Spurgeon, Charles Haddon - Die breite Mauer

„Die breite Mauer.“
Nehemia 3,8

Es scheint, daß um das alte Jerusalem in der Zeit seines Glanzes eine breite Mauer lief, die sein Schutz und sein Ruhm war. Jerusalem ist ein Vorbild der Kirche Gottes. Es ist immer gut, wenn wir klar, deutlich und bestimmt sehen können, daß um die Kirche, zu der wir gehören, eine breite Mauer läuft.

Bei einer breiten Mauer um die Kirche denken wir an Dreierlei: Absonderung, Sicherheit und Vergnügen. Lasst uns der Reihe nach jedes Einzelne betrachten.

I.

Zuerst; die Absonderung des Volkes Gottes von der Welt gleicht jener breiten Mauer, welche die heilige Stadt Jerusalem umgab.

Wenn ein Mensch ein Christ wird, so ist er noch in der Welt, aber er soll nicht länger von ihr sein. Er war ein Erbe des Zornes, aber er ist nun ein Kind der Gnade geworden. Da er nun verschiedener Natur ist, wird es von ihm gefordert, daß er sich von den übrigen Menschen absondert, wie der Herr Jesus Christus tat, der da war „heilig, unschuldig, unbefleckt und von den Sündern abgesondert.“ Des Herrn Gemeinde war abgesondert in seinem ewigen Ratschluss. Sie war abgesondert in seinem Bund und seiner Verordnung. Sie war abgesondert in der Versöhnung, denn selbst da finden wir, daß unser Herr ein „Heiland aller Menschen, sonderlich aber der Gläubigen“ genannt wird. Eine tatsächliche Absonderung wird durch die Gnade gemacht, in dem Werk der Heiligung fortgeführt und wird vollendet an dem Tage, wo die Himmel im Feuer zergehen und die Heiligen hingerückt werden in den Wolken, dem Herrn entgegen in der Luft; an diesem letzten furchtbaren Tage wird er die Völker von einander scheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken scheidet und dann wird eine große Kluft befestigt werden, über welche die Gottlosen nicht zu den Gerechten kommen können, noch die Gerechten zu den Gottlosen.

Was euer Tun und Leben angeht, so ist´s meine Aufgabe, denjenigen von euch, die sich als zum Volke Gottes gehörig bekennen, zu sagen: tragt Sorge, daß ihr eine breite Mauer der Absonderung zwischen euch und der Welt aufrecht erhaltet. Ich sage nicht, daß ihr irgendeine eigentümliche Kleidung tragen oder eine besondere Redeweise annehmen sollt. Solche Affektation erzeugt früher oder später Heuchelei. Jemand kann in dem einen Rock ebenso weltlich sein, wie in dem andern und ganz ebenso eitel und eingebildet mit der einen Redeweise als mit der andern; ja, er mag sogar mehr von der Welt sein, wenn er vorgibt, abgesondert zu sein, als wenn er diesen Schein nicht angenommen hätte. Die Absonderung, für welche wir sprechen, ist sittlicher und geistlicher Art. Ihr Grund ist tief in dem Herzen gelegt und ihre kräftige Wirklichkeit sehr fühlbar im Leben.

Jeder Christ, scheint mir, sollte skrupulöser als andre Leute in seinem Handeln sein. Er sollte nie vom Pfade unantastbarer Lauterkeit abweichen. Er sollte niemals sagen: „Es ist Sitte: es ist ein „stillschweigendes Übereinkommen im Geschäft.“ Der Christ sollte daran gedenken, daß die Sitte nicht das Unrecht zum Recht machen kann, und daß ein solches „Übereinkommen“ keine Entschuldigung für eine falsche Darstellung ist. Eine Lüge nach „stillschweigendem Übereinkommen“ ist darum nicht wahr. Der Christ sollte immer Andern tun, was er will, daß sie ihm tun sollen, während diese goldne Regel von gewöhnlichen Menschen mehr bewundert als befolgt wird. Er sollte Einer sein, dessen Wort sein Band ist und der, wenn er einmal sein Wort verpfändet hat, „zu seinem eignen Nachteil schwöret und es hält.“ (Psalm 15,4, engl. Übers.). Es sollte ein wesentlicher Unterschied zwischen dem Christen und dem besten Moralisten bestehen um des höheren Maßstabes willen, den das Evangelium uns anlegen lehrt und der Heiland durch sein Beispiel uns vor Augen stellt. Gewiss, der höchste Punkt, den ein Unbekehrter erreichen kann, sollte wohl als eine Stufe angesehen werden, unter die der Bekehrte niemals wagen würde, herabzusteigen.

Überdies sollte der Christ sich von Andern besonders unterscheiden durch seine Vergnügungen, denn hierbei erscheint der Mensch gewöhnlich in seinen wahren Farben. Wir sind vielleicht nicht ganz wir selber in unsrer täglichen Arbeit, wo unser Tun mehr durch Notwendigkeit, als durch Wahl bestimmt wird. Wir sind nicht allein; die Gesellschaft, in der wir uns befinden, legt uns einen gewissen Zwang auf, wir haben uns in Zaum und Zügel zu halten. Der wahre Mensch zeigt sich da nicht; aber wenn das Tagwerk vollbracht ist, dann fliegen die Vögel derselben Art zusammen. Es ist mit der Menge von Handwerkern und Kaufleuten wie mit jenen Heiligen der alten Zeit, von denen es heißt, als sie aus dem Gefängnis befreit waren: „Als man sie hatte gehen lassen, kamen sie zu den Ihrigen.“ So werden eure Vergnügungen und Zeitvertreibe Zeugnis geben von dem, was euer Herz ist und wo es ist. Wenn ihr in der Sünde Vergnügen finden könnt, dann werdet ihr´s erwählen, in der Sünde zu leben und wenn nicht Gottes Gnade es noch verhindert, werdet ihr unfehlbar in der Sünde verderben. Aber wenn eure Vergnügungen edlerer Art sind, und eure Gefährten von frömmerem Charakter; wenn ihr geistliche Genüsse sucht, wenn ihr eure glücklichsten Augenblicke in der Anbetung, der Gemeinschaft mit Gott, dem stillen Gebet oder in den öffentlichen Versammlungen der Gläubigen findet, dann sind eure höheren Neigungen ein Beweis eures reineren Charakters und ihr werdet in euren Vergnügungen durch eine breite Mauer unterschieden werden, die euch in wirksamer Weise von der Welt trennt.

Eine solche Absonderung sollte, meine ich, in Allem durchgeführt werden, was den Christen nahe berührt. „Was haben sie gesehen in deinem Hause?“ war die Frage, an Hiskia getan. Wenn ein Fremder in unser Haus kommt, sollte Alles so geordnet sein, daß er klar wahrnimmt, der Herr sei da. Ein Mann sollte kaum eine Nacht unter unserm Dache zubringen, ohne zu bemerken, daß wir Ehrfurcht vor Ihm haben, der unsichtbar ist und daß wir wünschen, in dem Lichte seines Angesichtes zu leben und zu wandeln. Ich habe schon gesagt, daß ich nicht meine, ihr solltet Besonderheiten annehmen um der Besonderheit willen; doch, da die meisten Menschen zufrieden sind, wenn sie tun, wie andre Leute tun, so müsst ihr nie zufrieden sein, bis ihr mehr und Besseres tut, als andre Leute und eine Art und Weise des Lebens gefunden habt, so hoch über des gewöhnlichen Weltlings Leben, als der Pfad des Adlers in der Luft über dem des Maulwurfs ist, der unter der Erde wühlt.

Diese breite Mauer zwischen den Gottesfürchtigen und denen, die ohne Gott sind, sollte am meisten sichtbar sein in der Richtung unseres Gemütes. Der, welcher ohne Gott ist, hat nur diese Welt, für die er lebt; wundert euch nicht, daß er mit ganzem Ernste dafür lebt. Er hat keinen andern Schatz; warum sollte er nicht so viel als möglich von diesem an sich bringen? Aber du, Christ, bekennst, unsterbliches Leben zu haben, deshalb soll dein Schatz nicht in dieser Spanne Daseins angehäuft werden. Dein Schatz ist im Himmel aufgelegt und dein für die Ewigkeit. Deine besten Hoffnungen überspringen die engen Grenzen der Zeit und fliegen übers Grab hinaus; dein Geist muss daher nicht zur Erde gebeugt und kriechend sein, sondern himmlisch und sich aufschwingend. Du solltest immer etwas von dem Aussehen dessen haben, der seine Schuhe an den Füssen hat, seine Lenden gegürtet und seinen Stab in der Hand - hinweg, hinweg, hinweg zu einem bessern Land. Du sollst hier nicht leben, als wenn es deine Heimat wäre. Du sollst nicht von dieser Welt sprechen, als wenn sie für immer dauerte. Du sollst nicht aufspeichern und Schätze sammeln, als wenn du dein Herz daran gehängt hättest, sondern du sollst wie im Fluge sein, als wenn du kein Nest hier hättest und es nie hier haben könntest, sondern erwartetest, deinen Ruheplatz unter den Zedern Gottes zu finden, auf den Bergspitzen der Herrlichkeit.

Verlasst euch darauf, je weniger weltlich ein Christ ist, desto besser ist es für ihn. Mich deucht, ich könnte mehrere Gründe angeben, warum diese Mauer sehr breit sein sollte. Wenn ihr aufrichtig in eurem Bekenntnis zu Christus seid, so ist eine sehr große Verschiedenheit zwischen euch und den Unbekehrten. Niemand kann sagen, wie weit das Leben vom Tode entfernt ist. Könnt ihr den Unterschied ausmessen? Sie sind sich so entgegengesetzt wie die Pole. Nun bist du, deinem Bekenntnis nach, ein lebendiges Gotteskind, du hast ein neues Leben empfangen, während die Kinder dieser Welt tot in Übertretungen und Sünden sind. Wie offenbar ist der Unterschied zwischen Licht und Finsternis! Dennoch bekennst du, „weiland Finsternis“ gewesen zu sein, aber nun bist du zu einem „Licht in dem Herrn“ gemacht. Deshalb ist eine große Verschiedenheit zwischen dir und der Welt, wenn du bist, was du zu sein bekennst. Du sagtest, als du den Namen Christi annahmst, daß du nach der himmlischen Stadt, nach dem neuen Jerusalem gingst, aber die Welt kehrt dem himmlischen Vaterlande den Rücken und geht abwärts zu jener andern Stadt, über die, ihr wisst es, der Urteilsspruch des Verderbens ergangen ist; euer Pfad ist verschieden von dem ihrigen. Wenn ihr das seid, wofür ihr euch ausgebt, so muss der Weg, den ihr nehmt, diametral demjenigen entgegen sein, den die Ungöttlichen gehen. Ihr kennt den Unterschied ihrer Ziele. Das Ende der Gerechten wird immerwährende Herrlichkeit sein, aber das Ende der Gottlosen ist das Verderben. Wenn du nicht ein Heuchler bist, ist eine solche Verschiedenheit zwischen dir und Andern, wie nur Gott selber machen kann - eine Verschiedenheit, die hier entsteht, aber die ganze Ewigkeit hindurch währen wird. Wenn die sozialen Unterschiede, die durch Rang und Abhängigkeit, Reichtum und Armut, Unwissenheit und Gelehrsamkeit erzeugt werden, alle vergangen sind, werden die Unterschiede zwischen den Kindern Gottes und den Kindern der Menschen, zwischen Heiligen und Spöttern, zwischen den Erwählten und den Verworfenen noch fortdauern. Ich bitte euch darum, lasst eine breite Mauer in eurem Wandel bestehen, wie Gott eine breite Mauer in eurem Stand und eurer Bestimmung gemacht hat. Bedenkt ferner, daß zwischen unserem Herrn Jesus Christus und den Ungöttlichen eine breite Mauer war. Blickt auf ihn und seht, wie verschieden er von den Menschen seiner Zeit ist. Sein ganzes leben lang seht ihr ihn als einen Fremden und Pilgrim in dem Lande. Es ist wahr, er nahte sich den Sündern, so sehr als er nur konnte und er nahm die an, welche willig waren, sich ihm zu nahen; aber er nahte sich ihren Sünden nicht. Er war „heilig, unschuldig, unbefleckt und von den Sündern abgesondert.“ Als er in seine Vaterstadt Nazareth kam, hielt er nur eine einzige Predigt und sie würden ihn vom Hügel hinabgestürzt haben, wenn sie es gekonnt hätten. Wenn er durch die Straße ging, ward er der Spott des Trunkenbolds, das Lied des Narren, die Zielscheide, nach welcher die Stolzen die Pfeile ihres Hohns schossen. Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf, und beschlossen zuletzt, ihn ganz außerhalb des Lagers zu werfen, führten ihn nach Golgatha und nagelten ihn an das Holz als einen Übeltäter, als Einen, welcher dem Aufruhr Vorschub leistete. Er war der große Dissident, der große Nonkonformist seines Zeitalters. Die Volkskirche exkommunizierte ihn zuerst und vollzog dann das Todesurteil an ihm. Er suchte nicht, sich in Kleinigkeiten von ihnen zu unterscheiden, aber die Reinheit seines Lebens und die Wahrheit seines Zeugnisses erregte die Galle der Obersten und der Hauptleute ihrer Synagogen. Er war bereit, in allen Dingen ihnen zu dienen und sie zu segnen, aber er wollte nie gemeinschaftliche Sache mit ihnen machen. Sie wollten ihn zum König erheben. O! wenn er sich nur mit der Welt verbunden hätte, die Welt würde ihm den ersten Platz gegeben haben, wie der Fürst der Welt auf dem Berge sprach: „Dies alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.“ Aber er treibt den bösen Feind hinweg und steht unbefleckt und abgesondert bis zum Ende seines Lebens. Wenn du ein Christ bist, so sei ein Christ. wenn du Christo folgst, gehe „zu ihm hinaus, außer dem Lager.“ Aber, wenn kein Unterschied ist zwischen euch und euren Nebenmenschen, was werdet ihr dem König antworten an dem Tage, wo er kommt und findet, daß ihr kein hochzeitliches Kleid anhabt, wodurch ihr aus der übrigen Menschheit heraus erkannt werden könnt? Weil Christus eine breite Mauer um sich selber zog, muss eine solche um sein Volk herum sein.

Überdies, lieben Freunde, werdet ihr finden, daß eine breite Mauer der Absonderung außerordentlich gut für euch selber ist. Ich glaube nicht, daß irgend ein Christ in der Welt euch sagen wird, er hätte je Nutzen davon gehabt, wenn er die Sitten der Welt mitgemacht. Wenn du hingehen kannst, an einem zweifelhaften Ort dein Abendvergnügen finden und fühlen, daß dir dies etwas nützt, so bin ich sicher, du bist kein Christ; denn, wenn du wirklich ein Christ wärest, würde es dein Gewissen peinigen und dich für Andachtsübungen unfähig machen. Lasse einen Fisch, eine Stunde auf dem trocknen Lande zubringen, und ich meine, wenn er dir willfahrte, würde er keinen besonderen Nutzen davon verspüren, denn er wäre außerhalb seines Elementes. Und so wird es euch in der Gemeinschaft mit Sündern sein. Wenn ihr gezwungen seid, in den gewöhnlichen Geschäften des Lebens mit weltlichen Leuten zusammen zu sein, findet ihr Vieles, was euer Ohr beleidigt, euer Herz betrübt und eurer Seele Ärgernis bereitet. Ihr werdet oft dem gerechten Lot gleichen, der gequält wurde von den Reden der Gottlosen und werdet mit David sagen:

„Ah, wehe mir, daß ich
in Mesech Fremdling bin,
daß ich in Hütten weilen muss,
wo Kedar wohnt darin.“

Eure Seele wird seufzen und sich sehnen, herauszukommen und die Hände zu waschen von allem, was unrein und unflätig ist. Da ihr dort kein Behagen findet, wird euch danach verlangen, hinweg zu kommen zu der keuschen, der heiligen, de frommen und der erbauenden Gemeinschaft der Heiligen. Macht eine breite Mauer, lieben Freunde, in eurem täglichen Leben. Wenn ihr beginnt, der Welt ein wenig einzuräumen, werdet ihr bald sehr viel einräumen. Gebt der Sünde einen Zoll und sie wird eine Elle nehmen. „Nehmt die Pfennige in Acht, so werden die Taler sich selber in Acht nehmen,“ ist eine sehr nützliche Regel der Sparsamkeit. So nimm dich auch vor kleinen Sünden in Acht, wenn du von großen Übertretungen rein bleiben willst. Hüte dich vor kleinen Annäherungen an Weltlichkeit, den kleinen Nachgiebigkeiten in ungöttlichen Dingen, dann wirst du keine Vorkehrungen für das Fleisch treffen, um dessen Lüste zu erfüllen.

Ein andrer triftiger Grund, um die breite Mauer der Absonderung aufrecht zu halten, ist der: ihr werdet dadurch am meisten Gutes in der Welt tun. Ich weiß, der Satan wird euch sagen, wenn ihr euch ein wenig biegen lasset und den Ungöttlichen näher kommt, werden sie auch euch ein wenig entgegenkommen. Ah, es ist aber nicht so. Du verlierst deine Kraft, Christ, in dem Augenblick, wo du vom rechten Pfad abweichst. Was, meinst du, werden die Ungöttlichen hinter deinem Rücken sagen, wenn sie dich inkonsequent sehen, um ihnen zu gefallen? „O,“ sagen sie, „es ist nichts in seiner Religion, als eitles Vorgeben, der Mann ist nicht aufrichtig.“ Wenn auch die Welt den strengen Puritaner öffentlich anklagt, so bewundert sie ihn doch im Geheimen. Wenn das stolze Herz der Welt seine Meinung ausspricht, so hat es Respekt vor dem Manne, der streng rechtschaffen ist und nicht von seinen Grundsätzen weicht, nein, nicht um eines Haares Breite. In einer solchen Zeit, wie die unsre, wo so wenig feste Überzeugung ist, wo Grundsätze vom Winde verweht werden und wo eine allgemeine Schlaffheit und Oberflächlichkeit, im Denken sowohl wie im Handeln, die Herrschaft zu haben scheint, bleibt es doch noch eine Tatsache, daß ein Mann, der in seinem Glauben entscheiden ist, seine Meinung kühn ausspricht und seinem Bekenntnis gemäß handelt - solch ein Mann ist sicher, den Menschen Achtung zu gebieten. Verlass dich darauf, Weib, dein Mann und deine Kinder werden dich darum nicht höher achten, weil du sagst: „Ich will einige meiner christlichen Vorrechte aufgeben,“ oder: „Ich will zuweilen mit euch zu Dem hingehen, was sündlich ist.“ Ihr könnt ihnen nicht aus dem Schlamm heraushelfen, wenn ihr hingeht und euch selber hineinstürzt. Ihr könnt nicht dazu helfen, sie rein zu machen, wenn ihr hingeht und eure eignen Hände anschwärzet. Wie könnt ihr dann ihnen das Gesicht waschen? Du, junger Mann im Laden, - du junges Mädchen im Arbeitszimmer - wenn ihr in Christi Namen für euch bleibet, keusch und rein für Jesum euch haltet, nicht über Scherze lacht, bei denen ihr erröten solltet; nicht an Zeitvertreiben teilnehmt, die zweifelhafter Natur sind; sondern im Gegenteil, ängstlich sorgfältig, euer Gewissen rein haltet, wie Jemand, der vor einem zweifelhaften Dinge als vor einem sündlichen zurückschrickt, fest im Glauben und es genau nehmt mit der Religion - wenn ihr euch so haltet, wird euer Weilen in der Mitte der Andern sein, als wenn ein Engel seine Flügel schüttelte und Einer wird zum Andern sagen: „Stehe von diesem oder jenem jetzt ab, denn So und So ist hier.“ Sie werden euch in einem gewissen Sinne fürchten; sie werden euch bewundern, im Geheimen, und wer kann sagen, ob sie nicht zuletzt euch nachahmen werden?

Wollt ihr Gott versuchen? Wollt ihr die zerstörende Sündflut herausfordern? Wann immer die Kirche so weit herunter kommt, sich mit der Welt zu vermischen, so geziemt es den wenigen Getreuen, in die Arche zu fliehen und Schutz vor dem rächenden Sturm zu suchen. Als „die Kinder Gottes nach den Töchtern der Menschen sahen, wie sie schön waren,“ da war´s , wo Gott sagte, es reue ihn, daß der die Menschen gemacht hätte auf Erden und er sandte die Sündflut, um sie zu vertilgen. Ein abgesondertes Volk muss das Volk Gottes sein und wird es sein. Es ist seine eigne Erklärung: „Das Volk wird besonders wohnen und nicht unter die Heiden gerechnet werden.“ Der Christ gleicht in mancher Hinsicht dem Juden. Der Jude ist ein Typus des Christen. Ihr mögt dem Juden politische Rechte geben, wie er sie haben sollte; er mag in den Staat aufgenommen werden, wie er es werden sollte; aber ein Jude ist er und ein Jude bleibt er. Er ist Keiner von den Heidenvölkern, mag er sich englisch oder portugiesisch, spanisch oder polnisch nennen. Er bleibt stets Einer aus dem Volke Israel, ein Kind Abrahams, ein Jude; und ihr könnt ihn als solchen erkennen, denn seine Sprache verrät ihn in jedem Lande. So sollte es mit Christen sein; er mischt sich unter andre Menschen, wie er es muss in seinem täglichen Beruf; er geht aus und ein unter ihnen, wie ein Mensch unter Menschen; er macht Geschäfte auf dem Markte; handelt im Laden; mischt sich in die Freude des geselligen Zirkels, nimmt Teil an der Politik, wie ein Bürger, der er ist; aber er hat zu gleicher Zeit ein höheres und edleres Leben, ein Geheimnis, in das die Welt nicht eindringen kann und zeigt der Welt durch seine größere Heiligkeit, seinen Eifer für Gott, durch die bewährte Integrität seines Charakters und seine selbstlose Wahrhaftigkeit, daß er nicht von der Welt ist, gleichwie Christus nicht von der Welt war. Ihr könnt nicht glauben, wie besorgt ich um Einige von euch bin, daß diese breite Mauer aufrechterhalten werden möge, denn ich entdecke in Einigen von euch zu Zeiten einen Wunsch, sie sehr schmal zu machen und vielleicht sie ganz niederzureißen. Brüder, Geliebte in dem Herrn, verlasst euch darauf, nichts Schlimmeres kann einer Kirche begegnen, als daß sie sich dieser Welt gleichstellt. Schreibt „Ichabod“ dann auf ihre Mauern, denn das Urteil der Zerstörung ist über sie ergangen. Aber wenn ihr euch haltet als

„Ein Garten, wohl umhegt,
Als auserwählter Grund gepflegt“

Werdet ihr eures Meisters Gemeinschaft haben, eure Gnadengaben werden zunehmen; ihr werdet euch in eurem Herzen glücklich fühlen, und Christus wird durch euren Wandel geehrt werden.

II.

Zweitens, die breite Mauer um Jerusalem herum bezeichnete die Sicherheit.

Ebenso bezeichnet eine breite Mauer um Christi Kirche herum ihre Sicherheit. Erwägt, wer sie sind, die zur Kirche Gottes gehören. Man wird nicht ein Glied der Kirche Christi, durch Taufe, durch Geburtsrecht, durch Bekenntnis oder durch Moralität. Christus ist die Tür zu der Schafhürde; Jeder der an Christum glaubt, ist ein Glied der wahren Kirche. Als Glied Christi ist er selbstverständlich ein Glied des Leibes Christi, welcher die Kirche ist. Nun um die Kirche Gottes - die Wahl der Gnaden, die durch Blut Erlösten, das Volk des Eigentums, die zu Kindern Gottes Gemachten, die Gerechtfertigten, die Geheiligten - um die Kirche herum sind Bollwerke von ungemeiner Stärke, Befestigungen, welche sie sicher behüten. Als der Feind kam, Jerusalem anzugreifen, zählte er die Türme und Bollwerke und beachtete sie sehr, aber nachdem er die Stärke der heiligen Stadt gesehen, floh er davon. Wie konnte er hoffen, jemals solche Mauern, wie diese, zu erstürmen? Brüder, der Satan zählt oft die Türme und Vorwerke des neuen Jerusalems. Begierig wünscht er, die Heiligen zu verderben, aber er wird es nie. Wer auf Christum trauet, ist gerettet. Wer durch das Glaubenstor eingegangen, um in Christo zu ruhen, kann mit freudiger Zuversicht singen:

„Die Seelen, die Jesum gläubig erfassen,
Ich will nicht, ich will nicht dem Feinde sie lassen:
Mag auch die Höll´ sie schrecken und hassen
Ich will sie nimmer, nein, nimmer verlassen.“

„Ich will,“ spricht Jahwe, „eine feurige Mauer um dich her sein.“ Gott wird das erworbene Heil zu einem Wall und Bollwerk für uns machen.

Der Christ ist umgeben mit der breiten Mauer der göttlichen Macht. Wenn Gott allmächtig ist, kann der Satan ihn nicht besiegen. Wenn Gottes Macht auf meiner Seite ist, wer kann mir dann schaden? „Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?“

Der Christ ist umgeben mit der breiten Mauer der Liebe Gottes. Wer wird etwas wider die vermögen, die Gott liebt? Ich weiß, es ist vergeblich, denen zu fluchen, welchen Gott nicht geflucht hat oder die zu schelten, die Gott nicht schilt, denn der welchen er segnet, ist in der Tat gesegnet. Balak, der Sohn Zipor, wünschte das von Gott geliebte Volk zu verfluchen und ging erst auf eine Berghöhe und dann auf eine andre und blickte auf das auserwählte Lager. Aber, ha, Bileam, du konntest sie nicht verfluchen, obgleich Balak es wünschte! Du konntest nur sagen: „sie sind gesegnet, ja, und sollen gesegnet werden.“

Gottes Gesetz ist eine breite Mauer um uns her und seine Gerechtigkeit ist es auch. Beide bedrohten uns einst mit Verderben, aber jetzt verlangt Gottes Gerechtigkeit die Seligkeit jedes Gläubigen. Wenn Christus an meiner Statt gestorben ist, so würde es nicht Gerechtigkeit sein, wenn ich auch für meine Sünde zu sterben hätte. Wenn Gott die volle Zahlung der Schuld von der Hand des Herrn Jesu Christi erhalten hat, wie kann er denn die Zahlung wieder verlangen. Er ist befriedigt und wir sind sicher.

Auch die Unveränderlichkeit Gottes umgibt sein Volk wie mit einer breiten Mauer. „Ich bin der Herr, der nicht lüget. („der sich nicht wandelt,“ engl. Übers.) Und es soll mit euch Kindern Jakobs nicht gar aus sein.“ So lange wie Gott derselbige ist, wird der Fels unsers Heils unser sicherer Bergungsort sein.

Wir könnten lange bei dieser köstlichen Wahrheit verweilen, denn es ist viel Tröstliches in der festen Sicherheit, die Gott seinem Volke in dem Bunde ihm gegeben. Sie sind umgeben mit der breiten Mauer der erwählenden Liebe. Hat Gott sie erwählt, wird er sie dann verlieren? Hat er sie zum ewigen Leben verordnet, werden sie dann umkommen? Hat er ihre Namen auf seinem Herzen eingegraben und sollen diese Namen nun ausgetilgt werden? Gab er sie seinem Sohn zum Erbteil und soll der Sohn nun sein Erbteil verlieren? Hat er gesprochen: „Sie sollen, spricht der Herr Zebaoth, des Tages, den ich machen will, mein Eigentum sein,“ und soll er sich jetzt von ihnen trennen? Hat er, dem alle Dinge gehorchen müssen, keine Macht, sein Volk zu behalten, das er sich zu seinem eignen Erbteil heran gebildet hat? Gott verhüte, daß wir daran zweifeln. Die erwählende Liebe umgibt gleich einer breiten Mauer jedweden Erben der Gnade.

Und, o, wie breit ist die Mauer der erlösenden Liebe. Wird Jesus nicht sein Volk für sich beanspruchen, das er um einen so hohen Preis kaufte? Vergoss er vergeblich sein Blut? wie kann er die Feindschaft wieder beleben gegen die, welche er einst mit Gott versöhnt hat, der ihnen ihre Sünden nicht zugerechnet hat? Nachdem er eine ewige Erlösung für sie gefunden hat, wird er sie da zum ewigen Verderben verurteilen? Hat er ihre Sünden durch sein Opfer hinweg genommen und wird er sie nun die Opfer satanischer List werden lassen? Bei dem Blut des ewigen Bundes kann jeder Christ versichert sein, daß er nicht umkommen wird, und daß ihn Niemand aus Christi Hand reißen wird. Wenn nicht das Kreuz eine bloße Zufälligkeit ist, wenn nicht die Versöhnung ein bloßes Hirngespinst ist, so sind die, für welche Jesus starb, durch seinen Tod gerettet. „Darum daß seine Seele gearbeitet hat, wird er seine Lust sehen und die Fülle haben.“

Wie eine breite Mauer, welche die Heiligen Gottes umgibt, ist das Werk des Heiligen Geistes. Beginnt der Geist die Wirkungen seiner Gnade, ohne sie zu vollenden? Ach nein! Gibt er ein Leben, das später abstirbt? Unmöglich! Hat er uns nicht gesagt, daß das Wort Gottes der unvergängliche Same ist, der da lebt und bleibt für immer. Und werden die Mächte der Hölle oder das Böse in unserm eignen Fleische das zerstören, was Gott für unsterblich erklärt hat oder dem Auflösung bringen, von dem Gott gesagt, daß es unvergänglich sei? Ist uns nicht der Geist Gottes gegeben, um für immer bei uns zu bleiben und wird er ausgetrieben werden aus dem Herzen, in welchem er seine ewige Wohnung genommen? Brüder, wir stimmen nicht mit denen überein, die durch Furcht oder Trugschlüsse dahin getrieben werden, solche Vermutungen zu wagen. Wir freuen uns, mit Paulus zu sagen: „Ich bin desselbigen in guter Zuversicht, daß der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird es auch vollführen bis an den Tag Jesu Christi.“ Wir singen gerne:

„Er vollendet, was er begonnen,
Er hilft aus Sünd´ und Not uns Armen,
Was seine Weisheit hat ersonnen,
Vollführt sein ewiges Erbarmen.“

Beinahe jede Gnadenlehre bietet uns eine breite Mauer, eine starke Bastei, ein mächtiges Bollwerk, eine gute Festung zur Verteidigung. Nehmt, zum Beispiel die Bürgschaft Christi. Er ist seinem Vater ein Bürge für sein Volk. Meint ihr, wenn er seine Herde nach Hause bringt, werde er zu sagen haben, daß einige von ihr verloren gegangen? Von seiner Hand werden sie gefordert werden.

„Ich weiß, das sicher in ihm ruht,
Bis zum Entscheidungsmorgen,
Die Seel´, die trauet auf sein Blut
Und sich in ihm geborgen.“

„Hier bin ich,“ wird er sagen, „und die Kinder, die du mir gegeben, von denen ich keins verloren habe.“ Er wird alle Heiligen bis ans Ende bewahren. Die Ehre Christi ist darin verflochten. Wenn Christus eine Seele verliert, die sich auf ihn lehnt, so ist die Vollständigkeit seiner Krone verloren; denn wenn eine gläubige Seele in der Hölle wäre, so würde der Fürst der Finsternis diese Seele in die Höhe halten und sagen: - „Aha! Du konntest sie nicht alle selig machen! Aha, du Herzog der Seligkeit, du wardst hier überwinden! Hier ist ein armer kleiner Benjamin, ein Schwacher und Zagender, den du nicht in die Herrlichkeit bringen konntest und ich habe ihn als meine Beute für immer!“ Aber es wird nicht sein. Jedweder Edelstein wird in der Krone sich finden. Jedes Schaf wird in Jesu Herde sein. Er wird nicht in irgend einer Weise oder irgend welchem Maße unterliegen; sondern er soll die Starken zum Raube haben, er wird die Sache hinausführen, die er unternimmt, er wird auf ewig siegen; Ehre sei Gott und seinem heiligen Namen!

So habe ich versucht, euch die breiten Mauern zu zeigen, welche um die Gläubigen herum sind. Sie sind gerettet und sie können zu ihren Feinden sagen: „Die Jungfrau Tochter Zion spottet deiner, und die Tochter Jerusalem schüttelt das Haupt dir nach. Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr, der auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns. Denn ich bin gewiss, daß weder Tod noch Leben, weder Engel, noch Fürstentum, noch Gewalt, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch keine andre Kreatur mag uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christo Jesu ist, unserm Herrn!

III.

Der Gedanke an eine breite Mauer, und hiemit will ich schließen, führt auch den Gedanken an Vergnügen mit sich.

Die Mauern von Ninive und Babylon waren breit; so breit, daß für mehrere Wagen nebeneinander dort Raum war. Hier gingen die Männer beim Sonnenuntergang, sprachen und hielten gute Genossenschaft. Wenn ihr jemals in der Stadt York gewesen seid, werdet ihr wissen, wie interessant es ist, um die breiten Wälle dort herum zu wandern. Aber unser Bild ist von den Orientalen hergenommen. Sie waren gewohnt, aus ihren Häusern herauszutreten und auf den breiten mauern spazieren zu gehen. Sie benutzten dieselben zur Ruhe nach der Arbeit und für die mannigfachen Freuden der Erholung. Es war köstlich, wenn die Sonne unterging und alles kühl war, auf diesen breiten Wällen umher zu gehen. So, wenn ein Gläubiger dahin kommt, etwas von den tiefen Dingen Gottes zu verstehen und die Verteidigungen des Volkes Gottes zu sehen, geht er an ihnen entlang und ruht. „Nun,“ spricht er, „bin ich in Ruh und Frieden; der Verderber kann mich nicht beunruhigen; ich bin befreit von dem Geschrei der Schützen an den Tränkbrunnen,“ (Richter 5,11) und hier kann ich in Gebet und Betrachtung weilen! Nun da das Heil sicher ist durch Mauern und Bollwerke, will ich ihm lobsingen, der so Großes an mir getan; ich will ruhen und zufrieden sein, denn wer da glaubet, ist eingegangen in die Ruhe; so ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind. So dienen die breiten Mauern der Ruhe und die breiten Mauern des Heils tun dasselbe.

Diese breiten Mauern förderten auch die Gemeinschaft. Die Leute kamen dahin und sprachen mit einander. Sie lehnten sich über die Mauer und flüsterten ihre liebenden Worte, sie sprachen über ihre Geschäfte, trösteten Einer den Andern und erzählten sich ihre Kümmernisse und ihre Freuden. So haben die Gläubigen, wenn sie zu Christo Jesu kommen, Gemeinschaft unter einander, mit den Engeln, mit den Geistern der vollkommenen Gerechten und mit Jesu Christo, ihrem Herrn, welcher der Beste von Allen ist. O, auf diesen breiten Mauern, wenn das Panier der Liebe über ihnen weht, freuen sie sich manchmal mit unaussprechlicher Freude, in der Gemeinschaft dessen, der sie geliebet und sich selbst für sie dahin gegeben. Es ist ein seliges Ding in der Kirche, wenn ihr eine solche Erkenntnis von den Lehren des Evangeliums erreicht, daß ihr mit der ganzen Kirche des lebendigen Gottes die lieblichste Gemeinschaft haben könnt.

Diese breiten Mauern gewährten auch Aussichten und Blicke ins Freie. Der Bürger kam auf den breiten Wall hinauf und sah hinweg von dem Rauch und Schmutz der Stadt, gerade in die grünen Felder hinein und in den blinkenden Fluss und die weit entfernten Berge und erfreute sich daran, das Einernten des Heu´s oder das Reifen des Korns oder den Untergang der Sonne hinter den fernen Hügeln zu betrachten. Es war eins der gewöhnlichen Vergnügen des Bürgers in einer befestigten Stadt, auf die Höhe der Mauer zu steigen, um weite Aussichten zu genießen. Ebenso ist´s, wenn ein Mensch zu den Höhen der Lehren des Evangeliums gelangt, und die Liebe Gottes in Christo Jesu hat verstehen lernen, welche Aussichten eröffnen sich ihm dann! Wie blickt er über den engen kleinen Fluss des Todes hinüber! Wie kann er zuweilen, wenn das Wetter hell und sein Auge klar genug ist, ihm den Gebrauch des Teleskops verstatten, schon durch die Perlentore hindurch sehen und die Freuden schauen, die kein sterbliches Auge gesehen und die Gesänge hören, die kein sterbliches Ohr gehört hat, denn dieses sind Dinge nicht für Auge und Ohr, sondern für Herz und Geist! Selig ist der Mann, der in der Kirche Gottes wohnet, denn er kann auf ihren breiten Mauern Stellen finden, von wo er den König in seiner Schönheit sehen kann und das Land, das da ferne ist!

Ach, liebe Freunde, ich wünschte, ihr alle wäret mit diesen Dingen bekannt, aber ich fürchte, es ist nicht so; denn Viele von euch sind außerhalb der Mauer und wenn der Verderber kommt, wird Niemand sicher sein, als die, welche innerhalb des Walles der Liebe und Barmherzigkeit Christi sind. Ich wollte zu Gott, daß ihr jetzt gleich in das Tor flöhet, denn es ist offen. Es wird geschlossen werden, - es wird eines Tages geschlossen werden, aber es ist jetzt offen. Wenn die Nacht kommt, die Nacht des Todes, wird das Tor geschlossen werden und dann werdet ihr kommen und sagen: „Herr, Herr, tue uns auf!“ Aber die Antwort wird sein:

„Zu spät, zu spät!
Ihr könnt nicht mehr hinein!“

Aber noch ist es nicht zu spät. Christus spricht noch immer: „Siehe, ich habe vor dir gegeben eine offene Tür und Niemand kann sie zuschließen.“ O, daß du den Willen hättest, zu kommen und dein Vertrauen auf Jesum zu setzen, denn wenn du das tust, sollst du selig werden. Ich kann zu Einigen von euch nicht von Sicherheit reden, denn da sind keine breiten Mauern, euch zu schützen. Ihr seid von dem sichern Orte hinweg gelaufen. Vielleicht habt ihr mit ungelöschtem Kalk eine Eigengerechtigkeit zusammen gestümpert, die darnieder geworfen werden wird, wie „eine hangende Wand und eine zerrissene Mauer.“ O, daß ihr auf Jesum trautet! Dann würdet ihr eine breite Mauer haben, welche alle Sturmböcke der Hölle niemals zu erschüttern vermögen. Wenn die Stürme der Ewigkeit gegen diesen Wall toben werden, so wird er doch fest stehen für immer.

Ich kann zu Einigen von euch nicht von Ruhe sprechen, und von Freude und Gemeinschaft, denn ihr habt Ruhe gesucht, wo keine Ruhe ist; ihr habt einen Frieden, der kein Friede ist; ihr habt einen Trost gefunden, der euer Verderben sein wird. Gott mache euch trostlos und zwinge euch durch harten Druck, zu dem Herrn Jesu zu fliehen und wahren Frieden zu erhalten, den einzigen Frieden, denn „er ist unser Friede.“

O, daß ihr euch an Jesum anschließen und ihm vertrauen möchtet, dann würdet ihr euch des gegenwärtigen Glückes, das der Glaube euch geben würde, erfreuen; aber das Lieblichste von allen würde die Aussicht sein, die sich dann vor euch entfalten würde auf die ewige Glückseligkeit, die Christus Allen denen bereitet hat, die ihr Vertrauen auf ihn setzen. - Amen.

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