Spurgeon, Charles Haddon - Christi Tod für Christi Leiden

Denn gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, also werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.
2. Kor. 1,5

Sucht ihr Ruhe von euren Kümmernissen, ihr Kinder der Trübsal und des Jammers? Dies ist der Ort, wo ihr eure Last erleichtern und eure Sorgen los werden könnt. O Sohn der Trübsal und des Jammers, möchtest du deine Leiden und Schmerzen eine Zeitlang vergessen? Dies ist das Bethesda, das Haus der Gnade; dies ist der Ort, wo Gott dich erquicken und deinen nie aufhörenden Kümmernissen Einhalt gebieten kann; dies ist der Ort, wo seine Kinder gerne erscheinen, weil sie hier Trost mitten in der Trübsal, Freude in ihren Leiden und Erquickung in ihrem Kummer finden. Selbst weltliche Menschen räumen ein, daß etwas außerordentlich Tröstliches im Wort Gottes und in unserer heiligen Religion ist; ich habe sogar von einigen sagen hören, daß, nachdem sie durch ihre Logik, wie sie meinten, das Christentum vernichtet und als unwahr dargestellt hatten, sie hinterher anerkannten, wie sie eine überaus tröstliche Täuschung zerstört hätten und daß sie beinahe niedersitzen und weinen könnten bei dem Gedanken, einen so schönen Traum zerstört zu haben. Ach, meine Freunde, wenn es nicht wahr wäre, möchtet ihr weinen. Wenn die Bibel nicht göttliche Wahrheit wäre - wenn wir uns nicht um den Gnadenthron versammeln könnten, dann möchtet ihr eure Hände an eure Lenden stemmen und herumlaufen, als ob ihr in Kindesnöten wäret. Wenn ihr nicht etwas in der Welt hättet außer der armen Vernunft, außer den flüchtigen Freuden der Erde - wenn ihr nicht etwas hättet, das Gott euch gegeben hat, eine Hoffnung über den Wolken, eine mehr als irdische Zuflucht, eine Erlösung, die über die Zeit hinausragt, dann möchtet ihr weinen; ach, euer Herz zu euren Augen hinausweinen und eure Leiber sich in einer beständigen Träne auflösen lassen. Ihr möchtet den Wolken gebieten, in eurem Haupt zu bleiben, den Flüssen, in Strömen von euren beiden Augen herabzustürzen, denn euer Kummer würde dann alles Wassers bedürfen, das die Natur hervorbringen kann. Doch hochgelobt sei Gott, wir haben Trost, wir haben Freude in dem heiligen Geist. Wir finden ihn sonst nirgends. Wir haben die Erde durchsucht, doch haben wir nie ein Juwel entdeckt; wir haben diese schmutzige Welt tausend und aber tausend Mal umgekehrt, und wir haben nichts Kostbares gefunden; doch hier, in dieser Bibel, hier in der Religion des hochgelobten Jesus haben wir, die Kinder Gottes, Trost und Freude gefunden, während wir in Wahrheit sagen können: Gleich wie wir des Leidens viel haben, also werden wir auch reichlich getröstet durch Christus.

Viererlei ist in meinem Text, worauf ich eure Aufmerksamkeit richten möchte: erstens, die Leiden, die wir zu erwarten haben - wir haben des Leidens Christi viel; zweitens, der Unterschied, den wir wahrnehmen müssen - es sind Christi Leiden; drittens, Leiden und Trost stehen im rechten Verhältnis zu einander - gleichwie wir des Leidens Christi viel haben, also werden wir reichlich getröstet; und viertens, wir sollen dadurch geehrt werden - also werden wir auch reichlich getröstet durch Christus..

I.

Das erste also sind die Leiden, die wir zu erwarten haben. Unser heiliger Apostel sagt: Wir haben des Leidens Christi viel. Ehe wir die christliche Waffenrüstung aufschnallen, müssen wir wissen, was es für ein Dienst ist, den man von mir erwartet. Ein Werbeoffizier drückt oft einem unwissenden Jüngling ein Stück Geld in der Hand und sagt ihm, es sei eine schöne Sache um den Dienst des Königs, er habe nichts zu tun, als in seiner schönen Uniform einherzustolzieren, er werde keinen strengen Dienst haben - er habe in Wahrheit nichts zu tun, als ein Soldat zu sein und zu Sieg und Ehre zu schreiten. Doch der christliche Offizier, der Diener des Herrn, wenn er einen Soldaten für das Kreuz anwirbt, betrübt ihn nie auf diese Weise. Jesus Christus selbst sagte: Überschlagt die Kosten. Er wünschte keinen Jünger zu haben, der nicht bereit wäre, den ganzen Weg zu machen - sich als ein guter Streiter zu leiden.. Man hat zuweilen die Religion in einer Weise dargestellt, daß die glänzenden Farben mir mißfallen haben. Es ist wahr, ihre Wege sind liebliche Wege; aber es ist nicht wahr, daß ein Christ nie Leiden und Trübsal hat. Es ist wahr, daß die Fröhlichkeit mit den hellen Augen und die Liebe mit den lustigen Füßen ohne viel Druck und Trübsal durch die Welt gehen können; aber es nicht wahr, daß das Christentum einen vor dem Leiden schützt; auch darf es nicht so dargestellt werden. Wir sollten in Wahrheit auf andere Weise davon reden. Streiter Jesu Christi, wenn du dich anwerben läßt, wirst du heiße Kämpfe zu bestehen haben. Es ist kein Flaumbett für dich bereitet, du darfst nicht in der Carosse zum Himmel fahren; der rauhe Weg muß betreten werden; Berge müssen überstiegen, Flüsse durchwatet, Drachen bekämpft, Riesen erschlagen, Schwierigkeiten überwunden und schwere Prüfungen ertragen werden. Es ist kein glatter Weg in den Himmel; glaube es mir, denn diejenigen, die nur einige Schritte darauf gegangen sind, haben gefunden, daß es ein rauher Weg ist. Es ist ein lieblicher Weg; es ist der lieblichste Weg auf der ganzen Welt, aber er ist nicht leicht an sich selbst, er ist nur lieblich wegen der Gesellschaft, wegen der süßen Verheißungen, worauf wir uns stützen, wegen unseres Geliebten, der mit uns durch alle struppigen und dornigen Gebüsche dieser ungeheuren Wildnis geht. Christ, erwarte Trübsal: Laß dich die Hitze, die dir begegnet, nicht befremden, als widerführe dir etwas Seltsames; denn so wahr du ein Kind Gottes bist, hat dein Heiland es dir als sein Vermächtnis hinterlassen: In der Welt habt ihr Angst; in mir habt ihr Friede. Wenn ich keine Trübsal hätte, würde ich nicht glauben, daß ich zur Familie Gottes gehörte. Wenn es ganz ohne Prüfungen abginge, würde ich mich für keinen Erben des Himmels betrachten. Kinder Gottes können und dürfen der Rute nicht entgehen. Irdische Eltern mögen ihre Kinder verzärteln, doch der himmlische Vater nie die seinigen. Wen er lieb hat, den züchtigt er, und stäupet einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. Sein Volk muß leiden; deswegen mach dich darauf gefaßt, Christ; wenn du ein Kind Gottes bist, so glaube dies, nimm dir das Leiden in deine Rechnung, und wenn es kommt, so sprich: Nun, Leiden, ich habe dich ja vorhergesehen; du bist mir nicht fremd; ich habe mich beständig nach dir umgeschaut. Es läßt sich nicht aussprechen, um wie viel leichter eure Prüfungen werden, wenn ihr euch ergeben darauf gefaßt macht. Ihr dürft es fürwahr für ein Wunder halten, wenn ihr nur leicht durch einen Tag hindurchkommt. Wenn ihr eine Woche ohne Verfolgung bleibt, so haltet es für etwas Merkwürdiges; und solltet ihr vielleicht einen Monat leben, ohne aus dem innersten Herzen heraus seufzen zu müssen, so haltet es für ein Wunder aller Wunder. Doch wenn das Leiden kommt, so sprecht: Ach, das ist es, was ich erwartete; es ist in der Himmelskarte aufgezeichnet; die Felsen und Klippen sind für mich bereitet; ich will vertrauensvoll an ihnen vorbeisegeln; mein Meister hat mich nicht betrogen.

Dem Rufe des Herrn,
(Wie Abraham dort,)
Gehorchen wir gern
im Glauben ans Wort.

Wohin er uns führet,
Den Weg, den wir geh'n,
Weiß er, der regieret,
Der Herr wird's verseh'n!

Doch warum muß der Christ Trübsal erfahren? Warum muß er sich darauf gefaßt machen? Steh hier einen Augenblick, mein Bruder, und ich will dir vier Gründe angeben, warum du Proben bestehen mußt. Zuerst schau aufwärts, dann schau niederwärts, dann schau um dich, und dann schau in dich; und du wirst vier Gründe entdecken, warum du des Leidens Christi viel haben mußt.

1. Schau aufwärts. Siehst du deinen himmlischen Vater, ein reines und heiliges Wesen, fleckenlos, gerecht, vollkommen? Weißt du, daß du eines Tages ihm gleich sein sollst? Denkst du, es werde so leicht sein, dich in sein Bild umwandelns zu lassen? Wirst du nicht viel Schmelztiegelarbeit erfordern, viel Mahlens in der Mühle der Trübsal, viel Brechens unter den Rädern der Angst? Denkst du, es werde etwas Leichtes für dein Herz sein, so rein zu werden, wie Gott ist? Denkst du, du könntest von deinem inwendigen Verderben so bald los und vollkommen werden, wie dein Vater im Himmel vollkommen ist?

Hebe dein Auge nochmals auf; erblickst du jene glänzenden weiß gekleideten Geister, reiner als Alabaster, keuscher, schöner, als der karaische Marmor? Siehe sie, wie sie in der Herrlichkeit dastehen. Frage sie, wie sie das Feld behalten haben. Einige derselben werden dir sagen, sie seien durch Meere von Blut geschwommen. Sieh die Ehrennarben an ihren Stirnen; sieh, einige von ihnen heben ihre Hände empor und sagen dir, sie seien einst vom Feuer verzehrt worden, während andere durchs Schwert erstochen, von wilden Tieren in Stücke zerrissen, ihrer Habe beraubt, betrübt und gequält werden. O du edles Heer der Märtyrer, ihr glorreichen Scharen des lebendigen Gottes. Mußtet ihr durch Meere von Blut schwimmen, und darf ich hoffen, in den Himmel zu fahren, in Pelz und Hermelin eingehüllt? Habt ihr Trübsal erduldet, und soll ich mich durch die Üppigkeit und den Luxus in dieser Welt verzärteln lassen? Habt ihr gekämpft und dann geherrscht, und soll ich herrschen ohne Kampf? O nein. Ich versehe mich zur Treue des Herrn, daß, wie ihr gelitten habt, so ich auch leiden muß, und wie ihr durch viel Trübsal ins Himmelreich einginget, Leiden auch meinen Weg bezeichnen werden.

2. Weiter, mein Christ, wende deine Augen abwärts. Weißt du, was für Feinde du unter deinen Füßen hast? Die Hölle und ihre Löwen sind wider dich. Du warst einst ein Knecht des Satans, und kein König gibt gerne seine Untertanen her. Denkst du, der Satan habe eine Freude an dir? Du hast ja dein Land gewechselt. Du warst einst ein Vasall des Apollion, jetzt aber bist du ein guter Streiter Jesu Christi geworden; und denkst du, der Teufel habe eine Freude an dir. Ich sage dir: Nein! Wenn du den Satan in dem Augenblick gesehen hättest, wo du bekehrt wurdest, würdest du ein wunderbares Schauspiel wahrgenommen haben. Sofort, als du dein Herz Christus übergabst, breitete der Satan seine Fledermausflügel aus; er flog hinunter in die Hölle, forderte alle seine Ratgeber zusammen und sprach: Ihr Söhne des Abgrundes, ihr wahren Erben der Finsternis, ihr, die ihr erst in Licht gekleidet wart, nun aber mit mir von hohen Würden gestürzt worden seid, ein anderer meiner Knechte hat mich verlassen; ich habe einen anderen aus meiner Familie verloren, er ist auf die Seite des Herrn der Heerscharen übergegangen. O ihr, meine Genossen, ihr Mithelfer der Mächte der Finsternis, laßt keinen Stein auf dem anderen, um ihn zu verderben. Ich gebiete euch allen, schleudert eure feurigsten Pfeile nach ihm; plagt ihn; laßt die Höllenhunde ihn anbellen; laßt die Feinde ihn belagern; setzt ihm unaufhörlich zu; hetzt ihn zu Tode; laßt den Rauch eures verpesteten und brennenden Pfuhls stets in seine Nase steigen; verfolgt ihn; der Mann ist ein Verräter; gönnt ihm keinen Frieden; da ich ihn nicht hier haben kann, um ihn mit unauslöslichen Banden zu binden, da ich ihn nicht hier haben kann, um ihn zu quälen und zu betrüben, so gebiete ich euch, so lange ihr könnt und bis an seinen Sterbetag in anzuheulen, bis er über den Todesstrom geht, ihn zu betrüben, zu kränken, zu quälen; denn der Elende hat sich gegen mich gewendet und ist ein Knecht des Herrn Jesu geworden. So mag es in der Hölle an dem Tag zugegangen sein, wo du den Heiland zu lieben anfingst. Und denkst du, der Satan habe jetzt eine größere Freude an dir? Ach nein, er wird immer hinter dir her sein, denn dein Feind geht um wie ein brüllender Löwe und suchet, welchen er verschlinge. Erwarte deshalb Trübsal, mein Christ, wenn du unter dich schaust.

3. Dann, o Mensch Gottes, schau um dich. Schlafe nicht. Öffne deine Augen und schau um dich. Wo bist du? Ist dein Nächster dein Freund? Nein, du bist in Feindesland. Dies ist eine böse Welt. Die Hälfte der Menschen - das werden wir ohne Übertreibung behaupten können - machen aus ihrem Unglauben gar keinen Hehl, und die, die fromm reden, sind es oft nicht. Verflucht ist, wer sich auf Menschen verläßt und Fleisch für seinen Arm hält! Gesegnet ist, wer sich auf den Herrn verläßt und dessen Zuversicht der Herr ist! Was die niedrig geborenen Menschen betrifft, so sind sie Eitelkeit! die Stimme des großen Haufens hat gar keinen Wert. Und Was die hochgeborenen Menschen betrifft, so sind sie eine Lüge!, was noch schlimmer ist. Man kann der Welt nicht trauen, sich nicht auf sie verlassen. Der wahre Christ tritt sie unter seine Füße mit allem, was die Welt gut oder groß nennt. Schau um dich, mein Bruder: du wirst einige gute, starke und tapfere Herzen sehen; du wirst einige treue Liebhaber Christi sehen; aber ich sage dir, Kind des Lichts, daß, wo du einen aufrichtigen Menschen triffst, du zwanzig Heuchlern begegnest; wo du einen findest, der dich zum Himmel führen will, du zwanzig findest, die dich in die Hölle stürzen wollen. Du bist in einem Feindes- nicht in einem Freundesland. Traue der Welt nie zu viel Gutes zu. Viele Leute haben sich schon an ihr die Finger verbrannt. Ein mancher Mensch ist verletzt worden, weil er seine Hand in das Klapperschlangennest - die Welt - steckte, und dabei wähnte, die schönen Farben der schlafenden Feindin schützten ihn vor Schaden. O Christ, die Welt ist nicht deine Freundin! Wenn sie es ist, dann bist du nicht Gottes Freund, denn wer der Welt Freund ist, ist Gottes Feind, und wer von den Menschen verachtet wird, wird oft von Jehova geliebt. Du bist in einem Feindesland, o Mensch, deswegen erwarte Trübsal; erwarte, daß der dein Brot ißt, dich mit Füßen treten wird; erwarte, daß du denen fremd wirst, die dich lieben; sei überzeugt, daß, wenn du einmal im Feindesland bist, du überall Feinde finden wirst. Wenn du schläfst, so denke, daß du auf dem Schlachtfeld schläfst; wenn du gehst, so glaube, daß in jeder Hecke ein Hinterhalt auf dich lauert. O, sieh dich vor, dies ist keine gute Welt, um darin die Augen zu schließen. Schau um dich, o Mensch, und wenn du auf dem Wachtturm bist, so rechne sicher darauf, daß Trübsal kommt.

4. Aber dann schau auch in dich. Es ist eine kleine Welt da drinnen, die uns Leiden genug bereiten kann. Ein Römer sagte einst, er wünschte, er hätte ein Fenster an seinem Herzen, daß jedermann sehen könnte, was da drinnen vorginge. Ich bin recht froh, daß ich keines habe; wenn ich eins hätte, würde ich Sorge tragen, daß die Läden wohl verschlossen wären. Die Meisten von uns hätten Läden sehr nötig, wenn wir ein solches Fenster hätten. Sieh aber für einen Augenblick zum Fenster deines Herzens hinein, um wahrzunehmen, was darin vorgeht. Die Sünde ist da - die Erbsünde und Verderbnis; und, was noch mehr ist, die Selbstsucht ist da drinnen! Ach, wenn du keinen Teufel hättest, dich zu versuchen, würdest du dich selbst versuchen; wenn es keine Feinde gäbe, dich zu bekämpfen, würdest du selbst dein größter Feind sein; wenn es keine Welt gäbe, würde dein eigenes Ich immer noch schlimm genug sein, denn das Herz ist ein verzweifelt böses Ding. Schau in dich, o Gläubiger, wisse, daß du ein Krebsgeschwür in deinen innersten Lebensteilen trägst; wisse, daß du in deinem Herzen eine zusammengerollte Viper trägst, die bereit ist, dich zu stechen und dir Pein und Schmerz und unaussprechliches Elend zu bereiten. Hüte dich vor deinem Herzen, mein Christ; und wenn du Trübsal, Kummer und Sorge findest, so blicke in dein inneres hinein und sprich: Wahrlich, diese Leiden sind mir recht heilsam, trage ich doch ein so arges, ungläubiges Herz in mir. Erkennst du das, mein lieber Mitbruder? Siehst du, daß du ohne Trübsal einmal nicht sein kannst? Was wollen wir also tun? Wir haben keine andere Wahl, als daß wir das Leiden und die Trübsal ertragen, darum wollen wir es freudig tun. Einige von uns sind die Offiziere in Gottes Regimentern, und wir sind die Zielscheibe aller Schützen des Feindes. Da wir über die Anderen hervorragen, haben wir alle Schüsse auszuhalten. Was für eine Barmherzigkeit ist es, daß keiner von Gottes Offizieren je in der Schlacht fällt! Gott behütet sie stets. Wenn die Pfeile schnell fliegen, fängt sie der Schild des Glaubens alle auf; und wenn der Feind am zornigsten ist, hat Gott die größte Freude. Wir kümmern uns also nichts darum, wie die Welt sich gebärden, wie der Teufel uns verhöhnen, wie das Fleisch sich erheben mag; denn wir überwinden weit durch den, der uns geliebt hat. Deswegen gebührt Gott allein alle Ehre. Macht euch auf Leiden gefaßt - dies ist unser erster Punkt.

II.

Wir haben aber zweitens einen Unterschied wahrzunehmen. Es heißt von unseren Leiden, sie seien Christi Leiden. Nun ist aber das Leiden an sich selbst noch kein Beweis des Christentums. Viele Menschen haben Leiden und Trübsal, ohne deshalb Gottes Kinder zu sein. Ich habe einige arme Winseler kommen und sagen hören: Ich weiß, ich bin ein Kind Gottes, weil ich in Schulden stecke, weil ich in Armut, weil ich in Trübsal bin. Bist du deiner Seele so gewiß? Ich kenne viele Schurken, die in derselben Lage sind, und ich glaube nicht, daß du ein Kind Gottes bist, weil du zufällig in armseligen Umständen lebst. Es gibt außer Gottes Kindern noch eine Menge Menschen, die in Trübsal und Elend sind. Es ist dies nicht das besondere Los der Kinder Gottes; und wenn die erlebten widrigen Schicksale der einzige Hoffnungsgrund wären, den ich als Christ hätte, so wäre dies wirklich ein armseliger Grund. Doch hier müssen wir einen Unterschied machen. Sind diese Leiden die Leiden Christi oder sind sie es nicht? Ein Mensch ist unehrlich und kommt deshalb ins Gefängnis; ein anderer ist ein Feigling, und die Leute verspotten ihn deshalb; ein dritter ist nicht aufrichtig, und deswegen meidet man ihn, und doch sagt er, er werde verfolgt. Verfolgt? Ganz und gar nicht; es geschieht ihm recht! Er verdient es. Doch solche Leute pflegen sich mit dem Gedanken zu trösten, daß sie das liebe Volk Gottes sind, weil andere Menschen sie meiden, während sie es doch nicht besser verdienen; sie benehmen sich nicht, wie sie sollten, deswegen straft sie die Welt mit Recht. Sehr euch vor, meine Lieben, daß eure Leiden die Leiden Christi sind; vergewissert euch, daß es nicht eure eigenen Leiden sind, denn in diesem Fall bekommt ihr keine Erleichterung. Nur wenn unsere Leiden Christi Leiden sind, dürfen wir uns trösten.

Wohl, sprecht ihr, was heißt denn das: unsere Leiden sind Christi Leiden? Ihr wißt, daß das Wort Christus in der Bibel manchmal die ganze Kirche mit Christus bedeutet, wie in 1. Kor. 12,12 und in verschiedenen anderen Stellen, die ich hier nicht alle aufzählen kann; doch wird euch eine Schriftstelle einfallen, wo es heißt: Ich erstatte an meinem Fleisch, was noch mangelt an Trübsalen Christi, welches ist die Gemeinde. Nun, wie Christus, das Haupt, ein gewisses Maß von Leiden zu erdulden hatte, so muß auch dem Leib eine gewisse Last auferlegt werden. Unsere Trübsale sind die Leiden des mystischen Christus, die Leiden des Leibes Christi, die Leiden der Gemeinde Christi, denn ihr wißt, wenn ein Mensch so groß sein könnte, daß sein Haupt im Himmel und seine Füße in der Tiefe des Meeres wären, würde es derselbe Leib sein, und das Haupt würde die Schmerzen der Füße spüren. So, obwohl mein Haupt im Himmel ist und ich auf Erden bin, ist mein Kummer doch Christi Kummer, meine Prüfungen sind Christi Prüfungen; er fühlt und leidet meinen Kummer.

Ich fühl in meinem Innern dein Seufzen all' und Weinen;
Du bist mir ja so nahe, bist Bein von meinen Beinen;
In allen Erdennöten fühl' ich, dein Haupt, den Schmerz;
doch sind sie nicht vergeblich! O glaub' es mir, mein Herz!

Die Prüfungen eines wahren Christen sind ebenso gut die Leiden Christi wie sein Todeskampf auf Golgatha.

Doch sprecht ihr: Wir möchten gerne unterscheiden, ob unsere Trübsal Christi Trübsal ist. Nun, es ist Christi Trübsal, wenn ihr um Christi willen leidet. Wenn ihr berufen seid um der Wahrheit willen Ungemach zu leiden, dann sind es die Leiden Christi. Wenn ihr um euch selbst willen leidet, kann es eine Strafe für eure Sünden sein; doch wenn ihr um Christi willen leidet, dann sind eure Leiden Christi Leiden. Doch, sagen einige, gibt es heutzutage Verfolgungen? Haben Christen jetzt noch um Christi willen zu leiden? Zu leiden, ihr Lieben? Ja. Ich könnte diesen Morgen eine Geschichte erzählen, wenn ich wollte, von unerträglichem Gewissenszwang, von einer Verfolgung, die beinahe so schlimm ist wie in den Tagen der blutigen Maria; nur haben unsere Feinde nicht die Macht und das Gesetz auf ihrer Seite. Ich könnte euch von einigen erzählen, die bloß deswegen, daß sie hierher gekommen sind, um diesen verachteten jungen Mann, diesen rasenden Menschen zu hören, als der Abschaum aller Dinge angesehen werden. Viele Personen, die zu mir kommen, haben ein elendes und unglückliches Leben zu führen, weil sie von meinen Lippen das Wort der Wahrheit hörten. Doch hören sie es immer noch trotz alles Widerspruches. Ich habe, ich bin es gewiß, viele vor mir, deren Augen sich mit Tränen füllen würden, wenn ich ihre Geschichte erzählen wollte; einige, die mich heimlich benachrichtigt haben, wie sie um Christi willen zu leiden haben, weil sie gerne das lautere Evangelium hören. Nun, sollten die Leute nicht hingehen dürfen, wohin sie wollen? Wenn ich nicht gerade predige wie andere Prediger, wer will mir das verbieten? Und müssen andere erst bei den Mächtigen dieser Erde anfragen, ob sie mich hören dürfen oder nicht? Freiheit! Freiheit! Laßt doch den Leuten ihren Willen. Doch wo ist Freiheit? Ihr sagt, sie sei bei uns. Ja, einigermaßen wohl, aber nicht ganz. Indessen freue ich mich, daß wir doch einige haben, die sprechen: Nun, meine Seele gedeiht; und mögen die Menschen sagen, was sie wollen, ich halte fest und unerschütterlich an der Wahrheit und besuche die Kirche, wo ich das Wort zu meiner Seele Erbauung höre. Recht so, liebe Herzen, fahrt nur fort, und wenn ihr um Christi willen duldet, so sind eure Leiden Christi Leiden. Wenn ihr um zeitlichen Gewinnes willen hierher kämet, dann würden eure Leiden eure eigenen sein; doch da es sich hier nur um Schätze der Seele handelt, so haltet nur fest; und was man auch sagen mag, eure Verfolgung wird eure Lebenskrone nur herrlicher machen.

Ach Christ, dies veredelt uns. Liebe Brüder, dies macht uns stolz und glücklich, denken zu dürfen, daß unsere Leiden Christi Leiden sind. O, ich denke, es muß eine Ehre für den alten Soldaten gewesen sein, der bei dem Herzog von Wellington in seinen Schlachten stand, wenn er sagen konnte: Wir fochten unter dem guten alten Herzog, der so viele Schlachten gewonnen hat; und wenn er gewinnt, wird ein Teil der Ehre unser sein. Christ, du streitest Seite an Seite mit Jesu; Christus ist bei dir; jeder Schlag ist ein Schlag, der nach ihm geführt wird; jede Schmach ist eine Schmach, die auf Christus fällt; der Kampf ist des Herrn, der Triumph ist des Herrn; deshalb schreite vorwärts zum Sieg!

Es fällt mir eine Geschichte von einem großen Feldherrn ein, der, nachdem er viele glorreiche Schlachten gewonnen hatte, seine Truppen in einen Engpaß führte, und als sie darin waren, wurden sie von einer großen feindlichen Heeresmacht umzingelt. Er wußte, daß eine Schlacht am darauffolgenden Morgen unvermeidlich sei, er machte deshalb die Runde von Zelt zu Zelt, und als er horchte, hörte er einen Mann sagen: Da ist unser General; er ist sehr tapfer, aber er ist diesmal sehr unklug; er hat uns an einen Ort geführt, wo wir unfehlbar geschlagen werden müssen; der Feind hat so viel Kavallerie, so viel Infanterie., und dann musterte der Mann alle Truppen auf ihrer eigenen Seite und bracht nur eine geringe Anzahl heraus. Nachdem der Befehlshaber dies gehört hatte, zog er sachte einen Teil des Zeltes weg und sprach: Für wie viel zählt ihr mich? Ihr habt die Infanterie und die Kavallerie gezählt; doch für wie viel zählt ihr mich - mich, euren mächtigen Feldherrn, der so viele Siege gewonnen hat? Nun, Christ, ich frage dich, für wie viele zählst du Christus? Wie schwer läßt du ihn in die Waagschale fallen? Zählst du ihn bloß als einen? Er ist nicht einer, auch nicht eintausend; er ist das Haupt unter Zehntausend. Doch er ist noch mehr als das. O, laß ihn schwer in die Waagschale fallen; und wenn du deine Verbündeten und Hilfstruppen zählst, so zähle Christus für alles in allem, denn in ihm ist der Sieg gewiß - ist der Triumph gewiß.

III.

Der dritte Punkt ist, daß Leiden und Trost im rechten Verhältnis zueinander stehen. So wie wir des Leidens Christi viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Gott hält eine Waage in seinen Händen - in die eine Schale legt er seiner Kinder Trübsale und in die andere ihren Trost. Wenn die Schale des Trübsale beinahe leer ist, werdet ihr immer finden, daß die Schale des Trostes es nahezu auch ist; und wenn die Schale der Trübsale voll ist, werdet ihr finden, daß die Schale des Trostes ebenso schwer ist, denn Leiden und Trost stehen stets im rechten Verhältnis zueinander. Dies ist eine Sache reiner Erfahrung. Einige unter euch wissen hiervon gar nichts. Ihr seid keine Christen, ihr seid nicht wiedergeboren, ihr seid nicht bekehrt, ihr seid unerleuchtet, und deswegen habt ihr nie dieses wunderbare Verhältnis zwischen den Leiden und dem Trost eines Kindes Gottes an euch erfahren. O, es ist etwas Geheimnisvolles, daß, wenn der Himmel ganz mit schwarzen Wolken überzogen ist, das Licht in uns am herrlichsten strahlt. Wenn die Nacht hereinbricht und der Sturm im Anzug ist, ist der himmlische Kapitän seiner Mannschaft immer am nächsten. Es ist etwas Seliges, daß, wenn wir am niedergeschlagensten sind, dann der Trost Christi uns um so mehr erhebt. Wir wollen dies näher auseinandersetzen: Der erste Grund ist, weil die Trübsale dem Trost mehr Raum geben. Aus der Schule der Trübsal gehen die rechten, hochherzigen Leute hervor. Ich finde immer, daß kleinliche und elende Menschen, deren Herzen nicht größer sind als ein Senfkorn, nie viele Versuchungen gehabt haben. Ich habe gefunden, daß diejenigen Leute, die kein Mitgefühl für ihre Nebenmenschen haben - die nie mit den Weinenden weinen, sehr selten eigenes Unglück gehabt haben. Große Herzen können bloß durch große Trübsale geschaffen werden. Der Spaten der Trübsal gräbt den Behälter des Trostes tiefer und macht mehr Raum für den Trost. Gott kommt in unser Herz - er findet es voll - er fängt an, unsere Erdenfreuden zu zerstören und es leer zu machen; dann ist mehr Raum für die Gnade da. Je tiefer ein Mensch im Demutstale liegt, desto mehr Trost wird er stets haben. Ich erinnere mich, daß ich eines Tages mit einem Ackermann eine Strecke Weges lief - einem im Worte Gottes gründlich bewanderten Menschen, obwohl er ein Ackermann war, und wahrlich, solche Ackerleute würden weit bessere Prediger geben als viele Herren von der Universität - und er sagte zu mir: Verlassen sie sich darauf, mein lieber Bruder, wenn sie oder ich je einen Zoll über den Boden herauskommen, so kommen wir gerade um diesen Zoll zu hoch herauf. Ich glaube, es ist wahr, denn um so niedriger wir liegen, desto näher sind wir dem Boden; je mehr unsere Trübsal uns demütigt, desto geschickter sind wir, Trost zu empfangen; und Gott gibt uns immer Trost, wenn wir zu dessen Empfangnahme geschickt sind. Das ist ein Grund, warum sich unser Trost im Verhältnis zu unserer Trübsal mehrt.

Dann aber werden unsere Gnadengaben auch durch die Trübsale geübt, und gerade dadurch wird erreicht, daß wir uns glücklicher und behaglicher fühlen. Wo die meisten Regengüsse fallen, da ist das Gras am grünsten. Ich vermute, daß die Nebel und Dünste Irlands es zur smaragdenen Insel machen; und wo ihr große Nebel des Kummers und der Trübsal findet, da findet ihr immer smaragdgrüne Herzen, voll des schönsten Grüns des Trostes und der Liebe Gottes. O Christ, sage nicht: Wo sind die Schwalben hingegangen? Sie sind fortgegangen, sie sind tot. Sie sind nicht tot; sie sind über das purpurne Meer hinübergeschwebt und in ein fernes Land gezogen; doch werden sie bald wieder zurückkehren. Kind Gottes, sage nicht, die Blumen seinen Tot; sage nicht, der Winter habe sie umgebracht und sie seien fort. Ach nein, obwohl sie der Winter mit seiner Schneehülle überzogen hat, werden sie ihre Häupter wieder emporheben und bald wieder lebendig sein. Sage nicht, Kind Gottes, die Sonne sei ausgelöscht, weil die Wolke sie verborgen hat. Ach nein; sie ist hinter dir und bereitet dir den Sommer; denn wenn sie wieder hervorkommt, wird sie die Wolken geschickt machen, sich in Aprilschauern zu ergießen, die alle liebliche Maiblumen hervorbringen werden. Und o, vor allen Dingen, wenn dein Gott sein Angesicht verbirgt, so sage nicht, er habe dich vergessen. Er zögert nur eine kleine Weile, damit du ihn besser lieben möchtest; und wenn er kommt, sollst du Freude in dem Herrn haben und dich freuen mit unaussprechlicher Freude. Durch Warten werden unsere Gnadengaben geübt; durch Warten wird unser Glaube bewährt; deswegen warte in Hoffnung, denn obwohl die Verheißung auf sich warten läßt, kann sie doch nie zu spät kommen.

Ein anderer Grund, warum wir uns in unseren Trübsalen oft so selig fühlen, ist, daß wir dann im innigsten Umgang mit Gott stehen. Ich spreche aus meiner Herzenserfahrung heraus. Wir stehen nie in so innigem Umgang mit Gott, wie wenn wir in Trübsal sind. Wenn die Scheune voll ist, kann der Mensch ohne Gott leben; wenn der Beutel von Geld strotzt, wähnen wir, es sei nicht nötig, daß wir so viel beten. Doch wenn deine Kürbisse einmal dürr da hängen, brauchst du deinen Gott; wenn einmal die Götzen aus dem Haus hinausgefegt sind, mußt du gehen und Jehova ehren. Manche von euch beten nicht halb so viel, wie sie sollten. Wenn ihr Gottes Kinder seid, so werdet ihr die Peitsche bekommen; und wenn ihr die Peitsche bekommen habt, werdet ihr zu eurem Vater eilen. Es ist ein schöner Tag, und das Kind läuft vor seinem Vater her; doch es ist ein Löwe auf dem Weg; jetzt kommt es und nimmt seinen Vater an der Hand. Es könnte eine halbe Stunde vor ihm vorausspringen, wenn alles geheuer wäre; aber wenn du einmal den Löwen bringst, dann ruft es: Vater! Vater! und schmiegt sich an ihn an. So ist es gerade mit dem Christen. Wenn es ihm immer gut geht, vergißt er seinen Gott. Jeschurum wird fett, und er fängt an, geil wider Gott zu werden; doch beraubt ihn seiner Hoffnungen, zerstört seine Freuden, laßt das Kindlein im Sarge liegen, schickt den Fresser in seine Felder, laßt die Herde im Stall sterben, laßt des Gatten breite Schulter im Grabe liegen, laßt die Kinder Waisen werden - dann ist Gott wirklich ein Gott. O, zieht mich nackt aus; nehmt mir alles, was ich habe; macht mich arm, zum Bettler; raubt mir mein Geld und meine Hoffnung; laßt meine Brunnen versiegen; löscht die Sterne aus; dämpft das Licht der Sonne; hüllt den Mond in Finsternis und stellt mich ganz allein in den Raum hinein, ohne einen Freund, ohne einen Helfer; doch will ich aus der Tiefe zu dir rufen, o Gott! Es ist kein Schrei so gut wie der aus dem innersten der Berge kommt, durch schwere Erfahrungen und Trübsal. Daher bringen sie uns zu Gott, und wir sind seliger; denn das ist der Weg, selig zu sein - in Gottes Nähe zu leben. Große Leiden treiben uns also zu Gott, und bei ihm finden wir reichen Trost.

Manche Leute nennen die Trübsale Lasten. Dies sind sie auch. Ein Schiff, das große Segel und einen günstigen Wind hat, braucht Ballast. Trübsale sind der Ballast des Gläubigen. Die Augen sind die Pumpen, die das Kimmwasser aus seiner Seele herausholen und ihn vor dem Sinken bewahren. Doch wenn Trübsale Gewichte oder Lasten sind, so will ich euch ein glückliches Geheimnis sagen. Wir können durch eine Last auch in die Höhe gehoben werden. Wenn ich mit Ketten an ein Gewicht gebunden bin, zieht es mich nieder; doch gebt mir Flaschenzüge und was dazu gehört, und ich kann machen, daß es mich in die Höhe zieht. Ja, es ist möglich, daß Trübsale mich zum Himmel emporheben. Ein Herr fragte einmal einen Freund, wie es komme ,daß er eines seiner schönen Pferde, das auf der Weide graste, mit einem Klotz am Fuß beschwere. Mein Herr, erwiderte er, ich will es doch viel lieber beschweren als verlieren; es springt gern über die Hecken. Deswegen legt Gott seinem Volk Lasten auf. Er will ihnen lieber Lasten auflegen als sie verlieren; denn wenn er ihnen keine auflegte, würden sie über die Hecken springen und fort sein. Sie brauchen ein Spannseil, daß sie nicht von seinen Wegen abweichen; und ihr Gott bindet sie mit Trübsalen, um sie in seiner Nähe zu behalten und zum ewigen Leben zu bewahren. Eine selige Tatsache, daß, wie wir des Leidens viel haben, so werden wir auch reichlich getröstet werden.

IV.

Nun schließen wir mit unserem letzten Punkt; und möge der heilige Geist mich noch einmal stärken, um ein oder zwei Worte mit euch zu sprechen. Wir sollen durch das Leiden geehrt werden. Es ist eine Tatsache, daß Christen sich in schweren Ungemach freuen können; es ist eine Wahrheit, daß, selbst wenn man sie ins Gefängnis sperrt, sie noch singen; gleich vielen Vögeln singen sie am besten in ihren Käfigen. Es ist wahr, daß, wenn die Wellen über sie dahinrauschen, ihre Seele nie sinkt. Es ist wahr, sie besitzen eine Schwimmkraft, die ihre Häupter immer über Wasser hält und ihnen hilft, in der finsteren, finsteren Nacht zu singen: Gott ist stets bei mir. Doch wem sollen wir die Ehre geben? Wem gebührt der Ruhm dafür? O Jesu, Jesu; denn der Text sagt, daß wir alles ihm verdanken. Nicht, weil ich ein Christ bin, wird mir Freude in meinem Jammer zuteil - dies folgt nicht notwendig; es ist nicht immer der Fall, daß Trübsale ihren Trost mit sich bringen; sondern Christus ist es, der zu mir kommt. Ich bin krank in meinem Zimmer; Christus kommt die Treppe herauf, er setzt sich an mein Bett und spricht mir freundlich zu. Ich sterbe; die eiskalten Wasser des Jordan haben meinen Fuß berührt; ich fühle mein Blut erstarren und gefrieren. Ich muß sterben; Christus breitet seine Arme um mich und spricht: Fürchte dich nicht, Geliebter; sterben heißt gesegnet werden; die Wasser des Todes haben ihren Ursprung im Himmel; sie sind nicht bitter, sie sind süß wie Nektar, denn sie fließen vom Thron Gottes. Ich durchwate den Strom; die Wogen sammeln sich um mich her; ich fühle, daß mein Herz und mein Fleisch erbeben, doch da ist dieselbe Stimme in meinen Ohren: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, ich bin dein Gott! Jetzt komme ich an die Grenzen der unendlichen Weite, an jenes Land, von dem kein Pilgrim zurückkehrt; ich fürchte mich beinahe, in das Reich der Schatten einzutreten, doch eine liebliche Stimme spricht: Ich bin bei dir, wohin du gehst; wenn du dein Bett im Hades aufschlagen solltest, will ich bei dir sein! und ich schreite weiter, froh zu sterben, denn Jesus ermuntert mich; er ist mein Trost und meine Hoffnung. Ach ihr, die den unvergleichlichen Namen Jesus nicht kennen, ihr habt die lieblichste Note verloren, die je Melodie geben kann; ihr habt die Freude und den Trost eures Lebens verloren, und ihr müßt elend und unglücklich leben. Doch der Christ kann sich freuen, da Christus ihn nie verläßt, nie von ihm weicht, sondern bei ihm bleibt.

Nun habe ich es noch mit zwei Klassen von Personen zu tun. Zuerst habe ich ein Wort an diejenigen zu richten, die Trübsale erwarten und in Erwartung derselben sich gar traurig gebärden. Nehmt den Rat des gemeinen Volks an und gehet nie über eine Brücke, bis ihr sie erreicht habt. Folgt meinem Rat; bringt eure Trübsale nie näher, als sie sind, denn sie werden sicherlich bald genug über euch hereinbrechen. Ich weiß, daß viele Leute sich wegen ihrer Trübsale abhärmen, ehe sie kommen. Wozu in aller Welt ist das gut? Wenn ich hierin einen Nutzen erkennen könnte, würde ich sagen: fahret fort; doch mir genügt es vollkommen, daß der Vater dem Kinde die Rute auflegt, ohne daß das Kind sich selbst bestraft. Warum solltet ihr so handeln? Ihr, die ihr die Trübsal fürchtet, warum seid ihr so? Die Prüfung mag euch nie erreichen; und wenn sie kommt, wird auch Kraft mit ihr kommen. Deswegen erhebe dich, o Mensch, der du seufzend darnieder liegst, im Vorgefühl von Unglücksfällen, die dich treffen könnten.

Jesum zu kennen und Jesum zu haben,
Dies ist das herzlichste Los in der Welt!

Ermanne dich also! Auf! Auf! Warum willst du niedersitzen und erfrieren? Wenn die Trübsal kommt, dann bekämpfe sie mit männlichem und starkem Herzen; tauch dich in die Flut, angezogen, wie du bist; doch fürchte sie nicht, ehe sie kommt.

Dir aber, o Christ, der du in Trübsal bist, habe ich auch ein Wort zu sagen. Du bist also, mein Bruder, in Trübsalen; die Wogen und Wellen des Leidens umgeben dich, nicht wahr? Dies ist aber nichts Seltsames, mein Bruder. Sie haben dich ja schon oftmals umgeben. Ach, sprichst du, so unerträglich ist das Leben noch nie gewesen. Ich bin mit einem Mühlstein an meinem Hals hierher gekommen; ich habe eine Bleimine in meinem Herzen; ich bin elend, ich bin unglücklich, ich bin außerordentlich niedergeschlagen. Gut, mein Bruder; doch wie du des Leidens viel hast, sollst du auch reichlich getröstet werden. Bruder, hast du deine Harfe an die Weiden gehängt? Ich bin froh, daß du die Harfe nicht zerbrochen hast. Es ist besser, sie an die Weiden zu hängen, als sie zu zerbrechen. Anstatt dich von deiner Trübsal niederschlagen zu lassen, rühme dich derselben; du wirst dann Gott ehren, du wirst Christus verklären, du wirst Sünder zu Jesu bringen, wenn du in den Tiefen der Trübsal singen kannst, denn dann werden sie sagen: Es muß doch etwas um die Religion sein, sonst könnte der Mensch nicht so glücklich sein.

Dann ein Wort an euch, die ihr beinahe zur Verzweiflung getrieben werdet. Ich möchte diesen Morgen meine Hände ausbreiten, wenn ich könnte - denn ich glaube, ein Prediger sollte ein Briareus, ein Riese mit tausend Händen sein, um seine Zuhörer, einen nach dem anderen, herauszuholen und mit ihnen zu sprechen. Es ist ein Mann her, der verzweifelt beinahe - seine Hoffnung ist dahin. Bruder, soll ich dir sagen, was du tun sollst? Du bist vom Verdeck heruntergefallen, du bist im Meer, die Fluten umgeben dich; du scheinst keine Hoffnung zu haben; du klammerst dich an Strohhälmlein; was sollst du jetzt tun? Tun? Nun, auf dem Meer der Trübsal liegen und darauf schwimmen; stille sein und wissen, daß Gott Gott ist, und daß du nie umkommen wirst. All dein Kämpfen und Widerstreben wird dich nur tiefer versenken; doch liege still, denn siehe, das Rettungsboot kommt; Christus kommt dir zu Hilfe; bald wird er dich erlösen und dich aus allen Nöten herausreißen.

Zum Schluß habe ich noch zu sagen, daß einige von euch diese Predigt gar nichts angeht. Ich versuche es nie, meine Zuhörer dadurch zu täuschen, daß ich sie glauben mache, alles, was ich sage, finde auf alle, die mich hören, seine Anwendung. Es gibt verschiedene Charaktere in Gottes Wort; es ist eure Sache, heute eure eigenen Herzen zu erforschen und zu sehen, ob ihr Gottes Volk seid oder nicht. So wahr, wie der Herr lebt, vor dem ich stehe, es sind zwei Klassen von Menschen hier. Ich kenne den Unterschied zwischen Aristokraten und Demokraten nicht; vor meinem Angesicht und vor Gottes Angesicht sind alle Menschen gleich. Wir sind von einem Fleisch und Blut gemacht; wir haben keine Leute von Porzellan und von gemeiner Erde; wir sind alle aus demselben Stoff gebildet. Es ist ein Unterschied, und nur einer. Ihr seid alle entweder Kinder Gottes oder Kinder des Teufels; ihr seid alle entweder wiedergeboren oder tot in Sünden und Übertretungen. Eure Sache ist es, die Frage in euren Ohren schallen zu lassen: Wo bin ich? Ist jener schwarze Tyrann mit seinem feurigen Schwert mein König, oder anerkenne ich Jehova-Jesus als meine Stärke, meinen Schild, meinen Heiland? Ich werde euch zu keiner Antwort nötigen, ich werde mich nicht weiter darüber verbreiten. Beantwortet sie nur selbst; lasset eure Herzen reden; lasset eure Seelen reden. Alles, was ich tun kann, ist die Frage vorzulegen. Ich will nicht richten, nicht verdammen; ich flehe zum Herrn, euch selbst diese Frage vorzulegen, und den Pfeil recht fest in euren Herzen stecken zu lassen. Amen.

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