Spurgeon, Charles Haddon - Das "Evangelium" von der Opferung Isaaks

Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird er uns mit ihm nicht auch alles schenken?
Römer 8,32

Wir haben diesen Vers als Thema gewählt, aber den eigentlichen Text findet ihr in 1. Mose 22. Ich hielt es für passend, mich auf einen Hauptpunkt zu beschränken und war deshalb bestrebt, eure ungeteilte Aufmerksamkeit auf das unvergleichliche Beispiel des heiligen, gläubigen Gehorsams zu lenken, das uns der Vater der Gläubigen darbot, als er seinen Sohn opferte.

Wenn der Messias irgendwo im Alten Testament symbolisch dargestellt wird, so gewiß auf dem Berg Morija, wo der geliebte Isaak, willig gebunden und auf den Altar gelegt, eine lebendige Andeutung von dem Liebling des Himmels ist, der sein Leben zum Lösegeld gibt. Wir zweifeln nicht daran, daß es Gottes Absicht war, Abraham einen klareren Blick von dem Tag Christi zu geben. Die Prüfung war ein verstecktes großes Vorrecht, welches den Patriarchen das Herz des großen Vaters in seiner großen Liebestat enthüllte und zugleich den willigen Gehorsam des großen Sohnes darstellte, welcher sich freudig Gott zum Brandopfer gab. Das „Evangelium“ von Morija, das nur ein anderer Name für Golgatha ist, war viel deutlicher als die Offenbarung, die an der Pforte des Paradieses oder dem Noah in der Arche oder dem Abraham bei einer früheren Gelegenheit gegeben wurde.

Ohne euch mit einer längeren Vorrede aufzuhalten, zu der wir weder Zeit noch Neigung verspüren, wollen wir zuerst eine Parallele zwischen dem Opfer Christi und dem Opfer Isaaks ziehen. Zweitens wollen wir zeigen, worin das Opfer Christi weit über dieses höchst erbauliche Vorbild hinausgeht.

Die Parallele zwischen dem Opfer Isaaks und dem Opfer Christi

Ihr kennt die Geschichte vor uns, und es ist nicht nötig, sie zu wiederholen. Wir brauchen sie nur mit unserer Betrachtung verweben.

Wie Abraham Isaak opferte und von ihm gesagt werden konnte, daß er „seinen einzigen Sohn nicht verschonte,“ so opferte der ewig selige Gott seinen Sohn Jesus Christus und schonte ihn nicht.

Hier ist eine Gleichheit in der geopferten Person. Isaak war Abrahams einziger Sohn und darin bestand die besondere Qual, ihn als Opfer zu geben. Es ist ein tiefer Sinn in dem Wort „einziger,“ wenn es auf ein Kind angewendet wird. So teuer wie das eigene Leben ist dem Herzen des Vaters sein einziges Kind. Kein Gold aus Ophir, keine funkelnden Edelsteine Indiens können damit verglichen werden. Die unter euch, die ihren Köcher voll haben, die viele Kinder haben, würden es dennoch unmöglich finden, sich von einem zu trennen, wenn sie sich entscheiden sollten. Aber wie groß würde euer Kummer erst sein, wenn ihr nur ein Kind hättet und euch davon trennen müßtet! Welche Angst würde euch befallen, wenn euch das einzige Zeichen eurer gegenseitigen Liebe, der einzige Repräsentant eures Geschlechtes entrissen werden sollte! Der Wind ist grausam, welcher den einzigen Sproß des alten Baumes abbricht. Rauh ist die Hand, welche die einzige Blüte der Rose zerstört. Vergegenwärtigt euch denn selbst die Not, die das Herz Abrahams zerriß, als Gott ihn aufforderte, seinen Sohn, seinen einzigen Sohn, zu nehmen und ihn als Brandopfer zu opfern!

Aber ich habe keine Sprache, um von dem Herzen Gottes sprechen zu können, als Er seinen eingeborenen Sohn gab. Anstatt das Unmögliche zu versuchen, muß ich mich damit zufrieden geben, die Worte der Heiligen Schrift zu wiederholen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er seinen eingeborenen Sohn gab, auf daß alle, die an Ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ Nichts als unendliche Liebe konnte den Gott der Liebe veranlassen, seinen Sohn zu zerschlagen und ihn leiden zu lassen.

Christus Jesus, der Sohn Gottes, ist in seiner göttlichen Natur eins mit Gott, gleichen Wesens mit ihm und gleich ewig wie er, sein eingeborener Sohn in einer Weise, die uns zu geheimnisvoll und unbekannt ist. Als den göttlichen Sohn gab der Vater ihn uns: „Ein Sohn ist uns gegeben … und man nennt seinen Namen … starker Gott.“

Als Mensch ist unser Herr der Sohn des Höchsten nach dem Gruß des Engels an Maria: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden.“ In seiner menschlichen Natur wurde Jesus nicht verschont, sondern er mußte leiden, bluten und für uns sterben. Gott und Mensch in einer Person, zwei Naturen, wunderbar vereinigt-so wurde er nicht verschont, sondern er wurde für alle seine Erwählten dahingegeben. Sieh diese Liebe an und staune! Betrachte und bewundere sie! Der geliebte Sohn zum Opfer gemacht! Er, der Eingeborene, wird von Gott geschlagen und ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Beachtet, daß in Abrahams Fall Isaak das Kind seines Herzens war. Ich brauche mich nicht darüber auszubreiten, denn ihr könnt euch leicht vorstellen, wie Abraham ihn liebte. Aber wer kann sich vorstellen, wie nah und wie teuer unser Erlöser dem Vater war? Denkt an jene wunderbaren Worte der menschgewordenen Weisheit: „Ich war Schoßkind bei ihm und war Tag für Tag seine Wonne, vor ihm mich ergötzend allezeit.“ Unser herrlicher Heiland war mehr der Sohn der Liebe Gottes, als Isaak der Liebling Abrahams sein konnte. Ewigkeit und Unendlichkeit gingen in die Liebe ein, die zwischen dem Vater und dem Sohn bestand. Christus in menschlicher Natur war unvergleichlich rein und heilig. In ihm wohnte die Fülle der Gottheit leibhaftig, darum war er dem Vater eine so große Wonne und diese Freude wurde für alle hörbar ausgedrückt: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Und doch verschonte er ihn nicht, sondern machte ihn zum Stellvertreter für uns Sünder, machte ihn zum Fluch für uns, als er an ein Holz gehängt wurde.

Hast du ein Lieblingskind? Hast du eins, das an deiner Brust ruht? Hast du eins, das dir lieber ist als alle andern? Wenn du dann berufen werden solltest, dich davon zu trennen, so wirst du im Stande sein, mit dem großen Vater Gemeinschaft zu haben, der seinen Sohn dahingab. Beachtet auch, daß Isaak ein äußerst liebenswürdiger und gehorsamer Sohn war. Wir haben den Beweis davon in der Tatsache, daß er bereit war, geopfert zu werden. Da er ein kräftiger junger Mann war, hätte er seinem alten Vater widerstehen können, aber er übergab sich willig. Um gebunden zu werden, ließ er sich auf den Altar legen. Wie wenige solcher Söhne gibt es! Konnte Abraham ihn aufgeben?

Es gab nie einen zweiten Sohn, der wie Christus war. Wenn ich von seiner Menschheit spreche, wer gehorchte je seinem Vater so, wie Christus seinem Gott gehorchte? „Obwohl er Gottes Sohn war, lernte er Gehorsam.“ Es war seine Speise und sein Trank, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hatte. „Wußtet ihr nicht,“ sagte er, „daß ich in dem sein muß, das meines Vaters ist?“ Und doch, diesen gehorsamen Sohn verschonte Gott nicht, sondern er zückte sein Schwert gegen ihn und übergab ihn der Angst und dem blutigen Schweiß, dem Kreuz und selbst dem Tod. Welch mächtige Liebe muß den Vater veranlaßt haben, dies zu tun. Es ist unmöglich, sie zu ermessen.

Es darf auch nicht vergessen werden, daß sich um Isaak geheimnisvolle Prophezeiungen zusammenhäuften. Isaak sollte der verheißene Same sein, durch welchen Abraham in seiner Nachkommenschaft weiterleben und allen Nationen ein Segen sein sollte. Aber welche Prophezeiungen sammelten sich um das Haupt Christi! Welche herrlichen Dinge waren schon vor seinem Erscheinen von ihm gesprochen worden! Er war der überwindende Same, der bestimmt war, den Kopf des Drachen zu zertreten. Er war der Bote des Bundes, ja der Bund selber. Er war als der Fürst des Friedens, der König der Könige und der Herr der Herren verkündigt worden. In ihm war mehr von Gott geoffenbart worden, als in allen Werken der Schöpfung und der Vorsehung. Doch diese erhabene Persönlichkeit, dieser Erbe aller Dinge, der Wunderbare, Rat, starke Gott, der Ewig-Vater, der Friedefürst mußte sein Haupt den Schlägen der heiligen Rache beugen. Als er als der Sündenbock für alle Gläubigen hingegeben wurde, mußte unser Passahlamm das Opfer für unsere Sünde sein.

Brüder, ich habe die Ufer verlassen und befinde mich heute abend weit draußen auf der See. Ich schwimme in einer großen Tiefe und finde keinen Grund und sehe keine Küste. Ich versinke in Tiefen der Bewunderung. Meine Seele möchte lieber betrachten, als versuchen, sich durch Worte des Mundes auszusprechen. In der Tat, das Thema der unaussprechlichen Gabe Gottes ist, wenn wir seine Breite und Länge erfassen wollen, mehr fürs Kämmerlein, als für die Kanzel geeignet, mehr für stille Betrachtung, als zur Predigt vor einer großen Versammlung. Gott gab uns einen, wie die Welt einen zweiten nicht aufzuweisen, wie der Himmel seinesgleichen nicht mehr hat. Er gab uns einen so unschätzbaren Schatz, daß, wenn Himmel und Erde dargeboten würden, man damit seinesgleichen nicht erkaufen könnte. Um unseretwillen wurde der Schönste unter den Menschenkindern hingegeben. Für uns wurde das Haupt von feinstem Gold in den Staub gelegt. Für uns wurden seine Wangen vom Speichel besudelt und mehr entstellt als das der Menschenkinder. Und das alles durch des Vaters Bestimmung und Anordnung, nach dem ewigen, im Buch niedergeschriebenen Ratschluß.

Die Parallele ist sehr klar in der Einleitung des Opfers. Laßt uns das in wenigen Worten zeigen. Abraham hatte drei Tage Zeit, während welcher er über den Tod seines Sohnes nachdenken konnte. Drei Tage, in denen er in das geliebte Antlitz blicken und die Stunde voraussehen konnte, da sich die eisige Blässe des Todes darauf lagern würde. Aber der ewige Vater sah und bestimmte das Opfer seines eingeborenen Sohnes nicht drei Tage oder drei Jahre oder dreitausend Jahre vorher, sondern ehe die Erde geschaffen war, war Jesus seinem Vater „das Lamm, geschlachtet vor Grundlegung der Welt“. Lange vor seiner Geburt in Bethlehem war vorausgesagt worden: „Wir gingen alle in der Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg; aber der Herr ließ ihn treffen unser aller Schuld.“ Es war ein ewiger Ratschluß, daß aus den Todeswehen des Erlösers ein Same kommen sollte, der, erkauft durch sein Blut, ihm dienen würde. Welche Beharrlichkeit uneigennütziger Liebe zeigt sich hier! Brüder, laßt mich anhalten und anbeten, denn ich kann nicht predigen. Angesichts einer solchen wunderbaren Liebe komme ich in Verlegenheit.

Ich kann dich nicht verstehen, o großer Gott. Ich weiß, daß du nicht von Leidenschaften bewegt, noch von Kummer berührt wirst, wie Menschen es werden, und darum wage ich nicht zu sagen, daß du über den Tod deines Sohnes trauertest. Aber ich weiß, daß du nicht ein unempfindlicher Gott von Stein bist. Du bist Gott, und darum können wir dich nicht begreifen, aber dennoch vergleichst du dich selbst mit einem Vater, der Mitleid über den verlorenen Sohn empfindet. Irren wir, wenn wir annehmen, daß dich dein vielgeliebter Sohn jammerte, als er den Schmerzen des Todes preisgegeben wurde? Vergib mir, wenn ich irre, indem ich dein Herz der Liebe so auffasse, aber gewiß war es ein großes Opfer, welches du brachtest, kostspielig selbst für dich! Ich will in dieser Sache nicht von dir reden, o mein Gott, denn ich kann es nicht, aber ich will deiner ehrerbietig gedenken und bewundern, daß du durch die langen Jahrhunderte hindurch so beharrlich und ohne alles Wanken entschlossen warst, dieses gewaltige Opfer zu bringen.

Und ich will die unermeßliche Freigebigkeit bestaunen, die dich deinen lieben Sohn aufgeben ließ, damit er für uns geopfert werde.

Beachtet, daß Abraham mit heiligem Vorbedacht alles für das Opfer vorbereitete. Er wurde ein Gibeoniter für Gott, indem er als Holzhauer handelte und das Holz zum Verbrennen seines Sohnes vorbereitete. Er trug das Feuer und erbaute den Altar und sorgte für alles, was zu diesem schmerzlichen Gottesdienst nötig war. Aber was soll ich von dem großen Gott sagen, welcher während der Jahrhunderte diese Welt beständig für das großartigste Ereignis in ihrer Geschichte-den Tod des menschgewordenen Gottes-vorbereitete? Die ganze Geschichte lief in diesem Punkt zusammen. Ich wage zu sagen, daß jeder Vorgang, sei er groß oder klein, der jemals Assyrien beunruhigte oder Chaldäa aufrüttelte oder Ägypten bekümmerte oder das Judentum züchtigte, die Vorbereitung der Welt auf die Geburt und auf das Opfer Christi zum Zweck hatte. Das Kreuz ist der Mittelpunkt der ganzen Geschichte. Darauf weist von den ältesten Zeiten her alles hin. Davon geht in dieser Zeit alles aus, und darauf läßt sich alles zurückführen. Wie tief ist dieser Gegenstand und doch wie wahr! Gott bereitete stets alles vor, für die Dahingabe des Vielgeliebten zum Heil der Menschenkinder!

Wir wollen uns jedoch bei der Einleitung des Opfers nicht aufhalten, sondern in demütiger Anbetung dazu übergehen, die Tat selbst anzuschauen. Als Abraham endlich am Berg Morija anlangte, gebot er seinen Knechten, am Fuß des Berges zurückzubleiben.

Nun faßt eure Gedanken zusammen und kommt mit mir nach Golgatha, dem eigentlichen Morija. Am Fuß jenes Hügels gebot Gott allen Menschen, still zu stehen. Die Zwölfe sind während seiner Lebensreise bei Christus gewesen, aber sie dürfen in seinen Todeswehen nicht bei ihm sein. Elf gehen mit ihm nach Gethsemane, aber nur drei dürfen sich ihm in seinen Leiden nähern und wenn es zum Höhepunkt kommt, verlassen ihn alle und fliehen. Er kämpft den Kampf für sich allein. „Ich trete die Kelter allein,“ sagte er, „und ist niemand unter den Völkern mit mir.“ Obgleich auf Golgatha eine große Menge versammelt ist, um den Erlöser sterben zu sehen, so ist im geistlichen Sinn Jesus dort doch mit dem rächenden Gott allein. Hinsichtlich seines wirklichen Wesens vollzieht sich der wundervolle Vorgang im Verborgenen zwischen dem Vater und dem Sohn. Abraham und Isaak waren allein. Der Vater und der Sohn waren gleichfalls allein, als seine Seele zum Opfer für die Sünde gemacht wurde.

Beachtet auch, daß Isaak das Holz trug! Ein getreues Bild von Jesus, der sein Kreuz trug. Nicht jeder Übeltäter mußte das Kreuz tragen, daß nachher ihn tragen sollte. Aber in dem Fall unseres Herrn und durch das Übermaß der Grausamkeit veranlaßten ihn gottlose Menschen, sein Kreuz zu tragen. Mit großer Genauigkeit und dem prophetischen Vorbild entsprechend, hatte Gott es so angeordnet, daß wie Isaak das Holz zum Altar hinauftrug, auch Christus sein Kreuz zur Richtstätte hinauftragen sollte.

Ein der Beachtung würdiger Punkt ist, daß uns gesagt wird: „Und sie gingen beide miteinander.“ Er, der mit dem Messer zu töten hatte und der andere, welcher das Opfer sein sollte, gingen in völliger Übereinstimmung zum Altar. Es ist für mich erquickend zu erwägen, daß Jesus Christus und sein Vater in dem Werk der erlösenden Liebe miteinander gingen. In diesem großen Werk, durch welches wir gerettet wurden, gab uns der Vater Christus, aber Christus gab sich uns gleichfalls. Der Vater zog in Gewändern der Liebe aus zu Menschen, um Sünde zu richten und der Sohn zog mit derselben Liebe in seinem Herzen aus, um das Opfer dieser Sühne zu sein.

Sie gingen zusammen und schließlich wurde Isaak von seinem Vater gebunden. So wurde Christus gebunden und er sagte: „Ihr hättet keine Macht über mich, wenn sie euch nicht von meinem Vater gegeben worden wäre.“ Christus hätte weder von Judas, noch von Pilatus, noch von Herodes gebunden werden können, wenn der ewige Vater ihn nicht wirklich gebunden und den Händen der Urteilsvollstrecker übergeben hätte. Meine Seele, stehe still und bewundere ihn. Der Vater bindet seinen Sohn, es ist Gott, dein Vater, welcher seinen Sohn bindet und ihn grausamen Menschen überliefert, damit er verhöhnt, angespieen und ans Kreuz genagelt wird, um zu sterben.

Die Parallele geht noch weiter, denn während der Vater das Opfer bindet, ist das Opfer willig, gebunden zu werden. Wie wir bereits sagten, hätte Isaak widerstehen können, aber er tat es nicht. Es zeigte sich keine Spur des Widerstrebens, kein Zeichen irgendwelchen Murrens. Genauso bei Jesus. Er ging freudig zur Schlachtbank, bereit, sich selbst für uns zu geben. Sagte er doch: „Niemand nimmt mein Leben von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Macht, es zu lassen, und habe Macht, es wiederzunehmen.“

Ihr seht, wie diese Parallele zutrifft und wenn ihr nun den irdischen Vater beachtet, wie er mit tiefem Schmerz auf seinem Angesicht dabei ist, das Messer in das Herz seines geliebten Kindes zu stoßen, habt ihr vor euch-so nahe, wie irdische Bilder himmlische Dinge wiedergeben können-den Spiegel von dem Gott-Vater, der dabei ist, den Vielgeliebten, den Gerechten für die Ungerechten dahinzugeben, damit er uns zu Gott führte. Ich halte hier ein. Was kann ich weiter sagen? Es ist, wie ich vorhin sagte, kein Thema für Worte, sondern für die Empfindungen des Herzens und für die Tränen eurer Seele.

Doch die Parallele geht noch ein wenig weiter, nachdem sie einen Augenblick aufgehoben worden war. Isaak wurde wieder zurückgegeben.

Er war gebunden und auf den Altar gelegt worden, das Messer war gezückt, und im Geist war er dem Tode geweiht worden, aber er wurde errettet. Lassen wir diese Lücke, in welcher Christus nicht völlig von Isaak, sondern von dem Widder vorgebildet wurde; doch Christus wurde auch errettet. Er kam wieder, der lebendige und triumphierende Sohn, nachdem er gestorben war. Isaak wurde von seinem Vater drei Tage lang für tot angesehen. Am dritten Tag freute sich sein Vater, mit seinem Sohn vom Berg herabsteigen zu können. O, welche Freude auf der Spitze des Berges! Die Freude der beiden, als sie, aus der großen Prüfung errettet, zu den wartenden Knechten zurückkehrten. Aber ich kann euch nicht sagen, welche Freude in dem Herzen Jesu und des großen Vaters war, als das erstaunliche Opfer vollendet und Jesus von den Toten auferstanden war. Brüder, wir werden es eines Tages wissen, denn wir werden eingehen zur Freude unseres Herrn.

Es ist etwas Kühnes, von Gott zu sprechen, wie Er von Freude bewegt und von Kummer berührt wird. Aber da er kein Gott von Holz und Stein, kein gefühlloser Block ist, können wir dennoch, indem wir nach menschlicher Weise reden, erklären, daß Gott sich mit unaussprechlicher Freude über seinen auferstandenen Sohn freute, während sich der Sohn darüber freute, daß sein großes Werk vollendet war. Indem wir an die Stelle in den Propheten denken, wo Gott von seinen Heiligen spricht und erklärt, daß er sich mit Jubel über sie freuen wird-sage ich zu viel, wenn ich bemerke, daß dies vielmehr der Fall ist bei seinem Sohn?

Was folgte auf die Errettung Isaaks? An diesem Altar erklärte der Engel den Eid, in welchem Gott bei sich selbst schwur. Brüder, der einst getötete, nun aber auferstandene Heiland hat den Gnadenbund bestätigt, welcher nun ewig auf den beiden unbeweglichen Dingen feststeht, in welchen es unmöglich ist, daß Gott lügt.

Isaak war an jenem Tag auch das Mittel, um Abraham die große Fürsorge Gottes zu zeigen. Jener Name, Jahwe-Jireh, war der Welt neu; er wurde den Menschen an jenem Tage vom Berge Morija aus gegeben. In dem Tod Christi sehen Menschen, was sie nie woanders sehen konnten und in seiner Auferstehung sehen sie die tiefsten Geheimnisse gelöst. Gott hatte Fürsorge getroffen für das, was dem Menschen fehlte. Die schwierige Frage War:wie kann Sündern vergeben werden? Wie kann das Übel der Sünde beseitigt werden? Wie können Sünder Heilige werden und die, welche nur tauglich sind, in der Hölle zu brennen, dahin gebracht werden, im Himmel zu singen? Die Antwort ist dort, wo Gott seinen eingeborenen Sohn hingab, damit er an Stelle der Sünder blutet und stirbt und dann seinen Eingeborenen auffordert, von dem Grabe in seine Herrlichkeit zurückzukehren. „Jahwe-Jireh“ muß in dem Licht gelesen werden, welches vom Kreuz ausströmt. „Der Herr wird es versehen“ ist auf Golgatha, wie nirgends woanders im Himmel oder auf Erden zu sehen.

So habe ich versucht, die Parallele zu zeigen, aber ich bin mir meines Mangels an Kraft schmerzlich bewußt. Es ist mir, als ob ich euch nur Umrisse geben konnte, wie sie ein Schulknabe mit Kreide oder Kohle zeichnet. Ihr müßt sie ausfüllen. Es ist reichlich Raum dazu vorhanden: Abraham und Isaak-der Vater und Christus. Je nach dem Maß der Zärtlichkeit und Liebe, mit welchem ihr in das menschliche Wunder eingehen könnt, werdet ihr, so denke ich, durch den liebevollen Unterricht des Heiligen Geistes eingehen können in das erhabene Wunder des göttlichen Opfers für Menschen.

Das Vorbild des Isaak ist nicht ausreichend

Es ist mangelhaft, weil Isaak nach dem Lauf der Natur doch gestorben wäre. Wenn er von seinem Vater wirklich geopfert worden wäre, so hätte ihn der Tod nur ein wenig früher ereilt, als sonst. Aber Jesus ist der einzige, „der Unsterblichkeit hat,“ und der es nie nötig hatte, zu sterben. Weder als Gott noch als Mensch hatte er etwas an sich, das ihn den Banden des Todes hätte unterwerfen können. Ihm war der Hades ein Ort den er nie betreten brauchte, und das Grab war ihm fest verschlossen und verriegelt, denn in seinem heiligen Leib war kein Saatkorn der Verwesung. Da er keine Spur von Erbsünde hatte, so war keine Notwendigkeit dafür vorhanden, daß sich sein Leib dem tödlichen Schlage aussetzte. Und wenn er auch starb, so sah sein Leib doch die Verwesung nicht, Gott hatte ihn davor geschützt. So mußte Isaak sterben, aber Jesus brauchte es nicht. Sein Tod war freiwillig und steht darin für sich allein da, weil er zu den Todesfällen anderer Menschen nicht zu zählen war.

Ferner, für Abraham bestand ein gewisser Zwang, Isaak zu geben. Ich gestehe die Willigkeit der Gabe zu, aber dennoch machte es das höchste Gesetz, dem seine geistliche Natur unterworfen war, dem gläubigen Abraham zu einer Pflicht, zu tun, wie Gott geboten hatte. Aber der Allerhöchste unterlag keinem Zwang. Wenn er seinen Sohn dahingab, mußte es aus größter Freiwilligkeit geschehen. Wer hatte es verdient, daß Christus für ihn sterben würde? Wenn wir die Vollkommenheit selber und den sündlosen Engeln gleich gewesen wären, hätten wir eine solche Gabe wie diese doch nie verdienen können. Aber, meine Brüder und Schwestern, wir voll Bosheit, wir haßten Gott, wir fuhren fort, gegen ihn zu sündigen, und trotzdem brachte er aus reiner Liebe dieses Wunder der Gnade zustande: Er gab seinen Sohn, um für uns zu sterben. Welche eine Liebe-ein Brunnen, der unerbeten und unverdient aus der Tiefe der göttlichen Natur hervorquillt. Was soll ich davon sagen? O Gott, sei ewig hochgelobt! Selbst die Gesänge des Himmels können die Verpflichtungen unseres schuldigen Geschlechts gegen Deine freie Liebe in der Gabe Deines Sohnes nicht ausdrücken!

Beachtet weiter, daß Isaak nicht starb, aber Jesus starb wirklich. Die Bilder trafen so nahe zusammen, wie es nur geschehen konnte, denn der Widder wurde in der Hecke gefangen, und das Tier wurde anstelle des Menschen geschlachtet. In dem Fall unseres Herrn war er für uns der Stellvertreter, aber für ihn gab es keinen Stellvertreter. Er nahm unsere Sünden und trug sie an seinem Leib an dem Holz. Er war persönlich der Dulder. Nicht durch Stellvertretung erlöste er, sondern er litt selber für uns. In seiner eigenen Person gab er sein Leben für uns dahin.

Und hier kommt noch ein anderer Unterschied. Isaak, wenn er gestorben wäre, hätte doch nicht für uns sterben können. Er hätte für uns sterben können als ein Beispiel dafür, wie wir auf unser Leben verzichten sollten, aber das wäre nur ein kleines Geschenk gewesen. Aber, Geliebte, der Tod Christi steht ganz einzigartig da, weil es ein Tod nur für andere war und einzig und allein aus uneigennütziger Liebe zu den Gefallenen erduldet wurde. Da ist nicht ein Schmerz, der das Herz unseres Heilands zerriß, den Er hätte empfinden müssen, wenn die Liebe zu uns es nicht gefordert hätte. Nicht ein Blutstropfen, der von seinem dornengekrönten Haupt oder aus jenen durchgrabenen Händen rieselte, hätte vergossen werden brauchen, wenn es nicht aus Liebe zu solchen nichtswürdigen Menschen geschehen wäre, wie wir es sind. Und seht, was er für uns getan hat. Er hat unsere Vergebung bewirkt. Er hat uns unsere Kindschaft erworben, wir sind Kinder Gottes in Christus Jesus. Er hat die Pforten der Hölle für uns verschlossen, wir können nicht umkommen, und niemand kann uns aus seiner Hand reißen. Er hat uns die Tore des Himmels geöffnet; wir werden dort sein, wo Er ist. Selbst unsre Leiber werden die Kraft seines Todes empfinden, denn sie werden bei dem Schall der Posaune auferstehen. Er wurde „für uns alle dahingegeben“. Er erduldete alles für sein Volk, für alle, welche ihm vertrauen, für jedes Kind Adams, das sich auf ihn verläßt, für jedes Menschenkind, das sich in bezug auf die Seligkeit allein auf ihn verlassen will. Ist er für dich dahingegeben worden, lieber Zuhörer? Hast du Teil an seinem Tode? Wenn ja, habe ich es dann noch nötig, auf dich einzuwirken, daß du zu deinem Erlöser und zu dem Vater aufblickst und in demütiger Anbetung die Liebe bewunderst, die ich dir nicht beschreiben konnte und die du nicht ermessen kannst? Es ist mir, als hätte ich mich im ganzen Leben nie mehr meiner Worte geschämt und als wäre ich nie mehr bereit dazu gewesen, mein Predigen aufzugeben, denn die Gedanken an Gottes Liebe sind für die Schultern meiner Worte zu schwer, sie erdrücken sie. Selbst das Denken kann diese erstaunliche Last nicht tragen. Hier ist eine Tiefe, eine große Tiefe, und unser Schiff weiß nicht, wie es auf derselben segeln soll. Hier ruft eine Tiefe der andern zu, und unser Geist wird von den ungeheuren Wogen und Wellen der Liebe, die uns umgeben, verschlungen. Aber was die Vernunft nicht erfassen kann, das kann der Glaube ergreifen, und was unser Verstand nicht begreifen kann, das können unsere Herzen lieben, und was wir andern nicht erzählen können, das können wir uns in der Stille unseres Geistes selber zuflüstern, bis unsere Seelen sich in tiefster Ehrerbietung vor dem Gott beugen, dessen Name Liebe ist.

Indem ich schließe, fühle ich mich gedrängt zu sagen, daß einige hier sein mögen, denen dies nur eine langweilige Geschichte oder eine Fabel ist. Ach, mein Herz bricht, wenn ich an euch denke, die ihr fortfahrt, gegen euren Schöpfer zu sündigen und von Tag zu Tag ihn zu vergessen, wie die meisten von euch es tun. Euer Schöpfer gibt seinen eigenen Sohn dahin, um seine Feinde zu erlösen, und Er kommt heute zu euch, damit ihr gerettet werdet, wenn ihr eure Sünden bereut und euch den Händen seines lieben Sohnes, der für Sünder gestorben ist, anvertrauen wollt. Aber leider, ihr wollt das nicht. So böse ist dein Herz, daß du dich wider deinen Gott und gegen seine Barmherzigkeit wendest. O, sagst du, ich will mich nicht länger gegen ihn kehren? Bist du erreicht worden? Wünschst du, mit dem Gott versöhnt zu werden, den du beleidigt hast? Du kannst versöhnt werden, du kannst es heute abend sein, wenn du dich jetzt nur Gott und Christus, deinem Heiland, übergeben willst. Wer an ihn glaubt, wird nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. „Wer da glaubt und getauft wird, der soll gerettet werden, wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.“

Gott gebe, daß ihr nie erfahren müßt, was diese Verdammnis ist, sondern möge seine Gnade euer Teil sein! Amen.

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