Spurgeon, Charles Haddon - Christus, der Baum des Lebens

„Mitten auf ihrer Gasse und auf beiden Seiten des Stroms stand Holz des Lebens, das trug zwölferlei Früchte, und brachte seine Früchte alle Monden; und die Blätter des Holzes dienten zur Gesundheit der Heiden.“

Offenbarung 22,2

Ihr werdet euch erinnern, daß in dem ersten Paradiese ein Baum des Lebens mitten im Garten stand. Als Adam gesündigt hatte und hinausgetrieben ward, hieß es: „Nun aber, daß er nicht ausstreckte seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich,“ darum trieb Gott ihn aus. Einige haben vermutet, dieser Baum des Lebens im Garten Eden hätte das Mittel sein sollen, den Menschen unsterblich zu machen, das Essen von demselben würde ihn in der Stärke immerwährender Jugend erhalten haben, ihn vor der Abnahme seiner Kräfte bewahrt, und durch eine geistliche Wiedergeburt das Siegel der beständigen Dauer auf sein Wesen gedrückt haben. Ich weiß hierüber nichts. Wenn es sich so verhalten hat, kann ich den Grund verstehen, warum Gott nicht wollte, daß der erste Mensch, Adam, unsterblich werden sollte in dem gefallenen Zustande, darin er sich befand, sondern es so ordnete, daß die alte Natur sterben und die Unsterblichkeit einer neuen Natur gegeben werden sollte, die unter einer andern Führerschaft gebildet und von einem andern Geist erweckt wäre.

Unser Text sagt uns, daß in dem Mittelpunkt des neuen Paradieses, des vollkommenen Paradieses Gottes, aus dem die Heiligen niemals vertrieben werden sollen, da es unser immerwährendes Erbe ist, auch ein Holz des Lebens steht. Aber hier übersetzen wir das Bild. Wir verstehen dergleichen nicht buchstäblich. Wir glauben, daß kein Andrer als unser Herr Jesus Christus dieses Holz des Lebens ist, dessen Blätter zur Gesundheit der Heiden dienen. Wir können uns kaum irgend eine andre Deutung denken, da uns diese so bedeutungsvoll erscheint und so unaussprechliche Befriedigung gewährt.

Auf jeden Fall, Geliebte, wenn dies nicht der einzige Zweck der erhabenen Vision war, welche Johannes sah, so ist es doch eine gewisse Wahrheit, daß unser Herr Jesus das Leben von den Toten ist und das Leben für sein eignes lebendiges Volk. Er ist Alles in Allem für die Seinen und durch ihn und durch ihn allein muß ihr geistliches Leben erhalten werden. Wir sind also ganz im Recht, wenn wir sagen, daß Christus ein Baum des Lebens ist und wir werden so von ihm reden in der Hoffnung, daß Einige kommen mögen und von der Frucht pflücken und essen und ewiglich leben. Unser Wunsch ist es, die heilige Allegorie so zu gebrauchen, daß irgend eine arme sterbende Seele ermutigt werden möge, das ewige Leben zu ergreifen, indem sie Jesum Christum ergreift.

Zuerst wollen wir den Baum des Lebens betrachten im Winter, wenn keine Frucht an demselben ist; zweitens, wollen wir versuchen, euch den Baum des Lebens zu zeigen, wie er Knospen und Blüten treibt; und drittens, wollen wir suchen, euch den Weg zu zeigen, auf welchem ihr von den Früchten genießen könnt.

I.

Zuerst, meine Brüder, habe ich mit euch zu sprechen von Jesu Christo, dem Baum des Lebens im Winter.

Ihr werdet sogleich vermuten, daß ich unter diesem Bilde Jesum in seinem Leiden meine, in seinen dunklen Wintertagen, wo er am Kreuze hing und blutete und starb; als er keine Ehre von den Menschen genoß und keine Achtung vor irgend Jemandem; als selbst Gott der Vater eine Zeitlang sein Angesicht vor ihm verbarg und er „ein Fluch für uns ward,“ damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt. Meine lieben Freunde, ihr werdet nie den Baum des Lebens recht sehen, wenn ihr nicht erst auf das Kreuz blickt. Dort war es, wo dieser Baum Kraft gewann, seine nachherige Frucht zu bringen. Dort war es, sagen wir, wo Jesus Christus durch sein glorreiches Verdienst und sein wunderbares Werk, das er am Kreuze vollendete, die Macht erhielt, der Erlöser unsrer Seelen und der „Herzog unsrer Seligkeit“ zu werden.

Kommt denn mit mir, durch die Kraft eures Glaubens, an den Fuß des kleinen Hügels Golgatha und laßt uns aufblicken und sehen, was dort geschah. Laßt uns dahin gehen, wie Moses tat, als der Busch brannte und „dies große Gesicht besehen.“ Es ist das größte Wunder, das Erde, Hölle oder Himmel je geschaut und wir mögen wohl einige Minuten in der Anschauung desselben verweilen.

Unser Herr Jesus, der Immer-Lebende, der Unsterbliche, der Ewige, wurde Mensch, „an Gebärden als ein Mensch erfunden“ und erniedrigte sich selbst bis zum Tod am Kreuze. Dieser Tod war nicht um seiner selbst willen. Seine Menschheit hatte nicht nötig, zu sterben. Er hätte fortleben können und würde den Tod nicht gesehen haben, wenn er es so gewollt. ER hatte keine Sünde, keine Übertretung begangen und deshalb konnte keine Strafe auf ihn gelegt werden.

„Wir sind´s, wir sollten büßen,
was er mit Blutvergießen
gesühnt, und bloß aus Huld.“

Jeder Schmerz am Kreuze war stellvertretend; für euch, ihr Menschenkinder, blutete der Herr der Herrlichkeit, der Gerechte für die Ungerechten, damit er euch zu Gott bringen möchte. Es war keine Züchtigung um seiner selbst willen, denn sein Vater liebte ihn mit einer unaussprechlichen Liebe; und er verdiente keine Schläge von des Vaters Hand, seine Leiden waren für die Sünden seiner Feinde, für eure Sünden und meine, daß wir durch seine Wunden geheilet würden und durch seine Marter mit Gott versöhnt.

Denkt also an des Heilandes Tod am Kreuze. Merkt euch wohl, daß es ein verfluchter Tod war. Es gab viele Arten, wie die Menschen sterben konnten, aber es gab nur Einen Tod, über den Gott den Fluch ausgesprochen. Er hatte nicht gesprochen: - Verflucht ist der, welcher durch Steinigung stirbt oder durchs Schwert oder durch einen Mühlstein, der um seinen Hals gebunden wird, oder der von Würmern verzehrt wird, - sondern es war geschrieben: „Verflucht ist Jedermann, der am Holz hänget.“ Keinen andern Tod, als den, welchen Gott als den Tod der Verfluchten ausgesondert hatte, konnte Jesus Christus sterben. Bewundre es, Gläubiger, daß Jesus Christus für uns zum Fluch gemacht ward; bewundre und liebe; laß deinen Glauben und deine Dankbarkeit in Eins zusammenschmelzen.

Es war ein Tod der schimpflichsten Art. Das römische Gesetz unterwarf gemeine Verbrecher demselben und ich glaube, nicht einmal diese, wenn sie nicht auch zugleich Sklaven waren. Ein freier Römer durfte so nicht sterben, ebenso wenig ein Untertan eines der Königreiche, die Rom erobert hatte; nur der Sklave, der auf dem Markt gekauft und wieder verkauft ward, konnte zu diesem Tode verurteilt werden. Sie hielten dafür, daß er verdient hätte, als ein Sklave verkauft zu werden. Außerdem fügten sie zu dem natürlichen Schimpf dieses Todes noch ihren eignen Hohn hinzu. Einige gingen vorüber und schüttelten ihre Köpfe. Einige standen still und steckten die Zunge aus. Andre saßen nieder und hüteten sein und befriedigten ihre Bosheit und ihre Spottlust. Er wurde zum Mittelpunkt alles Hohns und aller Schmach gemacht. Er war des Trunkenbolds Lied und selbst die, welche mit ihm gekreuzigt waren, lästerten ihn. Und all dieses litt er für uns. Unsre Sünde war schmachvoll und er ward für uns mit Schmach überhäuft. Wir hatten uns selber entwürdigt und Gott entehrt, darum ward Christus den Gottlosen im Tode zugesellt und ebenso verachtet wie diese.

Außerdem war der Tod mit ungemein vieler Pein verknüpft. Wir dürfen nicht die leiblichen Schmerzen unsers Heilandes vergessen, denn ich glaube, wenn wir anfangen, die körperlichen Leiden zu unterschätzen, so beginnen wir sehr bald, auch die geistlichen Leiden zu verkleinern. Es muß ein furchtbarer Tod sein, den man stirbt, wenn die zarten Hände und Füße durchbohrt werden und die Gebeine verrenkt durch die Erschütterung beim Aufrichten des Kreuzes, wenn das Fieber beginnt, der Mund so heiß wird wie ein glühender Ofen, die Zunge im Munde anschwillt und das einzige Getränk, das dargereicht wird, Essig mit Galle vermischt, ist. Ach, Geliebte, die Schmerzen, welche Jesus kannte, kann Niemand von uns ermessen. Wir glauben, daß Hart sie richtig beschrieben hat, wenn er sagt, daß er alles trug

„Was Gott nur tragen kann.“

Ihr könnt den Preis der Leiden und Seufzer, des Ächzens, des Herzzerbrechenden und Seel-Zerreißenden nicht nennen, den Jesus zu zahlen hatte, damit er uns von unsern Missetaten erlösen möchte.

Es war ein langsamer Tod. Wie schmerzhaft auch ein Tod sein mag, es ist immer befriedigend, zu denken, daß er rasch vorüber sein wird. Wenn ein Mann gehängt oder sein Haupt vom Körper getrennt wird, mag der Schmerz für einen Augenblick groß sein, aber er ist bald vorbei. Aber bei der Kreuzigung hängt der Mensch so lange, daß Pilatus, als er hörte, der Heiland sei tot, sich wunderte, daß er schon gestorben wäre. Ich erinnere mich, von einem Missionar gehört zu haben, daß er einen Mann in Burma gekreuzigt sah, der noch zwei Tage, nachdem er ans Kreuz genagelt, lebendig war; und ich glaube, es gibt authentische Erzählungen von Leuten, die vom Kreuz heruntergenommen sind, nachdem sie 48 Stunden daran gehangen und die, nachdem ihre Wunden geheilt, noch Jahre lang gelebt haben. Es war ein langsamer Tod, den der Heiland zu sterben hatte. O, meine Brüder, wenn ihr alle diese Punkte zusammenfaßt, so machen sie ein schauriges Ganzes aus, das unsre Herzen niederbeugen sollte - wenn wir Gläubige sind, zu dankbarer Liebe, oder wenn wir Ungläubige sind, Scham in uns erwecken sollte, daß wir ihn so wenig lieben, der die Menschenkinder so sehr geliebt hat.

Und der Tod des Herrn Jesus Christus für uns war, daß müssen wir hinzufügen, ein Strafleiden. Er starb den Tod der verurteilten Missetäter. Vielleicht würden die meisten Menschen dies für das Peinlichste von allem halten, denn wenn ein Mann auch einen noch so schmerzvollen Tod stirbt, so fehlt demselben doch der schärfste Stachel, wenn es ein zufälliger ist, aber dieser kommt dazu, wenn der Tod durch das Gesetz herbeigeführt wird, und besonders, wenn Sünde die Ursache desselben ist und der Richterspruch in gehöriger Form ergangen ist. Nun war unser Herr Jesus Christus von den bürgerlichen und den geistlichen Gerichten des Landes zum Tode verurteilt. Und was mehr war - „der Herr wollte ihn also zerschlagen mit Krankheit.“ Jesus Christus starb ohne eigne Sünde, aber er erlitt die Todesstrafe, weil unsre Sünden ihm zugerechnet wurden. Er nahm unsre Missetaten auf sich, als wenn sie seine eignen wären und dann, als er an der Stelle gefunden wurde, die der Sünder hätte einnehmen sollen, erduldete er, als wenn er ein Sünder gewesen wäre, den Zorn, welchen die Sünde verdiente.

Geliebte, ich wünschte, es stände in meiner Macht, euch Jesum Christum, den Gekreuzigten, vorzustellen - Christum, sichtbar unter euch am Kreuze! O, könnte ich ihn so malen, daß die Augen eures Herzens ihn sehen könnten! Ich möchte, daß ich euch den Jammer seines Leidens fühlen lassen und euch den bittern Kelch schmecken lassen könnte, den er bis auf die Hefen leeren mußte. Aber, wenn ich dies nicht tun kann, soll es mir genügen, zu sagen, daß dieser Tod die einzige Hoffnung der Sünder ist. Diese Wunden sind die Pforten des Himmels. Die Schmerzen und Leiden Immanuels sind das einzige Sühnopfer für die menschliche Schuld. O, ihr, die ihr selig werden wollt, wendet eure Augen hierher. „Wendet euch zu mir, so werdet ihr selig, aller Welt Ende.“ Leben ist in einem Blick auf ihn, aber Leben ist nirgends anders. Verachtet ihn und ihr kommt um. Nehmt ihn an und ihr werdet nimmermehr umkommen, und alle Mächte der Hölle werden euch nicht verschlingen. Kommt, schuldbeladene Seelen! Jesus braucht weder eure Tränen, noch euer Blut; seine Tränen können euch reinigen; sein Blut kann euch von Sünden waschen. Ist euer Herz nicht so gebrochen, wie ihr es wünscht: es ist sein gebrochnes Herz, nicht eures, das euch den Himmel verdient. Könnt ihr nicht sein, was ihr sein wolltet: er war an eurer Statt, was Gott wollte, daß er sein sollte. Gott ist zufrieden mit ihm. Seid ihr auch zufrieden. Kommt und traut ihm! O, möchte euer Aufschieben nun ein Ende haben und alle Schwierigkeiten gelöst sein, kommt zu eurem himmlischen Vater grad so wie ihr seid, ohne etwas Andres geltend zu machen, als daß der Heiland blutete, und ihr werdet „angenommen werden in dem Geliebten.“ (Epheser 1,6, engl. Übers.)

So ist denn Jesus Christus am Kreuze hängend, - der Baum des Lebens im Winter.

II.

Und nun laßt mich euch zeigen, so weit ich dazu im Stande bin, diesen selben Baum des Lebens, wie er Blüten und Frucht bringt.

Da steht er - Jesus - immer noch Jesus - derselbe und doch, wie verändert! Derselbe Jesus, aber bekleidet mit Ehren anstatt mit Schmach, der „selig machen kann immerdar, die durch ihn zu Gott kommen.“ Mein Text sagt von diesem Baum, daß er zwölf Arten Frucht trägt. Ich glaube, dies soll andeuten, daß ein vollkommener und vollständiger Vorrat von Allem, des die menschliche Natur bedarf, in Christo gefunden wird - Gnadengüter aller Art für alle Arten von Sündern; Segnungen jeder Form, um jeder Form der Bedürfnisse sich anzupassen. Man liest von dem Palmbaum, daß jedes Einzelne an demselben nutzbar ist, von der Wurzel bis zur Frucht. So ist es mit dem Herrn Jesus Christus. Es ist nichts an ihm, was wir entbehren könnten. Es ist nichts an ihm, das unwesentlich oder überflüssig ist. Ihr braucht ihn in Allem, was er tat, in allen seinen Ämtern, in allen seinen Beziehungen.

Ein Baum des Lebens gibt uns Nahrung. Einige Bäume tragen reiche Frucht. Adam lebte in jenem Garten nur von Früchten des Feldes. Jesus Christus ist die Nahrung der Seinen und welch köstliche haben sie! Welche befriedigende Nahrung, welche reichliche Nahrung, welche liebliche Nahrung, welche passende Nahrung für jedes Bedürfnis ihrer Seele ist Jesus! Das Manna war die Nahrung der Engel, aber was soll ich von Christo sagen? Er ist mehr als das! Die Engel haben es nie geschmeckt, welche Süßigkeit in der erlösenden Gnade und in der sterbenden Liebe Jesu ist.

O, wie werdet ihr ernährt! Das Fleisch von Gottes eignem Sohn ist die geistliche Speise jedes Himmelserben. Hungrige Seelen, kommt zu Jesu, wenn ihr Speise wollt.

Jesus gibt den Seinen auch zu trinken. Es gibt einige tropische Bäume, die, sobald sie angebohrt werden, eine Flüssigkeit geben, die so süß und fett ist, wie Milch; Viele trinken davon und werden dadurch erfrischt. Das Herzblut Jesu Christi ist der Wein für sein Volk. Die Versöhnung, die er durch sein Leiden vollbracht hat, ist der goldene Kelch, aus welchem sie trinken und wieder trinken, bis ihre trauernden Seelen fröhlich werden und ihre ermatteten Seelen gestärkt und erfrischt. Jesus gibt uns das Wasser des Lebens - „den Wein darinnen keine Hefen sind,“ Wein und Milch, ohne Geld und umsonst. Welch ein Baum des Lebens, der uns beides gibt, Speise und Getränk.

Jesus ist ein Lebensbaum, der uns auch mit Kleidung versorgt. Adam ging zu dem Feigenbaum, um sich Kleidung zu holen und die Feigenblätter gaben ihm so viel Bedeckung, wie sie nur konnten. Aber wir kommen zu Christo und finden, - nicht Feigenblätter, sondern ein Kleid der Gerechtigkeit, dessen Schönheit ohne Gleichen ist, anmutig in seinem Schnitt; eins, das niemals abgenutzt wird, das genau passt, um unsre Blöße von Kopf bis Fuß zu bedecken, und das uns, wenn wir es anziehen, lieblich anzuschauen macht, wie Christus selber es ist. O ihr, die ihr Gewänder wünscht, in denen ihr fähig seid, unter den Hofleuten des Himmels zu stehen, kommt zu Jesu, und nehmt ein Gewand von dem Baum des Lebens!

Dieser Baum gewährt auch Arznei. „Die Blätter dienten zur Gesundheit der Heiden.“ Legt ein Pflaster auf jede beliebige Wunde und wenn es nur das Pflaster des Königs Jesus ist, wird es sie heilen. Nur Eine Verheißung von seinen Lippen; nur Ein Blatt von dem Baum; nur Ein Wort von seinem Geist; nur Ein Tropfen seines Blutes, das ist fürwahr des Himmels königliches Heilpflaster. Wahr ist es, es gibt keinen Balsam in Gilead; es war kein Arzt da; und deshalb ward der Schade Tochter des Volkes Israel nicht geheilet. Aber Balsam ist in Jesu; es ist ein Arzt auf Golgatha, und der Schade der Tochter des Volkes Gottes soll geheilet werden, wenn sie nur zu Jesu flieht, um Heilung zu erlangen.

Und nun, was soll ich mehr sagen? Gibt es irgend etwas, das euer Geist nötiger bedürfte? O, Kinder Gottes, Christus ist Alles. O, ihr Ungöttlichen, die ihr den Wald durchstreift habt, um den Baum zu finden, der eurem Mangel abhilft - steht hier still. Dieser „Apfelbaum unter den wilden Bäumen“ (Hohelied 2,2) ist der Baum, dessen eure Seele bedarf. Bleibt hier und ihr werdet alles haben, das ihr braucht. Denn, merkt darauf - dieser Baum gewährt Schutz vor dem Sturm. Andre Bäume sind gefährlich, wenn der Sturm heult; aber der, welcher unter dem Baum des Herrn Jesu Schutz sucht, wird finden daß alle Donnerkeile Gottes an ihm vorbeifliegen und ihm keinen Schaden tun. Der kann nicht verletzt werden, der sich an Jesum hängt. Himmel und Erde könnten eher vergehen, als daß eine Seele verloren gehen sollte, die sich unter die Zweige dieses Baumes birgt. Und, o ihr, die ihr euch da verborgen, um euch vor dem Zorne Gottes zu schützen, laßt mich euch daran erinnern, daß er euch in jeder andern Art von Gefahr auch Schutz verleihen wird; und wenn ihr nicht in Gefahr seid, so werdet ihr doch in den heißen Tagen der Sorge seinen Schatten kühl und lieblich finden.

„Ich sitze unter dem Schatten, des ich begehre, und seine Frucht ist meiner Kehle süße.“ Habt Christum und ihr habt Trost, Freude, Frieden und Freiheit; und wenn die Leiden kommen, werdet ihr Schutz und Hilfe finden, wenn ihr seine Nähe sucht. Er ist der Baum des Lebens der zwölferlei Früchte trägt, die immer reif und bereit sind, denn sie reifen jeden Monat und alle, die es wünschen, können davon essen, denn die Blätter dienen nicht zur Gesundheit von Einigen, sondern zur Heilung der „Nationen“. (engl. Übers.) Welch ein umfassendes Wort! Also sind genug da von diesen Blättern zur Heilung aller Nationen, die jemals kommen werden. O! möchte Gott geben, daß Niemand von euch an geistlicher Krankheit sterben möge, wenn diese Blätter euch heilen können und möge Niemand von euch sich mit den sauren Trauben dieser Welt füllen, den vergifteten Trauben der Sünde, während die süßen Früchte der Liebe Christi auf euch warten, die euch erfrischen und befriedigen können.

III.

Und nun habe ich euch noch zu zeigen, wie ihr diese Frucht vom Baum des Lebens erlangen könnt.

Das ist die Hauptsache. Wenig frommt es, euch zu sagen, daß eine Frucht da ist, wenn wir nicht sagen können, wie sie zu erreichen ist. O, ich wünschte, Einige von euch hier verlangten wirklich den Weg zu wissen, aber ich fürchte, daß Viele sich wenig darum kümmern. Dr. Payson war einst zum Tee bei Einer, die zu seiner Gemeinde gehörte und ihm große Freundlichkeit erwies. - Beim Weggehen sagte der Doktor: - „Nun, Madame, Sie haben mich außerordentlich gut behandelt, aber wie behandeln Sie meinen Meister?“ Das ist eine Frage, die ich an Einige von euch stellen möchte. Wie behandelt ihr meinen Meister? Ihr behandelt ihn, als wenn er nicht Christus wäre, als wenn ihr ihn nicht nötig hättet. Aber ihr braucht ihn. Möchtet ihr ihn bald finden, denn wenn es mit euch zum Sterben gehet, werdet ihr ihn nötig haben und vielleicht möchtet ihr ihn dann nicht finden.

Nun, das Mittel, die Frucht dieses Baumes zu erlangen, ist der Glaube. Das ist die Hand, die den goldenen Apfel pflückt. Kannst du glauben? Das ist die Sache. Kannst du glauben, daß Jesus der Sohn Gottes ist; daß er am kreuze starb? „Ja,“ sagst du, „ich glaube das.“ Kannst du glauben, daß er kraft seines Leidens im Stande ist, selig zu machen? „Ja,“ sagst du. Kannst du glauben, daß er dich selig machen will? Willst du dich ihm ganz überlassen, daß er dich selig mache? Wenn das, so bist du errettet. Wenn deine Seele zu Jesu kommt und sagt: „Mein Herr, ich glaube an dich, das du selig machen kannst immerdar und nun werfe ich mich ganz auf dich“ - das ist Glaube. Als Fuller vor einer Versammlung zu predigen hatte, ritt er zu Pferde nach dem Orte, wo diese stattfinden sollte. Es hatte stark geregnet und die Flüsse waren sehr angeschwollen. Er kam einen Fluß, durch den er hindurch mußte. Er blickte darauf und ward etwas bange vor der starken Strömung des Wassers, da er die Tiefe desselben nicht kannte. Ein Landmann, der zufällig in der Nähe stand, sagte: - „Es Alles in Ordnung, Herr Fuller, Sie werden ganz gut hindurch kommen, das Pferd wird Grund unter den Füßen behalten.“ Fuller ritt hinein; das Wasser kam bis an den Gurt, dann bis an den Sattel und er fing an, eine unbehagliche Nässe zu fühlen. Er glaubte, es sei besser, umzukehren und war im Begriff, dies zu tun, als derselbe Landmann ihm zurief: „Reiten Sie weiter, Herr Fuller, reiten Sie weiter, ich weiß, daß Alles in Ordnung ist;“ und Fuller sagte: „Dann will ich weiter reiten, ich will im Glauben reiten.“ Nun, Sünder, es ist ganz ähnlich mit dir. Du denkst, daß deine Sünden zu tief sind, daß Christus niemals im Stande sein wird, dich da hindurch tragen; aber ich sage dir: - Es ist Alles in Ordnung, Sünder, vertraue auf Jesum und er wird dich durch die Hölle selber tragen, wenn es nötig und möglich wäre. Wenn du alle Sünden aller Menschen hättest, die je gelegt und sie alle die deinigen wären, so würde Jesus Christus dich durch den Strom aller dieser Sünden tragen, wenn du ihm vertrauen könntest. Es ist Alles in Ordnung, Mann! Traue nur auf Christum. Der Fluß mag tief sein, aber die Liebe Christi ist noch tiefer. Es ist Alles in Ordnung, Mann! laß den Teufel dich nicht irre machen an meinem Herrn und Meister. Er ist ein Lügner und ein Vater der Lügen, aber mein Meister ist treu und wahr. Verlaß dich auf ihn, und Alles ist in Ordnung. Die Wellen mögen rollen, der Fluß mag tiefer scheinen, als du gedacht hattest und sei versichert, er ist viel tiefer als du meinest. Aber der mächtige Arm Jesu - jener starke Arm, der die Himmel und die Erde bewegen kann und ihre Säulen ausheben, wie Simson die Pfosten der Tore zu Gaza aushob - jener starke Arm kann dich aufrecht halten und dich sicher hindurch tragen, wenn du dich nur an denselben hältst und darauf ruhst. O Seele, ruhe in Jesu und du bist gerettet!

Noch Eins. Wenn es zuerst scheint, als wenn ihr keine Frucht von dem Baume erlangen könntet, schüttelt ihn durchs Gebet. „O,“ sagt ihr, „ich habe gebetet.“ Ja, aber die Frucht fällt nicht allemal beim ersten Schütteln vom Baum. Schüttle ihn wieder, Mann, schüttle ihn wieder! Manchmal, wenn der Baum reich beladen ist, und sehr fest in der Erde steht, habt ihr ihn stark hin und her zu schütteln und zuletzt stemmt ihr eure Füße auf den Boden und ergreift ihn und schüttelt ihn mit all eurer Macht, bis ihr jeden Muskel und jede Sehne anspannt, um die Frucht herunter zu bringen. Das ist die Weise, wie man beten muß. Schüttelt den Baum des Lebens, bis die Gnadengaben in euren Schoß fallen. Christus liebt es, wenn die Menschen inständig bitten. Ihr könnt nicht zu dringend sein. Was euren Nebenmenschen unangenehm ist, wenn ihr sie um etwas bittet, das ist Christo angenehm. O, geht in euer Kämmerlein; geht in euer Kämmerlein, ihr, die ihr Christum nicht gefunden habt! An die Kante eures Bettes, in eure kleine Kammer, und „suchet den Herrn, weil er zu finden ist; rufet ihn an, weil er nahe ist!“ Möge der Geist Gottes euch treiben zum Gebet. Möge er euch treiben, im Gebet anzuhalten. Jesus muß euch hören. Die Pforte des Himmels ist offen für den kühnlich Anklopfenden, der sich nicht abweisen lassen will. Der Herr helfe euch, so zu flehen, daß ihr zuletzt saget: - „Das ist mir lieb, daß der Herr meine Stimme und mein Flehen höret; daß er sein Ohr zu mir neiget, darum will ich ihn mein Leben lang anrufen.“

Möge Gott diesen umherwandernden Gedanken seinen Segen verleihen um Jesu willen. Amen.

autoren/s/spurgeon/c/spurgeon-christus_der_baum_des_lebens.txt · Zuletzt geändert: (Externe Bearbeitung)