Spurgeon, Charles Haddon - Die Dornenkrone.

„Und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt.“
Matth. 27, 29.

Ehe wir in die Halle der Soldaten eintreten und auf „das Haupt voll Blut und Wunden“ blicken, wird es gut sein, zu betrachten, wer und was er war, der so grausam verspottet ward. Vergeßt nicht die wesentliche Hoheit seiner Person; denn er ist der Glanz von des Vaters Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens; er ist in sich selber Gott über Alles, hochgelobet in Ewigkeit, das ewige Wort, durch welches alle Dinge gemacht worden sind und durch welches alle Dinge bestehen. Obgleich der Erbe aller Dinge, der Fürst der Erdenkönige, war er doch „der Allerverachtetste und Unwertheste, voller Schmerzen und Krankheit;“ sein Haupt ward zum Spott umgeben mit Dornen als einer Krone, sein Körper ward bedeckt mit einem verblichenen Purpurmantel, ein armseliges Rohr ward in seine Hand gegeben als Scepter und dann wagte es der rohe Soldatenhaufe, in sein Angesicht zu stieren und ihn mit seinen schmutzigen Scherzen zu quälen:

„Dornen krönen dir die Wangen,
Und die Lippen athmen schwer
Und ein rasend Mörderheer
Höhnet seines Heils Verlangen.“

Vergeßt nicht die Herrlichkeit, die er vormals gewohnt war, denn ehe er auf die Erde kam, war er in dem Schoße des Vaters gewesen, angebetet von den Cherubim und Seraphim, verehrt von allen Fürstenthümern und allen Gewalten im Himmel, alle Engel gehorchten ihm; und doch sitzt er hier, ärger behandelt, denn ein Verbrecher, zum Mittelpunkt einer Comödie gemacht, ehe er das Opfer einer Tragödie ward. Sie setzten ihn auf irgend einen zerbrochnen Stuhl, bedeckten ihn mit einem alten Soldatenmantel und verspotteten ihn dann wie einen Theater-König.

„Der große Fürst der Ehren
Läßt willig sich beschweren
Mit Schlägen, Hohn und großem Spott.“

Zu welch' einem Herabsteigen zwang seine Liebe ihn! Sehet, wie tief er sank, um uns von unserm Falle aufzuheben! Unterlaßt nicht, zu bedenken, daß zu derselben Zeit, wo sie ihn so verhöhnten, er doch der Herr über Alles war und zwölf Legionen Engel zu seiner Hülfe kommen lassen konnte. Er war Majestät in seinem Elende. Zwar hatte er den herrlichen königlichen Glanz der Höfe seines Vaters bei Seite gelegt und war nun der niedre Mann von Nazareth, aber dennoch, wenn er es gewollt, so würde Ein Blick aus jenen Augen die römischen Schaaren verzehret haben; Ein Wort von jenen schweigenden Lippen würde den Palast des Pilatus vom Dache bis zu den Grundfesten erschüttert haben und, wenn er es gewollt, so wäre der schwankende Landpfleger und der boshafte Haufe zusammen lebendig hinunter in die Hölle gefahren, wie vor Alters Korah, Dathan und Abiram. Siehe, Gottes eigner Sohn, der Liebling des Himmels und der Erde Fürst sitzt da und trägt den grausamen Kranz, der beides, Leib und Seele, zugleich verwundet, die Seele durch den Schimpf und den Körper durch stechenden Schmerz. Sein königliches Angesicht war entstellt durch „Wunden, die nicht aufhören konnten zu bluten, schwach und langsam zu tröpfeln,“ und doch war jenes edelste, theuerste Antlitz einst schöner gewesen als die Kinder der Menschen und war noch immer das Angesicht Immanuels, Gott mit uns. Denkt an dieses Alles und ihr werdet auf ihn blicken mit erleuchteten Augen und fühlenden Herzen und um so fähiger sein, in die Gemeinschaft seiner Leiden einzugehen. Gedenkt daran, woher er kam, und ihr werdet um so mehr erstaunen, daß er so tief sich hernieder gebeugt hat. Gedenkt daran, was er war und es wird um so wunderbarer sein, daß er unser Stellvertreter geworden ist.

Und nun lasset uns hineindringen in die Wachstube und unsern Heiland anblicken, wie er seine Dornenkrone trägt. Ich will euch nicht lange aufhalten mit Vermuthungen über die Art von Dornen, welche er trug. Nach den Rabbinen und den Botanikern scheint es ungefähr zwanzig bis fünfundzwanzig verschiedene Arten dornichter Pflanzen in Palästina gegeben zu haben; und verschiedene Schriftsteller haben nach ihren eignen Urtheilen oder Einfällen eine oder die andre dieser Pflanzen ausgesucht als die besondern Dornen, die bei dieser Gelegenheit gebraucht waren. Aber warum Einen Dorn aus vielen auswählen? Er trug nicht Einen Schmerz, sondern alle; jedweder Dorn ist genügend; selbst die Ungewißheit über die besondere Gattung dient uns zur Belehrung. Es mag wohl sein, daß mehr als eine Art Dornen in die Krone geflochten war: auf jeden Fall hat die Sünde die Erde so dick mit Dornen und Disteln bestreut, daß es nicht schwer war, das Material zu finden, wie auch kein Mangel an Schmerzen war, um ihn jeden Morgen damit zu strafen und ihn sein Leben lang zu einem Trauernden zu machen.

Die Soldaten mögen die biegsamen Zweige der Akazie oder des Sittim-Baumes gebraucht haben, von dessen unverweslichen Holze viele der heiligen Tische und Gefäße des Heiligthums gemacht waren; wenn dies der Fall, so war es bedeutsam. Es mag wahr sein, was die alten Schriftsteller meistens annehmen, daß die Pflanze die spina Christi war, denn sie hat viele kleine und scharfe Stacheln und ihre grünen Blätter würden einen Kranz gebildet haben, ähnlich dem, womit Feldherren und Kaiser nach einer Schlacht gekrönt wurden. Aber wir wollen die Sache ruhen lassen; es war eine Dornenkrone, welche sein Haupt verwundete und ihm Leiden sowohl wie Scham verursachte und das genügt uns. Unsre Frage ist jetzt: was sehen wir, wenn unsre Augen Jesum Christum mit Dornen gekrönt erblicken? Es sind sechs Dinge, die mir am meisten auffallen und wenn ich den Vorhang hebe, bitte ich euch, mit mir zu beobachten und möge Gott der heilige Geist seine göttliche Erleuchtung geben und die Scene vor unsern staunenden Augen erhellen.

I.

Das erste, was selbst der zufällige Beobachter sieht, ehe er tiefer blickt, ist eine traurige Scene. Hier wird Christus, der großmüthige, liebende, sanfte Christus mit Hohn und Verachtung behandelt; hier wird der Fürst des Lebens und der Herrlichkeit zum Gegenstand des Gelächters gemacht von brutalen Soldaten. Schauet heute die Lilie unter Dornen, die Reinheit sich erhebend in der Mitte der Sünde, die sich ihr entgegenstellt. Seht hier das Opfer, in der Hecke hangen und dort festgehalten, um, an unsrer Statt geopfert, das Vorbild des Widders zu erfüllen, den Abraham schlachtete an Isaaks Statt. Dreierlei muß sorgfältig beachtet werden bei dieser traurigen Scene.

Hier wird die Niedrigkeit und Schwachheit Christi verhöhnt von den übermüthigen Schaaren. Als sie Jesum in die Wachstube brachten, fühlten sie, daß er gänzlich in ihrer Gewalt wäre und daß sein Anspruch, ein König zu sein, zu abgeschmackt sei, um etwas anders als ein Thema für verächtlichen Scherz zu bilden. Er war ärmlich gekleidet, denn er trug nur den Kittel eines Bauern – machte er Ansprüche auf den Purpur? Er schwieg stille – war er der Mann, eine Nation zum Aufstand zu erregen? Er war voller Wunden und Striemen, frisch von des Geißlers Hieben – war er der Held, eine Armee mit Enthusiasmus zu begeistern und das alte Rom niederzuwerfen? Es schien ihnen ein seltener Scherz und wie wilde Thiere mit ihren Opfern spielen, so thaten sie es. Mannigfach, ich steh' euch dafür, waren die Späße und Witze der römischen Krieger auf seine Kosten und laut war das Gelächter in ihren Reihen. Seht auf sein Angesicht, wie demüthig er erscheint! Wie verschieden von dem hochmüthigen Aussehen der Tyrannen! Seine königlichen Anrechte zu verspotten schien der rohen Mannschaft nur natürlich. Er war sanft wie ein Kind, zart wie ein Weib; seine Würde war die des ruhigen, gelassenen Ertragens und das war keine Würde, deren Macht diese Halb-Barbaren fühlen konnten, darum schütteten sie Verachtung über ihn aus. Laßt uns daran gedenken, daß der Herr um unsertwillen die Schwachheit auf sich genommen: für uns wurde er ein Lamm, für uns hatte er seine Herrlichkeit bei Seite gelegt, und deshalb ist es um so schmerzlicher für uns, zu sehen, daß diese freiwillige Erniedrigung seiner selbst zum Gegenstand so vielen Spottes und Hohnes gemacht wird, obgleich sie des Ruhmes werth ist. Er beugt sich, um uns zu retten und wir spotten über ihn, wie er sich beugt; er verläßt den Thron, um uns darauf zu erheben, aber während er voll Gnade herabkommt, ist das heisere Gelächter einer gottlosen Welt sein einziger Lohn. Ach, ward Liebe je in so liebloser Weise behandelt? Gewiß, die Grausamkeit, die ihr zu Theil ward, war im Verhältniß zu der Ehre, welche sie verdiente, so verkehrt sind die Menschenkinder.

„Deine Demuth hat gebüßet
Meinen Stolz und Uebermuth!
Dein Tod meinen Tod versüßet,
Es kommt alles mir zu gut.
Dein Verspotten, dein Verspeien
Muß zu Ehren mir gedeihen.“

Sie verspotteten nicht nur seine Demuth, sondern sie spotteten über seine Ansprüche, ein König zu sein. „Aha,“ schienen sie zu sagen, „ist dies ein König?“ Gewiß ist es irgend eine seltsame jüdische Sitte, nach welcher dieser arme Bauer den Anspruch erhebt, eine Krone zu tragen. Ist dies der Sohn Davids? Wann wird er den Cäsaren und seine Heere ins Meer hineintreiben, einen neuen Staat errichten und zu Rom regieren? Dieser Jude, dieser Bauer, will er den Traum seines Volkes erfüllen und über die ganze Menschheit herrschen? Erstaunlich lachten sie über diese Idee und wir wundern uns dessen nicht, denn sie konnten seine wahre Herrlichkeit nicht erblicken. Aber, Geliebte, hier ist der Punkt, er war ein König im wahrsten und höchsten Sinne. Wäre er kein König gewesen, so hätte er als Betrüger den Hohn verdient, aber er würde ihn nicht so schneidend gefühlt haben; doch da er wirklich und wahrhaft ein König war, muß jedes Wort seine königliche Seele verwundet haben und jede Sylbe seinen erhabenen Geist auf's tiefste verletzt. Wenn des Betrügers Ansprüche blosgelegt und dem Spotte preisgegeben werden, muß er selber wissen, daß er alle Verachtung verdient, die ihm wird und was kann er sagen? Aber wenn die Rechte des wirklichen Herrn aller Reiche Himmels und der Erden geleugnet werden und seine Person verspottet, das schneidet ins Herz und Schmach und Tadel erfüllen ihn mit vielen Schmerzen. Ist es nicht traurig, daß der Sohn Gottes, der hochgelobte und einzige Herrscher so beschimpft worden ist?

Es war nicht allein Spott, sondern die Grausamkeit fügte noch Schmerz zu dem Hohn. Wenn sie nur beabsichtigt hätten, ihn zu verlachen, hätten sie eine Krone aus Stroh flechten können, aber sie wollten ihn peinigen und darum machten sie eine Krone aus Dornen. Schaut, ich bitte euch, auf seine Gestalt, wie er unter ihren Händen leidet. Sie hatten ihn gegeißelt bis wahrscheinlich kein Theil seines Körpers mehr war, der nicht unter ihren Streichen blutete, als sein Haupt, und nun mußte dieses Haupt auch gepeinigt werden. Ach, „unser ganzes Haupt war krank, und unser ganzes Herz matt,“ und so mußte er in seiner Strafe uns in unsrer Sündigkeit gleich werden. Es war kein Theil unsres Wesens ohne Sünde und so durfte kein Theil seines Wesens ohne Schmerzen sein. Wenn wir in irgend einem Maße der Ungerechtigkeit entgangen wären, möchte er dem Schmerz entgangen sein, aber da wir das schmutzige Gewand der Uebertretung trugen und es uns vom Kopf bis zum Fuß bedeckte, so mußte er gleicherweise das Gewand der Scham und der Verhöhnung tragen von dem Scheitel seines Hauptes bis zur Sohle seines Fußes.

„Nichts, nichts hat dich getrieben
Zu mir vom Himmelszelt,
Als das geliebte Lieben,
Damit du alle Welt
In ihren tausend Plagen
Und großer Jammerlast,
Die kein Mensch kann aussagen,
So fest umfangen hast.“

Geliebte, ich fühle immer, als wenn mir die Zunge gebunden wäre, wenn ich beginne, von dem Leiden meines Herrn zu sprechen. Ich kann an sie denken, ich kann sie mir ausmalen, ich kann niedersitzen und darüber weinen, aber ich weiß nicht, wie ich sie Andern schildern woll. Habt ihr je eine Feder oder Pinsel gesehen, der es vermochte? Ein Michel Angelo oder ein Raphael könnte wohl zurückbeben vor dem Versuch, dies Bild zu malen; und die Zunge eines Erzengels könnte verzehret werden in dem Streben, den Schmerz Dessen zu besiegen, der mit Schmach beladen war um unsrer schmachvollen Uebertretungen willen. Ich bitte euch, lieber nachzudenken, als zu hören und euren Herrn mehr mit euren eignen liebenden Augen anzublicken, als auf meine Worte zu merken. Ich kann das Bild nur skizziren, es nur roh wie mit einer Kohle entwerfen; ich muß euch überlassen, es in Farben zu zeichnen und dann niederzusitzen und darüber nachzusinnen, aber eure Kraft wird euch dabei verlassen, wie die meine mich. Hineintauchen können wir, aber die Tiefen dieses Abgrundes von Weh und Schande vermögen wir nicht zu erreichen. Aufsteigen können wir, aber diese Hügel, über welche der Sturm der Todesangst dahinfährt, kommen wir nicht hinan.

II.

Indem ich wiederum den Vorhang von diesem traurigen Schauspiele hinwegziehe, sehe ich hier eine feierliche Warnung, die sanft und schmelzend zu uns spricht aus dieser Scene des Schmerzes. Fragt ihr mich, was diese Warnung ist? Es ist eine Warnung, nie dasselbe Verbrechen zu begehen, wie diese Soldaten. „Dasselbe!“ sagt ihr; „wie, wir würden niemals eine Dornenkrone für dieses theure Haupt flechten.“ Ich bete, daß ihr es nie thun möget, aber Manche haben so gethan und thun so. Diejenigen sind dieses Verbrechens schuldig, welche wie die Soldaten, seine Rechte leugnen. Geschäftig sind die Weisen dieser Welt, heutzutage überall geschäftig, Dornen zu sammeln und sie zu flechten, um damit den Gesalbten des Herrn zu schlagen. Einige von ihnen rufen: „Ja, er war ein guter Mann, aber nicht der Sohn Gottes;“ Andre leugnen selbst die hohe Trefflichkeit seines Lebens und Lehrens; sie mäkeln an seiner Vollkommenheit und finden Fehler, wo keine sind. Nie sind sie glücklicher, als wenn sie seine Persönlichkeit angreifen können. Vielleicht rede ich hier zu einem offenkundigen Ungläubigen, zu einem Zweifler an Christi Person und Lehre und ich klage ihn an, daß er den Christ Gottes mit Dornen krönt jedes Mal, wo er bittre Anschuldigungen gegen den Herrn Jesus erfindet und spottende Worte über seine Sache und seine Jünger äußert. Deine Leugnung seiner Ansprüche und besonders deine Verlachung derselben ist eine Wiederholung der betrübten Scene, die wir vor uns haben. Es giebt Einige, die all' ihren Witz anstrengen und ihre äußerste Geschicklichkeit aufbieten für nichts Andres, als um Widersprüche in den Erzählungen der Evangelien zu entdecken oder Verschiedenheiten heraufzubeschwören zwischen ihren vermeintlichen wissenschaftlichen Entdeckungen und den Erklärungen des Wortes Gottes. Oft genug haben sie ihre eigenen Hände zerrissen, indem sie Dornenkronen für ihn wanden und ich fürchte, einige von diesen werden auf einem Bett von Dornen zu liegen haben, wenn es mit ihnen zum Sterben geht, das wird das Resultat sein ihrer wissenschaftlichen Forschungen nach Disteln, um den Liebhaber der Menschen damit zu schlagen. Es wird gut sein, wenn sie nicht auf etwas Schlimmerem als Dornen zu liegen haben für immer, wenn Christus kommen wird, sie zu richten, und sie zu verdammen und sie in den feurigen Pfuhl zu werfen für alle ihre Ruchlosigkeit gegen ihn. O, daß sie ablassen wollten von diesem unnützen und boshaften Gewerbe, Dornenkronen zu binden für ihn, welcher der Welt einzige Hoffnung ist, dessen Religion der einsame Stern ist, der die Mitternacht wesentlicher Trübsal erhellt und den Sterblichen zum Hafen des Friedens führt! Schon um der zeitlichen Wohlthaten des Christenthums willen sollte der gütige Jesus mit Ehrfurcht behandelt werden; er hat den Sklaven frei gemacht und den Niedergetretenen aufgerichtet; sein Evangelium ist die Charte der Freiheit, die Geißel der Tyrannen und der Tod der Priester. Breitet es aus und ihr breitet Friede aus, Freiheit, Ordnung, Liebe und Freude. Er ist der größte der Philanthropisten, der wahrste Menschenfreund, warum denn gegen ihn euch feindlich stellen, ihr, die ihr von Fortschritt und Aufklärung sprecht. Wenn die Menschen ihn nur kenneten, würden sie ihn krönen mit Diademen ehrfurchtsvoller Liebe, köstlicher denn die Perlen von Indien, denn seine Herrschaft wird das goldne Zeitalter einführen und selbst jetzt mildert sie die Strenge des gegenwärtigen, wie sie das Elend des vergangenen entfernt hat. Es ist ein schlechtes Geschäft, dieses Mäkeln und Tadeln und ich bitte diejenigen, welche sich darin eingelassen, aufzuhören mit dieser unedlen Arbeit, sie ist unwürdig vernünftiger Wesen und verderblich für ihre unsterblichen Seelen.

Dieses Krönen mit Dornen wird in einer anderen Weise gethan durch heuchlerisches Bekenntniß unsres Gehorsams gegen ihn. Diese Soldaten setzten eine Krone auf Christi Haupt, aber sie meinten nicht, daß er König sein sollte; sie gaben ein Scepter in seine Hand, aber es war nicht der starke elfenbeinerne Stab, der wirkliche Macht bedeutet, es war nur ein schwaches, biegsames Rohr. Hierin erinnern sie uns, daß Christus von unaufrichtigen Bekennern verspottet wird. O ihr, die ihr ihn nicht in eurer innersten Seele liebt, ihr seid's, die ihn verspotten; aber ihr sagt: „Worin hab' ich unterlassen, ihn zu krönen? trat ich nicht in die Kirche ein? Hab' ich nicht gesagt, daß ich ein Gläubiger sei?“ O, wenn eure Herzen nicht recht sind, habt ihr ihn nur mit Dornen gekrönt; wenn ihr ihm nicht eure ganze Seele gegeben habt, so habt ihr in furchtbarem Spott ein Scepter von Rohr in seine Hand gesteckt. Eure Religion selber ist ein Spott auf ihn. Eure lügnerischen Bekenntnisse höhnen ihn. Wer hat's von euch verlangt, in seinen Höfen zu wandeln? Ihr beschimpft ihn an seinem Tische! Ihr beschimpft ihn auf euren Knieen! Wie könnt ihr sagen, daß ihr ihn liebt, wenn eure Herzen nicht mit ihm sind? Wenn ihr nie an ihn geglaubt habt und nie Buße gethan, nie seinen Befehlen Gehorsam geleistet, wenn ihr ihn nicht in eurem täglichen Leben als beides, Herrn und König, anerkennt, so beschwöre ich euch: gebt das Bekenntniß auf, das so entehrend für ihn ist! Wenn er Gott ist, dient ihm; wenn er König ist, gehorcht ihm; wenn er keines von beidem ist, bekennt euch nicht als Christen. Seid ehrlich und bringt keine Krone, wenn ihr ihn nicht als König annehmt. Wozu ist's nöthig, ihn wiederum zu beschimpfen mit einer Stammherrschaft, nachgeäfften Huldigung und vorgeblichem Dienst? O ihr Heuchler, bedenket eure Wege, damit nicht der Herr, den ihr erzürnt, sich seiner Widersacher entledige.

Bis zu einem gewissen Maße wird dasselbe gethan von denen, welche aufrichtig sind, aber aus Mangel an Wachsamkeit so wandeln, daß sie ihrem Bekenntniß Unehre machen. Hier werde ich, wenn ich auf rechte Weise spreche, Jeden von euch zwingen, in seinem Herzen zu bekennen, daß er verurtheilt dasteht; denn jedesmal, wenn wir unserm sündlichen Fleisch den Willen thun, krönen wir des Heilandes Haupt mit Dornen. Wer unter uns hat dies nicht gethan? Theures Haupt, von dem ein jedes Haar kostbarer ist als feines Gold, als wir dir unsre Herzen gaben, glaubten wir, daß wir dich immer anbeten würden, daß unser Leben Ein langer Psalm sein würde, dich zu preisen, zu loben und zu krönen. Wie wenig haben wir unser Ideal erreicht! Wir haben dir wehe gethan mit den Disteln unsrer Sünde. Wir haben uns zum Zorn hinreißen lassen, so daß wir unbedachtsam mit unsern Lippen gesprochen haben; oder wir sind weltlich gewesen und haben geliebt, was dir ein Greuel is oder wir haben unsern Leidenschaften nachgegeben und nach unserm bösen Gelüste gethan. Unsre Eitelkeiten, Thorheiten, Vergeßlichkeiten, Versäumnisse und Beleidigungen haben auf dein Haupt eine Krone der Schande gesetzt und wir zittern, daran zu denken. O, grausame Herzen und Hände, die ihr den Hochgelobten so mißhandelt habt, da es eure tägliche Sorge hätte sein sollen, ihn zu verherrlichen! Spreche ich zu einem Abtrünnigen, dessen offenbare Sünde dem Kreuze Christi Unehre gebracht? Ich fürchte, daß ich zu Einigen sprechen werde, die einst den Namen hatten, daß sie lebten, aber nun zu denen gerechnet werden, die todt in Sünden sind. Gewiß, wenn ein Funke der Gnade in euch ist, muß das, was ich jetzt sage, euch ins Herz schneiden und wie Salz auf eine frische Wunde wirken, euch in tiefster Seele schmerzen. Klingen euch nicht die Ohren, wenn ich euch überlegter Weise solcher Handlungen der Inconsequenz anklage, die eine dornichte Krone für eures Meisters Haupt gewunden haben? Ihr habt's gethan, denn ihr habt den Mund der Lästerer geöffnet, die Gegner gelehrt, ihn zu schmähen, denen, die ihm angehören, Kummer bereitet und Manche zum Straucheln gebracht. Gottlose Menschen haben eure Fehler dem unschuldigen Heiland zur Last gelegt; sie haben gesagt: „das ist eure Religion.“ Auf euch sind die Dornen gewachsen, aber er hat sie zu tragen. Wir nennen unsre Uebelthaten Inconsequenzen, aber weltliche Menschen betrachten sie als die Frucht des Christenthums, und verdammen den Weinstock wegen eurer sauren Trauben. Sie geben dem heiligen Jesus die Fehler seiner irrenden Nachfolger Schuld. Lieben Freunde, ist hier nicht Anlaß für Jeden von uns, bei sich zu Hause nachzusehen? Wenn wir es thun, so laßt uns kommen mit der traurigen und liebenden Büßerin und seine theuern Füße mit Thränen der Reue waschen, weil wir sein Haupt mit Dornen gekrönt haben.

So steht unser dorngekrönter Herr und Meister vor uns als ein trauriger Anblick, der uns eine feierliche Warnung zu Theil werden läßt.

III.

Wenn ich den Schleier wieder hebe, sehen wir in unserm gemarterten und verhöhnten Heilande triumphirende Ausdauer. Er konnte nicht überwunden werden, er war siegreich, selbst in der Stunde der tiefsten Schmach.

„Er trug mit ungebeugtem Herzen
Die Schmach und Schande voll Geduld
Und in den allerherbsten Schmerzen
Blieb er die Liebe und die Huld.“

Er trug in diesem Augenblick, zuerst, die stellvertretenden Leiden, die ihm gebührten, weil er unsre Stelle eingenommen und er wich nicht davor zurück, sie zu tragen. Wir waren Sünder und der Lohn der Sünde ist Schmerz und Tod, deshalb nahm er die Strafe auf sich, damit wir Frieden hätten. Er litt damals, was wir hätten erleiden sollen, und leerte den Kelch, den die Gerechtigkeit für uns gemischt hatte. Schrak er davor zurück? O, nein. Als er zuerst den Wermuth und die Galle im Garten an seine Lippen brachte, schien der Trank für einen Augenblick selbst seinen starken Geist wankend zu machen. Seine Seele war betrübt bis an den Tod. Er war wie außer Fassung, von innerer Angst hin und her geworfen. „Mein Vater,“ sagte er, „ist's möglich, so gehe dieser Kelch von mir.“ Dreimal betete er dieses, während jeder Theil seiner Menschheit der Kampfplatz für eine Legion von Schmerzen war. Seine Seele drang aus allen Poren hervor, um einen Ausgang für ihr wachsendes Wehe zu finden, während blutiger Schweiß seinen ganzen Körper bedeckte. Nach diesem furchtbaren Kampf besiegte die Kraft seiner Liebe die Schwäche der Menschheit; er setzte den Kelch an seine Lippen und schauderte nicht, sondern trank, bis keine Hefe mehr übrig war; und nun ist der Kelch des Zornes leer, keine Spur von dem schrecklichen Wein des Zornes Gottes findet sich mehr darin. In Einem furchtbaren Zuge der Liebe trank der Herr auf immer das Verderben aus für all' die Seinen. „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja, vielmehr, der auch auferwecket ist.“ Und „so ist nun keine Verdammung für die, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.“ Gewiß, die Ausdauer hatte einen hohen Punkt erreicht, da er den schmerzvollen Spott ertragen mußte, den unser Text beschreibt, dennoch verzagte er nicht und gab sein vorgestecktes Ziel nicht auf. Er hatte es unternommen und wollte es durchführen. Blickt auf ihn und sehet ein Wunder von geduldigem Ertragen der Schmerzen, die eine Welt zur Hölle gesandt haben würden, wenn er sie nicht an unsrer Statt erduldet hätte. Außer der Schande und den Leiden, die der Sünde gebührten, und mit welchen der Vater ihn zerschlug, erduldete er noch ein Uebermaß der Bosheit von dem Haß der Menschen. Warum brauchten die Menschen all' ihren Hohn und ihre Grausamkeit bei seiner Hinrichtung auszulassen? War es nicht genug, daß er sterben mußte? Machte es ihren eisernen Herzen Vergnügen, seine zartesten Gefühle zu foltern? Warum diese Erfindungen, um sein Wehe noch tiefer zu machen? Wäre Jemand von uns so verspottet, er würde Unwillen empfunden haben. Es ist kein Mann oder Weib hier, das bei solchem Schimpfe hätte still bleiben können, aber Jesus saß da in der Allmacht der Geduld und beherrschte sich königlich. Du herrliches Vorbild der Geduld, wir beten dich an, wenn wir sehen, wie die Bosheit deine allmächtige Liebe nicht überwinden konnte. Seine Glieder bebten noch von dem Schmerz, den die Geißelung ihm verursacht, aber wir lesen weder von Thränen noch Seufzern, viel weniger von zornigen Klagen oder Rachedrohungen. Er sucht kein Mitleid und bittet nicht um Milderung. Er fragt nicht, weshalb sie martern oder weshalb sie spotten. Muthiger Zeuge! Standhafter Märtyrer! Du leidest über die Maßen, aber du leidest ruhig. Ein so vollkommener Körper, wie der seinige, der ohne Sünde empfangen, muß einer Qual fähig gewesen sein, wie unser durch die Sünde geschwächte Leib sie nicht fühlen kann. Seine zarte Reinheit fühlte einen Schauder vor den rohen Scherzen, den unsre härteren Seelen nicht ermessen können; doch Jesus trug Alles, wie nur der Sohn Gottes es tragen konnte. Mochten sie die Last häufen, wie sie wollten, er bewies nur desto mehr Ausdauer, zagen und zurückschrecken that er nicht.

Ich wage die Vermuthung, daß das Bild der Geduld, die unser Herr zeigte, ein solches war, daß es selbst einige der Soldaten gerührt haben mag. Habt ihr je daran gedacht, zu fragen, wie Matthäus von dieser Verhöhnung erfahren hat? Er war nicht da. Marcus giebt auch einen Bericht, aber er wird nicht in der Wachstube geduldet worden sein. Die Prätorianer waren viel zu stolz und rauh, um Juden in ihrer Halle zu dulden, am wenigsten Jünger Jesu. Da Niemand da gewesen sein kann außer den Kriegern selber, können wir wohl fragen: Wer gab diese Erzählung? Sie muß von einem Augenzeugen herrühren. Sollte es nicht der Hauptmann sein, von welchem in demselben Kapitel steht, daß er gesprochen: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Sollte nicht diese Scene, sowohl wie des Herrn Tod ihn zu dem Ausrufe gebracht haben? Wir wissen es nicht, aber so viel ist augenscheinlich, die Erzählung muß von einem Augenzeugen sein und auch von einem, der Mitgefühl für den Leidenden hatte, für mein Ohr liest sie sich nicht wie die Beschreibung eines gleichgültigen Zuschauers. Mich sollte es nicht wundern, – ich möchte beinahe wagen, zu behaupten – daß unsers Herrn geschändetes, doch geduldiges Antlitz eine solche Predigt hielt, daß wenigstens Einer, der darauf blickte, seinen geheimnißvollen Einfluß empfand, fühlte, daß solche Geduld mehr als menschlich sei und von da an den dorngekrönten Heiland als seinen Herrn und König erkannte. Dies weiß ich: wenn ihr und ich Menschenherzen für Jesum gewinnen wollen, so müssen wir auch geduldig sein; und wenn wir es ohne Murren oder Wiedervergelten ertragen können, daß sie uns höhnen und verfolgen, werden wir einen Einfluß gewinnen, den selbst die Rohesten fühlen und dem Manche sich beugen werden.

IV.

Wenn wir wiederum den Schleier aufheben, so haben wir, viertens, in der Person des triumphirenden Leidenden eine heilige Arznei vor uns. Ich kann nur hindeuten auf die Krankheiten, die sie heilen wird. Diese blutbespritzten Dornen sind Pflanzen von bewährtem Ruf, werthvoll in der himmlischen Chirurgie, wenn sie richtig gebraucht werden. Nehmt nur einen Dorn aus dieser Krone und braucht ihn als Lancette, er wird das heiße Blut der Leidenschaft ausströmen lassen und das Fieber des Stolzes abkühlen; es ist eine wundervolle Arznei für Anschwellungen des Fleisches und schmerzhafte Sündenbeulen. Wer Jesum mit Dornen gekrönt sieht, den wird es anekeln, auf sich selbst zu blicken, es sei denn durch Thränen der Zerknirschung. Dieser Dorn auf der Brust wird die Menschen singen machen, aber nicht in den Tönen der Selbstbeglückwünschung, die Laute werden die einer Taube sein, die nach ihrem Gefährten girrt. Gideon lehrte die Männer zu Suchoth mit Dornen, aber die Lection war nicht so heilsam, wie die, welche wir von den Dornen Jesu lernen. Die heilige Arznei, welche der gute Arzt uns in seinem dornichten Kranze bringt, wirkt als Stärkungsmittel und kräftigt uns, ohne Niedergeschlagenheit zu tragen, was sein Dienst uns an Schmach oder Verlust bringt.

„Wer steht mir bei in jedem Streit?
Wer tröstet mich in Traurigkeit?
Wer richtet auf mein zagend' Herz
Und heilt auch den verborgnen Schmerz?
Mein Jesus mit der Dornenkrone!“

Wenn ihr Gott zu dienen beginnt und um seinetwillen versucht, euren Mitmenschen wohlzuthun, so erwartet keinen Lohn von Menschen, ausgenommen den, daß ihr mißverstanden, verdächtigt und schlecht behandelt werdet. Von den besten Menschen in der Welt wird gewöhnlich am schlechtesten gesprochen. Eine böse Welt kann von einem heiligen Leben nicht gut sprechen. An der süßesten Frucht picken die Vögel am meisten; der Berg, der dem Himmel am nächsten ist, wird am meisten vom Sturm heimgesucht und der liebenswürdigste Charakter wird am meisten angegriffen. Diejenigen, welche ihr zu retten wünscht, werden euch für eure Sorge nicht danken, sondern eure Einmischung tadeln. Wenn ihr ihnen ihre Sünden vorhaltet, werden sie oft eure Warnungen übelnehmen, wenn ihr sie zu Jesu einladet, werden sie über eure Bitten scherzen. Seid ihr darauf vorbereitet? Wenn nicht, so betrachtet ihn, der solches Widersprechen von den Sündern erduldete, damit eure Seele nicht müde und matt wird. Wenn es euch gelingt, Viele zu Christo zu bringen, müßt ihr nicht auf allgemeine Hochachtung rechnen, ihr werdet des Vortheil-Suchens, des Haschens nach Popularität oder eines ähnlichen Verbrechens beschuldigt werden; ihr werdet falsch dargestellt, verleumdet, karrikirt und von der ungöttlichen Welt für einen Narren oder einem Schurken gehalten werden. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Krone, die ihr in dieser Welt gewinnen werdet, wenn ihr Gott dient, mehr Stacheln als Smaragden, mehr Dornen als Diamanten enthalten. Wenn sie auf euer Haupt gesetzt wird, tragt sie fröhlich, achtet es eitel Freude, eurem Herrn gleich zu sein. Sagt in eurem Herzen: „Ich fühle keine Unehre in dieser Unehre; die Menschen mögen mich schändlicher Dinge anklagen, aber ich werde nicht dadurch geschändet. Sie mögen mich herabwürdigen, aber ich bin nicht herabgewürdigt; sie mögen mich verachten, aber ich bin nicht verächtlich.“ Der Hausvater ward Beelzebub genannt und angespieen, sie können den Hausgenossen nichts Aergeres thun, deshalb spotten wir ihres Spottes. So werden wir zur Geduld gestählt durch die Geduld des verachteten Nazareners.

Die Dornenkrone ist auch ein Heilmittel für Unzufriedenheit und Traurigkeit. Wenn wir körperlichen Schmerz leiden, sind wir geneigt, zu murren und uns aufzulehnen, aber wenn wir an Jesum denken, wie er mit Dornen gekrönt war, sagen wir:

„Christus hat mehr als ich getragen,
Wie sollt' ich murren denn und klagen?“

Und unsre Klagen schweigen; wir schämen uns, unsre Krankheiten mit seinem Wehe zu vergleichen. Ergebung wird zu Jesu Füßen gelernt, wenn wir unser großes Vorbild „durch Leiden vollkommen gemacht“ sehen.

Die Dornenkrone ist ein Heilmittel für die Sorge. Wir wollen freudig Alles tragen, was unser Herr für uns bestimmt hat, aber es ist große Thorheit, unnützerweise uns selber Dornenkronen zu flechten. Doch habe ich Einige, die, wie ich hoffe, wahre Gläubige sind, sich viele Mühe geben sehen, um sich abzumühen und daran arbeiten, ihre eigne Arbeit zu vergrößern. Sie jagen nach Reichthum, sie ängsten sich, sie mühen sich, sie plagen und quälen sich, um sich die Bürde des Reichthums aufzuladen; sie verwunden sich, um die dornichte Krone weltlicher Größe zu tragen, Es giebt viele Arten, Ruthen für unsern eignen Rücken zu binden. Ich habe Mütter sich Dornenkronen aus ihren Kindern machen sehen, sie konnten diese nicht Gottes Hand überlassen, sie haben sich mit Sorgen geplagt, wo sie sich hätten in Gott freuen können. Ich habe Andre Dornenkronen aus albernen Befürchtungen machen sehen, für die keinerlei Grund vorhanden war; es schien ihr Ehrgeiz zu sein, sich zu plagen und ihr Verlangen, sich mit Dornen zu stechen. O Gläubiger, sage dir: „Mein Herr trug meine Dornenkrone für mich; warum sollte ich sie auch tragen?“ Er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen, damit wir glücklich sein möchten und fähig, dem Gebot zu gehorchen: „Sorget nicht für den andern Morgen, denn der morgende Tag wird für das Seine sorgen.“ Unser ist die Krone der liebenden Freundlichkeit und der zärtlichen Güte und wir tragen sie, wenn wir alle Sorge auf ihn werfen, der für uns sorget.

Diese Dornenkrone heilt uns von jedem Wunsch nach dem eitlen Ruhm der Welt, sie verdunkelt menschliche Pracht und Herrlichkeit, bis sie sich in Rauch auflösen. Könnten wir die dreifache Krone des Papstes oder das kaiserliche Diadem von Deutschland oder die Reichs-Insignien des Czars aller Russen hierher bringen, was sind sie alle, verglichen mit Jesu Dornenkrone? Laßt uns irgend einen Großen auf seinen Thron setzen und sehen, wie klein er aussieht, wenn Jesus neben ihm sitzt. Was ist Königliches darin, daß man im Stande ist, die Menschen zu besteuern, von ihrer Arbeit zu leben und wenig dafür wieder zu geben? Das Königlichste ist, durch selbstlose Liebe ihnen Allen Verpflichtungen aufzulegen und ihnen zur Segensquelle zu werden. O, es nimmt den Glanz von eurem Golde und den Schimmer von euren Edelsteinen und die Schönheit von eurem prunkenden Flitter, wenn ihr seht, daß kein kaiserlicher Purpur der Herrlichkeit seines Blutes gleichkommt, keine Juwelen mit seinen Dornen wetteifern können. Prunk und Putz hören auf, die Seele anzuziehen, wenn das erleuchtete Auge erst die höhere Würde des sterbenden Heilandes wahrgenommen hat.

Wer sucht Bequemlichkeit, wenn er den Herrn Christus geschaut? Wenn Christus eine Dornenkrone trägt, sollen wir einen Lorbeerkranz begehren? Selbst der ungestüme Kreuzfahrer, als er in Jerusalem einzog und zum König erwählt ward, hatte Vernunft genug, zu sagen: „Ich will nicht eine Krone von Gold in derselben Stadt tragen, wo mein Heiland eine Krone von Dornen trug.“ Warum sollten wir gleich Federbettsoldaten begehren, daß alles nach unsrer Behaglichkeit und unserm Vergnügen eingerichtet werde? Warum dieses Lehnen auf Ruhebetten, wenn Jesus am Kreuze hängt? Warum diese weichen Kleider, wenn er nackend ist? Warum dieser Luxus, wenn er barbarisch behandelt wird? So heilt uns die Dornenkrone vom eitlen Weltruhm und zugleich von unsrer selbstsüchtigen Liebe zur Bequemlichkeit. Der Welt Sänger mag rufen: „Hier, Knabe, komm und kröne mich mit Rosenknospen!“ Aber des Wollüstlings Bitte ist nicht die unsre. Für uns können weder die Fleischesfreuden noch das hoffärtige Leben Reiz haben, so lange wir auf den Mann der Schmerzen sehen. Unsere Sache ist's, zu leiden und zu arbeiten, bis der König uns an seiner Ruhe theilnehmen läßt.

V.

Ich muß, fünftens, bemerken, daß wir eine mystische Krönung vor uns haben. Habt Geduld mit meinen vielen Theilen. Die Krönung Christi war symbolisch und hatte tiefe Bedeutung; denn, erstlich, war es für ihn eine Siegeskrone. Christus hatte gegen die Sünde gekämpft von dem Tage an, wo er ihr zuerst in der Wüste gegenüber stand bis zu der Zeit, wo er ins Richthaus des Pilatus eintrat und er hatte sie überwunden. Als ein Zeugniß, daß er den Sieg gewonnen, siehe die Krone der Sünde als Trophäe ergriffen! Was war die Krone der Sünde? Dornen. Diese entsprangen aus dem Fluch. „Dornen und Disteln soll er dir tragen,“ das war die Krönung der Sünde und nun hat Christus ihre Krone hinweggenommen und sie auf sein eignes Haupt gesetzt. Er hat der Sünde ihre reichsten Regalien entrissen und trägt sie selber. Heil dir, glorreicher Kämpfer! Wie, wenn ich sagte, daß diese Dornen eine Mauerkrone bildeten? Das Paradies war mit einer Hecke von Dornen umgeben, so scharf, daß Niemand eintreten konnte, aber unser Kampfheld sprang zuerst über die spitzige Mauer und trug das blutrothe Banner seines Kreuzes in die Mitte des neuen, besseren Edens, welches er für uns gewonnen, damit es nie wieder verloren gehen sollte. Jesus trägt den Mauerkranz, der anzeigt, daß er das Paradies eröffnet hat. Es war des Fechters Krone, die er trug, denn er kämpfte nicht mit Fleisch und Blut, sondern mit Fürsten und Gewaltigen und überwand seine Feinde. Es war die Krone des Wettlaufes, die er trug, denn er war den Mächtigen zuvorgekommen. Er hatte seinen Lauf fast vollendet und nur noch einen oder zwei Schritte nach, um das Maal zu erreichen. Hier ist ein weites Feld für Betrachtungen, wir müssen damit aufhören, damit wir nicht zu weit gehen. Es war eine Krone, reich an Ruhm trotz der Schmach, die damit beabsichtigt war. Wir sehen in Jesu den Monarchen im Reiche des Elendes, den Ersten unter zehntausend Leidenden. Sage nie: „Ich leide sehr viel.“ Was sind unsre Schmerzen im Vergleich zu den seinen? Als der Dichter auf dem Palatinischen Berge stand und an Roms grausame Zerstörung dachte, rief er aus: „Was ist unser Leid und Weh!“ ebenso frage ich, was sind unsre oberflächlichen Kümmernisse verglichen mit den unendlichen Schmerzen Immanuels? Wohl mögen wir „unser kleinliches Elend in unsrer Brust verschlossen halten.“ Jesus ist auch der Fürst der Märtyrer. Er führt die edle Schaar der leidenden Zeugen und Bekenner der Wahrheit an. Ob sie am Marterpfahl starben, in Kerkern schmachteten oder den wilden Thieren vorgeworfen wurden, keiner von ihnen kann den ersten Rang beanspruchen; aber er, der treue und wahrhaftige Zeuge, mit der Dornenkrone und dem Kreuze steht an der Spitze Aller. Es mag niemals unser Loos werden, in die erhabene Schaar einzutreten, aber wenn es eine Ehre giebt, um die wir mit Recht die Heiligen früherer Zeiten beneiden könnten, ist es diese, daß sie in jenen tapfern Tagen geboren wurden, wo die Rubinenkrone erreicht und das höchste Opfer gebracht werden konnte. Wir sind Memmen in der That, wenn wir in diesen gelindern Tagen uns schämen, unsern Meister zu bekennen und uns vor ein bischen Spott fürchten oder vor der Kritik derer, die sich weise dünken. Laßt uns lieber dem Lamme folgen, wo es hingehet, zufrieden, seine Dornenkrone zu tragen, daß wir in seinem Reiche seine Herrlichkeit schauen mögen.

VI.

Das letzte Wort ist dies. In der Dornenkrone sehe ich einen mächtigen Antrieb. Einen mächtigen Antrieb, wozu? Nun zuerst, zu brünstiger Liebe für ihn. Könnt ihr ihn mit Dornen gekrönt sehen und euch nicht zu ihm gezogen fühlen? Mich dünkt, wenn er diesen Morgen unter uns träte und wir ihn sehen könnten, es würde ein Gedränge der Liebe um ihn sein, den Saum seines Kleides anzurühren oder seine Füße zu küssen. Heiland, du bist uns theuer und köstlich. Geliebtester von allen Namen droben, mein Heiland und mein Gott, du bist immer herrlich, aber in meinen Augen bist du nie liebenswerther, als wenn du mit schändlichem Spotte bekleidet bist. Er ist beides in Einem, die Lilie des Thals und die Rose von Saron, licht in der Vollkommenheit seines Charakters und blutroth in der Größe seiner Leiden. Verehrt ihn! Betet ihn an! Preiset ihn! Und laßt eure Lippen singen: „Würdig ist das Lamm.“

Dieser Anblick ist ein Antrieb, ferner, zur Buße. Haben unsre Sünden diese Dornen um sein Haupt gelegt? O, meine arme, gefallene Natur, ich will dich geißeln, weil du ihn gegeißelt hast und dich die Dornen fühlen lassen, weil du die Ursache bist, daß er sie gefühlt hat. Wie, könnt ihr den Freund eurer Seelen solche Schmach erdulden sehen, und doch mit der Sünde, die ihn durchbohrte, unterhandeln oder Waffenstillstand schließen? Es kann nicht sein. Laßt uns vor Gott unsern heißen Schmerz bekennen, daß wir unserm Heiland solches Leiden verursacht; und dann laßt uns um die Gnade bitten, daß wir unser Leben mit Dornen einhegen möchten, daß von diesem Tage an die Sünde sich uns nicht nähern könne. Ich dachte heut daran, wie oft ich einen Schwarzdorn in der Hecke gesehen habe, starrend von tausend Stacheln, doch gerade in der Mitte des Busches war das hübsche Nest eines kleinen Vogels. Warum machte das kleine Geschöpf sich hier seine Wohnung? Weil die Dornen ihm ein Schutz sind und es vor Schaden schirmen. Als ich gestern Abend über diesen Gegenstand nachsann, dachte ich, ich wollte euch bitten, eure Nester in den Dornen Christi zu bauen. Es ist ein sichrer Platz für Sünder. Weder Satan, Sünde noch Tod kann euch hier erreichen. Schaut auf eures Heilands Leiden und ihr werdet die Sühne für die Sünde sehen. Flieht in seine Wunden! flieht, ihr schüchternen, zitternden Tauben! Es ist kein Ruheplatz, wo ihr so sicher seid. Baut eure Nester, sage ich wieder, in diesen Dornen wenn ihr es gethan habt und Jesu vertraut und ihn euer Alles in Allem habt sein lassen, dann kommt und krönt sein heiliges Haupt mit anderen Kronen. Welchen Ruhm verdient er? Was ist gut genug für ihn? Wenn wir alle Kostbarkeiten aus den Schätzen der Monarchen nehmen könnten, sie wären nicht würdig, Kieselsteine unter seinen Füßen zu sein. Wenn wir ihm alle Scepter, Mitren, Tiaren, Diademe und allen andern Pomp der Erde bringen könnten, er würde es nicht werth sein, in den Staub vor ihm geworfen zu werden. Womit sollen wir ihn krönen? Kommt, laßt uns unser Lob zusammen weben und unsre Thränen als Perlen, unsre Liebe als Gold einflechten. Sie werden gleich so manchen Diamanten funkeln in seiner Schätzung, denn er liebt die Buße und er liebt den Glauben. Laßt uns eine Krone diesen Morgen aus unserm Preisen machen für ihn, den Lorbeergekrönten der Gnade. An diesem Tage, an dem er von den Todten auferstand, laßt uns ihn erhöhen. O, daß wir Gnade hätten, es im Herzen zu thun und dann im Leben und dann mit der Zunge, daß wir ihn auf immer preisen möchten, der für uns sein Haupt der Schande beugte. – Amen.


Die Botschaft des Heils in Predigten von C. H. Spurgeon, Prediger in London. 1875. No. 11. Verlag von Ludwig Koch in Hamburg. Druck von Gebrüder Koch.

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