Spurgeon, Charles Haddon - Dreifache Heiligung

  • „Geheiligt in Gott dem Vater.“

Judas 1.

  • „Den Geheiligten in Christus Jesus.“

1 Kor 1, 2.

  • „Durch die Heiligung des Geistes.“

1 Petrus 1, 2.

Achtet, Geliebte, auf die Einheit der drei göttlichen Personen in allen ihren Gnadenwerken. Wir glauben an einen Gott, und auch wenn wir uns der Erkenntnis der Dreifaltigkeit freuen, so ist's doch eine Dreifaltigkeit in der Einheit, eine Dreieinheit. Unser Losungswort ist und bleibt: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist ein einiger Herr“ (5 Mose 6, 4). Wie vorwitzig reden doch solche Neubekehrte, die der einen oder andern Person der Dreieinigkeit den Vorzug geben; weil sie meinen, Christus sei die Verkörperung alles dessen, was lieblich und gütig sei, während sie sich den Vater als streng gerecht, aber ohne alle Güte vorstellen; und wie töricht sind doch diejenigen, die den Ratschluß Gottes oder das Versöhnungswerk des Sohnes erheben und damit das Werk des Heiligen Geistes herabsetzen. In ihren Gnadenbezeugungen handelt keine einzige der drei Personen ohne Mitwirkung der übrigen. Sie sind ebenso sehr eins in ihren Werken, wie in ihrem Wesen. In ihrer Liebe gegen die Erwählten sind sie eins, und in den Taten, die aus dieser großen Hauptquelle fließen, handeln sie ungeteilt. Ich möchte euch dies bei der Heiligung nachweisen. Obwohl wir ganz bestimmt die Heiligung als ein Werk des Heiligen Geistes bezeichnen, so müssen wir uns doch in acht nehmen, daß wir nicht so davon reden, als ob Vater und Sohn gar keinen Anteil daran hätten. Es ist richtig, wenn man von der Heiligung als von einem Werk des Vaters, des Heiligen Geistes und des Sohnes spricht. Jehovah spricht ja: „Lasset uns Menschen machen in unserm Bilde nach unserm Gleichnis“ (1 Mose 1, 26), und so sind wir „sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken, für welche Gott alles zuvor bereitet hat, daß wir darin wandeln mögen“ (Eph. 2, 10).

Liebe Brüder, ich ermahne euch, zu beachten und sorgfältig zu erwägen, welchen großen Wert Gott auf wahrhafte Heiligung setzt, weil die drei Personen nach der Schrift zusammenwirken zur Schaffung einer Gemeinde, die da sei „ohne Flecken oder Runzel oder des etwas“ (Eph. 5, 27). Menschen, die die Heiligung des Herzens verachten, setzen sich in offenen Widerspruch mit Gott. Heiligkeit ist der Bauplan, nach dem Gott seinen lebendigen Tempel baut. Wir lesen in der Bibel vom „heiligen Schmuck“ (Ps. 110, 3); nichts ist herrlich vor Gott, als was heilig ist. Alle Herrlichkeit Luzifers, des Lichtgeborenen, konnte ihn nicht vor dem göttlichen Abscheu schützen, da er sich durch die Sünde geschändet hatte. „Heilig, heilig, heilig,“ das die Cherubim ohne Aufhören rufen, ist der erhabenste Lobgesang, den Geschöpfe darbringen können, der herrlichste, den die Gottheit empfangen kann. Darum sieh: Er achtet Heiligkeit als seinen Lieblingsschmuck. Sie ist wie das Siegel auf seinem Herzen und wie der Siegelring an seiner rechten Hand. Eher könnte Er aufhören zu leben, als heilig zu sein, eher die Herrschaft über die Welt aufgeben, als irgend etwas in seiner Gegenwart zu dulden, was nicht rein, nicht gerecht, nicht heilig wäre. Ich beschwöre euch, die ihr euch als Nachfolger Christi bekennt, legt einen hohen Wert auf ein reines Leben und gottselige Rede. Achtet das Blut Jesu Christi als den Grund eurer Hoffnung teuer, aber sprecht nie geringschätzig von dem Werke des Heiligen Geistes, welches euch tüchtig macht zum Erbteil der Heiligen im Licht; ja, vielmehr rühmt es; preist es so von ganzem Herzen, daß ihr sogar den Schein des Bösen fürchtet. Schätzt es so hoch, daß ihr in euren gewöhnlichsten Handlungen dasteht als „das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, daß ihr verkündigen sollt die Tugenden dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte“ (1 Petrus 2, 9).

I.

Der Gegenstand, von dem wir heute zu reden haben, ist von so tiefer und umfassender Bedeutung, daß wir uns diesmal darauf beschränken, das Wort nach seiner Schriftbedeutung genauer kennenzulernen Ich denke, es wird von Nutzen sein, dem Verständnis der Gläubigen zu Hilfe zu kommen, wenn wir nun zeigen, wie das Wort „Heiligung“ im Worte Gottes eine viel umfassendere Bedeutung hat, als es die theologische Wissenschaft gewöhnlich versteht. Es ist bemerkt worden, wie das Wort Gottes, gleich allen Werken Gottes, nicht nach einer strengen Einteilung geordnet ist. Wie verschieden ist doch die Freiheit der Natur von der genau geordneten Aufstellung einer naturwissenschaftlichen Sammlung! Wenn man ein naturhistorisches Museum besucht, so sieht man dort die Tiere nach ihren Ordnungen und Arten in besonderen Kästen aufgestellt. Geht aber hin in Gottes freie Welt; da findet ihr, wie Hunde und Schafe, Pferde und Kühe, Löwen und Geier, Elefanten und Auerochsen umherschweifen, als ob es nie einem Naturforscher eingefallen wäre, sie nach Klassen zu ordnen. Die verschiedenen Felsgesteine folgen nicht in der Ordnung aufeinander, wie sie der Geologe in seinen Büchern aufzählt, noch stehen die Sterne am Himmel nach den verschiedenen Stufen ihrer Größe beieinander. Die Regel in der Natur ist Mannigfaltigkeit. Die Wissenschaft ordnet und bestimmt nur, um dem Gedächtnis zur Hilfe zu kommen. So finden die Gottesgelehrten, wenn sie es mit der Heiligen Schrift zu tun haben, die Wahrheiten nicht in einer solchen Ordnung zusammengestellt, wie es für die Schule, sondern wie es für das Leben paßt. Die Bibel ist kein theologisches System, sondern ein Handbuch für den Himmel; sie ist ein Führer für das ewige Leben, ebenso geeignet für den Bauer am Pflug wie für das Kind in der Schule. Sie ist ein ABC-Buch für kleine Kinder wie ein Buch tiefster Weisheit für Gelehrte. Sie ist das Buch des niederen, ungebildeten Volkes, und obgleich es Tiefen enthält, in denen ein Elefant schwimmen kann, so sind doch auch wieder Stellen darin, wo ein Lamm sicher zu gehen vermag. Gott sei gelobt, daß Er uns nicht ein Lehrbuch der Gottesgelehrtheit gegeben hat, in dem wir uns verlieren könnten, sondern daß Er uns sein eignes Wort gegeben hat in der zweckmäßigsten Gestalt zu unserer täglichen Nahrung und Erbauung. Es ist eine anerkannte Wahrheit, daß das Alte Testament uns sehr oft zum Verständnis des Neuen leitet, während auch umgekehrt wieder das Neue dem Alten zur Erläuterung dient. Bei Gottes Wort ist diese Erklärung durch die Schrift selbst die allerbeste. „Diamant schneidet Diamant“ ist eine Goldschmiedsregel; so muß es auch beim Betrachten des Wortes Gottes heißen. Wer Gottes Wort am besten verstehen will, muß es in seinem Lichte betrachten.

Nun finden wir im Alten Testament das Wort „heiligen“ wirklich sehr oft, und es wird dort in einem dreifachen Sinne gebraucht. Lenken wir unsre Aufmerksamkeit zuerst auf den ersten. Das Wort „heiligen“ hat im Alten Testament oft die Bedeutung `aussondern'. Er will damit bezeichnen, daß etwas, was sonst zu jedem gewöhnlichen Gebrauch mit vollem Rechte hätte verwendet werden dürfen, zum ausschließlichen Gebrauch beim Gottesdienst bestimmt wurde. Dann wurde es „geheiligt“ oder „heilig“ genannt. Nehmt z. B. die Stelle im dreizehnten Kapitel im zweiten Buch Mose, im zweiten Vers: „Heilige mir alle Erstgeburt.“ Um der Ausrottung der Erstgeburt Ägyptens willen verlangte Gott die Erstgeburt unter den Menschen und unter dem Vieh zu seinem Eigentum. Der Stamm Levi wurde ausgesondert zur Stellvertretung der Erstgeburt, um vor dem Herrn zu stehen und Ihm Tag und Nacht in seinem Heiligtum und in seinem Tempel zu dienen, weshalb alle, die so zu Priestern und Leviten ausgesondert waren, „geheiligt“ genannt wurden. Schon früher wird dieser Ausdruck in diesem Sinne gebraucht im ersten Buche Mose, im zweiten Kapitel im dritten Vers, wo es heißt: „Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn, darum, daß Er an demselben geruht hatte von allen seinen Werken, die Gott schuf und machte.“ Er wäre sonst ein gewöhnlicher Tag gewesen, aber Gott sonderte ihn aus zu seinem Dienst, damit der Mensch am siebenten Tage kein Werk für sich selbst tue, sondern ruhe und seinem Schöpfer diene. So lest ihr im dritten Buch Mose 27, 14: „Wenn jemand sein Haus heiligt, daß es dem Herrn heilig sei.'“ wo diese Stelle eine Vorschrift enthält für gottesfürchtige Juden, die ein Haus oder Feld dem Herrn weihen wollten in der Absicht, daß der Ertrag des Feldes oder die Benutzung des Hauses ganz den Priestern des Herrn oder den Leviten überlassen bleiben sollte oder in irgendeiner anderen Weise einem heiligen Zweck dienen sollte. Dort geschah mit dem Hause weiter nichts; es wurden dabei keine besonderen Vorschriften beobachtet; wir lesen nicht, daß es gereinigt oder gewaschen oder mit Blut besprengt wurde; sondern die einfache Tatsache, daß es für Gott ausgesondert war, wurde schon als Heiligung betrachtet. In den hauptsächlichsten Stellen des zweiten Buch Mose, im 29. Kapitel, Vers 44, lesen wir, daß Gott sprach: „Ich will die Hütte des Stifts mit dem Altar heiligen,“ womit deutlich genug gesagt ist, daß Er sie zu seinem Hause auserwählte, zu seiner besonderen Stätte, wo zwischen den Flügeln der Cherubim der helle Schein seiner gnädigen Gegenwart leuchten sollte zum herrlichen Zeugnis, daß Gott der Herr unter seinem Volke wohne. Ganz dahin gehört das Folgende: die Heiligung des Altars, der Geräte und Gefäße, im 4. Buch Mose 7, 1; die Aussonderung Eleasars, des Sohnes Abi-Nadabs, damit er die Lade des Herrn zu Kiriath-Jearim hütete, 1 Sam. 7, 1; und die Bestimmung der Freistädte, Jos. 20. 7. Es geht aus dem Alten Testament deutlich hervor, daß das Wort „heiligen“ manchmal einfach den Sinn hat, daß etwas zu heiligem Gebrauch ausgesondert wird. Dies erklärt ein Wort im Ev. Joh. 10, 36: „Sprecht ihr denn zu Dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat: Du lästerst Gott; darum, daß ich sage, ich bin Gottes Sohn?“ Hier redet der Herr Jesus von sich als „geheiligt vom Vater.“ Nun ist Er aber nie von Sünden gereinigt worden, denn Er hatte keine Sünde. Unbefleckt empfangen, herrlich bewahrt von aller Sünde und Befleckung des Bösen, bedurfte es keines Heiligungswerkes des Heiligen Geistes in Ihm, um Ihn von Schmutz und Verderben zu reinigen. Hier kann nichts anderes gemeint sein, als daß Er ausgesondert wurde. So auch in der wichtigen und wohlbekannten Stelle Joh. 17, 19: „Ich heilige mich selbst für sie, auf daß auch sie geheiligt seien in der Wahrheit;“ womit Er wiederum sagen wollte, daß Er sich Gott zu besonderem Dienste ergebe, um sich nur mit dem zu beschäftigen, was seines Vaters sei. Er konnte sagen: „Meine Speise ist die, daß ich tue den Willen Des, der mich gesandt hat, und vollende sein Werk“ (Joh. 4, 34). Liebe Brüder, ihr versteht nun das Wort im Judasbrief: „Geheiligt in Gott dem Vater.“ Gewiß will das sagen, daß Gott der Vater sein Volk ausgesondert oder geheiligt hat. Nicht, daß Gott der Vater sich tätig wirksam erweise im Herzen des Gläubigen, obwohl Paulus uns lehrt, daß Gott es ist, der in uns das Wollen und das Vollbringen wirkt - was unmittelbar und nach der Wirkung vom Heiligen Geist ausgeht - sondern Er hat in seinem Ratschluß der Erwählung sich ein Volk ausgesondert, das Ihm geheiligt bleiben sollte von Ewigkeit zu Ewigkeit. Durch die Hingabe seines Sohnes für sie hat Er sie aus den Menschen erlöst, damit sie heilig seien; und indem Er unaufhörlich seinen Heiligen Geist über sie ausgießt, erfüllt Er seine Verheißung, daß sie ein ausgesondertes Volk sein sollen, geheiligt vor dem übrigen Menschengeschlecht.

In diesem Sinne ist jeder Christ schon geheiligt. Wir können sagen, die Gläubigen sind solche, die Gott der Vater geheiligt hat, das heißt, sie sind ausgesondert. Sie waren schon vor ihrer Erschaffung ausgesondert, sie wurden in aller Form ausgesondert dadurch, daß Christus sie erkauft hat, sie sind offenbar und sichtbar ausgesondert durch die wirkliche Berufung des Geistes der Gnade. Sie sind, sage ich, in diesem Sinne ewig geheiligt, und wenn wir von dem Werk Gottes des Vaters reden, so sind sie vollkommen geheiligt in dem Herrn. Ist diese Lehre nicht verständlich für jedermann? Sehen wir einen Augenblick ab von der Lehre, und betrachten wir die Sache nach ihrer Wirkung auf unser Leben. Teure Brüder und Schwestern, haben wir je diese Wahrheit erkannt, wie wir sollten? Wenn ein Gefäß, Kelch, Altar oder Werkzeug ausgesondert wurde für den Gottesdienst, so wurde es nie wieder zu einem gewöhnlichen Gebrauch verwendet. Niemand außer dem Priester durfte aus dem goldenen Kelch trinken, der Altar durfte nicht entweiht werden; das eherne Meer war nicht zur gewöhnlichen Reinigung bestimmt; sogar die Zangen auf dem Altar, und die Schnäuzen zu den Lampen durften nie zu irgend einem gemeinen Zweck mißbraucht werden. Welch eine wichtige und ernste Tatsache ist dies! Wenn wir geheiligt sind in Gott dem Vater, so sollten wir uns nie zu irgendeinem andern als für göttliche Zwecke gebrauchen lassen. „Wie“' sprecht ihr, „nicht einmal für uns selber?“ Liebe Brüder, nicht einmal für uns selber. Ihr seid nicht euer selbst; ihr seid teuer erkauft. „Müssen wir aber nicht arbeiten, um unser tägliches Brot zu erwerben?“ Freilich müßt ihr das, aber nicht, als wenn es eure eigene Sache wäre. „Seid nicht träge, wo es Fleiß gilt. Seid brünstig im Geist. Dient dem Herrn.“ (Röm. 12, 11). Bedenkt, da ihr Knechte seid, so seid gehorsam „nicht mit Dienst allein vor Augen, um den Menschen zu gefallen, sondern als die Knechte Christi“ (Eph. 6, 6).

Wenn jemand sagen sollte: „Ich kann in meinem Beruf Gott nicht dienen,“ so lasse er ihn, er hat kein Recht, ihn zu treiben; aber ich denke, es gibt keinen menschlichen Beruf, wenigstens keinen gesetzlichen, in welchem wir nicht sagen könnten: „Ich esse oder ich trinke, oder was ich tue, so tue ich alles zu Gottes Ehre“ (1 Kor. 10, 31). Der Christ ist so wenig ein gemeiner Mensch, als der Altar ein gemeiner Ort ist. Es ist ein eben so großer Frevel, wenn ein Mensch nur für sich selber lebt, als wenn er der Welt lebt, es ist, wie wenn wir das Allerheiligste entweihen und das heilige Feuer in unsren Küchen brauchten, den Weihrauch als gewöhnliche Räucherung benutzten oder den heiligen Leuchter für unsere Zimmer in Anspruch nähmen. Diese Gegenstände gehörten Gott, niemand durfte es wagen, sie für sich zu benutzen; und genauso sind wir Gottes Eigentum und dürfen uns nur für Ihn hingeben. O, liebe Christen, daß ihr doch das erkennt! Ihr seid Christi Leute, Gottesleute, Knechte Gottes durch Jesus Christus. Ihr dürft nicht eure eigene Arbeit tun, ihr dürft. nicht nur für euch selbst leben. Ihr solltet immer sprechen: „Es sei ferne von mir, mich zu rühmen, denn allein des Kreuzes unsres Herrn Jesus Christus“ (Gal. 6, 14); in eurem Lebensstil sei euer Losungswort: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn“ (Phil. 1, 21). Ich fürchte, daß von zehn Christen neun dies noch nie erkannt haben. Sie meinen, wenn sie einen Teil ihres Gewinnes oder Vermögens hingeben, so genügt das, oder es genug, wenn sie von ihrer Zeit etwas opfern. Der Herr Jesus hat euch nicht bloß stückweise erkauft, ihr Männer, ihr lieben Brüder, der Herr Jesus hat nicht bloß ein Stück von euch erkauft! Er hat euch ganz erkauft, Leib, Seele und Geist, und Er will euch ganz haben, den ganzen Menschen. Ach, wenn ihr zum Teil durch Ihn, und zum Teil durch euch selber wollt selig werden, dann lebt nur für euch selber; wenn euch Gott aber völlig ausgesondert hat zu Gefäßen der Gnade für seinen Dienst, so beraubt den Herrn nicht; greift jene heiligen Geschäfte, die wie die goldenen Kelche dem Herrn geheiligt sind, nicht wie gemeine Becher an.

Es ergibt sich uns hierbei noch eine andere wichtige Anwendung. Es war ein Frevel, wegen dem Babylon zerstört wurde, als Belsazar im Taumel der Trunkenheit rief: „Bringt herauf die goldenen und silbernen Gefäße des Herrn, die köstliche Beute aus dem Tempel zu Jerusalem.“ Und sie brachten herzu die goldenen Gefäße, aber auch den goldenen Leuchter, und hoch aufflammend stand er mitten in der Marmorhalle. Der König, umgeben von seinen Gewaltigen, seinen Weibern und Geliebten, füllte die Schale mit dem berauschenden Trank und ließ die Becher Jehovahs in die Runde gehen, und die Heiden, die Götzendiener, tranken sich übermütig den Untergang Gottes, des Herrn Himmels und der Erde, zu. In diesem Augenblick, als das heilige Gefäß die gotteslästerliche Lippe berührte, gingen unerklärbar geheimnisvoll hervor Finger, als einer Menschenhand, die dem Leuchter gegenüber dieses Urteil schrieben: „Du bist in der Waage gewogen und zu leicht erfunden“ (Dan. 5, 27). Dies war der Frevel, der das Maß seiner Sünden voll machte. Jetzt war das Epha seiner Gottlosigkeit bis zum Rande gefüllt. Er hatte zu lasterhaften Zwecken Gefäße genommen, die Jehovah, dem Herrn der Welt, gehörten. O, hütet euch, hütet euch, die ihr sagt, daß ihr geheiligt seid durch das Blut des Testaments, daß ihr es nicht unheilig achtet. Seht zu, daß nicht eure Leiber, von denen ihr rühmt, sie seien zum Dienste Gottes geheiligt, zu Sklaven der Sünde werden und ihr eure Glieder nicht benutzt zum Dienst der Ungerechtigkeit, damit ihr nicht einst die Stimme des Engels der Offenbarung vernehmen müßt, der da ruft: „Du bist in der Waage gewogen und zu leicht erfunden.“ Seid rein, die ihr des Herrn Gefäße tragt; und ihr, Geliebte, die ihr hofft, Christus anzugehören, und heute in glaubensvoller Demut an Ihm hängt, seht zu, daß ihr vorsichtig wandelt, auf daß ihr euch nicht verunreinigt im Dienst der Sünde, und daß das, was im ewigen Bund der Gnade ausgesondert worden war, Gott allein angehöre. Wenn wir zur Sünde versucht werden, so müssen wir entgegnen: „Nein, mag's ein anderer tun, ich tue es nicht; ich bin Gottes Knecht, ich bin Ihm ausgesondert: wie sollte ich ein solch großes Übel tun, und wider Gott sündigen?“ (1 Mose 39, 9). Die Weihe sei euch zur Stärkung in der Heiligung. Denkt an die hohe Berufung, zu welcher Gott euch berufen hat: Jehovahs Gefäße zu sein, ausgesondert zu des Meisters Dienst. Ferne sei, ja, ferne sei alles, was euch verunreinigen könnte! Als Antiochus Epiphanes ein Schwein opferte auf dem Altar des Herrn im Tempel zu Jerusalem, da konnte man ihm sein schreckliches Ende wohl voraussagen. Ach! wie viele gibt's, die ein hohes Zeugnis ablegen, und dennoch unreines Fleisch dargebracht haben auf dem Altar des Herrn; sie haben ihre Gottesfurcht zu einem Jagdpferd auf eigenen Nutzen gemacht; sie haben sich mit dem Glauben vermählt, um damit Achtung und Beifall bei den Menschen zu gewinnen! Was sagt der Herr von solchen? „Die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr“ (Hebr. 10, 30). Ihr Bauch war ihr Gott, sie freuten sich über ihre Schmach, sie meinten, was irdisch ist, welcher Verdammnis ist ganz recht. Sie sind. Schandflecken eurer Feste; Irrsterne, welchen die ewige Nacht der Finsternis bestimmt ist. Aber ihr, Geliebte, laßt euch nicht verführen vom Irrtum der Boshaften, sondern bewahrt euch unbefleckt von der Welt.

II.

Im Alten Testament wird das Wort „geheiligt“ zuweilen in einem anderen Sinne gebraucht, auf welchen leider viel zu wenig hingewiesen wird, der aber zur Vollständigkeit des Gegenstandes unerläßlich ist. Das Wort „heiligen“ wird nicht nur gebraucht, um zu bezeichnen, daß etwas zu einem heiligen Gebrauch ausgesondert ist, sondern daß es als etwas Heiliges betrachtet, behandelt und erklärt werden soll. Hier ein Beispiel. Es ist eine Stelle im Propheten Jesajas (8, 13), die hierher gehört, wo es heißt: „Heiligt den Herrn Zebaoth.“ Ihr begreift auf der Stelle, daß der Herr nicht nötig hat, ausgesondert zu werden zu heiligem Gebrauch, und auch, daß der Herr Zebaoth keiner Reinigung bedarf, denn Er ist die Heiligkeit selbst. Es bedeutet vielmehr: Betet an und ehrt den Herrn, naht mit Furcht und Zittern zu seinem Throne, betrachtet Ihn als den Heiligen in Israel. Ich will euch aber noch andere Beispiele vorführen. Als Nadab und Abihu, wie uns im 10. Kapitel des 3. Buches Mose erzählt wird, opferten und fremdes Feuer auf dem Altar des Herrn benutzten, da ging Feuer aus von dem Herrn und verzehrte sie, und als Grund dafür wird angeführt: „Ich werde geheiligt werden an denen, die zu mir nahen“ (3 Mose 10, 3); womit nicht gemeint ist, daß Gott ausgesondert werden sollte; auch nicht, daß Er durch Reinigung geheiligt werden sollte, sondern daß Er angesehen und berücksichtigt werden wollte als ein höchst heiliges Wesen, gegen welches man sich ungestraft keine solche Freiheiten erlauben dürfte. Ferner im 4. Buch Mose 20, 12, bei jenem unseligen Vorfall, wo Moses seine Fassung verlor und den Felsen zweimal mit seinem Stabe schlug und sprach: „Hört, ihr Ungehorsamen, werden wir euch Wasser bringen aus diesem Felsen?“ Der Herr sprach damals, er sollte das verheißene Land sehen, aber nicht hineinkommen, „darum, daß ihr nicht an mich geglaubt habt, daß ihr. mich zu heiligen vor den Augen der Kinder Israel;“ womit Er sagen wollte, daß sie nicht so gehandelt hätten, wie es der Ehre des Namens Gottes unter dem Volke würdig gewesen wäre. Noch ein bekannteres Beispiel begegnet uns im „Gebet des Herrn“: „Unser Vater, der Du bist in den Himmeln, geheiligt werde Dein Name.“ Nun wissen wir aber, daß der Name Gottes keiner Reinigung noch Aussonderung bedarf, so daß der Sinn hier also nur der sein kann: „Gib, daß Dein Name auf der ganzen Erde verehrt und angebetet werde, und laß die Menschen ihn als etwas Heiliges und Erhabenes betrachten.“

Teure Brüder, gibt uns dies nicht einige Klarheit über unser zweites Schriftwort: „Geheiligt in Christus Jesu“? Wenn das Wort „geheiligt“ bedeuten kann, „als heilig betrachtet und behandelt,“ könnt ihr dann nicht begreifen, wie in Christus Jesus die Heiligen von Gott als heilig angesehen und behandelt werden? Seht, wir geben dies nicht als den alleinigen Sinn des Schriftworts, denn wir müssen nachweisen, daß noch eine andere Bedeutung damit verbunden sein kann. Es gab liebe Christen, welche alles Gewicht auf diese Heiligung in Christus Jesus legten und darüber das Wort des Heiligen Geistes vergaßen. Wenn sie aber nur von unsrer Heiligung in Christus Jesus reden in dem Sinne, daß sie als heilig betrachtet werden, weil sie wirklich gerechtfertigt sind, so wollen wir ihnen dies nicht bestreiten; wenn sie aber das Werk des Heiligen Geistes verleugnen, so machen sie sich eines verderblichen Irrtums schuldig. Ich höre oft, wie das Wort „Zugerechnete Heiligung“ gebraucht wird, und das ist eine sinnlose Rede. Ihr könnt nicht einmal den Ausdruck brauchen: „zugerechnete Rechtfertigung.“ Aber „zugerechnete Gerechtigkeit“ ist ganz richtig und schließt eine herrliche Lehre in sich; aber die Rechtfertigung wird nicht zugerechnet, sondern an uns vollzogen. Wir werden gerecht durch die zugerechnete Gerechtigkeit Christi, aber eine zugerechnete Heiligung ist ein ganz unverständlicher, falscher Ausdruck und völlig unbiblisch. Ich weiß wohl, daß es heißt, der Herr Jesus sei uns von Gott zur Weisheit, zur Gerechtigkeit, zur Heiligung und zur Erlösung gemacht (1 Kor. 1, 30); aber das ist keine Heiligung durch Zurechnung; auch spricht die Stelle nicht davon. Ihr könntet ja ebenso gut von einer zugerechneten Weisheit reden oder von einer zugerechneten Erlösung, wie aus der angeführten Stelle eine zugerechnete Heiligung herausbringen. Es ist eine Tatsache, daß um all dessen, was Jesus für uns tat, die Kinder Gottes, obwohl sie wegen der noch anklebenden Sünde nur teilweise geheiligt sind, um Christi willen als vollkommen heilig angesehen und behandelt werden. Aber das ist eher der Begriff der Rechtfertigung als der der Heiligung. Es muß freilich zugegeben werden, daß die Heilige Schrift manchmal das Wort „Heiligung“ so gebraucht, daß es mit Rechtfertigung gleichbedeutend ist. Aber das geht klar hieraus hervor, daß die Kinder Gottes einen freien Zugang haben zu Gott, weil sie in Christus als vollkommen heilig betrachtet werden. O, teure Brüder, denkt hieran. Ein heiliger Gott kann nichts zu schaffen haben mit unheiligen Menschen. Ein heiliger Gott - und ist nicht Jesus Christus Gott? - kann keine Gemeinschaft haben mit der Unheiligkeit, und doch seid ihr und ich unheilig. Wie nimmt uns denn Christus in seine Liebe auf? Wie kann sein Vater Umgang mit uns haben und sich über uns freuen? Weil Er uns, nicht um unseretwillen, sondern in unserm großen Bundeshaupt, dem zweiten Adam, gnädig ansieht. Er sieht auf uns:

„Nicht, wie durch Adams Fall wir sind
Mit Sünd' und Schmach bedeckt und blind;
Nein, wie wir einst dort stehen ganz.
Verklärt im schönsten Himmelsglanz.“

Er sieht das, was Christus vollbracht hat, so an, als hätten wir's getan; Er sieht auf seinen vollkommenen Gehorsam und sein sündloses Leben, als wär's unser Gehorsam und unser Leben, und darum dürfen wir mit einstimmen in die Worte:

„In seinem unbefleckten Kleid
Sind wir Ihm gleich an Heiligkeit.“

Wir dürfen getrost eingehen durch den Vorhang ins Allerheiligste, wo nichts Unheiliges hinkommen darf, wohin wir uns aber wagen dürfen, weil Gott uns als Heilige in Christus Jesus ansieht. Das ist eine große und köstliche Lehre; weil aber der Gebrauch des Ausdrucks „Heiligung“ in irgendeinem anderen als dem gebräuchlichen Sinne die Begriffe verwirren, und wie ich wirklich fürchte, etliche dazu verleiten möchte, das Werk des Heiligen Geistes gering zu achten, so halte ich es für besser, daß Christen in ihren Gesprächen von der Heiligung reden, ohne damit irgendeine bestimmte, vollendete Tatsache zu bezeichnen, wie namentlich die Rechtfertigung durch die zugerechnete Gerechtigkeit unsres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Hören wir aber einen Bruder sich so ausdrücken, so dürfen wir ihn deshalb nicht zu strenge beurteilen, als ob er wirklich vom Glauben abgeirrt wäre, denn in der Heiligen Schrift werden die Ausdrücke „Heiligung“ und „Rechtfertigung“ häufig füreinander gebraucht und die Gerechtigkeit Christi als die Frucht beider Gnadenwirkungen dargestellt.

III.

Wir kommen nun zu der gewöhnlichen Bedeutung, in welcher das Wort „Heiligung“ gebraucht wird. Es will ein tatsächliches Reinigen und Heiligen bezeichnen, nicht bloß ein Aussondern oder Heiligachten, sondern die Natur selbst wirklich und wesentlich heilig machen. Wir finden das Wort in diesem Sinne an vielen Stellen des Alten Testaments; wir finden es 2 Mose 19, 10. 11. 12. Am dritten Tag wollte Gott auf Sinai das heilige Gesetz verkündigen, und es ging das Gebot aus: „Heilige das Volk heute und morgen,“ wobei die Heiligung in gewissen äußerlichen Handlungen bestand, durch welche ihre Leiber und Kleider gereinigt und ihre Seelen in eine ehrfurchtsvolle Scheu versetzt wurden. Im 3. Kapitel Josua findet ihr, wo vom Durchgang der Kinder Israel durch den Jordan die Rede ist, eine Stelle, wo es heißt: „Heiligt euch, denn morgen wird der Herr Wunder tun unter euch“ (V. 5). Sie sollten sich vorbereiten, um Zeugen eines erhabenen Schauspiels zu sein, wobei der Jordan zurückgetrieben wurde, und der Strom vor den Füßen der Priester Gottes völlig austrocknete. In diesem Falle fand eine wirkliche Reinigung statt. Menschen wurden vorzeiten mit Blut besprengt und so von der Verunreinigung geheiligt und galten dann in Gottes Augen für rein. Und das ist der Sinn, in dem wir unsre dritte Schriftstelle zu betrachten haben: „Durch die Heiligung des Geistes,“ und dies, ich wiederhole es, ist der allgemeine Sinn, in welchem wir es beim gewöhnlichen Gespräch unter Christen verstehen.

Die Heiligung beginnt in der Wiedergeburt. Der Geist Gottes flößt dem Menschen das neue Leben ein, den Geist, der eine dritte und höhere Natur ist, so daß der gläubige Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, und sich dadurch unterscheidet und auszeichnet vor allen übrigen Menschen aus Adams Geschlecht. Dieses Werk, das mit der Wiedergeburt beginnt, wird auf doppelte Weise weitergeführt, durch Belebung und durch Abtötung, nämlich dadurch, daß das Gute im Menschen lebendig gemacht, das Böse aber dem Tode übergeben wird; eine Abtötung, durch die die Lüste des Fleisches unterjocht und niedergehalten werden; und eine Belebung, durch die das Leben, das Gott in uns gelegt hat, zu einem Wasserbrunnen wird, der ins ewige Leben quillt. Dies geschieht täglich durch das, was wir Beständigkeit nennen, durch die der Christ bewahrt und weitergeführt wird in seinem Gnadenstand und reich wird an guten Werken zum Preis und Ruhm Gottes; und es kommt zur Vollkommenheit in „Herrlichkeit“, wenn die ganz geläuterte Seele aufgenommen wird, mit den Heiligen zur Rechten der Majestät in der Höhe zu wohnen. Obwohl wir nun hier als von einem Werk des Heiligen Geistes zu sprechen pflegen, so ist's doch ebenso auch das Werk des Herrn Jesus Christus. Sehen wir uns nach Beweisstellen der Heiligen Schrift um, so muß es uns überraschen, daß, während der eine Vers es dem Heiligen Geist zuschreibt, ein anderer davon handelt als von einem Werk Jesu Christi. Ich kann wohl begreifen, daß unsre zweite Schriftstelle: „Geheiliget in Christus Jesus“ eine ebenso große Fülle von Bedeutung hat wie die dritte: „Durch die Heiligung des Geistes.“ O, schenkt mir nur eure ganze Aufmerksamkeit, denn ich fürchte, daß nur wenige unter euch, die an diesem köstlichen Werk teilhaben, sich mit ganzer Seele darum bekümmern, während andere den Gegenstand wohl zu trocken finden mögen. Ach, daß doch alle erkennen würden, wie köstlich für einen Gläubigen das läuternde Werk der Heiligung ist.

Die Heiligung ist ein Werk in uns, nicht ein Werk für uns. Es ist ein Werk in uns, und zwei Kräfte wirken es: die eine wirkt diese Heiligung durch ihre Tätigkeit, der Heilige Geist; und die andere, die Kraft, das wirksame Mittel, wodurch der Heilige Geist diese Heiligung zustande bringt, ist Jesus Christus und sein teures Blut. Um es so klar wie möglich auszudrücken, so denkt einmal, es handele sich um ein Kleid, das gewaschen werden soll. Hier ist die Person, die es waschen soll, und dort das Bad, in welchem es gewaschen werden soll; die Person ist der Heilige Geist, und das Bad ist das teure Blut Christi. Es ist streng genau, wenn man sagt, die reinigende Person sei das Heiligende; und ebenso richtig ist's von dem, was beim Bade die Reinigung bewirkt, zu sagen, es sei ebenfalls das Heiligende. Nun aber heiligt uns der Geist Gottes; Er tut es durch seine Arbeit; aber Er heiligt uns durch das Blut Jesu Christi, durch das Wasser, das mit seinem Blut aus seiner Seite floß. Um noch einmal auf das Bild zurückzukommen: hier ist ein Gewand vom Schmutz geschwärzt; ein Wäscher braucht Lauge und Seife, um es weiß zu machen; beide, der Wäscher und die Seife, sind Reiniger; so sind auch beide, der Heilige Geist und die Versöhnung Christi, Heiliger. Das wird wohl klar genug sein. Viele Belegstellen der Heiligen Schrift brauche ich nicht anzuführen; ihr wißt alle, daß es der Geist Gottes ist, der ein neues Herz und einen aufrichtigen Geist in uns schafft, nach dem Inhalt des Bundes: „Ich will euch ein neues Herz, und einen neuen Geist in euch geben. Ich will meinen Geist in euch geben, und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln, und meine Rechte halten und danach tun.“ (Hes. 36.' 26. 27). Er erneuert und verwandelt die Natur, lenkt den Willen von der Neigung zum Bösen ab, macht, daß wir nach dem streben, was gut und heilsam ist; so daß alles Gute in uns eine „Frucht des Geistes“ (Gal. 5, 22) genannt werden kann; und alle unsre Tugenden samt allen unsren Gnadengaben werden kräftig in uns durch den Geist des lebendigen Gottes gewirkt. Ich beschwöre euch, teure Brüder, vergeßt das nie. Ach, welch ein unheilvoller Tag für irgend eine christliche Gemeinde, wenn ihre Glieder anfangen, leichtfertig über das Werk des Heiligen Geistes in uns wegzugehen! Es gewährt uns hohe Freude, wenn wir das, was Christus für uns getan, loben und preisen können; aber wir dürfen das Werk des hochgelobten Geistes in uns dafür nicht herabsetzen. Wir haben allezeit dafür gehalten und halten noch dafür und lehren auch, daß das Werk des Heiligen Geistes in uns, durch welches wir dem Bilde Christi ähnlich werden, zu unserer Erlösung unerläßlich ist, wie das Werk Jesu Christi es auch ist, womit Er uns rein macht von aller Sünde.

Wie aber in der Heiligen Schrift bezeugt wird, daß der Heilige Geist der Urheber unsrer Heiligung sei, so gibt es doch ein sichtbares Werkzeug dieser Heiligung, das wir nicht unbeachtet lassen dürfen. „Heilige sie,“ sprach der Herr im hohenpriesterlichen Gebet, „in Deiner Wahrheit; Dein Wort ist die Wahrheit“ (Joh. 17, 17). Ihr Jünglinge, die ihr Bibelstunden besucht, seht euch doch um nach den Bibelstellen, welche beweisen, daß Gottes Wort das Werkzeug unsrer Heiligung ist. Solche Stellen gibt es viele. Gottes Wort ist's, welches die Seele heiligt. Der Geist Gottes bringt uns die Gebote und Vorschriften und Lehren der Wahrheit zum Bewußtsein und drängt sie uns mit Gewalt auf. Sie werden vom Ohr vernommen, und wenn sie im Herzen Wurzel gefaßt haben, so wirken sie in uns das Wollen und Vollbringen nach Gottes Wohlgefallen. Wie wichtig ist deshalb die Predigt des Wortes. Die Wahrheit ist der Heiligmacher, und wenn wir nicht auf die Wahrheit achten, so können wir auch nicht in der Heiligung wachsen; verlaßt euch darauf. Nur dann nehmen wir an gesundem Leben zu, wenn wir an gesunder Erkenntnis zunehmen. „Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege“ (Ps. 119, 105). Sagt nicht, der oder jener Irrtum sei „eine bloße Meinungsverschiedenheit.“ Was heute eine abweichende Ansicht ist, ist morgen ein Abweichen im Wandel. Niemand irrt im Urteil, der nicht früher oder später in seinem Tun irrt. Weil jedes Körnchen Wahrheit ein Diamantkörnchen ist, so haltet es für wertvoll. Haltet fest an der Wahrheit, die ihr empfangen und gelernt habt. „Halte an dem Vorbilde der gesunden Worte“ (2 Tim. 1, 13); und wenn heutzutage Glaubensartikel verlacht und Glaubensbekenntnisse verachtet werden, so haltet an dem, das ihr empfangen habt, fest, damit ihr gläubig erfunden werdet unter den Ungläubigen; denn wenn ihr euch zur Wahrheit haltet, so wird euch der Geist Gottes heiligen. Der in euch wirkt, ist also der Geist Gottes, der eure Heiligung schafft durch die Wahrheit.

Kehren wir wieder zu unsrem Bilde zurück. Noch in einem andren Sinne werden wir durch Jesus Christus geheiligt, denn es ist sein Blut samt dem Wasser, das aus seiner Seite floß, in welchem der Heilige Geist unsre Herzen abwäscht von der Verführung und dem Hang der Sünde. Es heißt von unsrem Herrn: „Christus hat die Gemeinde geliebt und hat sich selbst für sie dargegeben; auf daß Er sie heiligte, sie reinigend mit dem Wasserbad im Wort; auf daß Er Ihm selbst darstellte die Gemeinde herrlich, die nicht einen Flecken oder Runzel oder etwas solches habe“ (Eph. 5, 25-27). Erinnert euch ferner: „Darum hat auch Jesus gelitten außen vor dem Tor, damit Er das Volk durch sein eigenes Blut heiligte,“ (Hebr. 13, 12).„Denn sowohl der, welcher heiligt, als auch die, welche geheiligt werden, sind alle von einem; aus diesem Grund schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen“ (Hebr. 2, 11). Und solcher Schriftstellen gibt's hunderte. „Des Namen sollst du Jesus heißen, denn Er wird sein Volk selig machen von ihren Sünden“ (Mt. 1, 21).„Es sei aber ferne von mir, mich zu rühmen, denn allein des Kreuzes unsres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt“ (Gal. 6, 14). In jener merkwürdigen Stelle, wo Paulus, mit der Sünde ringend, ausruft: „O, ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe dieses Todes?“ (Röm. 7, 24), bezieht sich die Antwort nicht auf den Heiligen Geist; sondern er spricht: „Ich danke Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn.“ Diese und noch viele andere Stellen beweisen, daß unsre Heiligung das Werk unsres Herrn Jesu Christi ist. Er ist unser Heiligmacher, denn Er füllte das heilige Bad unsrer Wiedergeburt, in welchem wir gewaschen werden, mit Blut und Wasser aus seiner Seite, und darin werden wir vom Heiligen Geist gebadet und abgewaschen. Es gibt keine Heiligung durch das Gesetz; der Heilige Geist gebraucht keine Erlasse, um uns zu heiligen: es gibt keine Reinigung durch bloße Tugendvorschriften, der Geist Gottes wirkt nicht auf solche Weise. Gerade wie Moses zu Mara, wo das Wasser bitter und ungenießbar war (2 Mose 15, 23), dem Volke befahl, einen Baum ins Wasser zu werfen, um es süß zu machen; so nimmt Gott, der Heilige Geist, der unsre Naturen voll Bitterkeit und Galle findet, das Kreuz von Golgatha, wirft es in den Strom und macht alles rein. Er findet uns aussätzig, und um uns zu reinigen, taucht Er den Ysop des Glaubens in das teure Blut und besprengt uns damit, und wir werden dadurch rein. Es liegt eine geheimnisvolle Kraft im Blute Christi, die nicht bloß Genugtuung wirkt für die Sünde, sondern den Tod der Sünde wirkt. Das Blut erscheint vor Gott, und Gott hat sein Wohlgefallen daran; es tröpfelt auf uns, und die Begierden sterben ab, und alle Laster fühlen den Todesstreich. Dagon stürzt vor der Bundeslade, und obgleich der Rumpf des Götzen noch zurückbleibt (1 Sam. 5, 3) und noch allerlei Sündiges uns anhaftet, so macht doch Christus aller Herrschaft der Sünde ein Ende, und durch Ihn gehen wir vollkommen zum Himmel ein, gleichwie unser Vater im Himmel vollkommen ist.

Gerade wie der Heilige Geist allein durch die Wahrheit wirkt, so wirkt das Blut Jesu Christi allein durch den Glauben. Ihr Besucher von Bibelstunden, ich sage euch nochmals, nehmt in eurer Mußezeit eure Bibeln zur Hand und sucht die vielen Stellen darin, die von der Heiligung und Reinigung der Seele durch den Glauben handeln. Unser Glaube hält sich an das teure Versöhnungsopfer Christi. Er sieht den Herrn Jesus am Kreuze .leiden und spricht: „Ich gelobe Rache gegen die Sünden, die meinen Herrn ans Fluchholz geheftet haben;“ und so wirkt sein teures Blut in uns einen Abscheu vor aller Sünde, und der Geist, der durch die Wahrheit durch den Glaubens wirkt, eignet uns das teure Blut der Besprengung zu, und wir werden rein und angenehm gemacht in dem Geliebten. Ich fürchte, daß meine schwachen Worte manches Stück dieser kostbaren Wahrheit vielleicht unklar und dunkel gelassen haben, doch hoffe ich zu Gott, es sei euch auch manches Licht darüber zuteil geworden, daß die Heilige Schrift keine abgeschlossene, enge Heiligung lehrt, die mit kurzen, bündigen Worten dargelegt werden könnte, sondern eine weite, breite, umfassende Heiligung; ein Werk, in welchem wir geheiligt werden in Gott dem Vater, in Christus Jesus und doch auch durch den Heiligen Geist. O! teure Zuhörer, strebt nach der Heiligung eures. Wandels. Die ihr Christus lieb habt, laßt nicht von euch gesagt werden: „Seht, das ist ein Christ, aber er ist schlechter als andere Menschen.“ Nicht unsre Beredsamkeit, nicht unser Wissen, nicht unser Ruf, nicht unsre Gesundheit kann Christus der Welt empfehlen; sondern nur der heilige Wandel der Christen. Es sprach letzthin ein lieber Freund zu mir: „Das ist der Weg, wie die Seelsorger und Prediger um ihre Achtung und um ihre segensreiche Wirksamkeit kommen, wenn sie weltlich gesinnt werden und sich mit Politik abgeben, wenn sie auf die Jagd gehen, statt die Kranken zu besuchen; und dann ist's auch aus mit der Blüte der ihnen anvertrauten Gemeinden.“ Vorwürfe habe ich nie gescheut, wenn ich glaubte, es sei nötig, mich solchen auszusetzen, was ich aber hasse, das ist Eifersüchtelei. Das einzige löbliche und erlaubte Streben kann sich darin zeigen, wer am heiligsten, am ernstesten, am eifrigsten sein möge, wer am meisten für die Armen und Unwissenden tun könne und wer das Kreuz Christi am höchsten preisen könne. Das ist der Weg, wie man die Glieder irgendeiner Bekenntnisgemeinde am besten fördert, wenn es dazu kommt, daß die Glieder dieser Gemeinschaft demütiger, geheiligter, geistlicher gesinnt sind als anderswo. Aller Parteizank erzeugt nur Uneinigkeit, heftiges und erbittertes Wesen und ist nicht aus dem Geist Gottes; aber für Gott leben und Ihm sich heiligen, darin besteht die Macht der Gemeinde Christi; das verschafft uns unter Gottes gnädigen Beistand den Sieg und seinem Namen Ehre und Preis. Sind Unbekehrte und Unwiedergeborene unter uns, solchen kann ich nichts sagen von der Heiligung. Ich habe heute eine Tür aufgetan, aber ihr könnt nicht hier eintreten. Aber bedenkt das: Könnt ihr nicht hier eingehen, so könnt ihr auch nicht zum Himmel eingehen, denn „selig sind, die seine Gebote halten, auf daß ihre Macht sei an dem Holz des Lebens und sie zu den Toren eingehen in die Stadt. Draußen aber sind die Hunde, und die Zauberer, und die Hurer, und die Totschläger und die Abgöttischen, und alle, die lieb haben und tun die Lüge“ (Off. 22, 14. 15). Ach, daß es doch euch noch geschenkt würde, demütig zum Herrn Jesus zu kommen nach seinem liebreichen Gebot und eure Sünde zu bekennen, und Vergebung zu suchen und zu finden - dann, aber erst dann, ist Hoffnung vorhanden, daß ihr auch geheiligt werdet im Geist eures Gemüts. Der Herr segne euch um Jesu willen.. 

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