Spurgeon, Charles Haddon - Christus, des Gesetzes Ende

„Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an ihn glaubt, der ist gerecht.“ Röm. 10,4

Englische Übersetzung: „Denn Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der da glaubt.“

Ihr erinnert euch, daß wir letzten Sonntag von „den Tagen des Menschensohnes“ sprachen. O, daß jeder Sonntag jetzt solch ein Tag im geistlichen Sinne wäre. Ich hoffe, daß wir versuchen werden, jeden wiederkehrenden Sonntag zu einem Tag des Herrn zu machen, indem wir viel an Jesus denken, viel in Ihm uns freuen, für Ihn arbeiten und immer dringender bitten, daß das Volk um Ihn sich sammeln möge. Wir mögen vielleicht nicht mehr viele Sonntage zusammen haben, der Tod mag uns bald scheiden; aber so lange wir fähig sind, als eine christliche Gemeinde zusammenzukommen, laßt uns nie vergessen, daß Christi Gegenwart das ist, was uns am meisten not tut, und laßt uns darum beten und den Herrn anflehen, uns seine Gegenwart stets in Bezeugungen von Licht, Leben und Liebe zu gewähren! Ich strebe immer ernster danach, daß jede Zeit des Predigens eine seelenrettende Zeit sei. Ich kann es dem Apostel Paulus tief nachempfinden, wenn er sagt: „Meines Herzens Wunsch ist, und flehe auch Gott für Israel, daß sie selig werden.“ Wir haben so viel predigen gehabt, aber im Vergleich damit so wenig Glauben an Jesus; und wenn kein Glauben an Ihn da ist, so hat weder das Gesetz noch das Evangelium seinem Zweck entsprochen, und unsere Arbeit ist ganz vergeblich gewesen. Einige von euch haben gehört und gehört und wieder gehört, aber nicht an Jesus geglaubt. Wenn ihr das Evangelium nicht gehört hättet, so könntet ihr nicht die Schuld der Verwerfung auf euch geladen haben. „Haben sie nicht gehört?“ sagt der Apostel. „Ja, wahrlich.“ „Aber sie sind nicht alle dem Evangelium gehorsam gewesen.“ Bis zu diesem Augenblick ist kein Hörer mit dem inneren Ohr da gewesen, kein Werk des Glaubens im Herzen bei vielen, die wir lieb haben. Liebe Freunde, soll es immer so bleiben? Wie lange soll es so bleiben? Wird nicht bald diese äußere Annahme der Gnadenmittel und die Abweisung der innerlichen Gnade ein Ende haben? Wird nicht eure Seele sich bald Jesu übergeben zur augenblicklichen Errettung? Brich an, brich an, o himmlischer Tag, für die Umnachteten, denn unsere Herzen brechen ihretwillen.

Der Grund, warum viele nicht zu Christus kommen, ist nicht, weil sie es nicht ernst nehmen, auf gewisse Weise nicht nachdenken und wünschen selig zu werden, sondern weil sie sich nicht in Gottes Heilsweg finden können. „Sie eifern um Gott, aber mit Unverstand.“ Wir bringen sie durch unsere Ermahnung so weit auf den Weg, daß sie wünschen, das ewige Leben zu erlangen, aber „sie sind der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, nicht untertan.“ Merkt es, „untertan“, denn Unterwerfung ist nötig. Der stolze Mensch will sich selber selig machen; er glaubt, daß er es tun kann und wird das Streben nie aufgeben, bis er seine eigene Hilflosigkeit durch mißlungene Versuche erkennt. Seligkeit aus Gnaden, gesucht in der Gestalt eines Bettlers, erbeten als ein unverdientes Gut von freier Gnade, das ist es, wozu der fleischliche Sinn nicht kommen will, so lange er noch umhin kann; ich bitte den Herrn, Er möge so wirken, daß einige von euch nicht mehr umhin können.

Und o, ich habe gebetet, daß, während ich heute morgen versuche, Christus als das Ende des Gesetzes darzustellen, Gott es an einigen Herzen segnen möge, daß sie sehen mögen, was Christus tat und einsehen, daß es sehr viel besser ist, als irgend etwas, das sie tun können; sehen mögen, was Christus vollbrachte, und dessen müde werden, woran sie so lange gearbeitet, und es bis auf diesen Tag noch nicht einmal recht angefangen haben. Vielleicht mag es dem Herrn gefallen, sie anzuziehen durch die Vollkommenheit des Heils, das in Christus Jesus ist. Wie Bunyan sagte: „es mag ihnen vielleicht den Mund wässern machen danach;“ und wenn ein heiliger Hunger beginnt, so wird es nicht lange sein, bis sie die Speise genießen. Es mag sein, wenn sie das Gewand von gewirktem Gold sehen, das Jesus umsonst den nackten Seelen gewährt, daß sie ihre eigenen schmutzigen Lumpen wegwerfen, die sie jetzt so eng um sich ziehen.

Ich will heute morgen mit Hilfe des Geistes Gottes von zwei Dingen reden: das erste ist von Christus in Verbindung mit dem Gesetze, Er ist „das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit“, und zweitens, von uns selbst in Verbindung mit Christus, „für jeden, der da glaubet, ist Christus das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit.“

I.

Zuerst denn, von Christus in Verbindung mit dem Gesetze. Das Gesetz ist das, was wir als Sünder über alles Ursache zu fürchten haben; denn der Stachel des Todes ist die Sünde, die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz. Gegen uns schießt das Gesetz verzehrende Flammen, denn es verdammt uns, und in feierlichen Ausdrücken weist es uns einen Platz unter den Verfluchten an, wie geschrieben steht: „Verflucht sei jedermann, der nicht bleibt in allem, das geschrieben steht in dem Buch des Gesetzes, daß er's tue.“ Doch, sonderbare Betörung! gleich der Verblendung„ welche die Mücke zum Lichte zieht, das ihre Flügel verbrennt, fliehen die Menschen von Natur zum Gesetz, um Seligkeit zu erlangen, und können nicht davon weggetrieben werden. Das Gesetz kann nichts anders tun als Sünde offenbaren und Verdammung über den Sünder aussprechen, und doch können wir die Menschen nicht davon wegbringen, selbst wenn wir ihnen zeigen, wie freundlich Jesus zwischen ihnen und demselben steht. Sie sind so in die gesetzliche Hoffnung verliebt, daß sie daran hängen, ob auch nichts da ist, woran sie sich hängen können; sie ziehen den Sinai dem Golgatha vor, obgleich der Sinai nichts für sie hat als Donner und Posaunen der Warnungen vor dem zukünftigen Gericht. O, daß ihr für eine Weile eifrig zuhört, während ich euch Jesus, meinen Herrn, vorstelle, damit ihr das Gesetz in Ihm sehen könnt. Nun, was hat unser Herr mit dem Gesetz zu tun? Er hat alles damit zu tun, denn Er ist sein Ende zu dem edelsten Zweck, nämlich zur Gerechtigkeit. „Er ist das Ende des Gesetzes.“ Was bedeutet dies? Ich meine, es bedeutet dreierlei: erstens, daß Christus Zweck und Ziel des Gesetzes ist; zweitens, daß Er seine Erfüllung ist; und drittens, daß Er sein Ende ist.

I.

Also erstens, unser Herr Jesus Christus ist Zweck und Ziel des Gesetzes. Es wurde gegeben, um uns zu Ihm zu führen. Das Gesetz ist unser Schulmeister, der uns zu Christus bringt oder vielmehr der Begleiter, der uns in die Schule Jesu bringt. Das Gesetz ist das große Netz, in dem die Fische eingeschlossen werden, um sie aus dem Element der Sünde herauszuziehen. Das Gesetz ist der stürmische Wind, der die Seelen in den Sicherheitshafen treibt. Das Gesetz ist der Gerichtsdiener, der die Menschen ins Gefängnis bringt für ihre Sünde, sie alle unter die Verdammnis einschließt, damit sie allein von der freien Gnade Gottes ihre Befreiung erwarten. Dies ist der Zweck des Gesetzes; es macht leer, damit die Gnade füllen möge und verwundet, damit die Barmherzigkeit heile. Es ist niemals Gottes Absicht gewesen, daß das Gesetz für uns gefallene Menschen der Heilsweg sein sollte, denn ein Heilsweg kann es niemals sein. Wäre ein Mensch nie gefallen, wäre seine Natur geblieben, wie Gott sie machte, so wäre das Gesetz ihm eine große Hilfe gewesen, um ihm den Weg zu zeigen, auf dem er wandeln sollte; und durch das Halten des Gesetzes wäre er am Leben geblieben, denn „welcher Mensch dies tut, der wird dadurch leben.“ Aber seit der Mensch gefallen ist, hat der Herr ihm keinen Heilsweg durch Werke gewiesen, denn Er weiß, daß dieser für ein sündiges Geschöpf unmöglich ist. Das Gesetz ist schon gebrochen; und was immer der Mensch auch tun kann, er kann nicht den Schaden wieder gut machen, den er schon getan hat; deshalb ist ihm jede Hoffnung auf Verdienst abgeschnitten. Das Gesetz verlangt Vollkommenheit, aber dem Menschen gebricht es an dieser Vollkommenheit; und deshalb, wenn er auch sein Bestes tut, so kann er nicht das leisten, was unumgänglich nötig ist. Das Gesetz soll den Sünder zum Glauben an Christus leiten, indem es ihm die Unmöglichkeit irgendeines anderen Weges zeigt. Es ist der schwarze Hund, der die Schafe zum Hirten treibt; die brennende Hitze, die den Wanderer zum Schatten des großen Felsen im öden Lande hinzieht.

Seht, wie das Gesetz hierfür passend ist; denn es zeigt dem Menschen seine Sünde. Lies die zehn Gebote und zittere, während du sie liest. Wer kann sein Leben mit diesen zwei Tafeln vergleichen, ohne sogleich überzeugt zu werden, daß er weit hinter dem Maßstab zurückgeblieben ist? Wenn das Gesetz in die Seele eindringt, so ist es wie das Licht in einem dunklen Zimmer, das allen Staub und Schmutz offenbar macht, der sonst unbemerkt geblieben wäre. Es ist das Mittel, wodurch das Vorhandensein des Sündengiftes in der Seele entdeckt wird. „Ich aber lebte etwa ohne Gesetz,“ sagt der Apostel, „da aber das Gebot kam, wurde die Sünde wieder lebendig, ich aber starb.“ Unsere Schönheit welkt ganz dahin, wenn das Gesetz darauf bläst. Blickt auf die Gebote, sage ich, und bedenkt, wie tief einschneidend sie sind, wie geistlich, wie weit reichend. Sie berühren nicht nur die äußere Handlung, sondern sie tauchen in die inneren Beweggründe und haben es mit dem Herzen, dem Gemüte und der Seele zu tun. Es ist eine tiefere Meinung in den Geboten, als auf der Oberfläche erscheint. Blicke in ihre Tiefen und sieh, wie furchtbar die Heiligkeit ist, die sie fordern. So wie du verstehst, was das Gesetz verlangt, so bemerkst du, wie weit entfernt du bist, es zu erfüllen, und wie die Sünde mächtig ist, wo du dachtest, daß wenig oder gar keine da sei. Du hieltest dich für reich und satt und glaubtest, nichts zu bedürfen, aber wenn das gebrochene Gesetz vor dich tritt, so starrt dir dein geistlicher Bankrott und deine gänzliche Armut ins Gesicht. Eine gute Waagschale entdeckt zu leichtes Gewicht, und das ist die erste Wirkung des Gesetzes auf das Gewissen des Menschen.

Das Gesetz zeigt auch die Folge und das Unheil der Sünde. Blickt auf die Vorbilder in dem Mosaischen Gesetze und seht, wie sie beabsichtigten, die Menschen zu Christus zu führen, indem sie ihnen ihren unreinen Zustand und das Bedürfnis einer Reinigung, wie Jesus Christus allein sie geben kann, aufdeckten. Jedes Vorbild wies auf Jesus Christus hin. Wenn Menschen abgesondert wurden wegen Krankheit oder Unreinheit, so zeigte dies ihnen, wie die Sünde sie von Gott und seinem Volke trennte; und wenn sie zurückgebracht und mit geheimnisvollen Gebräuchen gereinigt wurden, in denen Purpurwolle und Ysop und dergleichen war, zeigt ihnen dies, wie sie nur durch Jesus Christus, den großen Hohenpriester, wiederhergestellt werden könnten. Wenn der Vogel getötet wurde, damit der Aussätzige rein würde, so wurde die Notwendigkeit der Reinigung durch das Opfer eines Lebens dargestellt. Jeden Morgen und Abend mußte ein Lamm sterben, um von der täglichen Notwendigkeit der Vergebung zu zeugen, wenn Gott bei uns wohnen soll. Wir werden mitunter getadelt, weil wir zu viel vom Blut sprechen; doch im Alten Testament schien das Blut alles zu sein, und es wurde nicht nur davon gesprochen, sondern es wurde wirklich dem Auge dargestellt. Was sagt uns der Apostel im Brief an die Hebräer? „Daher auch das erste Testament nicht ohne Blut gestiftet wurde. Denn als Moses ausgeredet hatte von allen Geboten nach dem Gesetz zu allem Volk, nahm er Kälber- und Bocksblut, mit Wasser und Purpurwolle und Ysop und besprengte das Buch und alles Volk, und sprach: Das ist das Blut des Testaments, das Gott euch geboten hat. Und die Hütte und alles Geräte des Gottesdienstes besprengte er genauso mit Blut. Und so wird fast alles mit Blut gereinigt nach dem Gesetz. Und ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung.“ Das Blut war auf dem Vorhang und auf dem Altar und auf den Geräten und auf dem Fußboden der Stiftshütte; niemand konnte vermeiden, es zu sehen. Ich bin entschlossen, mein Predigtamt gleicher Art zu machen und es mehr und mehr mit dem Versöhnungsblut zu besprengen. Nun, das viele Blut im Alten Bund sollte deutlich zeigen, daß die Sünde uns so befleckt hat, daß wir ohne eine Sühne uns Gott nicht nahen dürfen; wir müssen auf dem Wege des Opfers kommen oder gar nicht. Wir sind so unannehmbar in uns selber, daß, wenn Gott nicht das Blut Jesu auf uns sieht, Er uns verstoßen muß. Das alte Gesetz mit seinen Sinnbildern und Vorbildern stellte viele Wahrheiten vor Augen über den Zustand der Menschen und den kommenden Heiland und wollte dadurch Christus predigen. Wenn einige nicht bis zu Ihm gelangten, so verfehlten sie Absicht und Zweck des Gesetzes. Moses führt hin zu Josua und das Gesetz endet mit Jesus.

Wenn wir unsere Gedanken mehr dem Sitten- als dem Zeremonial-Gesetz zuwenden, so sollte das die Menschen ihre gänzliche Hilflosigkeit lehren. Es zeigt ihnen, wie weit sie hinter dem zurückbleiben, was sie sein sollten, und es zeigt ihnen auch, wenn sie sorgfältig darauf blicken, wie ganz unmöglich es für sie ist, zu dieser Höhe hinaufzukommen. Solche Heiligkeit, wie das Gesetz verlangt, kann kein Mensch aus eigener Kraft erreichen. „Dein Gebot ist außerordentlich weit.“ (Ps. 119, 96 englische Übersetzung.) Wenn ein Mensch sagt, er könne das Gesetz halten, so ist es, weil er nicht weiß, was das Gesetz ist. Wenn er meint, daß er zum Himmel hinaufklettern kann an dem bebenden Sinai, so ist gewiß, daß er nie diesen brennenden Berg gesehen haben kann. Das Gesetz halten! Ach, meine Brüder, während wir noch davon sprechen, brechen wir es; während wir behaupten, seinen Buchstaben erfüllen zu können, tun wir seinem Geiste Gewalt an, denn Stolz bricht das Gesetz ebenso sehr, wie Wollust oder Mord. „Wer will einen Reinen finden bei denen, da keiner rein ist?“ „Wie mag rein sein eines Weibes Kind?“ Nein, Seele, du kannst dir selber nicht helfen, denn da du nur im Falle der Vollkommenheit durch das Gesetz leben kannst und diese Vollkommenheit unmöglich ist, so kannst du in einem Bunde der Werke keine Hilfe finden. In der Gnade ist Hoffnung, aber nicht als etwas, auf das wir ein Recht hätten, denn wir verdienen nichts als Zorn. Das Gesetz sagt uns dies, und je eher wir es wissen, desto besser, denn desto eher werden wir zu Christus fliehen.

Das Gesetz zeigt uns auch, was für uns notwendig ist - Reinigung, Reinigung mit dem Wasser und dem Blut. Es deckt uns unsere Befleckung auf, und dies bringt uns natürlich dahin, zu fühlen, daß wir davon rein gewaschen werden müssen, wenn wir je Gott nahe kommen sollen. So treibt das Gesetz uns dahin, Christus anzunehmen als den Einzigen, der uns reinigen und fähig machen kann, im Allerheiligsten vor des Höchsten Gegenwart zu stehen. Das Gesetz ist das Messer des Chirurgen, das das wilde Fleisch ausschneidet, damit die Wunde heilt. Das Gesetz tötet, das Evangelium macht lebendig; das Gesetz streift uns die Hüllen ab, und dann kommt Jesus Christus und kleidet die Seele in Schönheit und Herrlichkeit. Alle Gebote und alle Vorbilder weisen uns zu Christus, wenn wir nur auf ihre klare Absicht achten wollen. Sie entwöhnen uns von unserem Ich, sie bringen uns ab von der falschen Grundlage der Selbstgerechtigkeit, und führen uns zu der Erkenntnis, daß allein in Christus unsere Hilfe gefunden werden kann. So ist Christus des Gesetzes Ende, weil Er das große Ziel desselben ist.

II.

Und nun, zweitens, Er ist des Gesetzes Erfüllung. Es ist unmöglich für jemand von uns, errettet zu werden ohne Gerechtigkeit. Der Gott des Himmels und der Erde verlangt mit unabänderlicher Notwendigkeit Gerechtigkeit von allen seinen Geschöpfen. Nun, Christus ist gekommen, uns die Gerechtigkeit zu geben, die das Gesetz verlangt, die es aber nie verleiht. In dem Kapitel, das wir vor uns haben, lesen wir von der „Gerechtigkeit aus dem Glauben,“ die auch „Gottes Gerechtigkeit“ genannt wird; und wir lesen von denen, die „nicht zuschanden“ werden sollen, weil sie glauben, „denn wenn man von Herzen glaubt, so wird man gerecht.“ Was das Gesetz nicht tun konnte, hat Jesus getan. Er gewährt die Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, aber nicht hervorbringen kann. Welch eine erstaunliche Gerechtigkeit muß das sein, die ebenso breit und tief und lang und hoch ist wie das Gesetz selber. Das Gebot ist außerordentlich weit, aber die Gerechtigkeit Christi ist ebenso weit wie das Gebot und geht bis zum Ende desselben. Christus kam nicht, das Gesetz milder zu machen oder es zu ermöglichen, daß unser geborstener und zertrümmerter Gehorsam angenommen werde als eine Art Kompromiß. Das Gesetz wird nicht gezwungen, seine Forderungen niedriger zu stellen, wie wenn es ursprünglich zuviel verlangt hätte; es ist heilig, gerecht und gut, und es sollte in keinem Jota oder Titel geändert werden und kann dies auch nicht.

Unser Herr gibt dem Gesetz alles, was es fordert, nicht einen Teil nur, denn dadurch würde eingeräumt, daß es zuerst mit weniger hätte zufrieden sein können. Das Gesetz fordert vollständigen Gehorsam ohne Flecken oder Runzel, Fehler oder Gebrechen, und Christus hat eine solche Gerechtigkeit gebracht und gibt diese seinem Volke. Das Gesetz verlangt, die Gerechtigkeit solle ohne Unterlassung der Pflicht und ohne Lust von Sünde sein, und die Gerechtigkeit, die Christus gebracht hat, ist gerade so, daß wegen ihr der große Gott die Seinen annimmt und sie ansieht, als wenn sie ohne Flecken, Runzel oder sonst etwas wären. Das Gesetz ist nicht zufrieden ohne geistlichen Gehorsam, die bloße äußere Erfüllung genügt nicht. Aber unseres Herrn Gehorsam war ebenso tief wie weit, denn sein Eifer, den Willen Dessen zu tun, der Ihn gesandt hat, verzehrte Ihn. Er sagt selbst: „Deinen Willen, mein Gott, tue ich gern und Dein Gesetz habe ich in meinem Herzen!“ Solche Gerechtigkeit zieht Er dem Gläubigen an, „durch eines Gehorsam werden viele Gerechte;“ völlig gerecht, vollkommen in Christus. Wir freuen uns, das kostbare Kleid von schönem weißen Linnen zu tragen, das Jesus uns bereitet hat, und wir fühlen, daß wir damit bekleidet werden, vor der Majestät des Himmels ohne einen zitternden Gedanken erscheinen können. Dies ist etwas, wobei wir verweilen können, lieben Freunde. Nur als Gerechte können wir selig werden, aber Jesus Christus macht uns gerecht, und deshalb werden wir selig. Wer an Ihn glaubt, der ist gerecht, eben wie Abraham an Ihn glaubte, und das „wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet.“ „So ist nun nichts Verdammenswertes an denen, die in Christus Jesus sind,“ weil sie in Christus gerecht gemacht sind. Ja, der Heilige Geist fordert durch den Mund des Paulus alle Menschen, Engel und Teufel heraus, ob sie die Erwählten Gottes beschuldigen können, da Christus für sie gestorben ist. O Gesetz, wenn du von mir eine vollkommene Gerechtigkeit verlangst, ich, als ein Gläubiger, bringe sie dir dar; denn durch Jesus Christus wird mir der Glaube zur Gerechtigkeit gerechnet. Die Gerechtigkeit Christi ist mein, denn ich bin durch den Glauben eins mit Ihm, und der Name, womit Er genannt werden soll, ist: „Der Herr unsere Gerechtigkeit.“

Jesus hat so die ursprünglichen Forderungen des Gesetzes erfüllt, aber ihr wißt, Brüder, daß andere Forderungen da sind, weil wir das Gesetz gebrochen haben. Zur Vergebung früherer Sünden ist etwas mehr erforderlich, als gegenwärtiger und kräftiger Gehorsam. Über uns ist wegen unserer Sünde der Fluch ausgesprochen und wir sind einer Strafe verfallen. Es steht geschrieben, daß Er „die Missetat heimsuchen“ will, und jede Übertretung und Sünde soll ihre gerechte Vergeltung und Strafe finden. Hier denn laßt uns bewundern, daß Jesus Christus das Ende des Gesetzes in bezug auf die Strafe ist: Jener Fluch und jene Strafe sind furchtbare Dinge, aber Christus hat all ihrem Übel ein Ende gemacht und so uns von allen Folgen der Sünde befreit. Über den Gläubigen spricht das Gesetz keinen Fluch aus und verlangt keine Bestrafung für ihn. Der Gläubige kann auf den großen Bürgen am Kreuz auf Golgatha hinweisen und sagen: „Siehe da, o Gesetz, da ist die Genugtuung für die göttliche Gerechtigkeit, welche ich dir biete. Jesus, der sein Herzblut vergießt und für mich stirbt, ist meine Antwort auf deine Ansprüche, und ich weiß, daß ich durch Ihn vom Zorn Gottes erlöst bin.“ Die Forderungen des Gesetzes, sowohl des ungebrochenen, wie des gebrochenen, hat Christus erfüllt; beides, die Ansprüche aufgrund der Tat und der Strafe, sind in Ihm befriedigt. Dies war eine Arbeit, würdig eines Gottes, und siehe, der menschgewordene Gott hat sie vollbracht. Er hat dem Übertreten gewehrt, die Sünde versiegelt, die Missetat versöhnt und die ewige Gerechtigkeit gebracht. Ruhm sei seinem Namen.

Ferner ist nicht nur die Strafe gebüßt, sondern Christus hat dem Gesetz große und besondere Ehre verliehen. Ich wage zu sagen: wenn das ganze menschliche Geschlecht das Gesetz Gottes gehalten und nicht ein einziger es gebrochen hätte, so würde das Gesetz nicht so glänzend geehrt dastehen, wie es heute tut, da der Mensch Jesus Christus, der auch der Sohn Gottes ist, es erfüllt hat. Gott selber, der Mensch wurde, hat in seinem Leben und noch mehr in seinem Tode die Erhabenheit des Gesetzes offenbart; Er hat gezeigt, daß nicht einmal Liebe oder Herrschermacht die Gerechtigkeit beiseite setzen kann. Wer wird ein Wort gegen ein Gesetz sagen, dem der Gesetzgeber selbst sich unterordnet? Wer wird nun sagen, daß es zu streng ist, wenn der, der es machte, sich selbst seiner Strafe unterwirft? Weil Er an Gestalt erfunden wurde als ein Mensch und unser Stellvertreter war, forderte der Herr von seinem eigenen Sohn vollkommenen Gehorsam gegen das Gesetz, und der Sohn beugte sich freiwillig, ohne ein einziges Wort, darunter, Er hatte keine Einwendung gegen seine Aufgabe. „Ja, Dein Gesetz ist meine Freude,“ sagte Er, und Er bewies dies, indem Er es völlig hielt. O, wundervolles Gesetz, unter dem sogar Immanuel dient! O, unvergleichliches Gesetz, dessen Joch selbst der Sohn Gottes nicht zu tragen verschmäht; entschlossen, seine Erwählten zu retten, wurde Er unter das Gesetz getan, lebte darunter und starb darunter, „gehorsam bis zum Tode, ja, bis zum Tode am Kreuze.“

Des Gesetzes Dauer ist auch durch Christus gesichert. Das allein kann bleiben, was sich als gerecht erwiesen hat, und Jesus hat das Gesetz als solches hingestellt, hat es geehrt und begriffen. Er spricht: „Ihr sollt nicht meinen, daß ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sage euch, wahrlich, bis daß Himmel und Erde zergehe, wird nicht zergehen der kleinste Buchstabe, noch ein Titel vom Gesetz, bis daß es alles geschehe.“

Ich werde euch zu zeigen haben, wie Er dem Gesetz ein Ende machte in anderem Sinne, aber was die ewigen Grundsätze von Recht und Unrecht betrifft, so hat Christi Leben und Tod diese für immer festgestellt. „Wir richten das Gesetz auf,“ sagt Paulus, „wir heben es nicht auf durch den Glauben.“ Das Gesetz ist gerade durch das Evangelium des Glaubens als heilig und gerecht erwiesen, denn das Evangelium, an das wir glauben, ändert nicht das Gesetz und stellt es nicht niedriger, sondern lehrt uns, wie es bis aufs genaueste erfüllt wurde. Nun wird das Gesetz auf ewig feststehen, da Gott es nicht einmal ändern will, um die Erwählten zu retten. Er hatte ein Volk auswählt, geliebt und zum Leben verordnet, doch wollte Er dies nicht selig machen auf Kosten eines einzigen Rechtsgrundsatzes. Sie waren sündig, und wie konnten sie gerechtfertigt werden, ohne daß das Gesetz aufgehoben oder geändert wurde? Wurde denn das Gesetz geändert? Es schien, als ob es geschehen müsse, wenn der Mensch selig werden sollte, aber Jesus Christus kam und zeigte uns, wie das Gesetz feststehen könnte wie ein Felsen, und doch die Erlösten gerechterweise durch die unendliche Barmherzigkeit errettet werden könnten. In Christus sehen wir beides, die Gnade und die Gerechtigkeit in vollem Glanze strahlen und doch verfinstert keine von beiden irgendwie die andere. Das Gesetz hat alles, was es je verlangte, wie es das haben muß, und doch sieht der Vater aller Barmherzigkeit alle seine Erwählten gerettet, wie Er beschloß, daß sie es sein sollten durch den Tod seines Sohnes. So habe ich versucht, euch zu zeigen, wie Christus die Erfüllung des Gesetzes bis zu seinem äußersten Ende ist. Möge der Heilige Geist die vorgetragene Lehre segnen.

III.

Und nun drittens: Er ist das Ende des Gesetzes in dem Sinne, daß Er die Beendigung desselben ist. Er hat es in zweierlei Art beendet. Zuerst vor allem, sein Volk ist nicht unter dem Gesetz als unter einem Bund des Lebens. „Wir sind nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade.“ Der Alte Bund, wie er mit dem Vater Adam gemacht war, lautete: „Tue dies, so wirst du leben;“ sein Gebot hielt er nicht und folglich blieb er nicht lebendig, und wir leben auch nicht in ihm, da wir in Adam alle starben. Der Alte Bund war gebrochen und wir wurden deshalb verdammt; aber nun, da wir in Christus den Tod erlitten haben, sind wir nicht mehr unter ihm, sondern sind ihm gestorben. Brüder, in diesem gegenwärtigen Augenblicke, obgleich wir uns freuen, gute Werke zu tun, suchen wir doch durch sie nicht das Leben; wir hoffen nicht die göttliche Gunst durch unser eigenes Gutsein zu erlangen, nicht einmal uns in der Liebe Gottes durch irgendwelches Verdienst zu bewahren. Erwählt, nicht wegen unserer Werke, sondern nach dem ewigen Willen und Wohlgefallen Gottes; berufen, nicht aus Werken, sondern durch den Geist Gottes, wünschen wir, in dieser Gnade zu bleiben und nicht mehr zur Knechtschaft des Alten Bundes zurückzukehren. Da wir unser Vertrauen auf eine Versöhnung setzen, die aus Gnade durch Jesus Christus gestiftet und gegeben wird, so sind wir nicht mehr Sklaven, sondern Kinder, tun nicht Werke, um errettet zu werden, sondern sind schon errettet, und weil wir dies sind, tun wir Werke. Weder das, was wir tun, noch selbst das, was der Geist Gottes in uns wirkt, ist für uns der Grund der Liebe Gottes zu uns, da Er uns von Anfang an geliebt hat, weil Er uns lieben wollte, unwürdig, wie wir es sind; und Er liebt uns noch in Christus und sieht auf uns, nicht wie wir in uns selbst sind, sondern wie wir in Ihm sind, gewaschen in seinem Blut und bedeckt mit seiner Gerechtigkeit. Ihr seid nicht unter dem Gesetz, Christus hat die knechtische Gebundenheit unter einen verdammenden Bund von euch genommen und euch die Kindschaft verliehen, so daß ihr jetzt ruft: „Abba, lieber Vater!“

Weiter, Christus ist der Vollender des Gesetzes, denn wir sind nicht länger unter seinem Fluche. Das Gesetz kann einen Gläubigen nicht verfluchen, es weiß das nicht anzufangen; es segnet ihn, ja, und er soll gesegnet sein; denn da das Gesetz Gerechtigkeit verlangt und den Gläubigen ansieht, wie Jesus ihm alle verlangte Gerechtigkeit gegeben, so ist das Gesetz verbunden, ihn für gesegnet zu erklären. „Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet, in dessen Geist kein Falsch ist.“ O, die Freude, von dem Fluch des Gesetzes durch Christus erlöst zu sein, der „für uns zum Fluch gemacht wurde“, denn es steht geschrieben: „Verflucht ist jedermann, der am Holz hängt.“ Versteht ihr, meine Brüder, das süße Geheimnis des Heils? Habt ihr jemals Christus an eurer Stelle stehen sehen, damit ihr an seiner Stelle stehen möchtet? Christus angeklagt und Christus verurteilt, Christus zum Tode hinausgeführt und Christus vom Vater geschlagen, selbst bis zum Tode, und dann euch gereinigt, gerechtfertigt, befreit von dem Fluche, weil der Fluch sich über euren Erlöser ergossen hat? Ihr dürft euch des Segens erfreuen, weil die Gerechtigkeit, welche sein war, nun auf euch übertragen ist, damit ihr in alle Ewigkeit vom Herrn gesegnet wäret. Laßt uns triumphieren und uns darüber ewig freuen. Warum sollten wir nicht? Und doch gehen einige aus dem Volke Gottes wieder unter das Gesetz zurück mit ihren Gefühlen und fangen an zu fürchten, daß, weil sie sich der Sünde bewußt sind, sie nicht errettet seien, während doch geschrieben steht: „Er macht die Gottlosen gerecht.“ Ich für meine Person liebe es, nahe bei einem Heiland der Sünder zu leben. Wenn mein Stand vor dem Herrn von dem abhinge, was ich in mir selber bin und welche guten Werke und Gerechtigkeit ich bringen könnte, gewiß, ich würde mich tausendmal an einem Tage zu verdammen haben. Aber davon sich abzuwenden und zu sagen: „Ich habe an Jesus Christus geglaubt und deshalb ist die Gerechtigkeit mein,“ das ist Friede, Ruhe, Freude und der Beginn des Himmels! Wenn jemand zu dieser Erfahrung kommt, so beginnt seine Liebe zu Jesus Christus aufzuflammen, und er fühlt, wenn der Erlöser ihn von dem Fluche des Gesetzes befreit hat, so will er auch nicht in der Sünde beharren, sondern versuchen, in einem neuen Leben zu wandeln. Wir gehören nicht uns selbst, wir sind teuer erkauft, und wir wollen daher Gott preisen an unserm Leibe und unserm Geiste, welche sind des Herrn. So viel von Christus in Verbindung mit dem Gesetze.

II.

Nun zweitens, von uns selbst in Verbindung mit Christus denn „Christus ist das Ende des Gesetzes für jeden, der da glaubt.“ Nun seht das Wort an: „für jeden, der da glaubt,“ da liegt der Nachdruck. Komm, Mann, Weib, glaubst du? Keine wichtigere Frage kann unter dem Himmel gestellt werden. „Glaubst du an den Sohn Gottes?“ Und was heißt es, glauben? Es ist nicht bloß, eine Reihe von Lehren annehmen und zu sagen, das und das Glaubensbekenntnis sei das eurige und es dann aufs Gesims zu stellen und zu vergessen. Glauben heißt: vertrauen, sich verlassen, Zuversicht haben, ruhen. Glaubst du, daß Jesus Christus von den Toten auferstanden ist? Glaubst du, daß Er an des Sünders Statt stand und daß der Gerechte für den Ungerechten litt? Glaubst du, daß Er für immer alle selig machen kann, die durch Ihn zu Gott kommen? Und legst du daher das ganze Gewicht und die ganze Schwere deines Seelenheils auf Ihn, ja, auf Ihn allein? Ach, dann ist Christus das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für dich, und du bist gerecht. In die Gerechtigkeit Gottes bist du gekleidet, wenn du glaubst. Es nützt nichts, irgend etwas anderes darzubringen, wenn du nicht gläubig bist, denn nichts wird helfen. Wenn der Glaube fehlt, so ist das Wesentliche nicht da; Sakramente, Gebete, Bibellesen, Hören des Evangeliums, du magst dies alles aufeinander häufen, hoch wie die Sterne, zu einem Berge, groß wie der hehre Olymp, doch ist es alles nur Spreu, wenn der Glaube fehlt. Es ist dein Glauben oder Nichtglauben, welches die Sache entscheidet. Blickst du von dir selbst hinweg auf Jesus, um deine Gerechtigkeit da zu suchen? Wenn du es tust, so ist Er das Ende des Gesetzes für dich.

Nun bemerkt auch, daß hier keine Frage gestellt wird über das, was der Mensch früher war, denn es steht geschrieben: „Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der da glaubt.“ Aber, Herr, dieser Mann war früher ein Verfolger und tat viel Schaden, er wütete und raste gegen die Heiligen, brachte sie ins Gefängnis und suchte ihr Blut. Ja, .lieber Freund, und das ist derselbe Mann, der durch den Heiligen Geist diese Worte schrieb: „Christus ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der da glaubt.“ So, wenn ich heute zu jemand spreche, dessen Leben mit jeder Sünde verunreinigt ist und befleckt mit jeder Übertretung, die wir uns vorstellen können, so sage ich ihm doch, bedenke, „alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben.“ Wenn du an den Herrn Jesus Christus glaubst, so werden deine Missetaten ausgetilgt, denn „das Blut Jesu Christi, des Sohnes Gottes, macht uns rein von aller Sünde.“ Dies ist die Herrlichkeit des Evangeliums, daß es eines Sünders Evangelium ist; gute Botschaft des Segens, nicht für die ohne Sünde, sondern für die, welche sie bekennen und davon ablassen. Jesus kam in die Welt, nicht um die Sündlosen zu belohnen, sondern um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist; und der Verlorene und von Gott Entfernte, der sich Gott durch Christus naht und an Ihn glaubt, wird finden, daß Er dem Schuldigen Gerechtigkeit verleihen kann. Er ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der da glaubt, für die arme Hure, die da glaubt, für den Trunkenbold von vielen Jahren, der da glaubt, für den Dieb, den Lügner und den Spötter, der da glaubt, für die, welche zuvor in Sünden geschwelgt haben, aber sich nun davon abkehren und auf Ihn trauen. Aber ich weiß nicht, daß ich nötig hätte, solche Fälle wie diese zu erwähnen. Für mich ist es die wunderbarste Tatsache, daß Christus das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für mich ist, denn ich glaube an Ihn. Ich weiß, an wen ich glaube, und bin gewiß, daß Er das, was ich Ihm anvertraut habe, bis auf jenen Tag bewahren kann.

Ein anderer Gedanke entspringt aus dem Texte, und das ist, daß nichts davon gesagt ist, daß ein gewisses Maß des Glaubens nötig sei. Er ist das Ende des Gesetzes zur Gerechtigkeit für jeden, der da glaubt, ob es „Kleinglaube“ oder „Großherz“ ist. Jesus beschützt den Nachtrab sowohl als den Vortrab. Es ist kein Unterschied zwischen den Gläubigen in der Rechtfertigung. So lange eine Verbindung zwischen dir und Christus da ist, ist die Gerechtigkeit Gottes dein. Die Verbindungskette mag einem dünnen Häutchen gleichen, dem Faden eines Spinngewebes von zitterndem Glauben, aber wenn sie von deinem Herzen bis zu Christus läuft, so kann und wird die göttliche Gnade an dem zartesten Faden herabfließen.

Es ist wunderbar, wie fein der Draht sein kann, der den elektrischen Strom weiter leitet. Wir mögen ein Kabel nötig haben, um eine Botschaft übers Meer zu tragen, aber das ist zum Schutze des Drahtes, dieser selbst ist ein dünnes Ding. Wenn dein Glaube von der Senfkorn-Art ist, wenn es nur ein solcher ist, der zitternd den Saum von des Heilandes Gewand anrührt, wenn du nur sagen kannst: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben,“ wenn es nur der Glaube des sinkenden Petrus oder der weinenden Maria ist, dennoch, wenn es Glaube an Christus ist, so wird Er genauso das Ende des Gesetzes für dich wie für den ersten der Apostel sein. Wenn dies so ist, geliebte Freunde, so sind wir alle, die da glauben, gerecht. Durch den Glauben an Jesus Christus haben wir die Gerechtigkeit erlangt, von der die, die den Werken des Gesetzes folgen, nichts wissen. Wir sind nicht vollständig geheiligt, wollte Gott, wir wären es; wir sind nicht frei von Sünde in unseren Gliedern, obgleich wir sie hassen; aber trotz alledem sind wir in den Augen Gottes wirklich gerecht und haben durch den Glauben Frieden mit Gott. Kommt, schaut hinauf, ihr Gläubigen, die ihr mit einem Gefühl der Sünde beladen seid. Ob ihr euch auch selber straft und eure Sünde betrauert, zweifelt nicht an eurem Heiland, stellt seine Gerechtigkeit nicht in Frage. Ihr seid schwarz, aber bleibt dabei nicht stehen, sondern sprecht, wie die Braut im Hohenlied: „Ich bin schwarz, aber gar lieblich.“

„An mir und meinem Leben
Ist nichts auf dieser Erd',
Was Christus mir gegeben“

Nun merkt, daß der Zusammenhang unseres Textes uns versichert, daß wir, da wir gerecht sind, errettet sind. Denn was lesen wir hier: „So du mit deinem Munde bekennst Jesus, daß Er der Herr sei, und glaubst in deinem Herzen, daß Ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig.“ Wer gerechtfertigt ist, wird selig. Was wäre sonst der Nutzen der Rechtfertigung? Über dich, o Gläubiger, hat Gott das Urteil ausgesprochen: „Errettet,“ und niemand soll es umstoßen. Du bist errettet von Sünde und Tod und Hölle; du bist jetzt errettet mit einem gegenwärtigen Heil durch den, der uns selig gemacht und berufen hat mit einem heiligen Ruf. Fühle das Entzücken davon zu dieser Stunde. „Geliebte, nun sind wir Gottes Kinder.“

Und nun bin ich fertig, wenn ich nur noch dieses gesagt habe. Wenn jemand hier denkt, daß er sich selbst selig machen kann und daß seine eigene Gerechtigkeit vor Gott geringer wird, so möchte ich ihn herzlich bitten, seinen Heiland nicht zu beschimpfen. Wenn deine Gerechtigkeit genügte, warum kam Christus denn, um eine zu bringen? Willst du einen Augenblick lang deine Gerechtigkeit mit der Gerechtigkeit Jesu Christi vergleichen? Welche Ähnlichkeit ist zwischen dir und Ihm? Soviel wie zwischen einer Eintagsfliege und einem Erzengel. Nein, nicht soviel; soviel als zwischen Nacht und Tag, Hölle und Himmel. O, wenn ich eine eigene Gerechtigkeit hätte, die niemand tadeln könnte, so wollte ich sie freiwillig wegschleudern, um die Gerechtigkeit Christi zu haben, aber da ich keine eigene habe, so freue ich mich um so mehr, die meines Herrn zu haben. Als Whitfield zuerst in Kingswood vor den Kohlengräbern predigte, konnte er an den weißen Rinnen, welche die Tränen, die die schwarzen Wangen hinunterliefen, machten, sehen, daß ihre Herzen gerührt wurden. Er sah, daß sie das Evangelium aufnahmen und schreibt in seinem Tagebuch: „Da diese armen Kohlengräber keine eigene Gerechtigkeit hatten, so freuten sie sich in Ihm, der kam, um Sünder und Zöllner zu retten.“ „Wohl, Whitfield, das ist wahr von den Kohlengräbern, aber es ist ebenso wahr von vielen unter uns hier, die keine schwarzen Gesichter gehabt haben mögen, aber schwarze Herzen hatten. Wir können mit Wahrheit sagen, daß auch wir unsere eigene Gerechtigkeit weggeworfen und sie für Schaden und Unrat geachtet, damit wir Christus gewinnen und in Ihm erfunden werden. In Ihm ist unsere einzige Hoffnung und einzige Zuversicht.

Zuletzt: wenn einige von euch die Gerechtigkeit Christi ausschlagen, so werden sie ewiglich verderben, denn es kann nicht sein, daß Gott euch oder eure vorgebliche Gerechtigkeit annimmt, wenn ihr die wirkliche und göttliche verwerft, die Er euch in seinem Sohne anbietet. Wenn du hinauf zu den Toren des Himmels gehen könntest und die Engel dich fragten: „Was für ein Recht zum Eintritt hast du hier?“ und du antwortetest: „Ich habe meine eigene Gerechtigkeit,“ und du dann eingelassen würdest, so hieße das, die Entscheidung abgeben, daß deine Gerechtigkeit derjenigen Immanuels gleich stünde. Kann das je sein? Meinst du, daß Gott je erlaubte, daß eine solche Lüge bestätigt würde? Willst du die nachgeahmte Gerechtigkeit eines armen, elenden Sünders neben dem feinen Gold der Vollkommenheit Christi als gültig kursieren lassen? Warum wurde der Born mit Blut gefüllt, wenn du kein Waschen nötig hast? Ist Christus überflüssig?

O, das kann nicht sein. Du mußt Christi Gerechtigkeit haben oder ungerecht sein, und wenn du ungerecht bist, so bist du nicht errettet, und wenn du nicht errettet bist, so mußt du in alle Ewigkeit verloren bleiben. Was! Läuft es denn alles darauf hinaus, daß ich an den Herrn Jesus Christus zur Gerechtigkeit glauben muß, und durch den Glauben gerecht werden? Ja, das ist es, das ist das Ganze. Was! Nur auf Christus vertrauen, und dann leben, wie es mir gefällt? Du kannst nicht in Sünde leben, nachdem du Jesus vertraust, denn der Glaube bringt eine Umwandlung deiner Natur und Erneuerung deiner Seele mit dir. Der Geist Gottes, der dich zum Glauben führt, wird auch dein Herz ändern. Du sprachst von „leben, wie es dir gefällt,“ dir wird gefallen, was sehr verschieden ist von dem, was du jetzt tust. Die Dinge, die du vor deiner Bekehrung liebtest, wirst du hassen, wenn du gläubig bist, und die Dinge, die du haßtest, wirst du lieben. Nun versuchst du, gut zu sein und kommst darin sehr zu kurz, weil dein Herz fern von Gott ist, aber wenn du einmal das Heil durch das Blut Christi erlangt hast, so wird dein Herz Gott lieben und du wirst seine Gebote halten und sie werden dir nicht länger schwer scheinen. Eine Umwandlung des Herzens ist es, die du brauchst, und du wirst sie nie anders erhalten als durch den Gnadenbund. Es ist kein Wort von Bekehrung im Alten Bunde, wir müssen das im Neuen Bunde suchen. Aber hier ist ein Wort, wie es herrlicher auch im Neuen Bunde nicht gefunden wird: „Dann will ich reines Wasser über euch sprengen, daß ihr rein werdet von aller eurer Unreinheit, und von allen euren Götzen will ich euch reinigen. Und will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben, und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen, und euch ein fleischernes Herz geben. Ich will meinen Geist in euch geben und will solche Leute aus euch machen, die in meinen Geboten wandeln und meine Rechte halten und danach tun.“ Dies ist eine der größten Verheißungen des Alten Bundes, und der Heilige Geist erfüllt sie in den Auserwählten. O, daß der Herr euch sanft überredete, an Jesus Christus zu glauben, so werden diese Verheißungen und alle anderen Bundesversprechungen in eurer Seele erfüllt werden. Der Herr segne euch und meine schwachen Worte um Jesu willen. Amen. Zuflucht des Sünders zu Christus. Wo fliehst du, armer Sünder, hin? Wie ist dir nun zu raten? Du sprichst:

„Weil ich beladen bin
Mit tausend Missetaten,
So wird mich doch dies schwere Joch
Bis in die Hölle drücken.“

Sei gutes Muts, viel tausend Gut's
Soll dich mit Trost erquicken.
Wer hofft in Gott und dem vertraut,
Darf nimmermehr verzagen.

Er hat auf einen Fels gebaut,.
Den kann kein Sturm zerschlagen;
Will Sünd' und Not, will Höll' und Tod
Ihn zur Verzweiflung treiben,
So steh' er fest, denn Jesus läßt
Ihn ohne Trost nicht bleiben.

Wie könnte doch der liebe Gott
Das in sein Herze bringen,
Daß wir in unsrer Seelennot
So hilflos untergingen?
Er ist ja schon durch seinen Sohn
Versöhnet mit uns Armen:
Wenn wir auf den im Glauben seh'n,
So muß sich Gott erbarmen.

Drum, Sünder! drückt dich deine Schuld,
So falle Gott zu Fuße:
Es folgt gewisse Gnad' und Huld
Auf wahre Reu' und Buße.
Des Glaubens Kraft, die alles schafft,
Weiß Gottes Herz zu fassen;
Dasselbe bricht und kann dich nicht
Zu schanden werden lassen.

So tröste dich, erlöster Christ!
Wie groß auch sei dein Schade;
Obgleich die Sünde mächtig ist,
Viel mächt'ger ist die Gnade:
Denn Christi Blut macht alles gut;
Was Er damit erworben,
Mißt dir Gott zu, als wärest du,
Wie Christus selbst, gestorben.“

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