Spurgeon, Charles Haddon - Die Erhabenheit Gottes

„Siehe, Gott verwirft die Mächtigen nicht; denn Er ist auch mächtig von Kraft des Herzens.“
Hiob 36,5

Engl. Übers.: „Siehe, Gott ist mächtig und verachtet keinen; Er ist mächtig in Kraft und Weisheit.“ (oder: „in Kraft des Herzens.“)

Wir können uns nicht wundern, daß Hiob in seiner Verbitterung einige Ausdrücke benutzte, die er später nicht zu rechtfertigen versucht hätte. Unter anderem hatte Hiob gedacht und beinahe gesagt, daß Gott ihn verachtet. In Kapitel 10, Vers 3 redet er Ihn so an: „Gefällt Dir es, daß Du Gewalt tust und mich verwirfst, den Deine Hände gemacht haben!“ Elihu hat (glaube ich) in seinem Eifer, die Gerechtigkeit seines Schöpfers zu verteidigen, diese Aussage Hiobs im Auge und verneint ihn entschieden. Dazu gebraucht er die Macht und die Großherzigkeit Gottes als Beweis. Er hatte versprochen, „seinen Verstand weit zu holen“, und deshalb beweist er nicht mit Gottes Barmherzigkeit und Güte, daß er niemanden verachtet, und verzichtet darauf, andere Gemeinplätze als Grund anzugeben, wie diese sich doch dem Gedankenlosen aufgedrängt hätten. Stattdessen begründet er seine Erklärung, daß Gott niemanden (und deshalb auch Hiob nicht) verachtet, auf die Tatsache, daß Gott mächtig ist. „Siehe, Gott ist mächtig und verachtet keinen; Er ist mächtig in der Kraft des Herzens.“ Diese Beweisführung wäre mir (und sicher auch Euch) nicht leicht eingefallen; wir hätten eher umgekehrt argumentiert und gesagt: „Er ist so mächtig, daß man nicht erwarten kann, Er würde so schwache Dinge wie seine Geschöpfe ansehen. Er verachtet sie alle; und es ist daher nicht erstaunlich, daß Er Hiob wie alle anderen verachtet“. Elihu urteilt treffender als die meisten von uns, und kommt zu dem entgegengesetzten Urteil: Weil Gott mächtig ist, darum verachtet Er niemanden.

Tatsachen sind überzeugende Beweise, und wenn ihr sorgfältig beobachtet, werdet ihr sehen, daß gewöhnlich die Menschen, die andere Menschen verachten, schwach sind; wenn nicht körperlich, dann doch vom Verstand her. Jene kleinen Männer, die für kurze Zeit Macht verliehen bekommen, sind oft hart und tyrannisch, aber die wirklich Großen sind höflich, zartfühlend und rücksichtsvoll. Die Starken haben keinen Grund, argwöhnisch und eifersüchtig zu sein, und sind deshalb frei von Neid; sie fürchten nicht die Macht anderer Menschen, und deshalb sorgen sie dafür, daß ihre eigene Macht nicht die Schwachen in ihrem Umfeld unterdrücken. Sie werden rücksichtsvoll gegen andere, weil dies ein passender Wirkungskreis für den Gebrauch ihrer Macht ist. Der Mann, der nur dem Schein nach stark, aber in Wirklichkeit schwach ist, verachtet andere, weil er sie fürchtet, und da er weiß, wie sehr er verdient, selbst verachtet zu werden, tut er so, als blicke er auf seine Mitmenschen herab. Es ist der halbgebildete Mann, der höhnisch lächelt; er erhebt Anspruch auf seinen Rang, er versucht, als ein besserer Mensch zu scheinen. Wo alles nur Schein ist, da versucht man, sich vor der Kritik zu schützen, indem man über andere spottet.

Es wird von den Pharisäern gesagt, daß sie sich selbst vertrauten, daß sie gerecht waren und andere verachteten; weil ihre Religion nur eine Verkleidung war, weil sie nur eine oberflächliche Politur oder eine Vergoldung von Gerechtigkeit hatten. Sie hatten etwas, das wie Gerechtigkeit aussah, und deshalb sahen sie mit höchster Verachtung auf alle, die nicht ebenso viel Religiosität zur Schau trugen wie sie. Gott aber ist so groß in allen Dingen, daß Er niemand verachtet; Er hat keine Nebenbuhler; daher hat er es nicht nötig, sich zu erhöhen, indem Er den guten Namen andrer schmälert. Er ist so wirklich, so wahr und vollkommen, daß in Ihm niemals auch nur der Gedanke sein kann, jemanden zu verachten, um sich zu schützen. Er streitet nicht, weil sie keinen Widerstand zu fürchten hat; seine Kraft ist mit Milde verbunden. Wut ist nicht in Ihm, weil er eine so große Kraft hat, daß, wenn sie einmal tätig ist, sie seine Gegner verschlingt, wie die Flamme Stoppeln verzehrt. Gott ist zu groß, um zu verachten, zu mächtig, um hochmütig zu sein..

Seht auch, daß bloß tierische Kraft den Schwachen verachten mag. Die Macht aber, die hier dem Herrn zugeschrieben wird, ist von einer höheren Art. Seine Macht wird nicht nur in der Gewalt gesehen, die das Land mit Erdbeben erschüttert und die Himmel mit Stürmen, sondern in jener edleren Form, die sich in Weisheit und Edelmut offenbart. Der Macht seines Arms gleicht die Größe seines Geistes. Seine Macht liegt in seinem Herzen, in seinem Verstand und in seiner Liebe; Er ist mächtig in geistlichen Dingen, in der Erhabenheit des Gedankens, Höhe der Beweggründe, im edlen Sinn des Geistes und in der Größe des Zieles. Wenn ihr die Erhabenheit des göttlichen Sinnes und die Hoheit des göttlichen Wesens wahrnehmt, so seht ihr die Ursache, warum der Herr niemanden verachtet. Um ein treffendes Wort zu gebrauchen: Es ist die Hochherzigkeit Gottes, die Ihn hindert, jemanden zu verachten. Die Sonne ist so herrlich, daß sie sich nicht weigert, auf einen Dunghaufen zu scheinen; der Regen ist so reichlich, daß er nicht zögert, in einen kleinen Blumenkelch zu fallen; die See ist so groß, daß sie nicht zaudert, eine Feder zu tragen, und Gott ist so mächtig, daß Er nicht das Lob der Unmündigen und Säuglinge verwirft. Wenn Gott klein wäre, könnte Er die Kleinen verachten; wenn Er schwach wäre, würde Er auf die Schwachen herabsehen; wenn Er unwahr wäre, würde Er gebieterisch gegen seine Umgebung sein; aber da Er nichts von diesem allem ist, sondern Gott über alles, gelobt in Ewigkeit, der allein weise ist, so haben wir es mit Einem zu tun, der, obwohl Er hoch ist, doch die Niedrigen gnädig ansieht; der, obwohl Er sich herablassen muß, sogar, um die Dinge, die im Himmel getan werden, zu beobachten, doch nicht den Schrei des Demütigen verachtet. Die Erhabenheit Gottes ist der Grund, weshalb Er keinen verachtet. Mit Hilfe des Heiligen Geistes wollen wir heute zunächst die Lehre und dann die praktische Anwendung betrachten.

I.

Zuerst möchte ich, daß ihr mit Ehrfurcht die Lehre betrachtet, daß Gott mächtig ist und deshalb keinen verachtet. Beginnt mit dem Anfang: Der Herr ist mächtig - das heißt, Gott ist so stark, daß unermeßliche und unbegreifliche Gewalt Ihm gehört. „Gott hat ein Wort geredet, das habe ich oft gehört, daß Gott allein mächtig ist.“ Alles, was Gott schon getan hat, beweist seine Macht, aber wir können uns nicht einmal bei seinen größten Werken vorstellen, was Er noch tun könnte. „Wer aber will den Donner seiner Macht verstehen?“ Weil es keine Grenze für seine Macht gibt und es sündig wäre, zu versuchen, den Heiligen in Israel einzuschränken, so steht es uns frei, zu glauben, daß der Herr noch Erstaunlicher wirken könnte als bisher, wenn es Ihm gefällt. Forscht so lange ihr wollt, und erhaltet durch seine Hilfe einen so klaren Einblick in die göttliche Macht, wie er nur je einem sterblichen Verstand gegeben wurde, aber erinnert euch, daß Er über jede Erforschung hinaus ist, und selbst, wenn ihr Ihn stehen sehen könntet und die Erde messen und die Völker auseinander treiben, und die ewigen. Berge zerbrechen und die Hügel sich vor Ihm neigen, so würdet ihr einsehen müssen: Bei dem Herrn ist nichts unmöglich. Lernt etwas von seiner Macht aus den folgenden Tatsachen: Alle Kraft, die im Weltall ist, kam zuerst von Gott, kommt noch von Ihm und würde auf seinen Befehl im Augenblick aufhören. Was für Kraft in der leblosen Natur auch ist - es ist nur Gott,. der da wirkt, Er setzt das Rad der Natur in Bewegung, und auf seinen Befehl hin würde es aufhören, sich zu drehen. Was für geistige Fähigkeit ein Cherub oder Seraphim, Engel oder Mensch haben mag, es ist nur ein Ausfluss seiner schöpferischen Macht, ein Strahl seiner ewigen Sonne, der aufhören würde, sobald er seinen Arm zurückzieht. Wenn Jahwe es wollte, so würden jene ungeheuren Welten, die sich nun in ihrer Ordnung um den Mittelpunkt drehen, in wilder Verwirrung durcheinander stürzen in unvermeidlicher Zerstörung. Das Gesetz der Schwerkraft, das alle Dinge an ihren Ort bindet, würde in einem Augenblick gebrochen werden, wenn Er die Kraft zurückzöge, die dieses Gesetz zu einer Macht erhebt; es würde kein Zusammenhang unter den Atomen sein, nein, die Atome selber würden sich ins Nichts auflösen und ein großes Grab, eine allgemeine Leere, hinter sich lassen. Hierin ist so große Macht, daß wir mit Nehemia rufen: „Herr, Du bist es allein, Du hast gemacht den Himmel und aller Himmel Himmel mit allem ihrem Heer; die Erde und alles, was darauf ist, die Meere und alles, was in ihnen ist; Du machst alles lebendig und das himmlische Heer betet Dich an.“

Der große Gott kann alle Dinge ohne Hilfe tun. Er braucht keinen Beistand; in der Tat, es könnte keine solche Hilfe geben, da die Kraft aller anderen Dinge nur von Ihm abgeleitet wird. Geschöpfe tragen nichts zu seiner Kraft bei, sie machen Ihn nur sichtbar und zeigen die Macht, die sie von Ihm erhalten haben. Um eine Absicht zu erfüllen, bittet Er niemanden, sein Bundesgenosse zu sein, denn Er tut allein, was Er will. Was mehr ist, Er könnte mit ebenso viel Leichtigkeit seine Zwecke ausführen, wenn alle geschaffenen Geister und Kräfte gegen Ihn wären. Es würde keinen Unterschied in seiner Herrschaft machen, wenn auch alle diese furchtbaren Mächte, die jetzt erschaffen sind, sich gegen ihn empörten; Er, der im Himmel sitzt, würde über sie lachen. Selbst die Mächte, die ihr Banner gegen Ihn erheben, sind unter seiner Herrschaft: seine Feinde sind seine Fußschemel, ihre Wut muß seinen friedlichen Zwecken dienen. „Wenn Menschen wider Dich wüten, so legst Du Ehre ein, und wenn sie noch mehr wüten, so bist Du auch noch gerüstet.“ Beachte wohl, wenn Gott alles getan hat, was Ihm gefällt, so hat Er seine Kraft noch nicht erschöpft. Er wird nicht müde noch matt, sein Verstand kann nicht erforscht werden. Er wacht stets, aber Er wird nie müde, so daß Er Schlaf nötig hätte: Er wirkt immer, aber niemals hört er auf, um auszuruhen,weil er matt und erschöpft wäre; wenn Er alles tat, was Er sich zu tun vorgenommen hatte, so ist Er so bereit zum Wirken wie vorher; wenn Er nach unsrer Vorstellung bis zum Äußersten seiner Kraft gegangen ist, so ist Er nur am Anfang. Dieses sind die Säume seines Gewandes, aber seine volle Herrlichkeit wird nicht gesehen. Ich zittere, während ich von dem spreche, wovon ich so wenig weiß, aber ich bin sicher, Gott ist mächtig in dem weitesten Sinne, der von dem größten Geiste nur erfaßt werden kann, und weit erhaben über alles, was je in das Herz des Menschen gekommen ist.

Der Text sagt uns auch, daß Er mächtig in Kraft und Weisheit ist, so daß wir Gott also zu betrachten haben, als mächtig an Geisteskräften. „Sein Verstand ist unausforschlich.“ Er besitzt nicht nur physische Macht, wodurch Er schafft, erhält oder zerstört, sondern die höhere Kraft des Verstandes, denn Er ist „wunderbar im Rat.“ „Unser Herr ist groß und von großer Kraft; und ist unbegreiflich, wie Er regiert.“ Es ist schwierig, Worte zu finden, um meine Meinung auszudrücken, denn Gott ist Geist, aber so weit wie man ehrfurchtsvoll von Verstand und Fassungskraft bei Ihm reden darf, so ist Er ebenso allmächtig in dieser Sphäre wie in der körperlichen Welt. Dies ist die Sicherheit seiner Geschöpfe, daß Er ein Gott von großen Sinnen ist. Wer große Macht in der Hand hat, ist zu fürchten, wenn er nicht die entsprechende Größe der Seele hat. Es ist ein Unglück, wenn der Beherrscher eines Reiches sein eigenes Herz nicht beherrschen kann. Die Welt hat Angst gehabt vor Nero und Domitian und Caligula, die so charakterschwach waren, daß sie jedes Gesetz der Sittlichkeit und Menschlichkeit brachen und das Schicksal von Nationen unter ihrer Leitung hatten. Seht die Bildung der Köpfe dieser Ungeheuer an und sie fallen euch auf durch die Ähnlichkeit mit Preisfechtern wie durch die mit Idioten - oder als eine Kombination aus beiden; und es überläuft uns kalt, wenn wir hören, daß solche Wesen einst die Herren der römischen Welt waren. Ein Glück ist es für ein Volk, wenn der Herr seiner Legionen Geistesfähigkeit und Großmut besitzt, stark in Selbstüberwindung und unwiderstehlich durch seine Tugend ist. Im höchsten Grade haben wir dies in dem „Seligen und allein Gewaltigen.“ Gott hat große Gedanken, große Ziele, große Weisheit, große Güte. Er ist mächtig in jeder Hinsicht, und besonders in der Zurückhaltung seines Zornes. Wenn ihr dies zu sehen wünscht, so blickt auf die Geduld und Langmut, die Er den Ungehorsamen erweist. Wie unvergleichlich ist seine Geduld! Wie ausdauernd seine Barmherzigkeit! Die Gottlosen beleidigen Ihn, und Er fühlt die Beleidigung und doch schlägt Er nicht zu. Woche für Woche beschimpfen sie Ihn, sie rühren selbst seinen Augapfel an, indem sie sein Volk verfolgen, aber doch läßt Er den aufgehobenen Donner wieder fallen und gibt Raum zur .Buße. Er sendet ihnen Botschaften des Erbarmens, Er bittet sie, von dem Irrtum ihres Weges abzukehren; aber sie verhärten ihre Herzen, sie lästern Ihn, sie benutzen seinen heiligen Namen vergeblich. Trotzdem trägt Er viele Jahre lang ihre beständige Empörung, und obwohl die Härte ihres Herzens Ihn traurig macht, hält Er doch seinen Zorn zurück. Diese Geduld zeigt Er nicht hier und da einem Menschen, sondern Milliarden Menschen, und nicht nur einer Generation, sondern sein guter Geist arbeitet an einer Generation nach der anderen. Noch immer streckt Er seine Hände den ganzen Tag aus zu den Ungehorsamen und Widersachern. Er will nicht, daß jemand verloren geht, darum wartet Er lange und geduldig, weil Er Freude an Barmherzigkeit hat.

Ebenso wunderbar scheint mir die Macht, die Gott über sein eigenes Herz hat, wenn er viele dieser Sünder begnadigt. Es ist erstaunlich, daß Er im imstande ist, irgend jemandem zu vergeben, und zwar vollkommen zu vergeben. Es geschieht oft, wenn wir sehr beleidigt sind, daß wir sagen: „Ich kann dir vergeben, aber ich werde das nie vergessen.“ Gott geht weit darüber hinaus, denn Er „wirft alle unsre Sünde hinter sich zurück,“ und erklärt, daß Er nicht mehr an sie denken will. Wie, niemals? Solch tiefen Beleidigungen; solch verabscheuenswerten Verbrechen? Solch frechen Übertretungen! Soll er sie wirklich vergessen? Nicht einmal mehr daran denken? Soll nicht wenigstens ein strenger Blick oder eine gewisse Kälte wegen dieser Vergehen da sein? Nein! „Ich vertilge deine Missetat wie eine Wolke, und deine Sünde wie den Nebel.“ Es zeigt die Hochherzigkeit Gottes, daß Er so handeln kann - selbst gegen den größten Sünder. „Wo ist ein solcher Gott wie Du bist? Der die Sünde vergibt, und erlöste die Missetat den übrigen seines Erbteils; der seinen Zorn nicht ewiglich behält; denn Er ist barmherzig.“

Laßt mich hinzufügen: Wenn Er nicht vergibt, wenn fortdauernde Ablehnung der Buße die endgültige Verwerfung fordert, so ist Gott selbst in der Bestrafung der Gottlosen großherzig. Ihn freut der Tod des Sünders nicht; Gericht zu halten ist ein Werk, das Ihm fremdartig ist. Die Strafe wird nie auferlegt als eine Handlung von willkürlicher Herrschaft. sondern weil sie von der Gerechtigkeit verlangt wird. Der Herr handelt, wenn Er seine Gerechtigkeit behauptet, nicht nur an den Armen und Geringen, sondern auch an den Großen der Erde, Er stößt Kaiser und Könige von ihren hohen Plätzen, deren Hände rot sind von vergossenem Menschenblut und wirft sie hinab in die Hölle. Auf der andern Seite übt Er nicht ausnahmsweise Strenge gegen den großen Lästerer, sondern verfährt auch gegen geringere Menschen in gleicher Weise. Er schont nicht den Flucher auf der Gasse, der seinen Namen entheiligt. Ruhig und unparteiisch teilt Gott Gerechtigkeit aus. „Bei dem Herrn, unserm Gott; ist kein Unrecht, noch Ansehen der Person, noch Annehmen des Geschenkes.“ Sein Urteilsspruch ist so gerecht, daß niemand wagen wird, zu widersprechen. So beweist Er die Größe seines Charakters, denn wenn Er verurteilt und straft, ist es nie in Leidenschaft, nie in Hast, niemals ohne genaues Abwägen der Zeugenaussagen. Wird nicht der Richter der Erde recht tun? „Ohne Zweifel, Gott verdammt niemand mit Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht.“ Unser Gott ist also mächtig von Herzen.

Nun, der Kern der Lehre liegt hier, daß Gott wegen seiner Macht niemanden verachtet. Der Beweis ist sehr klar. Gott ist so groß und mächtig, daß alle Dinge vor Ihm klein sein müssen. Es kann nichts Großes sein vor dem unendlichen Gott. Es gibt Welten von solchem Umfang, daß menschliche Berechnung ihre Größe nicht schätzen kann; es sind Welten, so zahlreich, daß wir sie ungezählt lassen müssen. Doch jede einzelne oder alle zusammen sind wie ein Tropfen am Eimer vor Ihm. Da also alle Dinge vor ihm klein sind, folgt daraus, daß nichts mehr sein kann als klein, und nichts fällt viel tiefer unter das Maß seiner Größe als ein anderes Ding, von denen wir doch denken, daß es etwas Besonderes sei. Wenn die göttliche Beobachtung und Sorge sich überhaupt auf die Geschöpfe ausdehnen soll, dann muß sie sich auf Unbedeutendes und Schwaches beziehen, da es, verglichen mit Ihm selber, nichts anderes gibt.

Wenn ihr einen Beweis wünscht, daß der Herr die geringeren Dinge beachtet, so seht Euch die Schöpfung an. Der große und mächtige Gott hat seine Größe ebenso sehr in den kleinen Dingen entfaltet, die Er gemacht hat, wie in den prächtigen Welten, die Er schuf. Unzählige Geschöpfe spielen in einem einzigen Tropfen stehenden Wassers, und doch zeigt sich in jedem von ihnen die Allmacht Gottes. Die Körper dieser winzigen Tierchen entfalten in jedem Teil erstaunliche Kunst und bewundernswürdige Planung. Gerade ihre Winzigkeit vermehrt unser Staunen und zwingt uns, die Macht des göttlichen Schöpfers zu fühlen. Für jedes dieser Infusorien, die so klein sind , daß man sie nur unter einem starken Mikroskop bemerken kann, findet Gott die passende Nahrung und legt Lebenskraft in jeden Teil seiner Organisation, so daß es existieren kann und wachsen und das Leben genießen und es seinem Nachfolger übermitteln. Er sorgt für alles, was eine Mücke oder Fliege betrifft; und so sicher Er über Cherubim und Seraphim wacht, so sicher hütet Er den Wurm in der Erde und die Elritze im Bach. Gott hat winzige Dinge geschaffen, nicht als Laune oder Versuch oder zum Zeitvertreib, sondern im nüchternen Ernst hat Er offensichtlich ebensoviel Weisheit in der Bildung des Kleinen gezeigt wie in dem Formen des Unendlichen. Wenn Er das getan hat, laßt uns nicht daran zweifeln, daß Er sanft mit den Armen und Bedürftigen unter den Menschen umgeht und niemanden verachten wird, der Ihn mit ehrlichem Herzen sucht. Er, der für Mücken und Fliegen sorgt, wird das Gebet demütiger Herzen hören. Und Er wird sich nicht weigern, die Unwissenden und Geringen anzusehen. Jesus, sein Sohn, war sanftmütig und von Herzen demütig. Er ließ die Kleinen zu sich kommen, und deshalb wird der Geringste unter den Menschen nicht verachtet werden.

Dieselbe Rücksicht auf die kleinen Dinge ist in der Vorsehung feststellbar. Die Vorsehung Gottes kümmert sich nicht nur um die Kriege unter den mächtigen Reichen und die Verhandlungen der Kabinette und königlichen Räte, sondern sie faßt unter ihrer Regierung alles ein, was vorgeht. Das Blühen jedes der Millionen Maßliebchen in den Wiesen ist von dem ewigen Ratschluss vorgesehen, und das Quaken eines Frosches im Sumpf, das Fallen eines Blattes von der Eiche im Wald ist ein Teil des Plans der ewigen Weisheit. Die Wanderung jeder Schwalbe ist genauso angeordnet wie die Reise des Kolumbus; und das Reißen des Netzes eines Vogelstellers ist ebenso geplant wie die Befreiung eines Volkes. Gott ist in allen Dingen; kein Sperling fällt auf den Boden ohne euren Vater, und selbst die Haare auf eurem Kopf sind alle gezählt. Eine Macht, die diese kleinen Dinge umfaßt und sich herablässt, sie zu einem Teil ihres ewigen Planes zu machen, beweist sehr klar, daß man den Herrn nicht in Verdacht haben kann, jemanden zu verachten.

Ein sprechender Beweis, daß die Erhabenheit Gottes niemanden verachtet, wird in der Tatsache deutlich, daß Er den Menschen angesehen hat. David dachte so, wenn er die Himmel betrachtete, „seiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Er bereitete,“ denn er rief aus: „Was ist der Mensch, daß Du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß Du Dich seiner annimmst?“ Der Mensch ist weder am größten, am stärksten, noch am schnellsten unter den Tieren. Der Löwe übertrifft ihn an Stärke, das Pferd an Schnelligkeit, der Adler in der Kunst, sich aufzuschwingen, und der Fisch in der Fähigkeit, zu tauchen. Der Leviathan übertrifft ihn weit an Größe und der Behemoth an Stärke. Der Mensch ist scheinbar ein schwaches Geschöpf und sieht mehr wie die Beute der Raubtiere aus, als wie ihr Vernichter. Schaut ihn an in seiner nackten Schwäche: Was für ein verteidigungsloses, unbeschütztes Geschöpf scheint er zu sein - und doch ist er der Herr der Welt. Wie David sagte: „Du wirst ihn zum Herrn machen über Deiner Hände Werk; alles hast Du unter seine Füße getan; Schafe und Ochsen, dazu auch die wilden Tiere; die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer, und was im Meer geht.“ Daß Gott sich um den Menschen kümmert, ist ein Beispiel von der Größe, die nicht auf Umfang oder Stärke sieht, sondern sich zu uns herablässt in ihrem Reichtum..

Das wird noch klarer, wenn ihr darüber nachdenkt, was für eine Art von Menschen Gott am meisten begünstigt. Wer sind seine Erwählten? Erinnert euch, daß die Liebe Gottes selten das Los der Großen dieser Erde gewesen ist. „Nicht viele Gewaltige, nicht viele Edle sind berufen,“ sondern „Gott hat oft die Armen dieser Welt erwählt.“

„Wenn Gott, der Herr, hernieder fährt
Auf diese Erd' herab,
Voll heil'gen Zornes Er sich kehrt
Von stolzen Fürsten ab.

Nicht auf den Höhen weilet Er,
Hinunter geht sein Lauf,
Demüt'ge Seelen liebt der Herr,
Und diese sucht Er auf.“

Was sagt Paulus in seinem Brief an die Korinther: „Das Verachtete hat Gott erwählt und das da nichts ist, daß Er zunichte mache, was etwas ist.“ Wir sind sicher, daß Er niemanden verachtet, denn als Er Väter in der Kirche verordnete und zwölf Führer als Apostel einsetzte, da wählte Er zu diesem Amt weder Philosophen, noch Senatoren, noch Könige, sondern niedrige Fischer; und von damals bis heute ist es seine Gewohnheit gewesen, die mächtigsten Taten für sein Volk durch die zu tun, die unter den Menschenkindern am wenigsten angesehen waren, denn Er ist so mächtig, daß Er keinen verachtet..

Brüder, euer einige kennen einen anderen wunderschönen Beweis, daß Er niemanden verachtet, denn ihr könnt in der Sprache Davids sagen, wie im 22. Psalm: „Er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen, und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und da er zu Ihm schrie, hörte Er es.“ Einige von euch sind in tiefen Wassern gewesen, durch Schmerzen, Todesfälle, Armut oder Verfolgung, und ihr habt gefunden, daß eure Lieben und Freunde euch verließen, denn ihr waret nur armselige Gefährten für ihre lustigen Stunden; aber Gott hat euch nicht verlassen, Er war euch sehr nahe in den Zeiten eurer Not und hat so bewiesen, daß Er niemanden verachtet. Auf diesen Mann hat Er auch geblickt, auf ihn, der arm ist und zerbrochenen Herzens und sich fürchtet vor seinem Wort.

Ich brauche nicht mehr sagen, um das zu beweisen, denn die ganze Weltgeschichte tut kund, daß Gott keine Achtung vor menschlicher Größe hat und keine Schmeichelei für menschliche Vorzüge, sondern Er legt im Gegenteil die Axt an die Wurzel der hohen und grünen Bäume fällt sie, daß sie am Boden liegen; aber die, die niedrig und verachtet sind und verdorrt scheinen, bemitleidet Er und segnet sie, und so wird das Wort seines Knechtes Hesekiel erfüllt: „Und sollen alle Feldbäume erfahren, daß ich, der Herr, den hohen Baum erniedrigt und den niedrigen Baum erhöht habe, und den grünen Baum ausgedorrt und den dürren Baum grünend gemacht habe. Ich, der Herr, rede es und tue es auch.“

Nun, Brüder, der Beweis, den ich euch gab, daß der Herr auf kleine und niedrige Dinge blickt, zeigt die Größe seiner Seele. Unser Gott ist nicht wie die Großen unter den Menschen. Könige und Fürsten achten gewöhnlich die am meisten, die ihnen oder dem Staat am meisten Dienste tun können. Gott braucht von niemandem etwas und achtet deshalb weder die Großen, noch verachtet Er die Kleinen. Er ist frei von aller Rücksicht auf sich selbst, da Er alles in allem ist. Wer dem Staat keinen Dienst tun kann, wird meist von dem Herrscher am wenigsten geachtet. Warum sollten sie etwas zu Sagen haben? Wer sind sie, daß man ihre Interessen berücksichtigen sollte? Aber da Gott es nicht nötig hat, Hilfe von jemandem zu suchen, wird Er nicht verleitet, mit Geringschätzung und Verachtung auf jemanden zu blicken. Wenn ihr eine unangemessene Achtung für einige fühlt, so ist die Folge davon, daß ihr einen Mangel an Rücksicht für andere Menschen habt; aber weil Gott es nicht nötig hat, seine Geschöpfe um Gefälligkeiten zu bitten oder sich im geringsten um ihre Weisheit und Stärke zu kümmern, macht Er sich nicht viel aus den Großen und schätzt auf der anderen Seite die nicht gering, die keinen hohen Rang haben.

Gott hat auch die Macht, die Interessen aller zu schützen, während menschliche Herrscher sagen, sie können dies nicht tun. Die Großen der Erde behaupten oft: „Zum allgemeinen Besten muß ein Teil der Bevölkerung leiden. Große Maßregeln verursachen hier und da Elend, das ist unvermeidlich. Das Gesetz drückt einige wenige hart, aber wir können es nicht ändern. Alle Anordnungen tun dies mehr oder weniger.“ Aber Gott ist so mächtig, daß Er keine Handlung vorzunehmen braucht, die für die geringsten seiner Geschöpfe Ungerechtigkeit mit sich führt. Strenge Gerechtigkeit wird jedem einzelnen zuteil werden, als ob er das einzige Geschöpf wäre, das Gott je gemacht hat. Der Herr weiß jeden einzelnen Menschen so sorgfältig zu berücksichtigen, als wenn nur dieser eine da wäre; denn Er ist so groß an Macht und seine Gedanken sind von so tiefer Weisheit, daß Er die Interessen aller wahrnimmt. „Der Herr ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke.“ Laßt uns Ihn deshalb anbeten und preisen, weil diese Lehre auf so festem Boden steht: Er ist mächtig im Herzen und verachtet keinen.

II.

Nun komme ich zur Anwendung dieser großen Wahrheit. Ihr erster Zweck ist: Sie soll diejenigen ermutigen, die geprüft werden. Du bist nicht so tief herabgekommen, mein lieber Freund, wie Hiob, als er auf dem Aschehaufen saß und sich mit einer Scherbe kratzte; aber selbst wenn du es wärest, so solltest du nicht vermuten, daß du vom Herrn verachtet wirst. Er könnte niemals einen von denen verachten, für die Christus starb. Der Herr hat nicht schlecht von dir gedacht und gesprochen: „Laß ihn leiden! Er ist nichts und es ist egal, was aus ihm wird.“ Im Gegenteil: Was deine Leiden auch heute sein mögen, sie sind dir zugemessen worden aus seiner unendlicher Weisheit und höchsten Liebe. Du bist in der besten Lage, in der du sein könntest. Schlecht, wie es dir erscheinen mag, ist dein Schicksal doch richtig verordnet, Gott weiß dies. Wenn es für Dich besser wäre, dich in Reichtümern zu wälzen, so würdest du sie erhalten; wenn es für Dich besser wäre, nie Leid oder Schmerz zu kennen, so würdest du sie nie erlebt haben; aber Gottes große Zwecke und Pläne für dich und die übrigen seines Volkes machen es nötig, daß du geprüft wirst, und deshalb wirst du geprüft. Wenn du alle Umstände kennst und Dir alle göttlichen Zwecke vorgelegt würden, und du eine so klare Einsicht haben könntest, wie Gott sie hat, so würdest du dich gerade dahin stellen, wo du jetzt bist, denn das Handeln deines Vaters ist recht und gut. Er hat dich nicht in den Schmelztiegel getan, weil Er dich verachtet, sondern weil Er dich schätzt. Er kaufte dich mit dem Blute Jesu, und deshalb kannst du sicher sein, Er schätzt dich sehr.

Der Herr denkt nicht so gering von euch, daß Er euch in euren Schmerzen vergessen sollte. In all eurem Kummer hat Jesus tiefe Teilnahme für euch. Wenn ihr nachts wach liegt, sieht sein Auge eure Müdigkeit und Schlaflosigkeit; wenn euch Freunde und Pfleger vor Müdigkeit verlassen müssen, ist Er doch bei euch und „bereitet euer Bett in eurer Krankheit.“ (Ps. 41, 4 engl. Übers.) Ihr müsst nicht sagen: „Mein Gott ist so beschäftigt mit den Herrlichkeiten des Himmels und der Leitung des Weltgeschehens, daß Er mich vergißt.“ Auf keinem Fall!. „Wie sich ein Vater über seine Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, so Ihn fürchten.“ Verlasst euch darauf, der große Gott ist zu mächtig, um eins seiner Kinder zu verachten. Er sagt nicht: „Es ist nur ein Fabrikmädchen, das an Auszehrung stirbt, sie wird nicht vermisst werden.“ Genauso wenig sagt Er: „Es ist nur eine arme, alte Frau, die gebrechlich ist und an den natürlichen Krankheiten des Alters leidet, es macht wenig aus, was aus ihr wird.“ Er spricht nicht verächtlich: „Es ist nur ein Mann mit wenig Verstand, er wird nie viel leisten und ist es nicht wert, daß man sich um ihn kümmert; laß ihn leiden und sterben, es wird nur ein Grab mehr auf dem Kirchhof sein und ein Mund weniger zu füttern, das ist alles.“ O nein, „Er verachtet niemanden.“ „Der Tod seiner Heiligen ist wertvoll vor dem Herrn.“ Er sieht unsre Tränen und hört unsre Seufzer, denn Er hat Gemeinschaft mit dem Niedrigsten seiner Heiligen. „Wer sie ängstigte, der ängstigte Ihn auch, und der Engel, so vor Ihm ist, half ihnen.“ Wenn hier heute morgen einige sehr niedergeschlagen sind, weil ihre Leiden wenig bekannt sind, und niemand sich um sie kümmert,, so erinnert euch an diese große Tatsache: „Er verachtet keinen,“ und ihr werdet getröstet sein. Ihr leidet nicht, weil Gottes Herz gleichgültig gegen euch ist, sondern weil Er euch liebt. „Welche ich aber lieb habe,“ spricht Er, „die strafe und züchtige ich.“ Nehmt diese Strafen und Züchtigungen als Zeichen seiner Liebe, und wenn die Rute schwerer fällt als gewöhnlich, so nehmt sie an als die Rute des Bundes, die in der Hand eines Vaters gehalten wird und nur über seine geliebten Kinder kommt.

Ein zweiter Nutzen dieser großen Wahrheit ist einer, den ich Gott bitte, wirksam zu machen. Sie sollte jeden Sünder ermutigen, der das Angesicht Gottes sucht, zu denken, daß Gott mächtig ist und niemanden verachtet. Du, lieber Freund, fühlst Dich jetzt, als wenn Gott an dir vorüber gehen und dich umkommen lassen könnte. Du hast begonnen, sein Angesicht zu suchen, aber du könntest Ihn nicht tadeln, wenn Er sich vor dir versteckt und dich umkommen ließe, denn du fühlst schmerzlich deine Unwürdigkeit und wie unbedeutend du bist. Tröste dich - Gott ist zu groß, dir seine Gunst zu verweigern. Welchen Nutzen hätte Er davon, daß du stirbst? Welchen Vorteil würde es Ihm bringen, daß du lebendig hinunter in den Abgrund fährst? Seine Gerechtigkeit ist verherrlicht in dem Tod seines Sohnes Jesu, und die, die an Ihn glauben, sollen daher leben. Geliebter Freund, es mag sein, daß du sagst: „Ich bin so unwissend, ich weiß nur wenig von dem Herrn.“ Wird Er dich deshalb verachten? Wenn Er das tut, dann wehe uns allen, denn wir sind alle unwissend, und deshalb könnte Er selbst die Engel verachten, denn in ihnen findet Er Torheit. Im Vergleich mit seiner Allwissenheit sind alle Geschöpfe Toren. Wie du weißt, will ich dich wenig lehren und unterweisen, aber nicht verachten. „Ach,“ sagst du, „ich habe keine Fähigkeiten.“ Angenommen, das wäre so, der größte Verstand, den Gott geschaffen hat, muß im Vergleich mit Ihm wenig Fähigkeiten besitzen, und deshalb würde Er alles verachten, was Er gemacht hat. Aber es ist nicht so. Fordert der Herr irgend eine andere Fähigkeit von uns, als die Fähigkeit, seine Barmherzigkeit zu empfangen und seine Gnade anzunehmen? Gerade deine Leere und dein Gefühl der Not gibt dir die Fähigkeit, zu empfangen, und in diese Fähigkeit will er Er seine Gnade eingießen. Sei deshalb nicht entmutigt, auch wenn du dich für dumm und unfähig hältst. Gott ist mächtig im Herzen und verachtet keinen.

Dein Herz ist gebrochen. Nun, es steht geschrieben: „Ein geängstigtes und gebrochenes Herz wirst Du, Gott, nicht verachten.“ Deine Gnadengaben sind sehr schwach, du kannst keine klaren Zeichen des göttlichen Geistes an dir sehen. Es steht geschrieben: „Er verachtet nicht den Tag geringer Dinge.“ Selbst Funken der Gnade zertritt Er nicht, und wenn auch eure Gnaden nur wie ein glimmender Docht sind, der mehr Unangenehmes als Wunderbares hat - selbst den löscht Er nicht aus. Das zerstoßene Rohr, die Gnade, die zerstört scheint und aus der keine lieblichen Töne hervorzulocken sind, verachtet und zerbricht Er nicht. Andere mögen euch verachten, aber der himmlische Vater wird es nicht.

Es ist möglich, daß du sagst: „Ach, ich kann keine tiefen Gedanken haben. Ich versuche die großen Lehren zu erfassen, aber sie sind zu hoch für mich.“ Gott ist so mächtig, daß Er dich darum nicht verachtet, denn Er hat dir ein Evangelium gesandt, das keine tiefen Gedanken erfordert. Das Evangelium: „glaube und lebe“ ist erreichbar für die Fähigkeit eines jeden, der zu verstehen und zu glauben wünscht. Jesus Christus hat den Grundton des Evangeliums so niedrig gewählt, daß er für unsre armen gebrochenen Baßstimmen paßt. Er hat die Stufen zu seinem schönen Palast so leicht gemacht, daß kleine Kinder sie ersteigen können. Ich preise Ihn, weil er sagte: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht,“ denn dann darf auch ich, der ich mich wie ein bloßes Kind unter den Geheimnissen seines großen Reiches fühle, zu Ihm kommen und gewiß sein, daß Er niemanden verachtet und mich auch nicht.

„Ah,“ sagst du, „ich fürchte, Gott wird mich verwerfen, weil ich mich nie durch irgend große Tat auszeichnen werde, selbst wenn Er mich errettet. Mein Glaube, fürchte ich, wird immer schwach sein, meine Liebe immer kalt, mein Charakter nur unvollkommen.“ Nun, geliebter Freund, dann wirst du seiner Liebe mehr danken als andere, und mehr seiner Geduld und Gnade, aber in keinem Fall will Er dich verachten. Denkst du, der große Gott braucht unsre großen Fähigkeiten? Es ist wahr, Ihm gefällt der große Glaube, aber Er würde ein großer Gott sein, selbst wenn wir gar keinen Glauben hätten. Es ist wahr, Er freut sich, den Heldenmut seiner Kinder zu sehen, aber nicht, weil Er auch nur im geringsten davon abhängig ist oder diesen Heldenmut braucht. Er erhält nichts von uns, unsere Güte erstreckt sich nicht auf Ihn, deshalb ist Er zu mächtig, uns zu verachten, wenn wir Ihm nichts wiedergeben können.

Ein anderer sagt: „Ich kann verstehen, daß Gott einen Mann errettet, der später ein bedeutender Prediger oder begabter Missionar wird; aber wenn Er mich errettet, so könnte Er doch nicht viel aus mir machen. Was würde ich sein, wenn die Gnade Gottes ihr Bestes an mir täte? Ich könnte nur ein geringes, unbekanntes Glied der Kirche sein, das viel von Ihm braucht, aber wenig wiedergibt.“ Ja, Geliebte, der Herr ist so mächtig, daß Er bereit ist, viele solche Menschen aufzunehmen. Warum sollte Er nicht? Wenn Er sie nicht aufnähme, so würde Er nicht reicher durch seine Weigerung werden; wenn Er sie aufnimmt, wird Er nicht ärmer durch das, was Er ihnen gibt. Glaubt fest an die Großmut Gottes. Ich habe gewußt, wie es ist, sich hinter seine Erhabenheit zu verbergen, wenn ich gerufen habe: „O, daß Er in Liebe auf mich blickte!“ Ich bin ganz unwürdig und unbedeutend - wird Er sich die Mühe nehmen, mich fortzujagen? Wird es Ihm der Mühe wert sein, mir seine Gnade zu verweigern? Sicher, ich bin zu unbedeutend, als daß Er wegen mir seine Verheißung brechen sollte und mich verwerfen. Damit würde er seiner Natur zuwider handeln, und dies würde Er zu tun haben, wenn Er eine arme, bedürftige, bußfertige Seele verwirft, die es wagt, Ihm in Jesu Christo zu vertrauen.„ Armer, entmutigter Mensch, glaube an Gottes Großherzigkeit. Wirf dich am Fuße des Kreuzes nieder, Sünder, und sage zu Gott: „Gerade bei Deiner Größe will ich Dich halten. Sicher, Du bist zu mächtig, um einen Wurm wie mich zu zertreten, zu mächtig, um mich nun gehen zu lassen, wo ich dem Blut und Verdienst Deines Sohnes vertraue. Zeige die Größe Deiner Macht, indem Du mich, sogar mich, errettest, ich bitte Dich.“ Seht ihr nicht, wie tröstend die Lehre des Textes ist? Möge der Heilige Geist euch Glauben geben, sie zu ergreifen.

Zuletzt gibt diese Lehre dem Volk Gottes ein Beispiel. Wenn unser himmlischer Vater mächtig ist und niemanden verachtet, so ist klar, daß, wenn wir Gott als seine lieben Kinder nachahmen, wir niemanden verachten sollen. Ich bete, daß ihr nie einen von euren Brüdern und Schwestern in Christo verachten mögt. Sind sie ärmer als ihr? Verachtet sie nicht, sondern helft ihnen lieber. Wenn sie sehr, sehr arm sind, denkt daran, was sie zu tragen haben, und fügt nicht zu ihren Leiden noch den Kummer, den eure Verachtung ihnen verursacht, hinzu. Geht sanft und freundlich mit ihnen um. Wenn sie Glieder am Leibe des Herrn sind, so solltet ihr froh sein, ihnen zu dienen, denn damit wascht ihr seine Füße. Ihr solltet es als einen Segen fühlen, daß es arme Heilige gibt, denen ihr helfen könnt, denn damit handelt ihr an Christus. „Arme habt ihr allezeit bei euch;“ und sie sind nötig, denn wenn es keine armen Heiligen gäbe, so könnten wir beginnen zu schreien: „Herr Jesus, was können wir für Dich tun? Wir wünschten unsere Liebe für Dich zeigen zu können, aber jetzt, da keine armen Heiligen da sind, wissen wir nicht, wie wir Dich kleiden sollen oder Dich besuchen in Deiner Krankheit, und wir werden dadurch Deinen Segen verlieren.“ Wenn es viele arme Heilige um euch herum gibt, achtet sie, weil ihr durch sie in der Lage seid, von eurem Herrn gelobt zu werden, wenn Er euch sagen wird: „Ich war hungrig, und ihr habt mich gespeist, ich war durstig, und ihr habt mich getränkt.“.

Vielleicht stehen eure ärmeren Brüder höher in Gottes Achtung als ihr, und wahrscheinlich lieben sie den Herrn mehr als ihr. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sie mehr von der Kraft der Seligkeit Gottes in ihrem Leben bewiesen, als ihr, und es kann sein, daß Christus, wenn Er in seiner Herrlichkeit kommt, sie an einen höheren Platz setzen wird als einige, die Häuser und Ländereien haben. Brüder, verachtet nicht einer den andern. Wenn ihr einen Bruder mit sehr wenig Talent sein Bestes tun seht, spottet nie über ihn; Gott wird vielleicht seine Handvoll Korn mehr segnen als euren Korb voll, wenn er in mehr Glauben sät als ihr. Verachtet nicht junge Anfänger. Was macht es schon, wenn sie nicht so viel wissen wie ihr; ihr wisst nicht zu viel, und ihr wisst wenig Nützliches, wenn ihr kein Mitleid mit den Lämmern der Herde habt.

Verachtet nie einen Bruder wegen seiner Irrtümer in der Lehre. Wenn ihr könnt, bringt ihn zurecht, aber wenn die Liebe Gottes in ihm ist, verwerft ihn nicht um seiner Mißgriffe willen. Sagt nicht: „Ich will mich mit diesem Menschen nie gesellschaftlich verbinden.“ In dem Haushalt der Gnade sind einige sonderbare Leute; einige von denen, die des Herrn sind, sind so, daß wenn Er sie nicht aus freier Gnade erwählte, ich nicht absehen könnte, warum sie überhaupt erwählt seien. Aber wenn der Herr sie liebt, so solltet ihr euch bemühen, dasselbe zu tun. Verachtet niemals einen von den Kleinen des Herrn, sonst wird Böses daraus entstehen.

Noch einmal, verachtet niemanden. Es ist ein Spruch da, der einigen sehr gefällt: „Ehret den König“. Ja, auf jeden Fall: ich hoffe wir werden immer sehr loyal sein und den Fürsten des Landes ehren, in dem wir wohnen. Aber beachtet ihr auch die Vorschrift, die vorhergeht, und die ich denen empfehle, die auf die Armen verächtlich herabsehen? Sie lautet: „Tut Ehre jedermann.“ Dies ist genauso eine Pflicht wie „Ehret den König.“ „Tut Ehre jedermann.“ Was, den niedrigeren Klassen Ehre tun? Ja, mein Herr; „Tut Ehre jedermann.“ Ehre den Arbeitern auf dem Lande? Ja, „jedermann“. Ehre den Armen in der Gemeinde, den Negern, den Straßenfegern? Ja, „Ehre jedermann“. Achtet den Arbeitenden und Leidenden; achtet die Bürde und die Bürdenträger! Alles, in der Gestalt eines Mannes oder Weibes, verdient, geehrt zu werden, denn der Mensch wurde nach dem Bilde Gottes gemacht. Ihr sollt nicht von der Prostituierten sagen: „Weg mit dir! Je weniger von ihr gesprochen wird, desto besser.“ Das ist möglich, Schwester, aber je mehr getan wird, desto besser. Auch sollt ihr von keinem Mann sagen: „Er ist unverbesserlich, wir können uns nicht mit ihm befassen.“ Nein, das ist nicht die alte Weise, in der Jesus mit Menschen verfährt - Er verachtet keinen. Die Schlechtesten sollten wir siebenfach lieben und mit ihnen geduldig sein in der Hoffnung, diese Gesunkenen aus den Tiefen der Sünde zu retten.

Wenn wir anfangen, unsre Mitgeschöpfe zu verachten, so sollte Gott kurzen Prozeß mit uns machen und uns alle verachten. Er sollte uns die Tür zur Gnade vor der Nase zuschließen und sagen: Ihr haltet zu wenig voneinander; ihr Armen verhöhnt die Reichen und ihr Reichen verspottet die Armen. Nach eurem eigenen Gericht sollt ihr alle gerichtet werden.“ Der Herr weiß: Wenn Er ein Weib von Weibern richten lassen wollte - oder selbst einen Mann von Männern - so würde ein ganzes Heer von uns verloren sein. Aber anstatt dessen öffnet Er die Gnadentür weit und bittet die Verachteten zu kommen und sichert ihnen zu, willkommen zu sein. Um Jesu willen blickt Er mitleidig auf uns Menschen und hat Freundlichkeit für uns. Er stellt vor uns die offene Tür der Barmherzigkeit und ruft: „Ich habe meinen Sohn in den Tod gegeben, und wer unter euch an Ihn glauben will, soll erfahren, daß ich euch nicht verachten, sondern an mein Herz nehmen und in Zeit und Ewigkeit lieben will, und ihr werdet einen Anteil an der Herrschaft meines Sohnes haben.“ Brüder, schüttelt euren Stolz ab und liebt euren Mitmenschen, denn wenn ihr den Bruder nicht liebt, den ihr seht, wie könnt ihr Gott lieben, den ihr nicht seht? Wenn Er mächtig ist und keinen verachtet, dann seid sicher: Wenn ihr jemanden verachtet, dann deshalb, weil ihr nicht so mächtig seid, wie ihr denkt; eure Verachtung anderer beweist, daß ihr Geschöpfe von kleiner Seele seid, schwach, bemitleidenswert, anmaßend. Ihr mögt euch daran messen - wenn ihr andre verachtet, so solltet ihr verachtet werden, aber wenn im Gegenteil euer sanftes, teilnehmendes Herz selbst den Bettler vom Misthaufen aufrichten möchte, dann seid ihr erhaben, von großer Seele und gleich Gott. Möge der Heilige Geist euch mehr und mehr so machen. Amen.

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