäblich gemeinte Stelle trefft, so ist diese immer an etwas anderes angeknüpft, was ganz bestimmt wörtlich zu verstehen ist, so daß ihr, ohne dem gesunden Menschenverstand Gewalt anzutun, kein Sinnbild daraus machen könnt.

Wenn wir daher diese Stelle mit unbefangenem Urteil lesen und keinen geheimen Zweck im Hinterhalt, keine vorgefaßte Meinung zu verteidigen haben, - und ich gestehe, eine solche habe ich nicht, denn ich weiß wenig von den zukünftigen Geheimnissen, - so kann ich nicht helfen, es ist nun einmal von zwei buchstäblichen Auferstehungen die Rede, von einer Auferstehung der Gerechten und von einer Auferstehung der Leiber der Gottlosen; von einer Auferstehung der Heiligen, die in Jesus entschlafen sind, und die Gott mit Ihm vereinigt, und von einer anderen Auferstehung derer, die unbußfertig leben und sterben und umkommen in ihren Sünden.

Gehen wir nun weiter. Unser Schriftwort begreift drei Vorrechte.

1) Das erste Vorrecht ist der Vorrang in der Auferstehung. Mir scheint, die Heilige Schrift spricht sich über diesen Punkt außerordentlich klar und ausführlich aus. Ihr habt euch vielleicht vorgestellt, alle Menschen werden im gleichen Augenblick auferstehen; die Posaune des Erzengels werde alle Gräber auf einmal öffnen, und in den Ohren aller Schlummernden gleichzeitig ertönen. Aber solches bezeugt das Wort Gottes nicht. Vielmehr glaube ich, das Wort Gottes lehrt, und lehrt unwidersprechlich, daß die Heiligen zuerst auferstehen. Und was für ein Unterschied in der Zeit sei, buchstäblich tausend Jahre oder ein außerordentlich langer Zeitraum, das will ich nicht entscheiden; es handelt sich jetzt um nichts anderes als darum, daß es zwei Auferstehungen gibt, eine Auferstehung der Gerechten, und danach eine Auferstehung der Ungerechten, - eine Zeit, wo die Heiligen Gottes auferstehen, und eine Zeit, wo die Gottlosen erwachen zur Auferstehung der Verdammnis. Ich will euch nun auf einige Schriftstellen hinweisen, die ihr in euren Bibeln nachlesen könnt.

Zuerst wollen wir auf das Wort des Apostels achten, im ersten Brief an die Korinther, 15, 20-24: „Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten, und der Erstling geworden unter den Entschlafenen. Weil durch einen Menschen der Tod, und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt. Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeglicher aber in seiner Ordnung: der Erstling Christus; danach die Christus angehören bei seiner Zukunft. Danach das Ende, wenn Er das Reich Gott und dem Vater überantworten wird, wenn Er aufheben wird alle Herrschaft und alle Obrigkeit und Gewalt.“ Es ist ein Zeitraum von zweitausend Jahren geworden zwischen „dem Erstling Christus“ und denen, „die Christus angehören bei seiner Zukunft.“ Warum sollen nicht tausend Jahre vergehen zwischen der ersten Auferstehung und dem „danach das Ende.“ Hier ist eine Auferstehung derer, die Christus angehören, und derer allein.

Und die Gottlosen? Aus dieser Stelle könnte man kaum vermuten, daß sie überhaupt auferstehen werden, wenn es nicht aus dem allgemeinen Ausspruch sich ergäbe: „Sie sollen alle lebendig gemacht werden,“ und auch dieser ist nicht so umfassend, wie es auf den ersten Anblick zu sein scheint. Es genügt mir hier, daß es eine besondere und ausschließliche Auferstehung derer gibt, die in Christus Jesus sind.

Nehmen wir eine andere Stelle, die vielleicht noch deutlicher ist; den ersten Brief an die Thessalonicher, 4, 13-17: „Wir wollen euch aber nicht schweigen, liebe Brüder, von denen, die da schlafen, auf daß ihr nicht traurig seid wie die anderen, die keine Hoffnung haben. Denn wenn wir glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist: also wird Gott auch, die da entschlafen sind durch Jesus, mit Ihm führen. Denn das sagen wir euch als ein Wort des Herrn, daß wir, die wir leben und überbleiben auf die Zukunft des Herrn, werden denen nicht vorkommen, die da schlafen. Denn Er selbst, der Herr, wird mit einem Feldgeschrei und Stimme des Erzengels, und mit der Posaune Gottes herniederkommen vom Himmel; und die Toten in Christus werden auferstehen zuerst. Danach wir, die wir leben und überbleiben, werden zugleich mit ihnen entrückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in die Luft; und werden also bei dem Herrn sein allezeit.“ Hier ist gar nichts erwähnt von der Auferstehung der Gottlosen; es ist nur bezeugt, daß die Toten in Christus zuerst auferstehen werden. Unser Apostel spricht offenbar von einer ersten Auferstehung; und weil wir wissen, daß auf eine erste Auferstehung eine zweite folgt und daß die verstorbenen Gottlosen genauso auferstehen werden, wie die Gerechten, so ziehen wir den Schluß, daß die gottlosen Toten in der zweiten Auferstehung auferweckt werden, wenn der Zeitraum zwischen beiden Auferstehungen vollendet ist.

Nehmt nun Philipper 3, 8 und 10. 11 und vergleicht beides miteinander: „Ja, ich achte noch alles für Schaden um des Überschwangs willen der Erkenntnis Jesu Christi, meines Herrn, um welches willen ich alles aufgegeben habe und achte es für Unrat, auf daß ich Christus gewinne.“ - „Zu erkennen Ihn, und die Kraft seiner Auferstehung, und die Gemeinschaft seiner Leiden, daß ich seinem Tode gleichförmig werde; ob ich möchte entgegenkommen der Auferstehung der Toten.“ Was meint er damit? Ein jeder wird auferstehen; kein rechtgläubiger Christ bezweifelt das.

Die Lehre von einer allgemeinen Auferstehung wird von der ganzen christlichen Kirche anerkannt. Was ist denn das für eine Auferstehung, nach der sich der Apostel Paulus sehnte, ob er ihr entgegen kommen möchte? Das konnte doch nicht die allgemeine Auferstehung sein; die wäre ihm ja doch nicht entgangen. Es mußte eine Auferstehung höherer Art sein, an der nur diejenigen teilnahmen, welche Christus und die Kraft seiner Auferstehung erkannt hatten und seinem Tode gleichförmig geworden waren. Wenn ihr die Stelle Luk. 20, 35 und 36 ins Auge faßt, so findet ihr darin etwas, was ich wohl als einen deutlichen Beweis für eine besondere Auferstehung anführen darf. Die Sadduzäer hatten eine Einwendung wegen des Fortbestandes der Ehe im künftigen Leben erhoben, und Jesus spricht zu ihnen: „Welche aber würdig geworden sind, jene Welt zu erlangen und die Auferstehung von den Toten, die freien weder noch lassen sie sich freien. Denn sie können hinfort nicht sterben, denn sie sind den Engeln gleich und Gottes Kinder, weil sie Kinder der Auferstehung sind.“ Hier, liebe Brüder, ist eine Würdigkeit für diese Auferstehung nötig. Begreift ihr das nicht? Es liegt eine Auszeichnung in dem Namen: Kinder der Auferstehung. Nun aber sage ich wieder: ihr zweifelt nicht, daß alle auferstehen werden. In diesem Sinne wäre dann jedermann ein Kind der Auferstehung; in diesem Sinne könnte also auch von keiner Würdigkeit für die Auferstehung die Rede sein. Darum muß es eine Auferstehung geben, zu welcher Würdigkeit erfordert wird, eine Auferstehung, die ein ganz besonderes Vorrecht ist, die dem, der sie erlangt, den auszeichnenden und ehrenvollen Titel eines „Kindes der Auferstehung“ erwirbt. Es scheint mir, dies sei klar genug und über alle Zweifel erhaben.

Im 14. Kapitel dieses gleichen Evangeliums im 14. Vers findet ihr eine Verheißung, die denen gilt, die nicht in der Absicht ein Festmahl machen, damit es ihnen wieder vergolten werde: „Wenn du ein Mahl machst, so lade die Armen, die Krüppel, die Lahmen, die Blinden ein; dann bist du selig. Denn sie haben es dir nicht zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.“ Ich möchte nicht darauf bestehen, daß hier ein Beweis für eine verschiedene Zeit der Auferstehung der Gerechten vorliegt; aber dennoch muß es eine Auferstehung der Gerechten geben, und ebenso muß es auch eine Auferstehung der Ungerechten geben; und die Zeit der Belohnung für die Frommen ist die Auferstehung der Gerechten, die hier als ein besonderer Zeitpunkt bezeichnet wird. Der Herr Jesus hätte ja ebensogut sagen können: „Es wird dir vergolten werden in der allgemeinen Auferstehung.“ Es war ja nicht nötig zu sagen: „In der Auferstehung der Gerechten,“ wenn die beiden der Zeit nach zusammenfielen. Die Worte: „der Gerechten“ sind in der Stelle überflüssig, wenn sie sich nicht auf einen hervorragenden und von der Auferstehung der Ungerechten verschiedenen Zeitpunkt beziehen. Ich will nicht sagen, daß hier schon ein klarer Beweis vorliegt; wenn wir aber dies alles und noch andere Stellen zusammenfassen, die die Zeit jetzt nicht anzuführen erlaubt, so würde das genügen, um auf Grund der Heiligen Schrift die Lehre von den beiden Auferstehungen festzustellen.

Ich will nur noch auf eine Stelle aufmerksam machen, welche mir außerordentlich klar zu sprechen scheint, Ev. Joh. 6, 39. 40. 44. 54. In diesen Versen redet der Herr viermal von seinen Gläubigen, und verheißt ihnen eine Auferstehung. „Ich werde ihn auferwecken am jüngsten Tage.“ Ist denn darin etwas Köstliches und Herrliches, namentlich für die Kinder Gottes, wenn ihnen darin nicht ganz etwas Besonderes geboten wird? Allen steht die Auferstehung bevor, und doch handelt es sich hier um einen Vorzug für die Erwählten!

Gewiß, Brüder, es gibt eine verschiedene Auferstehung. Und überdies denke ich jetzt noch an eine Stelle in dem Brief an die Hebräer (11, 35), wo der Apostel, wenn er von den Leiden und Traurigkeiten und Verfolgungen der Frommen und von ihrer hohen Geduld spricht, sie als solche bezeichnet, die „keine Erlösung (von Banden) angenommen, damit sie eine bessere Auferstehung erlangten.“ Das Bessere lag nicht in den Früchten der Auferstehung, sondern in der Auferstehung selber. Wie könnte denn das eine bessere Auferstehung sein, wenn kein Unterschied wäre zwischen der Auferstehung der Heiligen und der Auferstehung der Sünder? Das eine muß eine Auferstehung voll Herrlichkeit sein, das andere eine Auferstehung voll Angst und Schrecken, und es muß ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden sein, damit das Ende wie der Anfang sei; denn der Herr hat eine Kluft gesetzt zwischen dem, der Gott fürchtet, und dem, der Ihn nicht fürchtet. Ich weiß wohl, ich war nicht imstande, die Gründe so klar darzulegen, daß nicht noch Einwand dagegen erhoben werden könnte; aber ich habe weniger mit Gegnern streiten, als vielmehr der Gemeinde predigen wollen; und ich hoffe, ihr werdet diese Stellen behalten und sie in euren Herzen bewegen, und wenn sie euch nicht überzeugen, daß die in Christus Entschlafenen zuerst auferstehen, dann glaubt es mir nicht. Wenn ihr die Tatsache nicht begreifen könnt, wenn sie der Heilige Geist euch nicht klar macht, dann lest die Stellen noch einmal, und sucht eine andere und bessere Deutung, wenn ihr könnt. Ich habe keinen anderen Zweck dabei, als euch die Heilige Schrift so klar wie möglich zu machen, und ich wiederhole es, ich habe auch nicht den Schatten von einem Zweifel in meiner Seele, daß diese Stellen uns lehren, es gebe zuallererst eine Auferstehung, von der es heißt: „Selig ist und heilig, der teil hat an der ersten Auferstehung: über solche hat der andere Tod keine Macht, sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit Ihm regieren tausend Jahre.“

2) Ich gehe nun zum zweiten Vorrecht über, das den Frommen verheißen ist: Über solche hat der andere Tod keine Macht. Auch dies ist ein buchstäblicher Tod; nicht weniger buchstäblich, obwohl seine Schrecken hauptsächlich geistlicher Art sind, denn ein geistlicher Tod ist etwas ebenso Wirkliches wie ein leiblicher Tod. Was die erste Auferstehung angeht, die der Herr Jesus den Seinen verheißen hat, so muß sie etwas Herrliches sein, das wir nicht zu fassen vermögen. „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wann es erscheinen wird, daß wir Ihm ähnlich sein werden.“ (1 Joh. 3, 2). Ich glaube, die Herrlichkeit der ersten Auferstehung gehört mehr zu den Herrlichkeiten, die in uns, als zu denen, die uns geoffenbart werden soll. In was die Majestät der Gestalt bestehen soll, in der wir auferstehen werden; in was die unbeschreibliche Glückseligkeit, der wir uns erfreuen werden: das können wir wohl ahnen, aber in seiner ganzen Fülle nicht ermessen. Wohl aber können wir verstehen, was die Schrift sagt, und begreifen es auch recht gut, daß die Verdammnis, das ist der andere Tod, keine Macht haben soll über die, welche der ersten Auferstehung teilhaftig werden. Warum? Es kann die Verdammnis nur solche treffen, die da Sünder und der Sünde schuldig erfunden sind.

Aber die Heiligen haben keine Schuld der Sünde. Sie haben gesündigt wie die anderen und waren auch Kinder des Zorns von Natur, gleichwie die anderen (Eph. 2, 3). Aber ihre Sünde ist von ihnen genommen worden: sie wurde auf das Haupt des Sündenträgers gelegt(3 Mose 16, 10). Er, der ewige Stellvertreter, unser Herr Jesus Christus, trug alle ihre Schuld und Missetat hinaus in die Wüste ewiger Vergessenheit, wo sie in Ewigkeit nicht wieder gefunden werden soll. Sie tragen die Gerechtigkeit ihres Heilandes als Ehrenkleid, nachdem sie abgewaschen sind mit seinem Blut; und was für ein Zorn kann noch den Menschen treffen, der nicht allein von der Schuld befreit ist durchs Blut, sondern gerecht ist durch die zugerechnete Gerechtigkeit! O Arm der Gerechtigkeit, du bist machtlos an den im Blut Christi gewaschenen! O ihr Höllenflammen, auch nicht der leiseste Hauch eurer Hitze trifft den Menschen, der in des Heilandes Wunden sicher geborgen ist! Wie wäre es auch möglich, o Tod, Verderben, Schrecken, Hitze, Pest, Entsetzen, daß ihr auch nur wie der Schatten eines Wölkchens über den klaren Himmel des Geistes eilen könntet, der Frieden gefunden hat mit Gott durch das Blut Jesu Christi! Nein, Brüder,

„Ich stehe kühn an jenem großen Tag;
Denn wer ist's, der mich etwas schuld'gen mag,
Seit mich befreit sein blutiges Erdulden
Vom Zornesfluch und tödlichem Verschulden?“

Es gibt einen anderen Tod; aber über uns hat er keine Macht. Faßt ihr die Schönheit und Majestät des Bildes? So wie wenn wir mitten durch die Flammen der Hölle hindurch schritten und sie keine Macht. hätten, uns zu verschlingen, so wenig wie damals, wo die drei Männer ungefährdet und unverzagt über die heißen Gluten des siebenfach geheizten Ofens Nebukadnezars schritten. Der Tod darf seinen Bogen spannen und seine beflügelten Pfeile auflegen. Aber wir lachen deiner, o Tod, und spotten deiner, o Hölle! Denn über euch beide, ihr Feinde des Menschen, werden wir mehr als triumphieren durch Den, der uns geliebt hat. Wir werden unverwundbar und unüberwindlich dastehen, voll Hohn und Verachtung gegen den Zorn unsres Erzfeindes.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum der zweite Tod über den Gläubigen keine Macht hat; weil wir nämlich dem Fürsten dieser Welt, wenn er einst uns entgegentritt, mit unsrem Herrn und Meister antworten können: „Er hat nichts an mir“ (Joh. 14, 30). Wenn wir wieder auferstehen, werden wir frei sein von aller Verderbnis; es wird keine böse Begierde mehr in uns wohnen. „Und ich will reinsprechen ihre Blutschuld, welche ich nicht rein gesprochen hatte. Und der Herr wird wohnen zu Zion“ (Joel 3, 26). „Ohne Flecken, ohne Runzel, oder des etwas“ (Eph. 5, 27), ja, auch ohne die geringste Spur eines Fleckens, den das Auge des Allwissenden entdecken könnte, sollen wir dastehen, rein wie Adam vor dem Fall, heilig, wie die vollkommene, unbefleckte Menschheit in dem Augenblick, wo sie aus der Hand des Schöpfers hervorging. Wir werden besser sein als Adam, denn Adam konnte sündigen, wir aber werden so befestigt sein im Guten, in der Wahrheit und in der Gerechtigkeit, daß wir auch nicht einmal mehr versucht werden, viel weniger fürchten dürfen, daß wir fallen. Wir werden untadelig und schuldlos dastehen am letzten großen Tag.

Brüder, hebt eure Häupter auf. Die ihr mit der Sünde ringt, die ihr von Zweifeln niedergeschlagen seid, hebt eure Häupter auf und wischt ab die Tränen von euren Augen. Es kommen Tage, wie sie kein Engel je gesehen hat; ihr aber werdet sie schauen. Es kommen Zeiten, wo euer Geist unter keiner Fessel mehr seufzt, noch an Wermut und Galle gedenkt (Klagl. 3,19.20).

„Obwohl die angeborne Sünd'
Heischt euer Fleisch dem Staube;
Folgt doch, seit Jesus auferstand;
Ihm nach, wen schmückt der Glaube.“

Und wenn sie auferstehen, dann lassen sie den alten Adam hinter sich zurück. O gesegneter Tag! Eine der herrlichsten Segnungen des Himmels - des Himmels dort oben oder des Himmels hienieden - wird die Befreiung von aller sündigen Begierde sein, ein völliger Tod jener alten Natur, die unsere Trübsal und unser Schmerz war.

3) Es ist aber noch von einem dritten Vorrecht in unsrem Schriftwort die Rede; und ich glaube, das ist auch eine jener Herrlichkeiten, die uns erst noch geoffenbart werden. Dieses dritte Vorrecht ist: „ Sie werden mit Ihm regieren tausend Jahre.“ Auch hierüber ist lange und heftig gestritten worden. Man glaubte in der ersten christlichen Zeit (ich weiß nicht, ob sich die damals geltende Annahme aus der Schrift irgendwie könnte begründen lassen), daß das siebente Jahrtausend der Weltgeschichte ein Sabbat-Jahrtausend sein sollte; gleichwie in der Woche auf sechs Tage der Arbeit und Mühe ein Tag der Ruhe folge, so werde die Welt nach sechstausend Jahren des Kampfes und der Trübsal eine tausendjährige Ruhe erleben. Ich sage, ich weiß nicht, ob in der Heiligen Schrift etwas für diese Annahme spricht; soviel ist gewiß, daß nichts dagegen spricht. Ich glaube, daß der Herr kommt, „von diesem Tage aber und von der Stunde weiß niemand, auch die Engel nicht im Himmel“ (Mt. 24, 36). Und ich glaube, es ist unnütz, das Jahr oder auch nur das Jahrhundert der Zukunft Christi bestimmen zu wollen. Unsre Aufgabe ist, allezeit bereit zu sein, stets auf seine Erscheinung zu warten, damit Er, wenn Er kommt, uns wachend finde. „So wacht nun; denn ihr wißt nicht, wann der Herr kommt, ob am Abend, oder um Mitternacht, oder um den Hahnenschrei, oder des Morgens“ (Mk. 13, 35); seien wir aber bereit, Ihm entgegenzugehen mit den klugen Jungfrauen und einzukommen zur Hochzeitsfreude, damit wir uns freuen mit unserem Freunde. Was für Zeitbestimmungen gemacht worden sind, kann ich auch jetzt nicht angeben; ich überlasse das gelehrteren Leuten, Männern, die sich das zur Lebensaufgabe gemacht haben. Das Buch der Offenbarung braucht noch anderer Ausleger als die, die unsere Bücherschränke mit ihren umfangreichen Werken bis zum Zusammenbrechen belastet haben, denn sie haben stets die Verwirrung nur noch größer gemacht. Ihre Auslegung ist eher zu einem Verschluß, als zu einem Aufschluß geworden; sie haben eher den Ratschluß mit ratlosen Worten verdunkelt als das Dunkel aufgehellt. Ich bin bereit, hierin so weit zu gehen wie mein Vorgänger, so weit wie die alten Kirchenväter, so weit wie Baxter und Bunyan - aber weiter nicht.

Dennoch dürfen wir heute fest darauf bauen: es ist in unserer Schriftstelle eine bestimmte Verheißung gegeben, daß die Heiligen mit Christus tausend Jahre regieren werden; und ich glaube, sie werden mit Ihm hier auf Erden regieren. Es gibt einzelne Stellen, die eine merkwürdige Bestätigung erhalten, wenn dies geschieht. Lest Psalm 37, 10. 11. „Es ist noch ein Kleines, so ist der Gottlose nimmer; und wenn du nach seiner Stätte sehen wirst, so wird er weg sein. Aber die Elenden werden das Land erben und Lust haben in großem Frieden.“ Man kann das zwar so auffassen, daß der demütige Mensch der Güter dieser Welt sich in höherem Maße freut als der Sünder und daß er Frieden haben wird. Aber es kommt mir vor, als fasse man die Sache schief auf, recht schief. Wenn es wahr ist, daß diese Sanftmütigen eben diese Erde doch besitzen sollen und daß sie sich unter dem Friedenspanier des messianischen Reichs dieses Besitzes freuen werden, so scheint mir es, das habe einen besseren Sinn und einen Sinn nach göttlicher Weise. Denn es ist so, daß Gottes Verheißungen immer einen umfassenderen Sinn haben, als wir begreifen können. Wenn die Verheißung in diesem Fall nur sagen will, daß die Sanftmütigen erhalten sollen, was sie in diesem Leben gewinnen, was eigentlich sehr wenig ist; wenn sie nur bekommen sollen, was sie hier auf Erden genießen, was so wenig ist, daß ich sagen muß, wenn sie nur auf dieses Leben hoffen, sie seien die allerelendesten unter den Menschen - wenn nur das der Sinn ist, dann enthält die Verheißung weniger, als wir ihr zutrauen; wenn sie aber sagen will, daß sie hier schon herrlich werden sollen, dann habt ihr den allerweitesten Begriff, der sich nur denken läßt, einen Begriff, wie er allein der Verheißungen Gottes würdig ist: weit, breit, hoch, tief, ja göttlich. Teure Brüder, die Sanftmütigen erhalten in unserer Zeit gar keinen besonderen Anteil an dieser Erde, und wir müssen das in einer anderen Zeit erst erwarten.

Ich will hier die Rede des Herrn selbst anführen, damit ihr nicht etwa meint, diese Stelle schließe sich nur der alttestamentlichen Ordnung an; Er spricht: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen.“ (Mt. 5, 5.) Wie? Wo? Wann? Gewiß jetzt nicht, nicht zur Zeit Christi, jedenfalls nicht in den Tagen der Apostel. Was erlangten die Sanftmütigen, liebe Brüder? Scheiterhaufen, Flammen, Geißelhiebe, Schläge, Kerker und Fesseln. Ihr Erbteil war wahrlich nichts. Sie wurden verfolgt, gequält, verlästert; sie irrten umher in Ziegenhäuten und Schafsfellen; und wenn die Elenden je die Erde besitzen sollen, so haben wir diese Zeit gewiß erst noch zu erwarten, denn die Erde haben sie noch nie besessen.

Nehmt die Stelle aus der Offenbarung 5, 9. 10: „Und sie sangen ein neues Lied, sprechend: Du bist würdig zu nehmen das Buch und aufzutun seine Siegel; denn Du bist geschlachtet und hast uns Gott erkauft mit Deinem Blut aus allerlei Geschlecht, und Zungen, und Volk, und Heiden; und hast uns unserem Gott zu Königen und Priestern gemacht, und wir werden herrschen auf Erden.“ Ob jemand die Echtheit dieser Worte in Frage stellt, weiß ich nicht; wenn sie aber überhaupt etwas sagen, wenn der Heilige Geist damit eine Wahrheit aussprechen wollte, so ist es die, daß die Kinder Gottes auf Erden herrschen sollen. Erinnert euch auch der Worte unseres Heilands, Mt. 19, 28. 29, wo Er in Erwiderung einer Frage des Petrus, was seine Jünger für ihre Nachfolge und Opferwilligkeit als Lohn bekämen, zu ihm sprach: „Wahrlich, ich sage euch, daß ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, in der Wiedergeburt, da des Menschen Sohn auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch ihr sitzen werdet auf zwölf Stühlen und die zwölf Geschlechter Israels richten werdet. Und wer Häuser, oder Brüder, oder Schwestern, oder Vater, oder Mutter, oder Weib, oder Kinder, verläßt, wird das ewige Leben erben.“ Es scheint daraus hervorzugehen, daß Christus kommen wird bei der Wiedererneuerung der Welt; dann wird den Aposteln, aber auch allen, die auf irgendeine Weise um Christi willen Verluste erlitten haben, herrliches Wesen und Fülle des Glanzes zuteil werden; es wird neue Wonne und Freude sein unter den wiedererstandenen Geistern..

Wir finden noch ähnliche Stellen im Worte Gottes: „Der Herr Zebaoth wird König sein auf dem Berge Zion und zu Jerusalem, und vor seinen Ältesten in Herrlichkeit.“ (Jes. 24, 25.) Ebenso heißt es im Propheten Sacharja: „Da wird dann kommen der Herr, mein Gott, und alle Heiligen mit dir.“ (Sach. 14, 5.) Wahrlich, ich könnte jetzt nicht Zeit genug finden, euch alle die Stellen anzuführen, aus denen mir klar hervorzugehen scheint, daß gerade die Stätte des Kampfes, gerade der Schauplatz des Krieges, auch der Ort des Triumphes sein wird. Ich schaue voller Wonne hinaus in jene Zukunft, wo ich mit den Entschlafenen in Christus (ob ich auch noch entschlafen werde, weiß ich aber nicht) auferstehen werde am Tage seiner Erscheinung und den Lohn empfange in der Auferstehung der Gerechten, wenn ich Ihm treu und voll Glaubenszuversicht gedient habe.

„Noch ist es nicht erschienen,
Wie groß wir werden sein. wie reich;
Doch wenn wir hier den Heiland seh'n,
Sind wir dem Haupte gleich.
Solch himmlisch süßes Hoffen
Kann überwinden alle Not,
Kann unsre Seelen reinigen,
Daß rein wir sind wie Gott.“

Um aber wieder an das Frühere anzuknüpfen, so wollen wir noch ein Weiteres bemerken. Diese euch soeben vorgehaltene Lehre ist gar nicht ohne Nutzen. Denn durch das ganze Neue Testament hindurch, wo die Apostel es immer für nötig erachten, die Menschen zur Geduld, zu Werken der Liebe, zur Hoffnung, zur Standhaftigkeit, zur Heiligung zu ermahnen, da reden sie stets von der Zukunft Christi. „So seid nun geduldig, meine Brüder; denn die Zukunft des Herrn ist nahe.“ (Jak. 5, 7. 8.) „Richtet nicht vor der Zeit, bis der Herr komme.“ (1 Kor. 4, 5.) „Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen; der Herr ist nahe.“ (Phil. 4, 5.) „So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Ehren empfangen.“ (1 Petrus 5, 4.) Liebe Brüder, es ist unrecht, wenn wir zu viel Gewicht hierauf legen, aber ebenso unrecht ist es, wenn wir uns zu wenig daraus machen. Wir wollen diesem Gedanken in unserem Denken eine Ehrenstelle anweisen, und besonders mögen diejenigen unter uns, die Gott fürchten und an den Herrn Jesus glauben, ihn als ein Fenster gebrauchen, durch das sie in trüben Zeiten, wo es im Haus dunkel wird, hinausschauen in die Ferne, in die Zeit, wo wir mit den Ersten auferstehen werden, Christus dem Erstlinge nach, und wo wir mit Christus regieren werden, wo wir teilhaftig werden seiner Herrlichkeit und gewiß wissen, daß der zweite Tod keine Macht über uns hat.

II.

Wir wenden uns nun zum zweiten Teil unserer Betrachtung. Die Gottlosen trifft ein dreifaches Wehe.

Sünder, du hast von der Auferstehung der Gerechten gehört. Für dich hat das Wort „Auferstehung“ keinen lieblichen Klang. Kein Freudenblitz leuchtet in deinem Geiste auf, wenn du hörst, daß die Toten wiedererwachen sollen. Aber, ich bitte dich, leihe mir dein williges Ohr, wenn ich dir jetzt im Namen Gottes beteuere, daß die Toten wieder auferstehen müssen. Nicht bloß deine Seele wird leben, du bist vielleicht so unsinnig geworden, daß du vergessen hast, du hast auch eine Seele, - nein, sondern auch dein Leib wird wieder lebendig werden. Diese deine Augen, die voll lüsterner Begierden umherschweiften, werden Bilder des Entsetzens schauen; diese Ohren, die den Versuchungen des Bösen lauschten, werden die Donnerschläge des Gerichtstages erdröhnen hören; die Füße, die dich ins Theater und auf Bälle trugen, werden es versuchen, aber umsonst, festzustehen, wenn Christus der Weltrichter auf dem Throne sitzt. Glaube nur nicht, daß mit dem Begraben deines Leibes alles aus sei. Dein Leib hat teilgehabt an deinen Sünden; er wird teilhaben mit deiner Seele an der Verdammnis; Er kann Leib und Seele in die Hölle verdammen.

Es ist aber die Lehre von der Auferstehung des Leibes, die dem Christentum eigentümlich ist. Ihr seid nicht dazu angetan, die Offenbarung Gottes abzuleugnen, ich weiß das. Ihr scheut diese Heilige Schrift als Gottes Wort; aber eben dies Buch sagt mir, daß alle Toten, die Großen und die Kleinen, auferstehen werden. Wenn die Posaune des Erzengels erschallen wird, da werden all die greisen Erdbewohner vor der Sündflut heraufsteigen aus dem Meere, die verschütteten Paläste, die untergegangenen Häuser werden herausgeben, die Menge derer, die sich freien ließen, ehe Noah zur Arche einging. Herauf werden kommen aus der großen Tiefe des unergründlichen Meeres die Tausende und aber Tausende, die seit drei bis vier Jahrtausenden geschlafen haben. Und jeder Kirchhof, wo Menschen unter christlichen Gebeten in stiller Andacht. bestattet wurden, die doch unchristlich gelebt hatten, wird seine Toten hergeben. Das Schlachtfeld bietet seine gewaltige Ernte, eine Ernte, aufgegangen aus einer Blutsaat, und geerntet im Gewittersturm. Aber die Hauptsache für euch ist das: auch ihr werdet darunter sein. Lebendig und doch tot, wie ihr jetzt seid, gottlos und unbekehrt, trifft euch der schwerste Fluch, der euch außer der Verdammnis eurer Seele je treffen kann, darin: die Auferstehung eures Leibes ist gewiß und wahrhaftig. Geht nun hin und schminkt ihn, diesen Madensack, wenn ihr wollt, und schafft ihm eine Schönheit, vor der selbst dem Wurm ekelt. Geht hin und mästet euren Leib; trinkt Most und eßt das Fette. Geht hin und verweichlicht ihn in Wohlleben und Polstern. Ja, meine Herren, pflegt nur eure Leiber fein säuberlich, denn die Herrlichkeit wird kurz genug währen; und wenn diese Spanne Zeit verstrichen ist, dann müßt ihr von einem anderen Weine kosten - da müßt ihr die Hefen aus dem Kelch des Zornes Gottes saufen, welcher den Gottlosen eingeschüttet wird bis auf den letzten Tropfen. Labe noch dein Ohr an Gesang und Spiel; bald hörst du nichts anderes mehr als das Geheul der Verdammten. Gehe deiner Wege, iß, trink und sei fröhlich, „aber wisse, daß dich Gott um dies alles wird vor Gericht führen.“ (Pred. 11, 9.) Siebenfach für alle deine Sündenlust, ja, siebzigmal siebenmal wegen all deiner Wollustfreuden und Bosheit und Missetat wird der Herr Rache nehmen an dir an dem großen und schrecklichen Tag seines Zorns. Sünder, bedenke solches, und wenn du Sünde tust, so gedenke der Auferstehung.

Nach der Auferstehung aber das Gericht, sagt die Schrift. Ihr habt Gott verflucht - der Fluch ist verhallt? Nein, Freund, er ist nicht verhallt; er hat sich eingegraben in das große Schuldbuch Gottes. Du wandeltest in Kammern der Unzucht und in Häusern der Gottentfremdung; du hast alle Stufen des Verbrechens erstiegen und dich gewälzt im Schlamme und im Gestank der Hurerei. Du bist der Sünde nachgelaufen und hast dich hineingestürzt und hast gemeint, wenn der Tag ein Ende habe, sei alles hinter dir; du hast geglaubt, so, wie die Nacht des Tages Gestalten verhüllt, so verberge die Nacht des Todes die Taten deines Lebens. So nicht! Die Bücher werden sich einst öffnen. Mir ist, ich sehe dich mit erblassenden Wangen, mit niedergeschlagenen Augen, weil du dem Richter nicht unter die Augen treten darfst, .wenn er die Seite aufschlägt, wo dein Leben verzeichnet steht. Ich höre jenen Sünder, der es frech allen zuvortat. Jetzt schreit er: „Ihr Felsen, fallt über mich!“ Dort stehen sie, erhaben und furchtbar zugleich, jene granitenen Felsen; lieber wollte er von ihnen zermalmt werden, als vor diesem durchbohrenden Flammenauge stehen; aber die Riesen des Gebirges wollen sich nicht ablösen, ihr steinernes Eingeweide fühlt kein Mitleid, sie regen sich nicht. Festgebannt steht ihr da, während das Feuerauge euch ganz und gar durchdringt, während die bebengebietende Stimme liest und liest und liest: jede eurer Taten, jedes eurer Worte, jeden eurer Gedanken. Ich sehe euch, wenn das schändliche Verbrechen gelesen wird und es alle Menschen und Engel hören. Ich sehe euer Entsetzen, wenn eine namenlose Tat erzählt wird, in aller Ausführlichkeit, daß kein Mißdeuten möglich ist. Ich höre alle deine geheimsten Gedanken laut verkünden: diesen Wollusttraum, jenen Mordanschlag, den deine Begierde gebar, der aber nie zur Tat reifte. Und Du starrst voll Entsetzen, wie Belsazar, als er die Schrift an der Wand erblickte und ihm die Lenden zitterten und seine Knie aneinander schlugen. (Dan. 5, 6.) So wird es dir ergehen, und immer wieder wirst du den furchtbaren Schrei ausstoßen: „Ihr Berge und Felsen, fallt auf uns! Fallt auf uns und verbergt uns vor dem Angesicht des, der auf dem Stuhl sitzt, und vor dem Zorn des Lammes.“ (Off. 6, 16.)

Aber dann kommt das Ende, das Letzte. Nach dem Tode das Gericht; nach dem Gericht die Verdammnis. Wenn es etwas Schreckliches ist, wieder leben zu müssen, wenn es noch viel schrecklicher ist, den ersten Tag dieses neuaufgedrungenen Lebens vor dem Richterstuhl Gottes stehen zu müssen; wie noch viel entsetzlicher muß es sein, wenn das Urteil gesprochen wird und die Marter der Strafe ihren Anfang nimmt! Ihr Männer und Weiber, die ihr Gott nicht fürchtet, die ihr nicht an Jesus glaubt, ich bin nicht imstande, die Verdammnis zu malen. Ich ziehe den Schleier darüber. Aber obwohl ich sie nicht schildern darf, so beschwöre ich euch, stellt sie euch lebhaft vor die Seele. Als (der Historienmaler a.d.Ü.) Martin einige seiner großartigen Gemälde schuf, erhöhte er ihre Wirkung durch breite Massen von tiefen und ausgedehnten Schatten. Wahrlich, auf solche Art hat uns Gott die Hölle dargestellt, mehr durch die tief verschleiernde Finsternis, als durch scharfes Licht. Das wissen wir ja wohl, daß die Hölle ein Ort ist ohne Gottes Gegenwart, ein Ort, wo die Sünde zur Herrschaft und furchtbarsten Entwicklung kommt, wo jede Leidenschaft ungezügelt wütet, jede Lust fessellos tobt, ein Ort, wo Gott Tag und Nacht bestraft, die Tag und Nacht. fortsündigen, ein Ort ohne Schlummer, ohne Ruhe - ohne Hoffnung! Ein Ort, wo auch ein Tröpflein Wasser verweigert wird, obwohl der Durst die Zunge verzehrt, ein Ort, wo nie ein Freudenstrahl dämmert, nie ein Lichtblick hindringt, nie ein tröstender Laut sich verrät, ein Ort, wo das Evangelium verleugnet wird, wo die Gnade im Flug erstarrt und erstirbt, ein Ort, wo die Rache ihr Gift ausschäumt und an ihren Ketten zerrt und den Mordstahl zückt, ein Ort der Wut und des versengenden Zorns, ein Ort, wie ihn die kühnste Einbildungskraft noch nie so schrecklich gedacht hat. Gott verhüte, daß ihr je solchen Ort erblickt oder gar seine Schrecken fühlt. Sünder, ich will dir diesen Ort nicht predigen, lieber will ich dich beschwören: Entfliehe, rette dich hinweg! Stirb, Sünder, so ist ein Entfliehen nicht mehr möglich; dann bist du verloren! O, während du noch auf dieser Erde des Gebetes weilst, bitte ich dich, denk an dein Ende! „Sie hätte nicht gemeint, daß es ihr zuletzt so gehen würde, darum ist sie gar sonderlich heruntergestoßen.“ (Klagl. 1, 9.) Laß das nicht auch von dir gesagt werden. Bedenke! Bedenke! Die Warnung ist vielleicht die letzte, die du je wieder hörst. Es ist dir vielleicht nicht mehr gestattet, wieder in ein Gotteshaus zu kommen. Vielleicht schon während du hier sitzt, rinnen die letzten Sandkörner deines Stundenglases hinab; und dann - dann kann dir keine Warnung mehr zugerufen werden, weil Versöhnung und Errettung für dich etwas Unmögliches sein wird.

Seele, ich richte jetzt vor dir Christus den Gekreuzigten auf. „Wer an Ihn glaubt, wird niemals umkommen, sondern er hat das ewige Leben.“ (Joh. 10, 28; 3, 16. 17. 36.) So, wie Moses die Schlange erhöhte in der Wüste, so wird heute vor euch des Menschen Sohn erhöht. Sünder, siehe seine Wunden an, siehe auf zu seinem dornengekrönten Haupt. Siehe die Nägel in seinen Händen und in seinen Füßen. Kannst du Ihn dir denken? Höre! wie Er ausruft: „Warum hast Du mich verlassen?“ Höre wieder, was Er jetzt spricht: „Es ist vollbracht! Es ist vollbracht!“ Die Erlösung ist vollbracht! Und nun wird dir diese freie Erlösung verkündigt, eine Erlösung ganz umsonst, aus lauter Gnade. Glaube an den Herrn Jesus Christus, so wirst du selig. Vertraue auf ihn, so haben alle zukünftigen Schrecken keine Macht über dich; sondern die Herrlichkeit dieser Weissagung wird an dir in Erfüllung gehen, wie überschwenglich sie auch sei. Ach, daß doch heute einer von euch zum erstenmal in seinem Leben auf seinen Herrn vertrauen würde; und wenn das geschieht, so braucht ihr nicht erst neugierig zu forschen, was dann kommt, sondern ihr dürft euch ruhig hinsetzen und sagen: „Komme, was da wolle; meine Seele steht auf dem Fels der Ewigkeit; sie fürchtet kein Unglück; sie fürchtet kein Ungewitter, sie spottet aller Leiden. Komme bald! komme bald! ja komm, Herr Jesu.“

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